Liz Jensen

ENDZEIT

Thriller

Deutsch von
Susanne Goga-Klinkenberg

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ungekürzte Ausgabe 2014

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe:

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

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eBook ISBN 978-3-423-40722-9 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21497-1

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Für Raphaël

1. Teil

1

In jenem Sommer, in dem sich alle Regeln änderten, schien der Juni tausend Jahre lang. Die Temperaturen waren gnadenlos: achtunddreißig, neununddreißig, vierzig Grad im Schatten. In dieser Hitze musste man sterben, durchdrehen oder sich fortpflanzen. Alte Leute kollabierten, Hunde wurden in Autos bei lebendigem Leibe gegrillt, Liebende konnten nicht die Finger voneinander lassen. Der Himmel lastete schwer wie der Deckel eines Hochofens, ließ den Untergrund schrumpfen, Beton bersten und Büsche an den Wurzeln absterben. In den ausgedörrten Vororten dudelten die Eisverkäufer Kindermelodien in Straßen, die Teer schwitzten. Unten am Hafen reflektierte das Meer die Sonne in winzigen, barbarischen Spiegeln. Man war am Ersticken und sehnte sich nach Regen. Der nicht kam.

Doch es kamen andere Dinge, scheinbar willkürlich. Darunter Bethany Krall, der mordende Teenager. Falls ich damals nicht gewusst habe, dass die Unruhe bestimmten Regeln gehorcht, so weiß ich es jetzt.

Damals träumte ich fast jede Nacht so lebhaft, dass die Träume wie digital bearbeitet schienen. Manchmal konnte ich mehr als nur gehen und laufen und springen. Ich konnte radschlagen; ich konnte praktisch fliegen. Ich war eine Akrobatin, schleuderte meinen Körper durch die leere Luft und schwebte wie eine Figur von Chagall in der Stratosphäre.

Dann wieder war ich mit Alex zusammen. Er warf lachend den Kopf zurück, als wäre nichts geschehen. Oder wir hatten hektischen Sex, ein wildes Gewirr aus Gliedmaßen. Oder wir gaben uns der anderen Beschäftigung hin, in der wir es so rasch zur Meisterschaft gebracht hatten: Streiten. Voller Bosheit. Auch, als wäre nichts geschehen.

Dann wachte ich auf. Ich lag da, mein Oberkörper schweißbedeckt, während der Versandhaus-Ventilator meine nackte Haut mit Luft beharkte, und ließ den neuen Tag stufenweise hereinsickern. Bevor ich aufstand, um mich zu waschen, anzuziehen und mit meinem Haar zu kämpfen, weil ich aussah wie nach einer Vergewaltigung unter Drogen, folgte die letzte Stufe: Ich zählte mir pflichtschuldig das, was ich hatte, auf. Es war nicht viel, was das volkstümliche kleine Ritual beträchtlich verkürzte.

Als der Himmel schließlich seine Schleusen öffnete, nahmen die Unwetter biblische, größenwahnsinnige Ausmaße an, als führte ein zorniger Jehova von oben Regie. An den Küsten gaben Klippen nach und kippten Erde, Geröll und Schlamm auf die Strände, wo sie in trotzigen Haufen liegen blieben. Am Horizont explodierten kohlschwarze Wolken und türmten sich zu schwankenden Luftmetropolen. Jenseits der grauen, steinernen Bollwerke des Hafens elektrisierten Blitze das Wasser und beschworen Poltergeistwinde herauf, die willkürlich Dinge hochwirbelten und wieder hinunterschleuderten. Leidenschaftliche Böen zerrten an den Segeln der ankernden Boote und stürmten von dort ins Landesinnere, drückten ganze Maisfelder zu Boden, entwurzelten Bäume, zerschmetterten Hopfensilos und Scheunen, ließen zerrissene Müllsäcke in der Luft Pirouetten drehen, gespenstische Geister des Konsumwahns. Das unberechenbare Wetter war weltweit zur Norm geworden; das hatten wir inzwischen kapiert und waren schon genervt von seinem theatralischen Hang, Aufmerksamkeit zu fordern. Ursache und Wirkung. Gewöhne dich daran, dass A zu B führt. Gewöhne dich daran, in interessanten Zeiten zu leben. Lerne, dass nichts willkürlich geschieht. Achte auf den Punkt, an dem es kippt. Dreh dich um, vielleicht liegt er schon hinter dir.

Psychische Umbruchsituation, eine Welt, die auf dem Kopf steht, Hinterfragen des Status quo, die ewige Nähe der Hölle – all diese Themen lagen mir sehr am Herzen. Laut einer Volksweisheit ist es falsch, nach einer persönlichen Katastrophe große Veränderungen vorzunehmen. Man soll bei seinen Liebsten bleiben oder, falls man keine hat, bei jenen, die gerade verfügbar und willens sind, einem im Horror des neu konfigurierten Lebens die Hand zu halten. Warum also hatte ich nach meinem Unfall so hartnäckig das genaue Gegenteil getan? Damals war ich mir sicher gewesen, dass es richtig sei, London zu verlassen, schließlich hatte ich das Für und Wider kühl abgewogen. Doch meine Träume von den Chagall-Mädchen und die Ruhelosigkeit, die mich überkommen hatte, deuteten auf eine andere Möglichkeit hin: dass ich wieder einmal mein Leben versaut hatte, und zwar so gründlich und endgültig, wie es nur eine Psychologin kann. Mein Gehirn machte Überstunden in Sachen Verdrängung, rotierend wie eine kaputte Zentrifuge auf Höchstgeschwindigkeit.

Morgens verschmilzt die bescheidene Skyline von Hadport sanft mit dem Küstennebel, der im Frühlicht geradezu metaphysisch wirkt. Ein Spritzer helle Luft trifft aufs Wasser, und zarte chemische Auren umtanzen einander, bevor sie sich vereinigen und in die Stratosphäre aufsteigen. Konservativ denkende Engel, die sich angesichts ihrer beschränkten himmlischen Rente zum Umzug gezwungen sehen, könnten sich eine solche Stadt für ihren Lebensabend aussuchen. Ebenso mein einstmals energischer und kultivierter Vater, vorausgesetzt, er wäre lange genug bei Verstand geblieben, um Prospekte von Seniorenheimen zu lesen, statt sich ins Pflegeheim zu alzheimern und seine wachen Stunden mit Zeichentrickfilmen und einem Sabberlätzchen aus Plastik zu verbringen: ein wahrlich trauriges Ende für einen ehemaligen Diplomaten. Wenn man früh genug das Haus verlässt, schmeckt man prickelndes Ozon. Genügend Parkplätze, hätte mein praktisch denkender Vater im Prä-gaga-Stadium gesagt, wenn er mich bei meinen morgendlichen Ausflügen auf den kaugummiübersäten Gehwegen meiner neuen Heimatstadt begleitet hätte. Sehr nützlich in deiner Lage, Gabrielle. Später am Tag würde er diese gute Meinung ein wenig einschränken. Hadport liegt in der Nähe des Kanaltunnels und hat einen hohen Anteil illegaler Einwanderer und Asylbewerber: die Bevölkerung der billigen Pensionen, die Unterschicht ohne Wurzeln. Auf sie stürzt sich der Courier im Namen der »alteingesessenen« Bürger, die erst müdes Mitleid zeigten, nun aber eine krankhafte Abneigung entwickelt haben – von den Leitartikeln als gerechtfertigte Empörung bezeichnet. Während der Tag sich entfaltet, füllen sich die Mülleimer und quellen schließlich über von Starbucks-Bechern, Klatschmagazinen, zerdrückten Bierdosen und Burgerkartons, die aussehen wie aufklaffende Muschelschalen aus Styropor: die leeren Hüllen dessen, was die britische Seele nährt. Mit der Dämmerung kommen räudige Füchse, die durch die bohrende Hitze streichen und Nahrung suchen.

