JENS FLASSBECK

Ich will mein
Leben zurück!

Selbsthilfe für Angehörige
von Suchtkranken

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Impressum

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Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2014 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Titelbild: © fotolia – Fiedels

Illustrationen: Sina Gruber

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-86045-0

E-Book: ISBN 978-3-608-10723-4

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20245-8

Dieses E-Book entspricht der 1. Auflage 2014 der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Schnelleinstieg

  Co-Abhängigkeit hat viele Gesichter

  Die Sucht-Familie

  Checkliste – Wie betroffen bin ich?

  Wie Verstrickungen entstehen

  Befreiungsstrategien

  Übungen und Aktionen

  Das wahre Gesicht der Sucht

  Selbstwerdung für Fortgeschrittene

  Übungen und Aktionen

  Hilfe durch professionelle Helfer

  Internetadressen

  Bücher

Inhalt

1 Hilflose Helfer brauchen Hilfe

2 Wie Sie betroffen sein können

2.1 Das Leben mit einem Suchtkranken ist riskant

2.2 Stress rund um die Uhr

2.3 An Co-Abhängigkeit können Sie erkranken

2.4 Kinder aus Suchtfamilien leiden vielfältig und allzu häufig ein Leben lang

2.5 Ganze Familien oder Einrichtungen können sich verstricken

3 Testen Sie sich

3.1 Wie belastet sind Sie?

3.2 Wie verstrickt sind Sie?

3.3 Wie beeinträchtigt sind Sie?

4 Wie und warum entstehen Verstrickungen?

4.1 Süchtige sind selbstsüchtig, Angehörige selbstlos

4.2 Zu viel Stress macht krank

4.3 Frauen kümmern sich gerne

4.4 Ihre Freundlichkeit kann ausgenutzt werden

4.5 Wenn Ihr Selbstwertgefühl schon einen Knacks hat

4.6 Zur Suchtfamilie oder vom »Elch im Wohnzimmer«

5 Werden Sie wieder Sie selbst

5.1 Vorweg: Seien Sie geduldig mit sich

5.2 Reden Sie

5.3 Nehmen Sie Abstand und gönnen Sie sich Pausen

5.4 Wie geht es Ihnen?

5.5 Lassen Sie den Ballon der falschen Hoffnung platzen

5.6 Werden Sie im Kleinen wieder für sich aktiv

5.7 Lernen Sie, sich besser abzugrenzen und Nein zu sagen

5.8 Klären und trennen Sie Mein und Dein

5.9 Schützen Sie sich und andere

5.10 Was Sie wirklich über Sucht wissen sollten

6 Erobern Sie Ihr Leben wieder

6.1 Ziehen Sie eine nüchterne Bilanz Ihrer Ohnmacht

6.2 Die Kunst, um Hilfe zu bitten

6.3 Werfen Sie die Moral vom besseren Menschen über Bord

6.4 Sich mit der Trauer anfreunden

6.5 Entwickeln Sie eine gesunde Aggressivität

6.6 Entdecken Sie die Kunst zu streiten

6.7 Leben Sie Ihre Träume

6.8 Wenn die Angst vor Rückfällen Sie überfällt

6.9 Lassen Sie das Unglück einer Suchtfamilie hinter sich

6.10 Wie Sie institutionelle Verstrickungen überwinden

6.11 Werden Sie Multiplikator und helfen anderen Angehörigen

7 Hilfe für hilflose Helfer

7.1 Familie und Freunde sind die besten Helfer

7.2 Selbsthilfe – geteiltes Leid ist halbes Leid

7.3 Professionelle Hilfe – welche ist die richtige für Sie?

7.4 Hilfen für Kinder und verstrickte Bezugspersonen

8 Denn jedem Ende wohnt ein Anfang inne

9 Internetadressen für Angehörige

Anhang

Literatur

1 Hilflose Helfer brauchen Hilfe

Sucht betrifft viele, Co-Abhängigkeit alle anderen.

