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TEIL EINS

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Zweiundfünfzig

 

ALS SIE AUS DEM WAGEN stieg, wurden ihre Strümpfe im Regen sofort dunkel. Ein Windstoß wirbelte ihr das Haar aus dem Nacken in die Höhe. Sie kam vom Flughafen und hatte die Fahrt in die Stadt schon fast vergessen. Als sie zum Hotel ging, bestand ihr Publikum aus einem Portier in Uniform und einem weiteren Mann in dunklem Regenmantel, der eben durch die Drehtür kam. Der Mann im Regenmantel zögerte und wartete einen Moment, bevor er seinen Regenschirm öffnete, der sich sofort mit einem einzigen raschen Schwung nach oben stülpte. Zuerst wirkte er verlegen, dann bemüht amüsiert – jetzt war sie sein Publikum –, als er das nutzlos gewordene Ding in einen Abfallkübel warf und weiterging.

Sie wünschte, der Portier würde ihren Koffer nicht nehmen, und wären der prächtige, mit goldenen Blättern geschmückte Baldachin und das untadelig polierte Messing des Eingangs nicht gewesen, hätte sie ihm vielleicht gesagt, daß es nicht nötig sei. Sie hatte keine derart hohen Säulen erwartet, die zu einer Decke hinaufragten, die sie, ohne die Augen zusammenzukneifen, kaum erkennen konnte. Auch keinen rosafarbenen Teppich, der zwischen den Säulen verlief und für eine Krönung lang genug gewesen wäre. Wortlos und seltsam unangemessen inmitten all der Pracht vertraute der Portier den Koffer einem Pagen an, als gäbe er ein Geheimnis weiter. An gähnend leeren Sesselgruppen vorbei ging sie zur Rezeption.

Linda, die sich früher an der Durchschnittlichkeit ihres Namens gestört hatte, schob ihre Kreditkarte über den Tresen, als man sie darum bat, unterschrieb das Formular und nahm zwei Schlüssel entgegen, einer war aus Plastik, der andere beruhigend real, der Metallschlüssel für die Minibar, um einen Drink zu nehmen, wenn ihr danach wäre. Auf dem Weg zu den Fahrstühlen bemerkte sie auf einem Mahagonitisch einen Strauß Hortensien und Lilien, so hoch wie ein zehnjähriges Kind. Trotz der Eleganz des Hotels war die Musik im Fahrstuhl störend banal, und sie fragte sich, warum man wohl dieses Detail übersehen hatte. Sie folgte den Schildern und Pfeilen durch einen breiten, stillen Korridor, der aus Zeiten stammte, als Platz noch kein Luxus war.

Die getäfelte weiße Tür ihres Zimmers war schwer und öffnete sich mit leisem Klicken. Vor ihr lagen ein spiegelverkleideter Gang, der wohl zugleich als Bar dienen sollte, ein Wohnraum mit schweren Vorhängen an den Fenstern und Glastüren mit hauchdünnen Gardinen, die zu einem Schlafzimmer führten, das größer war als ihr Wohnzimmer zu Hause. Die Belastung, ungewollt verpflichtet zu sein, trat für den Augenblick zurück, und sie nahm es zögernd hin, verwöhnt zu werden. Aber dann fiel ihr Blick auf die elfenbeinfarbenen Leinenkissen auf dem ausladenden Bett, und sie dachte, welche Verschwendung es doch war, daß nur sie allein dort schlafen sollte – sie, die mit einem schmalen Bett in einem kleinen Raum zufrieden gewesen wäre und ein Bett längst nicht mehr als einen Platz betrachtete, an dem Liebe und Sex stattfanden.

Einen Moment lang saß sie in ihrem nassen Regenmantel da und wartete auf den Pagen mit ihrem Koffer. Sie schloß die Augen und versuchte, sich zu entspannen, was ihr nicht recht gelingen wollte. Sie hatte nie Yoga-Kurse besucht, nie meditiert, und konnte sich nicht von dem Gefühl befreien, daß derlei Übungen einer Unterwerfung gleichkamen, einem Eingeständnis, sich nicht mehr der Realität stellen zu können, ihrer alten Geliebten. Als würde sie einem verblüfften Ehemann, nach dessen Umarmungen sie sonst so begierig war, den Rücken zukehren.

Sie öffnete einem jungen Pagen die Tür und gab ihm ein großzügiges Trinkgeld als Ausgleich für ihr bemitleidenswert kleines Gepäck. Sie war sich seines prüfenden Blicks bewußt, einer unbefangenen Musterung, einfach weil sie eine Frau war, nicht mehr jung und noch nicht richtig alt. Sie ging zu den Fenstern hinüber, zog die Vorhänge zurück, und selbst das trübe Licht des Regentags wirkte überraschend in dem düsteren Raum. Verschwommen nahm sie draußen Gebäude wahr, den Glanz nasser Straßen, den Schimmer grauen Seewassers zwischen Wolkenkratzern. Zwei Nächte in einem Hotelzimmer: am Sonntagmorgen würde sie vielleicht die Zimmernummer kennen, müßte nicht mehr an der Rezeption fragen wie sonst immer. Sie war überzeugt, daß ihre Verwirrung (im Gegensatz zur Meinung der Portiers) das Ergebnis äußerer Umstände war: sie mußte über zu vieles nachdenken und hatte zuwenig Zeit, es zu tun. Schon längst hatte sie sich damit abgefunden, übermäßig viel Zeit zum Nachdenken zu brauchen (mehr als andere zu brauchen oder sich nehmen zu wollen schienen). Und jahrelang hatte sie in dem Glauben gelebt, dies sei eine Folge ihres Berufs, ihrer Kunst, obwohl es eigentlich umgekehrt war: der Geist suchte und fand Beschäftigung, und Unzufriedenheit setzte ein, wenn es ihm nicht gelang.

Und natürlich war die Kunst ein Schwindel. Weshalb sie sich keinem Podium nähern konnte, ohne einen Anflug von Verdruß zu spüren, den sie nie ganz verbergen konnte. Ihre Schultern unter der Jacke oder Bluse waren hochgezogen, ihre Blicke trafen sich nicht mit denen des Publikums, als würden die Leute sie herausfordern, sie des Betrugs anklagen – wenngleich am Ende doch nur sie wissen konnte, daß sie dessen schuldig war. Nichts war leichter und zugleich qualvoller, als die langen erzählenden Gedichte zu schreiben, die ihr Verlag gedruckt hatte. Leicht insofern, als es sich einfach um aufgeschriebene Tagträume handelte, aber quälend in dem Moment, in dem sie wieder in den Wachzustand zurückkehrte (das Telefon klingelte, die Heizung im Keller sprang an), sich die Worte auf der blaulinierten Seite ansah und zum erstenmal die verlogenen Metaphern entdeckte, die Manipulation und die trickreichen Wortspiele, die, wenn es ein guter Tag war, zu ihren Gunsten ausschlugen. Sie schrieb Gedichte, die, wie man ihr gesagt hatte, eingängig waren, ein fabelhaftes, aber im Grunde aalglattes Wort, das sich sowohl für beißende Kritik wie überschwengliches Lob eignete, was sie ihrer Meinung nach beides nicht verdiente. Ihr größter Wunsch war, anonym zu schreiben, aber das erwähnte sie ihren Verlegern gegenüber nicht mehr, denn sie schienen leicht verstimmt zu sein über diese Andeutungen, über die offensichtliche Undankbarkeit angesichts der hohen – und ermüdenden? – Investition, die sie gewagt hatten und die sich nach all den Jahren schließlich auszuzahlen begann. Einige ihrer Gedichtbände verkauften sich inzwischen gut (einer davon sogar sehr gut), aus Gründen, die niemand vorhergesehen hatte und die auch niemand zu verstehen schien. Die Verkaufserfolge ließen sich auf das schwer faßbare Phänomen »Mundpropaganda« zurückführen.

