Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin bei beTHRILLED
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18

Weitere Titel der Autorin bei beTHRILLED

Die Cosy-Krimireihe mit Fran Varady:

Band 1: Nur der Tod ist ohne Makel

Band 2: Denn umsonst ist nur der Tod

Band 3: Die wahren Bilder seiner Furcht

Band 4: Dass sie stets Böses muss gebären

Band 6: Denn mit Morden spielt man nicht

Band 7: Und das ewige Licht leuchte ihr

Außerdem sind von Ann Granger folgende Krimireihen bei Bastei Lübbe lieferbar:

Mitchell & Markby

Martin & Ross

Jessica Campbell

Über dieses Buch

Fran Varady hat endlich einen »richtigen« Job in einer Pizzeria gefunden, der ihr die nötigen Rücklagen verschafft, um wieder als Schauspielerin zu arbeiten. Doch in dem Lokal gehen recht merkwürdige Dinge vor sich, die ihren detektivischen Spürsinn wecken. Außerdem hat sie versprochen, einem Jungen zu helfen, der sich illegal in England aufhält und einen zwielichtigen Menschenhändler namens Max sucht. Als dann auch noch ein grausamer Mord geschieht, steht Fran plötzlich zwischen mehreren Fronten und wird von gefährlichen Verbrechern gejagt …

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit ihrer Mitchell-und-Markby-Reihe. Daneben gibt es von Ann Granger noch folgende weitere Reihen: Die Fran-Varady-Reihe, die Jessica-Campbell-Reihe und Kriminalromane im viktorianischen England mit Lizzie Martin und Benjamin Ross.

ANN
GRANGER

UND HÜTE DICH VOR DEINEN FEINDEN

FRAN VARADYS FÜNFTER FALL

Aus dem britischen Englisch von
Axel Merz

beTHRILLED

Caroline Graham gewidmet, in Freundschaft und Dank

für ihre Aufmunterung und Unterstützung

Kapitel 1

Sechs von uns drängten sich in der Wärme oben im The Rose Pub zusammen. Keiner von uns sagte ein Wort. Unsere Aufmerksamkeit war auf einen großen, staubigen geflochtenen Wäschekorb ge-richtet. An diesem Korb hing ein Schild auf einer Seite, auf dem zu lesen stand: ›Zurück an das Hotel Royal, Yarmouth‹, und auf der anderen Seite ein zweites Schild: ›Privateigentum. Bitte stehen lassen.‹

»Ah«, sagte Marty zu guter Letzt und mit gezwungener Zuversicht. »Sehen wir doch mal nach, was drin ist.«

Der Rose Pub war eine Londoner Taverne im alten Stil. Er hatte braun glasierte Fliesen an den Außenwänden und nikotinfleckige Raufasertapete innen. Der ursprüngliche Salon und der Thekenraum waren längst zu einem großen Raum zusammengelegt worden, an dessen gegenüberliegendem Ende sich eine kleine Empore befand. Auf diese Empore lud Freddy, der Wirt, Sänger und Komiker ein, um sein Publikum zu unterhalten. Wer verzweifelt genug war, um sich im Showbusiness zu versuchen, nahm seine Angebote an und stellte sich dort oben hin, wo er so verwundbar war wie die Kokosnüsse an einem Wurfstand auf dem Jahrmarkt, während die Kundschaft pfiff und rüde Bemerkungen brüllte.

Oben, wo wir uns misstrauisch mit dem Wäschekorb auseinandersetzten, gab es eine richtige, wenn auch kleine Bühne mit Vorhängen. Dies war nicht nur, was Freddy seinen Veranstaltungsraum nannte, sondern zugleich sein Privattheater, wo die größeren Shows spielten. Freddy war über alle Maßen stolz auf seine Erfolge als Veranstalter. Die Aufführungen fanden nicht häufig statt, doch wenn es so weit war, dann galten sie in der Gegend als etwas, das man nicht versäumen durfte, und die Sitzplätze waren stets ausverkauft.

Freddy war kein Mann, der mit Geld um sich warf, und steckte stets nur bescheidene Beträge in die Produktion seiner Shows, die er immer am Eingang wieder zurückgewann. Er wusste, wie man das Maximum aus einer Produktion herausholte, während jemand anderes all die Arbeit hatte, bis die Show stand. Als Organisator suchte Freddy seinesgleichen. Doch sein natürlicher Geiz zeigte sich in unserer Umgebung. Der Veranstaltungsraum war seit Jahren nicht mehr renoviert worden, und die ausgeblichenen Samtvorhänge auf der Bühne sahen aus, als würden sie unter dem Gewicht der Jahre und des angesammelten Drecks jeden Moment herunterfallen. Außerdem hing ein haftender Geruch in dem Raum, zu dem jedes einzelne der hundertzwanzig Jahre währenden Geschichte des Rose Pub beigetragen hatte.

