Daniel Rosenblatt in seinem Appartement in Manhattan / New York, © Oliver Heisch, 2006

Dr. Daniel Rosenblatt wurde 1925 in Detroit / Michigan geboren. Er studierte an der Columbia University und der Harvard University und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls. Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete er weitaus mehr als vierzig Jahre in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York. Er war »Fellow« und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitete gestalttherapeutische Ausbildungsgruppen in den USA, Europa, Australien und Japan. Er starb 2009 in Ft. Lauderdale / Florida

Neben »Gestalttherapie für Einsteiger« veröffentlichten wir in unserer Edition gikPRESS von Daniel Rosenblatt: »Gestalttherapie für alle Fälle. Eine Anleitung zum selbstbestimmten Leben«.

www.therapeutenadressen.de

Praxisadressen von Gestalttherapeutinnen und .Gestalttherapeuten. Infos siehe letzte Seite

Originaltitel:

»The Gestalt Therapy Primer«

Perennial Library, New York 1976,

und Yurisha Press, New York 1994.

NACHDRUCK

der 2009 erschienenen erheblich erweiterten Ausgabe

© The Rosenblatt Foundation, 2009, 2018

© für die deutschsprachige Ausgabe:

Erhard Doubrawa, gikPRESS, 2018

gikPRESS, Ludwig-Erhard-Str. 8, 34131 Kassel

Alle Rechte ausdrücklich vorbehalten

Umschlagentwurf von Stefan Blankertz

unter Verwendung eines Bildes von © Magdalene Krumbeck

Herstellung und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7481-8711-0

INHALT

Daniel Rosenblatt, Laura Perls und
Erhard Doubrawa (v.r.n.l.)am14.6.1988
im Gestalt-Institut Köln
Reproduktion von einem Video-Film
© Gestalt-Institut Köln

ZUM GELEIT (2009)

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

voll Freude und Dankbarkeit legen wir Ihnen diesen Klassiker der Gestalttherapie in erheblich erweiterter Form vor. Gleichzeitig sind wir traurig, dass Daniel Rosenblatt das Erscheinen dieser Ausgabe nicht mehr erleben konnte. Er verstarb vor wenigen Wochen in Ft. Lauderdale / Florida im Alter von 84 Jahren.

Sein vorliegendes erstes Buch gehört neben seinem zweiten Buch »Gestalttherapie für alle Fälle: Eine Anleitung zum selbstbestimmten Leben« (Edition GIK im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2008) zu den meistgelesenen Gestalttherapie-Büchern in englischer und auch in deutscher Sprache. Zu dieser Neuauflage von »Gestalttherapie für Einsteiger« sind hinzugekommen

Sollte Ihr Interesse geweckt worden sein, eine Gestalttherapeutin oder einen Gestalttherapeuten aufzusuchen, um sich bei Ihrer Selbstentdeckung unterstützen zu lassen, gibt es für Sie am Ende des Buches Infos, wie Sie einen Therapeuten in Ihrer Region finden können.

Viele Jahre durften wir Daniel Rosenblatts Großzügigkeit erfahren. Er war unser Therapeut und Lehrer. Er leitete zahlreiche Gestalttherapie-Workshops an unserem Institut und war Trainer im Rahmen unserer Gestalttherapie-Ausbildungsgruppen. Darüber hinaus hat er unsere Arbeit am »Gestalt-Institut Köln (GIK) « wohlwollend als Freund und Ratgeber unterstützt und begleitet. Er fehlt uns.

Anke und Erhard Doubrawa

Gestalttherapeuten

BRIEF AN DAN (1995)

Lieber Dan,

Dich zu kennen, verdanke ich meinem Lehrer und Mentor, Milan Sreckovic, der mich zum Weiterlernen zu seinen eigenen Lehrern und Freunden schickte. Inzwischen bin ich selbst Lehrer geworden und schicke meine Schüler zu Dir in die Lehre.

Was fand ich bei Dir? – Liebevolle Achtung und leidenschaftliche Beharrlichkeit: Du konntest stundenlang mit einem in unserer Lerngruppe arbeiten, ohne hartnäckig zu werden. Ohne beweisen oder gewinnen zu müssen. Deine Bereitschaft, Menschen in ihren Selbsterforschungsprozessen zu begleiten, hat jenen langen Atem, jene Zugewandtheit und Achtsamkeit, die die Seele braucht, um lernen zu können.

