Über den Autor

Andreas Eschbach, 1959 in Ulm geboren, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung »für schriftstellerisch hochbegabten Nachwuchs« schrieb er seinen ersten Roman DIE HAARTEPPICHKNÜPFER. Bekannt wurde er durch den Thriller DAS JESUS-VIDEO. Mit EINE BILLION DOLLAR (2001) stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Autoren auf. Es folgten u. a. Bestseller wie AUSGEBRANNT (2007), HERR ALLER DINGE (2010), TODESENGEL (2013) und DER JESUS-DEAL (2014). Andreas Eschbach lebt heute als freier Schriftsteller in der Bretagne.

Weitere Infos zum Autor unter www.andreaseschbach.com

ANDREAS ESCHBACH

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Thriller

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOGWir Menschen sind sensibler, als die meisten von uns ahnen. Hätten wir keinen Filter im Hirn, die Flut der Sinneseindrücke würde uns überwältigen.

Man kann diesen Filter ausschalten. Ich kann es.

Man sollte es nur tun, wenn man mit der Flut umgehen kann. Auch das kann ich.

Deswegen durchquere ich die Nacht, als bewege ich mich durch einen ungeheuren, lebendigen Organismus. Ich höre die Dunkelheit. Ich fühle die Stimmen Tausender von Menschen. Ich spüre sie atmen, reden, lachen, seufzen. Ich sehe ihre Ängste. Ich rieche ihre Hoffnungen. Ich schmecke ihre Traurigkeit, ihre Verzweiflung, ihre Enttäuschungen.

Ich bin eins mit allem. Das sagt sich leicht, aber kaum einer von denen, die es gesagt haben, hat je gewusst, wovon er redet. Ich weiß es. Ich bin es.

Ich bin auf dem Pfad des Kriegers.

Symphonien flackernder Leuchtreklamen umspülen mich. Scharfkantige Hochhäuser stempeln ihre Silhouetten gegen den nachtfarbenen Himmel. Autos, Taxen, Busse flirren als hektische Interpunktionen, Motorräder sägen in der Ferne, und ich bin der einzige Mensch weit und breit, der zu Fuß geht.

Alles ist ruhig. Aber es ist die Art Ruhe, auf die Stürme folgen. Ich ahne es. Ich spüre es. Ich weiß es.

Ich mache mir keine Gedanken. Ich bin seit Stunden unterwegs, doch ich habe Geduld – nein, ich bin Geduld. Alles wird zur richtigen Zeit geschehen. Es gibt nichts zu beschleunigen, nichts zu bremsen, nichts zu verpassen.

Und es gibt nichts zu entscheiden.

Weil alles längst entschieden ist.

Es ist längst entschieden, dass ich den Abgang einer U-Bahn-Station in genau dem Augenblick erreiche, in dem Schmerz daraus zum Himmel flammt wie ein Fanal, schrecklicher Schmerz und Todesangst.

Auch, dass ich die Treppe hinabsteige, ist längst entschieden.

Ich bin im Zustand der Gnade. Ich werde im richtigen Moment am richtigen Ort sein.

Und das Richtige tun.

1Zivilcourage! Das Wort lag ihm quer, seit Evelyn es ihm ins Gesicht geschleudert hatte. Was verstand sie schon von diesen Dingen? Seine Schwiegertochter war ein Kind gewesen, als die Mauer gefallen war, und überdies im Westen aufgewachsen: Sie hatte die Zeit damals nicht erlebt.

Ein kalter Herbstwind fegte die Straße herab, schien nach einem Ausgang aus den Häuserschluchten zu suchen. Erich Sassbeck schlug den Mantelkragen hoch und bedauerte es, keinen Schal mitgenommen zu haben. In seinem Alter musste man Erkältungen fürchten.

Außerdem hatte er sich nichts vorzuwerfen. Er hatte nur seinen Dienst getan. Seine Pflicht erfüllt. Die Grenze hatte anti-imperialistischer Schutzwall geheißen, und so ganz falsch war diese Bezeichnung ja auch wieder nicht gewesen, oder?

Wenn man sich so ansah, wie das Leben heute war. Da hatten sie es früher in mancher Hinsicht schöner gehabt.

Aber das durfte man ja auch nicht sagen.

In Sachen Meinungsfreiheit hatte sich gar nicht so viel geändert. Es waren nur andere Dinge, die man sagen durfte oder eben nicht. Da sollte ihm keiner was anderes erzählen.

Es herrschte wenig Verkehr. Trotzdem blieb Erich Sassbeck an der Fußgängerampel stehen, wartete, dass sie grün wurde. Ein Taxi hielt; der Fahrer blickte ihn an, als erwarte er, in ihm einen Fahrgast zu finden.

Sassbeck schüttelte unwillkürlich den Kopf. Seine Rente reichte gerade so zum Leben. An Extravaganzen wie Taxifahrten durch die halbe Stadt war im Traum nicht zu denken.

Zum Glück war es nicht mehr weit bis zur U-Bahn-Station. Dort unten würde es wärmer sein.

»Aber hättest du es getan?«, hatte Evelyn insistiert. »Hättest du auf jemanden geschossen, der versucht zu fliehen?«

Er hatte geantwortet, dass er das nicht wusste. Dass man nicht wissen konnte, wie man in so einer Situation handeln würde, ehe es so weit war.

