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Horst Friedrichs

Trevellians Zweikampf mit der Bestie

Trevellians Zweikampf mit der Bestie

Horst Friedrichs

Jesse Trevellian ist ein Ermittler in New York. Er kämpft unbeirrt gegen das Verbrechen und die organisierte Kriminalität. Auch wenn er von einem Sumpf aus Korruption und Lüge umgeben ist, versucht er einen geraden Weg zu gehen. Denn die Schicksale der Opfer lassen ihn nicht los... Trevellian lässt nicht locker. So lange es auch dauern mag, am Ende findet er die Mörder...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Einleitung

Desmond Shanks duschte seit einer halben Stunde. Er war allein in dem großen, weiß gefliesten Raum. Normalerweise wurden zwölf Mann auf einmal reingetrieben, damit sie sich abschrubbten. Aber Shanks war ein Sonderfall hier, im Jenkins County Jail im US-Bundesstaat Georgia. Schwaden von Wasserdampf füllten den Duschraum aus. Der schlanke, hoch gewachsene Gefangene reckte und streckte sich unter dem perlenden Strahl, und immer wieder blickte er zur Tür. Dann endlich schälte sich eine schwarze Uniform aus dem Wassernebei. Links an der breiten Hüfte der Aufseherin hing ein Schlagstock, rechts die Dienstpistole.

Ohne ein Wort legte sie die Hände auf die Gürtelschließen, während sie sich dem nackten Mann näherte.
»Ich dachte schon, du kommst nicht mehr«, sagte er mit gespieltem Vorwurf.
»Ich komme immer«, belehrte sie ihn mit unbewegter Miene.

Roman

»Das kann ich bestätigen«, erwiderte Shanks und grinste. Er beglückwünschte sich insgeheim dafür, dass diese Frau so verdammt scharf auf ihn war. Sie vergaß alles, wenn sie mit ihm zusammen war- Gesetze, Dienstvorschriften, einfach alles. Und ihr Humor lag genau auf seiner Wellenlänge, auch wenn sie sonst nicht unbedingt sein Typ war. Auf jeden Fall war sie die Einzige, die er in den letzten drei Wochen rumgekriegt hatte. Draußen, in der freien Wildbahn, hätte er alle drei Tage eine andere gehabt.

Okay, das zu vergleichen war ein kleiner Scherz, den er sich erlaubte. Denn in einem verdammten Gefängnis gab es eigentlich null Auswahl. Sex mit Häftlingen war dem Aufsichtspersonal strikt verboten. Doch die Uniformierte, die Desmond Shanks im Duschraum besuchte, bildete eine grandiose Ausnahme.

Im Grunde war Correction Officer Rosetta Dee deshalb dienstuntauglich, und sie wusste es. Wenn Rosetta eines Tages den Dienst quittieren musste, dann würde der Grund ›Mannstollheit‹ heißen.

Sie war das, wovon jeder Häftling träumte - eine Aufseherin, deren Privatleben die totale Katastrophe war, mit Scheidung und dem ganzen Drum und Dran. Das lag schon Jahre zurück, und jetzt suchte sie so verzweifelt einen Kerl, dass sie auch ihren Arbeitsplatz zum Jagdgebiet erklärt hatte und alles nahm, was sie kriegen konnte. Sogar einen Killer.

»Es ist so weit«, flüsterte sie und legte die Arme um seinen Nacken.

»Was meinst du?«, fragte er leise und zwang sich, seine jäh einsetzende Aufgeregtheit nicht zu zeigen. Meinte sie das, worauf er seit Tagen hoffte? Himmel, wenn er sie endlich so weit hatte, würde dies ein Feiertag werden!

»Wir hauen ab«, bestätigte sie schwer atmend.

»Jetzt sofort?«

Sie lachte leise. »Jetzt oder nie. Und wenn wir es geschafft haben, kriege ich meine Belohnung, okay?«

»In Freiheit?«

»Wie man’s nimmt.« Rosetta küsste ihn voller Verlangen. Dann bog sie den Kopf zurück und zwinkerte spitzbübisch wie ein kleines Mädchen. »Natürlich wirst du nicht wirklich frei sein. Ab sofort bist du mein Leibeigener, das ist doch klar.«

Shanks zwinkerte zurück und log: »Ich gehöre dir mit Haut und Haaren, für immer und ewig.«

Rosetta runzelte die Stirn. »Meinst du das jetzt wirklich? Oder sagst du das nur, um mir zu gefallen?«

»Ich weiß, was ich dir verdanke«, erwiderte er ausweichend. »Außerdem gefalle ich dir, wie ich bin. Auch ohne die übliche Süßholz-Raspelei. Deine Worte!«

Sie lächelte, sichtlich gerührt, dass er es sich so gut gemerkt hatte. Statt eine Antwort zu geben, küsste sie ihn wieder.

