Kai Pinnow

Schließe das Buch und werde …

Heilpraktiker (Psychotherapie) – Grundkurs mit Übungen

Neunte, durchgesehene und verbesserte Auflage 1


1 GKP09.1 – 12.12.2020

Ohne ihr Verständnis und ihre Unterstützung hätte dieses Buch nicht entstehen können

Danke Edla!

Ohne ihre aktive Mitarbeit über ein erstes Jahr Unterricht auch nicht:

Danke Sonja und Danke Ulrike!

Ohne ihr Vertrauen wäre nicht einmal die erste Zeile zustande gekommen:

Danke Simone!

Ohne ihren Zuspruch zu den ersten Online-Texten auch nicht:

Danke Jochen! Danke Hildegard!

Danke Ihr vielen Anderen in den Heilpraktiker-Foren!

Ohne ihr Streben, ihre Fragen und ihren Widerspruch wäre keine weitere Auflage entstanden:

Danke Beate, Diana, Martina, Michaela, Ramona, Ute!

Danke Giesela, Sybille, Conny, Nicole und Walter!

Danke Anja, Cosima, Ines, Patrizia und Uschi!

Danke Ruth, Daniela, Britta, Peggy, Susanne, Sabine, Julia und Inge!

Danke Ulrike, Karin, Carolin, Susanne und Klaus!

Danke Annelie, Toril, Steffi, Simone und Pia!

Danke Renate, Andrea, Corina, Elke, Manuela, Heidi, Tina, Susanne, Ute und Thorsten!

Danke Nathalie, Steffi, Monja und Nicolas!

Danke Lucie, Emine und Monika!

Danke Tina, Beate, Elke, Andrea, Sabine und Tom!

Danke Anja, Ina, Jürgen, Julia, Markus, Volkmar!

Danke Andrea, Güler, Ana, Ina, Angela, Erzsebet, Nicole, Sibel, Moni!

Ohne ihr Feuer für das Buch, die Heilkunde und für einander wäre es nicht einmal zu mir gekommen:

Danke Mama und Papa!

Kai Pinnow, Selent und Hessigheim 2009-2020

© Kai Pinnow, Hessigheim, 2020

Titelbild: Time Noble & Sue Webster: “The Spikey Thing”

Installation aus Metall, Lichtquelle und Wand

Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt

Weitere Informationen unter

https://www.systeme-sehen.de

sowie https://www.hpp-ok.de

und https://www.facebook.com/hppok

ISBN: 978-3-7392-6861-3

INHALT

  1. Lernen mit System
  2. Alzheimer
  3. Alkoholismus
  4. Gesetze und Regeln
  5. Depression
  6. Befunderhebung
  7. Konditionierung – Behaviorimus
  8. Humanistische und Systemische Verfahren
  9. Phobien
  10. Somatoforme Störungen
  11. Psychotische Störungen
  12. Klassiker
  13. Unspezifische Angst, Panik, Agoraphobie
  14. Differentialdiagnose I
  15. Drogen
  16. Bipolare Störungen
  17. Gehirn, Gefühl, Geist, Biochemie
  18. Zwang
  19. Essstörungen
  20. Klassifikationssysteme
  21. Anerkannte Verfahren
  22. Vaskuläre und andere Demenzen
  23. Soziotherapie und der Fortbildungsmarkt
  24. Belastungs- und Anpassungsstörungen
  25. Differentialdiagnose II
  26. Neurasthenie und Schlaf
  27. Persönlichkeitsstörungen
  28. Suizid und andere psychiatrische Notfälle
  29. Entwicklungsstörungen
  30. Medikamente
  31. Impulskontrolle
  32. Sex
  33. Intelligenz und Autismus
  34. Andere neurologische Erkrankungen
  35. Sozialverhalten und Emotionale Störungen
  36. Krankheit als Chance
  37. Differentialdiagnose III
  38. Noch mehr Psychologie
  39. Selbsterfahrung – Basis Wahrnehmung
  40. Achtsame Wahrnehmung und Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie
  41. Kognitive Therapien
  42. Prüfungssituationen erfolgreich meistern
  43. Praxiseröffnung
  44. Quellenangaben
  45. Schließe das Buch und werde …

Vorworte

Dieses Buch enthält einen Lehrzyklus für angehende psychotherapeutische Heilpraktiker und wird so im Rahmen des Grundkurses Psychotherapie bei HPP-OK und an anderen Schulen verwendet. Die Texte sind weitgehend aus bereits vorliegenden Materialien vieler Autoren zusammengestellt. Die betreffenden Stellen sind jeweils mit eckigen Klammern gekennzeichnet. Am Ende des Buchs sind die Quellen zusammengefasst2. Die meisten Informationen sind aus [AWMF], [DSM-5], [FPE], [GK3], [ICD-10], [ICD-11], [ICD-F] sowie [MLD] entnommen. Um den Lesefluss nicht zu stören, wurde auf ein einzelnes Zitieren aus diesen hervorragenden Quellen weitgehend verzichtet.

Dieses Buch enthält eine von den üblichen Darstellungen abweichende Reihenfolge. Der Durchgang geht also vom „Bekannten“ zum „Unbekannten“, d.h. von den häufigeren zu den selteneren Störungen (vgl. dazu das Material des statistischen Bundesamtes [DESTATIS]). Der Stoff wird dadurch zudem lebendig und abwechslungsreich. Dass man über Kontraste leichter lernen kann, lässt sich so direkt erleben. Abweichungen von diesem Prinzip dienen dem logischen Aufbau und Verständnis.

Dieses Buch enthält einige wenige Wiederholungen, die zur Vertiefung und vor allem zur Sicherung des Lernerfolgs dienen. MC-Fragen (Multiple-Choice) sollen auch zum Aneignen neuer Informationen aus den zitierten Quellen anregen. Weitere lehrreiche MC-Fragen findest Du in [MC] und [GK3]. Hinweise zu Prüfungsfragen und weitere Unterstützung kannst Du in den Heilpraktiker-Foren [HPF] finden.

Dieses Buch enthält nur wenige Beispiele. Daher werden [B50], [ICD-B] und [X50] als Ergänzungen empfohlen.

Dieses Buch enthält viele Dir, liebe Leserin bzw. lieber Leser, vielleicht unbekannte Begriffe, die in einem guten psychotherapeutischen Wörterbuch wie z.B. in [PW] bzw. in einem guten medizinischen Wörterbuch wie [PL] erklärt sind. Ein Vokabelheft oder ein Satz entsprechender Karteikarten kann Dir helfen, die schwierigen Worte sicher zu lernen. Du solltest diese neuen Worte dann allerdings auch möglichst häufig benutzen.