Zugleich ist Deine Gestalt-Arbeit auf eine sehr wirksame Weise einfach. So ursprünglich, so pur wie Dich sah ich nur einen weiteren Menschen arbeiten: Lore Perls, Deine Lehrerin, deren engster Vertrauter Du später warst.

Immer wieder zeigtest Du Deinen Schülerinnen und Schülern, dass es bei der Arbeit nicht um den Therapeuten geht, sondern um den Klienten und seine Selbsterforschung, der wir nur »Türen öffnen« können, wie der deutsche Titel Deines Buches (Köln, EHP 1986) ausdrückt.

Den ersten Schritt in die therapeutische Beziehung machen immer die Klienten. Und ihr Recht ist es auch zu bestimmen, was sie preis-geben, ansehen, womit sie experimentieren, welche Räume ihres Selbst und ihrer Welt sie (neu) erforschen oder (wieder) erobern wollen.

Bereitwillig öffnest Du uns Lernenden auch Türen zu Deinen inneren Prozessen, während Du arbeitest. Zeigst uns, was es heißt, dass der Gestalt-Therapeut »sein eigenes Instrument« ist. Und Du machst uns Mut, unseren eigenen, inneren Prozessen zu vertrauen.

Ist bereits »Türen öffnen« ein großes Geschenk und eine lebendige Mitteilung für alle Suchenden und Lernenden, so darf ein anderer Aspekt Deiner Arbeit nicht unerwähnt bleiben : Du arbeitest auch mit Menschen, für die sich die Türen zum Leben langsam und unwiderruflich schließen. Du begleitest AIDS-Patienten und stellst die Fragen nach dem Tod, nach dem Sinn, der bleibt, und nach dem Sinn therapeutischer Arbeit angesichts des Sterbens genauso beharrlich und kontaktvoll wie die nach Wachstum und Lebendigkeit. Dies gibt Deiner Arbeit eine selten anzutreffende Radikalität und Tiefe. (Psychotherapie im AIDS-Zeitalter. Ein Vortrag; http://www.gestalt.de/aids.html.)

Heute, hier und jetzt, kann ich nun voll Freude und Stolz Dein zweites, von Marein von der Osten-Sacken einfühlsam ins Deutsche übersetzte, Buch vorstellen: »Gestalttherapie für Einsteiger« – solch ein Buch gab es bei uns bisher noch nicht. Es ist nicht nur eine »Einführung«, sondern viel mehr: eine Einladung zur Gestalttherapie.

Es macht die Leserinnen und Leser nicht nur mit Gestalt-Arbeit vertraut, sondern vielmehr – ganz gestaltisch auch mit sich selbst.

Es ist genau das Buch, das ich mir immer gewünscht habe, wenn Menschen mich fragen, was das denn eigentlich ist: Gestalt-Therapie.

Eigentlich – ihrem innersten Wesen nach – ist sie nicht Wissen, sondern Erfahrung. Und wie anders kann man Gestalt dann vermitteln als erfahrungsbezogen! Diesen Einstieg gibst Du in Deinem neuen Buch – in weiser und erfahrener Abschätzung der Schritte, die ein Mensch allein gehen kann, um herauszufinden, ob dieser Weg zu ihm passen könnte.

Wie Du Deinen Leserinnen und Lesern bereits die Tür zum inneren Erleben des Therapeuten geöffnet hast, so zeigst Du hier Wege zum inneren Erleben des Klienten selbst.

Letztlich sucht jede Reise, die wir machen, das Land der Seele. – So wünsche ich Deinen Leserinnen und Lesern, Deinem Buch und Dir selbst, lieber Dan: Guten Weg und gute Reise! Möge Dein Buch vielen ein guter Weggefährte sein!

Herzlich, Dein Erhard

GESTALTTHERAPIE FÜR EINSTEIGER

Zur deutschen Ausgabe 1995

Diese »Fibel der Gestalttherapie« habe ich bereits 1975 geschrieben. Der eigentliche Urtext der Gestalttherapie »Gestalt Therapy: Excitement and Growth in the Human Personality« [dt.: »Gestalttherapie Grundlagen« und »Gestalttherapie Praxis«] war bereits fünfundzwanzig Jahre alt. Während dieser Zeitspanne hatten sich viele Gestalt-Trainees mit der schwierigen Sprache jenes Gemeinschaftswerkes von Perls, Hefferline und Goodman (PHG) abgemüht. Man verbreitete die Ansicht, der Text sei absichtlich so unklar abgefasst, damit die Leser ihn nicht einfach introjizieren könnten.

