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Impressum

Texte: © Copyright by Thomas Schmertosch, Klaus Pohl

Graphik: © Copyright by Viktoria Stoiser, Ingmar Lämmer

Verlag: Klaus Pohl, Goethestr. 36, 06886 Lutherstadt Wittenberg

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Tief gefallen

Der Spießer

Trio Infernale

Sein letzter Akt

NasenStüber

Mörderische Weihnacht

Eine Seefahrt die ist tödlich

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Tief gefallen

Frank Baumann, erfolgreicher Investmentbanker der weltbekannten EasyRich AG befindet sich mitten in Leipzigs Fußgängerzone. Daran wäre noch nichts Besonderes, wenn er nicht mausetot und umringt von einem Haufen Gaffer dort liegen würde.

Zur gleichen Zeit sitzt Hauptkommissar Stüber bei seinem Lieblingsitaliener, schließt die Augen und genießt mit einem tiefen Atemzug die Aromen von Südtiroler Speck, Knoblauch und Grana Padano. Wenn Roberto ihm mit einem freundlichen ‚Pronto Commissario seine Pasta Carbonara serviert, ist für Stüber die Welt in allerbester Ordnung. Für viele ist es einfach nur Essen, für ihn der Inbegriff des Garten Eden. Er nimmt einen Schluck vom köstlichen Primitivo, da vibriert das Telefon.

Es muss lange warten, bis Stüber bereit ist die Augen zu öffnen. Wie in Zeitlupe greift er nach dem Telefon. „Mehldorn, was ist so wichtig, dass Sie mich stören?“, raunzt er durch die Leitung.

„Chef, wir haben hier einen Toten“, meldet sich Mehldorn aufgeregt.

„Na und? Nichts wie unter den Arm geklemmt und schwupp in die nächste Biotonne gestopft.“

Kurze Pause. „Chef ich weiß, dass ich jetzt auf Ihrer Mordliste über die Banker gerutscht bin. Aber lieber lasse ich mich von Ihnen umbringen als vom Chef. Der will nämlich wissen, wo Sie stecken.“

„Ist das jetzt ein Kompliment?“

„Was? Dass der Chef Sie unbedingt sehen will?“

„Nein! Dass Sie sich lieber von MIR umbringen lassen wollen.“

„Naja, sagen wir mal so: Der hier liegt, könnte einer Ihrer Erzfeinde sein und da könnte ich mit heiler Haut davonkommen.“

Stüber glaubt sich zu verhören. „Sagen Sie bloß, ein toter Banker?“

„Sieht so aus Chef.“

„Na dann besser doch in den Sondermüll“, die lakonische Antwort.

„Mensch Chef, was ist jetzt?“

Nach Mehldorns tiefem Durchatmen gibt Stüber endlich auf. „Also gut, bin unterwegs.“

Stüber knallt zwei Scheine auf den Tisch und stürmt dann doch von Enthusiasmus getrieben los. Mit voller Wucht tritt er in die Pedale seines uralten Fahrrades.

Ein toter Banker! Er fasst es kaum. Erst vor kurzem hat einer von diesen schmierigen Typen seine ganzen Ersparnisse mit einer angeblich todsicheren Anlage durchgebracht. Alles futsch! Und alle Pläne für den Ruhestand gleich mit. Seitdem quälen ihn die finstersten Alpträume. Es wird höchste Zeit, dass einer dafür büßt!

Minuten später ist Stüber am Ort des Geschehens. Nur mit Mühe kann er sich den Weg durch die Gaffer bahnen, die zahlreich die Absperrung umgeben. Als er es endlich mit Hilfe von Dienstausweis und nicht wenig barschen Bemerkungen geschafft hat, wird er von Mehldorn hektisch empfangen.

„Chef, da sind Sie ja endlich!“, ruft dieser schon von weitem.

„Was heißt hier - ENDLICH?“, mault Stüber.

„Hauptkommissar Stüber, wo stecken Sie nur?“, erregt sich der Chef der Mordkommission Doktor Meyer-Krefeld. „Denken Sie vielleicht, dass wir für Sie arbeiten, während Sie sich in Ihrem Büro verkriechen?“ Wie immer bei dieser Art Aufregung scheint sich alles Blut seines Körpers in seinem Gesicht zu versammeln. Stüber kennt das und reagiert in gewohnter Weise mit Ignoranz.

„Wisst ihr schon, wer es ist?“, wendet er sich seelenruhig an seinen Freund Waldemar von der Spurensicherung.