Dieses Buch enthält eine Vielzahl an Übungen, für die Du Dir einen eigenen Ordner anlegen solltest. Mit jeder durchgeführten und dokumentierten Übung vertieft sich Dein Wissen. Dazu gibt es keine „offiziellen“ Musterlösungen.

Benutze bitte die Quellen aus dem letzten Kapitel (auch manche Fragebögen und Lesetipps findest Du dort, teilweise einfach zum Download aus dem Internet). Falls es nicht genug Übungen sind – und das könnte durchaus der Fall sein – erfinde selbst weitere Übungen durch Hinterfragen der Texte, durch Beobachten Deiner näheren Umgebung, an der Bushaltestelle, im Eiskaffee, auf dem Amt usw. Das Leben draußen bietet viel mehr als ein Buch.

Dieses Buch enthält (fast) keine Bilder. Das ist beabsichtigt. Es wird wärmstens empfohlen, möglichst viele Medien zum Lernen zu verwenden. Das schließt das Anfertigen eigener Illustrationen zum Text ein. Also, am besten holst Du gleich mal Papier und Bleistift und dazu vielleicht ein paar Buntstifte, denn farbig wird es noch schöner.

Dieses Buch enthält reichlich Platz für Notizen und eigene Anmerkungen. Mach es durch Unterstreichungen, Randnotizen etc. unverwechselbar zu Deinem Buch! Fang jetzt damit an, indem Du Deinen Namen vorne auf die erste Seite neben das androgyne Titelbild schreibst.

Dieses Buch enthält an etlichen Stellen Angaben über Häufigkeiten, die aus vielen unterschiedlichen Quellen stammen. Dabei kann man häufig Abweichungen feststellen, die vielleicht auf Unterschiede in der regionalen Erhebung, der Grundgesamtheit, der Randbedingungen, der Auswertung etc. zurückgehen. Leider fehlen dazu häufig genauere Angaben. Daher sind diese Zahlen stets, auch wenn dies nicht extra vermerkt ist, nur als Anhaltswerte anzusehen, die einen Eindruck von der Größenordnung vermitteln sollen.

Dieses Buch enthält vermutlich trotz sorgfältiger Recherche und mehrfachen Durcharbeitens leider an der einen oder anderen Stelle den einen oder anderen sprachlichen, inhaltlichen oder logischen Fehler. Auch könnte es an manchen Stellen bereits neuere, verbesserte Erkenntnisse oder Methoden geben. Für alle derartigen Unzulänglichkeiten, inklusive der ungenannten und mir unbekannten, übernehme ich die volle Verantwortung. Über alle derartigen und sonstigen Rückmeldungen von Dir, liebe Leserin und lieber Leser, freue ich mich und werde sie zur Verbesserung gern nutzen.

Selent, Jahreswechsel 2008/2009; Hessigheim, Winter 2009;

Selent, Winterende 2010; Hessigheim, Frühling 2011;

Selent und Hessigheim, Frühjahr und Sommer 2013; Hessigheim, Herbst 2014; Selent, Winteranfang 2016 und 2018; Hessigheim Herbst 2020.

Kai Pinnow


2 Trotz sorgfältiger Auswahl kann ich keine Verantwortung für die in diesem Buch zitierten Quellen in ihrer jeweils aktuellen Form – insbesondere von Internet-Links – übernehmen. Kritisches Lesen wird in jedem Fall empfohlen.

1 Lernen mit System3

Man kann nicht nicht-kommunizieren und man kann auch nicht nicht-lernen.4

In der folgenden kleinen Reihe von Beiträgen geht es um das Thema "Lernen mit System". Was ist das Ziel? Einige Assoziationen5:

Z für Zukunft - Lernen ist Zukunft und braucht Zeit, zusammen lernt es sich leichter
I für Ideen, Individualität, Initiative im und durch Lernen
E für Erfolg durch Wissen, auch für Ehrgeiz und Einsatz
L für Lebenslanges Lernen und für den Lohn des Lernens

Übung 1-1: Welche Assoziationen kommen Dir zu den Begriffen Ziel, Lernen und System? [Was soll ich jetzt machen?] Besorge Dir Papier und Bleistift. [Und dann?] Schreibe Deine Assoziationen sofort auf.

Aktiv geht das Lernen am Besten. Lernen ist Assoziieren!

Ein paar Fragen zum Thema:

Durch Lehren lernen wir.

1.1 Lernen mit System – Rollen

Zum Lernen brauchen wir drei unterschiedliche Rollen, um das Wissen als Assoziationen sicher in unserem Gedanken-Netz zu verankern:

Es heißt, dass Walt Disney für seine Projekte immer mindestens diese drei Rollen besetzte, wobei in der so genannten Walt-Disney-Strategie [WD] für die kreative Rolle häufig der Begriff Träumer verwendet und der Macher als Realist bezeichnet wird.

Übung 1-2: Finde Deine eigenen Assoziationen zu den Rollen – Lernen ohne Assoziationen geht gar nicht.

Diese Drei arbeiten zusammen an einem

P Planen, prüfen, positiv sein - auch mal Pause machen
R Ratio = Verstand, realistisch, ruhig und gelassen in die Prüfung
O Objektive Bewertung, ordentlich, originaloriginell
J Jede/r, jetzt beginnen, auf der Jagd nach dem Stein der Weisen
E Erfolg, effizient, ehrlich, einmalig, echt
K Konstruktion, kreativ, kritisch
T Tatkraft & Teamgeist

Übung 1-3: Wie stark sind die drei Rollen bei Dir? Finde Beispiele, wofür Du welche Rolle brauchen könntest.

Hier ein Rätsel für Deinen kreativen Geist:

Ao lt en Bß, dß dr Msch ws ln mß

Nt an ds ABC bt dn Mn in de Hh

...

Übung 1-4: Wie lautet der vollständige Text und wer hat das Original geschrieben?

War das schwer?

1.2 Kreativ Lernen (mit System)

Wissenserwerb: Woher kommen die Informationen zum Lernen und wie kommen sie zu Dir? Dazu sind kreative Ideen gefragt. Wissen erwerben? Du kannst einen Kurs buchen, ein Buch kaufen, oder im Web surfen, Suchmaschinen nutzen, Wikies durchforsten, Freunde fragen, usw.

Kreativ sein heißt auch, das Wissen aufzubereiten, sich selbst verständlich zu machen, es in eine Deinem Gehirn gerechte Form zu transformieren, neue Fakten mit bekanntem Wissen zu verbinden - Assoziationen herzustellen, zu kre-ie-ren. Dazu kannst Du neue Symbole erfinden, Bilder malen, Merkgedichte erfinden usw. Phantasie ohne Grenzen!

