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CLAIRE DOUGLAS arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin, bevor sich ihr Kindheitstraum, Schriftstellerin zu werden, erfüllte. Ihre packenden Thriller »Missing«, »Still Alive« und »Vergessen« waren in England und Deutschland ein riesiger Erfolg und machten sie zur gefeierten Bestsellerautorin. Mit »Beste Freundin« erscheint jetzt bereits ihr vierter Thriller bei Penguin. Claire Douglas lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in Bath, England.

Außerdem von Claire Douglas lieferbar:

Missing. Niemand sagt die ganze Wahrheit. Thriller.

Still Alive. Sie weiß, wo sie dich findet. Thriller.

Vergessen. Nur du kennst das Geheimnis. Thriller.

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Claire Douglas

Beste Freundin

Niemand lügt so gut wie du

Aus dem Englischen
von Ivana Marinović

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
Then She Vanishes bei Penguin UK, London.

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Copyright © 2019 by Claire Douglas

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021 by

Penguin Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: Favoritbüro

Umschlagmotiv: © Lane V. Ericksonn / © EmanuelePansecco /
© Nejron Photo / © Maximillian cabinet / © Media Whalestock /
© riekephotos / © Ewelina Wachala / shutterstock

Redaktion: Christine Neumann

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad-Aibling

ISBN 978-3-641-25034-8
V002

www.penguin-verlag.de

Für meinen Dad,

dafür, dass er mich ermutigte, meinen Traum zu verfolgen.

Prolog

März 2012

Ich fühle mich ganz ruhig, als ich der Sonne dabei zusehe, wie sie über der Reihe eiscremefarbener Häuser aufgeht. Gar nicht, wie ich mir vorgestellt habe, dass ein Mensch sich fühlt, der im Begriff steht, einen Mord zu begehen. Weder bin ich nervös, noch schwitzen meine Handflächen. Nicht einmal mein Herz rast. Da ist kein Adrenalin, das durch meine Adern rauscht. Jedenfalls noch nicht. Vielleicht kommt das später noch. Doch jetzt, in diesem Moment, bin ich erfüllt von einer Art Frieden. Als hätte alles, was bisher in meinem Leben geschehen ist, an ebendiesen Punkt geführt. Es gibt kein Zurück.

Doch nun – welches Haus?

Es sind allesamt georgianische Bauten, wunderschön, groß und elegant, mit ihren perfekt proportionierten Fenstern und bogenförmigen Eingangstüren. Sie erinnern mich an eine Kinderbuchillustration, einige hoch und schmal, andere quadratisch und gedrungen. Sie sind der rauen, windgepeitschten See und dem kleinen Hafen mit der Handvoll Fischerboote zugewandt, die nun, da Ebbe herrscht, auf dem schräg abfallenden Sand festsitzen. Perfekte Ferienbehausungen, selbst außerhalb der Saison. Sogar an einem kalten, böigen Märztag wie diesem.

Babyblau, zartes Apricot, blasses Rosa, Buttercreme. Welches?

Und da sehe ich es. Ein strahlend weißes mit kobaltblau gestrichenen Fensterrahmen, geradezu zwergenhaft zwischen den größeren, anmutigeren Häusern zu seinen beiden Seiten. Es ist der West-Ham-United-Aufkleber im Eck des obersten Fensters ganz rechts, der mich darin bestätigt.

Das ist das Haus.

Ich greife nach der Schrotflinte im Fußraum, genieße ihr Gewicht in meinen Händen, ihre Macht, und zum ersten Mal verspüre ich einen Schauer der … der was? Angst? Nein, keine Angst. Denn noch nie habe ich mich weniger ängstlich gefühlt. Was dann? Kontrolle? Ja, genau das ist es. Endlich habe ich das Gefühl vollkommener, absoluter Kontrolle.

Ich steige aus dem Wagen. Der Wind hat aufgefrischt. Fast klemme ich den Zipfel meines Schals in der Tür ein. Es ist, als hätten es die Elemente auf mich abgesehen. Um mich aufzuhalten.

Es ist kurz nach 6.30 Uhr. Die Straße ist still, die Vorgärten ordentlich getrimmt, eine Reihe schwarzer Abfalltonnen wurde für die Müllabfuhr nach draußen gerollt. Eine wurde vom Wind umgestoßen, ihr Inhalt ist auf dem Boden verstreut und bedeckt den Asphalt mit Kartoffelschalen, leeren Bohnendosen und feuchtem Küchenkrepp. Zu meiner Linken kann ich lediglich einen einsamen Strandspaziergänger mit Hund ausmachen, eine schwarze Silhouette in der Ferne. Viel zu weit draußen, um mich zu sehen. Und das, was ich gleich tun werde.

Ich hebe die Schrotflinte auf Augenhöhe und gehe schnurstracks auf das weiße Haus zu; die Zuversicht steigt mit jedem meiner Schritte. Alles hat eine geradezu unwirkliche Qualität angenommen, als befände ich mich in einem Computerspiel. Vor der Haustür angelangt, bleibe ich stehen. Ich drücke den Abzug, gebe einen einzelnen Schuss ab, und das Schloss zersplittert. Der Krach wird mit Sicherheit die Nachbarn und Bewohner alarmieren. Ich sollte besser schnell machen.

Ich trete die Tür auf und marschiere in einen engen Flur. Die Treppe liegt geradeaus; ich haste die Stufen hinauf, alle meine Sinne hellwach. Oben befindet sich eine Tür. Ich stoße sie auf und sehe einen Mann, der sich aus dem Bett hievt. Untenrum trägt er eine gestreifte Pyjamahose, sein gewaltiger Bauch hängt über den Bund. Er hat eine dicke Goldkette um den Hals und struppiges graues Haar, das seine Brust bedeckt. Der Gewehrschuss muss ihn geweckt haben. Er ist schon älter, Ende fünfzig, mit schütterem Haar und breiten Schultern. Als er mich in der Tür erblickt, versucht er aufzustehen, sein Mund offen hängend, die Stirn gerunzelt. »Was zur …?« Bevor er Zeit hat, seinen Satz zu beenden, richte ich den Lauf auf seinen Kopf, drücke den Abzug und schaue fasziniert zu, wie sein Blut die altmodische gestreifte Regency-Tapete hinter ihm vollspritzt. Er sackt rücklings auf die Daunendecke, befleckt sie mit Rot, die Augen immer noch geöffnet.