Logischerweise müsste demnach jeder Leser die schwierige Sprache des Textes bedenken und durchkauen, könnte ihn also nicht unkritisch und unverdaut hinunterschlucken. Meiner Meinung nach ist aber gerade das Befürchtete geschehen. In ihren angestrengten Versuchen, diese Sprache zu verstehen, scheiterten die Trainees und machten dann vorzugsweise nur das nach, was sie begreifen konnten. Im Endergebnis unterblieb eine kritische Überprüfung der Grundlagen der Gestalttherapie weitgehend, und die grundlegenden Annahmen von PHG überdauern unangefochten.

Wenn aber eine Theorie oder eine Lehre zu wachsen beginnt, dann entwickeln sich auch eine Menge Sprösslinge und Verzweigungen, andernfalls vertrocknet sie, eingekapselt in ihren ursprünglichen Formulierungen. Dies ist tatsächlich etwa ein Problem der Freudschen psychoanalytischen Bewegung oder der Jungschen analytischen Psychologie. Ich hoffe, dass die Gestalttherapie nicht in ein ähnliches Stocken gerät.

Aus diesem Grunde schrieb ich die »Gestalttherapie für Einsteiger« als eine Möglichkeit, das zugänglich zu machen, was ich in dem wortreichen Text von PHG für weise und nährend halte. Zwar benutze ich nicht die Wörter Introjektion, Projektion und Retroflexion, aber die Kapitel drei, vier und fünf widmen sich der Erforschung dieser Mechanismen, die Kontakt behindern und verzerren können.

Heute [1995], zwanzig Jahre nach der Erstausgabe dieses Buches, ist es in englischer Sprache wieder aufgelegt worden und wird in Deutschland publiziert. Während dieser Zeitspanne sind viele Therapeuten von ihren Klienten und Schülern um Kopien dieses Buches gebeten worden, und ich freue mich, dass es nun wieder zur Verfügung steht. Ich habe es noch einmal sorgfältig gelesen und beschlossen, es so zu lassen, wie es ursprünglich geschrieben wurde. Ich betrachte es nach wie vor als eine Einführung in die Gestalttherapie, als eine Einladung, mit dem Forschen zu beginnen. – Vielleicht bin ich ja nicht ganz unvoreingenommen, aber mir kommt das Buch so frisch und lebendig vor wie zu der Zeit, als ich es schrieb. Es macht mir Freude und ich hoffe, es wird einer weiteren Generation von Leserinnen und Lesern ebenso Freude bereiten.

Daniel Rosenblatt

New York, im Mai 1995

EINLEITUNG

Dies Buch ist als Vorgeschmack gedacht, als Appetithappen, als ein Scheibchen von dem, was Gestalttherapie wirklich ist.

In einer echten Sitzung mit einem Gestalttherapeuten wird alles, was geschieht, ganz allein nur für dich zubereitet.

Hier aber – zumal ich dich nicht kenne – erfinde ich, was zwischen dir und mir geschehen könnte, damit du eine Ahnung davon bekommst, wie das Denken und wie die Techniken funktionieren, die benutzt werden, damit du wachsen, in Berührung mit deinen Gefühlen kommen und versteckte Seiten deiner selbst erforschen kannst, um ganz du selbst zu werden.

Hier sind verschiedene Arten, wie ein Gestalttherapeut auftritt. Er wird womöglich

Ein Gestalttherapeut wird womöglich

Untersuchst du jenes »nichts« näher, so wirst du vielleicht entdecken, dass eine Menge Interessantes in dem verborgen liegt, was so negativ scheint.

Ein Gestalttherapeut wird womöglich

Vielleicht ist er mehr an dem interessiert, was zwischen dir und ihm passiert, als an deinem Traum. Vielleicht vermutet er, dass du deinen Traum träumtest, um ihn oder dich in die Irre zu führen. Vielleicht bittet er dich, jedes Element deines Traumes zu werden. (Ich träumte, dass ich in einem riesigen Ozeandampfer verloren war, und große Wellen schwappten in das Schiff.) Vielleicht bittet er dich, ein großer Ozeandampfer zu werden und ihn sprechen zu lassen. Vielleicht fordert er dich auf, große Wellen zu werden, die das Schiff überrollen, und sie reden zu lassen. Vielleicht regt er an, dass du einen Dialog zwischen dem Schiff und den Wellen erfindest. Vielleicht lässt er dich die Bedeutung deines Traumes entdecken und bietet nicht seine eigene Deutung an.