Im PROJEKT LERNEN braucht es Kreativität sowohl zur Planung des Wissenserwerbs als auch in der Spontaneität der Wissenstransformation, der Verwandlung von allgemeinen Informationen in Dein Wissen.

Ein guter Plan basiert auf einer realistischen Selbsteinschätzung, auf guter Selbstbeobachtung. Hier ein Beispiel dazu (vielleicht mit einem komplizierten Fachbuch z.B. zur Neurologie durchzuführen):

Selbstversuch (Variante 1):

Selbstversuch (Variante 2):

Selbstversuch (Variante 3):

Übung 1-5: Führe den Selbstversuch durch: Was macht mehr Sinn? 3 x nach Variante 1 lernen oder 1 x Variante 3 oder, oder, oder...

Wenn Du es eilig hast, mach langsam.

P.S. Der Text aus dem vorherigen Abschnitt stammt übrigens von Wm Bsch aus Mx ud Mz.

1.3 Ganz Lernen – mach’s mit System

Von den beschriebenen Rollen (Kreative/r, Macher/in und Kritiker/in) ist die Macher/in-Rolle häufig beim Lernen am stärksten gefragt. Lernen ist Machen. Wie kann ich das für mein Lernorgan - mein Gehirn - richtig machen?

Übung 1-6: Stell Dir vor, links vor Dir liegt ein weißer Bauklotz und rechts ein blauer. Nun baust Du links mit einem gelben an und rechts mit einem roten. Dann schiebst Du einen grünen Bauklotz zwischen den blauen und den roten und bringst den ganz linken auf die andere Seite. Wie liegen die Bauklötze jetzt vor Dir?

Da staunst Du Bauklötze!

Hast Du das mit Visualisieren geschafft, oder auf eine andere Art?

Zur Überprüfung kannst Du auch die Farben auf Zettel schreiben und nach dem beschriebenen "Kochrezept" verfahren oder Du gehst mal leise ins Kinderzimmer - dass Dich keiner sieht ;-) oder, oder...

Alle Sinne wollen beim Lernen dabei sein. Es gibt auch Tests dazu, die Dir zeigen, welche Sinne bei Dir zum Lernen besonders wichtig sind, z.B. einfach mal ein Selbstportrait zeichnen, bei dem die Sinnesorgane in der Größe erscheinen, die ihrer Bedeutung für Dein Lernen entsprechen oder eine Spinnengrafik benutzen, bei der die Achsen Deiner persönliche Stärke in den jeweiligen Sinnen entsprechen. Standardisierte Tests findest Du im Internet, wenn Du nach „Lerntypentest“ suchst.

Übung 1-7: Auf geht’s: erstelle das Selbstportrait oder die Spinnengrafik. Mach es gleich jetzt!

Allerdings gilt: die Kombination wirkt immer am Besten. Wie viel Prozent des Wissens so in etwa gelernt wird, verrate ich Dir gleich (die Zahlen sind aber nur eine grobe Angabe). Überlege erst selbst bzw. rate mal, bevor Du unten nachschaust:

[Nur Lesen]

__% - Lesen bildet. Aber am Ende weiß man oft gar nicht, was man da gelesen hatte...

[Nur Hören]

__% - Schon besser. Aber dabei können sich die Gedanken auch auf eine andere Reise begeben...

[Nur Bilder anschauen]

__% - Eigentlich schwach, da hätte ich mehr erwartet, wo doch ein Bild mehr als 1000 Worte sagen soll. Vor allem, wenn es bewegte Bilder sind, können wir uns diesen kaum entziehen. Wir leben in einer visuellen Welt. Viel können wir so trotzdem nicht behalten! Hand aufs Herz, weißt Du von jeder Uhr in Deinem Haushalt und Beruf, ob sie digital oder analog anzeigt, römische oder lateinische Ziffern hat?

[Bilder plus Hören]

__% - Na das ist ja schon eine Menge. Aber immer noch zu wenig!

[Lesen, Bilder (visualisieren), Hören, Mitdenken]

__% - Nun wird es langsam spannend! Die Kombination und das Mitdenken bringt es. Visualisieren kann man übrigens lernen, falls das noch ungewohnt sein sollte.

[Lesen, Bilder (visualisieren), Hören, Mitdenken, Selbst machen und anderen erklären]

__% - Spitze! Selbst aktiv und emotional beteiligt sein und die Sinne zugleich mit stimmiger Information bedienen. So kann das Gehirn optimal lernen.

Übrigens, die Zahlen oben waren in dieser Reihenfolge: zn-zg-dg-fg-sbg-nz (10-20-30-50-70-90) zu erraten. [ML]

Und wie lange bleibt das Wissen erhalten? Na ja, wenn Du Dich einmal am heißen Herd verbrannt hast - ein Leben lang!

1.4 Kritisches Lernen (mit System)

Ohne Kritiker bleiben Kreativität und Machen unreflektiert. Jedes Wachstum braucht Nahrung, und hier kommt die fragende, die hinterfragende, die in Frage stellende Kraft ins Spiel, eben die

KRI Krise – Kritik zu ertragen, ist gar nicht einfach (das fängt schon bei der SelbstKRITIK an).Kristall – klare Gedanken, Wissen ist kristallklar verstanden.Krimi – So wie beim Tatort die richtigen Fragen zum Täter führen, so führen beim Lernen die richtigen Fragen zum Wissen!
T Tu es – Fang an mit der positiven, förderlichen Kritik.
I Ideenreich fragen – Es heißt, wer keine Fragen stellen kann, der hat noch nichts verstanden. Es heißt aber auch, wer fragt, führt. Und ein Besuch im Kindergarten lehrt: Fragen ist kinderleicht!
K Kampf oder Krampf – Grausig, so mancher Stoff. Die Kröte schlucken? Könnte es einen Grund dafür geben, dass ich mich gerade gegen dieses krause Zeug so wehre?

Kritik kannst Du auf zwei Ebenen üben:

Beim Lernen im Großen geht es um die Überprüfung des Wissens:

Beim Lernen im Kleinen geht es darum, jedes Wissenselement durch Fragen kritisch zu beleuchten. Zum Fragen geeignet sind alle mehr oder weniger offenen Fragen, die W-Fragen (einige kennen wir noch aus der Sesamstrasse):

Übung 1-8: Suche im Internet nach Frageworten.

So betrachtet, hat Kritik etwas sehr Positives, Förderliches. Kritik ist eine Lernchance – vorausgesetzt, sie wird genau so geäußert und angenommen.

Durch Kritik wird Lesen aktiv. Durch aktives Lesen werden Assoziationen gebildet. So wird Gelesenes zu Gelerntem.