Ich wende mich zum Gehen. Eine Frau versperrt mir den Weg. Sie ist noch älter als der Mann und hat weiße Zuckerwattelocken. Sie trägt ein geblümtes Nachthemd. Zuerst ist sie sprachlos; ihre Augen weiten sich bei meinem Anblick, als sie mich erkennt. Und da kreischt sie los. Ich bringe sie mit einer Kugel in die Brust, deren Wucht sie die Treppe hinunterpurzeln lässt wie eine Stoffpuppe, zum Schweigen. Sie bleibt in einem schlaffen Haufen unten liegen; ich steige ganz ruhig über sie hinweg, um zu gehen. Irgendwo im Haus kann ich einen Hund bellen hören, vielleicht in der Küche. Nur ein paar Sekunden zögere ich. Dann marschiere ich zur Haustür hinaus.

Ein junger Kerl in Leggins rollt im Garten nebenan gerade seine Mülltonne raus. Als er mich bemerkt, weicht sämtliche Farbe aus seinem Gesicht, sein Kiefer klappt hinunter. Ich muss wie wahnsinnig aussehen mit meinem ungewaschenen Haar und den zerknitterten Klamotten. Sein Anblick wirkt beinahe komisch. Ich beachte ihn nicht weiter, steige in den Wagen und werfe das Gewehr auf den Rücksitz.

Als ich davonfahre, kann ich den Leggins-Typen in meinem Rückspiegel sehen. Er hat ein Handy ans Ohr gepresst und gestikuliert wild. Ich glaube, ich höre noch einen Schrei, obwohl das auch die Möwen sein könnten, die sich auf der Mauer drängen, mit ihren starren kleinen Augen, die mir nachschauen, mich verurteilen.

Erst da fange ich unkontrolliert zu zittern an. Ich komme nicht ganz dahinter, ob es das Adrenalin ist oder die Erkenntnis, dass es definitiv kein Zurück mehr gibt für mich. Für uns.

Das ist erst der Anfang.

1
Jess

BRISTOL & SOMMERSET HERALD

Dienstag, 13. März 2012

DOPPELMORD ERSCHÜTTERT VERSCHLAFENEN KÜSTENORT

von Jessica Fox

Mordermittlungen nach dem Fund zweier Leichen in einem Cottage in Tilby, Somerset.

Gestern früh um kurz nach sieben Uhr wurde die Polizei zu einem Strandhaus in der Shackleton Road gerufen. Beim Betreten fanden die Beamten zwei Tote vor, bei denen es sich um den Geschäftsmann Clive Wilson (58) sowie seine Mutter, Deirdre Wilson (76), handelte. Beide wurden augenscheinlich erschossen. Das Anwesen wurde umgehend abgeriegelt. Polizei wie Forensiker brachten den gesamten Tag am Tatort zu.

Eine dritte Person, die 32-jährige Heather Underwood, wurde kaum eine halbe Meile entfernt bewusstlos auf dem Gelände eines Wohnmobilparks aufgefunden. Sie hatte sich selbst eine Schusswunde in die Brust zugefügt und befindet sich zurzeit in kritischem Zustand im Krankenhaus.

Detective Chief Inspector Gary Ruthgow, leitender Ermittler der Avon & Sommerset Police, teilte mit, die Beamten seien von Rettungssanitätern zu dem Strandhaus gerufen worden. Er bestätigte, dass die Polizei bezüglich der Todesfälle nach keiner weiteren Person suche. »Dies hier ist eine kleine Stadt«, sagte er, »und ich möchte jeden, der über zweckdienliche Informationen verfügt, die uns bei den Ermittlungen weiterhelfen könnten, dringend darum bitten, sich bei uns zu melden.«

Die Anwohner des gut situierten Straßenzugs, der aus einem exklusiven Boutique-Hotel, festen Wohnsitzen sowie Feriendomizilen besteht, zeigen sich schockiert und betrübt ob der schrecklichen Morde.

Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und lese den Artikel noch einmal durch. Redaktionsschluss ist in zwanzig Minuten. Ich habe beinahe eine Stunde gebraucht, um nur fünf Absätze zu schreiben. Wenn ich den Text nicht bald abschicke, wird er es nicht auf die morgige Titelseite schaffen, und mein Nachrichtenredakteur Ted wird mir »eigenhändig die Rübe abreißen« (einer seiner Lieblingssprüche und immer nur im Spaß geäußert).

Ich blicke aus dem Fenster auf die Dächer von Bristol. Von hier oben kann ich sowohl die Turmspitze der Kathedrale als auch die herrschaftlichen Gebäude sehen, die sich um die weitläufige Rasenfläche des College Green gruppieren. Das Meer aus bunten Schirmen, welche die Bürgersteige bedecken und sich wie ein großes Ganzes zu bewegen scheinen, zeigt mir unmissverständlich, dass es regnet. Der Verkehr schiebt sich stockend über die Park Street, und ein Doppeldeckerbus stößt eine dichte Qualmwolke aus, während er sich wie ein unfitter Läufer den Hügel hochquält.

Seit ich mich heute Vormittag mit DCI Ruthgow unterhalten habe, kriege ich das Interview nicht mehr aus dem Kopf. Seine Worte nagen unentwegt an mir. Ich lechze förmlich nach einer Zigarette, aber ich traue mich nicht, den Schreibtisch zu verlassen, bevor ich diese Story nicht abgegeben habe. Ich blicke zu Jack, meinem Rauchkumpanen, rüber. Er ist über seinen Computer gebeugt und hackt auf seine Tastatur ein, den Telefonhörer zwischen Schulter und Kinn geklemmt. Als er meinen Blick spürt, hebt er den Kopf und zieht eine alberne Grimasse, während er in beschwichtigendem Tonfall in den Hörer sagt: »Ja, doch, das verstehe ich durchaus, Madam. Nein, mir war nicht bewusst, dass sie dieses Foto Ihres Katers benutzen würde … Da stimme ich Ihnen zu, äußerst unangemessen angesichts seines viel zu frühen Ablebens … Mhmm, ja, zugegebenermaßen nicht unbedingt Fluffys Schokoladenseite, aber … Nein, ich fand nicht, dass er darauf dick aussah.«

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, dann wende ich mich meinem PC zu und gehe die Worte auf dem Bildschirm noch einmal durch, wobei ich versuche, den Gedanken zu verdrängen, der mich nicht loslässt, seit ich vorhin mit DCI Ruthgow gesprochen habe. Doch er will nicht weichen.