In meinem neuen Leben verbringe ich die Wochentage meist zwei Kilometer außerhalb der Stadt, jenseits verstopfter Hauptstraßen und Mini-Kreisverkehre. Wenn man die Industriebrache an der East Road passiert, das Matratzen-Lagerhaus, die Souls Harbour Apostolic Church, die Brennstoffzellenfabrik und ein hohes Gebäude, bei dem es sich angeblich um eine bahnbrechend moderne Schweinefarm handelt, und dann bei dem riesigen Strommast, der aus einem bestimmten Blickwinkel wie ein Rodeoreiter auf dem Ledermöbel-Outlet hockt, rechts abbiegt, sieht man schon den diskreten Wegweiser zu meinem Arbeitsplatz.

Eigentlich hätte es wohl längst abgerissen werden sollen. Das weiße Herrenhaus hinter dem Elektrozaun stammt aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert und sieht aus wie ein altersschwaches Kreuzfahrtschiff, das zwischen Andentannen, Zypressen und stacheligen Palmen ankert, Golfstrom-Gewächsen aus edwardianischer Zeit. Früher war es ein Hotel für Rekonvaleszenten, denen man Seeluft verschrieben hatte. Die weiße Backsteinfassade und die Nebengebäude sind von Rissen durchzogen wie altes Marzipan. Glyzinien und Geißblatt wuchern an schmiedeeisernen Balkonen, Pergolen und rostigen Gartenpavillons empor. Man könnte auf die Idee kommen, Dornröschen schlafe in einem gläsernen Sarg irgendwo hinter der Rezeption. Stattdessen betritt man ein Museum bröckelnder Stuckdecken. Das Gebäude produziert eine ganz eigene Luft, die nicht mit der Duftkerzenkultur moderner Zeiten Schritt gehalten hat. Hier überlagert Lufterfrischer mit Fichtennadelaroma die tieferen Schichten von WC-Ente, Hausschwamm und dem traurig-süßlichen chemischen Geruch psychischen Leidens.

Willkommen im Oxsmith Adolescent Secure Psychiatric Hospital, dem Heim der hundert gefährlichsten Kinder im Land.

Zu ihnen gehört auch Bethany Krall.

Von meinem Büro im Erdgeschoss sieht man in der Ferne eine Reihe weißer Windräder, die wie elegante Küchenmaschinen im Meer stehen. Ich bewundere die Anmut ihrer Konstruktion, ihre schlanke Diskretion. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, sie zu malen, aber der Drang ist zu theoretisch, zu weit entfernt vom noch funktionierenden Teil meiner selbst. Oft schaue ich zum Horizont, wie gebannt von ihrer geschmeidigen, geschäftigen Antwort auf den Wind. Bisweilen, wenn mich eine Art Lagerkoller überfällt, ahme ich ihre Bewegungen nach und lasse meine Arme im Rhythmus kreisen – nicht um Energie aufzunehmen, sondern um sie loszuwerden. Manchmal erblicke ich mich unerwartet in einer Ecke des Spiegels, sehe mein Haar, meine Augen, meinen Mund, die Haltung meines Kopfes, hüte mich aber, etwas auf mein Aussehen zu geben. Es hat mir kein Glück gebracht.

Als ich Bethany Krall zum ersten Mal begegne, arbeite ich seit zwei Wochen als Vertretung für Joy McConey, eine Psychotherapeutin, die eine Auszeit genommen hat, vermutlich ein Euphemismus für irgendeinen unausgesprochenen Skandal. Meine neuen Kollegen möchten nicht über sie sprechen. In Einrichtungen, die als Mülleimer für Menschen angesehen werden, ist die Fluktuation hoch. Die meisten von uns haben flexible Verträge. Es sind Stellen ohne Prestige. Man redet von neuerlichen Kürzungen, die zu einer endgültigen Schließung von Oxsmith führen könnten. Ich aber komme frisch aus der Reha, dem erzwungenen Rückzug von der »Front«, wie man es dort nannte, und kann daher nicht wählerisch sein. Da ich keine langfristigen Pläne habe, versuche ich mir einzureden, dass eine kurzfristige Strategie an einem fremden Ort besser ist als ein vertrauter Ort ohne jede Strategie.

Zwischen den kaputten Büroklammern, der welken Grünlilie und den alten Kaffeebechern aus Styropor, die Joy McConeys verlassenes Büro bevölkern, finde ich eine Grußkarte. Darauf hat jemand in kleinen, gehetzt wirkenden Buchstaben die rätselhafte Botschaft hinterlassen: »Für Joy. Die wahrhaft glaubte.« Woran? An Gott? An das Ende des Leidens in Israel und dem Iran? An die psychotischen Phantasien eines Insassen? Die Unterschrift kann ich nicht entziffern. Ich mag Grünlilien nicht besonders. Doch irgendetwas – vielleicht mein zerbrechlicher, inkonsequenter innerer Buddha – hält mich davon ab, unnütz Leben zu vernichten, selbst wenn es in der Nahrungskette sehr weit unten steht. Soll sie leben. Aber man braucht sie nicht auch noch zu ermutigen. Anscheinend kann Kaffee trotz Plastikdeckel schimmeln. Ich gieße die Reste in die asbestverseuchte Blumenerde und werfe den Becher zu Joys Karte in den Papierkorb.

Ich bin kein netter Mensch.

Etwas habe ich von meinen gestressten Kollegen aufgeschnappt: Man hat mir Bethany Krall zugewiesen, weil niemand sonst mit ihr arbeiten will. Als Neuankömmling habe ich keine Wahl. Bisher haben alle, die mit Bethany Krall zu tun hatten, sie als nicht therapierbar bezeichnet, ausgenommen Joy McConey, deren Notizen sich aber nicht in der Akte finden – womöglich hat sie niemals welche angefertigt. Zwar macht es mich nicht nervös, Bethany Krall unter meinen Patienten zu haben, doch meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Seit dem Unfall empfinde ich körperliche Gewalt anders als früher. Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um mich davor zu schützen. Bis auf eines – mein Haar, dessen Länge sich durchaus zum Erdrosseln eignen würde, habe ich nicht angerührt, darin bin ich eitel. Doch nun, da Bethany Krall auf meiner Patientenliste steht, werde ich vielleicht doch zum Friseur gehen: Laut Akte ist mein neuer Schützling ein Extremfall in Sachen Aggressivität.

