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Max Bentow

Der Federmann

Psychothriller

EPILOG

VIERUNDDREISSIG

Da waren Stimmen, sie redeten auf ihn ein. Eine große Unruhe war um ihn herum, er wollte sich zurückziehen, eine entfernte Ecke suchen, für sich allein. Er versuchte, seine Glieder auszustrecken, doch es gelang ihm nicht. Plötzlich berührte ihn etwas im Gesicht. Er wollte es wegschlagen, doch die Hand ließ sich nicht bewegen. Was war das? Es fühlte sich an, als würde sein Arm in einem Schraubstock stecken.

Er schnappte nach Luft.

Dann schlug er die Augen auf.

Jemand beugte sich über ihn. Eine Haarsträhne kitzelte seine Wange.

Er zuckte zurück. »Herr Trojan, wollten Sie nicht längst nach Hause fahren?«

Er starrte die Schwester an. Es roch nach Desinfektionsmitteln und sterilem Verbandszeug.

Er schaute sich um. Er war im Flur der Ambulanz.

»Wie spät ist es?«, fragte er.

»Sieben Uhr dreißig.«

»Abends?«

Ihr Lächeln war freundlich.

»Morgens.«

Ein Patient schob einen Rollator durch den Gang.

»Welchen Tag haben wir heute?«

Wieder lächelte sie.

»Montag, den 24. Mai. Es ist wunderschönes Wetter draußen.«

Mit einem Mal stürmten die Bilder auf ihn ein, und er hatte Brotters Fratze vor sich. Er schlug seine Hand weg und sah ihn in die Tiefe stürzen.

»Ist Ihnen nicht gut?«

Er runzelte die Stirn.

»Haben Sie Schmerzen?«

Er schaute auf seinen rechten Arm. Er war eingegipst. Irgendwann musste er wohl auf diesem Stuhl vor lauter Erschöpfung eingeschlafen sein. Doch bestimmt nicht für mehr als zwei, drei Stunden. Er konnte sich nur noch vage daran erinnern, dass er eigentlich nach Hause fahren wollte, nachdem man seinen Bruch versorgt hatte.

»Alles in Ordnung«, murmelte er.

Er nickte ihr noch einmal zu, dann stand er auf und ging in Richtung Ausgang.

Er warf einen Blick durch die Glastür. Sie hatte recht, draußen schien die Sonne. Draußen sein und sich einen schönen Tag machen, dachte er. Im Freien sein und alles vergessen.

Dann wandte er sich zu dem Glaskasten und lehnte sich über die Sprechmuschel.

»Jana Michels. Welche Station bitte?«

Der Pförtner klapperte auf der Computertastatur.

»Innere, siebter Stock. Nehmen Sie den Aufzug links.«

Trojan bedankte sich und ging zum Lift.

Als er im siebten Stockwerk angelangt war, musste er gegen eine kurze Übelkeit ankämpfen. Wann hatte er das letzte Mal etwas gegessen? Er konnte sich nicht erinnern.

Er fragte eine Schwester nach der Zimmernummer. Sie nannte sie ihm.

»Wie geht es ihr?«

Ihre Miene war ernst.

»Sie hat sich geweigert, ein Beruhigungsmittel zu nehmen. Ansonsten geht es ihr den Umständen entsprechend.«

Er nickte.

Er atmete ein paar Mal tief durch, bevor er die Klinke drückte und das Zimmer betrat.

Sie lag am Fenster.

Ihre Augen waren geschlossen. Ihr Haar war glanzlos und stumpf. Er erkannte die versengten Stellen. Er sah den Mullverband in ihrem Gesicht.

Er zog sich lautlos einen Stuhl heran und setzte sich an ihr Bett.

Nach einer Weile öffnete sie die Augen und sah ihn an.

Er lächelte zaghaft.

»Was macht dein Arm?«, fragte sie leise.

Er klopfte mit der Linken auf den Gips. »Der wird wieder.«

»Konntest du schlafen?«

»Bin unten in der Ambulanz eingenickt. Und du?«

Sie seufzte kaum hörbar.

Sie schwiegen eine Zeit lang.

Dann sagte sie leise: »Es ist durchgestanden, nicht wahr?«

Er nickte.

Er bemerkte, wie sie sich verkrampfte. Ihre Stirn legte sich in Falten. Bald darauf verzog sich ihr Gesicht, als hätte sie Schmerzen.

»Hat man ihn –?«

Er legte den Finger an die Lippen.

»Schsch«, machte er.

Ihre Augen waren glasig.

»Du bist in Sicherheit, Jana.«

»Dieser Mantel –, die Haare –«

»Denk jetzt nicht dran.«

»Und es war –«

»Alles wird wieder gut«, flüsterte er.

Sie drehte den Kopf zum Fenster.

Er folgte ihrem Blick. Das Morgenlicht fiel in gebündelten Strahlen durch die geöffneten Lamellen der Jalousie. In der Ferne waren der Hauptbahnhof und die Spree zu erkennen. Die Spree. Wieder tat sich der schwindelerregende Abgrund vor ihm auf. Er kniff kurz die Augen zu.

Sie wandte den Kopf zu ihm um und zog ihre Hand unter der Bettdecke hervor. Er nahm und drückte sie.

»Es ist vorbei«, murmelte er.

»Ja, es ist vorbei.«

Doch dann kamen ihr die Tränen, und sie weinte stumm in sich hinein.

Er streichelte ihre Hand.

Sie fühlte sich kalt an. Er dachte daran, wie sehr er sich danach gesehnt hatte, ihre Hand zu halten, und dass es weitaus schönere Gelegenheiten dafür gäbe.

