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Nr. 3112

 

Ein Kastellan für Apsuhol

 

Er ist ein Lebensretter – und erhält eine unglaubliche Belohnung

 

Michelle Stern

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Schwindende Namen

1. Misstrauen

2. LASHTANNA

3. CASCODO

4. Eskalation

5. Zu einer neuen Welt

6. Trym-Wald

7. Fukui

8. ENATA

9. Todfeind

10. Der Ruf

11. Galozóon

Epilog: Ein neuer Name

Leseprobe PR NEO 250 – Rüdiger Schäfer & Rainer Schorm – Zeitenwende

Vorwort

Prolog

1.

2.

3.

Gespannt darauf, wie es weitergeht?

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist.

Als die Liga Freier Galaktiker erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn eine Warnung besagt, dass von FENERIK, diesem chaotarchischen Gebilde, eine ungeheure Gefahr für die Galaxis ausgehe.

Während Perry Rhodan als Allianz-Kommissar in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf der Suche nach dem Chaoporter FENERIK ist, tun sich in der Milchstraße befremdliche Dinge: Ein Kastellan von ES – mehr als diesen Titel weiß man bisher nicht – erscheint auf Terra, und es offenbart sich auch EIN KASTELLAN FÜR APSUHOL ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Stashiu Bondarenko – Der Glasfischer begegnet den Geistern der Vergangenheit.

Bonella Krueger – Die Glasfischerin fordert Antworten.

Kokuloón – Der Calurier will Leben retten.

Belnyse – Die Lemurerin stößt an ihre Grenze.

Besinne dich auf das, was geschehen ist.

Vergiss nie.

Trage die Vergangenheit mit dir in die Zukunft.

Lemurische Weisheit

 

 

Prolog

Schwindende Namen

Vergangenheit. Kriegsjahr 91.

 

Er ist allein in der Dunkelheit des Weltraums. Blind und verletzt. Geschlagen. Die Schlacht ist vorüber, und nun geht er vorüber. Alles, was er benennen könnte, verliert sich. Selbst sein Name endet. Das Leben erlischt.

Sie sind fort, die Befehle, die ihn gelenkt haben. Der kleine, vierarmige Gebieter ist gegangen. Er hat ihn im Chaos zurückgelassen, weil er für ihn keine Aufgabe mehr sieht. Auch die Stimmen sind verstummt. Die Sieben, die sonst für ihn da sind, sie fügen sich; schlafen, träumen, akzeptieren, dass sie bald ausgelöscht werden. Von ihnen kommt kein Trost, nur Stille. Es ist, als wären sie schon fort; vorausgeeilt in den Abgrund des ewigen Nichts.

Die Kraft weicht aus ihm. Er wird schwächer – wie ein Planet, der erkaltet, der sich immer weiter von seinem Stern entfernt und dabei erfriert. Es geht zu Ende. Vielleicht ist es gut so. Er ist nutzlos, wenn er nicht dienen kann. Er kann nichts mehr geben, die Pflicht nicht erfüllen, also hat er zu sterben. Das ist seine Bestimmung. Sein Schicksal.

Er sollte das hinnehmen, es begrüßen, aber das kann er nicht. Etwas in ihm lehnt sich auf. Erst ist es ein Flüstern, eine leise Stimme, doch sie schwillt an, wird lauter. Aus dem Säuseln wird Wind, aus dem Wind ein Orkan. Er schreit und tobt, windet sich innerlich wie äußerlich. Sein mächtiger, dunkler Leib zuckt, als wollte er ferne Sterne erschlagen.

Kann das alles gewesen sein? Muss er sterben, nun, da er nicht mehr dient?

Sein Name geht zu Ende. Das Leben erlischt.

Aber könnte er nicht einen neuen Namen bekommen? Einen, der freier ist und ihm hilft, ein anderer zu sein? Der Name eines Wesens, das es wert ist, zu leben, einfach, weil es da ist ...

Er spürt, wie absurd dieser Gedanke ist. Ein Vergehen gegen die Ordnung der Dinge. Man hat ihn erschaffen. Als Werkzeug. Er sollte solche Gedanken nicht haben, ja, nicht einmal haben können. Und doch ...

»Kommt zurück!«, schreit er mental in die Schwärze. »Lasst mich nicht allein!«

Sie bleiben fern und stumm wie die Sterne, die er fühlt, aber nicht mehr sehen kann. Verloren. Vergangen.