Als Angehörige eines Suchtkranken haben Sie es schwer. Sie leiden unter der verfahrenen Situation. Sie machen sich Sorgen um den Suchtkranken, schämen sich für sein Verhalten und sind aufgrund der scheinbaren Aussichtslosigkeit vielleicht schon mehr oder weniger verzweifelt. Die Ausfälle des Suchtkranken sind zusätzlich belastend. Die Verantwortung für alles, was er liegen lässt, lastet auf Ihren Schultern. Hinzu kommen Täuschungen, Manipulationen, Beschuldigungen oder Abwertungen seinerseits, die Sie ertragen müssen. Sie kennen keine Freizeit. Sie sind den Launen des Süchtigen alltäglich ausgesetzt.

Das ist rund um die Uhr stressig, schafft eine Menge Probleme und kann Sie im schlimmsten Fall krank machen. Sie verlieren sich und Ihre Maßstäbe im Engagement für den Suchtkranken und im ungewissen Auf und Ab des Alltags. Sie wissen nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht und was richtig oder falsch ist. Alles dreht sich nur noch um den Suchtkranken und die Frage, wie Sie ihm helfen können, damit er wieder Kontrolle über sich und sein Verhalten gewinnen kann. Ich nenne diesen Zustand, den Sie als Angehörige erleben, auch »ER statt ICH«. Ihr Gefühl für sich selbst geht nach und nach im Strudel seiner Sucht verloren, zerfleddert und löst sich auf. Sie sind als Angehörige auch betroffen. Ihre Mit-Betroffenheit wird Co-Abhängigkeit genannt.

Verstrickungen. Der Begriff »Angehörige« wird in diesem Ratgeber für alle Personen genutzt, die in einem näheren und helfenden Kontakt zu einem Suchtkranken stehen. In diesem Sinne betroffen können viele sein: Kinder, Eltern, Partner, Geschwister, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Pastoren, Lehrer, Trainer, Ärzte, Sozialarbeiter, Psychologen oder auch Suchthelfer. Der Suchtkranke braucht Ihre Hilfe, das sei hier nicht infrage gestellt. Wenn aber Ihre Balance zwischen gesunder Abgrenzung und Abstandhalten auf der einen Seite und Zuwendung und Unterstützung auf der anderen Seite aus dem Gleichgewicht gerät, dann verstricken Sie sich. So unterschiedlich die Personengruppen sind, so verschieden können die Verstrickungen ausfallen, was ich Ihnen einführend kurz anhand einiger typischer Beispiele aufzeigen möchte:

  • Partner sind vollkommen erschöpft, weil sie sich rund um die Uhr um den Haushalt, die Kinder, das Geldverdienen und nicht zuletzt um den Suchtkranken sorgen und die ungünstigen Folgen der Sucht ausbaden.
  • Eltern (auch Großeltern, ältere Geschwister, Tanten oder Onkel) suchtgefährdeter Jugendlicher oder suchtkranker erwachsener Kinder engagieren sich, getrieben von Schuldgefühlen, in übermäßig »bemutternder« Art und Weise um das Nicht-mehr-Kind.
  • Kinder in Suchtfamilien entwickeln häufig entweder Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen, oder aber sie passen sich übermäßig an, um nicht aufzufallen. Sie übernehmen viel zu früh, viel zu viel Verantwortung. Durch die Tabuisierung des Themas sowie die Schamgefühle und Sprachlosigkeit der Kinder erfährt niemand von ihren Belastungen und Traumata.
  • Erwachsene Kinder aus Suchtfamilien leiden häufig noch viele Jahre später in vielschichtiger Form an posttraumatischen Folgeschäden. Die in der Kindheit verinnerlichte Sprachlosigkeit, das stille Leiden, die Isolation und Entfremdung können bei ihnen ein Leben lang fortdauern.
  • Geschwister werden vernachlässigt, weil sich alles nur um das suchtkranke oder suchtgefährdete Geschwisterkind dreht. Nicht selten werden sie darüber hinaus in die schuldmotivierte Hilfe einbezogen.
  • Besorgte Freunde oder Nachbarn wollen gerne helfen und verstricken sich hilflos in die familiären Probleme.
  • Lehrer sorgen sich mit viel Herz, aber unüberlegt, um suchtgefährdete Schüler und übersehen die Grenzen ihrer Berufsrolle.
  • Seelsorger kümmern sich im diakonischen Einsatz um Suchtkranke der Gemeinde und bemerken nicht, dass die Familie des Betroffenen, der Rest der Gemeinde, die eigene Familie und der Kontakt zu Gott zu kurz kommen.
  • Ambitionierte Trainer werden für suchtgefährdete Sportler – typischerweise eine Magersüchtige – zur rettenden Ersatzelternfigur und vergessen darüber die eigene Familie und den Rest der Trainingsgruppe.
  • Suchthelfer (Pfleger, Erzieher, Sozialarbeiter, Psychologen oder Ärzte) kümmern sich mit weltrettendem Eifer um suchtkranke Klienten, gehen eine private Beziehung zu ihnen ein oder landen im Extremfall sogar im Bett mit ihnen.