„Es ist Frank Baumann. Er arbeitete hier im Hansa-Haus bei einer Investmentbank“, berichtet Mehldorn an dessen Stelle und zeigt auf die Zugangskarte am Gürtel des Opfers. „Ein Zeuge hat gesehen, wie er dort oben vom Dach gesprungen oder gestürzt ist.“

„Der war sofort tot. Zeitpunkt vor ca. einer Stunde. Das deckt sich mit der Aussage des Zeugen“, ergänzt Waldemar.

„Na dann wollen wir doch mal sehen, ob den hier jemand vermisst. Mehldorn, haben Sie schon die Aussagen des Zeugen aufgenommen?“

Sein Assistent nickt, während Meyer-Krefeld erneut aufbraust. „Denken Sie vielleicht, wir haben uns hier gelangweilt?“

Stüber ignoriert seinen Chef auf ein weiteres, schnappt sich Mehldorn und schiebt sein Fahrrad seelenruhig in Richtung Haupteingang. Damit überlassen die Kommissare ihrem Chef die Kollegen von der Presse, die im selben Moment auftauchen.

Als sich im Foyer die Fahrstuhltür öffnet, steht da schon ein Herr um die Fünfzig. Die Haare gegelt, Dreitagebart, dunkler Anzug mit Nadelstreifen und Einstecktuch, blütenweißes Hemd, sicher sehr teure Krawatte, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen ein fast leerer Papierkorb. Das sind die Typen, die sich von unserem Geld ein fettes Leben machen, geht es Stüber durch den Kopf und nun ist es sein Blutdruck, der bedrohlich ansteigt.

Oben angekommen verschwindet der Liftpartner schnurstracks und grußlos hinter einer Glastür. Die beiden werden von einer attraktiven Brünetten in aufregend schwarzem Kostüm empfangen.

„Guten Tag. Wie darf ich Ihnen helfen?“ Nun ist es Stüber, der von den Haarwurzeln bis zu den Schnürsenkeln gemustert wird. So oft verirrt sich keiner vom Typ Schimanski hierher. Er nimmt es gelassen.

„Kennen Sie einen Frank Baumann?“

„Darf ich fragen, warum Sie das wissen wollen?“

Stüber zückt seinen Ausweis. „Sie dürfen. Ich bin Hauptkommissar Stüber und das ist mein Assistent Kommissar Mehldorn. Wir sind von der Mordkommission und wollen wissen, warum Herr Baumann da unten tot in der Fußgängerzone liegt und wie er da hinkommt.“

„Oh Gott! Wie ist denn das passiert?“, entfährt es ihr.

„Also Sie kennen ihn?“, stellt Stüber mehr fest, als dass er fragt.

„Aber ja doch! Er arbeitet, ähm, arbeitete, oh Gott!“ Stüber muss warten, bis sie sich gefasst hat. „Seit über zehn Jahren.“

„Kennen Sie ihn denn näher? Hatte er Feinde?“, erkundigt sich Mehldorn.

„Nein, alle meinen, er sei ein begabter Investmentbanker, aber kennen nein, das wäre zu viel gesagt. Beliebt war er aber nicht.“

„Und wer liebte ihn denn besonders wenig?“, hakt Stüber nach.

„Na ja, alle, die sich mit ihm als neuer Filialleiter bewerben.“

„Die da wären?“

„Na zum Beispiel der Herr Zeidler. Er war erst vorhin bei ihm und ist dann wütend rausgestürmt.“

Darauf Mehldorn: „Woran haben Sie denn seine Wut bemerkt?“

Die Brünette knispelt an ihren Fingernägeln und schaut dann ängstlich zu Stüber. „Muss ich das sagen? Er hat es vielleicht nicht so gemeint“

„Lassen Sie mich raten. Er hat ihm den Tod gewünscht. Hat gedroht ihn umzubringen.“

Ein Zucken um ihre Mundwinkel und die Antwort „Warum fragen Sie, wenn Sie es schon wissen?“, bestätigt Stübers Theorie.

Eine Minute später stehen sie in Zeidler´s Büro. Dieser erhebt sich flink, geht ihnen entgegen und reicht beiden sehr freundlich die Hand. „Sie sind sicher Herr Dr. Konrad und Herr Schuster. Da haben Sie sich aber schnell entschlossen. Wir haben doch erst vorhin telefoniert.“

Die Polizisten schauen sich an und zücken die Dienstausweise.

