Die Schneeblütenprinzessin von Cold Greek Valley

Mona Jones

Die Schneeblütenprinzessin von Cold Greek Valley

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Über Mona Jones

Mona Jones ist Übersetzerin und lebt mit ihren beiden erwachsenen Töchtern und Katze in Karlsruhe. Ein Teil ihrer Familie ist in Golden/Colorado zu Hause. ›Die Schneeblütenprinzessin von Cold Creek Valley‹ ist ihr Romandebüt.

Über das Buch

Eine Weihnachtsbraut wollte Chiara sein. Dann kommt ihr der Verlobte abhanden, und der Job gleich noch dazu. Um sich abzulenken, beschließt sie, der elterlichen Pasticceria in Hamburg den Rücken zu kehren und über die Feiertage zu ihrem Bruder in die tief verschneiten Rocky Mountains zu fliegen. Im Flugzeug blickt sie einem unwiderstehlichen Mann in die Augen. Aber halt, sie will sich nach dem Kummer mit ihrem Ex nicht gleich wieder verlieben. Doch dann nimmt sie bei der Gepäckausgabe versehentlich den Koffer von Mr. Wonderful vom Band, wie sie später merkt. Die Koffer müssen natürlich getauscht werden und so kommt es zu einer folgenreichen zweiten Begegnung …

Impressum

Originalausgabe 2021

© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe:

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler, München.

Umschlaggestaltung: buxdesign I Lisa Höfner

Umschlagmotive: istockphoto/Tom Merton, TONNAJA/Getty Images und shutterstock.com

 

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eBook-Herstellung im Verlag (01)

 

eBook ISBN 978-3-423-43927-5 (epub)

ISBNder gedruckten Ausgabe 978-3-423-21975-4

ISBN (epub) 9783423439275

Jedes Mal, wenn die U-Bahn vor der nächsten Haltestelle zu bremsen anfängt, dringt dieses grauenhafte Geräusch von Metall auf Metall an mein Ohr. Normalerweise kriege ich davon Gänsehaut. Aber an diesem Nachmittag ist nichts normal, und deshalb denke ich stattdessen an das geheimnisvolle ferne Sirren der Zikaden im Gras. An das Prickeln der Sonne auf meiner Haut, den Duft von Pinien und das kleine Haus von Nonna Elsa. In meinem Tagtraum sitzt sie draußen auf ihrer Bank neben der Eingangstür. Sie legt die Weintrauben auf das große Tablett mit Zitronenmuster, um sie in der Sonne dörren zu lassen. Die Rosinen braucht sie für ihr unvergessliches Hefegebäck, die Brioches Dolci. Niemand weiß, noch nicht einmal meine Schwester Lo, dass Nonna das Rezept für mich allein in einem gelben Schulheft aufgeschrieben hat. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass mein kleines Geheimnis jemals auffliegt, würde Lo bestimmt ausflippen. Ich müsste alles stehen und liegen lassen und für eine Weile aus Hamburg fliehen.

 

Meine Hände kramen die Handschuhe aus der Manteltasche, während ich immer noch in meiner Erinnerung an den verlockenden Duft von Nonna Elsas Gebäck versunken bin, wenn es ofenwarm auf dem Teller lag und die Butter beim Bestreichen zu schmelzen begann.

Das alles ist ziemlich lange her. Und ich vermisse Nonna an

Ich seufze leise. Nie zuvor schienen dieser und alle anderen Träume in so weite Ferne gerückt.

 

Die Bahn hält, und der jähe Ruck katapultiert mich zurück in die deprimierende Gegenwart. Meine Schwester und ich sind an diesem Nachmittag auf dem Weg, um den großartigsten Tag meines bisherigen Lebens rückgängig zu machen. Es ist zum Heulen, und nichts, aber auch wirklich nichts heilt diesen schrecklichen Kummer, der wie ein Bleigewicht auf meinen Schultern liegt.

Als Lo und ich am Jungfernstieg aus der U-Bahn-Station ins Freie kommen, weht uns ein gehässiger Nieselregen eiskalt ins Gesicht. Die Alster ist deprimierend grau, und sie kräuselt sich in kleinen müden Wellen. Ich seufze, als mein Blick auf die Buden des Weihnachtsmarkts fällt. Normalerweise liebe ich Weihnachtsmärkte und kann überhaupt nicht genug davon kriegen. Aber heute ist das anders. Dieser Überfluss an Lichtern, Tannenzweigen, süßen Engeln, Weihnachtsmännern und dann auch noch dieses Schild, das zur Romantischen Adventsfahrt auf den Alsterdampfern einlädt – ich hasse es. Romantik ist das Allerletzte, was meine Nerven ertragen. Seit Tagen laufen mir die Tränen in Strömen über die Wangen, sobald irgendwo nur ein zartes Glöckchen klingelt oder ein Kind ein Weihnachtslied vor sich hin trällert oder – richtig schlimm – sich ein Pärchen auf der Straße umarmt und küsst. Ich bin allergisch geworden gegen Weihnachten. Ich bin verloren.

 

Als sich jetzt unsere Blicke wieder treffen, sagt Lo zum hundertsten Mal: »Komm, es wird schon werden, carina.« Mein Schätzchen. So nennt mich Lo, wenn ich mich mickrig und erfolglos fühle. Lo ist fünf Jahre älter als ich, aber in den letzten Tagen kommt es mir so vor, als ob sie mir Lichtjahre voraus wäre. Sie hat Theo, den besten aller Ehemänner, und dann noch Luca. Er ist drei Jahre alt und, abgesehen von nicht weniger als fünf Trotzanfällen pro Tag, einfach nur zum Anbeißen. Als wäre das nicht schon genug, erwartet sie an Weihnachten das Schwesterchen für Luca.