Haben Sie sich in der Auflistung wiedergefunden? Diese ist bei Weitem nicht erschöpfend. Es kann sein, dass Ihr Fall etwas oder ganz anders aussieht. Denn Co-Abhängigkeit ist nicht gleich Co-Abhängigkeit. So vielfältig die Mit-Betroffenheit sein kann, es gibt dennoch eine Schnittmenge, die Sie und alle aufgezählten Fälle vereint: Der Suchtkranke erfährt auf der einen Seite eine Menge Aufmerksamkeit und Sorge durch Sie und andere. Sie als Angehörige erfahren auf der anderen Seite komplementär einen Mangel an Zuwendung und Beachtung. Das bedeutet auch, dass Ihr Selbstkontakt und Ihre Selbstfürsorge als Angehörige womöglich gemindert sind. Dieses Ungleichgewicht in der Beachtung ist der zugrunde liegende Kernprozess von Verstrickungen.

Übermäßige Verantwortung. Der amerikanische Wissenschaftler Marc A. Schuckit (1994) hat herausgefunden, dass Töchter mit mindestens einem suchtkranken Elternteil ein deutlich erhöhtes Risiko haben, im späteren Leben als Erwachsene eine Beziehung zu einem Suchtkranken aufzunehmen. Söhne können im Einzelfall auch betroffen sein, ihr Risiko ist aber statistisch betrachtet nicht erhöht. Die co-abhängige Rolle wird folglich vor allem in einer weiblichen Linie als psychologisches Erbe von Generation zu Generation weitergereicht. Es ist also wahrscheinlich, dass Sie, liebe Leserin, als an der Thematik Interessierte eine Frau sind.

Erst müssen die betroffenen Mädchen als Kinder viel zu früh jede Menge Verantwortung für die Ausfälle ihrer suchtkranken Eltern übernehmen. Danach zeigen sie als erwachsene Frauen das gleiche übermäßige helfende Engagement für die suchtkranken Partner. Schließlich können sie als Mütter bei den eigenen (süchtig und co-abhängig gefährdeten) Kindern die Bürde der grenzenlosen Zuständigkeit und Fürsorglichkeit nicht mehr ablegen. Aus dem unersättlichen Bedürfnis nach Bestätigung, gebraucht zu werden ergreifen die betroffenen Frauen darüber hinaus nicht selten einen helfenden Beruf, z. B. als Erzieherin, Krankenschwester oder Suchthelferin. Die übermäßige Verantwortungsübernahme und das damit zusammenhängende abhängige Bedürfnis, gebraucht zu werden, sind Neigungen, die alle Menschen vereint, die sich in der Beziehung zu einem Suchtkranken und in ihrem helfenden Engagement für diesen verstrickt haben.

Weil überwiegend Frauen als Töchter, Partnerinnen und Mütter im Kontakt zu mehrheitlich männlichen Suchtkranken, also Vätern, Partnern und Söhnen, betroffen sind, wird in diesem Ratgeber eine geschlechtsspezifische Wortwahl genutzt: die Angehörige und der Suchtkranke. Es gibt immer Ausnahmen von der Regel. Selbstverständlich können sich auch Männer in der Beziehung zu einer suchtkranken Frau oder Väter in der Sorge um eine suchtgefährdete Tochter übermäßig engagieren. Falls Sie, lieber Leser, also ein Mann sind, nehmen Sie mir meine geschlechtsspezifische Wortwahl nicht übel und lesen Sie weiter. Sie sind selbstverständlich mitgemeint.