Sie breitete auf dem Bettüberwurf ihre Sachen aus: den olivfarbenen Koffer (schmal und weich wegen der neuen engen Gepäckfächer), die abnehmbare Computertasche (wegen der Sicherheitsüberprüfungen mußte sie abnehmbar sein) und ihre Mikrofasertasche mit den acht Fächern für Handy, Notizbuch, Stift, Führerschein, Kreditkarten, Handcreme, Lippenstift und Sonnenbrille. Noch immer im Mantel, ging sie auf die Toilette und suchte dann nach dem Behälter für die Kontaktlinsen, damit sie die unangenehmen Kunststoffdinger aus den Augen nehmen konnte. Die Linsen waren von Flugzeugluft und vom Rauch einer Bahnhofsbar in Dallas verschmutzt, wo sie einen vierstündigen Aufenthalt hatte, der schließlich damit endete, daß sie vor einem Teller Nachos und einer Diät-Cola kapitulierte. Ganz allmählich begann sie, die Erleichterung zu genießen, die ihr Hotelzimmer immer boten: ein Ort, an dem niemand sie belangen konnte.

Erneut setzte sie sich auf das viel zu große Bett und lehnte sich gegen zwei Kissen. An der Wand gegenüber hing ein vergoldeter Spiegel, in dem sich das ganze Bett widerspiegelte. Seltsam, sie konnte in keinen solchen Spiegel sehen, ohne an verschiedene aussprechliche und unaussprechliche Handlungen zu denken, die höchstwahrscheinlich vor ihm stattgefunden hatten. (Sie hielt Männer für besonders anfällig, was Spiegel in Hotelzimmern anbelangte.) Ihre Spekulationen führten sie unweigerlich zu den Substanzen, die genau auf diesen Bettüberwurf gelangt oder darüber vergossen worden waren (wie oft? Tausende von Malen?), und der Raum war sofort mit Geschichten angefüllt: Ein verheirateter Mann, der seine Frau liebte, aber nur einmal im Monat mit ihr schlafen konnte, weil er süchtig danach war, während seiner häufigen Geschäftsreisen vor Hotelspiegeln über sie zu phantasieren, weil ihr Körper nur das Objekt seiner sexuellen Vorstellungen blieb. Ein Mann, der seine Kollegin überredete, eine der aussprechlichen Handlungen an ihm auszuführen, und der den Anblick ihres unterwürfigen Kopfes genoß, der sich im Spiegel auf und ab bewegte, um ihr dann, nachdem er zusammengesunken war, in einem Anfall, der ihn schließlich den Job kosten würde, zu gestehen, daß er Herpes hatte (warum waren ihre Gedanken über Männer heute so feindselig?). Eine Frau, die nicht schön war, aber nackt vor dem Spiegel tanzte, was sie zu Hause nie tun würde, vielleicht nie mehr tun würde (na also, das war schon besser). Sie nahm die Brille ab, damit sie nicht mehr bis ans andere Ende des Zimmers sehen konnte, lehnte sich gegen das Kopfteil und schloß die Augen.

Sie hatte nichts zu sagen, weil sie schon alles gesagt hatte. Sie hatte alle Gedichte geschrieben, die zu schreiben waren. Obwohl etwas Großes und Untergründiges ihre Gedanken angetrieben hatte, war sie nur eine unbedeutende Dichterin. Möglicherweise schnitt sie besser ab als erwartet. Sie würde den Dingen heute abend einfach ihren Lauf lassen, schon bald zu den Fragen übergehen und das Publikum das weitere Geschehen bestimmen lassen. Glücklicherweise würde es nicht lange dauern. Genau aus diesem Grund schätzte sie Literaturfestivals: Sie war nur eine unter vielen Schriftstellern und Dichtern (mehr Schriftsteller als Dichter), und die meisten waren bekannter als sie. Sie wußte, daß sie sich das Programm ansehen sollte, bevor sie zu der Cocktailparty ging, denn es konnte hilfreich sein, frühzeitig einen Bekannten zu finden, um nicht allein herumzustehen, unbegehrt zu wirken und eine leichte Beute abzugeben. Aber wenn sie sich das Programm ansah, würde der Abend zu früh Besitz von ihr ergreifen, und sie sträubte sich gegen diese Art, in Besitz genommen zu werden. Wie fürsorglich sie doch in letzter Zeit zu sich selbst war, als trüge sie etwas Zartes und Kostbares in sich, das verteidigt werden mußte.

Von der Straße, zwölf Stockwerke tiefer, tönte das Klappern einer großen Maschine herauf. Auf dem Gang waren Stimmen zu hören, die eines Mannes und einer Frau, eindeutig erregt.

Es war reines Sich-gehen-Lassen, das Schreiben. Sie konnte sich noch immer an die große Freude (war es ein Mittel gegen die Sorge?) erinnern, an die äußere Beschaffenheit ihrer Buchstaben, die auf kräftigen Linien standen, an den eleganten Schwung der blauen Tintenschrift auf ihrem ersten Übungsheft (das großzügige S bei Sparsamkeit, das elegante N bei Neid). Sie sammelte inzwischen alte Übungshefte, kleine Fundgruben schöner Handschriften. Es war Kunst, wirkliche Kunst, dessen war sie sicher. Sie hatte einzelne Seiten gerahmt und an die Wände ihres Arbeitszimmers gehängt. Vermutlich waren die Übungshefte (bloße Schularbeiten anonymer, längst verstorbener Frauen) praktisch wertlos – sie hatte selten mehr als fünf oder zehn Dollar in den Antiquariaten dafür bezahlt –, aber sie machten ihr trotzdem Freude. Sie war überzeugt, daß Literatur für sie aus dem Akt des Schreibens selbst bestand, auch wenn ihre eigene Schrift inzwischen erschreckend verkümmert war, fast nur noch ein Code.

Sie stand vom Bett auf und setzte ihre Brille auf. Sie sah in den Spiegel. Heute abend würde sie lange Ohrringe aus Rosenquarz tragen. Sie würde die Kontaktlinsen wieder einsetzen und Lippenstift wählen, der sich mit dem Rosenquarz nicht beißen durfte, und damit hätte es sich. Von einem bestimmten Blickwinkel aus wäre sie vielleicht einfach unsichtbar.