»Du redest dich raus«, hatte sie sich aufgeregt. »Du hast bloß Glück gehabt. Mit mehr Zivilcourage hättest du gesagt, ich mach das nicht, ich mach diesen Dienst nicht, weil ich nicht auf Leute schießen werde, die nichts Böses getan haben!«

Ihm wurde jetzt noch ganz heiß, wenn er an diesen Streit zurückdachte. Es stimmte; er war froh, nie in eine solche Lage gekommen zu sein. Er hatte ja mitgekriegt, wie es anderen ergangen war, nachdem sie auf Republikflüchtlinge geschossen hatten. Ein jüngerer Kollege, Rolf aus Karl-Marx-Stadt, hatte eine Frau getötet, die nach Westberlin fliehen wollte. Rolf hatte angefangen zu saufen, geradezu klassisch. Kurz darauf war er versetzt worden, und man hatte nie wieder etwas von ihm gehört.

Endlich, die U-Bahn. Erich Sassbeck seufzte, als er in den warmen Mief eintauchte, der die Treppe heraufkam. Die seltsamen Schmierereien, die auf den ersten Blick aussahen wie eine Inschrift, die man aber nicht lesen konnte, waren immer noch da. Die Stadt hatte es schon lange aufgegeben, der Sprayer Herr werden zu wollen, hatte kapituliert.

Das jedenfalls, dachte Sassbeck und spürte seine Knie wieder, während er die Stufen hinabstieg, hätte es früher nicht gegeben. Und sei es nur, weil niemand Farbe übrig gehabt hätte. Oder wenn, hätten die Leute etwas Besseres damit anzufangen gewusst.

Noch 12 Minuten, behauptete die Anzeigetafel. Komfortable Sache, das musste man zugeben. Sassbeck studierte trotzdem den Fahrplan im Schaukasten. Die vorletzte Bahn Richtung Stadtmitte. Hatte er sich also richtig erinnert. Beruhigend, dass er sich wenigstens auf seinen Kopf noch verlassen konnte.

Ein lautes Geräusch – ein dumpfer Schlag auf Metall – ließ ihn aufhorchen. Es kam vom Ende des Bahnsteigs, unterhalb der Treppe, die aus dem Mittelgeschoss herabführte. Sassbeck trat ein paar Schritte zur Seite, um zu sehen, was da los war.

Es waren zwei Jugendliche, von denen einer es aus irgendeinem Grund auf eine dort angebrachte Sitzbank abgesehen hatte. Jetzt wieder: Er ging rückwärts, um Anlauf zu nehmen, plusterte sich auf und sprang dann mit voller Wucht gegen die Plastikschalensitze. Diesmal knallte es nicht nur dumpf, man hörte auch etwas brechen.

Der andere Junge stand dabei und schien sich großartig zu amüsieren. Sassbeck verstand nicht, was er sagte, aber es klang, als feuere er seinen Kumpanen an.

Sassbeck wollte sich schon abwenden, als ihm Evelyn wieder einfiel und der Streit mit ihr.

Zivil wie in Zivilisation. Wie in Zivilist.

Courage – das französische Wort für Mut.

Zivilcourage. Der Mut des Bürgers.

Der andere Junge nahm jetzt ebenfalls Anlauf. Die beiden schienen entschlossen zu sein, die Sitzbank zu zertrümmern.

Noch 10 Minuten, stand auf der Anzeigetafel.

Erich Sassbeck gab sich einen Ruck, ging auf die Jugendlichen zu. »He«, rief er, als er nahe genug heran war. »Ihr da. Das tut man nicht.«

Die beiden hörten auf, schauten ihn an, grenzenlose Verwunderung im Blick. Offensichtlich war es lange her, dass ihnen jemand gesagt hatte, was sich gehörte.

»Diese Bank«, fuhr Sassbeck fort, »ist Gemeineigentum. Es ist nicht in Ordnung, das Eigentum aller zu beschädigen.«

Die Sachen, die sie trugen, sahen neu und teuer aus, aber sie passten ihnen nicht, und sie passten auch nicht zusammen. Als hätten sie viel Geld ausgegeben, um hässlich gekleidet zu sein.

»Ey«, sagte der eine, »bist du scheiße im Kopf oder was?« Es klang wie ein Akzent, aber zugleich so, als mache er diesen Akzent nur nach.

»Ich sage nur –«

»Willst du Streit, Mann?«

Sassbeck holte Luft. »Nein. Nein, ich suche keinen Streit. Ich möchte nur, dass ihr das lasst.«

Sie ließen es. Es war unübersehbar, dass die Bank sie nicht mehr interessierte.

Sie kamen auf ihn zu. Er war viel interessanter.

»Ey«, sagte der andere, »meins’ du, ich lass mir von alten Knackern was vorschreiben?«

Es klang unangenehm, wie er das sagte.

Es klang richtig gefährlich.

Erich Sassbeck sah sich um. Der Bahnsteig lag verlassen; außer ihm und den zwei Jugendlichen war niemand da. Und er war sechsundsiebzig – zu alt, um davonzurennen.

Sassbeck sah die beiden auf sich zukommen, wollte etwas sagen, etwas, das die Situation wieder entspannte, bis in

8 Minuten

die U-Bahn kam, aber er wusste nicht, was.