Ist das meine Heather?

Tilby ist ein kleiner Ort – ich muss es wissen, ich bin schließlich dort aufgewachsen. Und diese Heather Underwood ist im selben Alter wie die Heather, mit der ich zur Schule ging. Die Heather, die mal meine beste Freundin war. Wir verloren uns aus den Augen, als wir die Schule verließen, aber eine Zeit lang – gute zwei Jahre tatsächlich – waren wir unzertrennlich gewesen. Soweit ich mich erinnere, gab es nur einen Wohnmobilpark in Tilby, und der gehörte Heathers Familie. Der Nachname ist ein anderer – damals war sie noch eine Powell –, doch es wäre ein zu großer Zufall, wenn es eine andere Heather wäre, wenn auch nicht ausgeschlossen. Heather ist kein besonders ungewöhnlicher Name. Ich blättere in meinem Notizbuch zurück, versuche, meine Steno zu entziffern. Ja, in unserem Interview bestätigt Ruthgow, dass Heather Underwood, nachdem sie zwei Menschen umgebracht hatte, zu ihrem Campingplatz zurückkehrte, wo sie auch mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn wohnte, und versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Heather wollte Tilby immer verlassen. War es möglich, dass sie nach all den Jahren noch an derselben Adresse wohnte?

»Hast du das denn immer noch nicht fertig, Jess?«

Ich drehe mich um und sehe Ted, der sich über mich beugt; sein Atem riecht nach Kaffee und Zigaretten, überdeckt von einem schwachen Hauch Minze. Er fährt sich mit einer Hand über den Bart, der die Farbe eines Tabakflecks hat, dieselbe wie sein Haupthaar.

»Doch. Ich wollte es gerade abschicken.«

»Gut.« Er späht auf meinen Bildschirm. »Bist du nicht in Tilby zur Schule gegangen?«

»Ja schon.« Ich kann mich zwar nicht erinnern, es ihm erzählt zu haben, aber natürlich steht es in meinem Lebenslauf. Der Mann ist wie ein Bluthund.

»Du bist ungefähr im gleichen Alter, oder? Hast du das Mädchen gekannt?«

Ich hole Luft. »Ich … Tatsächlich bin ich mir nicht ganz sicher. Ich war zwar mal mit einer Heather befreundet, aber …« Aber die Heather, die ich kannte, wäre niemals zu so etwas in der Lage gewesen, möchte ich sagen. Die Heather, die ich kannte, war lieb, ruhig, nett. Sie nahm sich immer so viel Zeit für andere Menschen. So wie für die alte, etwas demente Dame, der wir regelmäßig im Tante-Emma-Laden ums Eck begegneten: Heather half ihr immer nach Hause, wenn klar war, dass sie sich gerade nicht mehr an den Weg erinnern konnte. Oder sie stibitzte Decken von zu Hause, um sie dem obdachlosen Mann zu schenken, der in der Unterführung schlief, wenn es kalt war. Sie war immer höflich und wohlerzogen, dachte daran, sich bei den Busfahrern und Ladenbesitzern zu bedanken, während ich es in meinem Eifer, die Süßigkeiten zu verputzen oder an mein Ziel zu gelangen, gerne vergaß.

Und doch hatte sie auch eine andere Seite an sich. Ich erinnere mich noch an das letzte Mal, als ich sie sah: die grünen Augen lodernd, die Fäuste an ihren Seiten geballt. Es war das einzige Mal überhaupt, dass ich sie zornig sah. Ich hatte Angst vor ihrer urplötzlichen Unvorhersehbarkeit, wie vor einem Pferd, das ich für sanftmütig gehalten hatte und das nun bockte und drohte, sich aufzubäumen. Aber das war gegen Ende unserer Freundschaft, als alles komplett schieflief und sie wütend auf die Welt war. Auf mich. Und es war nur verständlich.

Ich habe die letzten Jahre versucht, nicht über Heather nachzudenken, doch nun steigt ein Bild von ihr in meinem Kopf auf wie eine Spiegelung im Wasser, die allmählich klarer wird und an Schärfe gewinnt. In einem langen wallenden Rock und Doc-Martens-Stiefeln auf dem Rasen herumwirbelnd und zu »Charlotte Sometimes« von The Cure mitsingend … das Klimpern zahlloser Armreife, die von ihren Handgelenken baumeln … im Galopp auf ihrem schwarzen Pony Lucky, wobei ihr langes dunkles Haar über ihrem Rücken flattert.

Ich nehme einen tiefen Atemzug. Ich brauche echt eine Kippe.

Ted gibt ein Schmatzen von sich, während er auf Höhe meines Ohrs auf seinem Kaugummi herumkaut, und erinnert mich so daran, dass er immer noch neben mir steht. »Tja, dann schwingst du deinen Hintern wohl besser nach Tilby«, sagt er mit seinem Essexer Akzent. Er lebt schon seit Jahren in Bristol, hat es jedoch nie geschafft, sich den West-Country-Tonfall anzueignen. Obwohl er mich, wenn er ein paar Drinks zu viel intus hat, gerne mit meinem aufzieht. »Und nimm Jack mit. Check ab, ob es die Heather ist, die du von der Schule kanntest. Sie ist nicht bei Bewusstsein, daher kann die Polizei sie noch nicht unter Anklage stellen.«

Mit anderen Worten: Wir können drucken, was wir wollen, bis sie das Heft in die Hand nehmen.

Ted zeigt nicht oft Anzeichen von Aufregung oder guter Laune – und auch keine andere Emotion, abgesehen von seiner chronischen Grummeligkeit. Außer er hatte ein paar Bier zu viel, dann schimmert sein Humor durch wie ein schwacher Sonnenstrahl unter einer grauen Wolke. Meistens trägt er eine gehetzte Miene zur Schau, und wenn er nicht gerade raucht oder Kaffee trinkt, kaut er hektisch Kaugummi, wobei sein Kinn auf Hochtouren mahlt. Doch nun erstrahlen seine kleinen blauen Augen in einem seltenen Anflug von Vorfreude, als wäre er ein Pitbull, dem eine dicke Scheibe Fleisch winkt.