Nachdem ich zehn Jahre mit psychotischen Jugendlichen wie Bethany Krall gearbeitet habe, bin ich solche Geschichten gewöhnt, doch der Mord an ihrer Mutter weckt in mir ein vertrautes flaues Gefühl, eine Art moralischen Schmerz. Die knallbunten Polizeifotos in der Akte lassen mich flüchtig die Augen schließen und lenken meinen Blick wieder zum Fenster, wobei ich mich frage, wie man freiwillig Gerichtsmediziner werden kann. Außer den fernen Windrädern gibt es kaum Trost fürs Auge. Der schimmernde Asphalt des verlassenen Basketballplatzes, eine Reihe Müllcontainer und dahinter der Elektrozaun, eine Aussicht, die einen Country-Akkord voller Selbstmitleid in mir anschlägt. Bei meiner Ankunft habe ich flüchtig mit dem Gedanken gespielt, ein Foto von Alex neben meinen Computer zu stellen – lachendes Alphamännchen am Roulettetisch –, zusammen mit meiner Familiensammlung: verstorbene Mutter, die an einem Kiesstrand in die Sonne blinzelt; Bruder Pierre mit frisch entbundener Frau und Zwillingssöhnen; Vater im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, der mit Kreuzworträtsel im Daily Telegraph kämpft. Aber ich tat es nicht. Warum mich jeden Tag an das erinnern, was ich auf die eine oder andere Weise zu Grabe getragen habe? Außerdem würden neugierige Kollegen Fragen stellen, auf die sie je nach meiner Laune morbide, geschmacklose oder brutale Antworten bekämen. Erinnerungen an meine frühere Existenz und die Zukunft, die sie versprach, beginnen manchmal als harmlose, vaselineweiche, nostalgische Vignetten. Dann aber sitze ich plötzlich in einer Geisterbahn und rase in einen bösen schwarzen Kurzfilm, beleuchtet vom Todfeind aller Opfer der Umstände, der späten Einsicht. Um meiner geistigen Gesundheit willen entschuldige ich mich still bei Alex, bevor ich ihn in meiner Schublade begrabe, zusammen mit meiner Notfallflasche Laphroaig-Whisky und einer selbst gebastelten Blumenpresse, dem Geschenk eines Patienten, der sich an einer Wäscheleine erhängt hat.

Die Glücksschublade.

Bevor ich mit dem Aufzug nach oben in den Raum fahre, den man mit schauerlichem bürokratischem Ernst Kreativwerkstatt getauft hat, blättere ich in Bethany Kralls Akte, wobei ich mir die ausführlichen Angaben zu Medikation und medizinischen Untersuchungen für später aufhebe. Die Fakten sind krass genug. Am 5. April vor zwei Jahren erstach Bethany Krall in den Osterferien in einem irren und ungeklärten Angriff ihre Mutter Karen mit einem Schraubenzieher. Bethany Krall war vierzehn, klein und untergewichtig für ihr Alter. Umso bemerkenswerter, wie heftig und nachhaltig die Attacke verlief: Das Kind musste aus irgendeiner Quelle gewaltige Kraft geschöpft haben. Dass sie den Mord begangen hatte, stand außer Frage. Das Haus war von innen abgeschlossen, und ihre Fingerabdrücke fanden sich überall auf dem Tatwerkzeug. Bethanys Vater Leonard, ein evangelikaler Prediger, befand sich zu dieser Zeit auf einer Prophezeiungstagung in Birmingham, er war am Morgen abgereist. Eine Stunde vor der Tragödie hatte er noch nacheinander mit Frau und Tochter telefoniert und berichtete, Karen habe sich Sorgen wegen Bethanys Appetitmangel gemacht, während das Mädchen selbst über schwere Kopfschmerzen klagte. Karen Krall hatte das Telefon auf Mithören gestellt, und sie hatten miteinander gebetet. Das war Familientradition.

Um halb elf Uhr abends hörte ein Nachbar laute Schreie und rief die Polizei. Als diese eintraf, war Karen Krall bereits tot. Man fand ihre Tochter neben ihr auf dem Boden, zusammengekrümmt in Fötus-Position. Auf diesem Foto kann man Bethanys Gesicht nicht sehen, wohl aber das ihrer Mutter, zumindest den Teil, der nicht mit Blut bedeckt ist. Der Schraubenzieher steckt tief in ihrem linken Auge, der gelbe Plastikgriff ragt heraus. Er wirkt seltsam munter wie eine Gabel in einem blutigen Steak, das keiner mehr essen will. Auf der Blutlache am Boden hat sich eine Haut gebildet, wie bei Acryl- oder Dispersionsfarbe. Ein Foto zeigt einen offenen Mülleimer, der laut Unterlagen »die verkohlten Überreste einer King-James-Bibel« enthält. Eine Untersuchung, die unmittelbar nach der Tragödie vorgenommen wurde, ergab frische blaue Flecke an Bethanys Körper, vor allem an den Oberarmen, und Verletzungen an beiden Handgelenken. Daraus schloss man auf einen heftigen Kampf.

Auf der nächsten Seite findet sich ein Bild der Kralls aus glücklicheren Zeiten, aufgenommen ein Jahr, bevor die Familie implodierte. Es zeigt ein dunkelhaariges Kind mit scharfen Zügen, flankiert von den Eltern: einem gut aussehenden Vater und seiner blassen, mageren Frau. Alle lächeln breit – Bethany so breit, dass ihre Zahnspange im Mittelpunkt steht. Unglücklichsein kann viele Formen annehmen. Bethanys Lehrer beschrieben sie als hochintelligent, aber gestört. Zwischen den Zeilen lese ich, dass sie wie so viele Kinder ihrer Generation das klassische Produkt der »interessanten Zeiten« des vergangenen Jahrzehnts ist, der Lebensmittelknappheit, Massenaufstände und eines Nahostkrieges von apokalyptischen Ausmaßen. Sie wurde vor allem durch die Glaubenswelle geprägt, die dem weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch folgte: Bethany, starrköpfige Tochter eines Predigers, rebellierte gegen die dominante Rolle, die das fundamentalistische Christentum in ihrem Leben einnahm. In der Schule galt sie als selbstzerstörerisch und hatte sehr wahrscheinlich sexuelle Beziehungen zu Jungen, blieb im Unterricht aber aufmerksam und zeigte besonderes Talent in Naturwissenschaften, Kunst und Erdkunde. Es gab keine offenkundigen Anzeichen einer psychischen Erkrankung, doch wurde bei einer Lehrerkonferenz am Schuljahresende die Sorge geäußert, dass sie »unglücklicher als gewöhnlich« schien.