Tja. Du hast alles richtig gemacht, meine zuckersüße, fantastische Schwester! Aber gut, ich will nicht unfair sein. Auch bei mir sah es bis vor Kurzem richtig gut aus. Mehr noch – mein Leben bewegte sich in einem geradezu schwindelerregenden Tempo auf seinen schönsten Tag zu. Im Rückblick bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass etwas weniger Schwindel und Tempo wahrscheinlich besser gewesen wären. Ich hätte mir zumindest sehr viel Herzschmerz erspart.

Auf der Zielgeraden dann, vier Wochen vor der Hochzeit, geschah das fast Unaussprechliche. Innerhalb von Sekunden war plötzlich alles weg: die Hochzeit, mein Job, mein Selbstvertrauen. Der Schock umklammert mich noch eine Woche später wie ein Schraubstock.

Ein Weihnachtsmann stolpert uns über den Weg und will mir einen Gutschein für irgendeine Parfümerie überreichen.

 

Endlich sind wir vor dem Laden angekommen. An uns vorbei fluten die Passanten in einem endlosen Strom, der sich teilt und sich hinter uns wieder schließt. Wir sind eine Insel. Eine Schwesterninsel. Die Boutique Bride-to-Be hat zwei kleine Schaufenster, die mit verzierten Fensterrahmen aus dunklem Holz eingefasst sind. Zwei Schaufensterpuppen sind mit atemberaubenden Haute-Couture-Kleidern ausgestattet. Aber ich nehme sie kaum wahr. Viel deutlicher sehe ich Lo und mich vor knapp vier Monaten, wie wir den Laden in Hochstimmung verlassen, mit genau dem Kleid, das aus mir eine Prinzessin machen sollte. Ein Kleid, das wie für mich gemacht war, denn es passte so perfekt, dass nicht eine einzige Naht geändert werden musste.

Es war es ein goldener Spätsommertag gewesen. Ich hatte mir für morgens einen Friseurtermin gebucht, und meine wilden Naturlocken hatten sich, zumindest für die nächsten paar Stunden, zu einer seidigen, glatten Mähne zähmen lassen. Und die Kosmetikerin hatte mir ein wunderschönes Make-up ins Gesicht gezaubert. Ich war unfassbar glücklich und fühlte mich wie eine Königin. Das Leben streute mir Rosenblätter auf den Weg.

»Ich will das alles nicht!«, schluchze ich jetzt leise, obwohl ich weiß, wie albern sich das anhört. Himmel, Chiara, niemand will unglücklich sein. Aber Selbstdisziplin ist nicht gerade meine Sache. Lo macht sich schweigend von mir los und kramt ein Taschentuch hervor. Sie reicht es mir und wartet geduldig, bis ich meine Augen trocken getupft habe, die ich in weiser

 

Das melodische Läuten einer Glocke begrüßt uns im Laden, einem Paradies für zukünftige Bräute. Das Geräusch unserer Schritte wird sofort von dem dicken Teppichboden verschluckt. Ich sehe mich hastig um und stelle erleichtert fest, dass sich nur eine Handvoll Kundinnen im Laden befindet. Wenn mich meine bösen Vorahnungen nicht trügen, steht uns eine demütigende Verhandlung bevor, die nicht unbedingt vor großem Publikum stattfinden muss.

Auch bei meinem zweiten Besuch nimmt mir dieser Ort fast den Atem, mit seinen holzgetäfelten Wänden, in deren Nischen die nach Stil geordneten Kleider hängen. Boho, Märchenbraut und Vintage steht in Schreibschrift auf kleinen Holztäfelchen. Ich wäre die Märchenbraut gewesen. Genau dort drüben stand ich – vor dem Spiegel unter dem riesigen Kronleuchter, der mich in sein sanftes, warmes Licht hüllte, und meine Schwester brach bei meinem Anblick in Tränen aus.

»Vorsicht!«, zischt sie jetzt, weil ich fast gegen eine der beiden Bodenvasen voller duftender Lilien laufe, die eine Sitzecke mit weißen Sesseln einrahmen.

Mein Mund fühlt sich an wie mit Sägespänen gefüllt, als Lo zielstrebig auf den Ladentisch zusteuert. Die Inhaberin der Boutique, die uns beim ersten Besuch persönlich und äußerst professionell beraten hat, kommt von den Kabinen herüber.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie, und ich beobachte, wie ihr Lächeln merklich abkühlt, als Lo die Tüte anhebt und auf den Ladentisch legt.

»Meine Schwester muss dieses Kleid hier leider

In einer der Kabinen lässt sich hinter dem schweren roten Damastvorhang ein doppelstimmiges Kichern vernehmen. Unser Gegenüber schaut prüfend in die Richtung, sie lässt den Blick kurz durch den Laden schweifen, dann wendet sie sich wieder uns zu. Ihre Miene sieht aus wie hundert Jahre Bodenfrost, als sie den Kassenzettel prüft.

»Nun ja. Die vierzehn Tage Rückgabefrist sind ja längst vorbei!«, sagt sie und hüstelt trocken.

Der Druck, der sich in mir angestaut hat, sucht ein Ventil.

»Es ist ja nicht meine Schuld, dass der Idiot fremdgeht«, platzt es unvermittelt aus mir heraus. Was so ziemlich das Dämlichste ist, das man in einem solchen Moment von sich geben kann.