»Ich wollte gerade in das Wählerverzeichnis schauen, um herauszufinden, ob sie immer noch bei Margot und Leo wohnt.«

»Mach dir darum jetzt mal keinen Kopf. Selbst wenn sie nicht die Heather ist, die du kanntest, musst du trotzdem vor Ort sein. Alle interviewen, mit denen sie zusammengewohnt hat. Beschreiben, wo genau sie sich erschossen hat. Alles schön untermalen. Du kennst ja das Programm.«

In der Tat, das tue ich. Ich könnte es im Schlaf abspulen. Doch früher, als ich noch in London arbeitete, kannte ich die beteiligten Menschen nie. Falls es sich nun um meine alte Freundin Heather handelt … Ich schüttle den Kopf, verbiete meinen Gedanken, dorthin abzudriften. Ich muss das Ganze wie jeden anderen Job angehen.

Ich erhebe mich, ziehe meinen Schaffellmantel von der Sessellehne und kuschle mich dankbar hinein. Er ist schwer und warm (es ist immer so furchtbar kalt hier drin, die Heizung funktioniert selten mal richtig). Ich habe den Mantel im Secondhandladen auf der Park Street gefunden, wo ich die meisten meiner Klamotten kaufe; er hat die Farbe von Karamell mit einem zotteligen beigen Kragen und Ärmelaufschlägen. Jack hängt immer noch am Telefon, also schreibe ich ihm rasch eine Notiz, dass wir uns draußen treffen.

»Netter Mantel, Jess!«, ruft unsere Empfangsdame Sue, als ich an ihr vorbeieile und mein Notizbuch in die Umhängetasche stopfe. Sie ist Ende fünfzig, hat einen grauen Kurzhaarschnitt und funkelnde Augen, die sich an den Winkeln kräuseln, wenn sie lacht. Sie ist wie so eine reizende, knuffige Tante, die mich immer »das Mädel« nennt, sich nach meinem Leben und meinem Freund erkundigt, so als wollte sie indirekt »meine Jugend« mit mir durchleben, obwohl ich mit meinen einunddreißig Jahren wohl kaum als sonderlich jung durchgehe. An manchen Tagen fühle ich mich sogar sehr, sehr alt. Und sehr, sehr erschöpft. So wie heute.

»Danke!«, rufe ich zurück und ziehe auf dem Weg Richtung Tür die Kippen aus meiner Hosentasche. »Hab ihn für ein Schnäppchen im BS8 abgestaubt.«

»Und dein neuer Pony gefällt mir auch«, fügt sie hinzu. Ich berühre ihn verlegen, obwohl ich weiß, dass er mein Gesicht vorteilhaft umrahmt und meinen stumpfen Bob etwas weicher macht; außerdem bildet das helle Blond einen schönen Kontrast zu meinen schokoladenbraunen Augen. »Sehr Debbie Harry.«

Ich tue ihr Kompliment mit einem Lachen ab, obwohl ich mich insgeheim freue, und verspreche, ihr einen Kaffee mitzubringen (die Maschinenplörre im Büro schmeckt nach Plastik); dann schiebe ich mich mit der Schulter voran durch die Tür, eile die Treppe runter und raus auf die Park Street.

Unsere Redaktionsräume befinden sich in einem roten Backsteingebäude direkt über einem Zeitschriftenladen. Wir arbeiten hier nur zu sechst: zwei Fotofritzen, zwei Reporter – will heißen ich und eine Volontärin namens Ellie –, Ted und Sue. Unser Hauptsitz befindet sich in einem Gewerbegebiet ein paar Meilen außerhalb der Stadt. Wir basteln hier unsere Ausgabe zusammen und leiten alles an die Korrektoren im Hauptquartier weiter. Jack und ich witzeln oft, dass unsere Redaktion das Büro ist, wo der Bodensatz hingeschickt wird: die Angestellten, die sie nicht loswerden, aber auch nicht bei sich in der Hauptredaktion abhängen haben wollen. Ich kapiere nicht, was Jack getan haben soll, um das zu rechtfertigen. Wie könnte jemand ihn nicht mögen? Ich sage ihm immer, dass er nur hier gelandet ist, weil er als Letzter kam. Sobald ein Fotograf das Hauptquartier verlässt (und es ist beeindruckend, wie hoch die Personalfluktuation dort ist, wie schnell sie von Bord springen, um sich zu einer Tageszeitung wie der Bristol Daily News zu retten), wird Jack fort sein, bevor er »Digitalkamera« sagen kann. Dass unser anderer Fotograf, Seth, je woanders hingehen wird, bezweifle ich hingegen stark. Er ist weit übers Rentenalter hinaus.

Ich darf gar nicht daran denken, wie ich ohne Jack zurechtkommen sollte. Mir ist klar, dass es irgendwann passieren wird. Jack tut zwar so, als ob dem nicht so wäre, doch unter seiner locker-flockigen Fassade ist er durchaus ambitioniert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er das alles hier hinter sich lässt. Ich hingegen bin glücklicher in unserer kleinen Redaktion, weit weg von neugierig lauernden Augen und Ohren. Außerdem ist Ted ein guter Chef. Trotz seiner grummeligen Art hat er Vertrauen und überlässt es uns, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen (außerdem geht er nachmittags meistens heimlich etwas früher, um sich in den Pub um die Ecke zu verdrücken). Ich persönlich will nicht draußen in einem seelenlosen Industriegebiet festsitzen. Ich mag es, dass ich auf die Park Street rausspazieren kann. Ich liebe das Gewusel und die Geschäftigkeit, die Läden, die Cafés, die Straßenmusiker. Es erinnert mich an London. Ganz zu schweigen davon, dass ich von meiner Wohnung zu Fuß zur Arbeit gehen kann.

Mir wurde eine zweite Chance gegeben, und dafür werde ich Ted immer dankbar sein. Er hat mich eingestellt, als es sonst niemand wollte.

Wir haben unseren eigenen Eingang: eine schlichte, in die Backsteinmauer eingelassene blaue Tür. Es gibt kein Schild, keinen Hinweis darauf, dass dahinter eine Zeitungsredaktion am Werk ist. Manchmal verkriecht sich ein Obdachloser unter einer schmutzigen Decke unter dem Vordach. Er heißt Stan. Ich bringe ihm öfter mal einen Kaffee mit, wenn ich einen für Sue hole. Heute ist er nicht da, nur eine leere zusammengeknüllte Foster’s-Bierdose in der Ecke und der schwache Geruch nach Urin. Ich stelle mich in den Türrahmen und zünde eine Kippe an, inhaliere den Rauch tief.