Die Party fand in einem Raum statt, der für solche Anlässe reserviert war. Vermutlich hielt man den Ausblick für attraktiv, obwohl die Dunkelheit schon eingebrochen war und die Stadt jetzt grau wirkte. Hier und dort blitzten Lichter, und sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren: In diesem oder jenem Zimmer werden sich Frauen ausziehen und Männer mit gelösten Krawatten werden Drinks eingießen. Obwohl es andere, groteskere Szenarien in Erwägung zu ziehen gab.

Das Fenster klapperte in einem Windstoß ähnlich dem, der vorhin ihr Haar aufgewirbelt hatte. Einen Moment lang wurden die Lichter schwächer, und für genau diese Zeitspanne verstummten die Gespräche, eine Pause, die an eine Panik in einem finsteren Hotel denken ließ, an Hände, die sich vorwärts tasteten. Irgendeine scheußliche Musik, ähnlich den banalen Klängen im Hotelaufzug, durchsetzte die Unterhaltung. Sie sah kein bekanntes Gesicht, und das war beruhigend. Es befanden sich vielleicht fünfundzwanzig Leute in der Suite, als sie eintraf, die meisten bereits mit Drinks in der Hand, in Gruppen zusammenstehend. Entlang einer Wand waren auf einem Tisch die üblichen Partyhäppchen aufgereiht. Sie stellte ihre Tasche unter einen Stuhl an der Tür und ging zur Bar. Sie bat um ein Glas Wein und ahnte schon, daß die Qualität des Chardonnay es nicht mit der des rosafarbenen Krönungsteppichs und den fast mannshohen Blumensträußen aufnehmen konnte, womit sie nicht unrecht hatte.

Ihr Name wurde genannt, und als Linda sich umdrehte, streckte ihr eine Frau in einem irisfarbenen Wollkostüm die Hand entgegen. Es war angenehm, eine Frau zu sehen, die kein Schwarz trug, wie es heutzutage üblich war, wenn man nicht als provinziell gelten wollte. Sie schüttelte die ausgestreckte Hand, ihre eigene war vom Weinglas naß und kalt.

»Ich bin Susan Sefton, eine der Organisatorinnen des Festivals. Ich schätze Ihre Gedichte sehr und möchte Ihnen danken, daß Sie gekommen sind.«

»Oh. Danke«, sagte Linda. »Ich freue mich«, log sie.

Die Frau hatte schiefe Zähne, aber hübsche grüne Augen. Verdiente sie sich mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt?

»In etwa einer halben Stunde treffen wir uns vor dem Hotel, wo ein Bus wartet, um uns in ein Restaurant namens Le Matin zu bringen. Es ist ein Bistro. Mögen Sie französisches Essen?«

Linda wußte nicht recht, was sie antworten sollte, und nickte nur. Die Tatsache, zum Essen gefahren zu werden, ließ sie an Senioren denken, eine Vorstellung, die sich verfestigte, als man ihr kurz darauf mitteilte, daß das Essen wegen der verschiedenen Vortragstermine frühzeitig stattfände.

»Und danach wird jeder Autor zu seinem Vortragsort gebracht. Wir haben vier verschiedene Vortragsorte.« Sie sah in einem Plastikordner mit bunten Karteireitern nach. »Sie sind in der Red Wing Hall und lesen um 21 Uhr 30.«

›Was mir eine geringe Zuhörerzahl garantiert‹, dachte Linda, sagte aber nichts. Die meisten Leute, die ein Festival besuchten – Autoren eingeschlossen –, würden um diese Zeit nach Hause gehen.

»Kennen Sie Robert Seizek?«

Der Name war ihr entfernt bekannt, obwohl sich Linda weder an einen Buchtitel noch an ein Genre erinnern konnte. Sie machte eine Kopfbewegung, die als Nicken gedeutet werden konnte.

»Sie beide werden sich das Podium teilen.«

Linda spürte die Herabsetzung, die diese Teilung beinhaltete, das Gefühl, als Unterhaltung nur die Hälfte wert zu sein.

»Es stand im Programm.« Die Frau wirkte abwehrend, vielleicht als Reaktion auf den vorwurfsvollen Blick. »Haben Sie Ihre Unterlagen nicht bekommen?«

Linda hatte sie bekommen, was sie jetzt aber kaum zugeben konnte, da es schrecklich unhöflich war, nicht hineingesehen zu haben.

»Ich werde Ihnen welche besorgen.« Die schiefen Zähne waren nicht mehr zu sehen, das Lächeln war verschwunden. Linda war nur noch eine von vielen launischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen, um die Susan Sefton sich kümmern mußte, und die meisten waren zu schlampig und zu egozentrisch, um das zu tun, was man von ihnen erwartete. Sie blickte auf Lindas Brust.

»Sie müssen bei allen Veranstaltungen den Anstecker tragen. Er ist in dem Paket mit den Unterlagen.« Eine Anordnung, gegen die die Schriftsteller sicher rebellieren würden, dachte Linda und sah sich in dem Raum mit den vielen in Plastik eingeschweißten weißen Ansteckern um, die an Revers und Blusen prangten. »Haben Sie Robert schon kennengelernt? Ich werde Sie bekannt machen«, fügte Susan Sefton hinzu, ohne auf eine Antwort zu warten.

Die Frau im irisfarbenen Kostüm unterbrach eine Unterhaltung zwischen drei Männern, von denen keiner die Unterbrechung zu brauchen oder zu wollen schien. Das Gespräch drehte sich um Computer (das hätte sich Linda denken können) und Technologie-Aktien, deren Kauf sich gelohnt hätte, wenn man Bescheid gewußt hätte. Seizek hatte einen großen, fast löwenhaften Kopf und einen riesigen Körper, der von den verschiedensten Gelüsten kündete. Eines davon machte sich in seiner Alkoholfahne und einem leichten Schwanken bemerkbar, als stünde er, im Gegensatz zu den anderen, auf einer kreiselnden Fläche. Wahrscheinlich würde sie schließlich doch allein auf der Bühne stehen. Einer der beiden anderen Autoren sprach mit stark australischem Akzent, der sich angenehm anhörte, und Linda schloß daraus (als schaltete sie sich in ein laufendes Radioprogramm ein), daß er der Romancier war, über den erst letzten Sonntag in einem wichtigen Literaturblatt geschrieben stand, seine Prosa sei »leuchtend und einnehmend«, seine Einsichten seien »brillant und treffend«. (Ein Roman über einen australischen Wissenschaftler? Sie versuchte, sich zu erinnern. Nein, über einen Ingenieur.) Und trotz der abgenutzten und daher abgewerteten Lobesworte konnte man nicht umhin, den Mann mit größerem Interesse zu betrachten als ein paar Sekunden zuvor, eine Tatsache, für die sie sich selbst verachtete. Eine Verbeugung vor verliehener Macht. Sie bemerkte auf einmal, was sie vorher nicht bemerkt hatte: daß die beiden anderen Männer sich leicht in Richtung des Frisch-Gesalbten neigten, als würden ihre Körper von einem starken Magneten zu ihm hingezogen.