1.5 Fragendes Lernen (mit System) üben

Hier ein Beispiel eines Lerntextes aus dem [ICD-10]:

Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen.

Nur ein Satz, aber jede Menge Fakten. Einige spontane Fragen hierzu:

Nun beginnt die eigentliche Arbeit: Antworten werden gesucht. Klar, das könnte ewig so weiter gehen, wie bei dem endlosen "Warum" im Kindergarten. Wenn Du im Spiel zwischen Kritik und Machen bist, entscheidet vielleicht Deine Kreativrolle, wann Schluss ist! Dann akzeptierst Du einfach ein Wort oder einen Begriff, und gut.

Übung 1-9: Welche Sinne sind jetzt hierbei eigentlich gefragt?

So geht es übrigens im ICD-10 weiter:

Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf.

Noch Fragen6?

Übung 1-10: Finde Fragen zu dem zweiten Abschnitt aus dem ICD-10!

1.6 Lernen im Kleinen – Kennen und Können

Wie geschieht das Lernen? Eine kleine Bilderfolge dazu, die Du vielleicht visualisieren kannst:

  1. Erkenntnis: etwas oder jemand Neuesaus dem Rauschen“ herausfischen.
  2. Das Kennen lernen - wir machen uns bekannt - lernen uns näher kennen, sammeln Fakten und Detailwissen, schließen Bekanntschaft, aus der vielleicht mal Freundschaft erwächst.
  3. Alte und neue Bekannte stelle ich einander vor - ich schaffe Verbindungen in meinem assoziativen Wissensnetz, dem Gedächtnis.
  4. Gern pflege ich meine Bekanntschaften und treffe immer wieder alte und neue Bekannte.

So werden schließlich aus neuen Erkenntnissen vertraute Bekanntschaften.

Was bedeutet das z.B. für ein neues Wissensgebiet, das Du vielleicht aus einem Buch erarbeiten möchtest?

  1. Beim Lesen erkenne ich neue Worte oder Zusammenhänge und schreibe die gleich mal raus.
  2. Wenn ich mit dem Abschnitt fertig bin, will ich die Neuen erst mal Kennen lernen und suche ggf. nach weiteren Informationen (z.B. in einem Wörterbuch). Dabei entsteht vielleicht die eine oder andere Wissens(kartei)karte.
  3. In dem ich Gruppen und Kategorien finde und benenne, ordne ich das neue Wissen in meinen Wissensschatz ein. So wird es mir vertraut, ist dann nicht mehr neu, sondern einfach ein Teil vom Ganzen. So kann ich die Karten zusammenfassen oder vielleicht sogar auf einer Pinnwand in ein Wissensgerüst (z.B. die Skizze eines menschlichen Körpers) einfügen.
  4. Regelmäßiger Gebrauch, regelmäßiges Üben gibt mir Sicherheit im Umgang mit meinem Wissen. Das Gedächtnis braucht dazu am Anfang häufiger eine Auffrischung - die erste sehr bald (nach 10 bis 20 Minuten), dann eine vielleicht am folgenden Tag und dann nach ein paar Wochen.

Übung 1-11: Zeichne und beschrifte eine Bildgeschichte über die vier Schritte des Lernens im Kleinen.

Dazu die vier SchritteLernen im Kleinen“ hier noch einmal in Kurzform:

  1. Neues erkennen
  2. Erkenntnisse vertiefen
  3. Gruppen benennen
  4. Gelerntes verwenden

1.7 Lernen im Großen - Aufwand realistisch planen

Rechnen zählt vermutlich nicht zu den Lieblingsfächern von Heilpraktikern. Wenn wir uns aber für den Lernaufwand interessieren, damit es am Ende nicht zu knapp wird, können uns die Grundrechenarten und insbesondere das Zählen nützliche Dienste erweisen. Jede Aktivität wird in drei Schritten abgeschätzt:

  1. Umfang abschätzen (z.B. wie viele Seiten sind zu lesen, wie viele Stichworte nachzuschlagen - mit Notizen machen etc?)
  2. Individuellen Aufwand messen (eine oder mehrere Stichproben: z.B. wie lange brauchst Du für eine Seite)
  3. Hochrechnung (multipliziere Ergebnisse aus Schritt 1 und 2)

Zum Abschluss werden die Ergebnisse für alle Aktivitäten zusammengezählt.

Damit erscheint einfach berechenbar, wie viel Zeit Du für das Lernen mindestens veranschlagen solltest. Aber, erfahrungsgemäß gilt:

Gut geplante Projekte dauern immer nur doppelt so lang.

Daher solltest Du die errechnete Zeit verdoppeln. Warum ist das so?

Das größte "Problem" beim Lernen ist das "Vergessen". Wie viel Wissen hast Du behalten

nach 10 Minuten? ca. 3/4
nach einem Tag? ca. 1/3
Dauerhaft? ca. 1/6

Diese Ergebnisse sind zwar nur Anhaltswerte, die auf künstlichen Versuchsbedingungen aufbauen, und berücksichtigen keine Wiederholungen, aber für eine grobe Planung reicht das:

Damit ergibt sich ein Faktor von 1,2 x 1,2 x 1,2 x 1,2 = 2,0736. Wie bereits geschrieben: gut geplante Projekte dauern immer nur doppelt so lang.

Übung 1-12: So, und nun zurück zum Stichwort ICD-10: an was kannst Du Dich noch erinnern? Schreib es auf!

1.8 Lernaufwand systematisch abschätzen – Beispiel ICD-10

Das ICD-10, Kapitel F, gehört zu den Dingen, die auf jeden Fall für die Heilpraktiker-Prüfung (Psychotherapie) gelernt werden muss. Es gehört aber noch mehr dazu, nämlich gesetzliche Grundlagen, Therapiemethoden und Wissen über Medikamente und Ihre (Neben)-Wirkungen. Das vernachlässige ich einmal für den Moment.

Schritt 1 - Umfang abschätzen:

Der Abschnitt F des ICD-10 steht auf den Seiten → bis →. Das sind 48 Seiten. Es besteht aus Kapiteln F00 bis F99. Das wären 100. Allerdings gibt es einige Nummern nicht, daher nützt das für die Abschätzung nichts. Da die Seiten sehr lang und dicht beschrieben sind, werden jeweils Absätze abgeschätzt, die gut überschaubar sind. Es sind 492. Hier die zugehörige grobe Zählung:

Um einfacher rechnen zu können, runde ich auf 500 Absätze.

Schritt 2 - Individueller Aufwand:

Ich wähle die zwei Abschnitte aus, die wir schon aus der Übung zum Kritischen Lernen her kennen. Ergebnis: Inklusive Notizen machen, brauche ich etwa 1 bis 2 Minuten pro Absatz.