Lo tritt mir auf den Fuß. Ich hatte vergessen, dass meine Schwester inzwischen das Gewicht eines Kleinwagens hat, und es tut richtig weh.

»Aber natürlich«, sagt Lo. Sie setzt ein selbstsicheres Lächeln auf. »Das gesetzliche Widerrufsrecht ist uns durchaus bekannt. Aber ich bin überzeugt, dass wir eine Lösung finden.« Sie sieht sich demonstrativ im Laden um. »Ihr Kundenservice ist sicherlich ebenso exzellent wie der Ruf Ihres Geschäfts«, fügt sie nun deutlich lauter hinzu.

»Hm«, macht die Ladenbesitzerin, der nicht entgangen ist, dass mindestens zwei Kundinnen aufmerksam geworden sind und das Geschehen am Ladentisch aus den Augenwinkeln beobachten. Sie zieht das Kleid vorsichtig aus der Tüte und streift die Plastikhülle und den Bügel ab. Dann nimmt sie den Stoff Zentimeter für Zentimeter in Augenschein. Es dauert

Endlich sieht es so aus, als ob die Inspektion ein Ende gefunden hätte. Aber als ich gerade aufatmen will, hebt diese dumme Kuh das Kleid an und beschnuppert den Stoff. Ich merke, wie in mir die Wut aufsteigt, und als ich Lo anschaue, ist ihr rosiges Gesicht soeben um mindestens zwei Farbtöne dunkler geworden.

»Es ist selbstverständlich ungetragen«, sagt meine Schwester mit einem bedrohlichen Donnergrollen in der Stimme. Jetzt ist jeder Zentimeter von ihr ganz die erzürnte Nachwuchschefin einer der bekanntesten Pasticcerias in Hamburg, und das tut sofort seine Wirkung. Die Ladenbesitzerin wirft Lo einen kühlen Blick zu, und endlich öffnet sie die Kasse. Als sie das Geld bis auf den letzten Euro herauszählt, bin ich so erleichtert, dass ich fast schon wieder weinen möchte. Die Hälfte davon ist mein eigenes Geld, die andere Hälfte haben mir Mamma und Papà gegeben. »Besten Dank«, melde ich mich endlich wieder zu Wort, während Lo das Geldbündel vorläufig in ihrer großen Geldbörse verstaut. »Wir kommen bei Gelegenheit gerne wieder zu Ihnen«, sagt sie majestätisch. »Auf Wiedersehen.«

Wir ernten einen schmallippigen Abschiedsgruß, und gerade als wir uns umdrehen und auf die Ausgangstür zugehen, öffnet sich der rote Vorhang, und eine Braut und ihre Begleiterin treten heraus. Es ist der unwiderstehliche Klang

»Heiliger Himmel«, murmelt Lo und schnappt mich am Ellbogen. »Vieni!«

Ich bin wie betäubt, als sie mich mitzieht, und um ein Haar hätte ich draußen die Treppenstufe übersehen und wäre gestolpert. Eine Böe schleudert mir den Regen ins Gesicht und zerrt an meinen Haaren.

Lo schnauft durch und streckt den Daumen hoch. »Perfekt. Das wäre erledigt!« Dann zieht sie mich an sich, und ich vergrabe mein Gesicht in ihren Haaren. Sie riecht warm und süß nach Paste di Mandorla, von denen sie, bevor wir aufgebrochen sind, noch schnell zwei Bleche gebacken hat. Zwischen uns ist diese große feste Kugel zu spüren, und mich überkommt plötzlich ein warmes Gefühl, weil ich mich so sehr auf meine kleine Nichte freue. Und dann kullert mir auch schon die erste Träne über die Wange. »Na, jetzt komm«, sagt Lo energisch. Sie macht sich von mir los und deutet in eine Seitenstraße auf eines der gediegenen Hotels der Gegend: »Wir haben uns eine Erfrischung verdient.«

»Okay«, schniefe ich und wische mir die Tränen aus den Augen.

 

Die Lounge des Hotels ist schummrig und gemütlich, mit dicken Ledersesseln an kleinen Tischen. Von irgendwoher perlt

»Eigentlich gefällt es mir, direkt an der Bar zu sitzen«, sagt Lo. »Aber mit diesem Pottwal-Bauch … no grazie.« Sie lacht ihr helles Lachen, und die zwei Typen hinter der Bar drehen sich zu ihr um. Pottwal hin oder her – selten kam mir meine Schwester so schön vor wie in diesem Augenblick, mit ihrem rosigen Gesicht und diesem gewissen Glänzen in den Augen.

Sie rauscht sofort in Richtung Toiletten, und ich suche uns eine Sitzecke abseits der wenigen anderen Gäste. Als ich mich setze, versinke ich sofort im weichen Polster. Die Anspannung in meinem Körper gibt merklich nach. Ein weiterer Schritt in diesem gemeinen Spiel namens Geplatzte Hochzeit ist geschafft.

»Darf es schon was sein?«, fragt der Barkeeper, der plötzlich neben mir aufgetaucht ist. Ich schaue an ihm hoch, in seine hübschen, lachenden Augen und denke: eine Holzfällerumarmung bitte. Aber da kommt gerade Lo zurück, und ich bestelle einen Aperol-Spritz für uns beide.

»Ausnahmsweise«, flüstert Lo errötend, und der Typ blinzelt ihr zu, als wüsste er über so ziemlich alles Bescheid, was uns an diesem Nachmittag hierhergebracht hat.

