Marieta Häfner

Die Heilung des zerstörten Kindes

Befreiung aus der Macht der Verdrängung

Books on Demand

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© 2011 Marieta Häfner

Satz, Umschlaggestaltung, Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH,

Norderstedt

ISBN 978-3-7322-1546-1

Inhalt

Danksagung

Während erholsamer und beschaulicher Herbsttage im Voralpenland, herausgezogen aus der Betriebsamkeit und Normalität des alltäglichen Lebens, wurde die Idee zu vorliegendem Buch geboren. Tatsache war, dass ich seit Jahren das Vorhaben in mir trug, aus authentischen Erfahrungen, gewachsenen Erkenntnissen, durchlebten Veränderungen eigener Lebenssituationen und therapeutischem Praktizieren einen Roman zu schaffen, der letztlich als eine Art Wegweiser für Betroffene das Licht der Welt erblicken sollte. Die Umsetzung dessen, was schon seit langem in mir gebrodelt und immer mehr nach Ausführung verlangt hatte, wurde an diesem Herbstabend in der gemütlichen Nachstimmung eines Abendessens in unserer Stammpension konkreter.

Wie schon so oft waren Sohn und Schwiegertochter aufmerksame und interessierte Zuhörer beim Offenlegen und Berichten über meine Lebenseindrücke, Bewältigungsstrategien und mein berufliches Engagement gewesen. Dann gab der Ausspruch meines Sohnes den noch letzten nötigen Schubs nach vorn: »Mama, weshalb schreibst du nicht ein Buch darüber?«

Und spontan schloss sich meine Schwiegertochter der Begeisterung an – dann war ein vorläufiger Arbeitstitel für das Buch innerhalb einer Minute geboren.

Die Idee stand im Raum – sollte nicht mehr weichen. Doch es vergingen wiederum viele Monate. Ich brauchte wieder einmal eine ganz besondere Situation, um die Klarheit und die Motivation zu erfahren, dieses Projekt beginnen und lieben zu können.

Lieber Sohn, liebe Schwiegertochter, ich danke euch beiden für euren damaligen und Ausschlag gebenden Zuspruch. Ich danke euch für euer Mitgefühl und eure Begeisterung während der Entstehung des Werkes, für eure Beratung und Hilfestellung in rhetorischer Hinsicht.

Du, mein Sohn wurdest auf Grund deiner großen sprachlichen Begabung und beruflicher Fähigkeit dann noch zu meinem nicht zu übertreffenden und wunderbaren Lektor.

Du, meine Tochter, zeigtest mir deinen Stolz, ermutigtest mich immer wieder erneut zum Weitermachen und schenktest mir Kraft und Ausdauer durch gemeinsames »Auftanken« ganz besonderer Art!

Dir, lieber Schwiegersohn, der du mich geduldig in die Welt vorher nie wahrgenommener Technologien eingewiesen und trotz oftmaliger Pleiten und Pannen nie die Nerven verloren hast, bin ich zu großem Dank verpflichtet.

Und zu guter Letzt möchte ich dich, meinen geliebten Partner, erwähnen. Durch deine Bewunderung für die Sache während des Entstehungsprozesses, durch dein Lob und deine beständige Liebe gabst du mir Motivation zum Schreiben sowie Kraft, Inspiration und Ausdauer. Danke für deine Unterstützung!

Danke, euch allen! …

Vorwort

»Man verlangte von dir, das Geheimnis eines Erwachsenen zu hüten und Angelegenheiten der Erwachsenen zu begreifen. Du bist deiner Kindheit beraubt worden. Du mußt erst über den Verlust hinwegkommen, bevor es dir besser gehen kann.«

Donna L. Friess

Einführung

Die Begleitung und therapeutische Hilfestellung für einen in besonderer Hinsicht betroffenen Personenkreis soll in meinem Buch als mein persönliches Anliegen deutlich zum Vorschein kommen. Ausschlaggebend wurde die Konfrontation mit der Thematik der psychovegetativen und psychosomatischen Krankheitsbilder. Nach Beratung der mit gerade dieser Symptomatik belasteten Menschen und durch meine eigene persönliche Lebens-Erfahrung und berufsbedingte Weiterentwicklung wollte ich mich mehr in die Hintergründe und letztlich in die Ursachen solch nervös-seelischer Syndrome vertiefen. Die vielen individuellen Schicksale, die mir im Laufe der Zeit begegneten, ließen mich im Endergebnis die klare Feststellung machen: Am Anfang stand das Kind!

Mit der Missachtung, der Misshandlung oder dem Missbrauch der kindlichen Seele schien das Leben des jeweiligen Menschen vorprogrammiert. Durch Verdrängung der nicht ins Bewusstsein zugelassenen vergangenen Ereignisse wurde ein spezielles Lebensmuster entwickelt, um dem Schmerz, der bei eventueller Aufdeckung der Wahrheit entstehen konnte, zu entkommen. Verhaltensweisen und Empfindungen resultierten später aus einem »anerzogenen« Muster. Die Taktik zum Überleben schien somit gesichert. Man schuf sich sein Eigenbild und das Bild der Wirkung auf die Umwelt. Aus dieser über Jahre hinweg entwickelten Persönlichkeitsstruktur, die mehr oder weniger den Verdrängungsprozess in Schach hielt, gelang es, das Erwachsenendasein zu bestehen und sich glauben zu machen, die Kindheit endgültig abgeschlossen oder »besiegt« zu haben.

Mit dem Aufbau und der Bewältigung eines eigenen Lebens und der dazugehörigen üblichen Herausforderungen versuchte dann auf einmal plötzlich, oder aber auch schleichend, die bis dahin so gut kaschierte oder versteckte Persönlichkeit des damaligen verletzten Kindes an die Oberfläche zu gelangen. Lebensuntüchtigkeit oder Lebensunfähigkeit zeigten sich beim Angehen oder Durchleben schwieriger Lebenssituationen. Als seelische Hilferufe traten Verhaltensstörungen, Nervosität, Depressionen, krankhafte Zwänge, Ängste oder Panikattacken zutage, stets begleitet durch Gefühle von Unsicherheit, Wertlosigkeit, mangelndem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Die körperlichen Signale äußerten sich in mannigfacher Ausprägung. Zahlreiche Krankheitsbilder – fast immer medizinisch abgeklärt – , bei denen sich Körper, Organe und Organsysteme mit Störungen und Schmerzen im Verlangen nach Beachtung meldeten, lieferten den Beweis von Verletzungen einer – meist kindlichen – Seele.

