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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2015 Simone Dräger

Fotos: teilweise aufgenommen in Ballett & Bühnentanzschule Angel Blasco, Solingen Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7392-9036-2

Inhaltsverzeichnis

Das ist ein Buch über eine Art von Schüchternsein, die nur im Beisein von anderen Personen auftaucht und bei einem selbst einen Identitätsverlust, Selbstleugnung und Verwirrung auslöst. Kennzeichnend hierbei ist eine gewisse Verschlossenheit. Der Körper befindet sich in einer Angstreaktion, alles andere wird ausgeschaltet, aufgelöst – da nur das Überleben zählt. Diese Angstreaktion ist zu begreifen wie ein „Blackout“, welches sich letztendlich in der Sprache niederschlägt und man „Das Mundschloss“ nennen kann.

00. Das Rätsel

Das Schreiben fing mit einem roten Plastikordner und ein paar Blättern Papier an, die auf meinem schwarzen Schreibtisch neben einem Berg an Hausaufgaben lagen. Damals war ich vierzehn Jahre alt und wohnte vorübergehend in einem Kinderheim. Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich dort am Schreibtisch. Ich wollte alles bisher Geschehene aufschreiben und dabei herausfinden, was es war, das mich zwei Jahre zuvor in eine Magersucht getrieben hatte. Außerdem wollte ich etwas machen. Hier im Heim konnte ich ja nichts tun, außer abwarten und aushalten. Während ich schrieb und nachdachte, merkte ich, dass es da etwas gab, was sich nicht ausdrücken ließ – viele Gefühle und Gedanken, die innerhalb von Bruchteilen von Sekunden abliefen und kleine Gefühlsachterbahnen bedeuteten, die mich immerzu beschäftigten und in einen unangenehmen, irgendwie unlebhaften Zustand brachten. Jedoch erzählte ich niemandem von den ganzen Gedanken, wieso sollte man auch jemandem seine alltäglichsten, beinahe sekündlich ablaufenden Gefühle erklären? Die hatten andere doch sicher auch. So dachte ich. Dennoch gab es Situationen und Zeitspannen, von denen ich mir wünschte, dass es sie nicht gäbe. Zum Beispiel war da die Angst gewesen, wenn ich aus der Schule gekommen war und zu den Nachbarn ging, weil meine Mutter bzw. meine Eltern arbeiten mussten. Schon auf dem Rückweg, bei dem ich einen steilen Berg hochging, an unzähligen Häusern und Autos vorbei, spürte ich eine starke Anspannung und Angst, „Hallo“ sagen zu müssen, wenn ich das Haus der Nachbarn betrat. Wer würde aufmachen? Eines von den anderen vier Kindern oder eine der Tagesmütter? Die blonde Antonia oder die rothaarige Maja? Sollte ich eigentlich Du sagen oder Sie? Ich schwitzte, weil ich auf dem Schulweg so schnell marschierte aus Angst vor „bösen Männern“ und ich wechselte immer wieder die Straßenseite, wenn mir jemand begegnete, vor allem aber auch aus Nervosität wegen des inneren Films, was mich alles gleich erwarten würde.

Würde mir jemand Essen auf den Teller legen, wobei ein „Danke“ erwartet würde? Musste ich jemandem Bescheid sagen, wenn ich nachmittags nach Hause wollte? Wieso blieb so ein „Kloß“ in meinem Körper stecken, während die anderen Kinder munter von der Schule erzählten? Vom schnellen Laufen bekam man Durst – nicht gut! Denn das bedeutete, stark darauf zu hoffen, dass mir jemand etwas zu trinken anbot! Jemanden danach fragen, das konnte ich nicht. Aber auch das Getränk eingegossen zu bekommen war sehr unangenehm – eben wegen des erwarteten „Danke“. Natürlich wollten die gewöhnliche Begrüßung und die anderen „Formeln für den Umgang“ niemals funktionieren, was bei mir ein dauerhaft schlechtes Gewissen hinterließ. Getränke ziehen üblicherweise einen Toilettengang nach sich, und auch das war wieder etwas Schwieriges. Wann und wie sollte ich es sagen oder einfach gehen? Der Schritt etwas in dieser Hinsicht zu tun war für mich wie die Überwindung vom 10-m-Turm zu springen.

