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B. Schulze Stiftung für therapeutisches Lesen und Schreiben

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Rabenfedern bringen Glück (Band 2)

BOD Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2020

© Claudia J. Schulze, Bilder von Anke Hartmann

ISBN: 9783848296873

„Es ist nämlich einfach so“, sagte Mia einmal, „du brauchst etwas, das dich daran erinnert an mich zu denken. Immer wenn du den Wind hörst oder Musik, oder immer, wenn du den Geruch von frischem Gras wahr-nimmst, dann weißt du, dass ich da bin. Es erinnert dich an mich, verstehst du? Auch wenn ich gar nicht weg bin. Sogar wenn ich neben dir sitze. Du kannst laut Mia sagen, oder leise. Es reicht auch, wenn du es nur denkst. Überhaupt ist das so mit den Gedanken. Sie fliegen mit dir dorthin wo du möchtest.“

Kapitel 1

Der Rabenkönig

Lukas, der direkt am Waldrand wohnte, und dem Tiere besonders am Herzen lagen, konnte es einfach nicht mit ansehen, wenn Vögel im Winter durch das Schneegestöber irrten und nichts zu Picken fanden. Deshalb hatte er im Winter immer schon Vögel gefüttert. Er hatte Körner für Meisen, Spezialfutter für die vielen Enten im Stadtteich und einige kleine Vogelhäuser in seinem Garten. Lukas war auf alles vorbereitet: auf Spatzen, Rotkehlchen und sogar auf Engpässe in der Futterversorgung.

Hierfür hatte er sich eine eigene kleine, doch gut organisierte Vorratskammer in seinem Baumhaus eingerichtet. Er mochte es, wenn er die Sachen im Griff hatte.

Auch für Stachel, den besonderen Igel, hatte er immer etwas da. Nur auf einen war selbst Lukas absolut nicht vorbereitet gewesen: auf Kieran, den Raben. Wenn ihr Lukas schon länger kennt dann wisst ihr, dass Kieran, den Lukas heimlich den „Rabenkönig“ nannte, sein Freund wurde, und dass eine schwarz-glänzende, wunderbare Rabenfeder diese besondere Freundschaft besiegelte.

Doch selbst wenn ihr Lukas und Kieran noch nicht kennen solltet – hier werdet ihr alles über sie erfahren.

Kapitel 2

Den Wald im Blick

Wie soll ich nach dieser Geschichte über Kieran am besten beginnen? Einiges wisst ihr ja ohnehin schon über Lukas.

Wahrscheinlich erinnert ihr euch noch daran, dass Lukas im Wald wohnt. Also in einem Haus am Wald, um genau zu sein.

Vielleicht wisst ihr noch, dass er sich um kranke und hungrige Tiere kümmert, und dass ihm Tiere meist lieber sind als Menschen. Mit der Ausnahme weniger.

Seine beste Freundin Mia war darunter und Kai. Ihn mochte Lukas seit einer Weile, davor waren sie lange Zeit verfeindet gewesen.

Kai hatte nur noch einen Vater, über den er sich manchmal aufregte, was mit seiner Mutter war wusste niemand so richtig.

Lukas wünschte sich in diesen Momenten, in denen Kai über seinen Vater schimpfte, dass auch er sich nochmal so richtig, und lautstark, über seinen Vater aufregen könnte.

Doch das war nun nicht mehr möglich, seit dieser gestorben war, bei dem Autounfall, der nun einige Jahre zurücklag und bei dem Lukas nicht nur ihn, sondern auch Katha, seine ältere Schwester verloren hatte. Vermutlich wisst ihr das noch. Auch, dass er es nicht schaffte, das Grab der beiden zu besuchen.

Vielleicht erinnert ihr euch auch noch an die vielen Tiere, die im Wald wohnten.

An Stachel, den Igel und an die große Eule, die gemeinsam mit dem Raben Kieran in den Nächten oft um Lukas Haus flog.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an Ruby, den kleinen Raben, den Lukas eines Morgens verwundet im Gras gefunden hatte, und dem er nicht mehr hatte helfen können.

Oder aber ihr erinnert euch an Simon, den Waldarbeiter mit dem Hund, vor dem Lukas sich gefürchtet hatte. Vor allem deswegen, weil der seinen Hund schlecht behandelt hatte.

Etwas, das Lukas zutiefst, wirklich aus ganzer Seele hasste und verabscheute.

Mit Sicherheit aber wisst ihr noch, wer Rüdiger war. So eine zutrauliche Fledermaus wie ihn sieht man nämlich ausgesprochen selten.

Lukas selbst hätte natürlich keines seiner Tiere vergessen können, weder Ludwig, die alte Kröte, noch Luna, die winzige Eule.