Das Aufgreifen eines meiner Meinung nach bis heute »stiefkindlich« behandelten Themas lag mir besonders am Herzen. Priorität gewann dies absolut durch mein eigenes Schicksal und durch all die Hilfe suchenden Frauen, die – wie ich heute fühle – intuitiv für ihr Anliegen den richtigen Gesprächspartner gefunden zu haben glaubten. Es ging um die Misshandlung und den Missbrauch durch die eigenen Eltern, durch die Verwandtschaft , durch Personen aus dem Bekanntenkreis. – Und in fast allen Fällen war ich die Person, der man ein lebenslang gehütetes Geheimnis zum ersten Male offenbarte und anvertraute. Als durchaus typisch für den in dieser Hinsicht belasteten Personenkreis, hatten sich bei den Betroffenen im Laufe der Zeit körperliche Beschwerden eingeschlichen und sogar teilweise manifestiert. Sie wurden abgelöst durch psychische Beeinträchtigungen, die daraufhin wieder körperliche Schwächung nach sich zogen. Das Kind der Vergangenheit ließ sich nicht mehr beiseite schieben und nicht mehr totschweigen. Es brachte den erwachsenen Menschen mit seinem »geheimen Wissen« an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Ich zitiere hier gerne einen Auszug aus Alice Millers Buch »Bilder einer Kindheit« (1985):

»Erst als mir die realen Gründe meiner Kindheitsängste und Schmerzen in vollem Umfang klar wurden, begriff ich, was erwachsene Menschen ihr Leben lang von sich fernhalten müssen und weshalb sie, statt sich mit ihrer Wahrheit zu konfrontieren, zum Beispiel lieber eine gigantische atomare Selbstzerstörung organisieren, ohne deren Absurdität überhaupt wahrzunehmen …«

Mit der Bürde der Vergangenheitsgeschehnisse belastet, gerieten die meisten in die Isolation, fühlten sich »anders« und im »Abseits« – allein. Mein Anliegen war es und meine Aufgabe bestand darin, diesen Menschen zur Offenlegung der Wahrheit zu verhelfen und die Klärung der verschütteten Ereignisse anzustreben. Das Gegenteil hierzu wäre gewesen, seelische und körperliche Qualen auf Grund ständiger Verdrängung ein Leben lang hinzunehmen. Mir oblag es, die Kraft für die Bemühung bereitzustellen und zu vermitteln, einen neuen Weg für die Zukunft zu suchen und zu schaffen. Das bedeutete, der Vergangenheit die Macht abzusprechen, erwachsen reagieren zu lernen und nicht, wie das damalige Kind, im Elend zu verharren. Durch die Vergangenheit geschwächt und durch die Gegenwart verunsichert, schien es für die Betroffenen stets schwer, ihre Wahrheit als die einzige Wahrheit zu akzeptieren. Für ihre Umwelt hatten sie bislang eine willkommene Angriffsfläche dargestellt, der man eine andere »Wahrheit« aufzudrängen vermochte. Mitfühlend konnte ich ihre Ängste und Zweifel nachvollziehen, wollte sie unterstützen, wenn sie mit dem Mut der Verzweiflung um Anerkennung ihrer Person und um Einsicht der Schuld bei den Verursachern rangen. – Indem ich mein Leben sozusagen als »Einzelkämpfer« für die Gerechtigkeit verbracht habe und mein persönliches Wachstum unaufhaltsam fortschritt, gelang das »Loslassen« einer zerstörten Kindheit und folglich der Zerfall jeglicher Machtausübung durch die Verursacher.

Solange der Mensch sich im Banne der aufgedrückten Fremdbestimmung und Fremdherrschaft befindet, gibt es keine Befreiung aus den Fesseln des aufdiktierten Schweigens und Verhaltens. Der Wille und das Vertrauen in die eigene Kraft, einen neuen, eigenen Weg zu beschreiten, gelten als Voraussetzung zur Änderung eines gewohnten Lebensschemas und stehen am Anfang des Neubeginns.

»Es gibt keine größere Kraft als Meine Kraft,

und sie steht dir jederzeit zur Verfügung,

wenn du dich entschließt, daraus zu schöpfen.

Ich verweigere sie niemandem,

der bereit ist,

der nach ihr verlangt

und sie in der rechten Weise nutzt.

Sie ist dein,

wenn du bereit bist.«

Eileen Caddy

Da ist es wieder, das spontane Wissen – da sind die Sensoren, da ist die Intuition.

Die Therapeutin fühlt das Nichtwahrhaben-Wollen, Verdrängen-Wollen, Decken-Wollen, Schützen-Wollen, das Schamgefühl dieser Patientin, deren Körper und Seele nach Befreiung rufen, gebeutelt und strapaziert. Wieder einmal bestimmen Herausforderung, Mitgefühl und Vertrauen in die eigene Fähigkeit den Willen, diesem Menschen, der unter Tränen, seelischer Qual und Gestammel die traurige, unfassbare Wahrheit ans Licht bringt, helfen zu wollen und einen lebenswerten Weg ins Leben zu weisen.

ES WIRD NICHT BEGRABEN SEIN …

Mit widerstrebenden und zwiespältigen Gefühlen hielt die Frau das plötzlich aufgetauchte Foto ihres ersten Schultages in der Hand. Sie kniete vor dem untersten Fach ihres Wohnzimmerschranks und vertiefte sich dann in den Anblick des kleinen Mädchens. Alles in ihr sträubte sich, dieses Kind anzuschauen, es wirkte auf sie unangenehm und störend. Trotzdem würde sie nicht umhin kommen, sich mit ihm zu befassen – sie fühlte sich einem gewaltigen Zwang unterworfen …

Man hatte dem Mädchen für diesen ersten Tag zu Beginn des 1. Schuljahres ein braun-gelb kariertes Kleidchen in Waffeloptik angezogen. Das weiße Rüschenschürzchen darüber entsprach dem Stil der Zeit. Die weiße Schleife im kurz geschnittenen braunen Haar sollte feierlich wirken über dem runden Gesichtchen mit den großen, rehbraunen Augen. Das Gesichtchen lächelte – die Augen schauten traurig. Sie passten nicht zu einer Sechsjährigen. Diese Augen spiegelten ängstliche Unsicherheit wieder, als hätten sie die Welt beängstigend wahrgenommen in diesem kindlichen Leben.