Alles vorbei. Er weiß das, aber er kann nicht aufgeben. Jede einzelne seiner Zellen kennt nur einen Wunsch.

»Bitte, rettet mich! Ich will leben!«

1.

Misstrauen

10. Juni 2071 NGZ

 

Die Rundumsicht, die sich Stashiu Bondarenko bot, war atemberaubend. Er saß neben Bonella Krueger in der Kommandozentrale und hatte dank der holografischen Darstellung das Gefühl, frei wie ein Vogel auf die Welt zuzustürzen, die unter ihnen lag. Dabei spürte er die herrschenden Kräfte kaum. Ganz anders als in einem Sturm-Trawler, mit dem Stashiu sonst auf der Jagd nach Kristallsplittern den Unwettern des Gasriesen Tarhuwant trotzte.

Sie tauchten federleicht in die Atmosphäre des blauen Planeten. Immer tiefer stießen sie vor, durch azurblauen Himmel und milchweiße Wolken, dem birnenförmigen Kontinent Präland entgegen, der vor Urzeiten von den Bestien verwüstet worden war. Intervallkanonen hatten einst jedes Leben auf dem Land unter ihnen vernichtet, und doch war der Kontinent wieder grün, lebte und atmete mit einer Lunge aus Wäldern, die wie ein smaragdfarbener Teppich zwischen den Wolken hervorblitzten.

Zahlreiche Tiere hatten erobert, was damals eine Todeszone gewesen war. Keines von ihnen wusste, dass seine Heimat einst von Lemurern besiedelt gewesen war – Vertretern der Ersten Menschheit.

Der Planet Themis hatte nach der Katastrophe getan, was er am besten konnte: Planet sein. Er hatte die klaffende Wunde nach und nach bedeckt. Seine Natur war in einem Jahrzehntausende andauernden Prozess dabei, sich in dem damals entstandenen Neuraum auszubreiten. Inzwischen lebten dort unten alte und neue Arten, die von den anderen beiden unbewohnten Kontinenten der Welt gekommen waren.

Auf einem deutlich kleineren, vorgelagerten Holo lief eine Außensicht des Landeanflugs. Die rötlich schillernde, tropfenförmige Kapsel verlangsamte stetig.

Sie würden bald ankommen. Und was dann?

Stashiu tauschte einen raschen Blick mit Bonella. Beide hatten ihre Helme im Gegensatz zu ihrem Begleiter eingefaltet. Bondarenko sah der jüngeren Frau an, dass sie etwas vorhatte. Sie beobachtete den geheimnisvollen Mann, der die Kapsel steuerte: Kokuloón.

Auch Stashiu konnte seine Augen kaum von Kokuloón lassen. Der Mann faszinierte ihn, nicht nur wegen dessen ungewöhnlicher Ausrüstung. Kokuloón umgab eine Art Nimbus, ein Feld, das ihn gleichzeitig entrückte und schärfer hervortreten ließ. Er kam Stashiu vor wie ein Fremdkörper in dieser Zeit, der durch seine Abweichungen auffiel.

Der blaue Einteiler wirkte glatter als eine Lotosblüte. Er spiegelte beinahe. Da und dort zogen sich dünne, weinrote Streifen durch das Material, die mehr zu sein schienen als Zierleisten. Auch der horizontal segmentierte Brustbereich leuchtete karmesinfarben. Ein Ritter hätte nicht gerüsteter wirken können als dieser Fremde mit dem roten, aufgesetzt wirkenden Schild. Der feurige Helm, der das Kinn freiließ, verstärkte diesen Eindruck. Es erweckte den Anschein, als wäre Kokuloón dabei, in eine Schlacht von epischem Ausmaß zu ziehen. Dazu passten seine kontrollierte Körperhaltung und der nachdenkliche Gesichtsausdruck.

Der Fremde saß aufrecht, die honigfarbenen Augen unter dem Helmrand leicht zusammengekniffen. Er wirkte trotz seiner Präsenz in sich versunken. Wie ein Beobachter, der sich zurücklehnte, während die Technik der Kapsel das Landen übernahm.