Der Grund für unsere Anwesenheit war, dass wir hier oben auf der Bühne auf Freddys Einladung hin eine dramatische Adaption von Conan Doyles Roman Der Hund von Baskerville spielen sollten. Es war Freddys neueste schlaue Idee, wie er die Massen unterhalten und gleichzeitig ein paar zusätzliche Mäuse verdienen konnte. Das Stück war von unserem Regisseur Marty umgeschrieben worden. Er war selbst ein Autor und hätte liebend gerne eines von seinen eigenen Stücken auf die Bühne gebracht, doch Freddy wollte traditionelle Unterhaltung, und was Freddy wollte, das bekam er auch.

»Vielleicht«, hatte Marty optimistisch gesagt, »vielleicht lässt er mich, wenn wir richtig gut sind, beim nächsten Mal eins von meinen Stücken aufführen.«

Das war extrem unwahrscheinlich, doch kreative Künstler und Autoren sind zarte Seelen, und Marty benötigte sämtliche Aufmunterung, die er bekommen konnte.

Für diejenigen unter Ihnen, die die Handlung von Conan Doyles Erzählung nicht kennen: Die Familie Baskerville wird wegen der Verbrechen irgendeines Vorfahren von einem übernatürlichen Hund bedroht. Sir Charles Baskerville wurde tot aufgefunden, und neben seinem Leichnam war der Abdruck einer Hundepfote. Sein Erbe, Sir Henry, ist soeben aus Kanada nach England gekommen, um sein Erbe anzutreten. Der Hausarzt der Familie wendet sich an Holmes, weil er befürchtet, der Hund könne auch Henry töten. Also schickt Holmes seinen Assistenten Watson nach Devon, um Sir Henry zu beschützen, während er sich selbst draußen im Moor versteckt. Dann gibt es da noch einen Schmetterlingsjäger namens Stapleton und seine Schwester (die in Wirklichkeit seine Frau ist) und einen entkommenen Sträfling (der mit Sir Henrys Haushälterin verwandt ist), und alles wird ein wenig kompliziert. Der Höhepunkt ist das Auftauchen des grässlichen Hundes, der den armen Sir Henry verfolgt. Sir Henry wird von Holmes und Watson in letzter Minute gerettet und das Rätsel aufgeklärt. Es gibt noch ein paar weitere Charaktere in der ursprünglichen Geschichte, doch Marty hat sie herausgeschnitten. Sie werden verstehen, warum.

Ich sollte die weibliche Hauptrolle übernehmen: Mrs Stapleton, die Frau, in die sich Sir Henry verliebt. Marty selbst spielte Sir Henry. Holmes konnte er nicht spielen, weil er nicht die richtige Figur besaß. Jeder, der sich Holmes vorstellt, denkt an Basil Rathbone in jenen wundervollen Schwarz-Weiß-Filmen oder Jeremy Brett in der alten Fernsehserie. Marty jedoch war klein und untersetzt mit einem pummeligen Gesicht, zurückweichendem blonden lockigen Haar und Brillenträger. Er besaß eine starke Ähnlichkeit mit einem Teddybär. Ich war nicht einmal sicher, ob er die richtige Besetzung für Sir Henry Baskerville war, aber wahrscheinlich sah ich auch nicht nach der richtigen Besetzung für die Rolle einer exotischen Schönheit wie Mrs Stapleton aus; deswegen verkniff ich mir jede Kritik. Ich bin ebenfalls eher klein und trage die Haare kurz geschoren, bis auf vorne, wo sie länger sind und wie eine buschige Tiara abstehen. Ich hatte mich von einem ehrgeizigen Friseurlehrling zu dieser Frisur überreden lassen.

