Inhaltsverzeichnis

Wir unterstützen die therapeutische Arbeit mit Kindern und Familien, die klinische Nachsorge, sowie die Kinder-Hospiz-Arbeit.

Viele Menschen haben an diesen Büchern lang und engagiert mitgearbeitet. Dennoch sind sie sicherlich nicht so „perfekt“ wie Bücher, die mit Hilfe großer Verlage lektoriert, gelayoutet etc. wurden. Wir haben uns dafür entschieden zugunsten des Zugänglich-Machens der Inhalte für möglichst viele auf die „Perfektion“ zu verzichten, so dass der Schwerpunkt auf die Verteilung gelegt wurde.

Dennoch haben wir natürlich unser Bestes gegeben- im kleinen finanziellen Rahmen und konnten durch die großzügige Hilfe so vieler, auch durch die unserer begeisterten (kleinen und großen) Testleser, nun diese Reihe glücklich fertigstellen. Ihre / Deine Anregungen, Vorschläge und Kritik bitte an: CJ.Schulze@gmx.de

Ermöglicht durch die Bärbel Schulze Stiftung für therapeutisches Schreiben und Lesen.

Nachtflüge (Band 1)

ISBN: 9783732277650

BOD Books on Demand GmbH, Norderstedt © Claudia J. Schulze, 2019

Bärbel-Schulze-Stiftung für therapeutisches Lesen, Villingen

Bilder von Anke Hartmann, Leipzig

Lektorat: Phillo, Leipzig

Die Seele, die nie Wahrheit erkannte, kann nie
Menschengestalt annehmen.

Platon

Kapitel 1

Lukas und die Rabenfeder

Lukas war schon beinahe 10 Jahre alt. Er hatte braune Haare und graublaue Augen. Eigentlich war er wie fast alle Kinder in seinem Alter.

Außer vielleicht, dass er ständig von Tieren umgeben zu sein schien. Das hatte bereits begonnen, kaum dass er hatte laufen können. Schon früh war er immer im Wald gewesen und hatte die Tiere dort beobachtet. Nicht einmal die scheuen Tiere, wie die Hirsche, liefen vor Lukas davon.

Manchmal blieben sie ganz nah vor ihm stehen und sahen ihn ruhig an.

Sie waren wunderschön und so majestätisch, dass es Lukas den Atem raubte.

Diese Momente waren etwas ganz Besonderes für ihn. Sie waren so schön, dass er ab und zu sogar von ihnen träumte. Wer jemals einen Hirsch aus der Nähe gesehen hat, kann das ganz sicher verstehen. Obwohl sie so mächtig waren mit ihren Geweihen und den Hufen, fühlte sich Lukas niemals von ihnen bedroht. Wenn er die dunklen Augen der Hirsche sah, fühlte er sich perfekt aufgehoben, so, als könnte ihm niemand etwas antun.

Im Wald fühlte sich Lukas am sichersten. Er genoss alles, was er dort so sehen und erleben konnte. Er liebte es, wie die Eichhörnchen von Baum zu Baum sprangen. Ihm gefielen die Fischotter.

Und er bewunderte die Eleganz der Eulen, wie sie durch den Nachthimmel glitten. Lukas hatte Glück, denn er lebte nah am Wald, so dass er sogar von seinem Fenster aus die Tiere dort beobachten konnte. Manchmal kamen sie dicht ans Haus heran und schliefen dort – ganz in seiner Nähe.

Oder sie flogen um das Haus, so wie Gerda, die Eule, und beschützten ihn in seinen Träumen.

Sie sprach sogar mit ihm. Ab und zu zumindest, aber gerade diese Träume konnte er sich immer am besten von allen merken.

Eine Eule, und dann noch eine, die einen sogar in den Träumen besuchte!

Das konnten nicht gerade viele Kinder von sich behaupten.

Doch es gab noch etwas, das Lukas von den andern Kindern unterschied.

Lukas fand es mehr als schwierig was den Umgang mit anderen Menschen betraf. Besonders aber mit Erwachsenen.

Sie waren so groß wie unberechenbar. Lukas ging ihnen aus dem Weg, wo er nur konnte. Besonders dann, wenn diese auch noch unfreundlich und brutal mit ihren Tieren sprachen und umgingen, so wie der Waldarbeiter Simon, den Lukas manchmal mit einem Schäferhund sah. Vor dem alten Waldarbeiter fürchtete er sich. Doch obwohl der Schäferhund auf den ersten Blick schon ziemlich gefährlich aussah, verspürte Lukas nicht die geringste Angst vor ihm. Er spürte, dass keine wirkliche Gefahr von ihm ausging. Bei Tieren war das also anders als bei Menschen. Sogar völlig anders. Natürlich wusste er, dass auch Tiere in manchen Fällen zur Gefahr werden konnten. Aber das war nicht mit Menschen zu vergleichen. Es ging um Instinkte, nicht darum, worum es bei vielen Menschen ging. Hier wusste er, woran er war.