Aber dieses Gefühl war kein unbekanntes, es tauchte ständig auf: in der Schule, auf dem Schulhof, im Klassenzimmer, auf dem Schulweg, in Geschäften … oder einfach immer dann, wenn ich Menschen sah, die mich ansprechen könnten.

Beim Füllen der Seiten in meinem roten Plastikordner erschienen mir weitere Bilder von bisher Gewesenem. Ich zerbrach mir den Kopf darüber: Wieso redeten die anderen Kinder immer so drauf los? Wie fiel ihnen immer etwas ein? Wie und wieso sprachen sie andere Kinder an? Warum ließ ich am liebsten meine Jacke an, während meine Mutter wollte, dass ich sie ausziehe? Es schien einen Bruch zwischen mir und den anderen zu geben. Ich konnte nicht so sein wie sie. Aber vor allem fühlte ich mich unfrei.

Was veranlasste, dass es mir unangenehm schien, alleine auf Toilette in einem Café zu gehen? Warum blieben solche „aufregenden Momente“ so lange in mir gespeichert? Mutter, Vater und Omas machte es doch stolz, wenn man dies alleine konnte. Bei mir gab es überall Hürden, die Angstgefühle auslösten. Am liebsten hätte ich alles vermieden. Deswegen ging ich auch lieber in kein Café: um gar nicht erst in die Situation zu kommen mit der Toilette – oder gar dem ganzen Bestellvorgang.

Ich merkte umso mehr, dass ich anders war, je älter ich wurde. Am meisten daran, dass andere Kinder immer selbstständiger wurden und sich frei in der Welt umherbewegten. Ich konnte mich nicht so verhalten, wie es von mir erwartet wurde. Ich verabredete mich nicht mit anderen Mädchen, um mit ihnen schwimmen zu gehen oder ins Kino. Das schien mir wie eine ganz fremde Welt und solch ein Versuch hätte mich viel Kraft gekostet. Millionen Mal hätte ich am liebsten gesagt: „Hilfe! Hallo Leute, das, was ihr von mir seht, so bin ich eigentlich gar nicht!!!“

Nun saß ich schreibend in dem Kinderheim, um genau das zu schaffen und zu bewältigen; „jugendlich“ sollte ich werden. So lautete der Beschluss von der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der ich zuvor acht Monate verweilt hatte. Eher durfte ich nicht mehr zurück nach Hause … Meine Eltern hatten Angst, dass ich in den Zustand von vor dem Psychiatrieaufenthalt zurückfiele. Und eigentlich sollte ich jetzt auch nicht schreiben, sondern mit anderen irgendwo „abhängen“.

Ich kam mir vor wie eine ferngesteuerte Puppe, die hier bloß das richtige „Outfit“ bekommen sollte, damit „alles gut“ sei. Aber innerlich fühlte ich mich wie eingemauert, angespannt und erstarrt und das, obwohl ich rund um die Uhr von anderen Menschen umgeben war – was mich eigentlich dem Schneckenhaus entreißen sollte.

Nein, empfand ich, alles, was ihr anderen von mir seht, das bin doch gar nicht ich! Wie eingeschnürt fühlte ich mich, von ständiger Unterdrückung belastet. Aber du musst durchhalten, sagte ich mir. Du willst doch Schauspielerin werden, das ist doch dein größter Wunsch! Endlich könnten dann alle sehen, wer ich in Wahrheit bin und was ich leisten kann!

Aber wie, bitte wie, soll ich diesen Traum erreichen, welche ersten Schritte tun auf dieses Ziel hin? Wie meine Wünsche äußern? Wie jemanden anrufen? Wie mich verhalten in einer neuen Gruppe? Also warten, wieder warten – und aushalten.