Schritt 3 - Hochrechnung:

Da ich auf der sicheren Seite sein möchte, nehme ich jeweils die größeren Werte:

500 Absätze x 2 Minuten / Absatz = 1000 Minuten

für das aktive Lesen bzw. Lernen.

Entsprechend schätze ich, wie viel Zeit ich für das Heraussuchen der Begriffe im Web oder in meinen Wörterbüchern brauche. Dazu benutze ich die Erfahrung, dass ich etwa 6 Worte pro Absatz direkt oder zu einer Antwort auf eine Frage usw. nachschauen möchte. Einen Begriff herauszusuchen (nebst Notizen machen etc.), benötige ich 2 Minuten. Das sind also noch einmal:

500 Absätze x 6 Worte / Absatz x 2 Minuten / Wort = 6000 Minuten

Zusammengenommen (ohne spezielle Überprüfungen) ergeben sich also für 1000 Minuten aktives Lesen plus das 6000 Minuten Heraussuchen (Faktor 2 für gut geplante Projekte nicht vergessen!) 14000 Minuten, also etwa 240 Stunden Arbeit. Wenn wir davon ausgehen, dass etwa 3 Stunden pro Tag zum Lernen reserviert sind, kommen wir auf 80 Tage oder 16 Wochen, wenn das Wochenende frei bleiben soll. Scheint mir zumindest nicht komplett unrealistisch.

Bei solch langen Zeiträumen empfiehlt sich ein Kalenderplan. Falls Du in einer Schule lernst, bekommst Du den automatisch. Darum kümmern sich Deine Lehrer.

Bitte beachte, dass die Anwesenheit bei den meisten Kursen einen eher geringen Teil ausmacht, die beispielsweise 3 Stunden pro Woche Unterricht ansetzen, während Du vielleicht eher mit 15 Stunden Lernzeit pro Woche für Vertiefung und Wiederholdung rechnen solltest (3 Stunden pro Tag, s.o.).

Übung 1-13: Wie kannst Du Unterricht und eigenes Lernen am Besten verbinden und welche Rollen (Kreative/r, Macher/in, Kritiker/in) helfen Dir dabei? Assoziiere! – Jetzt. Und schreibe alles sofort auf.

1.9 Lernen mit meinem Gehirn (System)

Entwicklungsgeschichtlich, anatomisch und funktionsmäßig besteht das menschliche Gehirn grob aus drei wesentlichen Teilen:

Alle diese Teile haben auch eine wichtige Funktion für das Lernen.7

Das Stammhirn markiert den Beginn der Evolution. Es steuert auch heute noch die vegetativen Lebensfunktionen, sorgt für das Überleben, die Muskelspannung und stimmt die Bewegungen aufeinander ab. Der Begriff erinnert auch an den Stamm, die Sippe, die Vergangenheit.

Das Zwischenhirn wurde nötig, um die zunehmende Vielfalt an Sinneseindrücken zu filtern, die durch Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken entstehen. Ansonsten wären wir hoffnungslos überfordert mit den Informationen, die auf uns einströmen. Dieses Filter, das zwischen der unverfälschten und der (im Großhirn) gespeicherten Information liegt, wird durch unsere Gefühle, Emotionen, gesteuert. Emotionen werden daher ebenfalls mit dem Zwischenhirn in Zusammenhang gebracht. Mit den Gefühlen leben wir im Jetzt, in der Gegenwart.

Das Großhirn schließlich ist der Sitz des Wissens. Es ist entwicklungsgeschichtlich sehr jung. Im Großhirn ist unser Wissen als Verknüpfungen, als Assoziationen, gespeichert. Neues Wissen entsteht durch neue bzw. verstärkte Verbindungen von Hirnzellen. Dabei wird zwischen motorischem Wissen und Geist unterschieden. Bei motorischem Wissen, also z.B. wenn wir einen Tanz lernen, müssen in der Regel neue Verbindungen wachsen. Das dauert etwas länger als das Verstärken bestehender Verknüpfungen. Durch die Fähigkeit Wissen zu speichern und zu assoziieren, erlaubt uns das Großhirn eine großartige Fähigkeit, die uns von den Lebewesen unterscheidet, die kein ausgeprägtes Großhirn besitzen: wir können die Zukunft planen.

Was bedeutet diese Aufteilung für das Lernen?

Stark vereinfachend kann man die Funktionen so sehen:

Zugleich ergibt sich eine zeitliche Dimension aus der Entwicklungsgeschichte:

Beim Großhirn haben zudem die linke und die rechte Hirnhälfte unterschiedliche Funktionen:

Links: Detail digitales Denken Analyse Logik
Rechts: Ganzheit analoges Denken Synthese Intuition

Wie kann man sich das merken? Idee: Aus Details baut sich ein Ganzes auf. „Details“ steht hier links und „ein Ganzes“ steht rechts.

Eine weitere Dimension des Geistes ist die Unterscheidung von Bewusstsein und Unterbewusstsein.

Übung 1-14: Wie viel von diesen Teilen benötigst Du zum Lernen? Zeichne einen Kreis und teile diesen entsprechend in „Tortenstücke“ auf. Soll das so bleiben oder möchtest Du etwas ändern?

1.10 Lerngeschichte (aus meinem Stammes-System)

Stammhirn, Stamm, Hirn, Vergangenheit, Geschichte: Welche Bedeutung hat das für mein Lernen?

Wenn es gut war, wiederhole ich es.

Wir können das systematisch nutzen, wenn wir uns bewusst werden, was bisher gut gewesen ist. Im Gedanken an ein Wissen, das Du bei Dir besonders schätzt, hier einige Fragen zu Deiner Lerngeschichte:

Wenn etwas schlecht war, mache ich etwas Anderes.

Auch hier können wir uns an Erfolgen aus der Vergangenheit orientieren.Betrachte einmal eine Lernschwierigkeit, die Du erfolgreich überwunden hast:

Das Stammhirn steuert die vegetativen Prozesse. Dazu gehören vermutlich auch der Schlaf-Wach-Rhythmus und die tägliche Leistungskurve. Lernzeiten sollten sich daran orientieren. Und dann gibt es da natürlich noch den Bio-Rhythmus (Beispiel Menstruation) und die Tagesform.

1.11 Emotionales Lernen (mit System)

Das Zwischenhirn als Vermittler zwischen Stammhirn und Großhirn, Sitz der Emotionen, Filter der Informationen von den Sinnesorganen: Was folgt daraus für meine Lernen?