Selbsthilfe. Jeder, der einen näheren Kontakt zu einem Suchtkranken hat und helfen möchte, wird sich mehr oder weniger in die süchtige Problematik verstricken und darüber Stress erfahren. Es kommt, das ist meine Überzeugung, nicht darauf an, jegliches Engagement zu vermeiden und jeglichem Stress aus dem Weg zu gehen. Suchtkranke brauchen unsere Hilfe. Als Suchttherapeut kämpfe ich mit Herz und Leidenschaft darum, suchtkranken Menschen zu helfen. Der Stress lohnt sich. Doch Sie als helfende Angehörige und auch ich als professioneller Helfer benötigen ebenfalls Hilfe, falls wir uns problematisch verstricken. Darum genau geht es hier ausschließlich. Selbsthilfe ist die beste Hilfe. Darin möchte Sie dieser Ratgeber solidarisch anregen, stärken und begleiten.

Abbildung

Es wird Ihnen eine Fülle von Inhalten, Sichtweisen, Anstößen, Kompetenzen und Strategien an die Hand gegeben, die Sie unterstützen sollen, spezifische Probleme, Belastungen und Verstrickungen im Zusammenleben mit einem Suchtkranken zu erkennen, abzumildern und aufzulösen. Der kämpferische Titel des Ratgebers, »Ich will mein Leben zurück!«, gibt dabei die Zielrichtung vor. Es geht darum, dass Sie sich nicht zu sehr in der Hilfe verlieren und das eigene Lebensgefühl erhalten oder zurückgewinnen.

Die Inhalte und Strategien sind aus meinem integrativen Konzept der Co-Abhängigkeit und dem darauf basierenden Therapiekonzept der angehörigenzentrierten Behandlung abgeleitet (Flassbeck, 2013 a, 2013 b, 2010). Das Therapiekonzept basiert auf einer Kombination des personzentrierten Ansatzes nach Carl Rogers, in Deutschland auch unter dem Begriff Gesprächspsychotherapie bekannt, und verhaltenstherapeutischen Techniken und Methoden. Vor allem jedoch beruhen alle Empfehlungen dieses Selbsthilfebuches auf meiner praktischen Arbeit mit betroffenen Angehörigen. Das meiste, was ich über die Angehörigenproblematik weiß, habe ich von Betroffenen selber lernen dürfen. Alle Ratschläge und Anregungen haben sich in der Beratung und Therapie als hilfreich und nützlich erwiesen. Für alles, was ich von den Betroffenen lernen durfte, bin ich dankbar und möchte es gerne an Sie weitergeben.

Was kann dieses Buch nicht? Das Lesen des Ratgebers erspart Ihnen nicht, eigene Entscheidungen zu treffen, für sich aktiv zu werden und eigene Erfahrungen zu sammeln, was Ihnen hilft und was nicht. Es erspart Ihnen nicht, konkrete, individuelle und passgenaue Lösungen Ihrer Situation zu finden, kreativ und tatkräftig umzusetzen und anzupassen. Es erspart Ihnen obendrein nicht, sich durch andere vertraute Menschen helfen zu lassen. Und falls Sie mit Ihrer Situation überfordert sind, Sie allein dastehen oder psychisch erkrankt sind, erspart es Ihnen nicht den Gang in eine Selbsthilfegruppe, zur Beratungsstelle oder zum Psychotherapeuten. Sollten Sie im Übrigen schon in einer Hilfemaßnahme sein oder eine solche beginnen wollen, kann Sie der Ratgeber unterstützen, die Beratung oder Therapie noch besser zu nutzen. Darüber hinaus richtet sich der Ratgeber an Moderatoren von Selbsthilfegruppen, Suchtberater und -therapeuten. Er bietet eine explizite Anleitung zu einer qualifizierten und differenzierten Angehörigenarbeit und eine implizite Anleitung zur Psychohygiene von Suchthelfern in der Arbeit mit einer schwierigen Klientel.