Ich versuchte nun, mein Problem möglichst präzise zu formulieren. Aber meine Gedankengänge schienen sich ineinander zu verwickeln, so dass ich sie nicht recht fassen konnte. Ging es denn nicht anderen Menschen ähnlich? War ich wirklich anders oder bildete ich mir das nur ein? Strengte ich mich einfach nicht genug an?

Für mich war diese innere Versperrtheit das Hauptmotiv dafür, dass ich mich nicht gut fühlte, aber wie genau dieses schriftlich erklären? Ich sah immer wieder den Unterschied vor meiner Nase: So viele Menschen und Kinder und alle Personen hier im Kinderheim waren so unbeschwert in ihrem Verhalten. Sie erzählten, was sie bewegt, und Floskeln wie „Hallo“ und „Danke“ schienen so selbstverständlich wie auch Personen beim Namen zu nennen.

Zu Hause war ich ein anderer Mensch! Man könnte sagen „ganz normal“. Ich redete, ohne nachdenken zu müssen, nahm Sachen ganz anders auf und war lebhaft und kreativ. Allerdings konnte ich auch nur meine Mutter mit „Du“ ansprechen. Bei allen anderen fiel es mir ansteigend schwerer. Aber das konnten die im Kinderheim nicht sehen. Es legte sich ein innerer Schalter um und ich war ein anderer Mensch. Zuvor in der Psychiatrie kannte man mich nur so: steif und angepasst! Was ich damit meinte, wenn ich beschrieb, mich „leer“ zu fühlen, wusste auch niemand so genau. Mir wurde entweder vorgeschlagen, mich „zu trauen“, oder ich wurde gefragt, was mir denn dagegen helfen würde. Ich hatte keine Antwort. Sich zu trauen schien mir auch „sinnlos“, denn wie einem „Roboter“ Seele einhauchen? Das hatte für mich nichts mit „trauen“ zu tun, sondern auch mit einem körperlichen Problem! Deswegen versuchte ich mir erst mal selbst zu helfen, indem ich alles zu Papier brachte, was mir einfiel. Mit meinen frühesten Erinnerungen fing ich an.

01. Verkleiden

Ich hatte einen blauen Plastiksack; Tücher, Tüllstücke, Stöckelschuhe, Ketten von der Oma und Verkleidungssachen waren darin. Alles Utensilien, die, wie die Laternen auf einem Pfad, auch später immer wieder in unterschiedlicher Gestalt aufleuchteten und den Weg wiesen. Als kleines Kind wandelte ich damit verwandelt durch die unterschiedlichsten Schauplätze in unserem Haus. Denn das war recht groß und hatte ganz unterschiedliche Zimmer, wie jeweils ein anderes Land – wenn man das mit kindlicher Phantasie beschreiben würde. Darin fanden Klamottenverkauf, Schule mit Kuscheltieren, Verreisen auf Inseln, Bootfahren mit umgedrehten Plastikhockern, Königin sein und „Wetten, dass..?“-Moderationen und endlose Gespräche mit imaginären Personen statt (zum Leidwesen meiner zuhörenden Mutter, die zu der Zeit noch Hausfrau war in diesem riesigen Haus und hauptsächlich alleine).

Schlagartig anders wurde ich, sobald fremde Personen zu uns in das Haus kamen. Ich versteckte mich sofort unter dem Tisch, über dem eine Decke bis zum Boden hing, oder quetschte mich wie eine Katze auf einen Stuhl, dass man mich nicht mehr fand, oder kletterte panikartig in einen Wandschrank. Ich wollte dann gar nicht da sein, damit ich nichts gefragt wurde, auf was ich hätte antworten müssen. Ein panikartiges Gefühl, wie bei einer Phobie, überstürzte mich dabei – was ich selber nicht verstand. Ähnliches passierte auch außerhalb von zu Hause, nur gab es da ja keinen Tisch oder Schrank: Traf meine Mutter andere Leute, versteckte ich mich unter ihrem Mantel und wich nicht von ihrer Seite. Auf gar keinen Fall wollte ich „Hallo“ sagen! Meine Mutter versuchte mir das zwar immer beizubringen, doch schämte ich mich schon, wenn sie das nur ansprach, weil ich es als rasend „peinlich“ empfand.

