Beloved Millionaire

Dunkle Geheimnisse

Alica H. White


ISBN: 978-3-95573-752-8
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung eines Bildes von shutterstock.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand,
und wie wäre der möglich ohne Liebe!

Johann Wolfgang von Goethe

(1749 – 1832)

Kapitel 1 Ethan

 

Ich kann mich nicht dazu durchringen aufzustehen. Das Leben macht keinen Sinn mehr – und das schon am ersten Tag nach der Trennung. Ich habe meiner geliebten Ella so wehgetan, dass ich mich selbst ankotze.

Warum habe ich nicht früher die Reißleine gezogen?

Das frage ich mich zum gefühlt millionsten Mal.

Weil es, von der ersten Sekunde unserer Begegnung an, zu spät dafür war.

Antworte ich mir zum gefühlt millionsten Mal.

So liege ich im Bett und starre Löcher in die Luft. Obwohl ich todmüde bin, habe ich kaum geschlafen. Geschieht mir recht, dass es mir so schlecht geht.

»Es bringt dir nichts, wenn du hier im Bett herumliegst und Trübsal bläst«, tadelt mich Susan, meine Haushälterin, die nach kurzem Klopfen einfach in mein Schlafzimmer stürmt.

»Kannst du dich nicht ein einziges Mal wie eine richtige Angestellte benehmen?«, frage ich genervt. Sie war meine Nanny und kennt mich seit meiner Kindheit, aber darf sie sich deshalb wie meine Mutter aufführen?

»Das hier ist für dich abgegeben worden«, zickt sie. »Und jetzt steh auf und nimm dein Leben wieder in die Hand.«

»Lass mich in Ruhe! Du bist nicht meine Mutter«, schnauze ich.

Susan reißt erschreckt die Augen auf, ich kann ihren Kiefer malen sehen. Nach einem vernichtenden Blick dreht sich um und zieht energisch die Tür hinter sich zu.

Ich schließe die Augen und atme erst einmal tief durch. Auf keinen Fall wollte ich sie verletzen, aber seit der Trennung, sind meine Nerven so dünn wie Seidenfäden.

Ich sehe mir das Päckchen näher an. Es ist von Ella. Mein Herz klopft bis zum Hals, als ich es ungeduldig aufreiße. Ein Kloß blockiert meinen Hals, als ich die Kette mit der Sternschnuppe, die ich ihr zu Weihnachten geschenkt habe, aus dem Paket ziehe. Dabei liegt ein handgeschriebener Zettel:

 

»Vielen Dank für dies wunderbare Geschenk. Es hat mich damals sehr gefreut und meine Gefühle für dich noch einmal verstärkt. Aber meinen einzigen Wunsch konnte diese Sternschnuppe leider nicht erfüllen. Ich möchte nichts besitzen, was mich an dich erinnert. Ich hoffe, du bist mir deshalb nicht böse, aber ich werde dich sonst nicht vergessen können. Unsere gemeinsame Zeit bedeutet mir zu viel und die Kette ist ein Symbol dafür, deshalb habe ich beschlossen, sie nicht wegzuwerfen. Ich hoffe, du hast für dich die richtige Entscheidung getroffen und wirst sie nicht bereuen.

 

Ich wünsche dir noch ein erfolgreiches Leben,

 

Ella«

 

Es fühlt sich an, als ob mein Herz in einem Schraubstock aus Eis steckt. Ich kann kaum Luft bekommen. Sie scheint mit uns abgeschlossen zu haben. Aber war es nicht das, was ich selber provoziert habe? Jetzt komme ich nicht damit zurecht.

Du bist ein Schwächling, Ethan.

Man muss kein Psychologe sein, um zwischen den Zeilen zu lesen, wie verletzt sie ist. Meine Hände fangen an zu zittern und die verdammte Übelkeit wird wieder schlimmer. Egal, was ich gemacht hätte, es wäre alles falsch gewesen. Ich kann von ihr nicht verlangen, dass sie sich meinem Leben anpasst. Sie hat selbst nicht einmal ausprobiert, was das Richtige für sie ist.

 

Es klopft. »Kommst du zum Essen?«, ruft Susan durch die Tür.