Ich blättere zum nächsten Teil, dem Bericht des Polizeipsychiaters. Dr. Waxman schreibt wortreich, aber die Geschichte ist im Grunde einfach. Unmittelbar nach dem Mord setzte bei Bethany ein Bewältigungsmechanismus ein, der so brutal und effizient war wie eine Amputation auf dem Schlachtfeld: Sie verlor das Gedächtnis. Sie bestritt die Tat nicht, behauptete aber, sie könne sich nicht daran erinnern und wisse auch nicht, was sie zu einem so drastischen Handeln bewogen habe. Auch wollte sie nicht mit ihrem Vater sprechen, als dieser tief bestürzt von seiner Reise nach Birmingham zurückkehrte. Ihre Weigerung führte zu beunruhigenden Szenen. »Eine selbst gewählte Amnesie als Form der Verweigerung oder Zuflucht ist bei Trauma-Opfern nicht ungewöhnlich«, notiert Waxman. »Im Zusammenhang mit einem Verbrechen kann diese beim Täter ebenso wie bei seinem Opfer auftreten.« Er überwies sie nach Oxsmith, verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, sie werde in den kommenden Wochen und Monaten Fortschritte machen, und wandte sich dem nächsten Fall zu.

Waxmans Optimismus bezüglich der positiven Wirkung des Oxsmith Adolescent Secure Psychiatric Hospital war unbegründet. Zwei Jahre nach ihrer Aufnahme hatte Bethany Krall vier Selbstmordversuche hinter sich und einen anderen Patienten ernsthaft angegriffen. Ihr Gedächtnis war wiedergekehrt, doch sie weigerte sich, über den Mord und das, was ihn ausgelöst hatte, zu sprechen. Sie aß kaum mehr und erhielt, nachdem eine akute Depression diagnostiziert worden war, eine breite Palette psychotroper Substanzen, von denen keine ihre Stimmung heben konnte. Bethany zeigte kein Interesse an den therapeutischen Sitzungen und blieb die meiste Zeit stumm. Wenn sie sprach, äußerte sie die Überzeugung, dass ihr Herz schrumpfe, ihr Blut vergiftet sei und sie »von innen verfaule«. Man versuchte es mit zunehmend experimentellen Medikamentenkombinationen, von denen manche zu einer Verschlechterung ihres geistigen Zustands führten und Nebenwirkungen wie Zittern, übermäßigen Speichelfluss, Lethargie und einmal sogar einen Krampfanfall hervorriefen. Sie zeigte eine extreme Verstörtheit, schnitt sich häufig und litt an gefährlichem Untergewicht.

Nach einem schweren Gewitter, bei dem sie mit einer Plastikgabel auf ihre Kehle eingestochen hatte, behauptete Bethany schließlich, sie sei tot, und ihr Körper verwese allmählich. Da sie als Leiche keine Nahrung verdauen konnte, hörte sie gänzlich auf zu essen. An diesem Punkt diagnostizierte man das Cotard-Syndrom, die nihilistische Überzeugung, dass der eigene Körper verstorben sei, und beschloss nach längerer Diskussion, dass eine Elektrokonvulsionstherapie die letzte Möglichkeit sei.

Die Resultate werden als »dramatisch« beschrieben. Bethany begann zu essen, zu sprechen und reagierte positiver auf die Therapie. Obwohl sie unmittelbar nach der Anwendung die üblichen Nebenwirkungen wie Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und Orientierungslosigkeit zeigte, beurteilten die Psychiater die Behandlung als absoluten Erfolg. Bethany erklärte, sie fühle sich »lebendiger«, und behauptete mit Nachdruck, die EKT als positiv zu erleben, obwohl sie sich während der gesamten Anwendung in Narkose befunden hatte und sich unmöglich daran erinnern konnte. In der Welt der geistig Gestörten ist das Absonderliche jedoch relativ. Alles ist denkbar und äußert sich mit der verdrehten Anti-Logik, nach der auch Angstträume funktionieren: Dosen mit Mangoscheiben enthalten verschlüsselte Botschaften des Amtes für Nationale Statistik; jemand ist überzeugt, sein Skelett werde sich auflösen, wenn er an Sex denkt; ein Mensch leidet unter der Angst, einzementiert zu werden. Ein jugendlicher Brandstifter, mit dem ich es einmal zu tun hatte und der die chemische Zusammensetzung jedes nur erdenklichen entflammbaren Gases auswendig wusste, bestand darauf, aus Angst vor einer Kiefersperre immer den Mund offen zu halten. Er schlief mit einem Kissenzipfel zwischen den Zähnen, als hinge sein Leben davon ab. Der bunte Teppich des Lebens, pflegte mein Vater in seinen Bridge-und-Kreuzworträtsel-Tagen zu sagen, bevor Zeichentrickfilme und Sabberlätzchen die Regie übernahmen.

Nachdem die Elektroschockbehandlung zunächst fünf Wochen lang einmal wöchentlich angewandt wurde, erhält Bethany seit März monatliche Erhaltungsdosen von einem gewissen Dr. Ehmet, den ich noch nicht kennengelernt habe, obwohl ich schon seinen Hinterkopf gesehen und festgestellt habe, dass er mal wieder zum Friseur gehen sollte. So wirksam die EKT auch sein mag, Bethany weigert sich weiterhin, über ihre Eltern und das katastrophale Ereignis, das sie hierher gebracht hat, zu sprechen. Es ist nach wie vor ein Rätsel, warum sie ihre Mutter an einem Aprilabend angegriffen und mit einem Schraubenzieher ermordet hat. Ich bin mir nicht sicher, wie wichtig diese Weigerung aus therapeutischer Sicht ist. Ein Prinzip der Psychologie besagt, dass verschüttete Traumata zutage gefördert und verarbeitet werden müssen, bevor ein Patient neu beginnen kann. Diese Argumentation überzeugt mich immer weniger. Gäbe es eine Pille, mit der man das Grauen unterdrücken kann, würde ich sie nehmen und die letzten beiden Jahre meines Lebens auslöschen. Das Gehirn ist so unerforscht und unermesslich wie die See und ebenso launenhaft. Aber es ist auch klug genug, das zu tun, was einen Körper am Leben erhält. Wer kann wirklich behaupten, es nütze Bethany Krall, wenn man ihre Tat und deren Beweggründe forensisch analysiert? Spürt sie dies unbewusst und will mithilfe der EKT einen entscheidenden Teil ihres Gedächtnisses auslöschen?

Da ich nicht viel Zeit habe, blättere ich den Rest rasch durch. Darunter findet sich eine Notiz, die der leitende Psychiater von Oxsmith, Dr. Sheldon-Gray, nachträglich hinzugefügt hat. Der Vater der Patientin, Leonard Krall, weigert sich, Bethany in Oxsmith zu besuchen. Aus therapeutischer Sicht mag dies vorteilhaft für Bethany sein, da er den Mord an seiner Frau damit erklärt, Bethany sei »vom Bösen besessen«.

Auch ich habe ein Problem mit solchen Begriffen. Als meine Mutter starb, schickte mein Vater mich in ein katholisches Mädcheninternat, in dem unerschütterliche biblische Wahrheiten herrschten – Wahrheiten, die einem Mann wie Krall und den Millionen, die wie er während der Glaubenswelle konvertiert sind, bekannt sein dürften. Da er aus solchen Gewissheiten heraus lebt, weiß er, dass die einzige Erklärung für Bethanys Gewalttätigkeit nicht irdischer Natur ist, dass es sich nicht um Schmerz oder Rache oder Zorn oder ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn handelt, sondern um eine »Visitation«. Der wahre Glaube, der als »brennend« beschrieben wird, hat seine eigene Aura: eine Art selbstgerechter Dreistigkeit. Man erlebt sie bei den Massenaufmärschen der Gläubigen, wenn die Gesichter von innen erglühen. Diese Überzeugung, diese Leidenschaft, diese Energie – man könnte sie glatt beneiden.