Das mit der Zivilcourage kam ihm auf einmal vor wie eine verdammt hinterhältige Falle.

Vielleicht würde er jetzt sterben. Das las man oft in der Zeitung, von Leuten, die in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen wurden und von denen es manche nicht überlebten.

Irmina Shahid sah auf die Uhr, während sie die Treppe zur U-Bahn hinabeilte. Doch, die Bahn würde sie noch kriegen. Gut. Es wäre auch zu peinlich gewesen, wenn sie ihre Freundin noch einmal herausklingeln und um Geld für ein Taxi nach Hause hätte bitten müssen.

Sonst nahm sie immer die Bahn eine halbe Stunde früher, nicht die letzte. Die hier würde nur bis zur Wendeschleife hinausfahren und dann noch einmal stadteinwärts ins Depot. Die Lumpensammler-Fahrt. Da hockten oft seltsame Gestalten in den Wagen, und man erlebte bisweilen unerfreuliche Dinge. Doch sie hatten sich seit Claires Operation nicht gesehen und einander viel zu erzählen gehabt.

Am unteren Ende der Treppe, in dem Gang, der vorne auf den Bahnsteig führte, hörte sie ungewöhnliche Geräusche. Sie blieb stehen, lauschte angespannt. Da schrie jemand. Zwei Leute, die Schreie ausstießen, deren Aggressivität einen erschaudern ließ. Dazu dumpfe Schläge, wieder und wieder.

Auch das noch. Eine Prügelei.

Irmina Shahid überlegte. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre wieder gegangen, letzte Bahn hin, letzte Bahn her. Sie zog es vor, derlei hässlichen Dingen aus dem Weg zu gehen.

Andererseits war das nicht richtig. Wenn alle so handelten, war es kein Wunder, dass solche Dinge immer öfter vorkamen.

Ihr Blick blieb wie von selbst auf einem uralten, schmierig aussehenden Notrufkasten hängen. Sie konnte die Polizei rufen. Ungern, weil sie aus Erfahrung wusste, was das für Unannehmlichkeiten nach sich zog, aber das war etwas, das sie tun konnte.

Jetzt hörte sie auch jemanden stöhnen.

Sie schlich an der Wand entlang, die von oben bis unten vollgeklebt war mit Konzertplakaten, Wohnungsgesuchen und Ankündigungen von Flohmärkten. Vorne angekommen, spähte sie behutsam um die Ecke.

Tatsächlich. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig traten zwei Jugendliche auf einen alten Mann ein, der am Boden lag, die Hände vor dem Kopf, und nur noch zuckte, wenn ihn die Stiefel trafen. Sie hörten nicht auf, schrien und traten, schrien und traten …

Irmina Shahid fuhr zurück, lehnte sich für einen Moment gegen die Wand. Ihr Herz schlug auf einmal wie wild. Gewiss, die Gleise lagen zwischen ihr und den beiden Schlägern, aber was hieß das schon?

Sie musste etwas tun. Sie griff in ihre Handtasche, kramte darin und zog ihr Handy heraus.

So also würde er sterben. Das war alles, was Erich Sassbeck denken konnte. Dass dies sein letztes Stündlein war, wie man so sagte.

Auch wenn er sich das freilich anders vorgestellt hatte.

Sie traten auf ihn ein, schrien ihn an, bespuckten ihn. Er schmeckte sein eigenes Blut, spürte seine Rippen unter ihren Tritten brechen. Sie waren außer sich, übten keinerlei Zurückhaltung. Dass er alt und gebrechlich war, schienen sie überhaupt nicht wahrzunehmen, geschweige denn, dass es sie gebremst hätte. Erich Sassbeck lag am Boden, sah ihre Fußtritte kommen und ihre wutverzerrten Gesichter und begriff nicht, wie so etwas möglich war. Sie tobten eine Wut an ihm aus, deren Ursache er unmöglich sein konnte, und sie taten es ohne jedes Mitgefühl und ohne einen Rest von Menschlichkeit. Er hatte aufgehört, um Hilfe zu schreien, und er winselte auch nicht mehr um Gnade. Er wartete nur noch darauf, dass es endlich vorbei war.

Doch da, genau in dem Moment, in dem er mit seinem Leben abgeschlossen hatte, geschah etwas. Etwas, mit dem Erich Sassbeck noch weniger gerechnet hätte als mit einem solchen Ende.

Er sah einen Engel.

Es war ein Wunder. Es war eine Erscheinung. Es konnte unmöglich wahr sein. Ein strahlend weißer Engel war lautlos hinter den beiden tobenden Jugendlichen erschienen, die ihn nicht bemerkten, sondern weiter schrien und zutraten, bloß dass ihre Tritte und Schreie auf einmal wie im Nebel zu verschwinden schienen.

Erich Sassbeck war zutiefst erschüttert von diesem Anblick. Er war im Geist des Marxismus-Leninismus erzogen worden, hatte Religion stets als Opium fürs Volk betrachtet und erwartet, mit dem Tod einfach zu verlöschen. Niemals hätte er geglaubt, am Ende seines Lebens ausgerechnet einem wahrhaftigen Engel zu begegnen.