»Wann hattest du das letzte Mal Urlaub, Jana?«

»Ich weiß nicht.«

»Wohin würdest du gerne verreisen?«

Sie kämpfte noch immer mit den Tränen, wischte sie mit einem Zipfel ihres Nachthemds weg und sah ihn schweigend an.

»Ich bin lange Zeit nicht verreist«, sagte er. »Hatte keine Lust, allein wegzufahren.«

»Du hast mir in einer Sitzung von deiner Reise mit Emily erzählt. Du hast mir den Ort, an dem ihr wart, genau beschrieben.«

»Ja, das war schön.«

»In allen Einzelheiten hast du es mir erzählt. Und du hast mir deine Tochter beschrieben. Ich sah euch beide vor mir, ganz deutlich.«

Sie versuchte zu lächeln.

»Du hast mir sehr geholfen, Jana.«

»Du bist immer noch mein Patient, Nils.«

»Nein, das bin ich nicht mehr.«

Wieder versuchte sie zu lächeln, doch dabei verzerrte sich ihr Gesicht, und mit erstickter Stimme begann sie: »Er hat – er ist –«

Sie brach ab.

Trojan schluckte.

»Wir haben ihn«, sagte er. »Wir haben den Kerl. Er wird nie wieder irgendjemandem etwas antun können.«

»Ist er tot?«

Trojan nickte kaum merklich.

Es dauerte lange, bis sie weitersprechen konnte.

»Er war im Nebenzimmer, wenn du in meine Sprechstunde kamst. Er war immer da.«

Trojan schloss die Augen. Er wollte es sich nicht vorstellen. Brotter, scheinheilig lächelnd in der Praxis. Patienten, die sich ihm anvertrauten.

Als er die Augen wieder öffnete, starrte sie ihn an. Er berührte vorsichtig ihre Wange.

»Schlaf jetzt«, sagte er. »Versuch ein wenig zu schlafen. Ich komme heute Nachmittag wieder vorbei. Okay?«

Sie sah ihn bloß an.

Er saß noch eine Weile schweigend bei ihr, dann nickte er ihr zu und verließ das Zimmer.

 

Draußen vor der Charité schaltete er das Handy ein.

Er drückte auf eine Kurzwahltaste, einige Augenblicke später hatte er Landsberg am Apparat.

»Wie sieht es aus?«

»Unverändert.«

»Was ist mit den Tauchern?«

»Sie haben den Mantel gefunden.«

»Nur den Mantel?«

»Sie sind pausenlos im Einsatz. Und das Ufer wird abgesucht, überall.« Er seufzte. »Das volle Programm.«

Trojan rieb sich mit der unverletzten Hand über die Stirn.

»Wir finden ihn, Nils. Wir finden seine Leiche.«

Er schwieg.

»Bist du so weit okay?«, fragte Landsberg.

Trojan beobachtete die Spatzen, die auf dem Vorplatz nach Nahrung suchten. Sie flatterten auf, schon kamen sie wieder, es wurden immer mehr, ein ganzer Schwarm.

Er wandte den Blick ab.

»Bis du noch dran?«

»Ja. Mir geht es so weit gut.«

»Hör zu, diesen Sturz überlebt kein Mensch. Die Spree ist an dieser Stelle nicht sehr tief und –«

»Ich weiß.«

Er hörte, wie Landsberg ins Telefon atmete.

»Und noch etwas: Ich habe beim Staatsanwalt ein gutes Wort für dich eingelegt. Er ist bereit, das Ermittlungsverfahren wegen der Wasserglas-Geschichte bei Molls Vernehmung so bald wie möglich einzustellen.«

»In Ordnung.«

»Du hast gute Arbeit geleistet, Nils.«

»Danke.«

»Und was Brotter betrifft, halte ich dich auf dem Laufenden.«

»Okay.«

Sie legten auf.

Trojan winkte sich ein Taxi heran.

Etwa zwanzig Minuten später hielt es vor dem Haus in der Forsterstraße. Er zahlte und stieg aus. Er öffnete den Briefkasten und nahm die Reklamezettel heraus. Er stieg ins vierte Stockwerk hinauf und schloss seine Wohnung auf.

Er wollte eine Dusche nehmen, sich die letzten achtundvierzig Stunden vom Körper abspülen, heiß und ausgiebig. Aber da er sich mit dem Gipsarm noch zu unbeholfen fühlte, hielt er nur das Gesicht unter den laufenden Wasserhahn und putzte sich die Zähne.

Dann setzte er den Kaffee auf.

Er nahm sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank und begann ihn gedankenverloren zu löffeln.

Sein Blick fiel durch die geöffnete Tür auf den Anrufbeantworter im Flur. Erst jetzt sah er, dass er blinkte.

Trojan stand auf und drückte auf die Taste.

»Sie haben eine neue Nachricht«, sprach die automatische Stimme.

Danach war es eine Weile still.

Nur das Rauschen auf dem Computerchip war zu vernehmen.

Schließlich wurde aufgelegt.

Trojan starrte auf die blinkende Anzeige.

Seine Hand zitterte.

Nur ruhig, dachte er. Die Taucher werden seine Leiche finden.

Er warf sich auf sein Bett und bemühte sich ruhig zu atmen. Er spürte, wie sein Herz hämmerte. Wieder tauchte Brotters Fratze vor ihm auf, er kämpfte mit ihm auf dem Dach, dann sah er ihn stürzen, wie in Zeitlupe, immer und immer wieder.

»Sie werden seine Leiche finden«, sagte er laut.

Er atmete ein und aus, tiefer und tiefer.

Er schloss die Augen.

Nach einer Weile merkte er, wie sich seine Muskeln entspannten. Es ist geschafft, dachte er.