»Ich finde ja«, sagt Lo, sobald wir wieder unter uns sind, »du solltest trotz allem nach Colorado fliegen.«

Anstelle einer Antwort gebe ich ein lautes Stöhnen von mir. Das ist der nächste Punkt auf meiner To-do-Liste: die verdammte Hochzeitsreise. Ich muss im Reisebüro fragen, ob ich das Ticket stornieren kann. Auch wenn der Vermerk Nur Umbuchung. Keine Erstattung draufsteht. Mir graut jetzt schon davor.

»Ich sitze nicht herum, ich helfe euch«, gebe ich patzig zurück. Allerdings stimmt es, dass sämtliche Bruchware neuerdings in meinem Mund landet. Außerdem deprimiert es mich unheimlich, wenn eine dieser prachtvollen Hochzeitstorten über den Ladentisch geht, für die meine Eltern in der ganzen Stadt bekannt sind.

Jetzt kommen unsere Getränke, und kaum haben wir den ersten Schluck getrunken, fährt Lo schon die nächsten Argumente auf. Ihre legendäre Hartnäckigkeit hat mich schon immer genervt.

»Du könntest wirklich einen Tapetenwechsel gebrauchen«, fährt sie fort. Nichts lieber als das. Aber muss es ausgerechnet ein Land sein, in dem es Bären und Schlangen gibt?

»Und du hast Zeit.«

Damit hat sie leider recht. Ich bin arbeitslos. Tja, doppeltes Pech, wenn der abhandengekommene Bräutigam gleichzeitig auch der Chef war. Obwohl ich an dieser Stelle nicht behaupten will, er hätte mir gekündigt.

Das ganze Unglück begann damit, dass meine Kollegin Maike ziemlich blass in meinem Büro auftauchte. »Ich muss dir was sagen«, stammelte sie. Es folgten ein paar verworrene Sätze, in denen Leon und Trisha, die dumme Kuh aus der Buchhaltung, und eine ziemlich eindeutige Situation vorkamen. Das reichte mir schon. Ich hatte einen totalen Blackout. Ich weiß nämlich nichts mehr davon, wie ich in Leons Zimmer gestürzt bin. Und wie Maike mich kurz darauf zu meinen Eltern gefahren hat. Sie ist wirklich schwer in Ordnung.

Auch das hatte ich verdrängt. Aber ich muss zugeben: Der Gedanke, dass mein Ex-Bräutigam, der viel von seinem Aussehen hält und länger vor dem Spiegel steht als ich, noch Tage später mit meinem Fingerabdruck auf der Wange herumläuft – der Gedanke gefällt mir.

Ich tauche wieder aus meinem Flashback auf und schaue in die fragenden Augen meiner Schwester. »Aber … Ich traue mich nicht«, halte ich schwach dagegen.

Lo schnaubt ungeduldig auf. »Carina, da drüben sind doch Giovanni und Charlotte! Was soll denn schon schiefgehen?«

Alles. In meinem Leben geht alles schief. Und der Plan war eine verdammte Hochzeitsreise. Nicht etwa die jämmerliche Flucht der betrogenen Braut vor ihrem überbordenden, alles verzehrenden Kummer und einer Zukunft ohne Hoffnungsschimmer.

»Porco dio! Wir sind eine Familie von Kämpfern. Vielleicht wird es höchste Zeit, dass auch du das lernst!« Ihre Augen sprühen Funken. Mit genau diesem Blick bringt meine Schwester zur Not wildfremde Menschen dazu, spontan die Straßenseite zu wechseln.

Aber auch ich spüre jetzt so etwas wie Wut in mir aufsteigen. Ich nehme schweigend mein Glas und lasse gereizt die Eiswürfel in der orangefarbenen Flüssigkeit klimpern. Auf eine Moralpredigt von Loretta-Miss-Perfect kann ich verzichten, mille grazie! Es ist doch wirklich meine Sache, wenn ich keine Lust auf diese Reise habe!

Ich setze mein Glas an und nehme einen tiefen Schluck. Dann sage ich: »Ich habe einfach keine Lust, Giovanni zur Last

Wütend zu sein fühlt sich auf einmal so viel besser an als die ständige Heulerei. Allerdings ist es ziemlich ernüchternd, wie wenig Eindruck ich damit auf meine Schwester mache.

»Aber natürlich sollst du das! Geh ihm ordentlich auf die Nerven! Liegt er uns nicht seit zwei Jahren in den Ohren, dass wir ihn endlich besuchen sollen?« Lo greift kopfschüttelnd nach ihrem Handy und tippt hektisch darauf herum.

»Es ist jetzt hmmm … acht Uhr bei Giovanni«, murmelt sie. »Der sitzt bestimmt beim Frühstück.« Dann fügt sie mit einem triumphierenden Lächeln hinzu: »Du kannst es jetzt gleich direkt von ihm hören. Er freut sich einfach wahnsinnig, wenn du kommst!«

Da haben wir es: Hinter meinem Rücken hat eine Geschwisterverschwörung stattgefunden. Damit will ich nicht behaupten, dass das eine neue Erfahrung in meinem Leben ist. Lo und Giovanni kleben wie Pech und Schwefel aneinander, und ich erfahre immer alles als Letzte.

In fünftausend Meilen Entfernung klingelt ein Handy. Allerdings wissen wir in dieser Sekunde noch nicht, dass Giovanni gar nicht drangehen kann. Und dass einen Moment später alles vergessen sein wird – Leon, meine Kündigung und das dumme Brautkleid.

 

Kaum hat Lo ihr Handy mit einem enttäuschten Stirnrunzeln beiseitegelegt, klingelt es. Sie schaut auf das Display und schüttelt mit gespielter Verzweiflung den Kopf.