Marty hatte jemanden namens Nigel gefunden, einen großen, hageren Burschen, der die Rolle des Sherlock Holmes spielen sollte. Mein Freund Ganesh spielte Dr. Watson. Ich weiß, dass der Dr. Watson aus den Romanen kein Inder ist, doch ich war überzeugt, dass Gan seine Rolle gut spielen würde. Es war schwierig gewesen, ihn zu überzeugen; er hatte sich nie besonders für die Bühne interessiert, doch wir hatten an ihm festgehalten, weil Marty ihn unbedingt in dieser Rolle haben wollte. Obwohl wir ihn zu zweit bearbeitet hatten, war Ganesh anfangs stark geblieben, bis uns sein Onkel Hari schließlich zu Hilfe gekommen war und ein Machtwort gesprochen hatte. Hari hat eine heimliche romantische Ader, die ihr Ventil normalerweise darin findet, dass er sich endlos Videos mit Bollywood-Filmen ansieht. Er war überzeugt davon, dass Ganesh mit seiner Rolle als Watson im Rose Pub den ersten Schritt auf dem Weg zum Star machen würde. Haris Begeisterung für das ganze Projekt war alarmierend. Er war sogar bereit, Ganesh früher aus dem Laden gehen zu lassen, damit er pünktlich zu den Proben kam – vorausgesetzt, es geschah nicht allzu häufig.

Wir hatten das Stück in meiner Wohnung gemeinsam gelesen. Das war nicht so einfach gewesen, wie es vielleicht klingen mag. Marty, der es geschrieben und ausgedruckt hatte, litt an einer leichten Dyslexie und entzifferte seine Zeilen auf die abenteuerlichste Weise. Wir alle waren zunehmend ungeduldig und nervös geworden, bis ein derb aussehendes rothaariges Mädchen nach Kostümen gefragt hatte.

Sie würde gleich zwei Rollen spielen, die von Sir Henrys Haushälterin und die von Holmes’ Wirtin, Mrs Hudson, und hatte daher ein besonderes Interesse an der Antwort. Marty sagte ihr, dass er entschieden hätte, sie müsse sich mit Schaumstoff polstern, um dick genug für Mrs Hudson zu sein, und zusätzlich eine Haube tragen, um ihr Haar zu verbergen. Für die Rolle der Haushälterin solle sie schlank auftreten und ein Pincenez tragen. Marty persönlich hatte ein Pincenez aus Draht gefertigt, und die Haube war eigentlich eine Duschhaube, die er von seiner Vermieterin geborgt hatte. Er holte beide Artikel mit einer Geste von bescheidenem Triumph aus einer Plastiktüte.

Das zeitigte jedoch nicht ganz den Effekt, den er sich erhofft hatte. Vor allem das Mädchen mit den krausen Haaren war wenig beeindruckt. Ob wir nicht alle unsere eigenen Kostüme machen oder vielleicht sogar zu einem richtigen Kostümverleiher gehen und uns dort ausstaffieren lassen sollten, fragte sie mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. Nicht nötig, versicherte uns Marty rasch. Abgesehen von der Tatsache, dass wir kein Geld besaßen, würde Freddy sämtliche Kostüme stellen.

Ermutigt durch seine Worte beendeten wir unsere Lesung und gingen auf ein Pint in Freddys Pub. Anschließend gingen wir nach oben, um die Kostüme zu inspizieren, die von anderen Produktionen übrig geblieben waren, welche Freddy in seinem Veranstaltungsraum aufgeführt hatte, darunter auch ein Musical aus viktorianischer Zeit.

Marty öffnete den Deckel des Wäschekorbs, und ein stark muffiger Geruch entwich.

»Puh!«, sagte Nigel. »Das riecht ein wenig, findet ihr nicht? Seid ihr sicher, dass niemand eine Leiche in dem Ding versteckt hat?«

Martys Hand tauchte in den Korb, und er zog das erste Requisit hervor. Es war ein Bowler. »Wunderbar!«, rief er, polierte den Filz mit dem Ärmel und hielt Ganesh den Hut hin.

»Vergiss es!«, sagte Ganesh und wich zurück. »Ich trage keinen Bowlerhut!«

»Stell dich nicht so an, Kumpel!«, sagte Nigel tröstend. »Ich muss einen Jägerhut tragen. Freddy leiht sich den irgendwo. Bescheuerter als mit einem Jägerhut kann man gar nicht aussehen.«

»Das liegt daran«, sagte Ganesh steif, »dass du Holmes bist. Ich bin nur Watson.«

Damit war es entschieden. Er würde den Bowler nicht tragen. Obwohl Ganesh sich nach außen hin gesträubt hatte, in unserem Stück überhaupt mitzuspielen, war er insgeheim sauer, weil er nicht die Hauptrolle bekommen hatte. Wir waren mitten in der ersten Episode künstlerischer Trotzanfälle.