Gleich am Nachmittag, wenn sie aus der Schule kam, wollte er Emily anrufen. Sie mussten doch die Bootsfahrt nachholen, vielleicht diesmal nicht unbedingt auf der Spree. Sie könnten zum Schlachtensee fahren oder besser noch weiter hinaus ins Umland. Es machte ihr sicher nichts aus, das Rudern zu übernehmen, für ihn war das ja schwierig mit einer Hand.

Und er dachte daran, Lene im Kinderheim zu besuchen. Er hoffte, dass es ein gutes Heim war und sie bald Freundschaft schließen würde mit den anderen Kindern.

Mit einem Mal sah er Janas Gesicht vor sich. Sie stand an seinem Bett und beugte sich über ihn, strich ihm mit der Hand über die Stirn.

»Schlaf jetzt, Nils«, flüsterte sie, »alles ist gut.«

In seinem Traum hielten sie sich eng umschlungen.

EINS

Die Tür war nur angelehnt. Nils Trojan hielt die Waffe im Anschlag und schlich sich in die Wohnung hinein. Ihn empfing ein seltsamer Geruch. Es war eine Mischung aus fauligen Speiseabfällen und etwas, das er zunächst nicht einordnen konnte, bis ihm bewusst wurde, dass es sein eigener Geruch war, beißend und streng, sein Angstschweiß. Ruhig, versuchte er sich einzureden, nur ruhig.

Er tastete sich durch den halbdunklen Flur, Schutz suchend an der Wand. Da vernahm er ein leises Wimmern, es kam aus dem Zimmer am Ende des Flurs.

Langsam trat er näher. Er versetzte der Tür einen leichten Stoß mit dem Ellbogen und umklammerte seine Waffe mit beiden Händen.

Eine Frau saß auf dem Bett, ihre Schultern waren eingesunken, sie schluchzte gedämpft in sich hinein. Das Licht der Nachttischlampe war auf sie gerichtet, der Schatten ihres Kopfes, das zerzauste Haar, übergroß an die Wand geworfen. Aber das Licht war so grell, dass er ihr Gesicht nicht erkennen konnte.

Trojan atmete tief ein.

»Haben Sie angerufen?«, fragte er.

Er kniff die Augen zusammen, aber er konnte sie nicht erkennen.

»Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

Plötzlich bemerkte er, dass noch jemand im Zimmer war. Er trat hinter dem Vorhang am Fenster hervor. Trojan erkannte die Pistole in seiner Hand.

Die Frau schluchzte auf.

»Helfen Sie mir«, sagte sie leise.

»Waffe fallen lassen«, stammelte Trojan.

Der andere lächelte bloß.

»Helfen Sie mir«, sagte die Frau noch einmal.

»Waffe weg«, schrie Trojan. Aber der andere trat einfach näher, und dann hielt er den Lauf seiner Pistole der Frau an die Schläfe.

»Schieß doch«, sagte er lächelnd.

Trojan spürte den Finger am Abzug.

»Schieß endlich«, sagte der andere.

Das Gesicht der Frau glitt aus dem Lichtkegel. Da konnte er ihren Blick auffangen, flackernd, voller Angst. Er kannte diese Frau, irgendwo hatte er sie schon einmal gesehen. Er musste sie retten, er musste eine Entscheidung treffen, schnell.

Doch seine Hand wurde immer schwerer, und das Gesicht des anderen verwandelte sich in eine hässliche Fratze.

Und dann hörte er den Schuss, heftig, ohrenbetäubend, aber er wusste, er kam nicht aus seiner eigenen Waffe, und das Blut der Frau sprang aus ihrer Schläfe. Getroffen sackte sie in sich zusammen.

»Ich kann nicht«, flüsterte er und schreckte hoch.

 

Ihm war, als müsste er ersticken. Er kannte das, er wusste, was nun zu tun war. Sich vorsichtig aufrichten, den Kopf nicht zu schnell bewegen, sonst könnte ihm schwindlig werden, Licht einschalten, dann das schweißdurchtränkte T-Shirt ausziehen und sich damit Luft zufächeln. Und tief in den Bauch atmen, das war das Wichtigste, die Atemzüge mitzählen, eins, zwei, drei, tiefer und tiefer.

Trojan stöhnte. Auf seinem Wecker war es kurz nach halb vier, die typische Zeit für eine Panikattacke, die dritte schon innerhalb kürzester Zeit.

Er erhob sich langsam, wankte in die Küche, knipste auch dort das Licht an und trank ein Glas Wasser. Er war leicht benommen, unsicher, ob er noch träumte.

Er schlang die Arme um den Oberkörper und bohrte die Fingernägel in seine Haut. Ruhig, nur ruhig, dachte er, ich bin am Leben, ich bin da.

Für eine Weile überlegte er, ob er hinunter zu Doro gehen sollte, in einer Paniknacht hatte er das einmal getan. Sie hatte ihn in ihr Bett gelassen, wo er sich in ihren Armen beruhigen konnte, während sie leise zu ihm sprach: »Armer kleiner Bulle, armer ängstlicher Bulle.« Das war der vielleicht innigste Moment ihrer merkwürdigen Affäre gewesen. Gern hätte er wieder bei ihr geklopft, aber er traute sich nicht.

Stattdessen trat er in das kleine Zimmer, in dem vor einiger Zeit noch Emily gewohnt hatte. Er hatte nichts darin verändert, da hing noch immer das Tokio-Hotel-Poster über ihrem Bett, der komische Sängertyp mit der Turmfrisur lächelte ihn an. Wenn Emily ihn besuchte, musste sie jedes Mal lachen und sagte, er solle doch endlich das dämliche Plakat abnehmen.

Mittlerweile war Emily fünfzehn und wohnte wieder bei ihrer Mutter. Er vermisste sie. Er strich mit der Hand über ihre Bettdecke, vielleicht sollte er sich einfach hier hinlegen, aber dann entschied er, auf und ab zu gehen, bis er ruhiger wäre.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er rang nach Atem und sah sich um.