»Mamma«, sagt sie.

Natürlich. Höchste Zeit. Mamma ruft uns gefühlt zweimal in der Stunde an.

»Was ist?« Meine Stimme überschlägt sich, und an den Nebentischen schauen ein paar Leute irritiert zu uns herüber.

Die dunklen, mandelförmigen Augen von Lo – dieselben sizilianischen Augen, die wir alle drei von Mamma geerbt haben – sind zu schmalen Schlitzen verengt. Sie beißt sich auf die Unterlippe, während Mammas Stimme immer aufgeregter klingt.

Lo nickt und sagt »Ja« und »Natürlich« und »Es wird alles gut, Mamma« und »Wir kommen sofort«, während ich verzweifelt an ihrer Hand ziehe, weil ich endlich hören will, was los ist. Dann ist das Gespräch beendet.

»Was ist?«, krächze ich mit einem Kloß im Hals.

Lo hebt den Kopf. »Giovanni hatte einen Unfall«, sagt sie, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Endlich Schluss für heute. Zehn Stunden in der Notaufnahme sind wirklich genug. In letzter Minute wurde noch eine junge Frau eingeliefert. Sie war auf der Eisbahn in ›Planten un Blomen‹ unglücklich gestürzt und hatte sich nahezu bilderbuchmäßig die Rippen gebrochen.

»Kannst du das noch übernehmen, Gabriel?«, fragte Chris, der Oberarzt. Das war an einem Tag wie diesem eher eine rhetorische Frage. Außerdem ist Chris ein ziemlich guter Kumpel. Damals, als ich diese schwierige Zeit mit Juliane hatte, war er mir eine echte Stütze. Also zog ich meinen Kittel wieder an und kümmerte mich um die Patientin.

Und jetzt ist es draußen längst dunkel. Als ich die Klinik endlich verlasse, weht mir das Hamburger Schietwetter fiesen Regen ins Gesicht. Das nasskalte Wetter ist auch nach drei Jahren noch eine Herausforderung für mich. Immerhin bin ich mit der trockenen Kälte und den strengen Wintern der Rocky Mountains aufgewachsen. Mir fehlt der Schnee. Morgens aufzuwachen und die Welt ist mit einer makellosen weißen Decke überzogen, die jedes Geräusch dämpft – das ist für mich das Schönste. Gerade vorhin hat mir Sarah ein paar Bilder geschickt: sie und Lilly, die zusammen einen Schneemann bauen, Buddy, der in einer Schneekuhle sitzt, mit Eisklumpen an seiner schwarzen Schnauze. Alle sehen extrem glücklich aus. Ein warmes Gefühl der Vorfreude durchflutet mich. Nur noch drei

Das Laufen an der frischen Luft ist genau das Richtige jetzt, auch wenn mich der Wind kräftig durchpustet. Überall an den schönen Altbauten des Viertels glitzert Weihnachtsdekoration. Mein Blick wird magisch angezogen von einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort hat jemand wirklich alles gegeben, um mit Dutzenden von Lichterketten gegen den dunklen Winter anzutreten. Es ist viel zu viel, dieses Glitzermeer, aber irgendwie auch wunderschön. An Weihnachten kann es auch für mich gerne etwas mehr sein.

Im selben Moment, als ich die Fassade betrachte, höre ich das Quietschen einer Fahrradbremse. Plötzlich läuft alles wie in Zeitlupe vor mir ab. Ich sehe den angeleinten Hund, der nicht etwa neben dem Fahrrad des Jungen herläuft, sondern direkt davor, und jetzt verheddern sich Hund, Leine und Fahrrad, und mit einem dumpfen Schlag fällt der Junge über den Lenker auf die Straße, direkt hinter einem am Kantstein geparkten Auto. Ich stürze los. Der Junge versucht schon, sich aufzurappeln, noch bevor ich bei ihm bin. Unter dem Helm kann ich sein Gesicht nicht gleich erkennen.

»Tobi.« Es klingt leicht benommen, und jetzt dreht Tobi mir sein Gesicht zu. Er ist etwa zehn, und der Schreck steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Ich heiße Gabriel und bin Arzt«, sage ich. »Glaubst du, dass du aufstehen kannst?«

Tobi nickt. »Ja, schon, aber meine Beine tun weh.«

Ich werfe einen schnellen Blick auf seine Beine. Seine Jeans sind an den Knien zerfetzt, und ich sehe einen kleinen Blutfleck.

Jetzt nähert sich der Hund mit einem zaghaften Schwanzwedeln. »Bine«, sagt Tobi streng. »Bleib auf dem Gehweg!«

»Hübscher Name«, sage ich zu Tobi. »Tut außer den Beinen noch irgendwas weh?«

Tobi sieht mich nachdenklich an und nickt.

»Hier«, sagt er und tippt auf seine Brust.

»Okay. Dann atme mal tief ein und aus. Tut das weh?«

Tobi beißt sich auf die Unterlippe. »Ja. Ein bisschen.«

»Warte kurz«, sage ich. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und wähle den Rettungsdienst. Während ich mit der Frau am anderen Ende spreche, bücke mich schnell und schnappe mir das Ende der langen Hundeleine. »Gut, dann versuchen wir das mal mit dem Aufstehen«, sage ich zu Tobi, nachdem ich aufgelegt habe. Er keucht ein bisschen, schafft es aber problemlos, auf die Füße zu kommen. Ich bin erleichtert, als er zwar etwas steif, aber doch ziemlich schnell auf seinen Füßen steht und wir die zwei kleinen Schritte auf den Gehweg geschafft haben.