»Ich hab keinen Hunger.«

»Aber du musst doch etwas essen. Gestern hast du schließlich auch nichts gegessen. Ist dir nicht langsam übel?«

»Übel ist gar kein Ausdruck, ich fühle mich zum Kotzen.«

»Ja, dann komm wenigstens und trinke einen Tee.«

»Du kannst eine ganz schöne Nervensäge sein. Weißt du das?«

»Ja, dafür bin ich bekannt … und jetzt komm!«

»Ich komm ja schon! Du gibst ja doch keine Ruhe«, knurre ich. Vielleicht verschwindet diese verdammte Übelkeit, wenn ich etwas esse.

Um mich aufzuraffen, hole ich tief Luft und reibe über meine müden Augen. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir: Ich sehe genauso beschissen aus, wie ich mich fühle. Mit bleischweren Gliedern schleppe ich mich in die Küche.

Susan hat Sushi zubereitet – mein Lieblingsessen. Das habe ich auch am allerersten Tag mit Ella gegessen – oh, Mann, schon wieder lenke ich zwanghaft meine Gedanken auf Ella.

Dir ist wirklich nicht mehr zu helfen Ethan.

Dieser allererste Tag war so schön … Schon damals war ich wohl nicht mehr zu retten. Wer hätte gedacht, dass ich mich nach Frances Bowe noch einmal so verlieben würde. Mir war nicht klar, dass es solch ehrliche Menschen wie Ella überhaupt gibt.

 

Lustlos rolle ich ein Reisröllchen auf dem Teller hin und her. Ich kann mich nicht überwinden, es in den Mund zu stecken.

»Was ist mit dir? Seit wann schmeckt dir Sushi nicht?« Susan ist offensichtlich ratlos, aber ich habe absolut keine Lust mit ihr zu reden.

»Wie lange willst du noch mit dem Essen spielen?«, wagt sie einen zweiten Versuch und setzt sich neben mich … derselbe Platz, auf dem Ella immer gesessen hat.

Warum stört mich das?

»Ich überlege … okay?«, antworte ich mürrisch.

»Das ist mit Sicherheit kein Überlegen, sondern Grübeln.«

»Von mir aus … nenn‘ es wie du willst.«

»Sag mal … bist du dir eigentlich sicher, dass du das Richtige getan hast?«

»Sag mal … kannst du mich nicht in Ruhe lassen?«

Susan seufzt. »Na schön, wie du willst. Dann wälze dich doch weiter in deinem Elend.« Sie steht auf und schiebt den Stuhl unwillig wieder an den Tisch. »Ich seh‘ schon, dir ist nicht zu helfen. Aber wenn es dir ein Trost ist: Liebeskummer haben wir alle mal, das geht vorbei.«

Ich fange jetzt keine Diskussion darüber an, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemals vorbeigeht. Insgeheim bin ich froh, als sie mit einem »Na ja … tschüss dann, bis morgen« aus meiner Wohnung verschwindet.

Ein paar Happen zwinge ich mir mit Widerwillen herunter, sie schmecken einfach nicht. Trotzdem war es eine gute Entscheidung, denn die Übelkeit wird besser und ich bekomme Kraft, in meine Bibliothek zu gehen. In diesem, ganz speziell duftenden Raum habe ich das Gefühl, Ella irgendwie nahe zu sein. Sie hat sich zuletzt immer länger hier aufgehalten.

 

Im Raum sticht mir sofort ihr Tagebuch ins Auge. Ein kleines rotes Büchlein, mit einem rosa Herzen darauf. Sie hat es möglicherweise vergessen mitzunehmen, denn sie ist Hals über Kopf aus der Wohnung gestürmt.

Ob ich es ihr hinterherschicken soll? Nein, das will sie bestimmt nicht, sie würde es wahrscheinlich umgehend verbrennen. Es steht sicher eine Menge über uns drin, denn sie durfte und darf ja niemandem von uns erzählen. Ich bin mir vollkommen sicher, dass sie das auch tut. Unschlüssig drehe ich das verschlossene Büchlein in den Händen. Sicher, eigentlich darf ich es nicht öffnen. So hätte ich zwar den Eindruck, ich wäre ihr etwas näher, aber auch das Gefühl, ich würde unerwünscht in eine Privatsphäre dringen. Meine Neugier lässt sich nur schwer zügeln, deshalb spiele ich immer weiter unschlüssig mit dem Buch. So lange, bis ich feststelle, dass die Schnalle gar nicht abgeschlossen ist.

Nachdem ich noch eine Reihe Hemmungen überwunden habe, fange ich endlich an zu lesen. Am Anfang schrieb sie eher kürzere Sachen, meistens darüber, was für ein toller Typ ich bin.