In der Schule benahm sich das Kind zurückhaltend, scheute sich aufzuzeigen, weil es seiner nicht sicher war und Angst hatte, vor anderen zu sprechen. Der Preis, sich dennoch überwunden zu haben, bestand aus dem prompt einsetzenden Herzrasen, das die Situation begleitete. Die Angst begleitete es wie sein zweites Ich, es konnte sich nicht erinnern, jemals ohne Angst gewesen zu sein. Es existierte mehr, als dass es lebte. Es war kein geliebtes Kind; lediglich die Großeltern wussten es zu schätzen – doch die waren ja nur ab und zu da. Das kleine Haus, in dem es aufwuchs, stand einsam und außerhalb der Stadt, Menschen wohnten weit entfernt.

Der Weg zur Schule betrug mehrere Kilometer, die es täglich einmal hin und zurück zurücklegen musste. Weite Strecken zu gehen war es gewohnt – wenn nur die unheimliche Stille nicht gewesen wäre, die seine Angst noch zusätzlich begleitete. Der Weg führte an Baum- und Buschwerk vorbei, an einem Wäldchen, an dessen Lichtung regelmäßig Zigeuner ihre Bleibe errichteten und vor denen man es gewarnt hatte: »Pass auf, wenn du nicht parierst, holen dich die Zigeuner!«

Man schickte es abends auf den Weg in die entfernte Gastwirtschaft, um einen Krug Bier zu holen, für den Vater. Und wieder machte es sich auf die beängstigende Tour, vorbei an den fremden Leuten. Dorthin konnte es laufen – aber zurück ging das nicht. Das Bier wäre verschüttet worden, und das durfte nicht geschehen! Das Getränk musste unversehrt und mit vorhandener Schaumkrone zu Hause abgeliefert werden. Die kleinen Hände verkrampften sich um den Krug, das Herz drohte zu zerspringen. Dann war es daheim angekommen. Wieder einmal war es geschafft!

Es versuchte, gehorsam zu sein, alles zu tun, was ihm abverlangt wurde, nicht auch noch den letzten Rest von Zuneigung zu verlieren. Die Angst musste man überspielen und lächeln, auch wenn einem zum Weinen zumute war. Nachmittags schickte man es ins Bett zum Mittagsschlaf, während die Mutter in die Stadt zum Einkaufen ging. Manchmal gelang das Schlafen, meistens nicht. Das Kind musste ja auf der Hut sein – musste aufpassen! War es doch noch nicht lange her, dass es wach geworden war, als ein fremder Mann mit einem Schürhaken in der Tür zum Schlafzimmer stand. Er fragte: »Wo ist deine Mutter?« Das Kind: »Sie ist in der Stadt, einkaufen!« Er schaute sich im Zimmer um und verließ es dann. Kind, blanke Angst und Herzrasen blieben zurück. Als die Mutter heimkam, betrauerte sie das gestohlene Silber und den Schmuck. Das Kind lebte, wurde nicht registriert.

Des Kindes Unterbewusstsein speicherte: Schmuck ist wertvoll – ich nicht! Das Mädchen lebte in seiner eigenen Welt, war isoliert und introvertiert. Der einzige Kontakt zu Kindern nahm ein brutales Ende …

Auf der gegenüberliegenden Seite des großen Platzes, den man überqueren musste, um die nächsten Häuser zu erreichen, spielten manchmal Kinder. Einmal hatte das Kind gebettelt, doch einmal dorthin gehen zu dürfen, um mitzuspielen. Es wurde ihm erlaubt. Es war wunderbar, und die Zeit verging im Fluge. Dann lief es nach Hause, darauf hoffend, dass es die vereinbarte Zeit des Ausgangs eingehalten hatte. Doch die Küchenuhr zeigte zehn Minuten Verspätung. Die Eltern bauten sich vor ihm auf, tadelten, redeten auf es ein wegen seines Ungehorsams, und der Vater fragte: »Wo warst du?« Das Mädchen: »Bei den Kindern – aber ich wusste nicht, wie spät es schon war!« Der Vater: »Dir werde ich es zeigen!« Das Kind sah noch sein wutverzerrtes Gesicht, wie er sich langsam, wie genüsslich, den braunen Lederriemen aus dem Hosenbund zog, ihn faltete, so dass die Metallschnalle ans untere Ende kam. Er befahl dem Kind, sich über sein Knie zu legen. Dann zog er ihm das rosa Unterhöschen herunter – die Mutter stand und schaute zu. Er holte aus. Riemen und Schnalle sausten durch die Luft, peitschten immer und immer wieder auf das nackte Gesäß , auf den Rücken und die Arme des Kindes. Der Schmerz tobte, das Kind fühlte, wie sich ganz von selbst seine Blase entleerte. Warm fühlte es das Wasser seine Beine herunterlaufen. Dann ließ der Mann es los, und schamerfüllt und gedemütigt fiel es in die Urinpfütze. Man schickte es ins Bett und schaute auf feuerrote Striemen, die sich in den nächsten Tagen blau und grün färbten. Der kleine Körper brannte, das Leben war eine Qual. Man brachte Puder zum Kühlen, schickte eine Krankmeldung in die Schule und die Großeltern kamen zu Besuch. Sie reagierten fassungslos, drohten dem Vater und gingen wieder! …

Wenn die Mutter zum Einkaufen ging, versteckte es sich meistens hinter den Möbeln oder unter der Fensterbank, um nicht gesehen zu werden, falls jemand zum Fenster hereingeschaut hätte.