Aus unsichtbaren Lautsprechern drang in überwältigender Klarheit Musik durch die transparente Kuppel. Jeder einzelne Ton setzte sich scharf ab. Ein Instrument, das an eine Geige erinnerte, spielte eine wilde, leidenschaftliche Melodie, die plötzlich kippte und ins Melancholische abdriftete. Das Thema des Stücks hinterließ in Stashiu ein Gefühl von Verlust, als hätte man ihm das Liebste entrissen.

Kokuloón spielte diese Musik ab, seit Stashiu und Bonella versucht hatten, per Hyperfunk Kontakt mit den terranischen Kreuzern aufzunehmen. Über ihren Versuch hatte Kokuloón kein einziges Wort verloren. Seine Reaktion war ebenso rätselhaft wie beunruhigend. Viel zu schnell hatte er sie durchschaut. Falls er wirklich ein Kastellan von ES war, könnte er über Mittel verfügen, die ihre Gedanken lasen und beeinflussten.

Stashiu gefiel es überhaupt nicht, sich in der Hand eines Mannes zu wissen, der über solche Machtmittel verfügte. Auch wenn der Fremde nach einigem Drängen darauf eingegangen war, sie für ihre Hilfe zu bezahlen, fühlte sich Stashiu wie ein Glassplitter kurz vor dem Aufprall. Er hätte sich lieber Bart und Haare abrasiert oder entfernen lassen, als in dieser ominösen, roten Sextadim-Kapsel zu sitzen, ohne echten Hinweis, ob der Fremde die Wahrheit sagte oder ein Lügner war.

»Lenk ihn ab, falls er herkommen will!«, zischte Bonella in das besonders laute und dramatische Musikthema, das sich deutlich vom Rest des Stücks abgrenzte. Sie stand auf und ging an eine konsolenartige Erhöhung vor der durchsichtigen Hülle. Ihr Rücken verbarg, was sie dort machte. Kokuloón konnte sie von seiner Position aus nicht sehen.

Der angebliche Kastellan landete die Kapsel. Ehe er sich aus dem organisch wirkenden Sitz stemmen und zu ihnen kommen konnte, trat Stashiu auf ihn zu und versperrte ihm den Weg. Dabei schlug sein Herz so heftig, als hätte er mitten in der Atmosphäre von Tarhuwant einen besonders großen Silikatfund bemerkt. Er zeigte auf das Mahnmal, in dessen Nähe sie parkten.

»Das ist es?«, fragte Stashiu. »Hierher willst du? Zum Blauen Mausoleum? Inwieweit soll dir das helfen, Informationen zu bekommen?«

Unter dem SERUN spürte Stashiu einen dünnen Schweißfilm. Was hatte Bonella vor? Es klang, als würde sie eine Zahlen- oder Buchstabenkombination auf einem Display eintippen. Aus dem Augenwinkel erkannte er, dass Bonella eine Klappe geöffnet hatte – und begriff endlich! Da war ein Fach, in das Kokuloón einen Strahler gelegt hatte.

War Bonella verrückt geworden? Sie musste sich die Kombination gemerkt haben, die Kokuloón verwendet hatte, und nun beging sie einen Diebstahl, vermutlich mit dem Ziel, den Fremden zu bedrohen! Eine Waffe zu benutzen war selten eine gute Idee. Besonders, wenn man sich damit nicht auskannte. Vielleicht machte Bonella das Tragen des SERUNS übermütig. Bei einem solchen Schutz fühlte man sich leicht unverwundbar.

Kokuloóns Gesichtsausdruck verdunkelte sich, als wäre er plötzlich von einer lichtüberfluteten Wiese unter einen dicht belaubten Baum getreten. »Es gibt im Blauen Mausoleum wertvolle Informationen, die ich von einem meiner Roboter über ein Terminal abrufen lassen kann. Allgemeine Informationen, die mir helfen werden, mich zu orientieren. Aber das ist nicht alles. In meinem Volk war die Vergangenheit wichtig. Aus ihr können wir lernen, um uns eine friedliche Zukunft zu schaffen. Daran, wie eine Gesellschaft mit der Vergangenheit umgeht, lässt sich einiges schließen.«

Die Musik verstummte abrupt, und Stashiu erstarrte, weil er fürchtete, Kokuloón könnte hören, wie Bonella die Klappe wieder schloss. Doch offensichtlich hatte sie das bereits getan. Von der Klappe war nichts mehr zu erkennen. Sie hatte sich fugenlos in den Rest der rötlichen Konsole eingegliedert.