Gesichter der Sucht. Ein Hinweis noch vorweg zur Verwendung der Begriffe »Suchtkranker« und »Süchtiger«. Suchtkranke haben in diesem Buch eine für sie ungewohnte Rolle, sie sind nebensächlich. Zudem kommen sie oftmals nicht gut weg. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Es gibt viele Suchtkranke, die ihre Sucht überwunden und hinter sich gelassen haben. Sie verdienen für diese Leistung unseren ganzen Respekt. Es gibt auch eine Menge Menschen mit Suchtproblemen, die noch mit sich und ihrer Problematik am Kämpfen sind und die zweifelsfrei unser liebevolles und anpackendes Engagement brauchen. Aber darum genau geht es hier nicht. Es geht solidarisch um Sie als Opfer der süchtigen Eskapaden, Manipulationen, Abwertungen und Übergriffigkeiten. Süchtige sind leider nicht selten auch Täter. Diese uneinsichtige, negative und unsoziale Beschaffenheit der Sucht wird in diesem Buch mit dem Ausdruck »Süchtiger« markiert. Sonst wird der neutrale Begriff »Suchtkranker« verwendet. Sucht ist gleichermaßen eine Krankheit, die Hilfe benötigt, aber auch eine Zumutung für die Angehörigen, die ebenfalls Solidarität, Zuwendung und allzu häufig auch Hilfe und Schutz benötigen.

Verstrickungen entstehen unabhängig vom Suchtmittel oder Suchtverhalten des Suchtkranken. Zweifelsohne können sich die Folgen verschiedener Suchtstörungen im Konkreten unterscheiden. Z. B. können die schädlichen Folgen von Alkoholsucht und Spielsucht durchaus differieren (eher körperlich bei Alkohol und eher wirtschaftlich bei Spielsucht) und in den Folgen für Sie als Angehörige einen Unterschied machen. Doch die Suchtfolgen haben unabhängig vom Suchtmittel oder -verhalten eine große Schnittmenge, und der Sog der süchtigen Selbstzerstörung ist für Sie als Angehörige stets derselbe. Da es hier allein um Sie und Ihre Mit-Betroffenheit geht, spielen die Suchtmittel und Suchtverhaltensweisen keine besondere Rolle. In Beispielen kann die Rede von Alkoholkonsum, Medikamentenkonsum, Drogenkonsum, Glücksspiel oder Magersucht sein. Sie sind aufgefordert, dann bitte die Parallele zu Ihrem Fall zu ziehen.

Aktiv werden. Kann es sein, dass der Suchtkranke die Krankheit überwunden hat, Sie als Angehörige aber in Ihren co-abhängigen Erlebens- und Verhaltensmustern gefangen bleiben? Ja, das ist gut möglich. Verstrickungen können ausschließlich dort entstehen, wo Sucht besteht. Aber Co-Abhängigkeit kann Jahre oder im Fall von Kindern aus Suchtfamilien sogar Jahrzehnte fortbestehen, obwohl der Suchtkranke geheilt oder der Kontakt zum Suchtkranken beendet ist. Die Überwindung von Co-Abhängigkeit ist ein eigener, unabhängig vom Heilungsprozess des Suchtkranken ablaufender Entwicklungsprozess. Gleichgültig also, ob in Ihrem Fall der Suchtkranke noch uneinsichtig seiner Sucht nachgeht, um Abstinenz ringt oder die Sucht schon überwunden hat, es lohnt sich, dass Sie für sich aktiv werden.

Dieser Ratgeber ist auch ein Arbeitsbuch. Allein das Lesen von Texten schafft keine Veränderung. Es werden Ihnen deswegen immer wieder kleine Aufgaben gestellt (Aktionskästchen), damit Sie aktiv werden und ins Handeln kommen. Co-Abhängigkeit ist durch schicksalergebenes Reagieren gekennzeichnet. Sie fühlen sich mehr oder weniger der Sucht und ihren Folgen ausgeliefert. Aus der Nummer sollen Sie heraus. Sie sollen das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen. Nur durch tatkräftiges und gezieltes Handeln können Sie wieder Unabhängigkeit gewinnen. Aller Anfang ist schwer. Durch die Aufgabenstellungen können Sie sich im Kleinen üben, Mut sammeln und sich auf den Weg machen, Lösungen zu finden und Ihr Leben zurückzugewinnen.