Er kannte Vögel und auch Ameisen, ja, sogar Grashüpfer, Libellen und Käfer persönlich, und weder sie oder sonst jemanden von seinen Nachbarn aus dem Wald würde er jemals vergessen.

Besondere Erinnerungshilfen brauchte er also wirklich nicht. Das wäre ja irgendwie noch schöner gewesen! Doch Kieran, der Rabe, hatte ihm eine solche trotzdem dagelassen.

Das war in dem einen Jahr gewesen, in dem Kieran über den Winter so lange verschwunden war.

Eine Feder hatte er Lukas dagelassen und an keinem Tag seither war Lukas ohne diese Feder aus dem Haus gegangen.

Auch nicht an dem Tag, an dem Kai ihn zur Schule abholte während er noch dabei war, einem Hasen die Pfote zu verarzten.

Dafür war er bekannt, es war einfach etwas, das ihm leichtfiel.

In der weichen Pfote steckte etwas fest, ein Dorn musste es sein, und Lukas suchte in seiner Tasche nach einem geeigneten Werkzeug um dem Hasen zu helfen.

In seiner Tasche fühlte er Kierans Feder.

Mit einer einzigen schwarzen Feder hatte das, was gut war, angefangen.

Irgendwie passte heute alles so richtig gut zusammen. Diese Tage entschädigten ihn für jene, die manchmal traurig und lang sein konnten. Er fand die Pinzette, die ihm schon häufig gute Dienste erwiesen hatte und zog den Dorn mit einem kleinen Ruck heraus.

Der Hase bewegte sich kaum, so sehr schien er Lukas zu vertrauen.

Ein schriller Pfiff riss ihn aus seinen Gedanken:

„Hey, Lukas!“. Es war natürlich Kai, mit seiner Sturmfrisur. Er grinste breit mit einer riesigen Zahnlücke zwischen den Vorderzähnen in seine Richtung. Schon von weitem sah Lukas, dass Kai sich seine Hose wieder einmal irgendwo im Wald zerissen hatte.

Das kam häufiger bei ihm vor. Meistens sah er dadurch ziemlich wild und zu allem entschlossen aus. Aber das war er nicht immer. Und selbst wenn, auch das hätte Lukas nicht gestört.

Eine ehrgeizige Kohlmeise versuchte energisch Kai zu übertönen, was selbstverständlich völlig vergeblich war. Niemand pfiff so laut wie Kai. Seine dunklen Augen blitzten jetzt abenteuerlustig; wahrscheinlich heckte er gerade wieder irgendetwas aus, wie meistens eben. Das war typisch für ihn. Lukas freute sich richtig ihn zu sehen.

Kai nervte manchmal, eigentlich jedoch war er so wie er war vollkommen in Ordnung. Man merkte das zwar nicht unbedingt auf den ersten Blick, aber jetzt hatte Lukas es ja trotzdem herausgefunden.

Es war schön einen Freund zu haben. Lukas steckte die Pinzette zurück in seine Tasche. Wieder spürte er Kierans Feder dort. Es gab keinen Zweifel:

Rabenfedern brachten Glück. Daran zweifelte er an keinem einzigen Tag. Sie konnte nur Glück bringen, denn einsam war er gewesen, übel einsam sogar, bevor er sie, zusammen mit Stachel, dem Igel, gefunden hatte. Einsam wie eine verirrte Ameise. Allein wie eine einzige, winzige und zudem sehr klägliche Ameise ohne ihren großen, vertrauten Ameisenhaufen. Mindestens. Noch nicht einmal Mia, seine Mia, hatte er damals gekannt. Und wer Mia nicht kannte, der konnte kein wirklicher Glückspilz sein. Soviel war ja sowieso schon einmal klar. Ja, es war einsam gewesen in der Zeit vor der Feder. Mom war zwar dagewesen, aber nicht bei ihm. Ihre Gedanken waren einfach nicht mehr in dieser Welt gewesen.

Erst die schwarze Feder hatte, er wusste nicht wie, die Wendung gebracht. Den Wald wenigstens, denn immerhin hatte es immer gegeben.

Allein das schon war ein Glück. Und jetzt gab es da auch noch Kai.

Es gab da etwas an Kai das ebenfalls anders war als bei den meisten, die er kannte.

Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Kai auch nicht so unbeschwert war. In seiner Familie war etwas vorgefallen, was den Klatsch und Tratsch der Nachbarschaft nach sich gezogen hatte.

So wie er, Lukas, selbst, war auch Kai dazu übergegangen die Gesellschaft von Tieren der menschlichen Gegenwart vorzuziehen.

Da gab es Klopfer, seinen Hasen, Maxime die alte Katze, und Tiffy, seinen Hamster.

Tiffy war zwar irgendwie ein echter Freak, aber das machte Kai nichts aus.

Maxime war dafür umso ausgeglichener, und keiner hatte ein weicheres Fell als sein Hase.