»Und Sie, Ms. Fallon, würden Sie sagen, daß sich Ihre Auffassung der Liebe eher der Liebe selbst als der Lektüre über Liebe verdankt?« Seizeks Sprache klang verquollen und vermittelte den Eindruck, als könnte sich jeden Moment ein Sprühregen aus Zischlauten über sie ergießen.

Wieder eine Unterhaltung, von der sie nur Bruchstücke mitbekam. Der dritte Schriftsteller nahm überhaupt keine Notiz von ihr, als wäre sie unsichtbar. Es wäre unfair gewesen, ihn gleich als schwul zu bezeichnen. Wie seltsam, dachte sie, daß Männer über Liebe sprachen, über Liebe gesprochen hatten, bevor sie sich zu ihnen gesellt hatte. Dabei interessierte dieses Thema doch angeblich nur Frauen.

Sie antwortete, ohne zu zögern. »Der Erfahrung. Noch niemand hat eine zutreffende Beschreibung der Ehe geliefert.«

»Ein Roman kann das nicht, meinen Sie?« Das sagte der Australier mit seinem breiten Akzent. »Die Ehe eignet sich nicht für Kunst. Jedenfalls nicht für befriedigende Konstruktionen oder lesenswerte Dialoge.«

»Sie schreiben über Liebe«, sagte der Mann, den sie nicht als schwul bezeichnen wollte, zu Linda und machte sie damit plötzlich sichtbar. Sie konnte nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, weil er ihre Arbeit kannte.

»Ja, das ist richtig«, sagte sie, keineswegs verlegen, ihren Anspruch in der Runde geltend zu machen. »Ich halte sie für das zentrale Drama unseres Lebens.« Sofort schränkte sie ihre kühne Behauptung wieder ein. »Zumindest für die meisten von uns.«

»Nicht den Tod?« fragte Seizek, ein Betrunkener, der nach Streit suchte.

»Den halte ich für einen Teil der gesamten Veranstaltung. Alle Liebe ist zum Scheitern verurteilt angesichts des Todes.«

»Aber Sie glauben nicht, daß die Liebe den Tod überdauert«, sagte der Australier.

Was sie nicht tat, obwohl sie es versucht hatte. Nach Vincent.

»Warum zentral?« fragte der dritte Mann, der schließlich einen Namen hatte: William Wingate.

»Sie enthält alle theatralischen Möglichkeiten. Leidenschaft, Eifersucht, Betrug, Gefahr. Und ist nahezu universell. Sie ist etwas Außergewöhnliches, das durchschnittlichen Menschen widerfährt.«

»Es ist aber nicht modern, über Liebe zu schreiben, nicht wahr?« sagte Seizek herablassend.

»Nein. Aber für mich ist Mode nicht von Belang.«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Seizek schnell, denn offensichtlich wollte auch er nicht belanglos sein.

Linda zog sich vorsichtig aus der Unterhaltung zurück, weil sie plötzlich Hunger verspürte. Sie hatte seit dem Frühstück in ihrem Hotelzimmer in der über tausend Kilometer entfernten Stadt nichts mehr zu sich genommen (wenn man von den ungenießbaren kleinen Nachos-Ecken einmal absah). Sie fragte die Männer, ob sie ihnen etwas vom Büfett mitnehmen solle, sie hole sich Cracker, sie sei völlig ausgehungert, da sie seit dem Frühstück nichts gegessen habe. Nein, nein, die Männer wollten nichts, aber natürlich müsse sie sich etwas holen. Die Salsa sei ganz ordentlich, behaupteten sie, und es würde sicher noch eine Stunde dauern, bis man etwas anderes zu essen bekäme. Ob sie das Restaurant kenne? Als sie sich von ihnen abwandte, dachte sie, daß ihr vor einem oder vielleicht zwei Jahren einer der Männer zum Büfett gefolgt wäre und den Anlaß als Gelegenheit genutzt hätte. Das ist die Ironie des Alters, dachte sie. Als die Aufmerksamkeit noch allgegenwärtig war, hatte es sie gestört.

Bei den kleinen bunten Schälchen blieb es den Gästen überlassen zu erraten, womit sie gefüllt waren: das Grüne mochte kalte Avocadosuppe sein, das Rote war zweifellos die ordentliche Salsa und das Rosafarbene möglicherweise ein Shrimp- oder Krabbendip. Das Grau-Beigefarbene fand sie verblüffend, da es sich beim besten Willen nicht um eine ansprechende Farbe für ein Nahrungsmittel handelte. Sie griff nach einem kleinen Pappteller – das Management hatte sich nicht auf großen Appetit eingerichtet – und nahm das Leiserwerden der Geräusche wahr, bevor es ihr tatsächlich zu Bewußtsein kam, ganz so, als habe jemand die Lautstärke um ein oder zwei Stufen heruntergedreht. Aus der Ecke hörte sie einen geflüsterten Namen. Das war doch nicht möglich, dachte sie, selbst als sie realisierte, daß es doch so war. Sie drehte sich um, damit sie den Grund des ehrfurchtsvollen Schweigens betrachten konnte.

Er stand in der Tür, als würde ihn das Unbekannte blenden. Als müßte er nach einer Verletzung den passenden Schlüssel zur Realität wiederfinden: Gruppen von Männern und Frauen mit Drinks in den Händen, ein Raum, der vorgab, etwas zu sein, was er nicht war, Gesichter, die vielleicht vertraut oder fremd waren. Sein Haar war jetzt silbern, der ganze dichte Schopf, und schlecht geschnitten, tatsächlich grauenvoll schlecht geschnitten, zu lang an den Seiten und im Nacken. Wie sehr er dies hier hassen würde, dachte sie, bereits Partei für ihn ergreifend. Sein Gesicht war tief zerfurcht, aber man konnte nicht sagen, daß er unattraktiv war. Die blauen Augen waren sanft, und er blinzelte, als wäre er aus einem dunklen Raum hereingetreten. Eine Narbe, eine alte Narbe, die genauso zu ihm zu gehören schien wie sein Mund, verlief über die ganze linke Wange. Er wurde begrüßt wie ein Mann, der lange im Koma gelegen hat; wie ein König, der jahrelang im Exil war.

Sie wandte sich ab, weil sie nicht die erste Person sein wollte, die er im Raum wahrnahm.

Andere begrüßten ihn jetzt, eine Wolke stiller, aber angespannter Aufmerksamkeit schien ihn zu umgeben. War dies sein erster öffentlicher Auftritt nach dem Unfall, der ihn bewogen hatte, sich von der Welt zurückzuziehen? Möglich, durchaus möglich. Mit dem Teller in der Hand stand sie bewegungslos da und atmete mit knappen, kontrollierten Zügen. Langsam hob sie die Hand zum Haar und strich eine Strähne hinters Ohr. Vorsichtig rieb sie sich mit dem Finger die Schläfe. Sie nahm einen Cracker und versuchte, ihn mit dem bröckeligen Käse zu bestreichen, aber der Cracker brach auseinander und zerbröselte zwischen ihren Fingern. Sie warf einen prüfenden Blick auf eine Schale mit Erdbeeren und Trauben, letztere waren schon leicht bräunlich.