Freude fand es in der Natur, sie war seine Freundin. Es hatte Augen für das Grünen und Blühen im Frühling, für die strahlende Sonne am Sommerhimmel und für das Blätterwehen im Herbstwind. Und da war da noch Lotti, der schwarzweiße Hund, der wenige Meter vom Haus entfernt sein Dasein fristete. Lotti durfte nie frei laufen, nie spazieren gehen, musste an der Kette liegen – Tag und Nacht. Das Haus hatte er niemals von innen gesehen. Seine Existenz diente nur dem Bewachen des Hauses, ansonsten besaß er keinerlei Rechte. Sein Leben verlief armselig, daher fühlte das Kind sich ihm verbunden. Gnadenlos erhielt der Hund Fußtritte und Prügel, wenn der Jähzorn das Familienoberhaupt einholte. Das Kind und der Hund hielten sich oft aneinander fest, fanden Trost in gegenseitiger Berührung. Nicht für eine lange Zeit – Lotti starb eines Tages, und das Mädchen erfuhr nie, aus welchem Grund. Seine Trauer durfte es nicht zeigen. Die Eltern schimpften es »abartig«, um einen Hund eine Träne zu vergießen! …

Das Kind entdeckte die Welt der Bücher. Seine Schullesebücher genügten ihm nicht mehr. Im häuslichen Bücherregal fand es Frauenromane und las sie heimlich. Dabei schlüpfte es in die Hauptfigur des Romans, wenn diese seinen Vorstellungen gemäß dargestellt wurde. In der Welt der Romane schien das Leben leicht und unbeschwert, man liebte und wurde geliebt. Die Phantasie des Mädchens kannte keine Grenzen, schuf Identität mit einer anderen Person – makellos schön und stark. Im Elternhaus hänselte man es wegen seiner runden Bäckchen. Mutter gab oft den Kommentar von sich: »Dicke Backen – zwei Baracken!« Die vollen, ausdrucksstarken Lippen der Kleinen wurden ein weiteres Objekt des Spottes. Sie fühlte sich wertlos, ängstigte sich auf dem Schulweg vor Männern, die ihm begegneten oder Polizisten, die – wie ihm immer gedroht wurde – »ungehorsame Kinder mitnehmen«.

Ein neues Mädchen kam in die Klasse. Es wohnte in einem Holzhäuschen, an dem der Schulweg vorbei führte. Die Kinder gingen nun meist zusammen zur Schule und verstanden sich gut. Das Kind bewunderte die Mutter des Mädchens, die liebevoll und sympathisch immer ein nettes Wort für sie beide fand. Wenn der Unterricht früh zu Ende war, durfte das Kind noch ein wenig bei seiner neuen Mitschülerin zum Spielen bleiben. Und es genoss die gemütliche Atmosphäre in diesem Häuschen zwischen lieben Menschen. Es gab dort Bilderbücher, Spielzeug und ein »gutes Butterbrot«. Zu Hause war man jetzt hauptsächlich mit der neuen Schwester beschäftigt, die vor einiger Zeit geboren worden war. Liebevoll wurde sie »Fritzchen« genannt – und sie erhielt die beste Ausgangsposition für ein unbeschwertes Leben; vereinigte sie doch im Laufe der Zeit alle Sympathien der Erwachsenen auf sich, mit ihrem spitzen Gesichtchen, ihrem zarten Körperbau und den hellblonden Locken.

Die Familie zog um auf die gegenüberliegende Seite des großen Platzes, wo mittlerweile einige kleine, bescheidene Häuser entstanden waren. Die Eltern besaßen das komfortabelste Haus – die Großeltern hatten es ihnen überlassen, nachdem sie in die Innenstadt gezogen waren, wo sie ein Geschäftshaus besaßen. Das Kind bekam ein eigenes Zimmer. Wieder hatte es Angst – nachts kratzten die Mäuse unter dem Holzfußboden, da das Haus nur teilweise unterkellert war. Die Angst, die Dunkelheit und das Kratzen ließen es nicht zur Ruhe und in den Schlaf kommen. Wirre Träume begleiteten den schläfrigen Dämmerzustand, der eines Morgens bei Tagesanbruch jäh endete, um von dem großen Entsetzen abgelöst zu werden, das sich ab diesem Tag wie eine schwarze Wolke über eine Kindheit und Jugend legte …

Das Kind erwachte vom lauten Wortwechsel aus dem Elternschlafzimmer, der schließlich zum Streit anschwoll und mit einem lauten Türknallen endete. – Die Türe zum Kinderzimmer öffnete sich und das Ungeheuer in Gestalt des Vaters trat ein und verriegelte die Tür von innen. Das Kind lag wie meist zusammengekrümmt auf der rechten Körperseite, blieb auch verängstigt so, als der Mann ins Bett stieg, sich hinter es legte, es mit der linken Hand festhielt, ihm mit der anderen Hand das Nachthemdchen hochzog und ihm dann etwas Hartes, Kaltes, Unangenehmes zwischen die Schenkel schob, sich stöhnend hin- und herbewegte und plötzlich abrupt aufhörte, aufstand und mit der Drohung: »Davon sagst du niemandem etwas!« den Raum verließ und im Badezimmer verschwand.

Das Kind hatte es geschehen lassen. Wie stets, wenn dieser Mann in der Nähe war, wurde es stumm wie ein Fisch – die Angst überlagerte jegliches Reaktionsvermögen. Es hatte stocksteif dieses Ereignis erduldet, wusste es nicht zu deuten, fühlte nur seinen eigenen rasenden Herzschlag. Jetzt lag es da, verwirrt und erbärmlich und fühlte nur, dass hier etwas Schlimmes, Unheimliches geschehen war. Es ahnte, dass man dem kleinen Körper etwas angetan hatte, über das man nicht sprechen durfte, das man als Geheimnis in sich tragen musste. Es war das Gefühl dieses harten, fordernden Gegenstandes zwischen den Beinen, der Ekel, Widerwille, Übelkeit hervorrief. Instinktiv hatte es seine Schenkel fest zusammengepresst, sich unbewusst geschützt vor dem Ungeheuer. Der alleinige Kontakt mit der nackten Haut am Intimbereich des Kindes hatte dem Täter seine abartige Lust gestillt und ihm die Befriedigung gebracht. – Die Mutter indessen hatte es vorgezogen, im ehelichen Schlafzimmer zu verbleiben, hatte es nicht für nötig befunden, ihrem Ehemann hinterher zu gehen. Sie ruhte weiter in ihrem Bett, während nebenan ihr Kind geschändet wurde …

Ein Schulwechsel stand bevor. Man war sich einig, dass für das Kind kein Gymnasium in Frage kam. Die Eltern meinten, das würde sich nicht lohnen! Trotz Überzeugungsarbeit der Großeltern, die ihre Enkelin gern auf einer Höheren Schule gesehen hätten, blieben sie hart und ließen sich nicht überreden. Oder aber sie stellten die Bedingung, dass das Kind unterschreiben sollte, niemals zu heiraten, weil dann das Geld zum Fenster hinausgeworfen wäre! Das verstand das Kind nicht, fügte sich wie gewohnt in die elterlichen Wünsche. Es wurde für eine Schule, die nur bis zur Mittleren Reife führte, angemeldet.