Zum Aufbau dieses Ratgebers

Dieser Ratgeber bzw. dieses Arbeitsbuch bietet Ihnen inhaltlich Folgendes:

  1. Im zweiten Kapitel werden Ihnen verschiedene Formen und Schweregrade der Mit-Betroffenheit vorgestellt und in typischen Fallgeschichten illustriert. So können Sie einen Überblick über die Problematik gewinnen. Mithilfe des zweiten Kapitels, aber vor allem auch der Checkliste im dritten Kapitel können Sie das Ausmaß Ihrer Verstrickungen einstufen und beurteilen.
  2. Im vierten Kapitel werden Sie über Ursachen, Bedingungen und Zusammenhänge der Angehörigenproblematik informiert. Das soll Sie unterstützen, Ihre Situation zu analysieren und klarer zu durchschauen.
  3. Das fünfte und sechste Kapitel sind die Kernstücke des Ratgebers. Hier wird Ihnen aufeinander aufbauend eine Fülle an Kompetenzen und Strategien nahegebracht, sich und Ihre Situation besser wahrzunehmen, sich zu befreien und Ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.
  4. Im siebten Kapitel werden Ihnen Hilfeangebote in Selbsthilfe, Beratung und Therapie vorgestellt, und Sie können überprüfen, ob und welche fachliche Unterstützung für Sie geeignet und hilfreich sein könnte. Drei Kapitel mit einer resümierenden Erzählung, Internetadressen und Literaturempfehlungen für Angehörige runden das Buch ab.

Auch hilflose Helfer brauchen Hilfe. Das ist die lebensbejahende Maxime dieses Ratgebers. Solidarische Hilfe stößt Veränderung, Lernen, Entwicklung und Wachstum an. Das ist ein spannendes Abenteuer. Ich wünsche Ihnen dabei viel Mut, Zuversicht, Beharrlichkeit und auch Freude daran, sich auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und sich und Ihr Leben zurückzugewinnen.

2 Wie Sie betroffen sein können

Verstrickungen werden im Rausch von Hoffnung und Enttäuschung geboren.

Können Sie in drei oder auch fünf Sätzen beschreiben, was Sucht ist? Natürlich nicht, denn Sucht ist eine komplexe und komplizierte Angelegenheit. Das Gleiche trifft auch auf die Angehörigenproblematik der Sucht zu. Co-Abhängigkeit ist nicht gleich Co-Abhängigkeit. Verschiedene Personengruppen können betroffen sein, und das Ausmaß kann von bloßer Betroffenheit über problematische Belastungen und Verstrickungen bis hin zu unterschiedlichen psychischen Erkrankungen variieren. In diesem Kapitel möchte ich Sie über die vielfältigen Erscheinungsformen der Mit-Betroffenheit von Angehörigen informieren. Durch Fallgeschichten werden Ihnen die Inhalte illustriert.

Eine eher abstrakte und wissenschaftliche Definition möchte ich Ihnen vorweg zumuten: Co-Abhängigkeit ist ein vielschichtiges individuelles, soziales, institutionelles und gesellschaftliches Phänomen. Sucht und Co-Abhängigkeit können als zwei Seiten ein und derselben Medaille der Abhängigkeit angesehen werden. Sucht und Co-Abhängigkeit sind die zwei bestimmenden Elemente des abhängigen sozialen Systems. Da, wo jemand süchtig ist, gibt es immer Angehörige, Kinder, Freunde, Kollegen oder andere, die sich in der Hilfe des Suchtkranken mehr oder weniger verstricken. Sucht ist die Voraussetzung für Co-Abhängigkeit, und Co-Abhängigkeit begünstigt Sucht. Beiden Phänomenen liegt dieselbe abhängige Dynamik zugrunde, und erst in der Wechselwirkung entsteht zwischenmenschliche Abhängigkeit.

Genauso wie ein Suchtmittelkonsum oder eine Suchtverhaltensweise einen Menschen mehr oder weniger beherrschen kann, können Sie als Angehörige mehr oder weniger verstrickt sein. Folgende Formen oder Ausmaße der Mit-Betroffenheit können unterschieden werden:

  1. Kontrolle / Risiko: Im Kontakt zu einem konsumierenden bzw. berauschten Suchtkranken haben Sie im Prinzip nur zwei gegensätzliche Möglichkeiten zu reagieren: Sie können entweder helfen oder sich distanzieren. Gewöhnlich werden Sie mal so und mal so reagieren, sodass Sie eine gute persönliche Balance halten und die Kontrolle über sich und die Situation wahren. Es besteht allerdings stets das Risiko, dass Sie Ihr inneres Gleichgewicht verlieren und sich übermäßig engagieren.
  2. Verstrickung: Das Zusammenleben mit einem Suchtkranken ist belastend und leidvoll. Die Zerstörungswut der Sucht bringt vielerlei Folgeprobleme mit sich. Im Stress des Alltags können Sie sich verlieren und verstricken.
  3. Krankheit: Über den Stress und die Folgen können Sie co-abhängig erkranken. Überdies tritt Co-Abhängigkeit nicht selten als Doppeldiagnose in Kombination mit anderen psychischen Störungen auf.