Etwas zu devot sagte jemand: »Ich werde Ihnen einen Drink holen.« Ein anderer krächzte: »Ich freue mich so sehr.« Und wieder andere murmelten: »Sie wissen gar nicht …« und: »Ich bin so …«

Es bedeutete nichts, sagte sie sich, als sie nach einem Glas Wasser griff. Jahre waren vergangen, und das ganze Leben hatte sich inzwischen verändert.

Sie spürte, wie er auf sie zukam. Wie entsetzlich, daß sie sich nach der langen Zeit vor Fremden begrüßen mußten.

Er sagte ihren Namen, ihren so gewöhnlichen Namen.

»Hallo, Thomas«, sagte sie im Umdrehen, sein Name war genauso gewöhnlich wie ihrer, aber seinem haftete die Bedeutung von Geschichte an.

Er trug ein elfenbeinfarbenes Hemd und einen marineblauen Blazer, dessen Schnitt schon lange aus der Mode war. Um die Mitte wirkte er fülliger, was vielleicht zu erwarten war, aber wenn man ihn ansah, dachte man dennoch: ein großer Mann, ein schlanker Mann. Sein Haar fiel in die Stirn, und er strich es mit einer Geste fort, die ihr seit Jahren vertraut war.

Er trat auf sie zu und küßte sie auf den Mundwinkel. Zu spät hob sie ihre Hand, um seinen Arm zu berühren, denn er hatte sich schon zurückgezogen, und ihre Hand hielt mitten in der Bewegung inne.

Das Alter hatte ihn gezeichnet. Sie beobachtete, wie er sie betrachtete, sie, die das Alter offensichtlich nicht weniger gezeichnet hatte. Dachte er: ›Ihr Haar ist strohig, aber ihr Gesicht ist nicht alt geworden?‹

»Das ist sehr seltsam«, sagte er.

»Man wundert sich bereits über uns.«

»Es ist tröstlich, sich vorzustellen, daß wir für eine Geschichte herhalten.«

Seine Hände schienen nicht zu ihm zu gehören; es waren blasse, weiche Schriftstellerhände mit einem Hauch von Tinte, die sich für immer in den Falten des Mittelfingers der rechten Hand festgesetzt hatte. »Ich habe deine Karriere verfolgt«, sagte er.

»Soweit es eine gegeben hat.«

»Du hast dich gut gemacht.«

»Erst in letzter Zeit.«

Die anderen traten allmählich zurück. Es erhöhte ihren Status, daß er sie kannte, ganz ähnlich, wie die gute Kritik den australischen Schriftsteller auszeichnete. Ein Drink wurde Thomas gereicht, der ihn dankend annahm, aber er enttäuschte den Spender, der auf eine Unterhaltung gehofft hatte.

»Ich habe so was seit Jahren nicht mehr gemacht«, begann er und brach ab.

»Wann liest du?«

»Heute abend.«

»Ich auch.«

»Konkurrieren wir miteinander?«

»Ich hoffe doch nicht.«

Es ging das Gerücht, daß Thomas nach vielen fruchtlosen Jahren wieder schrieb und daß seine Arbeit außerordentlich gut sei. Unerklärlicherweise war er in der Vergangenheit bei Preisen nicht berücksichtigt worden, obwohl man allgemein der Ansicht war, daß er, wenn er sich in Höchstform befand, der Beste war.

»Bist du heute angekommen?« fragte sie.

»Gerade eben.«

»Und woher?«

»Aus Hull.«

Sie nickte.

»Und du?« fragte er.

»Ich bin am Ende einer Lesereise.«

Er neigte den Kopf zur Seite und setzte zu einem Lächeln an, als wollte er Beileid sagen.

Ein Mann wartete ungeduldig an Thomas’ Seite, um zu Wort zu kommen. »Sag mir«, fuhr Thomas fort, ohne den Mann neben sich zu beachten, und beugte sich vor, damit nur sie ihn hören konnte. »Bist du meinetwegen Schriftstellerin geworden?«

Sie erinnerte sich, daß Thomas’ Fragen oft verblüffend direkt und fast beleidigend waren, obwohl man ihm immer verzieh. »So haben wir uns kennengelernt«, erinnerte sie ihn.

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. »Das stimmt.«

»So war ich eigentlich nicht. Wie damals in dieser Klasse.«

»Du warst durchaus so, finde ich. Der Rest war Schwindel.«

»Der Rest?«

»So zu tun, als seist du leicht zu haben.«

Leicht zu haben. Seit Ewigkeiten hatte sie diesen Ausdruck nicht mehr gehört.

»Du bist jetzt mehr du selbst«, sagte er.

»Woher willst du das wissen?« fragte sie herausfordernd.

Er hörte den scharfen Unterton in ihrer Stimme. »Dein Körper und deine Gesten vermitteln den Eindruck, daß du mehr zu deinem Selbst gefunden hast, oder zu dem, was ich für dein Selbst halte.«

»Es sind nur die mittleren Jahre«, sagte sie, gleichzeitig sich und ihn abwertend.

»Sie stehen dir gut.«

Sie wandte sich ab angesichts des Kompliments. Der Mann neben Thomas gab nicht auf. Hinter ihm standen andere, die dem zurückgezogen lebenden Dichter vorgestellt werden wollten. Sie entschuldigte sich und ging durch die Schar der Bewunderer und Schmeichler hindurch, die an ihr natürlich nicht interessiert waren. Es war nichts, sagte sie sich erneut, als sie die Tür erreichte. Jahre waren vergangen, und das Leben hatte sich inzwischen verändert.

Sie stieg in den Aufzug, der Ewigkeiten zu brauchen schien, bis er ihr Stockwerk erreichte. Sie schloß die Tür ihres Zimmers, ihres vorübergehenden Zufluchtsorts. Das Paket mit den Festivaldrucksachen lag unter ihrem Mantel, achtlos hingeworfen wie eine ausgelesene Zeitung. Sie saß auf dem Bett und sah die Liste der Festivalteilnehmer durch, und da war er, sein Name, der plötzlich fetter gedruckt wirkte als die Namen der anderen. In der Lasche, hinter dem weißen Plastikanstecker mit ihrem Namen, fand sie einen Zeitungsausschnitt mit der Ankündigung des Festivals. Das Foto, mit dem der Artikel illustriert war, zeigte Thomas, zehn Jahre jünger. Er hatte das Gesicht zur Seite gedreht, um die Narbe zu verbergen. Dennoch war etwas Kühnes in seinem Ausdruck – ein anderer Thomas als der, den sie einst kannte, ein anderer Thomas als der, den sie jetzt gesehen hatte.