„Da irren Sie sich. Mein Geld haben Sie schon vernichtet“, so Stübers lapidare Antwort.

Zeidler starrt auf die Ausweise und wechselt von einem Extrem ins andere. „Was erlauben Sie sich, so einfach in mein Büro hereinzuplatzen! Wir sind schließlich ein seriöses Unternehmen und müssen uns nicht von Ihnen belästigen lassen.“

„Das ist ja interessant“, entgegnet Stüber mit süffisantem Tonfall.

„Darf ich fragen, was Sie denn so interessant finden“, regt sich Zeidler immer mehr auf.

„Naja, das sind eigentlich zwei Dinge. Einmal, dass Sie sich als ‚seriöses Unternehmen‘ bezeichnen und zum anderen, dass Sie sich von der Polizei belästigt fühlen.“

Und Mehldorn: „Wo Sie unseren Job ja mit Ihren Steuern finanzieren.“

„Das ist genau der Punkt. Ich zahle auch noch dafür, mich von Ihnen beleidigen zu lassen.“ Dazu fuchtelt Zeidler in der Luft herum, als wolle er Fliegen verscheuchen.

Stüber steckt eine Hand in die Hosentasche, setzt sich unaufgefordert in den schmucken Designersessel und wartet, bis Zeidler alles Ungeziefer erledigt hat.

„Sind Sie eigentlich immer so aufbrausend? Also wenn es sich nicht gerade um ihre Opfer - ähm, Pardon - ich meine, ihre Kunden handelt“, kommentiert Stüber seine fichelante Handbewegung.

„Immer dann, wenn ich so provoziert werde wie zum Beispiel von Ihnen ...“

„... oder von Frank Baumann“, fällt ihm Mehldorn ins Wort.

„Was hat den Baumann damit zu tun. Das ist doch hier gar nicht relevant.“

Stüber wird schlagartig ernst, springt auf und geht zum Fenster. „Oh doch, Herr Zeidler. Das ist sehr wohl relevant. Besonders wenn man bedenkt, dass ihr Kollege tot da unten liegt und es noch nicht lange her ist, dass Sie ihm den Tod gewünscht haben.“

Stille. Zeidler starrt die Kommissare verunsichert an, folgt Stüber zum Fenster, das bis auf den Boden reicht. Unten immer noch jede Menge Gaffer und die Kollegen der Spurensicherung, die mit ihren weißen Schutzanzügen einer Schar Aliens gleichen. Zeidler schaut hinunter und verfolgt, wie ein Blechsarg in einen Transporter gehievt wird. Dann findet er seine Sprache wieder.

„Ja ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ...“

Wieder unterbricht Mehldorn „... wir so schnell bei Ihnen auf der Matte stehen.“

„Nein, doch“, jetzt schaut er mit dem Blick eines geschlagenen Hundes zu Stüber. „Aber das habe ich doch nicht so gemeint.“

„Was haben Sie nicht so gemeint?“

„Na vorhin. Der Baumann hat mich mit seiner arroganten Art so auf die Palme gebracht, da ist mir das halt rausgerutscht. Ich bringe doch keinen um!“, hebt Zeidler dann doch wieder die Stimme.

„Na gut“, lenkt Stüber ein. „Dann bleibt immer noch die Frage, wie ihr Kollege so tief fallen konnte?“

Zeidler kehrt allmählich zu seinem gewohnten Tonfall zurück. „Woher soll ich denn das wissen. Da müssen Sie mal diejenigen fragen, die sich mit ihm immer auf der Dachterrasse rumtreiben.“

„Die da wären?“

Zeidler sucht nach Worten. „Na zum Beispiel die Frau Heinze. Die verbringen doch mehr Zeit da oben, als andere arbeiten.“

„Sie meinen, die sind ein Paar und genießen beim Knutschen die schöne Aussicht?“, hakt Mehldorn nach.

„Ich weiß es nicht. Geben vor zu rauchen und dabei - naja, Sie wissen schon, was so geredet wird.“

„Und wo finden wir die Frau Heinze?“

Der Weg dorthin führt an Hirschs Büro vorbei, wo inzwischen auch die Spurensicherung aktiv ist. Waldemar schüttelt den Kopf. „Bis jetzt noch Nichts.“

„Sind deine Leute schon auf dem Dach?“, will Stüber wissen.

„Kommt als Nächstes dran.“ Stüber hebt den Daumen und tritt hinter Mehldorn ins gegenüberliegende Büro von Sales Assistent Carolin Heinze.