Als ich zu meiner Sitzung mit Bethany in den Kunstraum komme, wartet bereits ein stämmiger Krankenpfleger, der am Handy eine umständliche technische Diskussion über die Schichtpläne führt. Rafik sei tough und wachsam, habe ich gehört, doch die Geste, mit der er mir »Bin gleich so weit« signalisiert, wirkt nicht gerade vertrauenerweckend. Obwohl ich in den vergangenen Monaten viel Zeit damit verbracht habe, neue Techniken zur Selbstverteidigung zu entwickeln und einzuüben, darunter das Ergreifen und Umdrehen empfindlicher Körperteile und das strategische Werfen von Gegenständen, fühle ich mich immer verletzlich, als bewegliches Ziel. Aus der Akte weiß ich, dass Bethany Krall im vergangenen Dezember einem Jungen das Ohr abgebissen hat, als er sie sexuell attackierte. Sie zerkaute es so stark, dass es nicht mehr angenäht werden konnte.

Oh, wunderbar. Bringt sie nur her.

Plötzlich, zu plötzlich, macht ein riesiger Krankenpfleger mit tätowierten Armen genau das. Die Tür ist aufgegangen, und ein dunkles Mädchen, ein Strich in der Landschaft, kommt auf mich zu. Kommt mir zu nah. Man gewöhnt sich nie daran, dass alle größer sind als man selbst, man sieht sie immer aus dem falschen Blickwinkel. Sie sollte ein bisschen zurücktreten. Aber das tut sie nicht. Rafik grunzt dem Berg von einem Kollegen etwas zu, worauf dieser mir zunickt, als wollte er sagen, Paket abgeliefert. Er verschwindet. Ich könnte zurückweichen, will es aber nicht riskieren. Sie würde merken, was es bedeutet.

Bethany Krall ist klein, zart wie ein Vogel und für eine Sechzehnjährige ziemlich unterentwickelt. Ihr schwarzes Haar steht vom Kopf ab wie das wütende Gekritzel eines Kindes. Selbstverletzung ist bei den Patientinnen in Oxsmith ein beliebtes Hobby, und auf ihren nackten Armen sehe ich das übliche Durcheinander von Brandnarben und Schnitten, manche alt, andere frischer.

»Halleluja. Die neue Psychiaterin.« Ihre Stimme klingt kindlich, aber seltsam heiser, als hätte man ihre Kehle mit Scheuersand bearbeitet.

»Schön, dich kennenzulernen, Bethany«, sage ich und beuge mich vor, um ihr die Hand zu geben. »Ich bin Therapeutin, keine Ärztin.«

»Anderes Arschloch, gleiche Scheiße«, verkündet sie, ohne meine Hand zu ergreifen. Genau wie ich trägt sie Schwarz, die Farbe der Trauer. Glaubt sie immer noch, sie sei gestorben?

»Gabrielle Fox. Ich bin neu hier. Ich vertrete Joy McConey.«

»Ich gebe jedem von euch eine Chance. Jeder fängt mit zehn von zehn Sternen an.« Sie betrachtet prüfend meinen Rollstuhl. »Sie bekommen einen Extrastern, weil Sie ein Spasti sind. Positive Diskriminierung. Also fangen Sie mit elf an.« In ihren Unterlagen stand, sie sei redegewandt, aber ich bin dennoch überrascht. Das ist an solchen Orten selten.

»Zehn reichen völlig aus, Bethany. Das ist sogar sehr großzügig von dir. Ich bin auf Kunsttherapie spezialisiert. Die Theorie besagt, dass man mit Kunst Gefühle manchmal besser ausdrücken kann als mit Worten.«

Ihre Augen sind dunkel, katzenhaft und dick mit Kajal umrahmt. Fahle, olivbraune Haut, ein schmales, asymmetrisches Gesicht: Sie ist eher markant als hübsch. Kein Nymphchen. Sie sieht ganz anders aus als das Mädchen auf dem Familienfoto. Hat sie in den letzten zwei Jahren die ganz eigene Jugendkultur dieser Einrichtung in sich aufgesogen, oder ist die Haltung angeboren? Sie spricht und benimmt sich, als wäre sie auf Streit aus, aber das ist bei den meisten so. Erste Einschätzung: viel intelligenter und sprachgewandter als die meisten, ansonsten das Übliche.

»Kurz gesagt, ich bin hier, um dir zu helfen und dich zu ermutigen, das auszudrücken, was immer du ausdrücken möchtest, hier in« – ich bringe das Wort Kreativwerkstatt nicht über die Lippen – »im Kunstraum. Egal was. Es gibt keine Grenzen. Es ist eine Erforschung. Manchmal führt sie einen an dunkle Orte. Aber ich bin bei dir.«

»Ein Spasti, der mich beschützt. Ist ja toll. Super, Sie an dunklen Orten an meiner Seite zu haben, während Sie irgendwelches Psychoblabla brabbeln.«

»Ich bin einfach nur jemand, mit dem du reden kannst. Und wenn du das nicht willst, gebe ich dir Papier und Farben. Nicht alles funktioniert mit Worten. So groß dein Vokabular auch sein mag.«

Sie steckt zwei Finger in den Mund, als müsste sie sich übergeben. »Sie sind schon runter auf fünf. Ich sehe, Sie gehören nicht hierher.« Sie schaut mich ungerührt an. »Vielleicht sollten Sie einfach mit Ihrem Spastimobil in den Sonnenuntergang rollen. Bevor was Schlimmes passiert.« Sie geht um den Rollstuhl herum, bleibt hinter mir stehen und flüstert mir ins Ohr: »Sie vertreten also Joy. Die tragische Joy. Sie haben sicher von den beklagenswerten Umständen gehört, die zu ihrem Abgang geführt haben.« Ihr geschickter Gebrauch von Phrasen könnte mir verraten, wie sie tickt. Sie spricht, als wäre ihr Leben ein Gegenstand, den sie aus der Ferne betrachtet, ein Quell der Belustigung, mehr Fiktion als Wirklichkeit. »Ich habe sie vor dem gewarnt, was passieren würde. Ich habe sie gewarnt.«

Jetzt hat sie mich am Haken, aber ich hüte mich, Interesse an meiner Vorgängerin zu zeigen, und deute auf die Wände. »Ist da etwas von dir dabei?«

Man kann das wie ein Spiel betreiben: die Kunstwerke dem jeweiligen Irren zuordnen. Da ich aber unfreiwillig eine Menge Zeit in Casinos verbracht habe, zwischen Roulette, Backgammon-Tischen und aufgestapelten Jetons, hat es für mich zu viel Ähnlichkeit mit Poker. Auch dies ein Zeitvertreib, vor dem man sich hüten sollte.