Manchmal erledigte meine Mutter ein paar Einkäufe mit dem Auto, bei denen ich immer mitfuhr. Ich fragte sie schon immer vorher, wo sie hinfährt, damit ich wusste, auf was ich mich innerlich alles vorbereiten musste. Große Angstminuten hatte ich, wenn wir in die Metzgerei fuhren. Beim Betreten des Geschäftes fand ich es gar nicht schön, den Frauen hinter der Theke zuzusehen, den Wurstgeruch zu riechen und die Kunden zu beobachten, die alle irgendwie mit den Verkäuferinnen im Gespräch waren. Wenn meine Mutter dann bedient wurde, wartete ich voller Anspannung auf den Moment, in dem man als Kind gefragt wird, ob man eine Scheibe Wurst haben möchte – denn da wusste ich, dass es gefordert sein würde, „Danke“ zu sagen. Ich beobachtete immer gebannt, wie die Verkäuferin die Gabel in den Wurststapel pikte, mir die Wurst hinhielt und dann (!?) … übernahm meine Mutter meistens das „Danke“ für mich und die Verkäuferinnen sagten oft, „es sei nicht schlimm“. Beim Rausgehen sagte ich fast nie „Tschüss“, obwohl die Verkäuferinnen es extra zu mir sagten aus Freundlichkeit. Meistens hatte ich später ein noch größeres Schuldgefühl, weil ich noch nicht mal „Tschüss“ gesagt hatte, obwohl sie schon so freundlich waren. Das musste dann erst einmal verarbeitet werden. Und blieb aufgrund des negativen Gefühls mehrere Stunden präsent. Deshalb wünschte ich mir immer, doch bitte keine Wurst angeboten zu bekommen, damit die ganzen peinlichen Situationen einfach wegfielen. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, im Auto alleine sitzen zu bleiben, während meine Mutter ins Geschäft ging, doch das konnte ich auch nicht, da ich oft Angst vor „Entführern“ hatte. Unbehagen bereitete es mir auch jedes Mal, wenn meine Mutter die Idee hatte, ein Eis im Hörnchen zu kaufen. Meine Lösung war: Ich wollte gar kein Eis, und wenn ich auch eins gewollt hätte – ich verzichtete meistens lieber. Selbst wenn sich nur meine Mutter ein Eis kaufte, hielt ich drei Meter Abstand zu der Bedientheke, um bei der Verkaufssituation nicht dabei zu sein, um nicht eventuell „Nein“ sagen zu müssen oder die Erwartung zu bemerken, dass ich als Kind „doch Eis zu wollen hätte“. Kaufte mir meine Mutter eins, war es sehr nervenaufreibend, da wieder ein „Danke“ erwartet wurde. Es fiel immer ein riesiger Stein von meinen Schultern, wenn die Verkaufssituation vorbei war.

Mit anderen Kindern spielen wollte ich auch überhaupt gar nicht. Vor ihnen hatte ich Angst und ich wich ihnen möglichst aus. Unangenehm empfand ich deswegen auch z. B. das Wartezimmer beim Kinderarzt. Dort waren oft andere Kinder, die einen zum Mitspielen einluden, indem sie Bauklötze, Bücher oder Puppen auf den Schoß legten. Das brachte mich immer in einen Zwiespalt, weil ich nicht unhöflich sein wollte, aber auch nicht mitspielen wollte und konnte. Spielplätze waren genauso ein gefürchteter Ort. Auf einem solchen Platz sollten möglichst wenige Kinder sein und möglichst keine „Gefahr“ bestehen, mit ihnen spielen zu müssen. Aber mit anderen Kindern zu schaukeln und zu rutschen ging ja gar nicht ohne Kommunikation – ob verbal oder nonverbal! Dieses Alleine-unter-Menschen-Sein und diese ungeschriebenen Regeln : Man macht einem anderen Kind Platz; ein Kind wartet, bis man an einem Spielgerät fertig ist – versetzten mich in eine schmerzhafte Spannung, ganz ohne dass auch nur ein einziges Wort gesprochen werden musste.