Große Emotionen führen zu großem Lernerfolg. Beispiel: die heiße Herdplatte oder der Bügelautomat. Lernt praktisch (fast) jeder ohne Wiederholungen. Umgekehrt gilt: eine schlechte Stimmung, negative Gefühle zum Lernstoff verhindern den Lernerfolg. Starke Gefühle können auch entstehen, wenn ein Fehler aufgedeckt wird. Das ist wieder eine Lernchance, wie schon das Sprichwort sagt: Aus Fehlern lernt man.

Ebenso ist klar, dass alles Langweilige durch Interessantes verdrängt wird. Also: kein Krimi abends nach dem Lernen!

Da das Zwischenhirn alle eingehenden Signale verarbeiten und bewerten bzw. filtern muss, kommt es darauf an, möglichst einheitliche, passende, konsistente Informationen auf allen Kanälen anzubieten. Damit wird das Lernen verstärkt. Sonst wird vielleicht die wichtigste Information durch das Filtern ausgeblendet.

Falls unvollständige, uneinheitliche oder widersprüchliche Information im Zwischenhirn ankommt, entsteht eine Spannung, die nach Auflösung strebt. Das kannst Du Dir zu Nutze machen, indem Du Dein Denken zur Vervollständigung anreizt:

Manchmal werden Informationen ungefiltert und damit ungewollt verknüpft, woraus auch krankhaftes Verhalten resultieren kann: Klassische Konditionierung – die Verknüpfung von einem zunächst neutralen Reiz mit einem starken emotionalen Erleben. So werden im Unterbewusstsein Assoziationen verankert, die unbewusst das Denken und Handeln steuern. Offenheit für Neues bzw. Willen zur Veränderung können dadurch blockiert sein.

Durch positive Verstärker hingegen kannst Du den Lernerfolg beschleunigen. Nach einer guten Lerneinheit bzw. Prüfung gönne ich mir etwas Feines. Die damit verbundenen Emotionen der freudigen Erwartung auf Belohnung helfen mir beim Lernen. Man spricht hier von operanter Konditionierung.

Übung 1-15: Wofür war noch die linke Gehirnhälfte zuständig?

Haben Lernmotive auch eine emotionale Komponente? Was meinst Du?

Übung 1-16: Finde heraus, ob Dein Lernen eigenen oder sachfremden Motiven folgt, was der Lerngegenstand mit Deiner Situation und Persönlichkeit zu tun hat (Hausaufgabe – zum Beispiel für den nächsten ausgedehnten Spaziergang und die gemütliche Tasse Tee oder Kaffee danach). Und wieder: schreib es auf, am Besten jetzt gleich.

1.12 Das Großhirn systematisch zum Lernen aktivieren

Da das Wissen in den Verbindungen von Nervenzellen gespeichert ist, sollten wir uns bemühen, möglichst viele solche Verbindungen zu erzeugen und diese zu erhalten. Das muss nicht anstrengend sein, kann sogar Spaß machen.

Wie wäre es z.B. mit einer Runde „Stadt – Land – Krankheit“ oder „Körperteil – Diagnose – Therapieform“? Viele Menschen lösen Kreuzworträtsel, lesen aktiv Romane und Zeitungen, diskutieren ausgiebig mit anderen. Diese Aktivitäten erweitern unsere Assoziationsmöglichkeiten. So wird Lernen mit der Zeit auch immer leichter. Training zahlt sich aus – auch beim Gehirn!

Passiv Fernsehen hingegen, sich berieseln lassen, kann kontraproduktiv sein, und zwar besonders, weil uns die bewegten Bilder fesseln, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu fordern scheinen. Da arbeitet das Zwischenhirn, indem es schnelle Bewegung mit Risiko bzw. Gefahr assoziiert. Das ist auch heute noch manchmal von Vorteil, z.B. im Straßenverkehr.

Als höchste Instanz des Denkens, bestimmt das Großhirn auch die Prioritäten des Lernens:

Wenn die Überprüfung als Heilpraktiker ansteht, kannst Du Dich z.B. fragen:

Das Speichern von Wissen in den Verknüpfungen von Nervenzellen ist keine mathematisch exakte Zuordnung von Informationen. Du kannst Dir das eher wie „Stille Post“ vorstellen. Das hat zur Folge, dass wir ab und zu Assoziationen verwechseln. Das passiert so etwa jedes dreitausendste Mal. Das sind dann eben Fehler.

Umgekehrt ist es wenig nützlich, wenn Du kurz hintereinander Dinge lernst, die Du leicht verwechseln könntest. Manche sprechen dann von Ähnlichkeitshemmung. Mehr Sinn macht es, wenn Du über Kontraste lernst. Ein Beispiel zum Visualisieren: Wenn Du Legosteine schön nach Farben sortierst, ist es viel schwieriger, einen roten Dreier zu finden, als wenn Du nur nach der Größe sortiert und die Farben gemischt hast.

Mit Deinem Großhirn kannst Du einen auf das Lernziel zugeschnittenen Konstruktionsplan gestalten, so dass Du durch das Lernen dann „einzelne Bauabschnitte“ realisieren und ggf. weitere tragende Elemente und Stützen in Dein Wissensfachwerk einfügen kannst.

Übung 1-17: Wenn wir von den beiden großen Themen „Rollen beim Lernen“ und „Struktur des Gehirns“ ausgehen, wie könnte das Skelett zu dieser Sammlung bis jetzt aussehen?

1.13 Mentales Training – systematisch Lernen

Besonders im Sport hat sich in den letzten Jahren das so genannte mentale Training bewährt. Der Vorgang ist im Grunde einfach. Anstelle von Trainingseinheiten auf dem Sportplatz wird das Training nur virtuell, im Geist, ausgeführt. Erstaunlicher Weise wird dadurch z.B. die Treffsicherheit beim Korbwurf tatsächlich deutlich gesteigert. Auch für die Erhaltung bzw. Regeneration von Muskeln z.B. nach einem Beinbruch erweist sich virtuelles Joggen als hervorragende Therapieform.

Mentales Training kann auch für andere Situationen nützlich sein. Wesentlich sind die positiven Gedanken, welche Deine Visualisierung begleiten, wenn Du Dich auf eine bestimmte Weise verhalten möchtest. In gewissem Sinn programmierst Du so Dein Gehirn auf einen Auslöser, eine bestimmte Situation hin, die Du mit Deinem Wunschverhalten assoziierst. Dabei solltest Du den Auslöser so konkret wie möglich festlegen.

Du kannst mit ganz einfachen Übungen anfangen, z.B. könntest Du Dir vorstellen, dass Du, sobald Du durch die Tür nach draußen gehst, daran denkst, wie motiviert Du bist, morgen das heute Gelernte zu wiederholen.