Nun, falls dieser Vorgeschmack von Gestalttherapie dir gefällt, dann möchtest du vielleicht weitermachen.

Ein Weg ist, das Buch Gestalttherapie zu lesen, das Fritz Perls, Paul Goodman und Ralph Hefferline 1951 geschrieben haben. Der andere Weg ist, einen guten Gestalttherapeuten zu finden und weitere Möglichkeiten zu erforschen, wie du dich entfalten kannst.

Du entscheidest selbst – und für dich selbst. Schließlich ist es auch bereits ein wesentlicher Bestandteil der Gestalttherapie, daran zu glauben, dass du selbst letztlich weißt, was das Beste für dich ist. Als Gestalttherapeut will ich dich in die Lage versetzen, dies Wissen wirklich zu erlangen und für dich zu nutzen.

Hier sind zwei Vorschläge (du kannst sie außer Acht lassen), die dies Buch betreffen.

Wenn einige Experimente zu schwierig sind, überspringe sie und komm zu einem späteren Zeitpunkt auf sie zurück.

Die Zwillinge Aaron und Daniel Rosenblatt
Foto aus den 1920er Jahren
© The Rosenblatt Foundation

HIER UND JETZT

Was fühlst du jetzt gerade eben?

Was denkst du gerade j-e-t-z-t?

Was tust du eben j-e-t-z-t?

Was geschieht genau jetzt, hier in dieser Situation, zwischen uns?

Versuche es mit einem Experiment. Du legst dieses Buch aus der Hand. Du richtest sodann deine Aufmerksamkeit auf das, was mit dir geschieht. Tu es jetzt!

Und, was ist geschehen?

Hier sind eine ganze Menge Möglichkeiten:

Und jetzt probierst du noch etwas aus. Etwas sehr Schwieriges.

  • Du versuchst das zu akzeptieren – was immer es gewesen ist, das bei dir passiert ist –, du lässt es einfach nur dasein.
  • Du versuchst also, nicht zu kritisieren, schlecht zu machen oder dich schuldig zu fühlen für das, was bei dir passiert ist. Du lässt das, was geschah, einfach das sein, was geschah – was immer es war.
  • Du versuchst, nicht zu bewerten, was auch immer das war, was dir geschah.
    • Du siehst zu, ob du es unterlassen kannst, einen Standpunkt dazu einzunehmen.
    • Du siehst zu, ob du das Geschehene anschauen kannst, ohne dabei zu entscheiden: Ist das gut oder schlecht?
  • Du versuchst zu sagen: »Das war interessant«, auch wenn du es so nicht empfindest oder glaubst.

Kannst du dir vorstellen, dass du dich selbst streng verurteilen (tadeln, kritisieren) könntest?

Oder dass du dieses Buch in derselben schroffen Weise verurteilen (tadeln, kritisieren) könntest?

Oder andere in ebenso harter Weise verurteilen könntest?

Beeinträchtigt deine Kritik deine Beziehung zu dir selbst und zu anderen? Oder deine Arbeit?

Lass uns einen Augenblick mit deiner Kritik experimentieren. Leg sie einfach beiseite.

  • Ich erlaube dir jetzt, weder dich noch mich zu kritisieren.
  • Kannst du diese Erlaubnis akzeptieren?
  • Wie lange kannst du so durchhalten, ehe du wieder zu kritisieren beginnst?

Meinst du, du musst kritisieren?

Viele Leute glauben das. Daraus wird oft ein Lebensstil. Für jetzt reicht es aus, wenn du weißt, dass deine Kritik womöglich dein Gewahrsein von dem beeinträchtigt, was dir sonst so geschieht.

Jetzt versuche wieder herauszufinden, was es ist, dessen du jetzt gerade gewahr bist; was du gerade jetzt

  • fühlst?
  • denkst?
  • tust?

Arbeite eine kleine Weile lang daran.

  • Konzentriere dich.
  • Schenke dir selbst Aufmerksamkeit.
  • Sei all dessen gewahr, was geschieht – was immer es ist.

Was passierte in dieser Zeit?