Tiere hatten noch nie anders reagiert als er es vermutet und gespürt hatte. Sie gaben ihm Sicherheit.

Und deshalb wollte Lukas später auch einmal auf jeden Fall Tierarzt werden. Bereits jetzt schienen die Tiere das zu wissen, denn wie sonst ist es zu erklären, dass sie, wann auch immer eines von ihnen krank wurde, in irgendeiner Form, fliegend, flatternd oder zu Fuß, bei Lukas auftauchten.

Vögel mit gebrochenen Flügeln oder verwaiste Küken, Katzen mit verwundeten Vorderpfoten, ein junger Hund, der seinem Herrchen ausgerissen war, und Rüdiger, die kleine Fledermaus. An Rüdiger hing Lukas ganz besonders. Einmal kamen auch ein komisches Käuzchen mit geschürftem Schnabel, ein Marder, ein speckiges, ziemlich verirrtes junges Wildschweinchen und ein Maulwurf, der von einem herabgefallenen Ziegel leicht getroffen worden war. Dann wieder erschien eine Füchsin, deren Ohr verletzt worden war. Sie alle waren, jeder auf seine oder ihre Art, bei Lukas gelandet, und Lukas hatte jedem von ihnen helfen können.

Die Füchsin blieb seither ständig in der Nähe seines Hauses. Immer wieder sah er ihren roten Pelz durch das Unterholz leuchten. Das gefiel ihm.

Er wünschte sich kaum etwas anderes.

Nur ab und zu kam ihm der Gedanke, dass es ganz wunderbar wäre, könnte er auch sich selbst helfen und einfach weniger Angst vor anderen Menschen haben. Es blieb immer nur ein flüchtiger Gedanke. Obwohl ihm ansonsten ständig etwas einfiel, wenn es darum ging den Flügel eines verletzten Vogels zu schienen, einen Schmetterling zu retten oder einen Jungvogel mit einer Pipette zu ernähren – bei sich selbst wusste er nicht weiter.

Es erschien ihm vielmehr vollkommen rätselhaft, wie er etwas Vergleichbares bei sich selbst hätte anwenden können. Wenn er an den überaus klugen Ausdruck des Käuzchens dachte, vermutete er, dass es die Lösung wissen könnte. Doch ihm erschloss sie sich nicht. Nötig wäre es durchaus gewesen. Es gab nur eine einzige Ausnahme, eine einzige Erwachsene außerhalb seiner Familie, vor der er keine Angst hatte: Agathe, eine alte Frau, die in der Nähe wohnte. Von ihr hatte Lukas viel über das Verarzten von Tieren gelernt. Doch sie war, wie gesagt, eine Ausnahme.

In der Schule brachte er kaum einen vernünftigen Satz hervor, beim Bäcker ließ er sich abdrängen, der mies gelaunte Fahrer des Schulbusses war sein absoluter Tiefpunkt. Bei ihm zitterten Lukas Hände, wann immer er auch nur seine Fahrkarte vorzeigen musste.

Sobald ihn einer der Erwachsenen auch nur ansah, verschlug es ihm die Sprache. Die anderen Kinder lachten deswegen manchmal schon über ihn.

Besonders Kai, der es ohnehin irgendwie auf ihn abgesehen hatte.

Kai ließ echt keine Gelegenheit aus, Lukas eine reinzuwürgen wo er nur konnte. Es hatte keinen Sinn sich mit ihm anzulegen. Kai war beliebt und niemand spielte so gut Fußball wie er. Kai war zudem mindestens einen Kopf größer als Lukas und viel kräftiger. Kai wusste das natürlich auch, und er wusste das für sich auszunutzen.

Er gab ihm Schimpfnamen und äffte ihn nach, er lachte ihn aus oder redete schlecht über ihn. Das fand Lukas besonders hinterhältig. An manchen Tagen fühlte er sich deswegen noch schlechter als sonst.

Und wenn er dann auch noch das rote Gesicht des genervten Busfahrers vor sich sah, reichte es ihm vollkommen. Im Grunde hatte er schon längst aufgehört daran zu glauben, dass sich daran jemals etwas ändern könnte.

Das war jedoch, bevor er an diesem Tag im Herbst einem rätselhaften Igel begegnete.

Lukas hatte ein Geräusch gehört, und als er den Igel in dem Blätterhaufen auf dem Boden entdeckt hatte, wollte er gerade ins Haus zurückgehen, um ein rohes Ei für ihn aus dem Kühlschrank zu holen.