Deren Aussehen verschlägt beiden augenblicklich die Sprache. Ihren scheinbar makellosen Körper, Marke Claudia Schiffer, versteckt die Mittdreißigerin in einem Outfit, bei dem jedes Teil in verschiedensten Rosatönen brilliert. Dazu eine Ausstrahlung, bei der jeder Mann nur so dahin schmelzen muss. Mehldorn schaut wie ein Junge, der eine Zauberschau verfolgt. Ja, sie kann für wahr als Fleisch gewordener Männertraum durchgehen.

Auch Stüber ist ganz hingerissen, hat aber sein Testosteron mehr unter Kontrolle als sein Assistent. „Wir sind von der Mordkommission und haben ein paar Fragen.“

„Mordkommission? Um Gottes willen, was ist denn passiert? Und was suchen denn diese Leute in Herrn Baumanns Büro?“

„Das wollen wir und ‚diese Leute da‘ gerade herausfinden. Waren Sie mit Herrn Baumann liiert?“

Die Schöne erschrickt. „Sie sprechen in der Vergangenheit? Wollen Sie damit sagen, dass Frank, ähm, ich meine Herrn Baumann etwas zugestoßen ist?“

„Kann man so sagen. Zugefallen wäre aber trefflicher ausgedrückt“, entgegnet Mehldorn, dessen Blick immer noch an ihren Lippen klebt.

Die Heinze fingert von einem leisen ‚Oh mein Gott‘ begleitet nach einem Tempo und ringt um Fassung.

„Na schön, ähm, oder eben nicht schön“, räuspert sich Stüber. „Der Herr Baumann war doch mit Ihnen recht häufig auf der Dachterrasse. Das stimmt doch, oder?“

„Ja, das ist richtig. Wir sind beide Raucher und gehen unserem Laster da oben nach.“

„Und wann waren Sie das letzte Mal Ablastern?“

„Heute Vormittag, so etwa elf Uhr. Ja es war kurz vor elf“, sinniert sie weiter. „Ich wollte noch kurz vor meinem Kundentermin eine rauchen und da hat sich Frank angeschlossen.“

Stüber wendet sich an Mehldorn. „Wann hatte Waldemar gesagt, war der Todeszeitpunkt?“

Plötzlich wird die Schöne laut. „Was, Todeszeitpunkt? Höre ich da richtig: Der Frank ist tot?“

Mehldorn geht auf sie zu und erklärt, was passiert ist. Jetzt verliert sie endgültig die Fassung, lässt sich auf ihren Stuhl fallen und weint herzzerreißend. Selbst das geschieht in einer Art, dass Mehldorn sie am liebsten in den Arm nehmen und trösten würde.

Stüber macht den Vorschlag, doch auf die Dachterrasse zu gehen und frische Luft zu schnappen. „Das wird Ihnen bestimmt guttun.“

Als Carolin Heinze voran die Wendeltreppe erklimmt, muss Mehldorn sich zwingen auf die Stufen zu achten. Und beinahe rutscht er auch aus. „Mensch Mehldorn reißen Sie sich doch zusammen“, zischt Stüber seinen Assistenten an.

Oben angekommen werden sie von strahlendem Sonnenschein und einer leichten Brise begrüßt. Die Schöne zündet sich immer noch mit zittrigen Händen eine Zigarette an und nimmt auf dem kleinen Dach eines Lüftungsschachtes Platz. Stüber schaut nach vorn und registriert, dass es kein Geländer gibt.

„Ich nahm an, dass es sich hier um eine richtige Dachterrasse handelt. Aber das ist doch nichts weiter wie ein stinknormales Dach mit Antennen, Lüftungsschächten und Abgasschloten“, kommentiert er seine halbkreisförmige Handbewegung.

Nach einem tiefen Zug an ihrer Davidoff erklärt die Heinze, dass jeder hier oben raucht. Erstens ist man an der frischen Luft und kann die Aussicht genießen und zweitens ist in den Büros das Rauchen verboten. „Auch hier ist uns der Aufenthalt verboten, aber dran halten tut sich keiner. Bisher ist ja auch nichts passiert.“ Wieder muss sie schnäuzen.

Während dessen wird Mehldorn von den irre langen Beinen abgelenkt. Man steckt die gut in den Strümpfen! Übereinandergeschlagen sehen die noch besser aus, als zuvor. Zum Glück schaut sich Stüber wieder an der Dachkante um. Sie hat den Ellenbogen auf ihren Oberschenkel gestützt, die flache Hand vor den Augen. Mehldorn ist hin und hergerissen, kann sich nicht losreißen. Als er zum x-ten Male die sexy Formen fasziniert in sich aufsaugt, entdeckt er etwas, das ihn schlagartig ablenkt.