Inzwischen machte uns die Kälte zu schaffen. Freddy hielt nichts davon, Heizungen einzuschalten, wenn sie die Kosten nicht einspielten. Sollte irgendjemand unbesonnen genug sein, den Raum zu mieten, schaltete er die Heizung ein. Bis dahin jedoch war der Raum kalt wie eine Leichenhalle, und die Heizung hatte keine Chance. Vor meinem geistigen Auge sah ich unser Publikum, wenn es je zur Uraufführung kommen sollte, wie es in Übermänteln auf den Plätzen saß. Die Klügeren von ihnen, die den Schauplatz bereits kannten, würden ihre Wärmflaschen mitbringen. Wir hingegen auf der Bühne würden uns durch das Stück zittern. Nur das kraushaarige Mädchen, das auf den Namen Carmel hörte, würde nicht frieren in seiner Rolle als Mrs Hudson mit den dicken Schaumstoffpolstern.

»Mach endlich weiter, Marty«, flehte ich, »bevor wir alle zu Eis erstarren.«

Wir kramten in dem Korb, zogen Dinge hervor, legten sie zur Seite oder wieder zurück. Wir legten mehr zurück, als wir zur Seite legten.

»Igitt«, sagte Carmel. »Das stinkt alles.«

»Es muss nur mal gelüftet werden«, sagte Marty in dem vergeblichen Versuch, unserer Kritik die Spitze zu nehmen.

»Ich werde jedenfalls nichts davon anziehen«, erklärte Carmel. »Bestimmt ist alles voller Flöhe.«

»Na, dann nimm es doch mit nach Hause, und wasch die Sachen, die du tragen willst«, beharrte Marty.

»Ich habe keine verdammte Wäscherei!«, fauchte sie.

»Musst du auch nicht. Nimm es einfach mit zu dem Waschsalon an der Ecke, und steck es in eine von den Maschinen dort.«

»Marty«, glaubte ich sagen zu müssen. »Ich denke nicht, dass dieses Zeug eine Waschmaschine überstehen würde. Es ist alles uralt und brüchig. Es wurde nicht gepflegt, und der viele Schweiß hat den Stoff verrotten lassen.«

»Hast du das gehört?«, kreischte Carmel.

»Es ist aber die viktorianische Periode!«, sagte Marty verzweifelt. »Du und Fran, ihr braucht nichts weiter als lange Röcke und Blusen mit langen Ärmeln. Könnt ihr denn keine langen Röcke auftreiben? Versucht es doch mal im Oxfam-Laden!«

»Ich dachte, wir würden ein wenig Geld mit diesem Stück verdienen und nicht unser Honorar für Kostüme ausgeben«, schmollte Carmel. »Außerdem brauche ich zwei. Ich kann nicht die gleichen Sachen für beide Rollen anziehen – erst recht nicht, wo ich in einer Rolle dick und in der anderen dünn bin!«

Ich zog einen gestreiften Rock und eine dazu passende Jacke mit Keulenärmeln hervor. »Ich nehme das hier mit nach Hause und werde versuchen, es mit der Hand zu waschen«, sagte ich und steckte beides in eine Tesco-Tragetüte.

Martys Stimmung hellte sich sichtlich auf. »Recht so! Komm schon, Carmel … The show must go on, wie man so schön sagt.«

»Wir sind hier nicht im verdammten Palladium«, entgegnete sie. »Ich werde mir ein paar Sachen von Freundinnen leihen … wenn ich kann.«

Wir beließen es dabei. Es gibt immer einen Quertreiber in jeder Gruppe, die ein gemeinsames Projekt angeht. Inzwischen hatten wir alle so ziemlich die Nase voll von Carmel. Sie hatte sich von Anfang an über alles aufgeregt und würde das auch weiter tun, bis zu dem Augenblick, in dem der Vorhang hochging. Letzten Endes würde sie sich überwinden und sich irgendein Kostüm besorgen. Sie war einfach von Natur aus widerborstig.

Manche Leute würden Ihnen wahrscheinlich erzählen, dass das Gleiche auch für mich gilt; aber ich versuchte, Marty zu unterstützen, weil ich sehen konnte, dass er mit den Nerven am Ende war. Er hatte eine Menge Hoffnung und persönliches Engagement in dieses Stück gesteckt, doch selbst die größte Hartnäckigkeit erstarrt irgendwann, wenn es zu kalt ist.