Sie erhob sich vom Bett und vertrieb die leichte Panik durch Bewegung. Ihre Begegnung nach so vielen Jahren hätte ein großes Ereignis sein können, obwohl sie wußte, daß alle wichtigen Ereignisse in ihrem Leben schon geschehen waren. Sie überlegte, ob sie einfach im Hotelzimmer bleiben und nicht an dem Abendessen teilnehmen sollte. Sicherlich hatte sie dem Festival gegenüber keine andere Verpflichtung, als pünktlich zu ihrer Lesung zu erscheinen, und dafür konnte sie sich ein Taxi rufen. Susan Sefton würde sich vielleicht Sorgen machen, aber Linda konnte in dem Restaurant eine Nachricht hinterlassen: Sie fühle sich nicht wohl, sie brauche Ruhe nach dem langen Flug. Was plötzlich zutraf: Sie fühlte sich nicht wohl; sie brauchte Ruhe. Obwohl der Schock, Thomas nach all den Jahren wiedergesehen zu haben, für ihr Unwohlsein verantwortlich war. Das und ein damit verbundenes Schuldgefühl, ein fast unerträgliches Schuldgefühl inzwischen, daß sie in ihrem Leben Ordnung gekannt hatte, Verantwortung, und daher einsehen mußte, wie unverzeihlich ihre Handlungen gewesen waren. Vor Jahren waren die Schuldgefühle von beschämend unerträglichem Schmerz überdeckt gewesen – und von Begierde und Liebe. Liebe hätte sie vielleicht großzügig und selbstlos werden lassen, aber sie war weder das eine noch das andere geworden.

Sie ging ins Badezimmer und hielt das Gesicht nahe an den Spiegel. Ihr Eyeliner war unter dem linken Auge zu einem peinlichen Rand verschmiert. Es war eine Sache, Kunstgriffe anzuwenden, dachte sie, aber eine ganz andere, sie schlecht zu beherrschen. Ihr Haar hatte in der Feuchtigkeit seine Fülle verloren und sah zusammengefallen aus. Sie bückte sich und zerzauste es mit den Fingern, aber als sie sich wieder aufrichtete, fiel es in seine vorherige Form zurück. Das Licht im Badezimmer war wenig schmeichelhaft. Sie weigerte sich, die Schäden zu registrieren.

War sie wegen Thomas Dichterin geworden? Es war eine berechtigte, wenn auch unverschämte Frage. Oder hatte eine gemeinsame Sichtweise sie zueinander hingezogen? Thomas’ Gedichte waren kurz und schlicht, mit brillanten Nebeneinanderstellungen, so daß man nach dem Lesen eines Bandes den Eindruck hatte, durchgerüttelt worden zu sein. Als wäre man über eine Straße mit vielen Windungen und Kurven gefahren; als hätte ein Mitfahrer ins Steuer gegriffen und einen Unfall riskiert. Wohingegen ihre Arbeit langsam und träumerisch war, elegischer, eine ganz andere Form.

Sie wanderte ins Schlafzimmer zurück, eine Frau, die für kurze Zeit vergessen hat, wo sie ist, und sah das Telefon, die Lebensader zu ihren Kindern. Sie las die Anweisung für Ferngespräche. Sie müßte entsetzlich hohe Zuschläge zahlen, aber darum konnte sie sich jetzt nicht kümmern. Sie setzte sich auf den Bettrand, wählte Marias Nummer und war enttäuscht, als Maria sich nicht meldete. Linda öffnete den Mund, um eine Nachricht zu hinterlassen – Leute, die anriefen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, fand sie ärgerlich –, aber obwohl sie unbedingt etwas zu ihrer Tochter sagen wollte und noch dringender die Stimme ihrer Tochter hören wollte, fiel ihr nichts ein. Ein Mann, den ich dir gegenüber nie erwähnt habe, hat plötzlich an meiner Fassade gekratzt. Unlogisch oder nicht, Linda dachte an Ovum und Sperma und an eine einzelne Zelle, die eine zarte Membran durchstieß. Sie legte den Hörer auf und fühlte sich sprachlos und frustriert. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen.

Sie stellte sich ihre Kinder vor, das eine kräftig, das andere nicht, und seltsamerweise war es der Junge, der zarter war. Als sie an Maria dachte, fielen ihr lebhafte Farben und Klarheit ein (wie ihr Vater sagte Maria offen ihre Meinung und machte sich nur selten klar, daß die Folgen verhängnisvoll sein könnten), doch wenn sie an Marcus dachte, fielen ihr verblaßte Farben ein, einst leuchtend, jetzt aber matt, obwohl er erst zweiundzwanzig war. Der arme Junge hatte Lindas irisches Aussehen geerbt, während Vincents robusteres italienisches Blut für Marias dunkle Augenbrauen und das blauschwarze Haar verantwortlich war, das die Leute veranlaßte, sich nach ihr umzudrehen. Und obwohl Vincent zuweilen Schatten im Gesicht hatte, vor allem unter den Augen (und wenn diese Schatten frühe Anzeichen von Krankheit gewesen wären, hätte man sie nur als solche erkannt, wenn man Bescheid gewußt hätte?), war Marias Haut rosig und glatt, nachdem die glücklicherweise vorübergehenden Entstellungen der Pubertät vorbei waren. Wie schon so oft, fragte sich Linda erneut, ob ihre Reaktion auf das Aussehen ihrer Kinder deren Persönlichkeit mitgeprägt hatte; wenn sie ihren Kindern nicht ständig zu verstehen gegeben hätte, daß Maria immer geradeheraus wäre, während sich unter Marcus’ äußerer Schale etwas Untergründiges ausformte. (Wie unpassend Marcus all die Jahre seinen Namen empfunden haben mußte – Marcus Bertollini widerlegte alle Erwartungen, die jemand an ihn stellte, da er so viel mehr wie ein Phillip oder Edward aussah.) Sie hielt diese Gedanken über ihre Kinder nicht für unfair; sie liebte beide gleich stark. Sie hatten nie miteinander konkurriert, da sie schon in frühester Kindheit gelernt hatten, daß kein Wettstreit gewonnen werden konnte.

Die Ziffern auf der Uhr leuchteten, als es im Raum dunkler wurde. Dichter und Schriftsteller würden sich jetzt vor dem Hotel versammeln wie Schulkinder, die sich auf einen Ausflug begaben. ›Ich werde hinuntergehen‹, entschied sie plötzlich. ›Ich werde mich nicht davor fürchten.‹

Am Horizont waren die Wolken aufgerissen, das rosafarbene Licht versprach einen schöneren Tag. Linda registrierte alles: die Art, wie eine Frau, die in den Bus stieg, ihr rechtes Knie nicht belasten konnte und sich am Geländer festhielt; die gewollt abgewetzte Aktenmappe eines Dichters mit modisch schwarzgeränderter Brille; die Art, wie alle in Regenmänteln dastanden, die Hände in die Taschen gesteckt, und sich leicht vorwärts drängten oder geschoben wurden, bis sie ein dichtes Knäuel bildeten. Aber sie zwang sich, nicht nach Thomas Ausschau zu halten, der entweder hinter ihr stand oder nicht gekommen war. So daß sie, als sie im hinteren Teil des Busses saß und ihn beim Einsteigen beobachtete, gleichermaßen überrascht wie verlegen war, verlegen, weil er plötzlich seiner Männlichkeit beraubt war und wie ein Schulkind im Bus fahren mußte. Sein Trenchcoat war zu ausladend, er hielt die Arme vor sich verschränkt, und über seinem Rumpf wölbten sich seine Schultern. Robert Seizek, der betrunkener war, als sie seit Jahren einen Mann gesehen hatte – sein Gesicht wirkte, als müßte es Wasser sprühen, wenn man darauf drückte –, brauchte Hilfe, um die Stufen hinaufzukommen. Die Autoren, die an diesem Abend lesen mußten, wirkten geistesabwesend und aufs äußerste bemüht, sich entspannt zu geben.