Aber der Engel war da. Sassbeck sah ihn so deutlich vor sich wie die Pfeiler, die die Decke der U-Bahn-Station stützten, so deutlich wie die Anzeige, die gleichmütig verkündete: Noch 3 Minuten. Der Engel sah aus wie ein schlanker, schöner, ernster junger Mann. Sein Blick war kühl und, seltsamerweise, gnadenlos. Er trug ein weites, von innen heraus in strahlendem Weiß leuchtendes Gewand, und er hatte lange, weiße Haare, die ein Luftzug wehen ließ und die ebenfalls leuchteten wie illuminiert.

Erich Sassbeck spürte die Tritte seiner Peiniger kaum noch. Er hatte nur mehr Augen für die Erscheinung. War der Engel gekommen, um ihn abzuholen? Würde er sich nun zu ihm hinabbeugen, um seine Seele zu bergen und mitzunehmen in eine bessere Welt?

Der Engel tat nichts dergleichen. Stattdessen hob er die Arme, in jeder Hand eine Pistole, und schoss die beiden jugendlichen Angreifer in den Kopf.

2Ingo Praise ließ sich gegen die knirschende Lehne seines Schreibtischstuhls sinken und starrte den Text auf dem Monitor an wie einen Feind.

Er machte sich etwas vor, und er wusste es.

Heute Vormittag finden in den drei Sälen des Amtsgerichts drei Verhandlungen statt, hatte er geschrieben. In Saal 1 steht ein Kunstfälscher vor Gericht, der zwölf Jahre lang Gemälde von wenig bekannten Künstlern so überzeugend geschaffen hat, dass nicht einmal Experten den Schwindel durchschauten: Er wird zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. In Saal 2 wird gegen einen Importeur verhandelt, der mithilfe von Strohmännern fünf Millionen Euro Umsatzsteuer hinterzogen hat: Er wird zu vier Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt, und für eine Steuerhinterziehung in dieser Höhe ist ein Aussetzen der Strafe auf Bewährung ausgeschlossen.

Ich aber sitze unter den Zuschauern im Saal 3. Es ist der letzte Verhandlungstag in einem Fall schwerer Körperverletzung, der sich vergangenen März zugetragen hat. Damals hat ein 19-Jähriger zusammen mit einem jüngeren Freund einen 38-jährigen Elektroinstallateur um einen Euro angebettelt, der ihnen noch für Zigaretten fehlte. Als der Mann sich weigerte, ihnen Geld zu geben, schlugen sie unvermittelt auf ihn ein. Im Lauf der Auseinandersetzung stürzte der Elektroinstallateur unglücklich gegen die Kante einer Schaufenstervitrine und erlitt dabei so schwere Schädelverletzungen, dass er heute geh- und sprechbehindert ist, vermutlich für immer. Seinen Beruf wird er nie wieder ausüben können.

Diese beiden Angeklagten erhalten dafür, dass sie das Leben eines Menschen zerstört haben, zwei Jahre Freiheitsstrafe.

Auf Bewährung.

Er hörte schon förmlich, wie Rado an dieser Stelle seufzen und sagen würde: »Ingo – begreif es doch endlich! Diese Art von Artikel passt nicht in die politische Großwetterlage.«

Im Grunde war es zwecklos, weiterzuschreiben. Er konnte es nur nicht lassen. Würde es nie können.

Ingo griff nach der Flasche, goss sich Wein nach, den billigen roten Fusel, den sein Budget hergab. Den hatte er nach Tagen wie diesem nötig.

Es hätte noch viel mehr über diesen Prozess zu schreiben gegeben. Über das Gerangel, ob die Öffentlichkeit vom Verfahren ausgeschlossen werden müsse, weil einer der beiden Täter zum Zeitpunkt der Tat erst 17 Jahre alt gewesen war. Darüber, wie die Ehefrau des Opfers nach der Urteilsverkündung zusammengebrochen war. Darüber, dass ein Zeuge ausgesagt hatte, die beiden hätten noch auf den Mann eingetreten, als dieser schon bewusstlos am Boden gelegen habe, und wie der Richter ihn mit dem Argument abgewürgt hatte, aus dem Gutachten des Sachverständigen gehe bereits hervor, dass es wesentlich der unbeabsichtigte Sturz des Mannes gegen die Vitrine gewesen sei, der zu dessen Behinderung geführt habe. Darüber, wie das Opfer das Gericht im Rollstuhl durch den Hinterausgang verlassen hatte, während die beiden Täter, zwei große, muskelbepackte Gestalten mit ausrasierten Nacken, vor dem Haupteingang von einer Schar Beifall klatschender Freunde erwartet worden waren.

Wie sie einander High Five gegeben hatten, ehe sie in das Auto gestiegen waren, das bereitstand, um sie abzuholen. Davon war Ingo sogar ein Foto geglückt.

Aber auch das konnte er vergessen. »Wir haben eine gesellschaftliche Aufgabe«, pflegte Radoslav Törlich, Redakteur des Abendblatts und einer seiner wenigen verbliebenen Kontakte in die Medienwelt, gern salbungsvoll zu erklären. »Ein solches Bild abzudrucken würde nur ungute Stimmungen schüren. Dafür dürfen wir uns nicht hergeben.«

In Wirklichkeit war Rado so ungefähr der Letzte, der auf irgendwelche gesellschaftlichen Aufgaben Rücksicht nahm. Alles, was ihn interessierte, waren Quoten und Verkaufszahlen. Er fragte nicht nach dem Wahrheitsgehalt einer Nachricht, sondern nur nach ihrem Medienwert.