Eine Aufnahmeprüfung stand bevor. Das Mädchen hatte Angst davor. Es fürchtete sich vor dem gewohnten Herzrasen, vor dem Sich-Beweisen-Müssen, zu sprechen, sich nicht konzentrieren zu können. – Und dann musste es während der Prüfung einen Aufsatz schreiben – jetzt befand es sich wieder in seiner eigenen Welt, die Welt, die es sich heranholen, in der es leben konnte und die es beschreiben wollte. Mit einem wundervoll gelungenen Aufsatz bestand es daraufhin die gesamte Prüfung. Der Abschied von vier Volksschuljahren fiel nicht schwer. Das dort unterrichtende, dominante ältere Fräulein mochte mehr die forschen und redseligen Mädchen, und da konnte das Kind überhaupt nicht mithalten. Den Schwächeren hatte die Lehrerin manchmal mit den Fingerkuppen auf den Schädel getrommelt und gebrüllt. Besonders betroffen war das von einer überstandenen Kinderlähmung gezeichnete Mädchen S. Wildes Mitgefühl brannte im Kind bei jedem Angriff auf die Mitschülerin. Wie gut kannte es doch selbst Leid und Schmerz und seelische Grausamkeiten. Dem Kind selber war die Lehrerin wohl gesonnen, war diese doch einst, vor vielen Jahren, mit dessen Großmutter zur Schule gegangen.

Mittags nach dem Mittagessen zog sich die Mutter ins Schlafzimmer zurück um auszuruhen. Der Vater begab sich auf die Couch des Wohnzimmers zur Mittagsruhe. Das Kind sollte am großen Esstisch daneben seine Hausaufgaben erledigen. Nach einer Weile befahl er dem Mädchen, zu ihm auf die Couch zu kommen. Es musste sich an die Wand legen, wurde an die Wand gepresst.

Es gab kein Entkommen! Er zog ihm das rosa Unterröckchen hoch – das rosa Unterröckchen, das es so sehr liebte! – Und es spürte wieder dieses kalte harte Ungeheuer zwischen seinen Beinchen, die sich wieder spontan krampfhaft geschlossen hatten – dann wurde es dunkel …

Auf einmal ließ er das Kind los – und es sah, wie eine weißliche unbekannte Brühe sein schönes rosa Unterröckchen beschmutzt hatte. Es durfte wieder aufstehen mit der vorherigen Warnung des Mannes: »Sag niemals der Mama etwas, sonst passiert Schlimmes!«

Das Kind setzte sich wieder an seine Hausaufgaben, klein, verängstigt und beschmutzt – wie sein rosa Unterröckchen. Angst, Dulden und Schweigen ließen für Tage und Nächte, ließen für die kommenden Jahre das Martyrium einer Kindheit entstehen.

Tagsüber nahmen die Augen des Kindes den blauen Himmel wahr, es hörte das Gezwitscher der Vögel, fühlte den warmen Wind, der den Frühling begleitete, auf seinem Gesichtchen. Die Phantasie der Gedanken ließ es in andere Personen schlüpfen, meist in die Gestalten der Jugendbücher. In ihnen fühlte es sich abgelenkt, weit entfernt von der Welt, in der es missachtet, gedemütigt und beschmutzt wurde. Es fürchtete sich vor den langen Nächten mit ihren schlimmen Albträumen, versuchte krampfhaft wach zu bleiben, auf der Lauer zu liegen. Man musste den Schlaf meiden, weil er die unheimliche Gestalt des Teufels mitbrachte, der höhnisch lächelnd das Fegefeuer schürte! Wie oft hatten die Eltern ihm gedroht, dass ungehorsame Kinder im Fegefeuer landen würden. Es hatte Angst sterben zu müssen, weil ja nach dem Tod das Fegefeuer wartete …

Dann saß es schweißgebadet und mit Herzrasen im Bett, während die Mäuse unter dem Fußboden kratzten. Es flehte die Eltern an, doch einmal bei ihnen im Schlafzimmer schlafen zu dürfen. Sie erlaubten ihm, sich zwischen ihnen auf den Ritz legen zu dürfen. – Das Kind wickelte sich eine Decke um den Leib, eine – so glaubte es – Schutzmaßnahme vor dem Unheimlichen. Falls es jedoch geglaubt hatte, in Sicherheit zu sein, da doch die Mutter neben ihm lag, so sah es sich bitter enttäuscht! Als der Mann feststellte, dass seine Ehefrau eingeschlafen war, zog er das Kind zu sich herüber, wickelte es aus der Decke, schob sein Glied zwischen die armen erstarrten Oberschenkel und befriedigte sich. Die Mutter schlief und hatte von allem nichts mitbekommen.

Entsetzen und Schutzlosigkeit wurden unerträglich. Die Kleine wurde mehr und mehr zum Objekt von Frustration und Streiterei der Eltern. Die Mutter missachtete die Tochter, der Vater misshandelte und missbrauchte sie. Einmal nahm er den dicken Badeschwamm, schäumte ihn mit Seife ein, packte das Kind und rieb, rieb, rieb über sein armes Gesichtchen. Atemnot, Ringen nach Luft und Panik ließen es in die Dunkelheit fallen. Da die Tochter eine Abneigung gegen Fettes entwickelt hatte, zwang er sie eines Morgens, bevor sie sich auf den Schulweg machen musste, einen Kaffeelöffel Butter pur zu essen. Er schnappte sich den Kopf des Kindes, er stand noch im Unterhemd, Hose mit obligatorischem Ledergürtel, zwängte den Löffel mit dem Butterstück sadistisch und voller Wut in den Mund seines Opfers. Unter Brechreiz und Würgen schluckte das Mädchen. Die Mutter, Zeugin des Vorfalles, reagierte nicht!