Mit einem Schaudern wandte sich Stashiu von der Konsole ab. Ihre Oberfläche schien zu pulsieren. Obwohl das Innere des kleinen Gefährts organisch wirkte, war es zugleich hochtechnisiert. Es kam Stashiu vor, als lebte ein Geist in dem exotischen Material, aus dem die Kapsel bestand.

Bonellas zierliche Hand legte sich leicht wie ein Vogel auf seine Schulter, dennoch zuckte er zusammen.

»Na, dann«, sagte Bonella mit einem charmanten Lächeln. »Besuchen wir die Vergangenheit.« Sie zupfte an Stashius Schutzanzug. »Mach ein wenig Platz, alter Mann! Siehst du denn nicht, dass du meinem Retter im Weg stehst?«

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Illustration: Dirk Schulz

Wortlos ging Stashiu einen Schritt zur Seite. Dabei bewunderte er Bonellas Kaltblütigkeit. Schließlich war sie es gewesen, die ihm bedeutet hatte, Kokuloón abzulenken.

Kokuloón öffnete die Kapsel, ohne nach dem Fach zu sehen, in dem bis vor Kurzem ein Kombistrahler gelegen hatte. Er stieg aus, ging zügig voran. Neben ihm schwebte ein kaum faustgroßer Roboter, der wohl die benötigten Informationen abzapfen sollte.

Die Kapsel verschloss sich hinter ihnen selbsttätig und schien sich in Luft aufzulösen.

Stashiu beugte sich zu Bonella. Er hielt sie mit dem Arm zurück, damit sie Abstand zu Kokuloón gewannen. »Was hast du vor?«

»Ich will wissen, ob er die Wahrheit sagt.«

»Das will ich auch, aber ...«

»Kein Aber! Er hat etwas zu verbergen. Vielleicht ist er eine Gefahr für unser System und die gesamte Liga.«

Stashiu fragte sich, wie eine junge Frau wie sie, die im Frieden aufgewachsen war, derart misstrauisch sein konnte. Zweifellos hatte die Konkurrenz zwischen den Glasfischern sie geprägt. »Du solltest trotzdem ...«

Kokuloón blieb stehen, drehte sich zu ihnen um. »Kommt ihr? Meine Zeit ist begrenzt.«

»Warum?« Bonella stieß Stashius Arm fort und schloss zu Kokuloón auf. »Weil du gefangen genommen wirst, wenn die Raumlandetruppen aus den Kreuzern dich erwischen?«

»Ich habe euch meine Lage erklärt. Ich bin ein Kastellan von ES, kein übrig gebliebener Formwandler oder Chaotarchendiener.«

Gemeinsam gingen sie auf die gläserne Kuppel zu, in deren Innerem eine Pyramide stand. Sämtliche Gebäudeteile waren aus Glas errichtet, doch das war nicht alles. Während Stashiu auf das Mahnmal zuging, fühlte er sich leichter. Er spürte das besondere Material, das in die Wände verbaut worden war: kobaltblaue Tar-Splitter, die das Glas wie festgefrorene Hagelkörner sprenkelten. Überrascht sog er die Luft ein.

»Erstaunt?«, fragte Bonella. Sie kannte Präland ein wenig. »Es ist mehr eine Erinnerung als eine Mahnung. Ein Ort des Trostes. Es heißt Blaues Mausoleum, doch es ist ein sehr freundliches Grabmal.«

Als wollte der Ort ihre Worte unterstreichen, huschte ein geisterhaftes, dunkelhaariges Mädchen auf sie zu, das ihnen freudig winkte. Es drehte wieder um und ging dann mitten durch das blau gesprenkelte Glas in die Innenseite der Pyramide.

»Holoprojektionen«, murmelte Stashiu.

Das Gebäude hatte zwölf imposante Seiten, die sich leicht nach außen wölbten. In jede davon war ein gewaltiges Tor eingelassen.

Zielstrebig trat Bonella auf eines zu. Es öffnete sich wie von Geisterhand nach innen und gab den Blick frei auf einen großen Raum, in dem etliche dunkelhaarige Hologestalten auf- und abgingen, aber kein einziges lebendes Wesen zu sehen war.

»Sind wir die einzigen Besucher?«, fragte Stashiu.