Und was das Thema anbelangte, dem Ingo mehr Zeit und Energie widmete als jedem anderen, vertrat Rado einen glasklaren Standpunkt: »Opfer interessieren niemanden. Opfer sind peinlich. Niemand will etwas über die Schicksale von Opfern lesen, weil er sich sonst sagen müsste, dass es ja auch ihn treffen könnte. Und das will niemand wissen.«

Das Dumme war, dass Ingo ihm da nicht einmal widersprechen konnte.

Er kippte das Glas hinab, hatte das Gefühl zu spüren, wie der Wein sich mit seinem Blut vermischte und es am Sieden hinderte. Verdammt noch mal!

Ein Blick auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht. Außerdem wurde er in zwei Jahren dreißig, ohne dass sich so etwas wie eine Perspektive in seinem Leben aufgetan hätte.

Die Vorstellung, eines Tages einen ordentlichen Job zu haben, mit Anstellungsvertrag, Urlaubsanspruch und Krankengeld, hatte er längst aufgegeben. Wie viele fest angestellte Journalisten gab es überhaupt noch? Ingo las die Statistiken nicht mehr, wusste nur, dass es immer weniger wurden. Alle Redaktionen wurden ausgedünnt, immer mehr Seiten einfach mit umformulierten dpa-Meldungen gefüllt. Der Journalismus starb aus, zumindest die Art, die er machen wollte. Die Art Journalismus, die Missstände aufdeckte. Die Art, der es um die Wahrheit ging, nicht darum, was »die Leute« angeblich lesen wollten, was »angesagt« war oder welche Sau die Konkurrenz gerade durchs Dorf trieb.

Ingo griff nach der Tastatur, drückte die Tastenkombination, die seine Ideen-Sammel-Datei aufrief, und tippte: Ich bin ein Journalismosaurus. Konnte man vielleicht mal brauchen. Auf alle Fälle fühlte er sich im Moment wie einer.

Draußen war ein Martinshorn zu hören. Ingo sah zum Fenster. Blaulicht zuckte über die Fassaden der gegenüberliegenden Straßenseite. Bestimmt die Polizei. Er musste wieder an den Tag heute im Amtsgericht denken und wie frustriert die als Zeugen geladenen Polizisten gewirkt hatten.

Dann horchte er auf. Das Martinshorn war nicht, wie sonst, allmählich in der Ferne entschwunden, sondern ausgeschaltet worden. Und das Blaulicht zuckte noch immer.

Ingo ging zum Fenster, öffnete es und schaute hinab. Tatsächlich: ein Streifenwagen, der vor den Treppenabgängen zur U-Bahn-Station angehalten hatte. In der Ferne hörte er ein weiteres Martinshorn, aus Richtung des Ringhospitals. Was vermutlich hieß, dass es sich um einen Krankenwagen handelte.

Er fröstelte. Hier oben im fünften Stock blies ein scharfer Wind. Allmählich wurde es amtlich mit dem Herbst. Wieder einmal war ein Sommer verstrichen, ohne dass er Zeit gefunden hatte, ins Freibad zu gehen. Und in eine Straßenwirtschaft hatte er es auch kein einziges Mal geschafft.

Tatsächlich, ein Krankenwagen. Zwei Sanitäter in orangeroten Jacken holten eine Trage heraus, eilten damit die Treppe hinab.

Ein Unfall also. Ingo überlegte, ob er Rekorder und Kamera schnappen und hinuntergehen sollte. Wenn er schon mal einen Fall frei Haus geliefert bekam. Dann fiel ihm wieder ein, dass ihm Kollegen immer rieten, nicht so besessen zu sein. Was je nach Sachlage hieß, so zu schreiben, dass es den großen Anzeigenkunden gefiel, oder die Kunst zu verfeinern, Pressemitteilungen so umzuformulieren, dass sie sich wie richtige Artikel lasen, aber nur zehn Prozent der sonst dafür nötigen Arbeit machten.

Also: nein. Wenn er mit einem Fünfzeiler über einen Unfall in der U-Bahn ankam, würde er nur seinen eigenen Marktwert senken.

Obendrein war ihm zu kalt. Hing vielleicht mit dem Rotwein zusammen. Er schloss das Fenster wieder und leerte den Rest der Flasche in sein Glas. Während der Computer herunterfuhr, schaltete er die Stereoanlage ein. Er hatte ein paar neue Alben heruntergeladen, die es zum Aktionspreis gegeben hatte, aber nach kurzem Überlegen entschied er sich für eine alte CD von U2. I Still Haven’t Found What I’m Looking For – das war jetzt genau das, was er brauchte.

Die Nachtschicht war ihr vorgekommen wie die ideale Gelegenheit, erst recht, wenn das Krankenhaus, wie heute, Notaufnahme hatte. Da gab es immer so viel zu tun, dass niemand mitkriegen würde, was sie tat. Leichtes Spiel also.

Zumindest hatte Theresa Diewers sich das so überlegt.

Und dann das.