Auf Emilys Bett hockte der kleine Teddybär mit der eingebauten Spieluhr, den nahm er sich, ein Relikt aus ihren Kleinkindjahren, als sie ohne die Melodie von »Au clair de la lune« aus dem Bauch des Teddys nicht einschlafen konnte. Und auch viel später noch hatte sie den Teddy nachts im Arm gehalten, manchmal, wenn Trojan spät von einem Einsatz heimkam und einen Blick auf seine schlafende beinahe erwachsene Tochter warf, hatte ihn das zu Tränen gerührt.

Er zog an der Schnur, die aus dem Rücken des Teddys kam, und schon ertönte die Melodie.

Er machte in der ganzen Wohnung Licht. Dunkelheit war gefährlich, im Dunkeln lauerte die Angst. Als er am Spiegel im Flur vorbeikam, erschrak er über sein bleiches Gesicht. Er musste an die Frau aus seinem Traum denken, die er nicht retten konnte, ihren flehenden Blick, ihre überquellenden Augen im Moment des Todes.

Wieder zog er an der Schnur der Schlafuhr im Inneren des Teddybären, nur gut, dass ihn niemand dabei beobachten konnte.

Wer war die Frau aus seinem Traum?

Vom Wohnzimmerfenster aus sah er hinab auf die dunkle Straße. Die Stadt schlief. Nur ganz allmählich sickerte die Dämmerung von Osten herein. Unzählige Male hörte er das Kinderlied an, bis er sich zurück ins Schlafzimmer wagte, wo er erschöpft auf sein Bett sank. In seiner Phantasie wandelte er Zentimeter um Zentimeter durch seinen Körper, um jede Faser seiner verkrampften Muskeln zu entspannen, doch es gelang ihm nicht.

Um sieben Uhr schrillte der Wecker. Trojan lag reglos da, den Teddy im Arm, aber er schlief nicht. Er hielt die Augen geschlossen, doch seine Lider flackerten.

Zeit, zur Arbeit zu gehen, Verbrechen zu bekämpfen. Höchste Zeit, die Angst zu besiegen.

 

Coralie Schendel erwachte mit einem Lächeln auf den Lippen. In letzter Zeit schlief sie besonders gut, tief und erholsam, vergnügt schwang sie sich aus dem Bett und zog die Vorhänge auf. Die Straßenbäume waren jetzt endlich wieder dicht belaubt, der Frühling hatte Einzug gehalten, es war die schönste Jahreszeit in Berlin, wie sie fand. Sie rechnete im Kopf nach, wann Achim wieder in der Stadt wäre.

Nur noch eine Woche, stellte sie erfreut fest, ging ins Bad, drehte die Wasserhähne auf, zog sich das Nachthemd über den Kopf und duschte heiß und ausgiebig.

Achim war der Richtige, davon war sie überzeugt, noch nie hatte sie sich bei einem Mann so sicher und geborgen gefühlt wie bei ihm. Er war nicht der wilde Typ Mann und vielleicht auch nicht der beste Liebhaber, aber er war verlässlich, hatte ein großes Herz, und wenn er erst einmal sein Jurastudium abgeschlossen hätte und anständig verdienen würde, könnte sie sich durchaus vorstellen, ihn zu heiraten und Kinder mit ihm zu haben.

Aber natürlich würden sie erst einmal zusammenziehen. Schon bald, dachte sie und malte sich eine große, schöne Wohnung aus, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, zwei Zimmer für die Kinder, eine geräumige Küche und ein großes Bad. Vielleicht sogar ein Arbeitszimmer für Achim, wenn er abends noch Akten studieren musste.

Als Coralie sich die Zähne putzte, legte sich mit einem Mal ihre Stirn in Falten, sie erinnerte sich an einen Fetzen aus ihrem Traum der vergangenen Nacht. Der hatte eigentlich nur aus einer Abfolge von undeutlichen Bildern bestanden, die sie nicht mehr rekonstruieren konnte, jedoch hatte ihr jemand ein paar Worte zugeraunt, und diese Worte hallten plötzlich heftig in ihr nach. Dabei fiel ihr ein, dass es etwas war, woran sie in ihrer Kindheit häufig gedacht, was sie aber nie laut auszusprechen gewagt hatte, als sei es etwas Bösartiges, das Wirklichkeit werden könnte, wenn es einem erst einmal über die Lippen geglitten war:

»Eines Morgens erwachen wir ahnungslos, und es ist der letzte Tag in unserem Leben.«

Sie spuckte den Zahnpastaschaum aus.

Schon kurz darauf konnte sie wieder lächeln. Natürlich sprach aus dem Satz eine bittere Wahrheit, aber das Gute daran war doch, dass niemand den Zeitpunkt seines Todes voraussagen konnte. Und die Wahrscheinlichkeit zu sterben war in ihrem Alter nicht besonders hoch, immerhin war sie erst Mitte zwanzig.

Ich bin jung und einigermaßen hübsch, dachte sie und begann ihr dichtes blondes Haar zu föhnen.

»Dein Haar ist ein Wunder«, hatte Achim einmal zu ihr gesagt. Sie zwinkerte ihrem Spiegelbild zu. Achim war verrückt nach ihr, und in einer Woche wäre er endlich wieder da.

Coralie wählte sorgsam die Kleidung aus ihrem Schrank aus, zog sich an, setzte den Kaffee auf und sah zur Uhr. Sie musste sich beeilen, um pünktlich ins Büro zu kommen.

Die merkwürdige Stimme aus ihrem Traum hatte sie längst wieder vergessen.