Meine Mutter oder meine Oma (bei der ich mich ansonsten auch wohl und frei fühlte und nun sehr oft untergebracht war, da meine Mutter versuchte, ein Medizinstudium zu beginnen) nahmen mich oft mit zum Einkaufen in den Supermarkt. Ich mochte die großen Geschäfte mit den vielen unterschiedlichen Packungen und Produkten, weil ich immer sehr neugierig war. Aber: Meine Mutter oder meine Oma durften sich im Supermarkt nicht weit von mir entfernen; am liebsten ging ich an ihrer Hand! Deutlich spürte ich, dass das meiner Mutter nicht recht war: Ein Kind soll doch zur Selbstständigkeit erzogen werden! Aber auch ich saß mit durchaus gemischten Gefühlen im Kindersitz des Einkaufswagens: Zum einen war da der kindliche Spaß, der durch eine solche „Fahrt“ ausgelöst wurde, zum anderen aber überkam mich ein panisches Gefühl bei dem bloßen Gedanken, irgendwo abgestellt zu werden, während Mutter oder Oma sich vom Wagen – und damit von mir – entfernten.

Wenn Kinder ausschließlich mit der Mutter verbunden sind, sieht man es nicht gerne. Es könnte ja überbehütet und verweichlicht werden. Und auch eine Mutter möchte ja ihr Eigenleben haben. Besonders meine. Deshalb war sie über mein „plötzlich“ komisches Verhalten immer sehr verwundert. Natürlich merkte ich das – was mich selbst in eine verzweifelte Lage brachte und dazu ein schlechtes Gewissen nach sich zog, da ich sie als kleines Kind doch fröhlich machen wollte.

02. Sing- und Kreisspiele

Das drückende Gefühl auf der Blase war mir nichts Unbekanntes, aber ich konnte im Kindergarten nicht fragen, ob ich auf Toilette gehen darf. Deswegen trank ich vorsichtshalber nur wenig. Das Problem war sowieso, dass ich nicht nach der Glaskaraffe mit Tee fragen konnte, wenn diese für mich unerreichbar auf dem kreisrunden, grünen Frühstückstisch stand. Ich sah zwar, wie die anderen Kinder die Toiletten- oder Glaskaraffenfrage nach dem roten Teegetränk einfach ausführten, aber selber konnte ich mir nicht vorstellen, es zu tun. Der Text wäre zwar klar gewesen, doch war da einfach etwas Unsichtbares, über das ich nicht drüber kam. Auch beobachtete ich, wie Kinder andere Kinder mit Namen ansprachen und sich nach Kleber, Stiften usw. erkundigten, und ich malte mir sogar aus, wie ich das machen würde, formte mir immer wieder den einen Satz im Kopf zurecht und wiederholte ihn immer wieder und geriet dabei immer wieder durcheinander – so dass es in diesem Stadium stecken blieb. Und auch hinterher beschäftigte mich noch, dass ich nicht fragen konnte, weil mir die Aufregung und die Anstrengung so stark in Erinnerung blieben. So ähnlich wie dass man Weihnachten nicht vergisst oder sonstige Erfahrungen, bei denen man furchtbar aufgeregt sein kann.

Natürlich hätte ich nach einer Frage auch antworten müssen, „Danke“ sagen zu einem Kind, wenn es mir etwas gegeben hätte. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Peinlich! So gewöhnte ich mir an zu warten, bis ich mir meine Sachen selber holen konnte, auch wenn das mehr Geduld, Kompliziertheit und Umwege erforderte. Oder veränderte z. B. den Wunsch nach einem roten Stift in einen blauen, wenn der rote gerade unerreichbar war. Oder ich gab meinen Wunsch einfachheitshalber ganz auf.