Er ging darauf ein und täuschte eine Leidenschaft vor, die in Wahrheit schon halb erloschen war - weil er wusste, worauf es hinauslaufen würde. Er würde sie wie eine Klette am Hals haben, denn diese Lady bildete sich ein, in ihm die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, ausgerechnet in ihm. Er fasste es einfach nicht. Es gab Zufälle, die glaubte einem kein Mensch, wenn man es erzählte. Doch unter dem Strich blieb die eine, alles entscheidende Tatsache: Rosetta Dee war für ihn der Schlüssel zur Freiheit.

Dass es überhaupt so weit hatte kommen müssen, war ein verdammter Schicksalsschlag. Da schnappten sie ihn in Georgia, weil er in New York einen Kerl umgelegt hatte. Okay, schlimm genug, aber dass man mal Pech hatte, konnte man noch kapieren. Und was passierte dann? Dieser Provinz-Sheriff und seine Deputys steckten ihn in ihr County-Jail und hatten keine Ahnung, dass ihre Mitarbeiterin Rosetta Dee auf den Lover ihres Lebens wartete.

Dabei sollte er hier nur unter Verschluss gehalten werden, bis die Jungs vom Department of Correction ihn übernahmen. In einem von deren Staatsgefängnissen würde er dann schmoren, bis sich die Anklagebehörden einigten, wann sie ihn nach New York weiterreichten.

Für ein County-Gefängnis in den Südstaaten war einer wie er mit seinem Sonderstatus jedenfalls öin Ausnahmetyp . Ein besonders wichtiger Gefangener, wenn man so wollte. Nicht der übliche Autoknacker oder Vergewaltiger.

Rosetta hatte zwangsläufig auf ihn aufmerksam werden müssen. Einen wie ihn fassten sie mit Samthandschuhen an, damit ihm bloß nichts passierte, bevor er da ankam, wo sie ihn haben wollten - vor einem Federal Court, einem US-Bundesgericht.

Doch ein County-Jail war kein Hochsicherheitsgefängnis. Es gab verschwiegene Ecken hier im »Jenkins«, wie die Gefangenen ihren Provinzknast beinahe liebevoll nannten, und Rosetta Dee hatte die Möglichkeit, das gemütliche Beisammensein mit ihrem Lover jedes Mal gut vorzubereiten.

An diesem Tag hatte sie ihre Schicht um zwölf Uhr mittags begonnen, vor einer knappen Stunde. Niemand kriegte etwas mit, keiner ihrer Kollegen und erst recht keiner der Insassen. Wenn Desmond Shanks duschte, waren alle anderen weit weg, im Speisesaal. Er bekam sein Essen später, einzeln, wenn alle anderen schon weg waren, weil man ihn für ein paar Nummern zu groß hielt, um ihn mit den Kleinkriminellen Zusammenkommen zu lassen, die im »Jenkins« überwiegend untergebracht waren.

Rosetta Dee löste sich von ihrem Liebhaber. Rein äußerlich war sie die Ruhe selbst. Desmond Shanks frottierte sich ab und stellte keine Fragen. Er wusste, dass Rosetta trotz ihrer scheinbaren Gelassenheit innerlich angespannt war. Das führte bei ihr dazu, dass sie immer wortkarger wurde.

Er zog die frisch gebügelte orangefarbene Gefängniskluft an, die er aus der Wäscherei mitgebracht hatte. Die getragenen Sachen warf er in den dafür vorgesehenen Leinensack im Korridor vor den Duschräumen. Dann folgte er der Aufseherin, die sich vorgenommen hatte, die Frau seines Lebens zu werden.

Sie hatte alle Schlüssel bei sich, die sie brauchte. Am Ende eines Seitenganges öffnete sie eine Stahltür, die seit Jahren nicht mehr benutzt worden war. Modergeruch wehte aus der Dunkelheit herauf.

Rosetta schaltete ihre Taschenlampe ein und bedeutete Shanks, die Tür hinter sich zu schließen und zu verriegeln. Eine Steintreppe führte in einen roh gemauerten Gewölbekeller, der aus der Zeit des Bürgerkriegs stammte.

Shanks wusste von seiner Geliebten, dass die Konf öderierten hier unten gefangene Yankees eingesperrt hatten. Das Gewölbe sollte einmal als Museum hergerichtet werden, aber bislang fehlte der County-Verwaltung das Geld dazu.