 

Trojan sog die würzige Morgenluft ein, unter die sich ein strenges Aroma aus den Mülltonnen im Hof mischte. Er löste das Schloss, wuchtete sein Fahrrad durch die enge Tür ins Treppenhaus und durch die Vorderhaustür wieder hinaus, schwang sich auf den Sattel und fuhr los.

Beinahe jeden Tag legte er die Strecke von Kreuzberg nach Tiergarten mit dem Rad zurück, nur für nächtliche Einsätze benutzte er noch seinen alten Golf. Er liebte es, morgens am Ufer entlangzufahren, oben die Hochbahn, unten der Landwehrkanal und der Himmel über ihm hell und weit, das machte ihn wach, so kam er in Schwung. Er nahm Tempo auf, für gewöhnlich schaffte er die Strecke in einer halben Stunde, manchmal sogar in zwanzig Minuten. Am Technikmuseum baumelte die alte Propellermaschine an ihren Stahlseilen, und die Waggons der U-Bahn quietschten in der Kurve vorm Gleisdreieck, schon tauchten die Hochhäuser vom Potsdamer Platz auf, er passierte die Neue Nationalgalerie, erreichte den Lützowplatz und bog kurz vor der Urania in die Kurfürstenstraße ein. Von dort aus waren es nur noch ein paar hundert Meter bis zum Landeskriminalamt in der Kathargostraße, einer ruhigen Seitenstraße nahe am Tiergarten.

Trojan schloss sein Fahrrad vorm Dienstgebäude ab. Mit seinen wuchtigen, sandfarbenen Natursteinen erinnerte es an eine alte Trutzburg, so eine hatte er als Kind aus Plastikteilen zusammengefügt, Spielzeugburg mit Falltür, Zugbrücke und einem Verlies.

DELIKTE AM MENSCHEN, warnte ein Schild, darunter streckte der Berliner Bär dem Besucher die Zunge heraus.

Er stemmte die schwere Eingangstür auf, trat ein, nickte dem Wachpolizisten zu und stieg die breite geschwungene Treppe ins Obergeschoss hinauf.

Ronnie Gerber schwenkte gerade seine Kaffeetasse aus, als Trojan zur Tür hereinkam.

»Nils, ich fasse es nicht.«

»Was ist los, Ronnie?«

»Das Wochenende war eine einzige Katastrophe.«

»Um Himmels willen, was ist passiert?«

Ronnie sah ihn erstaunt an.

»Na, du weißt doch, Hertha hat wieder verloren.«

Trojan schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. Der kleine, bullige Ronnie wäre wohl auch mit einem Hertha-Schal zur Arbeit gekommen, wenn ihr Chef derlei Sperenzien nicht missbilligt hätte.

»Kopf hoch, die schaffen das schon.«

Sie bedienten sich an der Kaffeemaschine. Trojan setzte sich an seinen Schreibtisch und sah die liegengebliebenen Akten durch, als sein Handy läutete.

Er sah auf das Display und wurde sofort verlegen. Er nahm den Anruf entgegen und wandte sich von Ronnie ab.

»Hallo?«

»Guten Morgen, Herr Trojan.«

Die Stimme am anderen Ende versetzte ihm Stiche, die eigentlich ganz angenehm waren.

»Guten Morgen.«

»Es tut mir leid, aber ich muss den Termin für heute Abend leider absagen.«

»Oh.«

Trojan spürte, wie ihn Ronnie beobachtete. Sie kannten sich nun schon so lange, dass er sofort wusste, welche Gespräche eher privater Natur waren.

»Das ist aber schade.«

»Ja, aber ich muss dringend … Nun, warum soll ich es nicht erzählen, es dreht sich mal wieder um meinen Vater. Er hat im Altersheim für einigen Ärger gesorgt, und ich muss das klären.«

»Das tut mir leid.«

»Wenn wir uns in der nächsten Woche um die gleiche Zeit sehen, Herr Trojan, wäre Ihnen das recht?«

»Um ehrlich zu sein –«

»Diese Woche ist wirklich schon sehr voll, also wenn es Ihnen nichts ausmachen würde –«

Trojan begann zu schwitzen. Die Panik der letzten Nacht war noch immer nicht ganz aus seinem Körper gewichen.

»Gut, in Ordnung«, sagte er leise.

»Ich danke Ihnen, Herr Trojan.«

Er drückte auf die rote Taste. Gerber grinste ihn unverhohlen an.

»’ne neue Flamme, Nils? Komm schon, mir kannst du es doch sagen.«

Trojan schluckte. Er hatte schon öfter darüber nachgedacht, ob er Ronnie nicht sein kleines Geheimnis verraten sollte. Aber er wusste auch, was es hieß, ein Bulle zu sein. Bullen zeigten keine Schwäche, Bullen waren immer stark. Er war sich zwar sicher, dass Ronnie mit dem Thema sensibel umgehen würde, immerhin waren sie befreundet, aber wenn durch Zufall doch etwas durchsickerte, würde er bei seinem Chef und den anderen Kollegen als nicht mehr voll belastbar und somit untragbar für die Mordkommission gelten.

Und das war auch genau der Grund, warum er sich nicht an die Polizeipsychologin im Haus wenden wollte, schließlich tat das niemand in seinem Kommissariat.

Er konnte sich Ronnie nicht anvertrauen.

»Nein, nein, nichts von Bedeutung«, murmelte er.

Er trank von seinem Kaffee und schob zerstreut die Akten hin und her. Dann räusperte er sich und verließ wortlos das Zimmer. In einer entfernten Ecke des Ganges wählte er die Nummer von Jana Michels.