Wir kamen zu einem einstimmigen Entschluss: Wenn wir noch länger hier herumhingen, würden wir alle an Lungenentzündung erkranken. Also stopften wir alles in den Korb zurück bis auf die Dinge, die wir mit nach Hause nehmen wollten. Zögernd steckte Ganesh den Bowler in eine Tüte. Dann trampelten wir die Treppe in die Bar hinunter, wo wir von einem willkommenen Schwall warmer Luft begrüßt wurden.

Das Geschäft ging gut hier unten, auch wenn es im Rose Pub kein Essen außer Nüssen und Chips gab. Freddy hatte ein System mit seinen Chips. Er öffnete einen Karton – beispielsweise mit Käse-und-Zwiebel-Aroma –, und jeder bekam nur diese Sorte, bis der Karton leer war und er den nächsten öffnete, der, wenn man Glück hatte, Salz-und-Essig- oder Barbecue-Geschmack hatte … oder auch nur wieder Käse-und-Zwiebel. Das waren die einzigen drei Geschmacksrichtungen, die Freddy verkaufte. Er verkaufte nicht alle gleichzeitig, weil er der Meinung war, hinter dem Tresen gäbe es nicht genügend Platz, um Kartons mit Chipstüten zu verstauen, die dann doch nur überall im Weg lägen.

Niemand stritt mit ihm deswegen. Freddy war ein beeindruckender Anblick, nicht besonders groß, doch mit dicken Armen und einem Leib wie ein Fass auf Beinen. Die Stammgäste des Rose Pubs hatten einen herzlichen Respekt vor ihm, und da er uns für das Stück bezahlte, hatten wir ganz besonders Respekt vor ihm zu zeigen.

Aber wie auch immer … Freddy und ein muskulöser Barmann mit kahl rasiertem Schädel arbeiteten an diesem Abend ununterbrochen hinter dem Tresen. Sogar Denise, Freddys Frau, war zum Helfen herbeigerufen worden. Ich sage ›sogar‹, weil Freddy normalerweise aus Prinzip keine Frauen hinter die Theke ließ. Denise war die einzige, für die er eine Ausnahme machte, und das auch nur im Notfall. Denise war recht füllig, sodass mit Freddy und dem Barmann kaum noch Platz hinter dem Tresen war. Die drei kamen sich ständig irgendwie in den Weg. Ich sah, dass Freddy nicht die beste Laune hatte. Aber man geht ohnehin nicht in den Rose Pub, wenn es altmodischer Charme ist, den man sucht.

Das Podium unten war an diesem Abend leer, doch trotz der fehlenden Livemusik und klamaukender Komiker war der Laden zum Bersten voll. Die Luft war dick vom Rauch und dem Geruch nach verschüttetem Bier. Noch hatte niemand einen Streit angefangen. Um fair zu sein, wer sich nicht benahm, wurde rasch an die frische Luft gesetzt. Das war einer der Gründe, warum Freddy keine Frauen beschäftigte. Seiner Überzeugung nach waren hinter der Theke Muskeln erforderlich, nicht Glamour.

»Ich muss nach Hause«, sagte Ganesh. »Ich muss morgen ziemlich früh aufstehen, um die Zeitungslieferungen um sechs Uhr anzunehmen.«

Marty sagte, dass er ebenfalls nach Hause müsse und an dem Manuskript arbeiten.

»Schreib ja nichts um!«, flehten wir ihn wie aus einem Munde an. Wir hatten gerade erst die Zeilen entziffert, die er uns gegeben hatte, und damit angefangen, sie auswendig zu lernen.

Er sagte, es ginge darum, die technische Seite zu bearbeiten. Wir ließen ihn ziehen. Nigel und Carmel trotteten zum Tresen, gefolgt von Owen, der den Schurken spielen sollte, und Mick, der den Butler von Sir Henry geben würde sowie jede andere bisher nicht besetzte Rolle. Ich sagte zu Ganesh, dass ich ihn bis zum Laden begleiten würde. Doch ich hatte die Tür noch nicht erreicht, als eine weibliche Stimme meinen Namen quer durch den Raum rief.

»Fran! Geh nicht weg! Ich warte seit fast einer Stunde hier unten auf dich!«

Ich drehte mich um und sah Susie Duke, die auf zehn Zentimeter hohen Absätzen in meine Richtung gestöckelt kam. Tagsüber trägt Susie Jeans und Turnschuhe. Aber wenn sie ausgeht, dann macht sie sich gerne zurecht. Sie trug einen sehr kurzen Rock und einen engen roten Pullover mit Pailletten. Die blonden Haare waren auftoupiert und wurden auf der Rückseite mit einer dieser riesigen Federspangen zusammengehalten. An ihren Ohrläppchen baumelten Ringe so groß wie Armreifen.