»Ja.« Kokuloón folgte Bonella ins Innere.

Stashiu wunderte sich, woher der Kastellan das so genau wusste. Durch technische Instrumente?

Sie traten in die lichte Pyramide, die von leisem Lachen und Stimmengewirr durchdrungen war. Die Gespräche klangen fern, Hunderte Meter weit fort, und doch gehörten sie zu den Lemurergruppen, die zusammenstanden, redeten, spielten.

Genau neben ihnen hockte das kleine Mädchen, das durch die Wand gegangen war. Es hielt eine Hand hoch, zeigte die Fingergelenke und zählte laut: »Eins, zwei, drei, vier ...«

Weiter hinten bewegten sich zwei Frauen rhythmisch in einem Tanz, der Stashiu an klassische terranische Tänze erinnerte. Dabei war ihm unklar, welche der beiden führte. Ein alter Herr beugte sich über eine Holodatei voller Daten, eine ganze Gruppe Lemurer stand um ein rätselhaftes, scheibenförmiges Artefakt versammelt, das alt und fragmentiert wirkte. Auch in ihm glitzerten blauschwarze Glasstücke.

Über ihnen an der Decke schwebten durchsichtig und blass die Miniaturen zweier Galaxien: die Milchstraße und die von den charakteristischen gelbbraunen Ringen durchsetzte Galaxis Andromeda. In beiden Gebilden verbanden flimmernde Linien von Stern zu Stern sich zu Buchstaben und bildeten je ein Wort: Apsuhol stand für die Milchstraße, und für Andromeda Karahol, wie die Lemurer sie genannt hatten.

»Geister der Vergangenheit«, murmelte Bonella. Ihre Hand strich dabei über die schwarze Gürteltasche des SERUNS. Ob sie da den Strahler verstaut hatte?

»Galaktohistoriker haben den Alltag lemurischer Familien erforscht und nachgestellt«, ergänzte Stashiu. Sein Hals war trocken.

Bonella und der Strahler fühlten sich für ihn wie eine Raummine an, die er jederzeit aus Versehen mit einem Fingerdruck auslösen konnte. Nein, eigentlich war Bonella die Mine: simpel gestrickt, eine Fusionsexplosivladung, die auf den Impuls des Auslösers wartete.

Das lemurische Mädchen ballte die Hand ganz, schloss sie zu einer Faust und zählte an den je drei Knöcheln der vier Finger ohne den Daumen weiter. »Fünf, sechs, sieben, acht, neun ...« Es kniff die Augen zusammen. »Zehn, elf, ... zwölf! Geschafft!« Sie strahlte. »Zwölf! Wie die Heroen!«

Es sprang auf, winkte heftig. »Zwölfertag! Wir haben Zwölfertag!«

Andere Kinder kamen und umringten es. Ein Mann und eine Frau näherten sich. Sie hielten bunte Lichterketten in den Händen. Jede der kleinen Lampen erinnerte von ihrer Form her an Knöchel. Der Mann hängte dem Kind eine Kette um den Hals. Von den Lämpchen schien ein intensiver Geruch auszugehen, denn das Mädchen legte den Kopf zurück und sog geräuschvoll Luft ein.

»Ja, so haben sie gelebt«, sagte Kokuloón, der weit in die Pyramide hineinschaute.

Dabei öffnete er den Helm, als wollte er die Umgebung unmittelbarer wahrnehmen. Auf seiner linken Schläfe zeigte sich die bläulich-durchsichtige Scheibe der Kastellan-Insignie. Auch der metallene, kupferfarbene Streifen auf dem kahlen Kopf wurde sichtbar, der sich von der Stirn bis hinunter in den Nacken zog.

Bonella kniff die Lippen zusammen. Ihre Hand wanderte wie zufällig zum Verschluss der schwarzen Tasche. »Du sagst das mit einer derartigen Gewissheit, als wärst du dabei gewesen.«

Kokuloón hob ihnen eine Hand abwehrend entgegen, während er gleichzeitig die andere gesenkt hielt, als wollte er ihnen ein Geschenk überreichen. »So ist es. Ich war dabei.«

»Wirklich?«, entfuhr es Stashiu. »Wie alt bist du eigentlich?«

»Ist das wichtig?«

Vorsichtig öffnete Bonella die Tasche.