Das Kind musste stumm geschehen lassen, weinen durfte es nicht. Das holte es dann abends im Bett in seiner Einsamkeit nach, während es inbrünstig den lieben Gott anflehte, das Ungeheuer fern zu halten. Es stellte sich sowieso oft die Frage, weshalb Gott es geschehen ließe, ihm ein so schweres Leben aufzubürden. Gab es denn überhaupt einen Gott??? Es war ein stilles, sanftes Kind, wehrte sich nie, war gutmütig, scheu und zurückhaltend. Und trotzdem drohte man ihm: »Wenn du nicht parierst, kommst du in eine Besserungsanstalt!« Die jüngere Schwester schien der absolute Liebling und Sympathieträger der Eltern. Sie sang und tanzte und wurde bei gesellschaftlichen Anlässen auf der Bühne präsentiert, wo sie ihre Künste zur Schau stellen durfte. Ständig wurde sie gelobt, und man stellte ihr eine Gesangsausbildung in Aussicht. Der ältesten Schwester gegenüber trat sie aufsässig und frech auf. Die Eltern hatten ihr ein gutes Beispiel vorgelebt, wie man die Älteste zu behandeln hatte!

Im Gemüsegarten wucherte das Unkraut und die Raupen zerfraßen die Kohlblätter. Man beauftragte das Mädchen, Unkraut zu ziehen und die Raupen von den Blättern zu entfernen. Zwischen den Pflanzen hockend und mit der Übelkeit kämpfend, verging wieder einmal – wie das meistens geschah – für ein überflüssiges Menschenkind ein Sommertag! Allmählich ließen die normalen Körperfunktionen nach. Das Kind litt unter chronischer Verstopfung, der Körper hielt fest, konnte nicht ausscheiden Die Mutter schob ihm ein Stück Kernseife in den After, um unter Brennen und Schmerz das aufzulösen, was nicht freiwillig kommen wollte! An manchen Tagen wurde das Mädchen von Fieberkrämpfen geschüttelt und sah in seiner Phantasie, wie Wasser im Keller immer höher stieg und wie es mit in den Tod gerissen wurde. Die Mutter setzte sich dann manchmal ans Krankenbett, wenn sie etwas zum Trinken brachte. Das waren wunderschöne und glückliche Momente. Es hätte die Mutter so gerne festgehalten – es liebte sie so sehr! Auf dem Schulhof sehnte sich das Mädchen nach der Mutter, hatte sie ihm doch den Apfel mit zum Pausenbrot gegeben. Es brachte es nicht über sich, das Kerngehäuse wegzuwerfen. Es war ihm, als hätte es sonst keinen Anhaltspunkt mehr, als brauche es diesen Halt, wickelte den Apfelrest ein und trug ihn mit sich. …

Die Nachmittage im Elternhaus waren weiterhin geprägt von Hilfeleistung im Haushalt, Versorgen von Bügelwäsche, Reinigung der Möbel und dem Abwasch des Geschirrs. Während Mutter nachmittags ihrem Mittagsschlaf fröhnte, saß das Mädchen manchmal auf einem Bänkchen in der Küche, um die Schuhe der gesamten Familie zu putzen. Dies war eine neue Pflichtaufgabe geworden. Doch es verrichtete gerne jede Art von Arbeit – wenn nur der Mann es in Ruhe ließ! So saß es, wienerte Schuhe und sah dann plötzlich, wie die Mäuse durch die Küche liefen … Angst, Abscheu und Schrecken verfolgten es scheinbar Tag und Nacht!

Sie hatten sich Hühner zugelegt, die am Tag frei durch das eingezäunte Grundstück vor dem Gemüsegarten liefen. Wenn die Tiere es sich herausnahmen, sich vertrauensvoll dem Haus zu nähern, rannte der Mann hinaus, jagte sie und schlug mit dem Straßenbesen auf sie ein. Das Kind fühlte körperlich die Not der armen, hilflosen Geschöpfe. Sowieso galt die ganze Zuwendung des Mädchens den Tieren, insbesondere den gequälten und schwachen. Es konnte ausdauernd die riesige Schafherde auf dem großen Platz beobachten, wobei es die Kleinsten und Jüngsten in sein Herz schloss.

So geschah es, dass der Schäfer, der längst diese große Tierliebe erkannt hatte, am Tag vor des Kindes 1. Kommunionfeier ein wenige Wochen altes Schäfchen ins Haus brachte. Die Eltern gaben anderen Leuten stets den Eindruck einer netten, freundlichen Familie, wurden geachtet, da die Großeltern mütterlicherseits alteingesessene und stadtbekannte Bürger waren. Bei diesen hatte sich damals der Bewerber um deren älteste Tochter eingeschmeichelt und um ihre Hand angehalten. – So nahm man dann auch jetzt – um den Schein zu wahren – das lebendige Geschenk mit mehr oder weniger süß-saurer Miene an. Das Schaf bekam eine Ecke in der damaligen Waschküche zugewiesen, die sich innerhalb eines Schuppens befand. Hier umsorgte, liebkoste und fütterte das Kind das Tierchen, konnte alles Leid der Welt vergessen, wenn es das Gesicht auf das weiche Fellchen drückte und darin vergrub. Die Eltern nörgelten, mochten es nicht sehen, dass das Mädchen Zeit mit dem Schaf »verschwendete«. – Es währte nicht lange, bis dieses Problem beseitigt war. Eines Mittags, als das Kind aus der Schule heimkam, erklärte man ihm, das Schäfchen sei tot! Blind vor Tränen stürzte es in den Schuppen – das Tierchen war nicht mehr da! …

Das tierliebende Kind wurde bald darauf von freundlichen Nachbarn beschenkt: Ein kleines schwarzes Kätzchen sollte neue Freude und Trost in ein trauriges Kinderherz bringen. Glückselig wiegte das Kind das kleine Wesen in seinen Armen und die Einsamkeit schien verflogen.

Das Kätzchen durfte nicht ins Haus, sollte draußen und im Schuppen bleiben. Das Fressen musste erbettelt werden. Das Kind sammelte heimlich Essensreste, um die kleine Freundin zu ernähren. In diesem Sommer fuhren die Eltern mit den jüngeren Geschwistern in Urlaub, während die Älteste bei den Großeltern bleiben sollte. Diese bevorstehende Zeit gewährte ein Stück Freiheit, hatten doch die tierlieben Großeltern erlaubt, das Kätzchen mitbringen zu dürfen. An einem heißen Sommernachmittag packte es das Tierchen in seine Schultasche – lediglich das Köpfchen schaute heraus – und rannte die weite Strecke, ohne auch nur einmal anzuhalten, quer durch die ganze Stadt bis hin zum großelterlichen Haus. Der Schweiß ließ Haare und Kleidung am Körper kleben, das Herz raste zum Zerspringen. Die Sorge um das Kätzchen in der Tasche hatte es vorwärts getrieben. Mit der wertvollen Fracht war es dann am Ziel angelangt. Eine wunderbare Zeit begann. Das Kind durfte das Kätzchen in seinem Zimmer einquartieren, durfte es nachts im Arm halten, und beide fühlten sich geborgen. In diesen Ferien ging Oma dann noch mit der Enkelin ins Bekleidungsgeschäft und kaufte ihr zwei neue Kleidchen. Das Kind fühlte sich wie eine Prinzessin, wie die Romanfigur aus seinen Büchern.