Der Regen hat immer noch nicht aufgehört. Er ist fein und nieselig. Ich mag Regen. Habe ich schon immer gemocht – je schwerer, desto besser. Wie er riecht; das Geräusch, das er macht, wenn er in die Gullys gluckert; das Rauschen, wenn Autoreifen durch die Pfützen pflügen. Noch schöner, wenn er von Blitz und Donner begleitet wird. Die meisten Leute finden es seltsam, doch Heather empfand genauso wie ich. Ich erinnere mich an den Klang, wenn er auf das Aluminiumdach der Scheune im Wohnmobilpark ihrer Eltern trommelte. Wir liebten die Scheune mit dem Dachboden, wo sie das Heu für die Pferde aufbewahrten. Sie hatten so viel Land, hektarweise Grund. Es war die Idee ihres Onkels Leo gewesen, einen Teil der Felder als Stellplatz für Camper herzurichten. Damals stahlen wir uns mit unseren Zeichenblöcken in die Scheune, zogen uns die karierten, von gelben Hundehaaren des alten Familienlabradors Goldie übersäten Wolldecken über die Knie, um Stunden damit zu verbringen, den Teich und den Brunnen in ihrem Garten zu zeichnen oder die Mobilheime auf dem Feld dahinter, den Streifen Meer, der lockend in der Ferne glitzerte. Ihr Haus war unglaublich: fünf Schlafzimmer und ein gemütliches Wohnzimmer, das sie den »Bau« nannten. So viel größer und eindrucksvoller als das beengte Cottage mit den niedrigen Decken, das Mum und ich uns teilten. Auch wenn Heathers Haus keineswegs chic oder vornehm war. Es war eingelebt, mit altmodischen Möbeln, geschliffenen Originalholzdielen und karierten Decken, die über den Lehnen abgewetzter Sofas lagen – ganz anders als das makellose, wenn auch karg möblierte Häuschen mit den zwei Schlafzimmern unterm Dach, das wir bewohnten.

Heather versuchte damals, mir das Reiten beizubringen. Sie legte eine Engelsgeduld an den Tag, während sie mich Runde um Runde auf ihrem Pony Lucky über die Koppel führte und ich mich bemühte, den Dreh rauszubekommen. Sie erzählte mir dann lustige Geschichten von ihren eigenen Missgeschicken, so wie das eine Mal, als sie glaubte, ihr Gehvermögen eingebüßt zu haben, nachdem eines der Pferde sie abgeworfen hatte. »Ich hab ja so ein Drama abgezogen«, gestand sie kichernd. »Lag da mitten auf der Wiese und behauptete steif und fest, gelähmt zu sein. Mein Trainer sagte mir einfach nur, ich solle mit dem Gejammer aufhören und mich wieder aufs Pferd schwingen.« Heathers Liebesmühe zum Trotz fand ich nie Gefallen am Reiten. Ich verbrachte lieber Zeit damit, das Pony zu striegeln und seinen Schweif zu flechten.

Heather unterhielt einen ganzen Tierzirkus in dieser Scheune: eine Ziege, die sie mal gerettet hatte, Hühner, eine zahme Ratte. Sie verbrachte Zeit mit jedem ihrer Schützlinge, pflegte sie mit solcher Liebe und Fürsorge, dass ich lediglich mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid zuschauen konnte. Meine Mutter hatte mir nie erlaubt, Haustiere zu haben, da sie eine Bürde seien, doch Heathers Mum, Margot, freute sich für ihre Tochter, all diese Tiere um sich zu haben. Die Powells hatten sogar einen Pfau, der über die Wiese stolzierte und mit seinem prächtigen Federkleid angab. Manchmal, wenn auch schuldbewusst, wünschte ich mir, dass meine Mum mehr wie ihre wäre.

Ich versuche immer noch, mir ebendieses nette, vernünftige Mädchen als erwachsene Frau vorzustellen, die in ein Haus spaziert und zwei Menschen abknallt.

Tilby ist nur fünfzehn Meilen entfernt. Jack und ich werden nicht lange brauchen, um hinzufahren und uns Gewissheit zu verschaffen. Wenn er denn mal auftaucht. Ich habe meinen Wagen vor meiner Wohnung in der Welsh Back geparkt. Von hier aus sind das keine zehn Minuten zu Fuß.

Ich nehme einen weiteren tiefen Zug von der Zigarette und fühle mich sofort ruhiger. Ich habe sonst alles aufgegeben, was nicht gut für mich war: London, die Daily Tribune, die Alkoholexzesse, die gelegentlichen Freizeitdrogen, das ständige Umziehen und Zusammenleben mit diversen Mitbewohnern. Aber das hier kann ich nicht aufgeben. Das eine oder andere Laster brauche auch ich.

Ich stoße den Rauch langsam aus. Eine ältere Dame mit Plastikhaarnetz wirft mir einen missbilligenden Blick zu, als sie vorbeiwatschelt. Unbeirrt qualme ich weiter, bis nur noch der Stummel übrig ist. Warum braucht Jack so ewig?

Tilby Manor Caravan Park. Der Name ploppt ungebeten in meinem Kopf auf. So hatten die Powells den Campingplatz genannt. Ich hatte es ganz vergessen. Ich erinnere mich noch, wie sehr ich es liebte, dort zu sein. Wir verbrachten ganze Tage damit, zu zeichnen oder in einem der leeren Mobilheime »Haus« zu spielen oder Heathers großer Schwester und ihrem Freund hinterherzuspionieren. Es war idyllisch, richtig malerisch. Ich verbrachte mehr Zeit bei ihr zu Hause als bei mir.

Bis unsere Kindheit 1994 auf brutale Weise vorzeitig beendet wurde.

Danach kehrte ich nur noch wenige Male zu ihrem Haus zurück, und unsere Freundschaft, die einst so stark gewesen war, fing an brüchig und schwach zu werden wie eine Strähne meines mittlerweile übermäßig behandelten Haars. Als wir dann unseren Schulabschluss machten, waren wir nur noch Bekannte, die ein Hallo murmelten, wenn sie einander im Korridor über den Weg liefen.