Die ersten Wochen im Kindergarten waren sowieso ganz schlimm: Meine Mutter brachte mich hin, und ich weinte und brüllte wie am Spieß, da ich nicht ohne sie sein wollte. Ein paar Kindergärtnerinnen trösteten mich mit den Worten, dass sie ja um zwölf Uhr wiederkomme und das gar nicht so lange sei. Doch ein ganz schlimmes Angstgefühl brach einfach aus mir heraus, ich wurde zittrig und musste weinen. Ohne sie fühlte ich mich ganz furchtbar hilflos, weil ich so viel Angst und Unsicherheit, ja irgendwie mich selber auch gar nicht fühlte. Alles veränderte sich, wenn meine Mutter nicht anwesend war. Ich realisierte, dass ich ohne sie alles mitmachen und aushalten würde, auch wenn es schlimm oder gefährlich wäre, weil ich mich nicht bemerkbar machen konnte.

Es gab Taschentücher im Schrank, die ich mir nehmen konnte. Es war seltsam, sich alleine an einem fremden Schrank zu bedienen, immer ein bisschen so, als ob man etwas Verbotenes tat. Mit Überwindung und Unsicherheit bewegte ich mich alleine ohne Mama durch den Kindergartenraum zu dem Schrank hin … Hoffentlich fragte mich dabei keiner etwas. Ich war mit meinen Gefühlen so beschäftigt, dass ich nicht auch noch hätte etwas sagen können … Und dann, eines Tages, waren die Taschentücher leer! Ich traute mich nicht, nach neuen zu fragen, also zwang ich mich, das Weinen zu unterdrücken! – So verschwand es schließlich.

Freitags fanden immer die „Sing- und Kreisspiele“ in einer Kissenrunde statt. Im ersten Jahr konnte ich nicht mitsingen, mitklatschen oder mich irgendwie vom Platz wegbewegen, aber im zweiten Kindergartenjahr ging es ganz plötzlich doch, und ich hatte großen Spaß dabei! Im Kreis vor allen anderen Kindern zu tanzen, als Schmetterling, machte mir auf einmal total viel Spaß! Außerdem war ich ja ein Schmetterling!

Durch Zufall fand ich eine Freundin. Sie hieß Tine und war vor Kurzem gegenüber von unserem Haus in eine neue, weiße Doppelhaushälfte mit Garten und Klettergerüst eingezogen. Natürlich ging sie in den gleichen Kindergarten und fragte mich bald mittags an der Straßenecke, ob sie mich einmal besuchen solle. Es sei ja nicht weit. Ich hatte große Angst, sagte natürlich aber „ja“. So fing sie an, mich zu Hause zu besuchen, und ich nach ihrer Aufforderung auch sie. Dadurch dass sie sehr lebendig war, forderte sie mich zu vielem auf, und so spielte ich zum ersten Mal wirklich mit einem anderen Kind. Jedoch blieb meinerseits stets ein leichtes Unbehagen, da ich meinte, den „Erwartungen“ nicht gerecht werden zu können, und weil ich mich innerlich immer „verlor“ und bestimmen ließ. Naja, wir waren so etwas wie zwei gegensätzliche Pole, was mir eigentlich auch sehr half. Mit ihr alleine konnte ich normal sprechen, außer sie mit Namen anzusprechen oder Höflichkeitsfloskeln zu verwenden. Einmal bat ich sie, für mich im Kindergarten zu fragen, ob ich auf die Toilette gehen könne, worauf die Erzieherin meinte, dass ich doch selber einen Mund hätte … Seitdem machte ich das lieber nicht mehr. Außerdem merkte Tine, dass ich anderen Kindern oder Erwachsenen keine Fragen stellen konnte und machte es schon von sich aus. Dieses ließ immer ein etwas schlechtes Gewissen bei mir zurück, auch wenn es sehr erleichternd war.