»Ich bin weg!«, sagte Ganesh rasch und verschwand.

»Ich habe dich mit deinen Freunden reinkommen sehen«, begrüßte mich Susie, packte meinen Arm und schleppte mich mit sich zu dem Platz, wo sie gesessen hatte. »Ich dachte schon, ihr kommt überhaupt nicht mehr runter. Was habt ihr die ganze Zeit da oben gemacht? Es ging um dieses Stück, nehme ich an. Komm, beeil dich, oder wir verlieren unseren Tisch.«

Ehrlich gesagt bestand keine Gefahr, den Tisch zu verlieren. Es war ein Nischentisch in einer Fensterecke, und sobald Susie aufgesprungen war, um hinter mir herzurennen, hatte Freddys Hund einen Satz auf die Bank gemacht und sich dort ausgestreckt. Der Hund wurde normalerweise hinten im Hof gehalten. Er war ein massiver, muskulöser Bursche mit einem breiten Schädel, gelben Augen und einem unfreundlichen Gesichtsausdruck. Niemand hatte versucht, ihn von seinem Platz zu vertreiben, und seine Miene sagte uns, dass wir es ebenfalls besser bleiben lassen sollten.

Susie ließ sich jedoch nicht davon beeindrucken. »Los, verschwinde, Digger. Runter da! Du darfst nicht auf die Bänke.«

Digger verdrehte die gelben Augen in ihre Richtung und knurrte.

»Das solltest du lieber nicht versuchen, Süße«, empfahl ein Mann am Nachbartisch. »Gleich beißt er dich.«

»Freddy!«, rief Susie in Richtung Theke. »Schaff deinen Köter von unserem Platz!«

Wenn Susie in Fahrt ist, hat sie eine Stimme wie eine Banshee. Sie war nicht zu überhören. Freddy stieß einen Pfiff aus, und Digger sprang von der Bank und trollte sich.

»So«, sagte Susie und klopfte ihren Sitzplatz wütend mit der flachen Hand ab, um Hundehaare zu entfernen. Damit wirbelte sie jedoch nur eine Wolke alten Staubs aus den Polstern auf. »Setz dich, Fran. Ich besorge uns was zu trinken. Was möchtest du?«

»Ein halbes Pint Lager«, antwortete ich. Ich wusste, dass mir dieser Drink nicht umsonst angeboten wurde. Susie kämpfte darum, ein undichtes Boot namens Duke Detective Agency über Wasser zu halten, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, als würde ich darin involviert werden. Ich hatte auch schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welchen Vorschlag sie mir unterbreiten würde – und war für mich fest entschlossen, dass ich nichts damit zu tun haben wollte.

Susie stöckelte zum Tresen, um unsere Getränke zu holen. Ich setzte mich und beobachtete sie. Ich musste unwillkürlich an unsere erste Begegnung denken. Susie hatte in der Tür ihrer Wohnung gestanden, benebelt vom Gin und voller Zorn und Trauer. Und sie hatte allen Grund dazu gehabt – sie war in Trauer gewesen. Der Gedanke daran ließ ein weiteres Bild in mir aufsteigen, ein sehr unangenehmes: das von ihrem Ehemann Rennie, zusammengesunken über dem Lenkrad seines Wagens, ein Stück Schnur um den Hals gewickelt, das in das rote geschwollene Fleisch eingeschnitten hatte. Ich schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Ich kann nicht gerade behaupten, dass meine Sympathie für Susie sich auf ihren verstorbenen Mann erstreckt hätte, einen schmierigen kleinen Privatdetektiv, der kein Talent besessen hatte, sich Freunde zu machen. Doch meine Sympathie für seine Frau bedeutete noch lange nicht, dass ich für sie oder mit ihr arbeiten wollte, wovon ich vermutete, dass sie das vorschlagen würde. Sie hatte das schon einmal versucht.

»Cheers!«, sagte Susie, nachdem wir es uns unter den Augen des wachsamen Digger auf der Bank gemütlich gemacht hatten. Sie hob ihr Glas und prostete mir zu. »Auf das Verbrechen!«

»Es gibt andere Dinge, auf die ich lieber trinken würde«, sagte ich.