Dieses Wohlgefühl sollte nicht von Dauer sein. Der Mann und die Frau kamen aus dem Urlaub zurück und hatten sich nicht verändert. Sie machten dem Kind lautstarke Vorwürfe ob der neuen Kleider. Man warf der Oma eigenmächtiges Handeln vor. Kind musste Aschenputtel bleiben – durfte nicht Prinzessin sein! Großmutter hätte erst die Erlaubnis einholen müssen, Aschenputtel einzukleiden. Die Revanche ließ nicht lange auf sich warten: Tage später nach Schulschluss suchte das Kind sein Kätzchen. Man sagte ihm, es sei tot!!! –

Es war am Vorabend des Allerheiligen-Tages. Die Großeltern baten die Eltern, doch am nächsten Morgen noch auf dem Friedhof das Grab des Urgroßvaters, das ziemlich in Vergessenheit geraten war, vom Unkraut zu säubern. Am Feiertag selbst schickte man in aller Herrgottsfrühe das Kind auf den entfernten und abseits gelegenen Friedhof, um diesen Auftrag zu erledigen. Die Eltern blieben im Bett! Es war kalt und frostig. Die Dämmerung war gerade dem Tageslicht gewichen. Man hatte ihm Schäufelchen und Harke mitgegeben. Es lief wie gehetzt allein den weiten Weg, einsam – niemand sonst war um diese Tageszeit unterwegs. Übermüdet und mit dem üblichen Herzrasen suchte es das Grab, fand es ungepflegt hinter hohen Hecken. – Die Stille war unheimlich. Das Kind hatte Angst – Angst vor Männern, die plötzlich auftauchen konnten.

Doch auch jetzt gab es keinen Ausweg – es musste wieder geschehen lassen! Die kleinen Hände rissen das Unkraut heraus, schaufelten und harkten die Erde glatt. Der Kopf flog in Panik hin und her, registrierte Büsche, Hecken, Bäume, hinter denen sich gewalttätige Männer hätten verstecken können. Kein einziger Besucher hatte sich um diese Zeit hierher verlaufen. Von Angst Angst geplagt erledigte es den Auftrag der Eltern, während diese zu Hause derzeit noch längst nicht ans Aufstehen dachten …

Ab und zu durfte es die Tante – seine Lieblingstante, die Schwester der Mutter – besuchen, die mit ihrem Mann etwa eine Zugstunde entfernt wohnte. Die Tante liebte das Kind, und der Onkel war freundlich, intelligent und sanftmütig. Leider durfte es immer nur ein Wochenende zu Besuch weilen, mehr erlaubten die Eltern nicht. Dann wurde es am Wohnort in den Zug gesetzt und zwei Tage später am Bahnhof wieder abgeholt. – Die Tante verwöhnte das Mädchen. Hier konnte es entspannt und ruhig essen, während es zu Hause dem Ungeheuer gegenüber sitzen musste, das es je nach Laune missachtete, tadelte oder einfach ignorierte. – Es durfte neben der Tante im Eheschlafzimmer schlafen, während der Onkel sich gutmütig auf das Sofa im Wohnzimmer verzogen hatte. Tante und Mädchen vergaßen Raum und Zeit, während die Kleine ganze Geschichten der Jugendbücher erzählte. Hier war auf einmal jemand, der ihm zuhörte, sich interessierte, hier war eine Herberge, in der es unbeschwert und vertrauensvoll in den Schlaf sinken konnte. Am nächsten Morgen ging es mit der Tante zur Kirche. Manchmal suchte die Tante vorher in ihrem Kleiderschrank nach etwas Passendem, weil das Kind keine warmen Sachen mitgebracht hatte. Um nichts in der Welt hätte es mit dem Bettjäckchen tauschen wollen, mit dem es dann eines Morgens in die Kirche gehen musste. Tante lachte viel und war stets guter Laune. Sie hatte selbst keine Kinder und genoss das Zusammensein mit ihrer Nichte, die sie damals schon wenige Stunden nach deren Geburt im Arm gehalten und lieb gewonnen hatte. Jeder Tag des Wochenendes wurde zu einem besonderen Tag.

Wieder im Elternhaus angekommen, krochen die Kälte und die Einsamkeit in sein Herz. Es fühlte Schwere in der Brust, saß auf der Bank vor dem Haus und schaute in den Himmel. – Es war der gleiche Himmel, der das Haus der Tante bedeckte, und es waren die gleichen Sterne, die über Tantes Haus leuchteten! …

Im rot-weiß karierten Schottenmusterkleidchen, schwarzrotem Trachtenjäckchen, weißen Kniestrümpfen und rotem Baskenmützchen begann der erste Schultag in einer anderen Schule und damit ein neuer Lebensabschnitt. Die Mitschüler gaben sich freundlich, für jeden von ihnen war es ebenfalls ein Neuanfang. Die Klassenlehrerin schien allen wohlgesonnen. Das Kind wurde akzeptiert und es konnte mit guten Noten glänzen. Es zeigte sich strebsam, erledigte korrekt seine Hausaufgaben, behandelte gewissenhaft die erste Fremdsprache und lernte pedantisch. Stets lauerte die Angst vor dem Versagen in ihm. Doch oft ging die Konzentration verloren. In Situationen, in denen es darum ging, frei zu sprechen, vorzutragen, wenn aller Augen es anstarrten, wurde es unsicher, verlor jegliche Sicherheit und fühlte nur noch sein pochendes Herz.