Zuerst war es ein ganz normaler Notfall gewesen. So einer, bei dem diensthabende Ärzte rennen, Türen krachen, aufgeregte Stimmen durch die Flure hallen. Not-OP, hatte Theresa nur gedacht und sich weiter ihren Patienten gewidmet. Die Station war gut gefüllt, viele der Frischoperierten unruhig, sodass auch nach Mitternacht keine wirkliche Ruhe einkehrte.

Doch dann stand plötzlich dieser Polizist vor ihr und fragte nach einem Getränkeautomaten. Ein breitschultriger Mann, Mitte dreißig, mit Grübchen auf den Wangen, in Uniform und Lederjacke. Sie erklärte ihm den Weg. Als er endlich ging und sie seine Schritte über den lackierten Boden davonquietschen hörte, musste sie sich setzen, weil ihr am ganzen Körper der Schweiß ausgebrochen war.

Sie sagte sich etwa hundertmal, dass die Polizisten aufgrund des Notfalls da waren. Sie bewachten jemanden. So etwas kam vor. Nicht oft, aber sie hatte es schon erlebt. Die waren nicht wegen der kleinen weißen Pappschachtel in Theresas Rucksack hier, garantiert nicht. Davon ahnten die nicht einmal was.

Trotzdem schwitzte sie.

Dass das aber auch ausgerechnet heute passieren musste!

Es war eine so günstige Gelegenheit gewesen; eine, die sie sich unmöglich hatte entgehen lassen dürfen. Biene und Nessi hatten in der Spätschicht angefangen, den Arzneischrank auszumisten. Natürlich nicht, weil sie nichts Besseres zu tun gehabt hätten, sondern weil die Apothekerin die Station zum dritten Mal angemahnt hatte und diesmal in einem Ton, der klarmachte, dass keine Ausreden mehr akzeptiert wurden. Und natürlich waren Biene und Nessi nicht fertig geworden. Deswegen stand die Kiste mit den abgelaufenen Medikamenten zur Rückgabe an die Krankenhausapotheke immer noch im Stationszimmer.

Es war die einfachste Sache der Welt gewesen. In einem unbeobachteten Moment hatte Theresa den Betäubungsmittelschrank aufgeschlossen, eine Schachtel Morphiumtabletten herausgenommen, als abgelaufen in die Liste eingetragen und, anstatt sie in die Metallkiste mit dem Apothekenzeichen auf dem Deckel zu stecken, in ihrem Rucksack verschwinden lassen.

Es war ja für einen guten Zweck, sagte sie sich. Und es würde niemandem auffallen. Die Apotheke war genauso unterbesetzt wie die Stationen. Die würden das Zeug einfach in den Sondermüll kippen, die Liste abheften und nicht weiter drüber nachdenken. Selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass jemand kam, um nachzufragen, brauchte sie nur stur zu behaupten, nicht zu wissen, wie die Packung verschwunden sei. Bis die Arzneikiste zurück in der Apotheke war, würden Dutzende von Leuten darauf Zugriff gehabt haben, und bestimmt würde sie nicht die ganze Zeit abgeschlossen sein. Es gab hundert Möglichkeiten, wie so etwas passieren konnte, und keine, die nicht schon irgendwann mal passiert war.

So hatte sich Theresa das zurechtgelegt gehabt. So hatte sie es gemacht. Und nun war sie froh, dass gleich zwei Lampen auf einmal aufleuchteten und sie keine Zeit mehr hatte, sich Sorgen zu machen.

Später kam Dagmar von Chirurgie II herüber, der Nachbarstation. »Hat dich Doktor Schneider erreicht?«

»Nein, wieso?«

»Er braucht ein Einzelzimmer für einen Notfall. Ihr habt eins gemeldet.« Sie ächzte. »Wir sind mal wieder total voll, sogar im Bad liegt einer. Ich dreh bald durch.«

»Ich war auf Glocke«, sagte Theresa, während sie so tat, als studiere sie den Belegungsplan. »Was ist denn passiert?«

»Ein alter Mann, den sie in der U-Bahn-Station Dominikstraße zusammengeschlagen haben«, sprudelte Dagmar heraus. »Rippenfrakturen und mehr Hämatome als heile Haut, hat Doktor Schneider gesagt. Aber wohl nichts Lebensbedrohliches, jedenfalls soll er heute Nacht noch auf Station verlegt werden.«

Sie hatten zwei Einzelzimmer, und eins davon war tatsächlich frei; Theresa hatte es zu Beginn der Nachtschicht selber gemeldet.

Ein bisschen voreilig.

»Die Elf ist nicht mehr belegt«, gestand sie. »Bloß sieht es da drin aus wie Schwein. Der Patient ist erst gestern Nachmittag gestorben; seine ganzen Sachen sind noch da, Verbandsmaterial liegt rum, das Bett ist nicht frisch …«

»Ich helf dir aufräumen«, bot Dagmar an.

»Nein, du hast ja auch deine Patienten«, wehrte Theresa ab. »Ich krieg das schon irgendwie hin.«

»Auch gut«, erwiderte Dagmar.

Es verletzte Theresa ein bisschen, dass Dagmar ihr Angebot derart schnell annahm. Als sei es eine Selbstverständlichkeit. Dagmar, sagte sie sich, hatte noch nicht begriffen, dass es im Beruf der Krankenschwester vor allem darauf ankam, zu geben. Und sich selber und die eigenen kleinen Wünsche zurückzustellen.