Dann las sie Stolz und Vorurteil und setzte sich intensiv mit der Rolle der Frauen darin auseinander. Und genau das bestätigt meine Bedenken, was unsere Zukunft betrifft. Denn alles was sie schreibt, zeigt mir, dass sie ihren eigenen Weg finden will und sie anfing, danach zu suchen. Dem darf ich nicht im Wege stehen.

Ich hätte nicht weiterlesen sollen, denn ihre Herzensstürme zerren an meinem Gemüt. Wie hat sie zum Schluss gelitten, darüber, dass sie so isoliert war, dass sie nicht nach draußen durfte. Ihre extreme Zerrissenheit zeugt von den tiefen Gefühlen zu mir, besonders nach unserem Ausflug auf die Privatinsel.

Scheiße, Scheiße, Scheiße!

Meine Augen brennen. Kurz heulen ist ja in Ordnung, wenn es eine Erleichterung bringt. Aber mir bringt es schon lange keine Erleichterung mehr, ist nur noch Zeichen von Erschöpfung und innerer Leere. Wütend schlucke ich die Tränen herunter.

Gedanklich beschimpfe ich mich selbst als Weichei und versuche meinen Körper aufzurichten. Das alles hier bringt mich wirklich nicht weiter.

Heißer Whiskey verdampft überflüssige Gefühle, das gehört zu meinen wichtigen Erfahrungen im Leben. Deshalb gehe ich zu dem antiken Barglobus und schenke mir einen Bourbon ein. Die Sonnenstrahlen, die durch die Lichtkuppel an der Decke dringen, lassen die bernsteinfarbene Flüssigkeit beim Schwenken glitzern. Genussvoll halte ich meine Nase übers Glas, dieser Drink besticht durch die facettenreiche Rauchnote. Die angenehm brennende Spur, die er in der Kehle zurücklässt, lenkt mich von meinem Kummer ab.

Es ist zwar nur eine Krücke, aber ich fühle mich durch den Alkohol gestärkt. Der Kloß im Hals ist weggebrannt, der Stein im Magen fast nicht mehr zu spüren und das Atmen fällt mir auch leichter. Gleich schenke ich mir nach, während der Laptop hochfährt, damit ich mich über die aktuellen Nachrichten informieren kann.

Sofort weiß ich, warum ich bisher die Medien gemieden habe, denn die Boulevardnachrichten haben sich noch immer nicht beruhigt über unseren angeblichen ›Sexsklavenskandal‹. Kopfschüttelnd sehe ich mir die Fotos an, wie sie aus dem Hochhaus kommt. Gott sei Dank war ich so geistesgegenwärtig und habe dem Fahrdienst Bescheid gegeben. So hatte sie nur einen kurzen Weg durch die sensationsgierige Meute, die seit der Veröffentlichung der pikanten Aufnahmen vor dem Hochhaus wartete. Sie hielt sich die Hand vors Gesicht. Aber das war ein sinnloses Unterfangen, denn alle Interessierten haben schon weitaus mehr gesehen, als ihr Gesicht. Mein Herz zieht sich zusammen – trotz Alkohol.

Was habe ich ihr da nur angetan?

Ich muss unbedingt herausfinden, wer unsere privaten Urlaubsfotos an die Gossip weitergereicht hat. Das bin ich ihr schuldig.

Aber auch in den politischen Nachrichten kann ich meinem Skandal nicht entgehen. Jeder Wichtigtuer meint, seinen Senf dazu geben zu müssen. Manchmal hasse ich den ganzen Politzirkus. Wahrscheinlich würde ich ihn schon lange nicht mehr mitmachen, wenn man da nur nicht so viel Wichtiges bewegen könnte.

Irgendwann steht mir der Sinn nach Harmonie und ich sehe mir die wunderbaren Urlaubsfotos von uns beiden an. Ella hatte mir wirklich die schönsten geschickt, jene die mit einer besonderen Stimmung und Harmonie verbunden waren. Wieder laufe ich Gefahr, in Trübsal zu versinken.

Ich muss hier raus!

Mit dem Rest der Flasche in der Hand verziehe ich mich ins Wohnzimmer und setze mich zuerst an den Flügel. Wie von selbst entrinnt As Time Goes Bye meinen Fingern. Melancholisch klimpere ich auf dem Instrument herum.

Das hier geht schon wieder in die falsche Richtung.