Sein Herz hatte sich mittlerweile zum Barometer, zum Blitzableiter jeglichen Angriffes von außen verselbständigt und machte sich bei der geringsten Unsicherheit bemerkbar. Dann entgleisten die Nerven und hinderten den Kopf daran, konzentrierte Gedanken zu fassen. Es blieb ein stilles Kind, doch lächelte es jeden an, der es ansprach, weil es gemocht werden wollte.

»Das einzige, was ich tun konnte, war, ihnen zu zeigen, dass ich brauchbar war, dass man mich ausbeuten konnte und dass ich immer mit Lächeln darauf reagieren würde. Eine andere Chance hat mir das Leben damals nicht gegeben.«

Alice Miller

Erwachsene Leute empfand es meist als Bedrohung, besonders Leute wie Lehrer und Polizisten empfand es als Autoritäten, vor denen es sich fürchtete, sich ganz klein und hilflos fühlte. Es hatte Angst vor Arzt und Zahnarzt – sie konnten Schmerz zufügen, und der Schmerz konnte in den Tod münden – und dann kam das Fegefeuer … Nachts wurde das Kind geweckt, um den Vater ins Krankenhaus zu begleiten, wo er sich seinen »Stoff« injizieren ließ, von dem er nach seiner Kriegsverletzung abhängig geworden war. Er lechzte nach diesem Morphium und nutzte seine Kopfbeschwerden, die er immer wieder neu erfand, um sich mehrmals wöchentlich in die Euphorie des Rausches zu begeben. – Sie gingen zusammen über den großen dunklen Platz, stadteinwärts hin zum Krankenhaus. Nach erfolgter Injektion plauderte er dann mit glänzenden, starren Augen jovial mit der Nachtschwester, wobei Zeit keine Rolle zu spielen schien.

Das Kind harrte auf seinem Stuhl aus, müde, verkrampft und übernächtigt. Es hatte noch den Rückweg vor sich … Durch seinen »Stoff« inspiriert, nutzte der Vater den Weg durch die Nacht dazu, die Tochter zu belästigen und zu benutzen. Wie oft hatte sie weinend und bebend gefleht, sie in Ruhe zu lassen, doch er besaß kein Mitgefühl mit ihr – der Teufel in Menschengestalt! Er trieb unaufhörlich sein Spiel weiter, während seine Ehefrau, die sich »Mutter« nannte, zu Hause weiterschlief.

Mutter wurde verwöhnt, und des Mannes Rechnung ging auf. Auf dem Rückweg vom Krankenhaus kamen Mann und Kind an einem Café vorbei, das bis weit in die Nacht hinein geöffnet hatte und in dem man köstliche Fürst-PücklerSchnitten kaufen konnte. Hier kaufte er ein Kuchenstück für die Mutter, die dann aufgeweckt wurde und im Wohnzimmer genüsslich das süße Mitbringsel genoss. Täter und Mutter waren zufrieden – das Kind saß am Tisch und schaute, wie die Frau Stück für Stück in ihren Mund schob, bis alles aufgegessen war. Es dachte: »Ich möchte einmal im Leben ein solches Kuchenstück für mich allein haben!« Der einsame Wunsch blieb, und es tat bei solchen Gelegenheiten ganz für sich allein in seinem Innersten immer den gleichen Schwur: ´Ich möchte niemals so werden wie SIE.` – Die Mutter ging zufrieden ins Bett, der Täter scheinheilig hinterher. Das Mädchen fand keinen Schlaf, es wusste, dass es in zwei Stunden wieder geweckt werden würde, um später müde und übernächtigt in die Schule zu gehen. Der Grundstein für massive Schlafstörungen war längst gelegt!

Die Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten. Während einer Schulstunde verschwamm alles vor seinen Augen, es konnte nicht mehr lesen, was vorne auf der Tafel stand. Es fühlte nur noch die rasenden, stechenden Kopfschmerzen und wie sich plötzlich alles verdunkelte. Die Lehrerin deutete dies zuerst als Vorwand, nicht aufgepasst zu haben und tadelte das Kind. Doch dann schickte sie es nach Hause, hin- und hergerissen zwischen Misstrauen und Sorge. – Das Mädchen wankte heimwärts. Der Rückweg schien endlos. Vor den Augen tanzten die großen schwarzen Flecken, und die heiße Sonne prallte vom Sommerhimmel nieder. Taumelnd erreichte es das Elternhaus und wurde ins Bett gelegt. Es schloss die Augen, nahm nur noch einen schwarzen Kreis wahr und die Stricknadel, die diesen Kreis durchbohrte …

Einen ganzen Tag schlief es, dann ging das gewohnte Leben weiter.

Elf Jahre brachte das Kind nun schon in diesem Leben zu. An die allerersten Lebensjahre fehlte ihm die Erinnerung, doch es hatte Vieles gespeichert, was die Verwandten bei Gelegenheit belustigt erzählt hatten. Im Krieg geboren, hatte es als Baby die ersten Lebensmonate mit der Mutter bei den Großeltern verbracht. Der Vater befand sich im Krieg. Die Großeltern und die Schwester der Mutter, die später die Lieblingstante des Mädchens wurde, besaßen in der Stadt ein renommiertes Geschäftshaus, genossen große Anerkennung und sorgten liebevoll für Mutter und Kind. Das Baby war das erste Enkelkind der Großeltern, ihr ganzer Stolz und ihre ganze Freude.

Während des Bombenalarms rannten Oma und Tante mit Kind im Kinderwagen in den Luftschutzbunker, während die junge Mutter sich nicht überreden ließ mitzukommen. Sie wollte lieber im Bett bleiben und schlafen! Wenn das Kind im Körbchen neben ihrem Bett weinte, bat sie die Tante, es weg zu stellen – es störte sie! Später floh die ganze Familie ins entfernte Westfalen zu den Verwandten des Vaters. Diese Gegend war vom Krieg ziemlich verschont geblieben. Hier wurde auch ab und zu der auf Urlaub kommende Soldat freudig begrüßt, der nun Frau und Kind wiedersehen konnte. Das Kind war zwei Jahre alt und registrierte zum ersten Mal diesen Mann, der ihm als »Vati« vorgestellt wurde. Das Kind ängstigte sich, brach in Tränen aus und klammerte sich an die Mutter. Ärgerlich, enttäuscht und eifersüchtig packte der Mann die Kleine und sperrte sie zu den Schweinen in den Schweinestall – und die Mutter ließ es geschehen!

Die Weichen für eine Zukunft voller Misshandlungen waren gestellt.