Inzwischen ist Stüber zurück und wendet sich an die Dame in Rosa. „Schildern Sie doch jetzt mal, wie Ihr letzter Besuch hier oben abgelaufen ist.“

„Das wird nicht nötig sein“, fällt ihm Mehldorn ins Wort. „Sie können wieder in Ihr Büro gehen. Halten Sie sich aber zu unserer Verfügung.“

Während sich die Heinze irritiert erhebt, empfängt Mehldorn von seinem Chef einen Blick, der auch zum Töten getaugt hätte. Kaum ist das Rosa hinter der kleinen Tür verschwunden, poltert dieser auch schon los.

„Mensch Mehldorn, haben Ihnen die weiblichen Reize jetzt endgültig die Sinne vernebelt?“

Völlig die Ruhe selbst, fingert der Gescholtene einen Latexhandschuh aus seiner Jacke und zieht ihn sich, begleitet von Stübers erstaunten Blick, über.

„Chef, wenn es so ist, wie ich vermute, gehe ich als Leipziger Sherlock Holmes in die sächsische Kriminalgeschichte ein. Sie dürfen gespannt sein.“

Dann geht er zum Lüftungsschacht, wo eben noch die bezaubernde Frau Heinze ihre Beine zur Schau stellte. Mit spitzen Fingern zieht Mehldorn ein Stück gelbes Papier aus dem Luftgitter und hält es Stüber vor die Nase.

„Fällt Ihnen was auf?“

Stüber greift das Handgelenk seines Assistenten und führt es so, dass er die Schrift entziffern kann. „Ehrlich gesagt, nein“, muss er schließlich zugeben.

„Na dann bleiben Sie mal schön gespannt und folgen Sie mir unauffällig.“

„Mehldorn, muss ich mir Sorgen um Sie machen?“

„Ich glaube nicht.“

„Sagen Sie bitte, wer war denn dieser Herr, vorhin mit uns im Fahrstuhl?“, erkundigt sich Mehldorn wenig später bei der Brünetten im Foyer.

„Das war der Herr Keller, unser stellvertretender Chef.“

„Und der hat sein Büro dort hinter der Glastür, gleich neben der Treppe zur Dachterrasse?“, will Mehldorn noch wissen. Die Dame nickt und eine Minute später stehen beide in Kellers Büro.

„Was suchen Sie hier? Wenn Sie mich sprechen wollen, dann lassen Sie sich einen Termin geben“, blafft der sie an.

„Kommissar Mehldorn, ich brauche keinen Termin“, kommentiert dieser seinen Dienstausweis.

„Was wollen Sie dann bei mir? Hier hat keiner was verbrochen.“

„Das sehe ich anders. Haben Sie eine Ahnung, warum Ihr Kollege Baumann mausetot unten auf dem Fußweg liegt“, fragt Mehldorn und hält Ausschau nach Kellers Papierkorb.

Keller schreckt auf. „Was der Baumann ist tot?“

„Genauso ist es. Also?“, antwortet Stüber gelassen, aber immer noch etwas orientierungslos.

In diesem Moment entdeckt Mehldorn den Papierkorb und daran haftet, wie schon im Fahrstuhl gesehen, immer noch ein gelber Papierschnipsel. Keller hat ihn offensichtlich beim Leeren übersehen. Mit Bedacht steckt Mehldorn auch diesen in eine Plastiktüte und hält beide Fundstücke gegen das Licht. Der Vergleich ist eindeutig. Das gleiche Papier, darauf die gleiche Handschrift. Dann präsentiert er beide Teile dem inzwischen etwas nervös gewordenen Keller.

„Ich frage mich, wie der hier auf das Dach kam und warum der an ihrem Papierkorb hängt. Und was werden wir wohl unten in der Papiertonne finden? Haben SIE eine Erklärung?“ Es ist nun an Stüber, dem ein Kronleuchter aufgeht.

Keller springt auf, rennt zur Tür, kommt aber nicht weit. Dann rastet er aus.