Falls diese Frau, diese Mörderin, jene Heather ist, die ich von der Schule kannte, könnte die Story meine Karriere befördern und mich beruflich wieder ins Spiel bringen – was ich dringend nötig hätte, nach dem, was bei der Tribune passiert ist. Ich weiß so viel über sie und ihre Familie. Zu viel.

Aber ist es wirklich das, was ich will? Und um welchen Preis?

2
Jess

Wir flitzen in meinem mintgrünen Nissan Figaro über die Autobahn; Jack wirkt etwas unbehaglich auf dem Beifahrersitz. Er war gezwungen, sich leicht schräg hinzusetzen, damit er seine Beine überhaupt reinbekam, und das, obwohl er den Sitz so weit wie möglich nach hinten geschoben hat. Seine Kameratasche liegt auf seinem Schoß, und er umschließt sie mit den Armen wie einen geliebten Welpen.

Ich kläre ihn kurz über die ganze Geschichte auf, werfe beiläufig ein, dass ich früher mal eine Heather aus Tilby kannte. Er lässt sich nicht täuschen. Dazu kennt er mich zu gut. Ich konzentriere mich voll und ganz auf die Straße, um der Sorge in seinen Augen auszuweichen. »Das muss sie gewesen sein, nicht wahr? Willst du, dass ich auf meinem Handy nachsehe? Ich kann das Wählerverzeichnis abrufen. Nachschauen, wer dort gemeldet ist.«

Ich schüttle nachdrücklich den Kopf. »Sie muss es nicht zwingend sein. Das würde so gar nicht zu ihr passen.« Ich bin nicht sicher, ob ich versuche, ihn zu überzeugen oder mich. »Außerdem bringt es nichts nachzuschauen. Wir sind ohnehin gleich da.« Ich schiebe das Unausweichliche vor mir her.

»Aber du sagtest, du hättest sie seit euren Teenie-Jahren nicht gesehen. Menschen ändern sich. Es könnte doch etwas passiert sein, das sie zu einer Mörderin werden ließ.«

Ich zucke die Achseln, so als könnte es mir nicht weniger egal sein, während ich mich darauf konzentriere, die leise Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die sagt: Erinnerst du dich noch, was sie dir erzählt hat? Es war ein Geheimnis, von dem du versprochen hast, es nie einer Menschenseele zu verraten. Doch wenn du es verraten hättest, wäre es womöglich nie passiert. Ich schüttle mich innerlich. Ich war vierzehn. Das war vor beinahe zwanzig Jahren. Wie kann ich mir sicher sein, dass mein Erinnerungsvermögen mich nicht trügt?

Jack rutscht auf dem Sitz herum. »Ich bin froh, dass ich aus dem Büro rauskomme. Ganz im Ernst, wenn Mrs. Hodge noch einmal anruft und sich über die Fotos aufregt, die ich von Fluffy gemacht habe …«

Ich kichere. »Fluffy? Echt jetzt?«

»Es war nachrichtentechnisch eben ein ruhiger Tag.« Er grinst, dann verlagert er wieder die Position und verzieht das Gesicht. »Ich leide hier echt Qualen. Will’s nur gesagt haben.«

»Wie groß bist du eigentlich?«, frage ich lachend, als ich auf die linke Spur wechsle. Die Abfahrt nach Tilby ist in Sicht.

»Knapp einen Meter sechsundneunzig, und das meiste davon besteht aus Beinen.« Er hebt eine Augenbraue, als wolle er mich herausfordern, ihm zu widersprechen. Nicht dass ich das vorhätte. Es stimmt, er besteht praktisch nur aus Armen und Beinen.

»Verglichen mit mir bist du quasi ein Riese.« Ich bin mindestens dreißig Zentimeter kleiner.

»Ja, nun, meine imposante Größe ist etwas von Nachteil, wenn ich dazu gezwungen bin, in einem Playmobil-Auto mitzufahren«, sagt er mit einem belustigten Funkeln in den Augen.

Ich verpasse ihm einen kräftigen Klaps auf seinen knochigen Schenkel. »Und was, bitte schön, schlägst du vor, soll ich fahren? Einen Firmen-BMW oder -Mercedes? Das nächste Mal darfst du gerne den Bus nehmen.« Doch ich lächle dabei. Jack ist einer meiner Lieblingsmenschen. Irgendwie scheint es, als könne ihn nie was runterziehen. Fünf Jahre jünger als ich, sprüht er vor Energie und Leben, hat immer einen Witz oder dummen Spruch auf Lager. Als er letzten Sommer bei der Zeitung anfing, wurden wir über unsere gemeinsame Schwäche für Kippen und Kraftwerk schon bald dicke. Zu der Zeit hatte ich erst wenige Monate bei der Herald gearbeitet. Mittlerweile ist er einer meiner engsten Freunde in Bristol. Eigentlich ist er mein einziger Freund in Bristol, neben meinem Lebensgefährten Rory natürlich.

Jack verdreht seinen Hals wie eine elegante Giraffe, um besser durch die Windschutzscheibe sehen zu können. »Wo sind wir hier?«, fragt er, als ich am Kreisverkehr rechts abfahre. »Ich dachte, wir fahren an den Strand.« Jack stammt aus Brighton, aber vor neun Monaten ist er mit seinem Lebensgefährten Finn, einem Polizisten, in eine Wohnung in Fishponds gezogen. Ich weiß, dass er das Leben am Meer vermisst.

»Der Wohnmobilpark, wo Heather Underwood aufgefunden wurde, liegt eine halbe Meile landeinwärts«, erkläre ich. »Um an den Strand zu gelangen, muss man im Kreisverkehr links abfahren.« Ich bin seit über einem Jahrzehnt nicht mehr in Tilby gewesen, seit meine Mum wieder heiratete und nach Spanien zog, doch an den Weg erinnere ich mich.

Die Adresse, die Ted mir gegeben hat, ist die Cowship Lane Nummer 36. Früher achtete ich nicht sonderlich auf die Straßennamen; ich war schließlich vierzehn, als ich das letzte Mal bei Heather war. Und überhaupt nahm ich ständig irgendwelche Abkürzungen. Ich musste querfeldein über Wiesen und Felder voller Kuhfladen und hohem Gras stapfen, um von mir zu ihr zu gelangen. Trotzdem weiß ich, dass es der Name ihrer Straße ist, weil ich mich erinnere, wie wir uns darüber lustig machten und sie im Spaß »Cowshit Lane« nannten.