Es ist gleichgültig, was geschehen ist. Wesentlich ist nur, dass überhaupt irgendetwas (was auch immer) war. Kannst du das wertschätzen – was immer da geschah?

Wie schnell ignorieren wir das, was passiert! Wie wir es übersehen, vergessen, trivialisieren, kritisieren!

Und doch ist es alles, dessen wir wahrhaftig gewiss sein können, dies eben gerade jetzt.

Was vorübergegangen, Vergangenheit ist, hat sich bereits verwandelt, ist vielleicht schon vergessen, sicher aber durch die Erinnerung verändert. Und was kommen wird, die Zukunft, ist ungewiss, unwirklich, eine bloße Möglichkeit.

Und trotzdem wird dies eben gerade jetzt so oft vergeudet.

Ist es nicht interessant, dass mir, sowie ich Gelegenheit habe, auf das zu achten, was jetzt gerade passiert, nichts mehr einfällt? Ich bin leer; ich finde dann, dass rein gar nichts geschieht.

Ich möchte mehr über diese Leer-Seite von mir wissen; ich will mehr darüber wissen, wie ich nichts geschehen lasse.

Jetzt beginne ich, etwas über mich selbst herauszufinden: Ich blende mein Jetzt aus.

Und ich beginne gerade, eine Situation zu entwickeln, in der ich mehr darüber lernen kann.

Anders gesagt, obwohl es nur im Kleinen geschieht, habe ich doch begonnen, mich selbst kennen zu lernen, und habe eine Möglichkeit zu wachsen eröffnet.

Du hast soeben einen kleinen Vorgeschmack von dem bekommen, was geschehen kann.

Aber denk bitte nicht, dieser Geschmack wäre das ganze Menü.

Auf den folgenden Seiten werde ich dich einladen, andere Aspekte deines Selbst, deines Lebens zu probieren. Aber denk bitte daran, dass dies alles nur ein Häppchen, eine erste Berührung, eben ein Anfang ist.

Wenn dein Appetit angeregt wird, wenn du Hunger auf mehr hast, dann solltest du einen qualifizierten Gestalttherapeuten suchen, um mit ihm weiterzuarbeiten.

Allein durch die Experimente und Vorschläge in diesem Buch weiterzuwachsen und dich fortzuentwickeln, hieße, das, was für dich geschehen kann, ganz entschieden zu begrenzen.

Daniel Rosenblatt
Foto aus den 1960er Jahren
© The Rosenblatt Foundation

WIE ALLES ZUSAMMENPASST

Gestalt ist ein Wort, für das es keine einfache Entsprechung gibt. Es ist zwar nicht gleichbedeutend, aber doch sinnverwandt mit einer ganzen Menge anderer Wörter:

  • Form
  • Figur
  • Ganzheit
  • Anordnung
  • Struktur
  • Thema

»Gestalt« bedeutet die Art und Weise, in der Teile zu
einem Ganzen zusammengefügt oder strukturiert werden.

So ist eine Person deswegen eine Person, weil sie

  • einen Kopf,
  • einen Rumpf und
  • Glieder besitzt,

die auf eine bestimmte Weise angeordnet sind. Wenn sie Arme hätte, wo normalerweise der Kopf sein müsste, so würden wir sie nicht als Person, sondern als Monstrum bezeichnen.

Entsprechend umfasst unsere Gestalt einer physischen Person nicht nur Teile des Körpers, sondern zugleich auch das Bedürfnis, dass sie in einer bestimmten Weise angeordnet sein sollten, die eine Bedeutung für uns hat.

Genauso besitzt ein Baum

  • Wurzeln
  • Stamm
  • Zweige
  • Blätter

Wenn sie alle füglich zusammenpassen, so ist ein neues Ganzes aus diesen Teilen entstanden: ein Baum.

Es gehört zum Grundgefüge von Gestalten, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Der Baum ist mehr als bloß seine Wurzeln, sein Stamm, seine Zweige oder Blätter. Ein Baum begreift in sich die Form, die alle diese Teile ergeben; die Art, wie sie zusammengefügt sind.

Um einer Gestalt gewahr zu sein, müssen wir zunächst die Teile so anordnen, dass ein bedeutungsvolles Ganzes entsteht.

Indem wir Gestalten bilden, erschaffen wir also in einem fort unsere Erfahrungen und verleihen dem, was uns geschieht, Bedeutung. Dieser Prozess ist es, der in der Therapie so genau betrachtet wird.