„Dieses Schwein wollte nicht nachgeben. Hab ihm Geld angeboten, aber er hat nur gelacht. Vor seinen Augen hab ich seine blöde Erpressung zerrissen und er hat nur noch lauter gelacht. Der wollte nur den verdammten Chefposten. Scheißegal war ihm, dass ich sie liebe. Und wenn es hundertmal die Frau vom Chef ist. Gar nichts ging ihn das an. Gar nichts!“

„Und da haben Sie ihm einen Schubs gegeben und schwupps war der Widersacher tot“, ergänzt Stüber, während die Handschellen klicken.

„Nur zu dumm, dass Sie nicht gleich die Schnipsel vom Wind verwehen ließen, sondern erst im Büro und dann im Müllraum entsorgen wollten.“

Wieder in der Fußgängerzone angekommen, stupst Stüber seinen Kollegen den Ellenbogen in die Seite. „Kommen Sie Mehldorn, oder sollte ich besser Holmes zu Ihnen sagen? Ich lade Sie zum Essen ein. Sie haben´s verdient.“ spricht es und marschiert ohne Zögern los, so dass Mehldorn Mühe hat, hinterher zu eilen.

Als die Kommissare endlich bei Roberto sitzen und sogar Stübers Stammtisch frei ist, scheint die Welt wieder in Ordnung.

„Commissario, ich habe heute Ihre Lieblingssuppe.“

„Was, du hast die Essenz von Tomaten? Roberto du bist ein Schatz.“

„Was ist denn das für ein Zeugs?“, will der ahnungslose Mehldorn wissen.

„Das ist eine klare Tomatensuppe mit zerkleinertem Rindfleisch, getrockneten Tomaten, Zwiebeln und Wurzelwerk. Dazu kommt noch Basilikum, Tomatenmark und etwas Olivenöl“, erläutert Roberto mit reichlich italienischer Gestik.

„Und nicht zu vergessen diese köstlichen Ricottaklößchen“, ergänzt Stüber und erkundigt sich, was er heute sonst noch auf der Tafel stehen hat. Roberto empfiehlt neben der Kalbshaxe in Port-Madeira, einem Lieblingsgericht von Stüber, heute ein Lachsfilet in Gorgonzola-Sahne mit Walnüssen.

„Fisch mit Gorgonzola und Nüssen. Wie geht denn das?“, will Mehldorn es genauer wissen.

Jetzt ist Roberto in seinem Element. „Aber Commissario, das geht sehr wohl. Die Zutaten ergänzen sich ganz ausgezeichnet. Sogar Wildschwein und Räucheraal passt zusammen.“

Jetzt verzieht Mehldorn das Gesicht. „Klingt wie Sauerfisch mit Schweineaugen.“

Roberto lacht auf. „Der ist gut! Der ist wirklich gut. Aber ein bisschen Recht hat er schon, stimmt´s Commissario?“

Mehldorn kann nicht richtig mitlachen, schließt sich aber der Wahl Stübers an.

„Das machen Sie richtig, Commissario“, kommentiert Roberto, während er davoneilt.

Die beiden Kommissare nehmen einen Schluck vom Primitivo und beobachten eine Gruppe Rentner, die zu ihren Plätzen schleichen.

„Ach Mehldorn, das steht uns auch noch bevor“, kommentiert Stüber sentimental.

„Da Sie ja wesentlich näher dran sind, kann ich Ihnen ja immer Ihren Rollator ölen. Da geht es fluffiger.“

„Mehldorn, Sie haben wirklich ein großes Herz.“

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Der Spießer

Um Otto Braunwart flattern friedlich verschieden farbige Schmetterlinge. Das Wasser plätschert leise über den kleinen Wasserfall. Überall in Braunwarts Garten stecken Metallspieße mit unterschiedlichen Dekoren. Es gibt Frösche auf Blättern, rostige Libellen im Flug, Dekokugeln und Zusammenstellungen, die an Schaschlik erinnern. Seit es modern geworden war, sich solche vielfältigen Kreationen in die Erde zu stecken, hatte Braunwart begonnen, sein Reich damit zu verschönern. Er betrieb diesen Kult bald schon so exzessiv, dass er von seinen Nachbarn nur noch „der Spießer“ genannt wurde. Heute hat Otto Braunwart seine letzte Figur aufgespießt. Sich selbst.

Hauptkommissar Stüber steht auf Braunwarts Terrasse. Ein leichter Nebel zieht vom Cospudner See herauf. Vereinzelte Golfspieler bevölkern den Platz, der gleich hinter dem Zaun beginnt und sich bis hinunter an die Uferpromenade erstreckt. Stüber fröstelt, zieht den Kopf zwischen die Schultern und vergräbt die Hände tief in den Taschen. ‚Traumhafte Wohnlage‘ geht ihm durch den Kopf. Genau das Richtige für Rechtsverdreher, Immobilienfuzzis und sonstige Geldheinis. Wieder denkt Stüber an sein Sparkonto, das er bis vor kurzem noch hatte, spürt den Groll in sich aufsteigen wie hässliches Sodbrennen.