Sie fuhren durch trüber werdende Straßen, die um diese Zeit verlassen waren und einen eher nüchternen als charmanten Eindruck machten. Linda versuchte, nicht auf Thomas zu achten, was schwierig war. Er sah verlottert aus, ganz anders als Vincent, der das Talent besaß, makellos zu erscheinen, genauso adrett und gepflegt wie sein Körper. Sie mochte es, wie sich die Hemden ihres Mannes eng an seine Schultern schmiegten, wie er seinen Bart stutzte, der immer perfekt in Form war. Er hatte italienische Ledergürtel und maßgeschneiderte Hosen getragen, was bei Vincent keine Eitelkeit war, sondern vielmehr das Erbe seiner eingewanderten Eltern, die ängstlich darauf bedacht waren, daß ihre Kinder es in der neuen Welt schafften. Was bei anderen geckenhaft gewirkt hätte, war bei Vincent Gewohnheit und hatte Stil; Vincent, der nichts davon hielt, die harmlosen Wünsche seiner Eltern zu mißachten; Vincent, den die allgemeine Unverschämtheit der Freunde seiner Kinder oft verblüffte.

Der Bus hielt an, und Linda war entschlossen, als letzte auszusteigen. Sie würde sich im Restaurant einfach einen freien Platz suchen und sich einem Fremden vorstellen. Aber als sie ausstieg, stand Thomas in der Nähe der Tür und wartete auf sie.

Er brachte es fertig, zwei Plätze abseits von den anderen zu finden. Es war tatsächlich ein kleines Bistro, möglicherweise echt französisch. Die Festivalteilnehmer waren in einem schmalen Raum mit zwei langen Tischen und Bänken untergebracht. Linda und Thomas saßen an dem Ende, das sich am nächsten zur Tür befand, und auch das schien ganz nach Art des Mannes zu sein, an den sie sich erinnerte, ein Mann, der immer an schnelle Fluchtwege gedacht hatte. Sie bemerkte, daß das Papiertischtuch, das bereits halbmondförmige Rotweinflecken aufwies, nicht lang genug war. Thomas kritzelte gedankenverloren mit seinem Stift darauf herum. Es herrschte entsetzlicher Lärm im Raum, und sie hatte das Gefühl, in einem Meer aus Stimmen und unverständlichen Worten zu ertrinken. Dies zwang sie, sich näher, geradezu verschwörerisch einander entgegenzubeugen, um sich zu unterhalten.

»Es ist eine Art Wiederaufleben, nicht wahr? Dieses Interesse an Lyrik?«

»Aber keine Renaissance«, antwortete sie nach einer Weile.

»Mir wurde gesagt, es gebe hier zehn von unserer Sorte. In einer Gesamtzahl von sechzig. Das sieht doch nach einem Rekord aus.«

»Im Ausland ist es noch besser.«

»Hast du das getan? Hast du an ausländischen Festivals teilgenommen?«

»Gelegentlich.«

»Also bist du eine Weile auf Lesereisen gewesen?«

»Kaum.« Sie ärgerte sich über die spitze Bemerkung. Sie gab die verschwörerische Haltung auf und lehnte sich zurück. Er beugte sich näher zu ihr und sah von seinem Gekritzel auf. »Du verkünstelst dich zu sehr bei deinen Gedichten. Du solltest deine Geschichten als Geschichten erzählen. Deinem Publikum würde das gefallen.«

»Meinem Publikum?«

»Deine Gedichte sind beliebt. Du mußt dein Publikum doch kennen.«

Sie schwieg, verletzt wegen des versteckten Tadels.

»Ich halte dich im Kern für eine Romanschriftstellerin«, sagte er.

Sie wandte sich ab. ›Was für eine unverschämte Boshaftigkeit‹, dachte sie. Sie erwog, aufzustehen und zu gehen, aber eine so theatralische Geste würde offenbaren, wie verletzlich sie war, würde ihn vielleicht an andere theatralische Gesten erinnern.

»Ich habe dich verletzt.« Zu seinen Gunsten mußte man sagen, daß er reumütig aussah.

»Natürlich nicht«, log sie.

»Du brauchst weder mich noch jemand anderen, um zu wissen, was du wert bist.«

»Nein, das brauche ich wirklich nicht.«

»Du bist eine wundervolle Schriftstellerin, in welcher Gattung auch immer.«

Und er meinte das Kompliment ernst, tatsächlich hielt er es gar nicht für ein Kompliment, sondern für die reine Wahrheit.

Das Essen wurde auf Tellern gebracht, die so groß waren, daß man am Tisch auseinanderrücken mußte. Linda versuchte, sich eine Spülmaschine vorzustellen, in die die übergroßen Teller paßten. Wozu dienten sie überhaupt, fragte sie sich, da sie das Essen darauf zu Zwergenportionen schrumpfen ließen: indonesisches Huhn für sie, Lachs mit Grillstreifen für Thomas. Seizek, der mit rotunterlaufenen Augen von der Bar zurückkam, stieß an den Tisch, so daß Wasser- und Weingläser ins Wanken gerieten. Linda sah die verstohlenen und offenen Blicke der anderen, die auf sie gerichtet waren. Welch vorrangigen Anspruch hatte Linda Fallon auf Thomas Janes?

Thomas nahm einen Bissen und tupfte sich die Lippen ab. Das Essen interessierte ihn nicht, und auch darin erkannte sie, daß er sich nicht geändert hatte: eine halbe Stunde später würde er sich nicht mehr erinnern, was er gegessen hatte.

»Bist du immer noch Katholikin?« fragte er und starrte auf den V-förmigen Ausschnitt ihrer elfenbeinfarbenen Bluse. Es war eine Art Uniform, die seidenen Blusen, die engen Röcke. Sie hatte drei davon, die in Plastikhüllen in ihrem Koffer lagen. »Du trägst das Kreuz nicht.«

»Schon seit Jahren nicht mehr«, sagte sie, ohne hinzuzufügen, seit mein Mann, der seine Bedeutung kannte, mich bat, es abzunehmen. Sie hob ihr Glas und trank und machte sich erst zu spät klar, daß der Wein ihre Zähne verfärben würde. »Man bleibt immer Katholik. Auch wenn man nicht mehr daran glaubt.«

»Damals wurde so viel Schaden angerichtet.« Sein Blick wandte sich nach innen, möglicherweise wurde er an katholische Sünden erinnert. »Bist du im Moment gläubig?«

»Nur im Flugzeug«, antwortete sie schnell, und er lachte. Er versuchte, wieder einen Bissen zu essen.