Anschließend trage ich das Fahrrad von der Straße und lehne es an einen Laternenpfahl. Ich lasse das Schloss einrasten und gebe Tobi den Schlüssel. In diesem Moment ist auch

Tobi hebt den Kopf und sieht dem blinkenden Blaulicht entgegen.

»Hast du ein Handy?«, frage ich ihn.

Er sieht auf. »Nein. Ich kriege aber eins zu Weihnachten.« Jetzt lächelt er sogar. Sein Atem geht schnell, weil er aufgeregt ist, aber die Schmerzen beim Atmen scheinen nicht allzu schlimm zu sein.

Der Rettungswagen hält, und zwei Sanitäter eilen auf uns zu. Einen davon kenne ich sogar. Er erkennt mich ebenfalls und grinst mich an.

»Immer im Dienst, Doc?«

Ich nicke. »Der Junge ist vom Fahrrad gestürzt und mit dem Oberkörper in den Lenker gefallen.«

»Ui, dann lassen wir wohl die Rippen checken«, sagt der Sanitäter. Er heißt Ulf, gerade fällt es mir wieder ein.

Ich wende mich zu Tobi. »Du darfst jetzt mit dem Krankenwagen fahren. Die Ärzte schauen einfach nur nach, ob wirklich alles in Ordnung ist. Und die Sanitäter hier rufen gleich deine Eltern an, damit sie ins Krankenhaus kommen.«

Tobis Augen füllen sich mit Tränen. »Meine Eltern sind aber mit meiner kleinen Schwester einkaufen. Ich … ich sollte eigentlich mit Bine im Haus bleiben. Darf ich sie mitnehmen?«

Ulf und ich schütteln synchron den Kopf.

»Das geht leider nicht«, sage ich und lächle ihn an.

»Lass uns mal überlegen.«

»Kannst du vielleicht den Hund mitnehmen?«, schlägt Ulf vor. »Du wohnst doch hier in der Nähe, oder?«

»Okay, das mache ich.« Ich hole mein Handy heraus. »Dann schickt ihr die Eltern einfach bei mir vorbei.« Ich ziehe eine

»Dr. Gabriel An-to-nie, Un-fall-chi-rur-gie«, liest Tobi.

»Genau. Und darunter steht, wo ich wohne und unter welcher Telefonnummer mich deine Eltern erreichen können.«

»Alles klar«, sagt Tobi, der schon wieder deutlich selbstbewusster wirkt.

»Tschüss, Tobi«, sage ich und winke dem Jungen zu, der jetzt, von den Sanitätern gestützt, im Inneren des Wagens verschwindet.

Ich bleibe stehen, bis die roten Rücklichter des Rettungswagens um die Ecke verschwunden sind.

»Gut, Bine. Dann wollen wir mal sehen, was wir mit dem angefangenen Abend anstellen.«

Die Hündin wedelt erfreut mit ihrer buschigen Rute und folgt mir ohne Probleme, als ich mich in Bewegung setze.

»Wir müssen nur noch schnell ein Geschenk besorgen, aber das liegt sowieso auf dem Weg«, erkläre ich ihr. Sie ist wirklich süß.

Eigentlich ist es schon zu spät zum Shoppen. Wir erreichen den Laden mit den schönen Schals und Tüchern exakt zehn Minuten, bevor er schließt. Ich bin mir erst nicht sicher, ob man mich dort mit einem Hund willkommen heißen wird, aber meine Bedenken erweisen sich als völlig überflüssig.

»Meine Güte, ist der niedlich«, sagt die Besitzerin, eine rundliche ältere Frau mit wunderschönen weißen Haaren, als ich zögernd die Tür aufstoße. »Kommen Sie herein!«

»Ich beeile mich auch«, sage ich und beschreibe ihr Moms Geschmack.

Sie lächelt. »Da hätte ich schon eine Idee. Mal sehen, ob es Ihnen gefällt.«

 

Die Tür ist noch doppelt abgeschlossen. »Seltsam«, murmle ich vor mich hin, als ich das Flurlicht einschalte.

Heute ist Dienstag, und Juliane sollte längst vom Yoga zurück sein. Ich gehe mit Bine auf dem Arm ins Wohnzimmer und setze mich aufs Sofa. Aber noch bevor ich Julianes Nummer wählen kann, höre ich einen Schlüssel im Schloss.

»Hallo?« Julianes Stimme klingt irritiert. »Gabriel?«

»Im Wohnzimmer!«, rufe ich.

Julianes Absätze klappern über die Dielen im Flur. Dann taucht sie im Türrahmen auf. Ich sehe ihre schlanke, hochgewachsene Figur im Gegenlicht, und ich warte darauf, dass sie herkommt und mich auf die Wange küsst, wie wir es immer zur Begrüßung tun. Aber sie bewegt sich nicht von der Stelle.

»Wieso sitzt du im Dunklen?«, fragt sie, und irgendwie erscheint sie ziemlich gereizt. Bine gibt ein leises Winseln von sich. Juliane hat es gehört. Sie zuckt zusammen, und dann haut sie mit der flachen Hand auf den Lichtschalter. Es wird mit einem Schlag hell im Raum.

»Das ist doch jetzt nicht wahr«, sagt sie, und der Ausdruck in ihrem hübschen ebenmäßigen Gesicht ist so fassungslos, als säße ich mit einer fremden Frau auf dem Sofa. Mir fällt auf, wie rosig Julianes Haut ist und wie ihre Augen glänzen.