»Joy war tragisch, aber das sind Sie auch«, fährt sie fort, ohne meine Frage zu beachten. »Ich meine, Sie geben sich Mühe beim Schminken, obwohl sowieso keiner zweimal hinsieht. Egal, wie heiß Sie sind. Außer irgendwelchen Perversen. Ist nicht böse gemeint. Aber mal ehrlich, Spasti, so sieht’s aus.«

Wenn man zeigt, dass der Schlag gesessen hat, haben sie gewonnen. Dann sind sie allmächtig. Und nutzen es aus. »Ich habe gefragt, ob eines dieser Werke von dir stammt«, sage ich leichthin. »Und du kannst mich Gabrielle nennen.«

»Meinen Sie diese großen Meisterwerke?«

Sie schaut sich verächtlich um. Es sind die üblichen Motive: Blumen, anarchistische systemkritische Graffiti, Friedhöfe, Dschungeltiere, üppige Brüste und aufgeblähte Phalli. Aber es gibt auch einige Besonderheiten. Ein Patient, ein magerer Zwölfjähriger, der seinem Vater dabei geholfen hat, seine Schwester im Namen der Familienehre zu ermorden, hat einen blau-weiß gestreiften Heißluftballon aus Pappmaché gebastelt, der wie eine riesige Glühbirne über uns an der Decke hängt. Es ist ein unternehmungslustiger, ehrgeiziger, hoffnungsvoller und fröhlicher Ballon, ein Ballon, der geistig gesünder ist als der Junge, der ihn gemacht hat. Es ist tröstlich und faszinierend, was Kunst vermag. Betrachtet man ein konserviertes Gehirn, sieht man nur eine kittgraue Masse, klumpig und nackt wie ein ungeschütztes Weichtier. Drinnen aber ist Raum für tausend Welten, von denen keine auch nur entfernt zu einer anderen passen muss.

»Vielleicht wäre es an der Zeit, dass du hier auch etwas machst«, schlage ich vor. »Sollen wir uns das mal vornehmen?«

Es ist, als hätte ich überhaupt nicht gesprochen. Ich dehne das Schweigen ein wenig aus, begreife dann aber, dass auch sie ein Wartespielchen spielt. Ihr starrer Gesichtsausdruck, Verachtung als Grundeinstellung, verrät, dass ihr Verstand sich an einem für sie sicheren Ort befindet.

Ich fange Rafiks Blick auf und lese darin Mitgefühl, vielleicht sogar Mitleid. Er ist beliebt. Würde er von einem psychotischen Patienten getötet, würde man ihn in den Nachrichten als »ungeschliffenen Diamanten« oder vielleicht auch »liebevollen Familienvater« bezeichnen. Ich frage mich, wie viele Sitzungen mit Bethany Krall er schon durchgestanden hat.

»Bethany? Irgendeine Idee?«, frage ich schließlich.

Mit einer plötzlichen Bewegung hockt sie sich auf den Tisch in der Mitte und stößt einen theatralischen Seufzer aus.

»Erst bekomme ich meine EKT. Dann die tragische Joy. Und nun Sie. Ich könnte glatt auf die Idee kommen, dass man mich in Oxsmith wie eine verdammte Prinzessin behandelt. Nur noch ein Stern, Missis.« Sie dreht sich zum eingebauten Wandspiegel um und inspiziert ihre Zähne, die noch immer in derselben silbernen Klammer stecken wie auf dem Familienfoto. »Hey, siehst du da irgendwas Interessantes, Onkel Rafik?«, fragt sie, als sie seinen Blick bemerkt. »Lust auf einen Blowjob mit Nervenkitzel?«

Er wendet sich ab, worauf sie triumphierend gackert.

»Wenn dir nicht nach Kunst ist, können wir uns auch einfach zusammen Filme ansehen«, bohre ich weiter.

»Pornos? Für ein Ja gibt’s einen Extrastern.«

»Klar doch«, sage ich und konstatiere, wie rasch wir beim Sex gelandet sind. »Für einen Stern auf der Bethany-Krall-Kompetenzskala würde ich alles tun. Vorausgesetzt, die haben hier Pornos auf DVD. Ich habe noch nicht nachgesehen. Wie fühlst du dich, wenn du dir Hardcore-Sex ansiehst?«

Sie lacht. »Sie brabbeln wieder. Ihr seid alle so verdammt berechenbar.«

Natürlich hat sie recht. Mag sein, dass Bethany die dreihundertste gestörte Minderjährige für mich ist, aber ich bin vermutlich auch Therapeutin Nummer dreißig für sie. Sie kennt die üblichen Tricks, die Strategien, mit denen wir den Patienten Dinge entlocken, die sorgfältig formulierten »offenen« Fragen und minutiösen Verlaufskontrollen, das Augenmerk auf Schlüsselwörter und -sätze, die Formeln, auf die ich seit meinem Unfall zunehmend verzichte. Bei einem Fall wie ihrem greifen die normalen Regeln nicht. Wenn wir so weitermachen, verlassen wir bald den festen Boden der Lehrbuch-Therapie. Was habe ich schon zu verlieren? Für den Moment halte ich mich aber an die ausgetretenen Pfade.

»Die Kunstgruppe trifft sich dreimal in der Woche. Manche Leute arbeiten lieber allein. Das könnte ich mir bei dir vorstellen. Ich habe Aquarellfarben, Acryl, Tusche, Ton, aber du kannst auch Computergrafiken erstellen oder fotografieren. Die einzige Regel ist, keine selbst gemachten Tattoos.«

»Und wenn ich nichts von diesem Scheiß machen will? Und auch keine Schlangen auf meine Titten stempeln?«

»Was du in den Sitzungen tust, liegt ganz bei dir. Wir können auch einfach reden. Oder spazieren gehen.«

Ein gemeines Leuchten huscht über ihr Gesicht. »Spazieren gehen? Wie denn bitte?« Ihre Stimme ist durchsetzt von kunstvoll gezimmertem Zorn. Es muss sehr anstrengend sein, diesen Zorn ohne festes Ziel am Leben zu erhalten. Wie erschöpft sie sein muss.

»Im Park.« Nur wir beide und fünf Krankenpfleger mit rasierten Köpfen, die regelmäßig Bodybuilding machen.

Ein Lächeln kringelt ihre Mundwinkel. »Ja, Sie würden natürlich einen gewissen Schutz brauchen. Angesichts meiner gewalttätigen Vorgeschichte. Die Sie eben in meiner Akte gelesen haben. Ich habe sie auch gelesen. Und die Bilder gesehen. Ganz schön blutig. Mensch, ich müsste eigentlich Angst vor mir selbst haben.«

Ich warte einen Herzschlag lang. Aber sie ist es gewöhnt, keine Chance. »Hast du denn manchmal Angst vor dir selbst, Bethany? Nachdem du diese Bilder gesehen hast?«

Das geschändete Gesicht ihrer Mutter dringt wie ein brutaler Schrei in meinen Kopf.