Die Straße wird immer schmaler, und ich kann die vertrauten Wegmarkierungen sehen: die Kirche am Eck, wo Heather und ich gerne die Grabsteine zeichneten; der Horsehoe Pub mit seiner pseudomittelalterlichen Fassade im Tudorstil (einen Sommer verbrachten wir damit, uns davor herumzudrücken und ihrem Onkel Leo und seiner heißen neuen Freundin nachzuspionieren); die Reihe identischer Cottages mit dem Spielplatz gegenüber. Ich zeige auf die Nummer 7. »Da haben ich und meine Mutter gewohnt«, sage ich, und mir wird unerwarteterweise schwer ums Herz. Ich habe Mum viel zu lange nicht mehr gesehen.

»Oh, sind sie nicht herzallerliebst? Die sehen ja aus wie kleine Spielzeughäuser«, sagt Jack und drückt sich die Nase an der Scheibe platt. Jack ist das, was meine Mutter einen »feinen Schnösel« nennen würde. Er selbst ist in einem stattlichen, weitläufigen Haus mit Meerblick aufgewachsen und spricht vornehmstes Englisch – keine Spur von provinziellem Akzent. Er hat eine Privatschule besucht und fährt winters zum Skifahren in die Berghütte seiner Eltern. Seine Mutter ist Rechtsanwältin und sein Vater Teilhaber in irgendeiner großen Firma. Doch auf Jack hat das nicht abgefärbt. Sein Kommentar über das Häuschen, in dem ich aufgewachsen bin, ist kein bisschen arrogant oder herablassend gemeint. Er sagt die Dinge einfach nur so, wie er sie sieht. »Sie haben unheimlich viel Charakter, oder?«

»Ja. Aber du bei deiner Größe müsstest permanent gebückt rumlaufen, wenn du in einem davon leben würdest«, merke ich an.

Als wir die Hauptstraße entlangfahren, drossle ich das Tempo. Mittlerweile gibt es da einen Costa Coffee und die Filiale einer großen Buchhandelskette. Die Bäckerei der Greggs hingegen ist immer noch da – Heather und ich legten früher unser Taschengeld zusammen, um uns auf dem Heimweg von der Schule eins von ihren leckeren Würstchen im Schlafrock zu holen. Der Außenbereich des Ladens wurde mit einer Markise und ein paar regengesprenkelten Bistrotischen aufgepeppt; einen der Stühle hat sicher der Wind umgeworfen. Der Gateway-Supermarkt ist durch einen Co-op ersetzt worden. Und dann kommen wir am Uhrenturm vorbei. Er ist kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, und befindet sich auf einer dreieckigen Grünfläche zwischen einer Straßengabelung. Es ist der Ort, an dem ich mit den meisten anderen Jugendlichen von Tilby abhing, wenn wir keinen Bock hatten, die zehn Minuten zum Strand zu laufen. Doch das war nach Heather – als ich versuchte, den tiefen Riss zu füllen, den sie in meinem Herzen hinterlassen hatte, indem ich mein Hauptinteresse auf Cider und Jungs verlegte. »Scheiße!«, entfährt es mir, als ich von einem Lastwagen angehupt werde und rasch die Spur wechseln muss. »Das ist ja mittlerweile alles Einbahnstraße …« Ich biege scharf links auf eine schmale Schotterpiste ab. »Das ist die Cowship Lane. Halt Ausschau nach Nummer sechsunddreißig.«

Die meisten Häuser sind frei stehend und von Land umgeben. Bei einigen handelt es sich um Bungalows, bei anderen um umgebaute Ställe und Scheunen. Dann, gegen Ende des Weges, auf einem riesigen Eckgrundstück mit dem fernen Meer im Hintergrund, erblicke ich es, und unwillkürlich krampft sich mein Magen zusammen.

Es ist das Haus aus meinen Erinnerungen.

Heute hängt ein riesiges Schild am Einfahrtstor, auf dem Tilby Manor Caravan Park prangt. Ich bin mir sicher, dass sie es damals noch nicht hatten.

Obwohl ich tief in meinem Inneren gewusst habe, dass es meine Heather war, verspüre ich dennoch eine niederschmetternde Traurigkeit, als ich in die gewundene gekieste Zufahrt mit dem vertrauten Steinhaus vor mir biege. Alles kommt wie in einer Flutwelle zu mir zurück: die langen Sommerabende … der Duft des Heus, der in meiner Nase kitzelte und mich zum Niesen brachte … das Glitzern des Teichs … die Staubkörnchen, die im verblassenden Sonnenlicht des Stalls herumschwebten … Ich weiß, dass man vom Elternschlafzimmer auf der Rückseite des Hauses das Meer sehen kann; das Zimmer ihrer Schwester hatte Blick auf den Rasen vor dem Haus und Heathers auf das Campinggelände in einiger Entfernung. Für eine kurze Zeit in meinem Leben war dies hier wie ein zweites Zuhause gewesen.

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals runter und parke neben einem zerbeulten Landrover. Hinter dem Haus, auch wenn man es von hier nicht sieht, liegt der Wohnmobilpark – ein etwa zwei Morgen großes Feld, das früher etwa acht feste Caravans beherbergte und außerdem Platz für zehn mobile Wohnwagen bot. Rechts vom Wohnhaus befindet sich die Scheune, in der wir damals abhingen. Jetzt ist es von der Polizei mit Absperrband abgesteckt worden, das sich an einer Stelle gelöst hat und im Wind flattert. Ist es dort geschehen? Ist das der Ort, an dem Heather versucht hat, sich zu erschießen? Ich bin vor Entsetzen wie gelähmt.

Es ist nichts Neues, sage ich mir. Ich habe das alles schon gesehen: eine Familie, die in Leichensäcken hinausgetragen wird, nachdem der Vater sie alle und dann sich selbst erschossen hat, weil er verschuldet war; der blutbefleckte Asphalt nach einem Terrorangriff vor Madame Tussaud’s; ein im Wald errichtetes Zelt, nachdem eine vermisste Jugendliche tot aufgefunden wurde. Bei jeder Geschichte musste ich meiner seelischen Gesundheit zuliebe Distanz wahren. Aber das hier. Das ist anders. Hier geht es um Heather.