Sie zögerte. »Da hält dann ein Polizist Wache, oder?«

»Ich denk schon. Der, der jetzt vor Intensiv sitzt.«

Später, als Theresa das Zimmer hergerichtet hatte, erschöpft im Stationszimmer saß und nur noch auf den Patienten warten musste, erwog sie, die Schachtel wieder zurück in den Schrank zu tun. Vielleicht war das Risiko doch zu groß.

Andererseits stand die Packung bereits als »abgelaufen und entsorgt« in der Liste. Den Eintrag konnte sie nicht streichen, ohne dass jemand Fragen stellen würde.

Außerdem brauchte sie die Tabletten.

Ach, es würde sie schon niemand durchsuchen. Die waren wegen des alten Mannes hier, Punkt. Sie würde ihren Dienst zu Ende machen und nach der Übergabe einfach gehen wie immer. Und so tun, als sei nichts.

Ulrich Blier parkte am äußersten Ende des vor der Zufahrt zur Kaserne gelegenen Parkplatzes, schaltete den Motor und die Scheinwerfer ab und blieb noch einen Moment hinter dem Steuer sitzen. Er war müde, nein, richtiggehend erschöpft.

Es war Wahnsinn, was er trieb. Völliger Wahnsinn.

Aber es half nichts, sich das zu sagen. Er konnte einfach nicht anders.

Er gab sich einen Ruck, stieß die Tür auf, stieg aus. Holte seinen langen, schwarzen Mantel vom Beifahrersitz, schlüpfte hinein. Drückte die Tür wieder zu, so leise wie möglich, wartete. Merkte, dass er den Atem anhielt.

Bewegung in der Dunkelheit hinter dem Maschendrahtzaun. Endlich.

»Ulrich!« Theos Stimme. Sie klang erleichtert. »Ich dachte schon …«

»Sorry, ist ein bisschen später geworden.« Ulrich Blier dachte daran, warum es später geworden war. »Hat jemand was gemerkt?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Theo. »Was denkst du, was sonst los wäre?« Schlüsselklappern, dann öffnete sich die schmale Tür im Zaun.

Blier holte die Schachtel aus der Manteltasche, eingewickelt in Geschenkpapier, und reichte sie ihm. »Hier. Kleines Mitbringsel. Außerdem hast du jetzt was gut bei mir.«

Theo machte große Augen. »Ist das etwa –?«

»Na klar«, sagte Ulrich Blier.

Er spürte seine Müdigkeit wie eine schwere Last im ganzen Körper. Der Tag morgen würde eine Qual werden.

Aber das war die Sache wert gewesen.

Alles war weiß, und ein Frauengesicht schwebte über ihm, das ihn im ersten Moment an seine Hertha erinnerte. Aber es war nicht Hertha, es war eine Ärztin.

»Herr Sassbeck?«, sagte sie. »Verstehen Sie mich?«

Schade, dass es nicht Hertha war. Hertha hatte daran geglaubt, in den Himmel zu kommen. Sie hatte es für sich behalten, um ihm keine Schwierigkeiten zu machen, aber er wusste, dass sie daran geglaubt hatte.

»Herr Sassbeck?«

Ach so. Richtig. Die Frau wartete auf eine Antwort. Er bewegte seinen Unterkiefer, der sich seltsam taub anfühlte, und brachte etwas heraus, das wie »Ja. Ich verstehe Sie« klang.

»Wir verlegen Sie jetzt auf Station«, sagte die Frau übertrieben deutlich artikuliert. »Sie sind nur leicht verletzt, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir behalten Sie zur Beobachtung da, aber wahrscheinlich können Sie schon übermorgen nach Hause. Was sagen Sie dazu?«

Der Unterkiefer fühlte sich wirklich seltsam an.

»Gut«, sagte Erich Sassbeck.

Dann schlief er ein und bekam überhaupt nichts mit, bis er wieder aufwachte und in einem Zimmer lag und es heller Tag war.

Ein junger Mann in einem dunkelblauen Parka stand am Fußende seines Bettes, sah ihn an und meinte: »Na, das trifft sich ja gut. Guten Morgen, Herr Sassbeck. Ich bin Kriminalhauptkommissar Justus Ambick. Wie geht es Ihnen?«

Sassbeck musste den Mund ein paar Mal auf und zu machen, ehe sich genügend Speichel angesammelt hatte, dass er antworten konnte. »Die haben mich angegriffen.«

Der Kommissar nickte. Erstaunlich jung für einen Kommissar.

»Ich hab denen nur gesagt …« Er hielt inne. Wie war das gewesen? Ach so, ja. »Die Bank. Die wollten die Sitzbank kaputt machen.«

»Verstehe.«

»Ich habe nur gesagt …« Hätte er es nur gelassen. Zivilcourage. Verdammt, alles nur wegen eines Wortes! »Gemeineigentum. Ich habe denen gesagt, dass sich das nicht gehört.«

Der Kommissar sah ihn an. Hatte freundliche braune Augen. Wirkte überhaupt sympathisch.

»Und dann?«, wollte er wissen.