Zum Beispiel: Wenn ich meine Arbeit erfahren möchte, um ihre Bedeutung herauszufinden, um ein neues Ganzes zu erschaffen, so könnte ich fragen, was diese Arbeit ist und was sie nicht ist; was ich daran mag und was ich nicht mag; welche Jobs ich für diese Arbeit aufgegeben habe und welche noch für mich in Frage kommen.

Mal sehen, was passiert.

Meine Arbeit als Gestalttherapeut

Was sie ist

  • Eine schwere Arbeit.
  • Eine aufregende Arbeit.
  • Eine wichtige Arbeit.
  • Sie findet drinnen statt.
  • Sie erfordert Konzentration.
  • Sie wird gut bezahlt.
  • Ich arbeite mit Menschen.
  • Ich arbeite mit Menschen, die harte Zeiten durchgemacht haben.
  • Ich arbeite mit Menschen, die mehr über sich selbst herausfinden wollen.

Was sie nicht ist

  • Ich gebrauche meinen Körper nicht so viel wie meinen Geist.
  • Ich sitze eher als zu laufen oder zu springen.
  • Ich bekomme keine glücklichen Klienten.
  • Ich langweile mich selten.

Was ich daran mag

  • Ich fühle mich nützlich für andere.
  • Ich bin überzeugt, dass ich es gut mache.
  • Ich bin stolz auf meine Fähigkeiten.
  • Ich finde diese Arbeit wichtig.

Was ich nicht daran mag

  • Ich muss viel reden.
  • Ich muss viel drinnen sitzen.
  • Ich bin nahe bei soviel Schmerz, Unglück, Leiden.
  • Ich fordere Menschen auf, wundervolle Illusionen aufzugeben.
  • Wenn die Menschen sich ganzheitlicher fühlen und das Leben genießen, dann ist es Zeit, meine Arbeit mit ihnen zu beenden.

Welche Tätigkeiten, die ich mag, habe ich aufgegeben

  • Landwirtschaft
  • Hunde- und Katzenzucht
  • Zeltlager machen
  • mit Kindern arbeiten

Welche anderen Arbeiten kann ich zur selben Zeit tun

  • schreiben
  • Vorträge halten
  • lehren
  • supervidieren

Nachdem ich mir alle Teile meiner Arbeit angesehen habe, entsteht aus all diesen Aspekten ansatzweise eine neue Figur. Ich entdecke neue Bedeutungen in dem, was ich tue und was ich vielleicht gern täte. Selbst wenn ich entscheide, nichts Neues zu machen, keine Wechsel vorzunehmen, so habe ich doch ein besseres Gefühl dafür gewonnen, was ich da tue oder wer ich dabei bin.

Und wenn ich mich dafür entscheide, doch irgendetwas ändern zu wollen, dann habe ich eine bessere Grundlage für das, was ich machen will und für die Richtung, in die ich gehen will.

In anderen Worten: Ich besitze jetzt eine starke, deutliche Gestalt von meiner Arbeit.

Normalerweise kommen zugleich mit einer klaren Gestalt erregte Empfindungen und Gefühle von Lebendigkeit auf, die Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten bedeuten.

Das ist es, wie ich mich jetzt gerade in meiner Arbeit fühle. Einmal angenommen, ich hätte herausgefunden, dass ich meine Arbeit alles in allem nicht mag, und ich hätte dies vor mir versteckt gehalten. Jetzt wüsste ich es.

Ich würde immer noch die Erregung empfinden, weil ich jetzt genau wüsste, dass ich in meiner Arbeit unglücklich war. Ich würde mir die anderen möglichen Arbeiten anschauen.

Ich hätte von Anfang an das Gefühl, dass es die Möglichkeit gibt herauszufinden, in welche Richtung ich meine Arbeit wechseln will.

Mag sein, ich hätte nicht gleich sofort eine Antwort, aber ich würde bereits die Unterstützung besitzen, die ich brauchen würde, um den nächsten Schritt zu tun, nämlich herauszufinden, wohin ich wohl gehen will.

Also wird das, was ich in einem Augenblick herausfinde, zum Hintergrund für eine neue Gestalt: »Was ich an meiner Arbeit mag« hat sich zu »Welche Arbeit werde ich jetzt suchen?« entwickelt.