»Was ist das denn?« Sie starrt auf die kleine Hündin, die jetzt wild mit dem Schwanz wedelt und sich von mir frei machen möchte, um den neu angekommenen Menschen zu begrüßen.

»Ich bin Zeuge eines Unfalls geworden«, erkläre ich ruhig. »Ein Junge ist vom Rad gefallen. Der Hund gehört ihm, und ich schätze, seine Eltern holen ihn demnächst ab.«

Mit einem Mal ärgert mich ihre frostige Reaktion.

»Wäre das denn so schlimm, wenn wir uns wenigstens einen Hund anschaffen?«, frage ich.

Juliane schnaubt auf. »Gabriel, wirklich. Du weißt, dass ich mich gerade als Oberärztin in unserer Klinik bewerbe. Davon wird meine Arbeit nicht gerade weniger. Was soll ich da mit einem Hund?«

»Klar«, wiederhole ich. »Was sollst du mit einem Hund. Oder mit einem Kind. Ich kann ja froh sein, dass wir uns dann ab und zu auf dem Gang begegnen oder in der Kantine.«

Juliane stöhnt auf. »Gabriel, sei nicht albern. Das Thema hatten wir schon! Meine Karriere ist mir einfach wichtig!«

Das Klingeln der Hausglocke erspart mir eine Antwort. Es ist Tobis Vater mit der kleinen Schwester.

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagt er.

»Kommen Sie herein«, sage ich und setze Bine ab, die sich vor Freude überhaupt nicht mehr einkriegt. Das kleine Mädchen schlingt sofort ihre Arme um sie und steckt ihre Nase in das weiche Fell der Hündin.

»Sie riecht so gut«, sagt sie zu mir und lacht.

»Wie geht es Tobi?«, frage ich den Vater.

»Es ist nur eine Rippenprellung, dem Himmel sei Dank. Meine Frau ist schon bei ihm, und wir holen die beiden gleich ab.«

Er öffnet den Rucksack, der ihm über die Schulter hing, und überreicht mir eine Flasche teuren Prosecco.

»Es ist nur eine kleine Geste«, sagt er verlegen. »Wir können Ihnen wirklich nicht sagen, wie dankbar wir sind. Ihnen und Ihrer Familie –«, er wirft einen zögernden Blick zur Küchentür,

Ich lächle ihn an. »Das wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie auch.«

Ich schließe die Tür und höre die kleine Schwester im Treppenhaus noch fröhlich plappern. Dann drehe ich mich um und gehe in die Küche.

Juliane hat sich ein Glas Rotwein eingeschenkt und sitzt am Küchentisch. Sie sieht aus dem Fenster in den dunklen Hinterhof.

»Alles in Ordnung bei dir?«, frage ich, und ein rätselhaftes, beklommenes Gefühl breitet sich in mir aus. »Wo hast du denn so lange gesteckt?«, schiebe ich hinterher, als sie nichts sagt.

Jetzt wendet sie mir ihr Gesicht zu. Der Glanz ist aus ihren Augen verschwunden, und sie sieht angespannt aus.

»Wir müssen reden«, sagt sie, und eine feine, scharfe Nadelspitze bohrt sich in meine Brust.

Diesen Satz habe ich schon einmal von ihr gehört.

Meine Kehle schnürt sich zu und macht das Sprechen beinahe unmöglich. Aber ich schaffe es trotzdem.

»Lass mich raten«, sage ich, und der Schmerz in der Brust wird schlimmer. Und plötzlich weiß ich Bescheid. »Du warst gar nicht beim Yoga. Du warst … überhaupt niemals beim Yoga.«

Juliane starrt mich an, und ihre Augen glitzern verdächtig.

»Es tut mir wirklich leid«, sagt sie leise und meidet meinen Blick. »Es ist einfach passiert. Ingo und ich wollten es nicht.«

»Ach, genau wie beim letzten Mal?«, frage ich und lege meine gefalteten Hände in den Nacken. Für einen kurzen Moment schließe ich resigniert die Augen. Juliane und ihr Personal Trainer. Es ist so abgeschmackt, dass mir fast übel davon

»Und jetzt?«, frage ich irgendwie vollkommen erschöpft. »Was ist der Plan?«

Juliane nimmt einen Schluck Wein. »Ich weiß es nicht«, sagt sie. »Ich brauche Zeit zum Nachdenken.«

Und plötzlich sehe ich uns beide wieder vor mir, wie wir vor zwei Jahren in diese fantastische Altbauwohnung eingezogen sind. Da kannten wir uns immerhin schon ein Jahr. Wie wir uns hier auf dem schwarz-weiß gefliesten Küchenboden geliebt haben. Wie glücklich wir waren und wie wahnsinnig verliebt.

»Ich will nicht, dass es vorbei ist«, sage ich.

Juliane seufzt und steht auf. »Ich brauche eine Auszeit, um nachzudenken. Ich bin völlig durcheinander.« Sie geht zur Spüle und schüttet den restlichen Wein ins Becken. »Ich ziehe für eine Weile zu Susanna«, sagt sie über die Schulter.

»Okay.« Meine Stimme klingt fremd, sarkastisch. »Und wenn wir uns bei der Arbeit sehen, grüßen wir uns dann?«

»Ich habe mir den Rest der Woche freigenommen. Und dann bist du ja weg«, sagt sie und hat schon die Klinke in der Hand.

Aus bitterer Erfahrung weiß ich, dass dies keine Situation ist, in der sich eine weitere Diskussion lohnt.