Sein Blick schweift über das prächtige Anwesen und endet bei dem Toten. Offensichtlich war er in seine eigenen Spieße gestürzt. Einer hatte seinen Körper durchstoßen und ragt nun als blutige Lanze aus dem Rücken. Ein leichter Schauer überkommt ihn.

Sein Assistent tritt neben ihn. „Gespickt wie ’n Hasenrücken“,

„Was?“

„Na der hat mehr Spieße in sich als so ein Fatier.“

„Ein Fakir“, verbessert Stüber.

„Oder so. Jedenfalls muss man sich bei dem über die Todesursache keine Gedanken machen.“

„Stimmt, ersoffen ist der nicht.“

„Jedenfalls liegt hier Otto Braunwart zu unseren Füßen. Er ist vierundsechzig Jahre, seit zwei Jahren Witwer und Finanzberater im Ruhestand.“

Ein leichtes Lächeln umspült Stübers Mund, aber er besinnt sich sofort wieder.

„Gefunden hat ihn sein Nachbar ein gewisser Sturm“, berichtet Mehldorn weiter.

„Ein Tornado oder eher ein Wirbel.“

„Mensch Chef, ist wieder mal typisch. Ich arbeite und Sie machen sich lustig.“

„Aber mein lieber Mehldorn“, kommentiert Stüber den Ellenbogenstups in dessen Rippen. „Wie lange kennen wir uns, hä?“

Damit wendet sich Stüber dem Mann der Spurensicherung zu, der neben der Leiche hockt und schon viele Jahre sein Freund ist.

„Erste Erkenntnisse Waldemar?“

Der Angesprochene zeigt auf den Hinterkopf. „Hat einen Schlag auf den Kopf bekommen. Keine Abwehrspuren, ist ohne sich abzufangen auf die Spieße gestürzt. Der Schlag muss ihn überrascht haben. Ein Frosch stach ihm beim Aufprall ins Herz.“

„Ein Frosch?“, fragt Stüber.

„Nun ja, nicht direkt ein Frosch. Mehr der Stab, auf dem dieser steckte.“

„Und was sagst du zur Tatwaffe?“

„Zum Lurch?“

Schweigen.

Als Waldemar den Blick seines Freundes sieht, wird er sofort ernst.

„Wie schon erwähnt. Der Schlag war nicht tödlich. Eher schwach ausgeführt. Die Wunde ist nicht allzu groß. Wahrscheinlich ist das Opfer mehr vor Schreck gestürzt.“

„Könnte er mit einem Golfschläger attackiert worden sein?“

Waldemar nickt in Richtung des Golfplatzes: „Du meinst“, er intoniert die Melodie eines Volksliedes, “kam ein Schläger geflogen?“

Stüber kontert mit ‚Ich dachte immer die spielen mit Bällen‘ verweist aber dann auf den Golfbag, der an der offenen Terrassentür lehnt.

Waldemar tritt näher und betrachtet diesen genauer. „Naja, von der Größe her kämen die Eisen schon in Betracht, aber ich glaube nicht, dass es ein Metall war. Dazu ist die Wunde nicht tief genug.“

Während die beiden weiter laienhaft über die Golfutensilien fachsimpeln, tritt einer von Waldemars Leuten heran und präsentiert den Abdruck eines Schuhs. „Den hier haben wir neben dem Toten gefunden. Der Sohle nach ist er von einem Golfschuh, Größe 46. Passt aber nicht zum Opfer.“

„Na dann haben wir ja eine Spur“, frohlockt Stüber und erinnert seinen Freund daran, möglichst schnell die Obduktion zu machen.

„Wird pronto erledigt, Stüber. Wo dir doch tote Geldheinis so sehr ans Herz gewachsen sind.“

Als Stüber sich umdreht, kommt ihm Mehldorn mit einer Gestalt entgegen, die durchaus als kleiner Mann, oder besser, als Zwerg durchgehen könnte.

Das Geschöpf reicht Stüber die Hand. „Sturm, bin ein Nachbar, hab angerufen. Also Sie sind der Chefinspektor?“

Der Kommissar greift die Hand und betrachtet dabei die groteske Erscheinung. Sturm ist kaum größer als 1,50, hat schütteres blondes Haar und einen so dünnen Körper, dass er beim nächsten Windstoß davonzufliegen droht. 