Jetzt kannst du nachvollziehen, warum der Prozess der Gestaltbildung so wichtig für Wachstum und Entwicklung ist.

Jede Gestalt führt zur nächsten.

Wenn ich frei genug bin, dass ich neuen Gestalten erlauben kann hervorzutreten, dann wird mein Leben beständig im Fluss sein, wie auch meine Erfahrung stetig wechselt, wie neue Bedeutungen aufkommen, wie sich neue Entwicklungen abzeichnen.

Wenn ich jedoch Gestalten festhalte, sie fixiere oder mit ihnen steckenbleibe, dann bekommt mein Leben etwas Langweiliges, Kreisendes, Unwirkliches, Sicheres.

Wenn ich zu schnell in neue Gestalten hineinspringe, bevor sie sich deutlich herausgemacht haben, dann wird mein Leben unsicher, unauthentisch, leichtfertig, spannungsgeladen.

Wie ich mit Gestalten umgehe, ist also ein sehr wichtiger Teil der Entscheidung, wie mein Leben sein wird.

Daniel Rosenblatt in seiner Praxis
in Manhattan, New York
Foto von 1986
© The Rosenblatt Foundation

LERNEN, ICH SELBST ZU SEIN – NICHT, WIE ICH SEIN SOLLTE

Wenn es nun so aufregend ist und Wachstum bedeutet, neue Gestalten zu formen, warum tun wir es dann nicht immerfort?

Es gehört einiges dazu, um neue Gestalten zu bilden.

  • Du musst es wagen, alte Gestalten zu zerstören.
  • Du musst wagen, Unbekanntem ins Gesicht zu sehen.
  • Du musst in der Lage sein, deine Ungeduld auszuhalten, solange eine neue Gestalt noch nicht verfügbar ist.
  • Du musst wagen, Angst zu bekommen, weil deine neue Gestalt noch feststeckt, während du die Unangemessenheit der alten bereits fühlst.
  • Du musst deine Furcht davor wagen, nach einer neuen Vervollständigung zu suchen, während du unsicher bist, ob du sie finden wirst.

Mitunter werden die Prozesse der Vermeidung von Wachstum »neurotisch« genannt. Aber derselbe Vorgang, der Wachstum in einer Hinsicht verhindert, kann zu Wachstum in einer anderen Hinsicht führen, und deshalb möchte ich mich vor Etikettierungen hüten.

Wie die Gestalt sich ändert, so ändert sich die Bedeutung.

Um über das Selbstsein mit dir ins Gespräch zu kommen, möchte ich mit dir über die Freude reden.

Als du ein Baby warst und genauso, als ich ein Baby war, bestand ein großer Teil unserer Welt darin, Freude zu empfinden, Freude zu finden und möglichst zu verhindern, dass die Freude vorbeiging.

Was denn für Freuden?

  • es warm haben
  • gehalten werden
  • an Mutters Brust saugen
  • herumgucken
  • mit den Fingern spielen
  • sich voll fühlen
  • scheißen
  • mit den Geschlechtsteilen spielen
  • mit dem Körper spielen
  • einschlafen

Jetzt kommt der traurige Teil.

Wie viele von diesen Freuden sind noch heute Freuden für dich?

Ich wette, nicht sehr viele.

Was geschah mit deinem Genuss jener frühen, mächtigen und einfachen Freuden?

Sehr wahrscheinlich gabst du sie auf, um deinen Eltern zu gefallen. Du fingst an, sie kindisch, falsch, schlecht oder albern zu finden.

Oder vielleicht hast du sie nicht abgelegt, aber man darf sie heute nur insgeheim genießen, etwas, das man tut und wofür man sich dann schuldig fühlt.

Oder man schämt sich deswegen.

Oder man ekelt sich davor.

Anders gesagt, du hast freudvolle Teile von dir selbst aufgegeben, weil du deinen Eltern Freude machen wolltest.

Wie ist das geschehen?

Um die Freude zu erleben, deinen Eltern Freude zu bereiten – um ihnen zu zeigen, was für ein gutes Kind du bist –, gabst du die frühen, mächtigen und einfachen Freuden auf, um eine neue Freude zu erlangen: Mami und Papi zu erfreuen.

Indem du mit zwei verschiedenen Sorten von Freude zu tun bekamst, erlebtest du einen Konflikt.