Wenn sie bereits wieder in einer Therapiesitzung war, würde sie nicht mehr ans Telefon gehen, und er müsste mit dem Anrufbeantworter vorliebnehmen, aber er hatte Glück, sie meldete sich sofort. Er mochte ihre warme, sanfte Stimme und musste sich eingestehen, dass er sich in letzter Zeit immer mehr auf die Gespräche mit ihr freute. Anfangs war er noch verwirrt und eingeschüchtert gewesen, doch allmählich hatte sich sein Panzer gelöst. Er stellte sich ihr Gesicht vor, ihre großen wissenden Augen.

»Frau Michels, entschuldigen Sie, ich bin es noch einmal, Nils Trojan.«

Für einen Moment vernahm er bloß ihren Atem, dann lachte sie auf.

»Herr Trojan, ja? Haben wir nicht eben –«

»Ja, und genau das ist es ja, ich würde doch gern, wenn es sich irgendwie einrichten lässt, vielleicht einen anderen Termin wahrnehmen, aber noch in dieser Woche.«

»Ist es so dringend, Herr Trojan?«

Er senkte die Stimme, jemand kam den Gang entlang, instinktiv drehte er sich zum Fenster um.

»Ja, schon«, murmelte er ins Handy.

Er hörte, wie sie in ihrem Terminkalender blätterte.

»Wie wäre es denn mit morgen, achtzehn Uhr?«

Er atmete erleichtert auf.

»Ja, bestens, danke.«

»Schön, Herr Trojan, dann sehen wir uns morgen.«

»Ich hoffe, dass alles wieder in Ordnung kommt mit Ihrem Vater«, sagte er rasch.

»Das ist nett von Ihnen.«

Er glaubte, ein kurzes Zögern bei ihr auszumachen, als wollte sie noch etwas sagen, etwas Privates, aber vielleicht war das auch nur seine Hoffnung.

Schließlich legten sie beide auf, und Trojan ging zurück an seinen Arbeitsplatz.

Ronnie Gerber lächelte ihm verschmitzt zu.

 

Nachdem sie drei Stunden lang ununterbrochen Briefe geschrieben und E-Mails beantwortet hatte, lehnte sie sich das erste Mal an diesem Vormittag in ihrem Bürostuhl zurück. Sie streifte die Schuhe ab und massierte mit Daumen und Zeigefinger ihre Ohrläppchen, in einem Magazin hatte sie gelesen, das fördere die Konzentration und sei gut für den Kreislauf. Danach nippte sie an ihrem grünen Tee.

Als ihr Mobiltelefon in der Handtasche zu brummen begann, wurde sie plötzlich hektisch. Sie klappte die Tasche auf, nahm das Telefon hervor und schaute aufs Display.

Sogleich breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

Sie drückte auf die grüne Taste.

»Hallo, Achim.«

»Hallo, meine Schöne. Störe ich bei der Arbeit?«

»Du störst nie.«

Sie lauschte seinem Atem. Seitdem Achim für zwei Semester in London studierte, waren sie viel zu oft aufs Telefonieren angewiesen, irgendwie konnten sie sich beide nicht recht damit abfinden, dem anderen beim Gespräch nicht in die Augen schauen zu können. Zwar skypten sie auch manchmal, aber selbst das war kein befriedigender Ersatz. Sie vermisste den Duft seiner Haut, das Kratzen seiner Bartstoppeln.

Coralie wurde unruhig bei dem Gedanken an Achims Rasierwasser. Sie hatte sich sogar ein Fläschchen davon gekauft, um sich abends ein paar Tropfen auf den Handrücken zu sprenkeln, beim Einschlafen half das.

»Wie ist das Wetter in London?«

»Es regnet.«

Sie lachte. »Das ist ja mal was ganz Neues.«

»Meine Süße, ich stehe hier im Treppenhaus der Uni, und die Vorlesung beginnt in einer Minute, aber ich wollte dir unbedingt noch sagen, wie sehr du mir fehlst.«

Sie atmete tief durch.

»Du fehlst mir auch so, Achim.«

»Wie viele Tage sind es noch?«

»Sieben. Es sind nur noch sieben. Eine Woche, oder? Sag mir, dass ich mich nicht verrechnet habe.«

»Du hast dich nicht verrechnet. In hundertachtundsechzig Stunden bin ich wieder bei dir.«

Coralie rieb die bestrumpften Füße aneinander.

»Was hast du an, Achim?«

»Ich? Ich hab – ach, ein weißes Hemd, die dunkle Jeans und – und du?«

»Ich hab den kurzen schwarzen Rock und eine himmelblaue Bluse an.«

»Du bist wahnsinnig toll, weißt du das?«

Die Tür öffnete sich, ihr Chef kam herein.

Coralie schlüpfte rasch in ihre Schuhe, haspelte einen Abschiedsgruß ins Telefon und beendete das Gespräch.

Die Chef sah sie streng an.

Sie lächelte verlegen.

»Privatgespräche bitte in der Pause, Frau Schendel.«

Sie nickte eifrig, dann nahm sie ihm den Stoß Unterlagen ab, die sie für ihn durchsehen sollte.

Als er längst wieder gegangen war, saß Coralie noch immer gedankenverloren da und zwirbelte mit einem Finger in ihrem Haar.

Sieben mal vierundzwanzig Stunden gleich hundertachtundsechzig. Sie wollte sich ein schönes Negligé kaufen, etwas Transparentes, sie wollte, dass ihr Achim in Verzückung geriet.

Das Sonnenlicht fiel schräg durchs Fenster herein, sie musste blinzeln.

 

Trojan hämmerte auf die Tastatur des Computers ein. Er musste einen Abschlussbericht verfassen, dabei hasste er diesen Papierkram.

Als er kurz aufblickte, bemerkte er, dass Gerber bereits seinen Schreibtisch aufräumte.

»Ich mach heute früher Schluss, Nils.«

Trojan sah zur Uhr. Es war schon zehn vor vier. Plötzlich wurde er unruhig, ein freier Abend war zwar verlockend, andererseits konnte er auch sehr lang und öde werden, zumal wenn man allein lebte in dieser Stadt.