„Ich bin nicht von Scotland Yard, sondern Hauptkommissar Stüber von der Leipziger Mordkommission.“

„Ich habe den Spießer im Garten liegen sehen“, unterbricht ihn der Zwerg.

„Wen?“

„Entschuldigung, Herrn Braunwart“, antwortet die Gestalt kleinlaut. „Wir sagen hier alle Spießer zu dem Tyrannen. Den konnte keiner von uns leiden.“

„Warum liebte ihn denn keiner?“

„Der Spießer, ähm, der Braunwart verachtete die Menschen um ihn herum.“

„Kein Wunder schließlich ist er ja Finanzberater“, kommentiert Stüber trocken.

Der Zwerg lacht mit einer Stimme wie eine Kreissäge laut schallend auf. „Der ist gut, der ist wirklich gut. Muss ich gleich meiner Frau erzählen.“

Als Sturm sich einigermaßen beruhigt hat, erkundigt sich Stüber, ob das Opfer von seinen Nachbarn auch gehasst wurde.

„Da können Sie einen drauf lassen. Hat nur gestänkert und jeden angezeigt, der mal falsch geparkt hat. Wird sicher ´ne einsame Beerdigung für den alten Sack. Hier weint dem keiner eine Träne nach“, Sturm spuckt verächtlich auf den Boden.

„Nach seiner Pensionierung wurde er immer unausstehlicher. Und nach dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren hat er sich völlig eingeigelt. Hat sein Haus praktisch nie verlassen. Saß nur am Fenster, hat Stunk gemacht und seinen Garten verhunzt.“

„Aber Braunwart spielte doch Golf“, wirft Stüber ein.

„Der und Golf“, das Männlein macht wieder die Kreissäge. „Dazu war der Spießer doch viel zu geizig. Hat sich erst heute Vormittag mit seinem Neffen darüber gestritten. Der Alte wurde so laut, das konnte ich sogar bei mir hören. Braunwart warf ihm vor, Golf wäre kein Sport. Nur Angeberei und reine Geldverschwendung. Bin dann reingegangen. War mir zu laut. Später habe ich gehört, wie der Junge mit seinem Sportwagen davongerauscht ist. Hatte es mächtig eilig.“

Mehldorn erkundigt sich, ob er noch andere Personen gesehen hat.

„Nein, war doch drinnen. Aber normalerweise kommt nachmittags immer seine Putze, die Frau Weinreich. Echt ´ne gute Seele. Wie die das bei dem ausgehalten hat, ist mir ein Rätsel.“

Stüber beendete den Redefluss mit einem: „Das reicht fürs Erste. Melden Sie sich morgen früh im Präsidium und geben Sie ihre Aussage zu Protokoll.“

Nachdem der Sturm davon geweht ist, geht der Kommissar auf den Golfbag am Flügel zu.

„Mehldorn, fehlt da ein Schläger?“

„Keine Ahnung Chef. Ich spiele kein Golf. Nicht mal am Computer.“

„Mensch Mehldorn, nun stellen Sie sich nicht so an. Die gängigsten Schläger lassen sich doch herausbekommen. Wir müssen wissen, ob ein Eisen fehlt. Prüfen Sie das und sehen Sie zu, dass Sie die Adresse von dem Neffen herausbekommen.“

“Geht klar Chef. Ich fange am besten hier drüben an.“ Mehldorn blickt Richtung Golfplatz.

„Aber lassen Sie sich bloß keinen Anfängerkurs aufschwatzen.“

„Warum denn nicht? Ist doch gesund.“

Nach der Mittagspause und mit einer köstlichen Pasta Vongole im Magen nimmt Stüber an seinem Bürotisch Platz und weckt den Computer. Er startet den Internetbrowser und in dem Moment, wie er die Suchworte ‚Standardbestückung Golfbag‘ in die Tastatur hämmert, betritt sein Chef, Doktor Meyer-Krefeld, unüberhörbar den Raum.

„Na du lieber Herr Gesangsverein, Sie wollen wohl endlich einer ordentlichen Sportart nachgehen?“, kommentiert er die Bilder auf dem Bildschirm.

„Was ist denn an diesem Sport ordentlich?“

Meyer-Krefeld rollt mit den Augen. „Na zum Beispiel die Bewegung an frischer Luft.“