Also stehe ich auf und wähle einen Platz, von dem ich die Manhattan Skyline bewundern kann. Ella hat diesen Ausblick geliebt. Nachdenklich kippe ich den Rest der Flasche in mich hinein. Die ganze Zeit starre ich dabei nach draußen in die Dunkelheit, bis ich irgendwann einschlafe.

 

Als Erstes spüre ich meinen steifen Nacken, als ich unsanft von Susan geweckt werde.

»Du kannst dich doch nicht so gehen lassen«, tadelt sie mich. Ich wische mir Speichel aus dem Mundwinkel und muss ihr leider recht geben, denn mein Schädel ist riesig wie ein Wagenrad. Die Übelkeit, die der Whiskey vertrieben hatte, ist umso schlimmer zurückgekehrt. Ich hätte mehr essen sollen.

»Hast du mit der Trennung wirklich das Richtige getan? Vielleicht solltest du deine Entscheidung noch einmal überdenken«, bohrt sie nach.

»Tut mir leid«, murmle ich nur. »Es war die richtige Entscheidung, ich komme nur nicht damit zurecht.«

Susan schüttelt den Kopf. »Auch die schlimmste Zeit geht vorüber, glaub mir mein Junge. Das kann ich dir aus Erfahrung sagen. Man darf sich nur nicht zu sehr runterziehen lassen. Das Schicksal findet schon eine Lösung, wenn du sie nicht findest.«

»Fuck … hab ich Kopfschmerzen … kannst du deine Predigt noch ein bisschen verschieben?«, frage ich, während ich mir mit Daumen und Zeigefinger über die Augen reibe. »Ich geh mal duschen«, ergänze ich und springe auf. Das hätte ich lieber nicht getan, denn mir wird gehörig schwindelig und ich schwanke beim Gehen.

»Willst du nicht erst etwas essen?«

»Nein danke«, kann ich nur noch sagen, bevor ich gen Toilette stürze und mein Elend wieder einmal herauswürge. Da sich nichts weiter im Magen befindet, muss mein Körper sich mit der allgemeinen Erleichterung und der angenehmen Kühle der Fliesen zufriedengeben.

Unter großer Anstrengung schleppe ich mich unter die Dusche und versuche die schlechten Gefühle abzuwaschen. Natürlich ist diese Ersatzhandlung unbefriedigend.

Nach der Reinigung zwingt Susan mich, etwas zu essen. Dafür bin ich ihr erst im Nachhinein dankbar.

 

»Was ist denn mit dir, Alter?« Mein Freund und Kanzleipartner Jake stürmt an mein Bett, in das ich mich verzogen habe.

»Boah! Wo sind wir hier eigentlich, dass niemand mehr anklopft?«, fluche ich und ziehe meine Decke über den Kopf, während ich ein »Verschwinde!« herauspresse.

»Susan hat mich geschickt … Ich komme mit dem eindeutigen Auftrag dich wieder ans Arbeiten zu holen.«

»Die Arbeit muss noch etwas warten! Ich bin krank!«, schimpfe ich durch die Decke.

»Hey Alter, ich bin nicht dein Vater und du bist nicht mein Kind. Wir haben zusammen eine Kanzlei, falls du dich erinnerst.«

»Oh Mann, Alter! Ich bin krank! Verstanden?«

»Das ist ja wohl nicht zu glauben. Offensichtlich bist du krank … wahnsinnig geworden … gerade als ich dachte, du wärst zur Vernunft gekommen«, spottet Jake. »Aber ich hab mich geirrt, du bist ein Idiot.«

»Ja! Bin ich! … wenn du dann verschwindest.«

»Okay! Aber morgen bist du bitte wieder auf der Arbeit, schließlich hast du keine Nutte mehr, die dich ablenkt.«

»Du hast echt Glück, dass ich hier keine Waffen habe. Sonst würde ich für nichts garantieren!«, brülle ich wütend, während ich mich aufrichte und die Decke zurückschlage, damit er mein entschlossenes Gesicht sehen kann. »NENN! SIE! NICHT! NUTTE!«

Jake weicht erschrocken zurück.

»Okay, bin ja schon wieder weg«, murmelt er beim Rückwärts-mit-erhobenen-Händen-Gehen. »Aber ich komme morgen wieder, falls du dann wieder nicht auf der Arbeit erscheinst.«

»VERSCHWINDE!«, brülle ich und werfe meinen Hausschuh in seine Richtung.