»Sie müssen sich ganz schön nackt vorkommen in diesem Rollstuhl. Ich meine, jeder könnte Sie umkippen. Dann würden Sie wie ein Käfer auf dem Rücken liegen.« Sie verweilt einen Augenblick bei dem Bild. Mein Herz schlägt schneller, und ich blinzle. Schweiß prickelt in meinen Achselhöhlen. Sie hat einen wunden Punkt getroffen, und das weiß sie genau. »Die Sache mit dem Spazierengehen interessiert mich wirklich. Wie soll das funktionieren? Ich sage es ja ungern, aber Sie sind unterkörpermäßig total hinüber, oder? Soll ich Sie etwa schieben?«

»Nicht nötig. Ich schiebe mich selbst. Man lernt eine Menge in der Spasti-Reha.« Damit entschärfe ich das Wort und entlocke ihr ein winziges Lächeln. Seit ich vor achtzehn Monaten den Rollstuhl bekommen habe, sind meine Hände zu Werkzeugen geworden, Zubehör aus Fleisch und Knochen, und die Haut an den Ballen ist trotz der Handschuhe schwielig. »Wie würdest du dich bei einer Sitzung an der frischen Luft fühlen?«

»Wie ich mich fühlen würde?«, wiederholt sie langsam, und ich bereue sofort meine Wortwahl. »Wie würdest du dich dabei fühlen, Bethany? Bethany, welche Gefühle spürst du in deinem Inneren? Weiter reicht’s nicht, oder? Schauen Sie sich nur an. Blablabla. Sie sind wirklich erbärmlich. Nicht zu fassen, dass man Sie hier arbeiten lässt. Werdet ihr denn vorher nicht überprüft? Sie sind bei null von zehn. Und das in Rekordzeit. Ich ernenne Sie zum Blabla-Champion von Oxsmith!«

Ich schaue nach draußen auf die langsam kreisenden Windräder.

Nein: Ich gehöre nicht hierher. Das hat Bethany Krall sehr schnell erkannt.

In der Reha bringen sie einem bei, wie wichtig ein gesunder Lebenswandel sei. Das Freibad von Hadport öffnet um sieben. Morgens gehe ich oft eine Stunde hin, hieve mich am flachen Ende hinein und ziehe zwanzig lauwarme Bahnen inmitten ertrunkener Insekten. Die Mitarbeiter kenne ich schon mit Namen: Goran, Chloe, Vishnu, gebräunt, gesund, mit funkelnden Augen. Sie grüßen, ich grüße zurück. Für sie bin ich die nette Dame, die sie bemitleiden und für ihren »Mut« bewundern – als hätte sie sich freiwillig dafür entschieden. Einmal hörte ich, wie sie das Pathos der netten, leidenden Dame heraufbeschworen, wie gut sie aussehe und wie alt sie wohl sein mochte. Sie gelangten zu dem Schluss, dass die nette Dame »Ende zwanzig« sei, was einer 35-jährigen natürlich schmeichelt. Die nette Dame, die eigentlich keine Dame und schon gar nicht nett ist, schwamm weiter. Ihre Armmuskeln, schon gestrafft vom Rollstuhlschieben, haben sich zu wahren Prachtexemplaren entwickelt. Willst du tauschen?, würde sie am liebsten fragen, wenn wohlmeinende Menschen ihr Komplimente und sie damit noch verrückter machen, als sie ohnehin schon ist. Gib mir deine Beine dafür.

Schwimmen ist gut und schlecht zugleich, wenn man zornig ist. Es kann den Zorn vertreiben, ihn aber auch schärfen und verfeinern. In London sagte man mir, ich müsse mich meinen »Problemen« stellen, wenn ich wieder eine leitende Position haben wolle. Dazu sei, so meine Arbeitgeber, eine intensivere Therapie notwendig, außerdem eine schriftliche Selbsteinschätzung und Analyse. Das sagten sie mir an einem warmen Nachmittag, als die Sonne gerade hinter dem alten Battersea-Kraftwerk verschwand, und meine Reaktion darauf war, professionell gesprochen, »unangemessen«.

»Scheiße noch mal, Sie reden hier mit einer ausgebildeten Psychologin!«, sagte ich.

Oder kreischte ich?

Zugegeben, ich kreischte. Kreischen ist zutiefst weiblich und unweiblich zugleich. Wenn Frauen Dampfkochtöpfe imitieren, zeigen sie sich von ihrer schlimmsten Seite, der Seite, die Männer »leidenschaftlich« oder »verrückt« nennen, je nachdem, wie gut man aussieht.

»Kommen Sie mir jetzt nicht mit gönnerhaften Vorträgen, dass ich mich der neuen Realität stellen soll: Ich lebe jeden Tag damit! Ich bin die neue Realität!«

Kreischen eignet sich auch nicht gut zur Kommunikation in einer psychiatrischen Einrichtung, sofern man kein Insasse ist, bisher zu den geistig Gesunden gerechnet wurde und Verantwortung für die weniger Glücklichen trägt.

»Gabrielle, ich bringe Ihnen enormes Mitgefühl und Respekt entgegen. Sie haben Dinge durchgemacht, die kein Mensch durchmachen sollte. So viele … furchtbare Verluste. Aber Sie sind vom Fach«, sagte Dr. Sulieman, als die Mitglieder des Ausschusses hinausgetrottet waren, wobei sie beunruhigte Blicke wechselten. »Betrachten Sie es mal aus der Sicht des Arbeitgebers.«

Wenn meine Beine funktioniert hätten, hätte ich ihn getreten. Damals überkam mich der Drang zur Gewalt recht häufig.

Die »negative Haltung«, mit der ich nach dem Unfall meinem reduzierten Status als menschliches Wesen begegnete, sei leider ein »schwerwiegendes Problem«. Während Sulieman sprach, betrachtete ich den Druck an der Wand hinter ihm, das Bild, das er als persönlichen Hintergrund gewählt hatte: Monets Seerosen mit ihrem hypnotischen Wechselspiel des Lichts, den sonderbar heißen Grün- und Blautönen. »Ein Problem, das gelöst werden muss, bevor wir Sie wieder als Therapeutin einsetzen können.« Er steht auf die modernen Klassiker, dachte ich, wo also ist Kandinsky? Wo ist Egon Schiele? Wo van Goghs Selbstporträt mit verbundenem Ohr? Wo sind Rothko und Der Schrei?

Ich hatte soeben eine Stunde mit meinem Physiotherapeuten verbracht, um zu lernen, wie man Leuten wehtun kann. Ein Karateschlag in die Eier. Ein Spritzer Essig in die Augen. Ein Gegenstand an den Kopf. Krüppelpower. Ein Funke Mitleid in den Augen meines Chefs, und schon hätte der teure venezianische Briefbeschwerer – eine wirbelnde Rhapsodie aus eingefangenen Blasen und Kringeln – seinen Schädel getroffen.

»Ich muss arbeiten, Omar. Wenn Sie mich nicht wieder nehmen, suche ich mir etwas anderes.«

»Das wird Ihnen nicht guttun, Gabrielle. Und den Leuten, denen Sie helfen wollen, auch nicht.«

»Sehen Sie sich diesen Stuhl an. Ich bin für immer daran festgeschmiedet. Wahrscheinlich werde ich nie wieder eine Beziehung haben. Oder Kinder. Nennen Sie es melodramatisch, aber ich liege jede Nacht im Bett und höre, wie die Tür zu meiner Zukunft zuschlägt. Wenn ich nicht das machen kann, worauf ich mich verstehe und wozu ich noch in der Lage bin, worin Sie mich mit ausgebildet haben und was ich allem Anschein nach gut kann, wie soll ich dann noch ich selbst sein? Wenn Sie mir diese Frage beantworten können, wunderbar. Ich kann es nämlich nicht. Wenn ich nicht arbeiten kann, bin ich erledigt.«

Als die Stelle in Oxsmith frei wurde, empfahl er mich. Drei Monate später hörte ich, er sei tot. Gute Menschen sterben wie die Fliegen, dachte ich. Und ich hatte mich nie richtig bei ihm bedankt.