»Mach’s gut«, sagt sie. »Ich hole morgen ein paar Sachen, wenn du im Dienst bist.«

»Mach’s gut!«, erwidere ich mechanisch.

Kurz darauf fällt die Tür ins Schloss, und ich nehme alle Kräfte zusammen, um nicht daran zu denken, was eben passiert ist. Wie betäubt mache ich mich daran, das Gemüse zu

Auch ich brauche Abstand. Über Juliane werde ich erst wieder nachdenken, wenn ich endlich im Cold Creek Valley bin.

Das Flugzeug durchstößt die Wolkendecke, und auf einmal strahlt die Sonne so hell, dass ich für einen kurzen Moment die Augen zusammenkneifen muss. Alles draußen scheint zu glitzern. Mein Herz klopft laut, und eine Woge von Glücksgefühlen schlägt über mir zusammen. Es ist tatsächlich wahr – ich, Chiara di Pasqua, bin auf dem Weg nach Denver. Es ist nicht so, dass ich es unbedingt wollte. Sagen wir eher, die besonderen Umstände ließen mir keine andere Wahl, und erst recht nicht meine Freundin Bonnie. Die wollte sich mein Schluchzen und Jammern nicht einen Tag länger anhören.

»Hör mal«, sagte sie, als es gerade wieder besonders schlimm war und ich vom Weinen schon heftigen Schluckauf hatte, »du fliegst jetzt nach Colorado, und das ist ein Befehl. Du musst dringend für eine Weile raus aus dieser Stadt. Und da drüben lachst du dir einen Kerl an, der dir die Zeit versüßt.«

»Einen Kerl? Du liebe Güte! So, wie ich zurzeit aussehe und mich fühle, wird das garantiert ein Erfolg!«

Aber Bonnie ließ nicht locker. Sie selbst ist total aufgeschlossen, und ihr Liebesleben war, im Gegensatz zu meinem, schon immer sehr bunt und unterhaltsam. Sie kommt mir jedenfalls immer sehr glücklich vor, und sie hat noch nie die Schmach erlebt, ein Hochzeitskleid zurückbringen zu müssen. Also gab ich letztendlich nach.

Jetzt bin ich hier an Bord eines Flugzeugs, eines Airbus

Es gab Zeichen. Viele. Man hätte einen ganzen Beziehungsratgeber damit füllen können. Mein Büro war gleich neben seinem, und ich konnte durch die Wand mithören, wie er mit unseren Mandantinnen flirtete. Er duzte sich mit ihnen und machte Hausbesuche. Manchmal kommentierte er abends, wenn wir auf dem Sofa kuschelten, die Outfits der Frauen im Büro, und seine herablassende Weise dabei gefiel mir überhaupt nicht. Und was mich anging, so fand er meine Haare zu lockig, meine Röcke zu lang, meine Schuhe zu flach. Ich gab mir echt Mühe, kaufte Klamotten, die ich gar nicht mochte, und stand stundenlang im Bad. Inzwischen wird mir schwarz vor den Augen, wenn ich daran denke, wohin das noch alles geführt hätte.

Ja, ich kann mit Stolz behaupten, dass ich seit zwei Tagen wieder klar denken kann. Und ich bin zu dem Schluss gekommen: Dem Himmel sei Dank für Trisha. Und der liebe Gott möge sie davor beschützen, Leon heiraten zu wollen.

 

Es ist nicht mein erster Flug. Aber nie zuvor habe ich eine Fernreise gemacht. Lo hat es sich nicht nehmen lassen und mich bis zum Check-in begleitet. Was sich als eine gute Idee herausstellte, denn ich war höllisch aufgeregt. Ohne sie hätte ich mich im Flughafen garantiert ein halbes Dutzend Mal verlaufen. Allerdings brauchten wir auch etwas länger, weil Lo gleich zweimal zur Toilette musste. Ich bin ein bisschen traurig, dass ich jetzt also die Geburt meiner Nichte verpassen werde.

 

Allmählich entspannt sich mein Puls, und ich genieße den Prosecco, den mir die freundliche Stewardess gerade gereicht hat, auch wenn neben mir kein umwerfend attraktiver, interessanter Mann sitzt, wie es sich Bonnie für mich gewünscht hat. Aber ich habe für meine Unterhaltung vorgesorgt. Ich krame meinen Kopfhörer aus der Tasche und wähle mir aus dem Bordprogramm einen Musiksender aus. Dann nehme ich den Reiseführer heraus, den ich in letzter Minute noch gekauft habe, und vertiefe mich dahinein. Allerdings schweifen meine Gedanken ständig ab, zu Giovanni und zu all dem, was mich in Colorado wohl erwartet.

 

»Kein Grund zur Panik, es sind ja nur Knochenbrüche«, hatte Charlotte, Giovannis Freundin, beim ersten Telefonat zu Papà gesagt. »Die Schulter, das Handgelenk, ein paar Rippen. Nichts Ernstes.«

Darüber kriege ich mich jetzt noch nicht ein. Charlotte ist wirklich cool. Jedenfalls hat sie absolut keinen Schimmer, welche Aufregung allein das Wort »Knochenbrüche« in meiner Familie auslöst. Mamma fing an zu weinen und sagte, im Krankenhaus sei das Essen wirklich schlimm und Charlotte solle aufpassen, dass Giovanni nicht verhungert. Lo behauptete, sie hätte plötzlich leichte Krämpfe, die möglicherweise auch Wehen sein könnten. Glücklicherweise ein Fehlalarm, wie sich etwas später herausstellte.

Das Absurde an diesem Unfall ist, dass die ganze Sache