Einleitung oder drei Kühe laufen über die Weide

Nicht nur in der Einleitung, sondern überhaupt: Ich, Jacob, zehn Jahre alt, erfinde Geschichten. Das sind wilde Abenteuer. Also auf Leben und Tod. Meistens lebe ich hinterher weiter. Und bin ein Held. Und manchmal, aber selten, nicht. Diese Geschichten schreibe ich in ein Logbuch. Das ist mein Schiffstagebuch.

Warum schreibe ich? Erstens: Weil ich dann plötzlich mitten in den Geschichten stecke. Und sie gar nicht mehr erfinden muss. Zweitens: Weil ich Mathe nicht so doll mag.

Drei Kühe laufen über eine Weide. Eine Kuh rutscht aus, im eigenen Fladen.
Eine fliegt davon, wie eine Pusteblume, weil ein Frosch auf ihrem Rücken Fliegen fängt.
Wie viel Kühe werden nun gemolken?

Löse ich die Aufgabe falsch: Glotzen mich die Zahlen frech an. Löse ich die Aufgabe fast richtig, glotzen sie mich auch frech an. Dann lass ich`s doch lieber gleich! Ehe die Rädchen in meinem Hirn ganz durchdrehen oder sogar aufhören zu ticken. Das ist gefährlich. Noch eine leichte Aufgabe:

Wenn vier Kühe in vier Tagen vier Liter Milch liefern, Wielange brauchen dann fünf Kühe, um fünf Liter zu liefern?

Dann frage ich mich: Muss ich das wirklich wissen? Und so geschieht es, dass manche sagen, ich sei ein Spinner. Ich solle lieber ausrechnen, wie viel Liter Tütenbio der Bauer geliefert hat! Haha! Das mit der Spinnerei stört mich Null-Nicht. Weil sich in meine Geschichten viel coole Wirklichkeit mischt. Kann ich etwas dafür, dass einige zu dröselig sind, das zu merken?

Noch etwas: Ein Logbuch ist pure Wahrheit. Und jedes Wort ist ein Gesetz. Da darf ich nichts dazu schummeln.

An dieser Stelle habe ich genug eingeleitet.

Inhaltsverzeichnis

Logbuch I

S o beginnt alles. Ich brauche eine Insel. Weil morgen die Zahlen zu einer Mathearbeit aufmarschieren sollen. Also so etwas wie eine Fluchtinsel. Ein Versteck. Besonders vor der Vier. Später, unter der Mathearbeit. Außerdem ist Schwimmen viel gesünder. Mit den Fischen tauchen auch. Und ein Wettrennen mit den Seepferdchen ist spannender als tanzende Kühe. Natürlich könnte ich auch fliegende Fische angeln. Auf einer Schildkröte surfen. Einen Haifischzahn finden. Bestimmt aber mit den toten Muscheln eine tote Vier in den Sand legen. Und diese Zensur dann in einer salzigen Hochwelle erbarmungslos ersäufen. Oder den Quallen zum Fraß vorwerfen. Auch erbarmungslos. Deshalb schneide ich aus der Weltkarte, Gegend Stiller Ozean, eine Insel. Mit Wasser drum herum. Ich kann auch sagen: Eine Schippe Sand, Marke Feinkorn, welches meine Insel wird. Wellen, zarte und wilde, die das Meer sind. Und eine Palme reicht aus. Als Versteck. Die Insel rauscht: Ich habe keinen Namen. Brauchst du auch nicht, rausche ich. Dann fällt es nicht auf, dass du aus der Karte verschwunden bist.

In diesem Augenblick beginnt es. Ein seltsames Boot taucht auf. Nähert sich meiner Insel. Als Inselbauer kenne ich viele Schiffe. Aus allen Zeiten. Dickbauchige Koggen für die Kaufleute. Dünnbauchige Koggen für die Verteidigung der Dicken. Schnelle Piratensegler. Schulschiffe, Gorch Fock, Wilhelm Pieck und so. Römische Galeeren, chinesische Dschunken. Sogar ägyptische Korbboote, von ganz früher. Solch ein geheimnisvolles Ruderboot aber habe ich noch nie gesehen! Aus welcher Zeit taucht es aus dem Meer? Es ist lang, länger geht nicht, vorn ein Rammspieß, halb im Wasser versteckt. Ich zähle jede Menge Ruderer, fünfzig Stück Wasserknechte oder Sklaven. Der Kahn heißt Argo. Ich stelle mich breitbeinig, was heißen soll: Privatinsel! Namens Jacobsinsel.

Ein Mann steigt ins Flachwasser. Glotzt mich an wie eine schiefe Vier. Stakt in den Gelbsand, wie ein Kamel oder ein Dromedar. Wahrscheinlich ist es eng auf seinem Kahn? Muss jetzt seine Beine wieder einrenken, das Dromedar. Er brummt: Argo ist kein Kahn, sondern das schnellste Boot der Welt! Und ich bin der Kapitän. Iason, Königssohn, allerdings ohne Königreich. Noch! Aber auf Heldenfahrt. Wegen einem Königreich!

Ich denke: Hab ich ein Märchen aus dem Meer gefischt? Mit einem Haufen Angebern? Und einen Kapitän, der aussieht, wie einer der Drei Musketiere, nur ohne Bart und ohne Degen. Am meisten fallen mir seine Augen auf. Wie Kugeln, Eisenkugeln. Sie rollen hin und her, in alle Richtungen, um jede Gefahr zu wittern. Wie ein Hase im Kornfeld. Hase? Besser wie ein Löwe, denn er trägt ein Löwenfell als Jacke. Seine eisernen Kugeln wittern mich an. Irgendwie sehen sie durch mich hindurch. Hee, soll ich zu einem Nichts werden, zu Luft oder sogar zu einem Loch in der Luft? Das kommt wohl, weil ich selten mit Heldenaugen zu tun habe.

Iason, von Beruf Königssohn, sagt: Wie mir die geflügelten Wörter berichten, kannst du Buchstaben malen und zusammensetzen zu Wörtern?

Malen kann ich weniger, dafür jedoch schreiben.

Werd nicht frech! Ich habe einen tollen Piloten, Ankaios, der die Argo selbst durch die Hölle lenken kann. Ich habe einen tollen Sänger, namens Odysseus, der alle meine Heldentaten besingt. Und in der Argo sitzen keine Wasserknechte sondern Argonauten, Ruderhelden. Merk dir das! Nur ein Chroniker fehlt mir, der alles aufmalt. Ich meine die geflügelten Wörter, die ich dir diktiere! Für später. Heldengeschichten!