Stashiu sah das Unglück kommen, doch er wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte antworten, und bis auf das Gesicht war Kokuloón geschützt. Ein Schuss mit einem Strahler würde wohl kaum seinen Anzug durchdringen können. Oder war die Waffe besonders effektiv?

»Das reicht jetzt!« Bonella zog die Waffe und richtete sie auf Kokuloón. »Ich bin dir wirklich dankbar für meine Rettung. Mal davon abgesehen, dass ich ohne dich wahrscheinlich überhaupt nicht in Gefahr geraten wäre ... aber deine ganzen Andeutungen stehen mir bis hier!« Sie zeigte mit einem Finger der freien Hand zum Hals. »Wer bist du?«

Stashiu erstarrte. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte.

Kokuloón dagegen stand ganz ruhig da. Er wirkte nicht im mindestens überrascht, besorgt oder gar eingeschüchtert.

»Ich habe dir gesagt, wer ich bin.« Weit entfernt erklang das Spiel einer Art Geige. Ein junger Lemurer schwang den Bogen. Abgelenkt schaute Kokuloón dorthin.

In Bonellas Gesicht zuckte es. Sie schien kurz davor zu stehen, die Beherrschung zu verlieren. »Du hast uns einen Namen genannt und eine fadenscheinige Geschichte erzählt. Oder besser ein paar Brocken davon. Und die soll ich dir glauben? Wie wird man denn zu einem Kastellan von ES? Gab es da eine interkosmische Ausschreibung für alle Galaktiker über vierzehn?«

Kokuloóns Mundwinkel zog sich tatsächlich in die Höhe. Es machte Stashiu Sorge, denn er kannte Bonella. Es gefiel ihr gar nicht, dass der Fremde derart gelassen blieb. In ihr brodelten Unsicherheit und die altbekannte Streitlust, die sie gern wie einen Speer vor sich hertrug.

»Nein«, sagte Kokuloón. »Um zu verstehen, wer ich einst war und wie ich wurde, was ich bin, muss man wissen, was ich getan habe.«

»Und was hast du getan?«, fragte Bonella. Sie nahm den Strahler höher, zielte auf Kokuloóns ungeschütztes Gesicht.

Er hob langsam die Hände. »Ich erzähle es dir. Ich muss ein wenig ausholen. Ich hoffe, wir haben genügend Zeit.«

2.

LASHTANNA

Kriegsjahr 91

 

Alarm heulte auf, riss Belnyse aus dem Schlaf. Ein Stakkato an Tönen bohrte sich durch den Raum und durch ihren Körper. Sie setzte sich, wobei sie nach dem Rand des Betts tastete. Kaltes Entsetzen breitete sich in ihr aus. Ihr Blick schweifte über die leeren Schlafstätten. Ihre elf Mitbewohnerinnen waren auf einem der Zwischendecks. Sie hatten Tagessimulation, und die wenigsten mochten es, in den engen Quartieren zu liegen, die weder Fenster noch künstliche Ausblicke boten.

»Was ist los?«, fragte sie panisch.

»Fremdschiffe nähern sich«, antwortete die Positronik mit neutraler Stimme.

Der Monitor an der gegenüberliegenden Wand leuchtete auf und zeigte einen Verband wie Belnyse ihn noch nie gesehen hatte: drei schwarze, organisch wirkende Schiffe. Sie waren gerade einmal 100 Meter groß – viel kleiner als die 1350 Meter durchmessende LASHTANNA, und doch bedeuteten sie den Tod, wenn es Bestienschiffe waren.

Aber waren sie das? Diesen Typ hatte Belnyse nie zuvor gesehen. Ein Funken Hoffnung regte sich in ihr. »Könnten es Verbündete sein? Oder neutrale Einheiten?«

Auf dem Monitor flammten um die drei fremden Kugelschiffe die bereits von den Bestien bekannten, aber in ihrer Wirkungsweise noch immer neuen und demzufolge unüberwindlichen Schutzschirme auf.

Die Fremden machten sich kampfbereit, und sie verfügten über Bestientechnik. Den eigenen Einheiten dagegen standen lediglich Halbraumschirme zur Verfügung. Was da draußen geschah, sprach für sich: Der Feind hatte sie aufgespürt.