»Ich ein bißchen«, gestand er, was sie verblüffte, und sein Geständnis wirkte fast schüchtern. »Der Pfarrer meiner Mutter blieb nach Billies Tod tagelang bei mir, obwohl ich seine Gegenwart kaum wahrnahm. Sie sind sehr gut in Krisensituationen, nicht wahr? Wir spielen jetzt oft Tennis miteinander, und ich gehe manchmal zur Kirche. Um seine Gefühle nicht zu verletzen, denke ich.«

Ihr Atem war angespannt und brannte in ihrer Brust. Diese Erwähnung privaten Unglücks war zu früh gekommen. Erneut hörte sie die Worte: »Nach Billies Tod …«

Er fuhr fort: »Wahrscheinlich habe ich das Gefühl, Dankbarkeit zeigen zu müssen. Ich dachte allerdings, sie müßten wissen, daß es am Ende nicht hilft. Letztlich hilft gar nichts. Drogen vielleicht.«

»Ja.«

Er beugte sich vor. »Geht’s dir genauso? Ich denke an das, was wir getan haben, und kann einfach nicht glauben, daß wir so grausam waren.«

Sie konnte nicht antworten. Er hatte teurer bezahlen müssen, als es irgend jemand verdiente. Und sie? Womit hatte sie bezahlt? Sie hatte Liebe und Kinder gehabt, und ihre Kinder lebten. Entgegen allen Erwartungen war sie belohnt worden. Was war gerecht dabei?

Sie legte die Gabel hin, unfähig, so zu tun, als würde sie essen. Auf eine solche Art von Unterhaltung war sie nicht vorbereitet. Sie faltete die Finger unterm Kinn. Sie war nicht in der Lage, das Gespräch fortzusetzen, weil sie nicht wußte, wieviel sie ertragen konnte. Sie würde sich von Thomas die Stichworte geben lassen, keine Fragen stellen.

Die riesigen Teller wurden durch kleinere ersetzt. Der Kellner füllte ihre Gläser.

»Hast du die Briefe noch?« fragte er.

»Ich habe sie verloren«, sagte sie, erleichtert, auf sichereren Boden zu wechseln. »Sie sind aus einem Karton herausgequollen. Das habe ich vom Fenster im zweiten Stock eines Hauses beobachtet, in das mein Mann und ich einzogen. Er trug den Karton. Ich hielt den Atem an, als er ihn hochhob. Es hätte ihn verletzt, auch wenn …«

(Obwohl ich dich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, wollte sie hinzufügen.)

»Keinem Mann gefällt der Gedanke, daß es einen anderen gegeben hat, der wichtig war«, sagte Thomas nüchtern.

»Und dann, Wochen später, als ich danach suchen wollte, waren sie verschwunden. Nirgendwo zu finden. Ich versuchte, indirekt nachzufragen, aber er schien zu wissen, wovon die Rede war. Es ist ein Rätsel. Bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, was mit ihnen geschehen ist.«

»Er hat sie vernichtet«, warf Thomas ein.

Eine solch heimtückische Tat konnte sich Linda nicht vorstellen. Vincent hatte weder den Wunsch noch die Fähigkeit zu hinterhältigem Handeln. Wohingegen sie und Thomas absolute Experten darin waren.

Arme wurden über Stuhllehnen gelegt. Essen wurde verschlungen oder ignoriert. Spiegel an den Wänden reflektierten die Essenden und zeigten Gesichter, die vorher verborgen waren. Eine Kohorte kleiner Männer in fleckigen Schürzen schlängelte sich wie Tänzer an den schmalen Tischen vorbei. Da es keine Fenster gab, die an den Regen erinnert hätten, herrschte eine traute Atmosphäre im Raum. Diejenigen, die keine Begabung für Konversation hatten, litten.

»Wann hast du geheiratet?« fragte Thomas leichthin.

Gespräche über die Vergangenheit riefen wieder Schmerz hervor, dachte sie, obwohl es töricht war, anzunehmen, sie könnten eine Unterhaltung fortführen, ohne auf das Schlimmste zu sprechen zu kommen, das zwischen ihnen geschehen war.

»1976«, sagte sie.

»Vor vierundzwanzig Jahren.«

Sie nickte, und im nächsten Moment wußte sie, woran er dachte: an sie, wie sie sich auf die Hochzeit vorbereitete. An sie, die leidenschaftliche körperliche Liebe für einen anderen empfand.

»Und du hast Kinder, nicht wahr?« fragte er. »Das habe ich, glaube ich, gelesen.«

»Ich habe eine dreiundzwanzigjährige Tochter und einen zweiundzwanzigjährigen Sohn.«

Und damit war es heraus: die Erwähnung ihrer Kinder.

Sie beobachtete Thomas, der sich bemühte, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bringen. Wie abgrundtief mußte der Schmerz sein, der sich fast ein Jahrzehnt später in unaufhaltsamen Tränen ausdrückte.

»Wie heißen sie?«

»Maria und Marcus.«

»Maria und Marcus …?«

»Bertollini.«

»Der Name deines Mannes.«

»Vincent«, sagte sie, ohne hinzuzufügen, daß er gestorben war.

»Damit ich’s mir vorstellen kann.«

Sie nickte.

»Du kleidest dich inzwischen wirklich wundervoll.« Thomas hielt den Blick auf ihr Gesicht gerichtet, als er das sagte, obwohl sie wußte, daß er sie bereits taxiert hatte.

»Danke«, sagte sie einfach.

»Billie wäre dieses Frühjahr zwölf geworden«, sagte Thomas.

Laut ausgesprochen, klang der Name überaus traurig und herb. An der Anspannung seiner Lippen konnte sie ablesen, was es ihn kostete.

»Das Boot war mit Wasser vollgesogen und morsch. Die Toilette im Bug stank. Man konnte Rich in der vorderen Kabine vögeln hören …«

Einen Moment lang konnte er nicht weitersprechen.

»Wir waren auf dem Weg nach Maine«, sagte er und hatte jetzt das Zittern in seiner Stimme besser unter Kontrolle. »Rich und seine Freundin waren an Bord. Und Jean, meine Frau.« Er sah zu Linda auf. »Und unsere Tochter Billie.«

»Thomas, hör auf«, sagte sie ruhig. »Du mußt das nicht tun. Ich habe damals über den Unfall gelesen.« Tatsächlich konnte sie sich nur allzugut erinnern, wie sie damals, wie jeden Morgen, den Boston Globe durchblätterte (Vincent mit der Times am anderen Ende des Tisches; ihre Hand war von Marmelade klebrig) und wie die Worte THOMAS JANES und TOCHTER und ERTRUNKEN ausgesehen hatten, die unmöglichen, schreienden Großbuchstaben, alle in einer Schlagzeile. Wie Vincent sofort seine Zeitung weggelegt und gesagt hatte: ›Linda, was ist los?‹

Ein Kellner, der Teller balancierte, erzeugte eine künstliche Pause.