Susie schüttelte die blonden Haare, und die riesigen Ohrringe baumelten. »Des einen Eule ist des anderen Nachtigall«, sagte sie. »Du weißt schon, wie ich das meine … sonst hätte ich nichts zu arbeiten. Also dann, Fran.«

Jetzt würde es kommen.

»Hast du noch mal über den Vorschlag nachgedacht, den ich dir gemacht habe?«

»Ja, habe ich«, sagte ich zu ihr. »Versteh mich nicht falsch, Susie, aber ich glaube nicht, dass ich für diese Art von Arbeit gemacht bin.«

»Fang nicht so an!«, schnaubte sie. »Du liebst es, deine Nase in jedes krumme Ding zu stecken, das dir über den Weg läuft!«

Ich sah meine eigenen detektivischen Unternehmungen nicht in diesem Licht und fühlte mich ein wenig beleidigt. »Nur, wenn es mich direkt betrifft«, widersprach ich.

»Wem versuchst du etwas vorzumachen?«, hakte Susie nach. »Du kannst der Versuchung nicht widerstehen.« Sie beugte sich über den Tisch, und ich inhalierte eine Nase voll billigen Parfüms. »Ich brauche dich, Fran. Ich kann das Geschäft nicht alleine führen.«

»Musst du denn in diesem Geschäft bleiben?«, entgegnete ich … dumm von mir, ich weiß.

»Ich habe kein anderes verdammtes Geschäft, oder?«, schnappte sie. »Wer würde mir schon einen anderen Job anbieten, wenn ich zum Amt gehen würde? Ich bin zu alt, Fran. Wenn du keine sechzehn mehr bist, findest du nirgendwo was.«

»Du siehst aber noch großartig aus«, murmelte ich.

»Für mein Alter, sicher«, murmelte sie. »Falls es dich interessiert, ich bin neununddreißig. Auf dem Arbeitsmarkt ist das weit über dem Verfallsdatum. Das solltest du dir besser für deine Zukunft merken.«

Ich wies sie darauf hin, dass ich nicht mal zweiundzwanzig war.

Susie schenkte mir einen sardonischen Blick. »Die Zeit bleibt nicht stehen, weißt du, Fran? Die Regeln sind für dich nicht anders als für alle anderen. Du solltest aufpassen, dass du deinen Kram geregelt kriegst. Und ich rede nicht von diesem Stück, das du mit deinen Freunden probst.«

Ich musste das Stück und meine Teilnahme daran verteidigen. »Du weißt sehr genau, dass ich Schauspielerin werden will!«, sagte ich erregt. »Das Stück mag nicht das beste sein, das je auf die Bühne gebracht wurde, aber wir wollen es so gut machen, wie wir können. Warum kommst du nicht vorbei und siehst es dir an, anstatt es gleich niederzumachen? Du wärst vielleicht überrascht.«

Wenn ich wütend geklungen habe, dann vielleicht deswegen, weil sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Wir alle haben unsere Träume, und ich hielt an meinem fest, weil ich nichts anderes hatte. Ich würde ganz sicher nicht das Handtuch werfen und anfangen, für sie zu arbeiten.

»Außerdem habe ich einen Job!«, fügte ich von oben herab hinzu. »In dem neuen Pizzaladen, dem San Gennaro, und das Geschäft blüht, das kann ich dir sagen!«

Susie war nicht beeindruckt. »Ja, sicher. Und wie lange soll das so gehen?«

Diese Frage hatte ich mir selbst auch schon gestellt. »Warum?«, entgegnete ich scharf. »Hast du irgendwas gehört?«

»Nein!«, antwortete sie ein wenig zu schnell. »Aber ich erkenne eine unsaubere Geschichte, wenn ich eine sehe. Eines Tages erscheinst du zur Arbeit und findest den Laden geschlossen vor, oder, wahrscheinlicher, es wimmelt nur so von Bullen. Heute da und morgen fort, diese Art von Laden eben.«

»Unter uns gesagt«, gestand ich ihr, »ich denke genau das Gleiche.«

»Siehst du?«, sagte sie triumphierend. »Du bist schlau, Fran. Als Privatdetektivin bist du ein Naturtalent. Du hast den richtigen Riecher dafür.«

»Aber nicht den Magen. Ich weiß, was für Aufträge Rennie übernommen hat. Ich habe keine Lust, hinter Ehefrauen oder -männern herzuspionieren, die fremdgehen, oder die Kreditwürdigkeit von irgendwelchen Leuten zu überprüfen. Ich drücke niemandem Vorladungen in die Hand, dem ich nicht zu nahe treten muss. Ich laufe mir nicht die Hacken ab und suche in ganz London nach irgendwelchen Zeugen, die nicht gefunden werden wollen!«