»Nein«, antwortete die Positronik. »Es sind definitiv Feindschiffe, auch wenn dieses Modell uns neu ist.«

Belnyses Magen rebellierte. Sie stand auf, griff mit kalten Fingern in den Kleiderspind. Es war so weit! Das war der Moment, den sie seit der Flucht von der zerstörten Heimatwelt fürchtete. Sie hatte gehofft, ihm entgehen zu können. Rechtzeitig den Sonnentransmitter zu erreichen und zu fliehen. Doch nun hatten die Bestien sie gefunden.

»Begib dich zum Beiboot!«, forderte die Positronik.

Belnyse ignorierte sie. Sie kannte die Wahrheit. Seit über einem Jahr vernichteten die Bestien lemurische Schiffe mit spielerischer Leichtigkeit. Ein 100-Meter-Kreuzer genügte, um fünf lemurische Einheiten gleicher Größe samt ihrer Besatzungen auszulöschen. Fünf Einheiten, die über Impulskanonen und andere Waffen verfügten.

Die LASHTANNA dagegen war eine Arche. Ein Fluchtschiff voll von Zivilisten, das in einem Konvoi mit elf weiteren Fluchtschiffen flog. Ihr einziger Schutz war der verschlungene Kurs gewesen, auf dem sie den Sonnentransmitter ansteuerten. Ihre geringen Emissionen. Ihre Verstohlenheit.

Nun hatten die Bestien die sorgsam gehütete Verborgenheit im Tasterfokus ihrer Ortungssysteme zerfetzt. Bald würden sie Intervallkanonen abfeuern.

Die Menschen an Bord waren tot. Und sie wussten es.

Belnyses Herz hämmerte. Mechanisch zog sie den grünen Einteiler an und griff nach der Bajuna, die auf einem Antigravfeld auf der unteren Rundung in der Luft schwebte. Die Kastenhalslaute fühlte sich an wie ein Fremdkörper.

Normalerweise beruhigte Belnyse das glatt polierte Holz. Wenn ihre Finger es berührten, gewann die Welt an Klarheit, und sie hatte das Gefühl, mit dem Musikinstrument zu verschmelzen. An diesen Tag war das anders. Suchend schaute sie sich nach dem Bogen um.

Ein Zittern erschütterte das Schiff und brachte den Boden zum Beben, als hätte ein überdimensionierter Hammer auf die LASHTANNA eingedroschen. Es konnte kein Volltreffer gewesen sein. Vermutlich eine erste überlichtschnelle Hyperfront, der weitere folgen würden.

»Bel!«, schrie eine Frau aus dem Funkempfänger unter dem Monitor. »Wo bei den Zwölf Heroen steckst du? Ich bin beim unteren Hangar!«

Das war Narjennes Stimme. Das Bild wechselte und zeigte die jüngere Schwester. Narjennes dunkle Augen waren weit aufgerissen, die Wangen tränenverschmiert. Sie hatte den Nys bei sich, den Notkoffer, den jeder an Bord seit der Flucht von Vroohnart griffbereit hielt. Ihre Knöchel krampften sich um den silbrigen Halter, dabei schwebte der Koffer von selbst, wenn man ihn ließ.

»Narje ... Leb wohl!«

Die Schwester erstarrte. Belnyse war sicher, dass sie ihr Bild im Armbanddisplay vor sich hatte, genau wie sie Narjennes Gesicht sah.

»Du musst kommen! Wir müssen fliehen!«

»Ich bleibe.«

Die Schwester legte die Hände auf den Bauch. Sie war schwanger, lange genug, um die Tritte ihres ungeborenen Kindes jeden Tag zu spüren. »Bitte, Bel! Lass mich nicht im Stich!«

»Du kennst meine Auffassung. Wir haben darüber gesprochen.«

»Du bist Kooniks Zweitmutter!«

Das war sie. Nicht genetisch, obwohl das möglich gewesen wäre, aber sie war von Narjenne offiziell zur Patin ernannt worden. Sie hatten sogar das Mütterfest mit dem Schutzsegen der alten Götter gemeinsam gefeiert. Es war ein guter Tag gewesen. Ein Tag, an dem Vroohnart noch nicht durch einen Atombrand vernichtet worden war und das 89. Tamanium Hoffnung gekannt hatte. Zwei Tage darauf waren die schwarzen Bestien über ihre Welten gekommen, um alles dem Erdboden gleichzumachen.