»Wie wär’s mit einem frühen Bier im Schleusenkrug?«

Ronnie schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid, Nils, aber Natalie hat heute Geburtstag.«

Für einen Moment malte sich Trojan das Familienglück aus, Geburtstagsabendessen bei Kerzenlicht, ein Zuhause am friedlichen Stadtrand, eine verständnisvoll lächelnde Ehefrau und liebe Kinder.

»Richte ihr meine Glückwünsche aus.«

»Mach ich, klar.«

»Wieder alles im Lot bei euch?«

Gerber zog eine Grimasse. »Wir müssen wirklich bald mal wieder einen trinken gehen.«

Sie nickten einander zu, und schon war er zur Tür hinaus.

Trojan seufzte, tippte weiter, korrigierte, druckte aus, las, strich durch, tippte neu. Um fünf schaute er auf die Uhr und beschloss, dass es für heute reichte. Er unterschrieb den Bericht und legte ihn ins Fach seines Kommissionsleiters.

Auch die anderen Kollegen waren längst gegangen, es war ein ungewöhnlich ruhiger Tag gewesen.

Draußen vorm Dienstgebäude überlegte er kurz, ob er nicht allein zum Schleusenkrug fahren sollte, um sich in dem Biergarten dort ein einsames Feierabendgetränk unter den blühenden Kastanien zu gönnen, aber dann kam ihm das doch zu deprimierend vor.

So schwang er sich auf sein Rad und fuhr heim nach Kreuzberg.

 

Coralie stellte ihre Handtasche auf der Kommode ab und zog hinter sich die Wohnungstür zu. Dann atmete sie auf, erleichtert, zufrieden. Es war mal wieder geschafft, auch an diesem Tag hatte sie sich nicht von den Launen ihres Chefs aus der Ruhe bringen lassen.

Sie zog sich die Jacke aus und hängte sie an den Garderobenhaken, betrachtete sich flüchtig im Spiegel und schüttelte ihr Haar auf.

Plötzlich hielt sie inne.

Ihr war, als hätte sie ein eigenartiges Geräusch gehört, etwas wie ein Sirren.

Sie lauschte.

Nichts.

Da war nichts, sie hatte sich wohl getäuscht.

Sie streifte ihre Schuhe ab, ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Kurzerhand schob sie sich eine Scheibe Käse in den Mund, nicht einmal eine richtige Mittagspause hatte sie sich gönnen können, immer wieder war ihr Chef mit neuen Aufgaben an sie herangetreten, und da sie bisher bloß auf Probe angestellt war, durfte sie ihn nicht enttäuschen. Sie stopfte gleich eine zweite Scheibe Käse hinterher. Dann inspizierte sie, was der Kühlschrank sonst noch alles hergab, Eier, ein paar Tomaten, vielleicht sollte sie sich ein Omelette zubereiten. Eigentlich wollte sie erst duschen, sich den Arbeitstag abspülen, doch vor lauter Hunger war sie schon ganz zittrig.

Sie nahm die Eier aus dem Kühlschrank, als sie es wieder hörte, ein merkwürdiges Rascheln.

Es schien aus ihrem Schlafzimmer zu kommen.

Sie hielt den Atem an und horchte gespannt.

Nun war es wieder still.

Eigentlich war sie kein ängstlicher Mensch. Als sie aber kurz darauf erneut dieses Geräusch hörte, spürte sie, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.

Da war etwas in ihrer Wohnung.

Langsam ging sie durch den Flur. Die Schlafzimmertür war angelehnt. Coralie runzelte die Stirn. Am Morgen war sie doch noch offen gewesen, aber vielleicht täuschte sie sich ja auch.

Sie holte tief Luft. Dann stieß sie die Tür auf und trat rasch ein.

Augenblicklich fuhr ihr etwas an den Kopf. Etwas Weiches, Lebendiges.

Sie riss die Hände hoch und taumelte zurück. Da traf es sie im Gesicht.

Sie schrie auf und krümmte sich zusammen.

Erst als sie wieder halbwegs bei Sinnen war, sah sie den kleinen roten Vogel durch das Zimmer sausen. Er schlug oben an die Decke, dann an die Wand, bis er sich im Vorhang verfing. Dort krallte er sich fest.

Sie schrie noch einmal, schrill, voller Entsetzen. Der Vogel flatterte weiter.

Wieder schrie sie.

Flügelschlagend irrte das Tier durch das Zimmer. Coralie wankte in den Flur hinaus und schlug hinter sich die Tür zu.

Sie schüttelte sich, zitterte.

Nur ganz allmählich konnte sie sich wieder beruhigen.

Es war doch nur ein Vogel. Noch einmal musste sie sich schütteln. Er hatte sie im Gesicht berührt.

Ruhig, dachte sie, ganz ruhig, sicherlich war er zum Fenster hereingekommen.

Aber hatte sie nicht das Fenster geschlossen, kurz bevor sie zur Arbeit gegangen war? Das tat sie doch immer.

Hinter der Tür flatterte es, heftig, wild, wie irr.

Sie musste da wieder rein, sich ein Herz fassen und das Tier verjagen.

Lange Zeit stand sie einfach da, zu keiner Regung fähig.

Schließlich gab sie sich einen Ruck und holte aus der Küche ein Handtuch.

Wie eine Waffe hielt sie es vor sich ausgestreckt, als sie sich langsam wieder der Schlafzimmertür näherte.

Bloß ein Vogel, dachte sie, ein kleiner Vogel mit rotem Gefieder auf dem Bauch.

So einen hatte sie in ihrer Straße noch nie gesehen.

Ihr Atem stockte.