Ich schalte den Motor aus und blicke starr geradeaus, meine Hände umklammern das Lenkrad. Die Eingangstür befindet sich seitlich am Haus. Doch von hier kann ich das Erkerfenster des Wohnzimmers sehen. Ich erinnere mich an den Raum. Heather und ich kuschelten uns im Winter unter Decken dort ein, während der Geruch der brennenden Holzscheite und die Asche uns in der Nase juckten. Ich hole tief Luft. Ich kann beinahe den Geruch heraufbeschwören, das Gefühl wohliger Behaglichkeit. Da steht eine Frau am Fenster, teilweise verdeckt von den zarten Gardinen. Ihr Gesicht liegt im Schatten, doch am Sitz ihres Haars mit dem vertrauten Knoten im Nacken sowie der Form ihres langen, eleganten Halses und der kantigen Nase weiß ich, dass es Heathers Mum ist, Margot.

»Also?«, fragt Jack und dreht sich zu mir. Als ich nichts erwidere, fügt er sanft hinzu. »Die Todesschützin. Es ist deine einstige Freundin, stimmt’s?«

Ich nicke und blinzle die Tränen weg, bevor er sie bemerken kann. Er würde mich gnadenlos damit aufziehen. Tränen passen nicht zu meinem Image als abgebrühte Journalistin. Jack sagt oft, ich wäre hart wie Stahl. Ich glaube, er bewundert das.

»Scheiße«, presst er leise hervor, aber ich bemerke ein Blitzen in seinen Augen. Natürlich findet er das hier aufregend – fände ich ja auch, wenn ich an seiner Stelle wäre. Wenn es jemand anders wäre. Irgendwer. Aber doch nicht sie. Nicht Heather. Jack hofft, dass genau das unsere Eintrittskarte wird, und ich hatte denselben Gedanken. Doch es könnte sich auch als Hemmnis erweisen. Womöglich bin ich der letzte Mensch, den Margot sehen will. Ich könnte es ihr nicht verübeln. Ich erinnere mich noch gut an ihre letzten Worte vor all den Jahren am Telefon, ihren ätzenden, anklagenden Tonfall, die einst freundliche Stimme spröde und gepresst. Ich umklammere das Lenkrad fester, unfähig, mich zu rühren, unsicher, welche Reaktion ich zu erwarten habe.

Jack öffnet die Beifahrertür, und bevor er aussteigt, dreht er sich zu mir um. »Na dann, komm. Worauf wartest du?« Er mustert mich, sein Blick wird weicher. »Jetzt sag mir nicht, dass du nervös wirst? Dass du wirklich ein menschliches Lebewesen bist, Jessica Fox.« Ich weiß, dass er mich nur aufzieht, aber er ist der Wahrheit näher, als er ahnt. Normalerweise, wenn ich einer Aufgabe wie dieser gegenüberstehe – Angehörige von Todesopfern befragen, Promis oder in Ungnade gefallenen Politikern nachstellen –, verstecke ich mich hinter meiner journalistischen Fassade. Doch Margot kannte mich, bevor ich Journalistin wurde. Sie kennt mein wahres Ich. Es wird sein, als stünde ich nackt vor ihr. Ich werde nichts haben, wohinter ich mich verstecken könnte.

Ich nehme einen tiefen Atemzug und folge Jack. Er hat seine Kameratasche quer über die Brust gehängt, doch er sieht immer noch verdächtig nach Paparazzo aus. »Vielleicht solltest du kurz hier warten. Ich will Margot nicht verschrecken.« Ich habe sie als geradlinige, robuste Frau kennengelernt, freundlich und fürsorglich, so wie Heather, doch auf den ersten Blick könnte man sie für brüsk und sehr nüchtern halten. Ein wenig einschüchternd gar.

Jack hebt gutmütig die Schultern. »Klar, wie du meinst. Ich werde im Wagen warten.«

Ich reiche ihm die Schlüssel und schenke ihm ein dankbares Lächeln in der Hoffnung, dass Margot uns noch nicht erblickt hat.

Langsam gehe ich um das Haus herum zur Eingangstür. Es hat sich nicht viel geändert – selbst die Tür ist noch im selben Olivgrün gestrichen –, ich kann den Brunnen in einiger Entfernung sehen, die Hecken, welche die Felder und den Wohnmobilpark dahinter verbergen. Und in diesem Augenblick stelle ich mir vor, dass ich wieder vierzehn bin, nach Heather rufe. Beinahe erwarte ich, das leise Bellen von Goldie zu hören, und verspüre ein Ziehen in meinem Herzen. Sei nicht so weich, ermahne ich mich. Das ist eine Ewigkeit her.

Ich klopfe an die Tür und warte; mein Herz wummert, obwohl ich mich innerlich dafür schelte, so eine Memme zu sein. Ich brauche jetzt eine Kippe, aber ich weiß, dass das unprofessionell wäre. Oh, jetzt komm schon, Margot. Öffne die Tür. Ich weiß, dass du da bist.

Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht die Tür auf, und da steht sie – in einer regenfesten Wachsjacke und cremefarbenen Reithose, mit wütender Miene, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr einst kohlrabenschwarzes Haar ist von weißen Strähnen durchzogen, ihre Augen sind von Falten umkränzt, die Haut an ihrem Hals schlaff. Sie muss erst Ende fünfzig sein, sieht jedoch älter aus, wettergegerbter, obgleich sie immer noch eine bemerkenswerte Erscheinung ist. Groß und schlank, mit einem markanten roten Lippenstift, der um die Ränder eine Nuance dunkler ist. Ihre grünen Augen mustern mich, aber ich kann ihr ansehen, dass sie mich nicht erkennt. »Ich möchte nicht mit Ihnen reden«, fährt sie mich an. »Lassen Sie uns in Ruhe. Ich habe es bereits der anderen gesagt, und Ihnen sage ich dasselbe: Wenn Sie noch einmal herkommen, rufe ich die Polizei.«

Ich hebe meinen Blick und sehe ihr in die Augen. »Margot«, sage ich leise. »Ich bin’s. Jessica Fox. Heathers Freundin von früher.«

Und da, mit einem blitzartigen Ausdruck des Erkennens, erbleicht sie. In diesem Moment kann ich sehen, dass sie mit sich ringt, ob sie mir die Tür vor der Nase zuschlagen soll oder nicht.