Zwei weitere, spezielle Formen der Betroffenheit sind zu ergänzen und werden Ihnen ebenfalls in diesem Kapitel vorgestellt:

  1. Kind in / aus Suchtfamilie: Ein besonders gravierender Fall der Mit-Betroffenheit sind die vielschichtigen Belastungen und Beeinträchtigungen von Kindern in Suchtfamilien sowie die komplexen Traumafolgestörungen erwachsener Kinder aus Suchtfamilien.
  2. Institutionelle Verstrickung: Schließlich hat Co-Abhängigkeit eine institutionelle und gesellschaftliche Ebene: Ganze Familien, Freundeskreise, Vereine, Betriebe oder Einrichtungen können sich in der Hilfe und Tabuisierung der Sucht von einem oder mehreren Suchtkranken verstricken.

2.1 Das Leben mit einem Suchtkranken ist riskant

Sucht ist verbunden mit einem sehr eingeschränkten Handlungsspielraum. Der Süchtige ist fixiert auf das Suchtmittel oder das Suchtverhalten. Er geht der Sucht nach, ist berauscht oder mit der Beschaffung von Rauschmitteln beschäftigt. Das soziale Umfeld wird gewöhnlich im Sinne der süchtigen Absichten manipuliert. Und jeder Suchtkranke ist innerlich zerrissen, der Fachmensch spricht von Ambivalenz. Er möchte gerne aufhören, aber er möchte auch gerne weitermachen. Sie kennen diese Zerrissenheit: »Morgen höre ich auf, versprochen!«

Abgrenzen oder helfen? Durch diese wiederkehrenden Verhaltensmuster und die suchtkranke Zerrissenheit ist Ihr Kontakt als Angehörige zum Suchtkranken ebenso widersprüchlich eingeschränkt. Auf die Äußerungen des Suchtkranken, aufhören zu wollen, reagieren Sie mit dem freudigen Wunsch, ihn dabei unterstützen zu wollen. Der Konsum und die unangenehmen berauschten Verhaltensweisen lösen bei Ihnen dahingegen eine Reihe negativer Gefühle aus: Befremden, Widerwillen, Ekel, Scham, Ängste, Ärger oder Ohnmacht. Die positive Wirkung des Rausches kann bei Ihnen insgeheim Neugier oder Neid hervorrufen, sich auch mal berauschen und alles vergessen zu wollen. Auf die süchtigen Manipulationen reagieren Sie typischerweise wechselweise mit Freude und Hoffnung, wenn Sie darauf hereinfallen, oder Ärger und Enttäuschung, wenn Sie bemerken, dass Sie hereingefallen sind.

Sie können erkennen, dass Ihre möglichen Reaktionen in Abstand nehmende, abgrenzende wie auch annähernde, helfende Verhaltensweisen aufgeteilt werden können. Annähernde Verhaltensweisen sind vor allem durch Hoffnung und Helfenwollen motiviert und tragen stets ein co-abhängiges Risiko in sich. Auch eine Gefährdung zum Suchtmittelmissbrauch ist festzuhalten. Nicht wenige Angehörige nehmen den Suchtkranken zum Vorbild und fangen selber an, Suchtmittel zu gebrauchen, um vom Stress abzuschalten und alles zu vergessen. Gewöhnlich stehen die annähernden Verhaltensweisen in einer gesunden Balance mit den abgrenzenden Verhaltensweisen, sodass das Risiko nicht zur Entfaltung kommt. Wenn allerdings die Balance einseitig kippt, indem Sie – aus welchen Gründen auch immer – die Abstand nehmenden Verhaltensweisen vernachlässigen, können Sie im Kontakt zum Suchtkranken eingeschränkte, übermäßige und unflexible helfende Gewohnheiten entwickeln und sich mehr oder weniger problematisch verstricken.