»Du wärst aber verdammt gut darin«, beharrte sie. »Du kennst Leute draußen auf der Straße. Sie würden mit dir reden, wo sie sonst schweigen.«

»Sicher. Sie würden mit mir reden. Sie würden mir sagen, wohin ich mich scheren kann. Sie sind schlau genug, um sich nicht als Zeugen zur Verfügung zu stellen, egal wofür. Das nennt man Überleben, Susie. Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen, vor allem nichts Böses. Ich weiß, ich habe in der Vergangenheit ein paar Nachforschungen angestellt, aber nur, weil ich mehr oder weniger dazu gezwungen wurde. Weil irgendetwas passiert war, das ich nicht ignorieren konnte. Ich habe die Nase in Dinge gesteckt, die für mich wichtig waren, und ich habe es auf meine eigene Art und Weise getan. Das ist etwas ganz anderes als die Art von Arbeit, von der du redest.«

Susie blickte nachdenklich drein, doch sie hatte meinen Worten nicht wirklich zugehört. Sie war immer noch darauf fixiert, mich zu überzeugen, und jetzt stand sie im Begriff, ihre Taktik zu ändern. Aus heiterem Himmel fragte sie: »Hast du eigentlich einen Führerschein?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ganesh hat angefangen, mir Fahrstunden zu geben, als er noch den Lieferwagen vom Gemüseladen hatte und wir in Rotherhithe gewohnt haben. Aber heute hat er keinen fahrbaren Untersatz mehr, und deswegen ist das auch vorbei.«

»Ich zeige dir, wie es geht«, erbot sie sich.

»Warum?«, fragte ich.

»Ich bin dir etwas schuldig«, lautete ihre Antwort. »Du hast herausgefunden, wer meinen Rennie umgebracht hat. Dafür schulde ich dir sogar eine ganze Menge. Lass mich dir zeigen, wie man Auto fährt. Besorg dir einen vorläufigen Führerschein, und ich besorge uns ein paar L-Schilder.«

Die Idee klang verlockend, doch sie hatte einen großen Haken. »Was für einen Wagen hast du?«, fragte ich. In Wirklichkeit wollte ich wissen, ob es immer noch der gleiche war, in dem Rennie ermordet aufgefunden wurde. Weil ich nicht in diesen Wagen einsteigen würde, nie im Leben.

Susie begriff sofort, worauf ich hinauswollte. »Ich habe den Mazda verkauft«, sagte sie. »Stattdessen habe ich mir einen hübschen kleinen Citroën zugelegt. Ich habe dir doch erzählt, Rennie hatte eine Lebensversicherung. Ich habe die Police in dieser Porzellankatze gefunden, die er mir Weihnachten geschenkt hat. Er war manchmal eigenartig, mein Rennie. Hatte seine Geheimnisse.« Sie zupfte an ihrem roten Pullover. »Die Versicherungsgesellschaft hat ohne Probleme gezahlt. Siehst du? Ich habe neue Sachen und alles.«

»Ich denke drüber nach«, sagte ich. »Aber im Augenblick habe ich die Proben und meinen Job bei der Pizzeria …«

»Nein, denk nicht darüber nach, tu es einfach.« Susie schob sich vom Tisch weg und stand auf. »Ich muss jetzt gehen. Ich melde mich wieder, Fran.«

Während ich ihr hinterhersah, als sie davonstöckelte, kam mir in den Sinn, dass Susie selbst ebenfalls ziemlich gerissen war. Sie hatte mich mit ihrem Angebot, mir Fahrstunden zu erteilen, in einem unbedachten Moment erwischt. Was auch immer ich erwartet hatte, das war es jedenfalls nicht gewesen. Ich hatte ihr Angebot nicht rundweg abgelehnt, was nach ihrer Lesart bedeutete, dass ich angenommen hatte. Es würde mir schwerfallen, mich da wieder rauszuwinden, ohne ungehobelt zu erscheinen. Außerdem hätte ich gerne einen eigenen Führerschein gehabt. Doch zwischen dem Wenden in drei Zügen und dem Anfahren am Berg würde ich vermutlich eine ganze Menge über die Karrierechancen zu hören bekommen, welche die Duke Detective Agency mir zu bieten hatte.