Übung 1-18: Schließe die Augen und stell Dir die Situation im Geist vor. Du gehst durch die Tür, vielleicht als Erste oder Erster, vielleicht sind andere noch vor Dir, und Du denkst: „Morgen werde ich das heute Gelernte noch einmal wiederholen. Das wird Spaß machen.

Für das Lernen bedeutet mentales Training: Das Gelernte bleibt schneller und dauerhafter im Gehirn präsent, wenn Du Dir vorstellst, wie Du dieses Wissen später anwenden wirst. Klar, das wird nicht immer einfach. Manchmal hast Du das Gefühl, etwas lernen zu müssen, dass Du nie anwenden wirst. Vielleicht ist das tatsächlich so, vielleicht ist es aber auch so, dass Du das einfach nicht möchtest. Schau doch dazu mal in das letzte Kapitel dieses Buches oder sprich mit einer vertrauten oder vertrauenswürdigen Person darüber. Wie auch immer: Hier ist wohl Deine Kreativ-Rolle gefragt!


3 Die Beiträge sind bewusst im „Du“ bzw. „wir“ anstelle von „Sie“ gehalten. Ich stelle mir vor, wie ich das hier einer guten Freundin oder einem guten Freund erzähle.

4 Dies geht vermutlich auf Paul Watzlawik und Manfred Spitzer zurück, wobei ich die genauen Fundstellen leider nicht mehr ausfindig machen konnte.

5 Diese Form der Mnemotechnik habe ich aus [VB] entlehnt.

6 Zum Thema „Bewusstsein“ vgl. auch den betreffenden „Braincast 26“ [BC].

7 Viele interessante Informationen über unser Denkwerkzeug, die Psyche sowie deren Störungen gibt es auch als Podcast im Internet zum Hören [BC].

2 Alzheimer

Wer morgens dreimal schmunzelt,

wenn’s regnet nicht die Stirne runzelt,

und abends lacht, so dass es schallt,

wird 120 Jahre alt.

(Volksmund)

Die schlechte Nachricht ist, sie haben Alzheimer, die gute, Sie werden es gleich vergessen haben!

Übung 2-1: Welche Assoziationen entstehen dabei (in Stichworten)?

2.1 Wir werden immer älter

Dort, wo der Mensch nicht durch Hunger oder Kriege bedroht ist, steigt seine Lebenserwartung. Allerdings steigt damit auch das Risiko für typische Alterserkrankungen insbesondere für die Demenz und deren häufigste Ausprägung, die Alzheimer-Demenz. 1906 wurde diese erstmals von Alois Alzheimer als so genannte präsenile Demenz (Beginn vor dem 65. Lebensjahr) beschrieben. Weniger als 1% der unter 65-Jährigen leidet an einer Demenz. Das Risiko steigt ab dem 65. Lebensjahr steil an: bei über 85-Jährigen8 bereits auf ca. 15%. 2050 könnte die Anzahl Demenzerkrankter über 2 Millionen betragen.

Das Leitsymptom der Demenz ist der Gedächtnisverlust. Im ICD-10, der Internationalen Klassifikation der Krankheiten nach der Weltgesundheitsbehörde WHO, steht am Anfang von Kapitel F „Psychische und Verhaltensstörungen“ unter dem Abschnitt F00-F09 „Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen“:

Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen.

Übung 2-2: Zerlege diesen Satz in zwei oder drei eigene Sätze – mit eigenen Worten gesagt …

Eine kleine Merkregel dazu könnte diese sein: „GOAL“ als Ziel, das Urteilsvermögen so lange wie möglich zu erhalten, steht für Gedächtnis, Orientierung, Auffassung und dann alles was mit der Lernfähigkeit zu tun hat (Denken, Sprache und Rechnen).

2.1.1 Einfachauswahl

Eine mögliche Definition für Gedächtnisstörung:
(A) Einschränkung, sich Neues länger als 10 Minuten zu merken.
(B) Einschränkung, etwas zu behalten, dass länger als 10 Minuten zurück liegt.
(C) Erinnerungen können nicht der richtigen Zeit zugeordnet werden.

Erscheinungsbilder von Gedächtnisstörungen können vielfältig sein, daher als

Übung 2-3: Was ist anterograde und retrograde Amnesie, Hypomnesie, Hypermnesie, Zeitgitterstörung, Konfabulation, Paramnesie, Déjà-vu, Jamais-vu und Ekmnesie?

So geht es im ICD-10 weiter:

Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf.

Alzheimer entwickelt sich langsam über Jahre. Daher wird zur Diagnose verlangt, dass die Symptome für mindestens 6 Monate bestehen müssen.

Alzheimer hat eine organische Ursache: Das Gehirn zerfällt (Hirnatrophie). Die sichere Diagnose gibt es jedoch erst „post mortem“. Das nennt man eine Ausschlussdiagnose9.

Häufig kommen die Betroffenen nicht allein in die Sprechstunde, sondern werden von Angehörigen begleitet, denen der Gedächtnisverlust und die Orientierungsstörungen oder die mangelnde Urteilsfähigkeit aufgefallen sind.

Dissimulation – ein Herunterspielen von Symptomen – ist übrigens typisch für die Betroffenen der Alzheimer-Demenz.

2.1.2 Reihenfolge

In welcher Reihenfolge schwindet die Orientierung in der Regel?
(A) Zeit
(B) Ort
(C) Situation
(D) Ich

Übung 2-4: Patientengeschichte zu Alzheimer mit typischen Anzeichen für eine Demenz. Herr und Frau A. (Alter?) im Beruf, zu Hause und im Urlaub (blumig beschrieben, mit konkreten Beispielen).

Alzheimer verläuft in der Regel in drei Stadien über im Mittel 6 bis 7 Jahre (individuell stark schwankend):

Stadium I: Kurzzeitgedächtnis, Orientierung und ggf. Sprache gestört.

Stadium II: Vertrautes nicht mehr vertraut, Angehörige nicht mehr erkannt, Urteilsfähigkeit deutlich gestört, Aggression und Wahn10 möglich, ggf. Betreuungsbedürftigkeit (§§ 1896 bis 1908 BGB) Einwilligungsvorbehalt anstelle von Entmündigung z.B. für Finanzen, Gesundheitsfürsorge, Aufenthalt.

Stadium III: Motorik gestört, Inkontinenz, Pflegebedürftigkeit (ca. 2 Jahre).

Die äußere Fassade bleibt bei Alzheimer meist lange erhalten und die charakteristischen Persönlichkeitszüge (z.B. typisches soziales Verhalten) treten deutlicher hervor, z.B. von Sparsamkeit zu Geiz zu Verarmungswahn. Die Patientenreaktion ist unterschiedlich und kann von unangemessener Fröhlichkeit bis hin zu Depressivität und Suizidalität reichen!