Der Kindergarten hatte ein sehr schönes und großes Außengelände mit Sandkästen, Bäumen, einer blaue Rutsche und Hängen mit Wiesen. Es gab verschiedene Möglichkeiten und Schauplätze zum Spielen. Das mochte ich und kannte ich von zu Hause. Es schaffte die Illusion von verschiedenen „Ländern“, in denen man sein konnte. Ähnlich wie verschiedene Bühnen und Theaterstücke, zwischen denen zu wechseln es jederzeit möglich wäre. Fast jeden Tag gab es eine Stunde, in der sich draußen aufgehalten wurde. Ich hielt mich an Tine und es kamen öfter andere Kinder dazu. Mich überkam jedes Mal ein beklemmendes Gefühl. Ich beobachtete, wie Tine mit ihnen reden und lachen konnte, was bei mir ja nicht so ging. Das fand ich komisch. Ich bemühte mich, fand es aber immer anstrengend. Auch war es sehr beschränkend, wenn man nicht schaffte, jemanden beim Namen zu nennen oder ein „Du“ über die Lippen zu bekommen. Das „Eis brach nicht“ so wie bei Tine. Sagte ich doch mit riesengroßer Mühe mal „Du“, hatte ich mittags, wenn meine Mutter mich abholte, noch ein ganz aufgewühltes Gefühl davon. Damit eröffneten sich viele neue Aussichten, aber es war genauso unangenehm. So als hätte man mir die Hose ausgezogen. Bloß nicht nochmal! War Tine mal einen Tag nicht da, ging ich auch nicht freiwillig zu den anderen Kindern, sie mussten mich erst ansprechen.

03. Blauer Schultornister

War ich mit meiner Mutter in einem Kaufhaus, wollte ich unbedingt in die Abteilung mit den Schulsachen. Dort schaute ich mir gerne die Schultornister an und farblich passende Federmappen. Denn ich konnte es kaum erwarten einen Tornister zu bekommen. Deshalb wünschte ich ihn mir zum fünften Geburtstag! Ich bekam einen blauen, in einer großen Stofftasche verpackt, mit buntem, aufgeklebtem Gesicht. So spielte ich mit ihm, bis es dann wirklich soweit war! Am ersten Schultag stand ich an der Haustüre und fragte meine Mutter, ob ich ihn jetzt auch wirklich aufsetzen dürfe. Und war dann ganz stolz, damit nach draußen gehen zu können! Da ich älter als meine Freundin aus dem Kindergarten war, wurde ich früher eingeschult als sie und kam in eine Klasse, in der mich nur der Junge Stefan aus dem Kindergarten kannte. Neben ihm und einem anderen Jungen saß ich dann während der ganzen ersten Klasse.

Nach ein paar Tagen stellte ich fest, dass man im Unterricht aufzeigen muss, wenn man etwas weiß. Das fand ich ziemlich blöd, weil ich es mich nicht traute. Wollte aber zugleich nicht mit dem „Nicht-Trauen“ auffallen. Das bereitete mir ein schlimmes Sackgassengefühl.

Die Lehrerin war aber sehr bemüht mit meiner stillen und schüchternen Art. Ihr fiel es nämlich auch auf, dass ich nicht mit anderen Kindern spielte und stets zurückhaltend war. Manchmal nahm sie mich einfach so dran zum Vorlesen oder mit einer einfachen Frage. Ich konnte dann zwar etwas sagen oder vorlesen, aber meistens wurde das Gelesene sehr leise oder das Gesagte so knapp, dass nur eine weitere Frage mir noch mehr entlocken konnte.

In den Pausen war es meistens so, dass ich abseits der anderen auf dem Schulhof stand. Auch ging ich nach Schulschluss niemals zum Kiosk, um mir dort Eis, Sammelbilder, Sticker oder Ähnliches zu kaufen. Fand ich aber auch nicht schlimm. Lieber wartete ich, bis der ganze Schultag vorbei war, und holte alle Spiele zu Hause alleine nach. Schule bedeutet für mich „aushalten“ in einem komischen, tauben Zustand. Und Süßigkeiten von anderen Leuten und fremden Orten und dem Kiosk waren mir ohnehin meistens suspekt, da ich befürchtete, diese könnten vergiftet sein. Das Essen vor anderen Leuten war sowieso auch immer so ein Problem. Besonders Kaugummis, Bonbons und Eis. Kaugummis und Bonbons erschienen mir immer riesig im Mund und ich konnte damit nicht antworten, wenn tatsächlich einer etwas fragte. „Technisch“ ging das einfach nicht. Ich spuckte dann umher oder irgendetwas fiel heraus. Auch wenn ich nichts gefragt wurde, fand ich es schwer, diese im Mund hin und her zu bewegen. Vermutlich wegen der großen Anspannung und dem verhaltenen Kiefer. Bei Eis fand ich es schwierig und peinlich die Zunge herauszustrecken und im Mund zu lutschen oder mich zu verschlucken. In der Schule hatte ich meistens auch keinen Hunger – oder mir war schlecht.