Oh je. Sassbeck dachte ungern daran zurück. »Dann sind sie auf mich los. Einfach so.«

Er dachte wirklich sehr ungern daran zurück. Natürlich, es musste sein. Natürlich. Aber er konnte es nicht, ohne sich zu fragen, was er ihnen denn getan hatte? Er hatte ihnen nichts getan. Sie hatten ihn zusammengeschlagen, einfach so. Das tat man doch nicht. Doch nicht einen alten Mann. Wo hatte es das früher gegeben, dass zwei junge Männer einen Greis verprügelten? Das hatte es nicht gegeben. Als er so jung gewesen war, da hatte man sich mal geprügelt, aber nicht zwei gegen einen. Und erst recht nicht gegen einen alten Mann. Da war irgendwas kaputt in der Welt, dass heute so etwas passieren konnte.

Und sie hätten ihn totgeschlagen, wenn nicht …

Er dachte wirklich sehr ungern daran zurück. Doch der junge Kommissar fragte noch einmal: »Und dann?«

Also erzählte er ihm, was dann passiert war. Es fiel ihm nicht leicht, die passenden Worte zu finden, aber im Großen und Ganzen brachte er es am Ende so zusammen, wie es gewesen war. Es dauerte halt eine Weile. Und es strengte ihn an zu sprechen. Der Unterkiefer. Taub, irgendwie.

»Ein Engel«, wiederholte der junge Kommissar. Man merkte, dass er mit so etwas nicht gerechnet hatte.

»Na ja«, meinte Erich Sassbeck und hätte gerne gehustet. »Zumindest sah er so aus. Vielleicht war es nur das Licht.«

Der Kommissar furchte die Stirn. »So richtig mit Flügeln und so?«

Mit Flügeln? Daran erinnerte er sich nicht. »Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.«

»Verstehe.« Der junge Kommissar zog einen Stuhl heran, setzte sich bedächtig. »Herr Sassbeck – ich bin gekommen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen. Falls Sie sich schon fit genug dafür fühlen.«

»Ja, ja«, beeilte Sassbeck sich zu sagen. »Gern.« Das musste ja raus. Das musste geklärt werden. Es musste alles seine Richtigkeit haben.

»Danke.« Der Kommissar holte einen Notizblock hervor, blätterte darin, aber ein bisschen wirkte es, als wisse er längst, was er fragen wollte, und sammle nur seine Gedanken.

»Als wir Ihre Personalien ermittelt haben«, begann er endlich, »haben wir festgestellt, dass Sie vor Ihrer Pensionierung den Grenztruppen der DDR angehört haben. Ist das richtig?«

Sassbeck musste lachen, doch das geriet ihm nur zu einem schmerzhaften Husten. »Pensionierung!«, stieß er hervor. Guter Witz. Er spürte ein Stechen im Brustkorb. Bestimmt von den Tritten. »Die haben mich halt rausgeschmissen nach der Wende.«

»Aber Sie waren Grenzsoldat?«

»Ja. Zuletzt Grenzkreiskommando Wernigerode.«

Der Kommissar nickte, als wisse er das schon. »In Ihrem Dienst – besaßen Sie da eine persönliche Schusswaffe?«

»Eine Pistole.«

»Darf ich fragen, von welchem Typ?«

»Eine Makarow PM.«

»Besitzen Sie die noch?«

Erich Sassbeck runzelte die Stirn, spürte die Pflaster, die dort klebten. »Nein. Die habe ich bei Dienstende abgegeben. Das war Vorschrift.«

»Sie haben auch keine andere Waffe behalten?« Der Kommissar machte eine vage Handbewegung. »Ich meine, Vorschriften sind dehnbar, und in einer Umbruchszeit wie damals …«

»Nein. Ich habe meine Pistole abgegeben.« Sassbeck schluckte mühsam. »Wieso fragen Sie mich das alles?«

»Weil die beiden Jungen mit einer Makarow erschossen wurden«, erklärte der Kommissar. Er hob die Schultern. »Diese Waffe hat anscheinend ein unverkennbares Kaliber, 9,2 mal 18 Millimeter. Unser Ballistiker hat nur einen Blick auf die Kugeln geworfen und Bescheid gewusst.«

Erich Sassbeck verwünschte den Umstand, so hilflos ans Bett gefesselt zu sein. Er hätte sich zu gerne aufgesetzt, hätte zu gerne …

»Ich hab Ihnen doch gesagt«, stieß er hervor. »Das war der –«

»Der Engel. Ja. Das habe ich schon verstanden«, unterbrach ihn der Kommissar. Er schwieg einen Moment, kratzte sich mit einem Finger an der rechten Augenbraue und sagte dann: »Es ist so, Herr Sassbeck, dass ich mit der Geschichte, die Sie mir erzählt haben, ein Problem habe.«

»Was für ein Problem?«

»In der U-Bahn-Station Dominikstraße werden die Zugänge und ein Teil der Bahnsteige videoüberwacht.« Er räusperte sich. »Auf diesen Videos ist niemand zu sehen, auf den Ihre Beschreibung auch nur annähernd zutrifft. Da war kein Engel.«

Erich Sassbeck sah ihn fassungslos an.

»Aber wer hat dann geschossen?«

Der Kommissar nickte langsam. »Genau das fragen wir uns.«