Rosetta Dee führte den Mann ihrer Träume zielstrebig durch ein Labyrinth von Kellergängen, bis sie eine weitere Treppe erreichten. Die Tür oben bestand ebenfalls aus Stahl, war dick mit grauer Rostschutzfarbe gestrichen und mit mehreren Riegeln und Schlössern gesichert.

Rosetta , besaß alle notwendigen Schlüssel. Unkraut wucherte an der Außenseite der Tür, doch es ließ sich mit geringem Kraftaufwand wegschieben.

Der Ausgang des alten Kerkers mündete in ein Waldstück außerhalb des Gefängnisgeländes. Nur zwanzig Yard hatten die Aufseherin und der Killer zu Fuß zurückzulegen, dann erreichten sie eine Lichtung, auf der ein Wagen bereitstand.

Desmond Shanks kam sich vor wie in einem Film.

Im richtigen Film.

***

Die junge Frau stellte sich in den Eingang des Hochhauses und wurde zunächst von niemandem beachtet.

Sie war blond und attraktiv. Ihr Hosenanzug, marineblau und sommerlich leicht, entsprach dem Outfit einer Top-Karrierefrau. Die Handtasche aus hellbraunem Naturleder, die schwer an dem Riemen über der Schulter der Lady hing, stammte aus einer europäischen Manufaktur und war garantiert nur in den Hochpreis-Geschäf ten an der Fifth Avenue zu bekommen.

Regungslos stand sie auf der oberen der fünf flachen Treppenstufen, die zum breiten Portal des Wohnhochhauses an der Westside von Manhattan führten.

Es war später Nachmittag, Menschen hasteten links und rechts an der Lady vorbei ins Haus. Nur wenige verließen es um diese Zeit. In der Straße lärmten Autos, und in den nahen Avenues brodelte der Feierabendverkehr.

Es hatte den Anschein, als würde die Frau auf jemanden warten, und es vergingen kaum fünf Minuten, bis auf der anderen Straßenseite eine Reihe Fahrzeuge stoppte.

Schlag auf Schlag trafen die Wagen ein. Die meisten waren normale Chevys, Buicks und Pontiacs, die größeren hatten geschlossene Kastenaufbauten mit bunten Logos darauf. »NY1« war das auffälligste, es standfür »New York One«, den größten und beliebtesten lokalen Fernsehsender der Acht-Millionen-Stadt. Aber auch NBC und ABC waren mit ihren örtlichen Teams vertreten, desgleichen die Radiostationen, die kleineren Stadtteil-Fernsehsender, die Presseagenturen und die Tageszeitungen.

Reporter, Fotografen und Kamerateams schwärmten aus, hantierten hektisch mit ihren Geräten, und das Gerangel um die besten Plätze vor dem Hochhausportal setzte ein.

Die Fußgänger waren irritiert. Einige blieben stehen und beobachteten das Geschehen neugierig. Andere warfen nur einen kurzen Blick herüber und machten, dass sie weiterkamen.

Im Handumdrehen hatte sich auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude eine Traube von Journalisten gebildet.

Die blonde Frau lächelte jetzt. Sie wirkte zufrieden, betrachtete das Medienaufgebot mit Wohlgefallen.

»Kim!«, rief einer der Journalisten. »Was ist los? Was haben Sie vor?«

Eine Reporterin meldete sich zu Wort: »Sie haben uns alle angerufen, stimmt’s?«

Ein-TV-Reporter sprach die An-Moderation in sein Recorder-Mikrofon: »Es ist heiß und schwül an diesem Nachmittag in Manhattan, meine Damen und Herren. Die Zahl der Aggressionen, der Gewalttaten und der Unfälle schnellt in die Höhe - aber ebenso die Zahl der Selbstmorde. Müssen wir auch den Anruf von Kim Lara vor diesem Hintergrund sehen? Die bekannte Fernsehregisseurin hat sämtliche Medien verständigt, hat uns telefonisch hierher bestellt, in diese Straße - für ihre ›final message‹, wie sie es nannte. Nun fragen wi r uns genau wie Sie, liebe Zuschauer, was wir unter Kim Laras ›letzter Botschaft‹ verstehen sollen…«

Erst jetzt waren Sirenen zu hören. Streifenwagen des New York Police Department bogen in die Straße ein, und uniformierte Cops sprangen aus den blauweißen Limousinen.

Während die Journalisten ihr weitere Fragen zuriefen, griff Kim Lara in die Handtasche und nahm eine Pistole heraus. Es war eine Beretta. Groß und schwer lag die Waffe in ihrer Hand, als sie sie langsam anhob.

Der Anblick reichte, um jähe Stille einkehren zu lassen. Die Zuschauer hielten den Atem an - Medienprofis und Passanten gleichermaßen.