Große Änderung ab der zweiten Klasse: Meine Mutter fing an, im Schichtdienst als Krankenschwester zu arbeiten, was bedeutete, dass ich nach der Schule oder auch an den Wochenenden zur Betreuung zu der Familie von Tine ging, da sie ja bei uns gegenüber wohnten. Das schien auch die beste Lösung zu sein, in einen Hort hätte ich nämlich nicht gewollt! Dort fiel deutlich auf, dass ich trotz Schulkindalters nicht grüßte oder mich nicht zu Wort meldete, wenn ich z. B. Durst hatte oder auf Toilette gehen wollte. Da ich ja wusste, dass ich es machen sollte, war ich jedes Mal aufgeregt, wenn etwas bevorstand, und ich übte die Sätze in meinem Kopf auswendig und brauchte schließlich auch sehr lange, bis ich tatsächlich sagen konnte, dass ich „mal eben auf Toilette“ gehe.

Auch gab es wieder öfter Weinkrämpfe vor meiner Mutter, da ich nicht wieder zu anderen Leuten gehen, sondern zu Hause sein wollte. Keiner verstand wieso, ich selbst auch nicht. Es war nur dieses Gefühl, ständig etwas Unangenehmes „aushalten“ zu müssen. Zu Hause konnte ich ja machen, was ich wollte, reden, was mir einfiel, meine Mutter fragen, was ich gerne hätte, und alles ging von selbst. Dort wurde alles nur anstrengend und schwierig. Manchmal glaubte meine Mutter dann, dass mich besser mein Vater „rüber“ bringe, abhole oder ich vorher noch zu meiner Oma solle, denn bei denen würde ich ja nicht so einen Aufstand machen. Und auch „Freunde“ meiner Mutter meinten, dass ich doch genau wüsste, welche Knöpfe ich bei ihr zu drücken habe, damit sie bei mir bleibt. Doch unterdrückte ich bei anderen Leuten als meiner Mutter meine starken Angstgefühle, erlebte sie still im Inneren und fühlte mich ständig, als hätte ich meine Seele verkauft, da ich zu niemandem mehr offen sein, mich selber ausdrücken und fühlen konnte.

Einmal konnte ich beim Mittagessen nicht sagen, dass ich nur eine halbe Wurst mochte und bekam deswegen „Ärger“ – weil diese ja auch teuer ist und ich vorher nichts gesagt hatte. Das war mir dann extrem unangenehm – dass es bloß an meinem Nicht-Sprechen lag. Ich wollte ja nichts falsch machen! Ab dem Zeitpunkt hatte ich immer Angst, die Situation könne sich wiederholen, und dass ich dann die Forderung wiederholt nicht erfüllen können würde! Ich wusste schon vorher, dass ich nicht einfach so in den Raum sagen könnte: „Ich möchte nur eine halbe Wurst.“ Vor allem sprachen die anderen ja auch immer und ich wusste nicht, wann ich es irgendwie „dazwischenschaffen“ sollte.

So wurde jeder Tag zu einem Hürdenlauf. Jeden Tag ein bisschen anders, je nach Dienst meiner Mutter. Mein Vater hatte mit alldem nicht so viel zu tun, da er jeden Tag von morgens bis manchmal spätabends in seiner Praxis beschäftigt war. Als kleines Kind hatte ich sowieso das Bild, dass er dort wohnt.