2.2 Häufigkeit und Diagnose von Alzheimer

Mit welcher Häufigkeit11 treten die unterschiedlichen Demenzformen auf?

__% reine Alzheimer-Demenz
__% vaskuläre und Alzheimer-Demenz gemischt
__% vaskuläre Demenz
__% frontale Demenzen (z.B. Morbus Pick)
__% reversible Demenzen
__% Demenzen bei anderen neurologischen Erkrankungen

Alzheimer ist eine Ausschlussdiagnose!

Die Schwere bzw. der Verlauf einer Demenz kann durch einen Mini-Mental-State-Test (MMST), auch Mini-Mental-State-Examination (MMSE) erfasst werden – der Fragebogen ist im Anhang des [ICD-10] zu finden.

Übung 2-5: Wechselseitiges Durchführen eines MMST. Wie ist das jeweils in den beiden Rollen?

Differentialdiagnose: Mit welchen Erkrankungen könnte ein demenzielles Syndrom verwechselt werden? Besonders wichtig: die depressive Pseudodemenz.

Alzheimer Depressive Pseudodemenz
Gespräch Dissimulation (Verheimlichen, Herunterspielen) Klagen über Vergesslichkeit
Test entspricht Alltagsleistung Alltagsleistung deutlich besser
Depressive Symptome möglich Vorhanden
Antidepressiva keine Besserung Verbesserung kognitiver Fähigkeiten

2.2.1 Einfachauswahl

Eine 61-jährige Steuerberaterin kommt in Begleitung ihres Ehemanns. Vor zwei Jahren hat sie ihr Hobby Literatur und Theater aufgegeben. Wegen zahlreicher Fehler in der Arbeit wurde sie gekündigt. Fortschreitend zeigten sich Gedächtnis- und Merkfähigkeitsstörungen, schließlich Desorientiertheit ohne andere besondere Erkrankungen. Wie lautet die wahrscheinlichste Diagnose?
(A) Alzheimer-Demenz
(B) Alkoholismus
(C) Altersdepression

2.3 Therapie von Alzheimer-Patienten

Medikamentös kann Alzheimer mittels Cholinesterasehemmern bei ca. 20% der Fälle über bis zu 2 Jahren stabil gehalten werden. Ansonsten kann die Therapie symptomatisch ausgerichtet sein:

Wichtig auch: Vertraute Umgebung, Angehörigen-Arbeit, Selbsthilfegruppen, Sturzprophylaxe.

Übung 2-6: Finde Alzheimer-Organisationen in der Region. Welche Hilfen bieten diese an?

Die Unterstützung der Angehörigen von Alzheimer-Patienten kann ein wertvolles Angebot sein. Wie soll man mit den Hilfesuchenden umgehen? In einem hilfreichen Erstgespräch könnten folgende Punkte berührt werden:

Übung 2-7: Ein simuliertes Erstgespräch „Mein Vater vergisst immer …“

Die Betreuung von Dementen ist ein 24-Stunden-Job, der Angehörige enorm belasten und überfordern kann. Wenn es dann zu Hause nicht mehr geht, können sich Schuldgefühle einstellen. Hier einige typische Fragen von Angehörigen:

Übung 2-8: Was könnte man Angehörigen auf die o.g. Fragen antworten?

2.4 Mögliche Ursachen für Alzheimer

Alzheimer ist eine primär degenerative Gehirnerkrankung. Typisch sind so genannten Alzheimer-Fibrillen und amyloide Plaques (Ablagerungen eines besonderen Proteins) hauptsächlich im Kortex und Hippocampus. Die Ursache ist noch nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich ist eine multifaktorielle Genese mit diesen Risikofaktoren:

Übung 2-9: Wo findet man Informationen / Hilfen zur Alzheimer-Erkrankung?

2.5 Einschub: Bewusstsein & Co

Bewusstsein kann als Fähigkeit angesehen werden, eine sinnvolle Beziehung zwischen sich und der Umwelt herzustellen. Man unterscheidet:

Quantitative Bewusstseinsstörungen, welche die Wachheit (Vigilanz) betreffen:

Benommenheit – teilweise mangelhafte Ansprechbarkeit

Somnolenz – Schläfrigkeit, vorübergehendes Wecken möglich

Sopor12 – Bewusstlosigkeit, durch starke Reize weckbar

Koma – tiefe Bewusstlosigkeit, nicht mehr weckbar

Qualitative Bewusstseinsstörungen, welche bei ansonsten wachem Bewusstsein auftreten:

Eintrübung – mangelnde Klarheit im Erleben, Denken und Handeln

Einengung – Erleben fokussiert, bei äußerer Handlungsfähigkeit

Verschiebung – Wahrnehmung verändert, vertieft, erweitert

Bewusstseinsstörungen sind immer Hinweis auf organische Ursachen, d.h. eine ärztliche Abklärung ist zwingend erforderlich!

Übung 2-10: Welches sind die 8 durch Alzheimer betroffenen Funktionen?

2.5.1 Freie Auswahl

Was könnte für eine beginnende Alzheimer-Demenz gelten?
(A) Frauen sind nicht häufiger betroffen als Männer.
(B) Das Bewusstsein ist quantitativ nicht gestört.
(C) Das Bewusstsein kann eingeengt sein.
(D) Das Bewusstsein ist nicht getrübt.
(E) Das Bewusstsein kann verschoben sein.

Sie leidet unter einer Apraxie. Also ist es mit Sport nichts. Dazu kommen ihre Alexie, Agraphie und Akalkulie, so dass es auch in den Grundfächern nicht voran geht. Am Schlimmsten aber ist ihre Agnosie. Andauernd fragt sie danach, wozu man das oder jenes benutzt; meist kann sie die Dinge nicht einmal benennen, denn da ist ja noch ihre Aphasie.

Übung 2-11: Übersetze den obigen Abschnitt.

2.5.2 Freie Auswahl

Als Begleiter der Hirnwerkzeugstörungen bei Alzheimer können auftreten:
(A) Überschießende Emotionen
(B) Emotionsverarmung
(C) Ungewohntes Verhalten in der Öffentlichkeit
(D) Antriebsarmut
(E) Tatendrang

Übung 2-12: Alternative Einstiegsfragen nach Gedächtnisproblemen, emotionaler Kontrolle, verändertem Sozialverhalten, veränderter Motivation, wie z.B. „Haben Sie in letzter Zeit bemerkt, dass sie etwas nicht finden konnten?“

2.5.3 Einfachauswahl