Doch bevor er sich rühren konnte, begann der Igel zu zischen. Er zischte ganz deutlich. Lukas erschrak ein wenig. Lukas beugte sich zu dem Igel hinunter um zu sehen, ob ihm möglicherweise etwas fehlte oder ob er verletzt war. Sein Gesicht war nun direkt vor dem spitzen Köpfchen des Igels. Er bemerkte erleichtert, dass dessen Augen völlig klar waren, nicht trüb wie bei einem kranken Tier. „Hallo Stachel“, sagte er leise zu dem Igel. Er fand, dass dieser Name zu ihm passte. Lukas legte den Kopf ein wenig schief, um zu hören, ob der Igel auch gleichmäßig atmete. Ihm fiel nichts Besonderes auf – außer, dass eine glänzende schwarze Rabenfeder auf dem Boden neben dem Igel lag.

Stachel rollte sich mit einem Mal auf dem Rücken im Laub herum, als wolle er spielen.

Dann fühlte Lukas etwas Feuchtes in sein Ohr stupsen.

Der Igel hatte ihm mit seiner winzigen, nassen Igelnase mitten in sein rechtes Ohr gestupst.

Schließlich drehte er sich um und verschwand mit seinen krummen Beinchen wieder zurück in die Nacht.

Lukas starrte ihm verblüfft nach und nahm die Feder, die neben dem Igel auf dem Boden gelegen hatte, mit in sein Zimmer.

Über dem Bett fand er einen guten Platz für sie.

Sie sah aus wie eine der Federn, aus der seine Schwester Katha sich einmal daraus eine lange Kette gebastelt hatte.

Er konnte kaum einschlafen, weil er ständig an diesen Stachel denken musste, doch als der Mond sein Fenster erreicht hatte, und die Feder über dem Bett einen weichen Schatten warf, wurde er müde.

Im Schlaf sprach Gerda, die Eule, zu ihm und erzählte ihm etwas davon, dass der Igel ihm etwas Wichtiges zeigen würde. Daher müsse er ganz genau auf jedes winzige Detail achten, auf jede kleine Stachelspitze.

Am nächsten Morgen noch dachte er an den Igel, während er in den Bus stieg.

„Jede kleine Stachelspitze“, schoss es ihm durch den Kopf.

Nicht einmal der lebhafte und stattliche Rabe auf dem Baum gegenüber der Bushaltestelle konnte ihn aus seinen Gedanken reißen. Das wollte etwas heißen, denn Lukas achtete sonst immer auf Raben. Er liebte ihr schwarzes, seidiges Gefieder.

Der Busfahrer saß am Steuer, beängstigend wie immer, den Blick stur auf Lukas gerichtet.

Lukas fühlte sich plötzlich schlecht, wie immer wenn er den brummigen Busfahrer sah.

Doch etwas war heute anders als sonst.

Obgleich es zunächst so wie immer zu sein schien, nahm er mit einem Mal ein Geräusch wahr.

Es war das Quaken eines Frosches, und es schien aus dem Mund des Busfahrers zu kommen, obwohl der seine Lippen fest aufeinander gepresst hielt. Das Geräusch klang so lustig und verband sich so perfekt mit dem Gesicht des Busfahrers, dass Lukas grinsen musste.

Plötzlich hatte er überhaupt keine Angst mehr. Völlig ruhig zeigte er dem Frosch-Busfahrer seine Karte vor. Dann setzte er sich – komplett ohne weiche Knie auf seinen Platz. Noch kam ihm nicht in den Sinn, dass der Igel etwas damit zu tun haben könnte. Erst als es in der Schule gerade so weiterging, wusste er, dass der Igel mit seiner kleinen schlabbrigen Nase offenbar sein Ohr verzaubert haben musste. Die Deutschlehrerin klang plötzlich wie eine zottige, anhängliche alte Katze.

Er konnte jetzt gar nicht mehr verstehen, warum er sich jemals vor ihr gefürchtet hatte.

Vielleicht hatte ihm seine Angst einfach nur einen Streich gespielt. Beinahe kam es ihm nun so vor, als sei sie eine Katze. Warum auch nicht…? Lukas grinste. Der Sportlehrer hingegen klang wie ein sehr zäher, doch schon etwas schwacher Esel, und die Bäckerin war eingehüllt in das abgehackte Gurren einer hinkenden und gutmütigen Taube.

Mit einem Mal verstand Lukas, dass die Geräusche ihm zeigen sollten, wem diese Menschen am ähnlichsten waren.

Und weil er sie dadurch viel besser einschätzen konnte, verschwand seine Angst vor ihnen wie ein Schneeball, der in der Sonne sehr schnell dahin geschmolzen war.

Er verstand, dass er keine Angst vor ihnen zu haben brauchte.