Tja, aus, vorbei.

Rafik hat eine SMS bekommen, die er offenbar unbedingt beantworten muss. Bethany hat unterdessen die Gangart gewechselt. »Vielleicht sind Sie nur ein Produkt der Medikamente«, sagt sie verträumt. »Etwas in meinem Kopf. Das kommt vor. Ich habe noch eine Menge psychotrope Toxine im Blut, die bleiben für immer in meinem Körper. Wie Saccharin. Wussten Sie, dass Saccharin sich immer weiter im System anreichert?« Die Vorstellung, ich könnte eine Halluzination sein, scheint sie nicht zu beunruhigen. Und für mich hat sie im Augenblick durchaus ihren Reiz. »Wie soll ich meine neue Erlöserin nennen? Spasti? Heilige Gabrielle?«

»Gabrielle reicht völlig.«

Sie überlegt. »Roller.«

»Gabrielle wäre mir lieber.« Ich drehe mich mit dem Rollstuhl, um ihr Profil zu betrachten. Sie schließt die Augen. Ein Moment vergeht.

»Im Grunde sind Sie ein Fisch, oder?« Ihre Augen öffnen sich in unerwartetem Entzücken. Dunkle nächtliche Teiche. »Eine Meerjungfrau. Immer im Wasser! Diese Bewegungen! Es ist schön, aus dem Stuhl herauszukommen, was? Als wären Sie aus Ihrem Käfig befreit!« Sie strahlt, als hätte sie in Rekordzeit ein Rätsel gelöst.

Ich sage nichts, während ich versuche, es zu begreifen. Vermutlich hat sie einfach das Chlor gerochen. »Wenn ich Ihre Hand berühren könnte, wüsste ich noch mehr.« Die Freude ist einer belustigten Drohung gewichen. »Joy McConey musste ich nicht einmal berühren, um Dinge zu erkennen. Ich sah, was ihr bevorstand.« Falls sie damit um Erlaubnis bittet, wird sie sie nicht bekommen. Bei der ersten Begegnung gebe ich den Patienten die Hand, dulde ansonsten aber keinen Körperkontakt. »Mir fallen Dinge auf. Aber die meiste Zeit ist es mir scheißegal. Interessiert mich nicht die Bohne.«

»Kannst du mir etwas über die ›Dinge‹ erzählen, die dir auffallen?«

Sie lächelt. »Brennende Meere. Feuerwände. Küsten, die davongeschwemmt werden. Gletscher, die wie Butter in der Mikrowelle schmelzen. Kennen Sie Grönland? Hat sich praktisch aufgelöst. Wie eine Riesen-Aspirintablette. Verlassene Städte voller Menschenknochen, in denen Eidechsen und Kojoten herrschen. Und überall Bäume und Haie und Krokodile im Untergrund. Das versunkene Atlantis.« Sind es Visionen, die durch Medikamente hervorgerufen wurden? Tagträume? Oder Metaphern?

»Die Welt, die du da beschreibst, klingt gefährlich. Gefährlich, chaotisch und lebensfeindlich. Viele Leute fürchten sich vor einer Klimakatastrophe. Die Angst ist nicht unbegründet.«

Wenn nicht bald etwas geschieht, so die jüngsten Prognosen, kommt es zu Bethanys Lebzeiten zum Schmelzen der Polkappen und einem weltweiten Temperaturanstieg von bis zu sechs Grad. Ich sollte froh sein, dass ich keine Kinder habe. So wie der Kalte Krieg in den Phantasien älterer Psychiatrie-Patienten eine wichtige Rolle spielt, ist bei den Jüngeren eine Paranoia bezüglich der Klima-Apokalypse weit verbreitet. Das ist der Zeitgeist: die Banalität des Abnormen. Sie wurzelt in Tatsachen, die derart erschreckend sind, dass wir uns höflich abwenden. Ich würde Bethany gern auf das Thema Selbstmord bringen, das meine Hauptsorge ist. Wenn sie unter meiner Aufsicht stirbt, werden Fragen aufkommen, die sich bei meinem ersten Job nach dem Unfall nicht gut machen. Wie wahrscheinlich ist eine Wiederholung? Sie hat vier Versuche hinter sich und gilt als regelmäßige Selbstverletzerin. In den Unterlagen wird sie außerdem als gut informiert, manipulativ und anfällig für dramatische Stimmungsschwankungen beschrieben sowie für psychotische Phantasien, religiöse Ergüsse und plötzliche, extreme Gewaltausbrüche. Wieder sehe ich vor meinem inneren Auge die Polizeifotos. Achtundvierzig Stichwunden. Der Schraubenzieher in Karen Kralls Auge. Die Haut auf der Blutlache, wie antikes Siegelwachs. Der Blitz der Kamera, für immer darin gefangen wie ein fossiler Stern.

»Die Welt ist nun mal gefährlich. Und wir leben mittendrin. Es gibt keinen Ausweg, Roller.« Sie lacht freudlos. »All diese Leute da draußen. Anständige, fleißige Leute, die keinem was Böses getan haben«, sagt sie mit einer dümmlichen Zeichentrickstimme. »Sie werden eines grausamen Todes sterben. Wir alle werden eines grausamen Todes sterben.« Die Vorstellung scheint sie eher aufzumuntern als zu erschrecken. Plötzlich verströmt sie eine geradezu elektrische Energie. Ich spüre einen ungeheuren Quell von Gewalt und Zorn, eine latente Kraft, ebenso faszinierend wie beunruhigend. Pervers, wie ich bin, höre ich zu.

»Haben Sie schon mal von der Entrückung gehört?«

»Ich erinnere mich dunkel.« Sie gehört zum Credo der Glaubenswelle, eingeschleppt von britischen Bürgern, die nach dem weltweiten Zusammenbruch ihren sonnigen Alterssitz in Florida aufgaben und nach England zurückkehrten. Berühmte Konvertiten und ein Haufen süchtig machender Erlösungsshows im Fernsehen haben die Entrückung noch populärer gemacht. »Erzähl mal.«

»Es geht um die Rettung der Gerechten. Wenn der Super-GAU eintritt, kommen die wahren Christen geradewegs in den Himmel, ein großer Lufttransport, sozusagen. Die Übrigen bleiben zurück. Gnade denen, die reinen Herzens sind, Gerechtigkeit für alle Übrigen. So steht es in der Bibel. Lesen Sie Ezechiel oder Daniel oder die Thessalonicher oder die Offenbarung. Alle Zeichen sind da. Der Iran, Jerusalem. Alles kann jeden Augenblick