Außerdem fühlte es sich so wunderbar warm an wenn er ihn auf dem Arm hielt.

Allerdings, auch Kai musste zugeben, dass es durchaus Vorteile hatte auch einmal einen menschlichen Freund zu haben.

Lukas schien ihm da ganz in Ordnung zu sein. Sehr in Ordnung, wenn er es sich recht überlegte.

Kapitel 3

Lukas und Kai

Kai war zwar der beste in Sport, Mathe aber brachte ihn so richtig zur Verzweiflung. Dabei fand Lukas gar nicht so schlecht, was er da zusammenrechnete.

Auf eine Art kam es ihm sogar richtig klug vor. Nur eben, dass es nicht zu dem passte, was man als Ergebnis erwartet hätte.

Andererseits: Bei Kai kam ohnehin meistens etwas anderes heraus, als man erwarten würde. So war Kai eben. Und langweilig wurde es mit ihm nie.

Irgendwie passte heute wieder einmal alles so richtig zusammen, fast schon freute er sich auf die Schule. Einfach nur weil er dort Zeit mit Kai würde verbringen können.

Ein schriller Pfiff riss ihn jäh aus seinen Gedanken: „Hey, Lukas! “ Es war natürlich Kai. Er grinste mit einer riesigen Zahnlücke zwischen den beiden Vorderzähnen in seine Richtung. Lukas freute sich, wie immer, total ihn zu sehen. Gemeinsam gingen sie ihren Weg durch den Wald zur Schule hin. Manchmal machten sie auf dem Rückweg einen Umweg über die Ruine. In der Nähe gab es wohl noch ein Versteck, welches Kai ganz für sich alleine brauchte.

Nicht einmal Lukas wollte er dort bei sich haben. Einerseits fand Lukas das ziemlich schade, andererseits konnte er es auch wiederum verstehen.

Manchmal war es eben so, dass man etwas für sich ganz allein brauchte.

Immerhin hatte Kai ihm dafür den verfallenen, fast komplett mit Moos überwucherten Steinbrunnen gezeigt, und er teilte sogar seine Brote mit ihm.

Das klang zwar komisch, doch es gab nichts, was Lukas lieber aß als die Brote von Kai.

Oftmals verspürte er den ganzen Tag über keinen Hunger und seine Mutter hatte sich schon mehr als einmal darüber beklagt, dass er zu wenig aß.

Doch aß er nicht mit Absicht wenig. Häufig saß ihm etwas im Bauch. Etwas, das ihm die Lust auf das Essen gründlich verdarb.

Es fühlte sich so abgeschnürt an in ihm drin, so als wäre in ihm irgendwie überhaupt gar kein Platz mehr für irgendetwas anderes. Doch wenn Kai dann die Brote herausfischte, mit dem regelmäßigen und stolzen Hinweis darauf, dass er die ganze Komposition, die Zusammensetzung des Belages nämlich selbst erfunden hätte, dann war das anders.

Dann öffnete sich sein Bauch ein wenig, und er saß da mit Kai und aß das Brot, das irgendwie gleichzeitig nach allem auf einmal schmeckte, so als hätte Kai so ziemlich alles, was er im Kühlschrank vorgefunden hatte, zugleich irgendwie zwischen die Brotscheiben gepackt.

Woran es eigentlich lag, konnte er nicht sagen, doch wenn er in Kais Nähe war, fühlte er sich irgendwie verstanden.

Kai schien es genauso zu gehen. Es war noch nicht einmal nötig, dass sie sprachen. Manchmal war Kai wütend.

Er trat dann gegen den Steinbrunnen und sah dabei tatsächlich ziemlich gefährlich und ausgerastet aus, aber Lukas machte das nichts aus Immerhin kannte er das von sich selbst auch schon.

Somit fragte er Kai also noch nicht einmal, warum er das genau tat oder warum er denn überhaupt so wütend war.

Irgendwie konnte er es sich ja ohnehin denken. Die ganze Sache mit seiner Mutter steckte da sicherlich auch mit dahinter.

Die Leute hatten wirklich ziemlich viel über Kais Familie getratscht, nachdem seine Mutter damals einfach nach Holland gegangen war und das ohne ihren Mann und ohne Kai.

In dieser Zeit hatte Kai jeden gehasst. Lukas konnte sich noch gut daran erinnern. Sogar gegen Lukas selbst hatte er etwas gehabt.

Na ja, doch immerhin hätte Kai, selbst in seinen absolut miesesten, nervigsten und wirklich aller schlimmsten Phasen, zumindest seiner Katze niemals etwas angetan.

Auch Tiffy, dem goldbraunen, eifersüchtigen und ziemlich launischen Hamster, nicht.

Das war etwas, das Lukas mit Kai verband.

Niemals hätte einer von ihnen einem Tier auch nur ein Haar gekrümmt.