Es waren nur noch zwei Schritte bis zur Tür.

 

Obwohl es noch früh genug war, im Supermarkt einzukaufen, ging Trojan aus alter Gewohnheit in den Spätverkauf an der Ecke Forsterstraße, schnappte sich eine Packung Spaghetti, eine Dose passierte Tomaten und klemmte sich drei Flaschen Bier unter die Arme.

An der Kasse hockte wie immer Cem in seinem grauen Kittel, und wie üblich plärrte ein türkisches Programm aus seinem kleinen Fernseher.

»Alles klar, Chef?«

Das war die Standardbegrüßung für seine Stammkunden, Trojan hatte sie schon an die tausend Mal gehört.

»Alles klar. Und bei dir?«

»Muss, muss.«

Trojan legte ihm das Geld hin, Cem betätigte die Kasse.

»Arbeit, weißt du, immer Arbeit.«

»Nimmst du dir nicht auch mal frei, Cem?«

»Kann nicht freinehmen, weißt du, Chef, muss arbeiten. Arbeiten ist wichtig. Schau dir meine Söhne an, sitzen immer nur rum, haben dummes Zeug im Kopf, immer Frauen oder neues Handy, und wenn ich sage, sie sollen im Geschäft helfen, schütteln sie bloß den Kopf, ich bin zu gutmütig, Chef, weißt du.«

Trojan verstaute seine Einkäufe im Rucksack, nickte ihm zu und verließ den Laden.

Er schob sein Rad am Landwehrkanal entlang, sah eine Zeit lang den Boulespielern zu, dann streckte er sich auf einer Wiese aus und genoss die letzten Sonnenstrahlen. Schließlich war sein Hunger so groß, dass er heimfuhr.

Im Treppenhaus blieb er kurz vor Doros Tür stehen, zögerte, dann stieg er weiter bis in den vierten Stock hinauf.

Es war still in seiner Wohnung, zu still. Er warf sich seufzend auf Emilys Bett. Er sollte seine Tochter anrufen, mit ihr ein Treffen ausmachen, beim letzten Mal hatte er sie wegen einer dringenden Festnahme in einem Mordfall versetzen müssen. Er wusste, dass sie das gekränkt hatte, und ihre Mutter war auch nicht gerade begeistert gewesen.

In der Küche füllte er den Topf mit Wasser, stellte ihn auf den Herd, öffnete das erste Bier und nahm einen großen Schluck aus der Flasche.

»Kopf hoch, alter Junge«, sprach er zu sich selbst, als er die Spaghettipackung aufriss.

Dann zündete er die Kerze auf dem Küchentisch an, um ja nicht wieder vorm Fernseher zu essen.

 

Der Vogel hockte auf dem Teppich. Sie bemerkte die Kotspuren überall. Als sie sich näherte, ruckte er verstört mit dem Kopf, sie sprach leise zu ihm, mehr um sich selbst zu beruhigen. Plötzlich flatterte er wieder auf, es war dieses hektische Flügelschlagen, das sie am meisten ängstigte. Sie eilte zum Fenster und riss es auf.

Mit dem Handtuch nach ihm schlagend versuchte sie den Vogel ins Freie zu treiben. Der aber prallte gegen die Wand und segelte hinunter auf ihr Bett. Voller Ekel sah sie, wie er seinen Kot auch auf ihr Kissen fallen ließ.

»Hau ab, hau endlich ab«, zischte sie und fuchtelte mit dem Handtuch in der Luft herum.

Er flog direkt auf sie zu, sie duckte sich mit einem Aufschrei weg. Er flatterte durchs Zimmer und landete auf der Vorhangstange.

»Weg, weg«, keuchte sie und holte mit dem Handtuch aus. Und wieder musste sie sein Flügelschlagen ertragen, dieses fächernde, fauchende Geräusch, seine panischen Fluchtversuche, das Sirren über ihrem Kopf.

Schließlich hockte das Tier auf dem Fensterrahmen.

»Gut, gut«, flüsterte sie, »da hinaus, da.«

Sie wedelte mit dem Tuch.

Der Vogel zuckte mit dem Kopf.

»Na los doch.«

Er machte sich ganz klein. Sie trat näher. Wenn er nur nicht wieder in die falsche Richtung floh.

»Weg.«

Ein letzter Schlag mit dem Tuch, und endlich entwich er ins Freie.

Geschafft.

Coralie schloss hastig das Fenster.

Sie atmete schwer, stieß unartikulierte Laute aus, als sie mit einem Mal erstarrte.

Das Fenster war ja bereits geschlossen gewesen, als sie das Zimmer betreten hatte. Wie also sollte der Vogel hereingekommen sein?

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich, für einen Moment war sie einer Ohnmacht nah. Sie presste die Augen zu und kämpfte gegen den Schwindel an.

Dann eilte sie durch ihre Wohnung und überprüfte jeden Fenstergriff.

Sie schnaufte. Alle Fenster waren verschlossen.

Ruhig, ruhig, dachte sie, sicherlich gab es eine vernünftige Erklärung. Irgendwo musste der Vogel ja eingedrungen sein. Aber wo?

Ein Irrtum, sie musste wohl die Nerven verloren haben.

Doch der Zweifel ließ sie nicht mehr los.

 

Noch lange stand er unten auf der Straße und schaute zu ihrem Fenster hinauf. Erst als sie die Vorhänge zuzog und ihm den Blick versperrte, wandte er sich zum Gehen.

Er musste lächeln.

Ihr irrer Tanz mit dem Vogel hatte ihm gefallen.

Nur schade, dass er schon vorüber war.

Aber er könnte sich noch die ganze Nacht daran weiden, die Szene immer wieder vor sein inneres Auge rufen.

Und alles, was er noch mit ihr vorhatte.