Aufbruch in Saint Louis.

Mai 1804

Es war ein unfreundlicher Montag. Der Himmel grau, voller Wasserdampf. Kein Zipfelchen Sonne schaukelte auf den schlammfarbigen Wellen des Missouri. Und der Dampf kühlte sich ab. Verwandelte sich in Regen. Tausende Regentropfen betrommelten den Rücken des Flusses. Dem Missouri gefiel das gar nicht! Auch nicht, dass eine Barke, sechzig Fuß lang, und zwei große Kanus auf Reise gehen wollten. Trotz Regentrommelei! Auch der Morgenwind gähnte mürrisch. Unausgeschlafen! Hatte wenig Lust die schweren Kähne auf den Fluss zu schieben.

Leinen los! Befahl Captain Meriwether Lewis.

Setzt die Segel! Befahl Hauptmann William Clark.

Der Fluss wusste sofort: Das waren keine Sonntagsangler, Spinner, die nur riesige Traumfische fingen, keine Jäger, die ihre Flinten an den Stockenten ausprobierten, auch keine Trapper, Waldläufer, Fallensteller, die Biberpelze verkaufen wollten.

Die Kerle auf den Kähnen, Soldaten, Matrosen, Trapper spuckten große Worte von einer Entdeckerfahrt ins Unbekannte. Tollen Abenteuern und so. Angeber! Schäumer! Sagte sich der Missouri. Und dann schimpften sie auch noch auf den dreckigen Fluss. Klar, die meinen mich, ärgerte sich der Missouri. Und zwar doll mächtig ärgerte er sich. Beleidigung musste er nicht auf sich sitzen oder schwimmen lassen! Also zeigte er diesen dreckigen Schäumern sofort seine Fäuste: Schob damit zur Probe eine Sandbank vor die Barke. Da wird sie drauf festsitzen. Vor geht nicht. Zurück erst recht nicht. Ende mit der Abenteuerei auf einer unbekannten Wassersperre aus Sand, Muscheln. Hoho! Aber einer der Kerle stand am Bug, warnte: Dreckige Sandbank an Backbord!

Alsdann trieb der Missouri ein paar moosige Baumstämme, abgebrochen vom Wintersturm, echte Riesen, schon Hunderte Kilometer weit gereist vor die Kanus. Die würden diese winzigen Schwimmer aufspießen. Zerschmettern. Einschließlich Dreck! Noch mal Hoho!

Aber einer der Kerle stand am Bug. Passte auf, mit Augen scharf wie ein hungriger Luchs: Stakte den Weg frei! Na so was. Was traute der sich!

Also bat der Missouri den mürrischen Kleinwind etwas mehr Wind zu machen. Richtung Sturm zu blasen. Machte der auch, war ja ein Freund von ihm.

Aber die Entdeckerkerle waren nicht doof. Zogen blitzschnell das Segel ein. Ruderten jetzt, dass die Muskeln ächzten und die Ruderblätter stöhnten.

Trotzdem, der Sturm schaffte es, die Boote in des Teufels Renngrund zu drücken. Dort spielten die Wellen Wettrennen. Siegerpreis die Holztrümmer eines Kanus! Hohoho! Denn dort schoben die Ufer den Fluss schmal. Und das Wasser wollte schnell aus Schmal und Eng rauskommen. Es rannte. Tobte. Wirbelte heulend Äste, Klamotten auf. Und noch mehr Schlamm. Trudelte, riss sie alles mit sich. Und die Fische, Frösche flogen wie besoffene Möwen umher. Ein Teufelstanz!

Der Missouri jedoch stutzte und dann staunte er: Die Entdeckerkerle hatten nicht mitgetanzt! Ja, ein Mast war gebrochen. Und in die Boote hatten sich ein paar Kleinwellen verirrt. Aber sonst: Schwammen sie weiter. Schöpften die Boote trocken. Als hätte es keinen Teufel gegeben.

Der Missouri tröstete sich: Eine Flotte und zwei Kapitäne. Das ging sowieso nicht gut. Der eine Kapitän will links. Der andere rechts.

Mit Zank und Streit kommt keiner weit!

Und die drei Boote: Schwer beladen. Viel zu viel. Das spürte der Missouri doch deutlich auf seinem Rücken. Auch das ging nicht gut. Nicht wendig genug für eine Flussreise!

In diesem Augenblick blinzelten ein paar Sonnenstrahlen aus den Wolken. Und alles sah freundlicher aus. Etwas. Zum Beispiel die Weiden am Ufer. Die regentriefenden Kühe auf der Weide. Behangen mit Regentropfen, wie glänzende Perlen. Perlenkühe! Die Wellen trugen Sonnenflimmer. Sah gut aus. Und der Missouri hörte noch, wie die Kerle sich von den Kühen verabschiedeten. Von den Kühen? Ja doch. Kann sein, es gibt im fernen Unbekannten keine Kühe.

Was sind das für Kerle, die nicht mit dem Teufel tanzten? Vielleicht sogar über ihn lachten? 49 Abenteuermänner! Soldaten, Schmiede, Zimmerleute, Trapper, ein Arzt, ein Geiger für die Abende am Lagerfeuer, und York, ein schwarzer Sklave, ein bisschen Medizinmann, aber auch Koch, Griller, und ein Diener für Alles.

Ihre Boote waren schwer beladen: 20 Tonnen Mehl, 42 Tonnen gedörrtes Schweinefleisch, Suppenpulver, Waffen (Dutzende Gewehre, 52 Kästen Schießpulver, Kisten voller Kugeln), Navigationsinstrumente, medizinisches Material, 30 Pfund und unzählige Geschenke für die Indianer (2.800 Angelhaken, 22 Ballen Tuch, 130 Rollen Tabak, 4.600 Nadeln, 500 Armreife, Hunderte von Perlenketten, Dutzende Taschenspiegel, Säcke voll Tand, aber auch Beile, Scheren und vieles mehr).Außerdem ein Hund, der Lewis gehörte. Ein Neufundländer namens Seaman.

Und zwei Kapitäne, Kommandeure!? Stritten sie sich? Links rum, nein rechts? Nein! Jeder hatte seine Aufgabe. Das, was er am besten konnte. Clark zeichnete den Lauf des Flusses auf. Jede Biegung. Tiefe. Inseln. Landeplätze, versteckte Riffe. Lewis sammelte unbekannte Pflanzen, Blumen. Suchte fremde Tiere. Und gab den Fremden neue Namen. Zum Beispiel die Clarksche Perlenkuh. Falls er die entdeckte. Er zählte die Büffel. Denn es war schon wichtig, ob da fünf oder fünfhundert Büffel umherspazierten. Für die Verpflegung.

Und wenn die beiden wirklich mal schlechte Laune hatten, grillten sie sich ein so großes Büffelsteak, dass sie überhaupt keine Zeit hatten, sich zu streiten! Nur der Tomatenpamps fehlte, weil der noch nicht erfunden war.

Inhaltsverzeichnis

Durchmarsch durch das Territorium der Sioux.

September 1804

Man kann nicht sagen, dass der Missouri ein Schlangenfluss war. Obwohl es hier viele Schlangen gab. Manchmal neckten sie sich, Fluss und Schlangen.

Schlangen: Du trägst soviel Schlamm spazieren, wie sollen wir da den Frühstücksfrosch finden?

Missouri: Seid froh. Ich verstecke euch nur vor den Fischreihern, die auch ihr Frühstück suchen.

Schlangen: Bist eben unser Big Muddy, der große Modderer!