Konflikte sind schmerzlich:

  • Ich möchte einer Person treu sein, und ich will mit vielen ausgehen.
  • Ich will viele Freunde, und ich will meinen Ärger loswerden.
  • Ich will eine Menge Geld, und ich will es nicht so schwer haben.
  • Ich will gewinnen, und ich will niemandem weh tun.

Um einen Konflikt loszuwerden, komme ich manchmal zu vorschnellen Lösungen.

  • Ich beschließe, dass die eine Seite richtig und die andere falsch ist.
  • Ich beschließe, die falsche Seite zu vergessen.

Aber weil die Lösung vorschnell ist, Schwindel, unfertig, muss ich Unmengen von Energie einsetzen, um nicht mehr an die falsche Seite zu denken.

Angesichts von Konflikten entscheidet ein guter Mensch:

  • treu zu sein,
  • seine Freunde zu behalten,
  • hart zu arbeiten,
  • seinen Wetteifer zu bremsen.

Anders ausgedrückt, er versucht, seine Eltern zu erfreuen.

Aber die frühen, frischen, einfachen und mächtigen Freuden sind weiter da, weiter lebendig.

Nur, er kann sich nicht mehr erlauben, an sie zu denken.

Um

  • Konflikte zu vermeiden,
  • eine Lösung zu schaffen,
  • die Eltern zu erfreuen,
  • sich reif zu fühlen,
  • sich überlegen zu fühlen,
  • sich gut zu fühlen,

wenden sich die meisten Menschen von vielen wichtigen Freuden ab, mit denen sie noch nicht fertig sind. Sie unterbrechen ihre Freude oder sie sperren sich vielleicht dagegen zu wissen, was ihnen Freude macht.

Und sie lernen dies, indem sie zunächst die Vorstellung von irgendjemand über

  • gut und schlecht,
  • falsch und richtig,
  • unschuldig und schuldig,
  • tugendhaft und sündig

hinunterschlucken.

Und wenn sie schließlich alles mögliche geschluckt haben, was unverdaulich ist, dann haben sie fortan

  • Magenschmerzen,
  • Durchfall,
  • Kopfschmerzen,
  • Völlegefühle,
  • Ekel,
  • Übelkeit.

Wenn du die Vorstellungen von jemand anders über Freude geschluckt hast, dann hast du deine eigenen Ansätze von

  • Wachstum,
  • Entwicklung,
  • Erregung,
  • Freude

unterbrochen.

Wenn du deine eigene Empfindung von Freude, gutem Selbstgefühl, ganzheitlichem Selbstempfinden wiedererlangen willst...

Wenn du herausfinden willst, wie du dich heute fühlst, nicht, was man dich zu glauben gelehrt hat...

Wenn du weiterwachsen willst...

... dann wirst du zurückgehen müssen und das aufgeben, was du nur in dich hineingeschluckt hast, und du wirst lernen müssen, wieviel du wirklich verdaut hast.

Die meisten Leute sind nicht dessen gewahr, was und wie viel sie geschluckt haben. Die meisten betrachten das, was sie heruntergeschluckt haben, als das Naturgegebene.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist es, dir dabei zu helfen, herauszufinden, was du alles ohne nachzudenken geschluckt hast, das dir immer noch Magenschmerzen bereitet.

Eine gute Möglichkeit, dessen gewahr zu werden, wie viel du geschluckt hast, ist, darauf zu achten, wie häufig du folgende Wörter benutzt:

  • müsste
  • sollte
  • hat zu
  • muss
  • immer
  • niemals

Andere Wörter, die hinuntergeschluckte Vorstellungen anzeigen, sind:

  • verrückt
  • schmutzig
  • krank
  • verdorben
  • böse
  • anrüchig
  • widerlich
  • krankhaft

Sexualität ist einer der Schauplätze, wo wir eine Menge zu schlucken kriegen. Daher werden wir Sex als Beispiel dafür nehmen, wie wir mehr wir selbst werden können, anstatt nur, wie wir sein sollten.

Lass uns daher eine ganze Reihe von Sätzen über die typischen Annahmen zusammenstellen, wie Menschen sexuell sein sollten.

  • Ich soll rein und sauber sein.
  • Du solltest niemals onanieren.
  • Ich muss unberührt bleiben, bis ich heirate.
  • Du solltest vor und nach dem Beischlaf immer duschen.
  • Sex ist so anrüchig und schwitzig.
  • Wer an analen oder oralen Verkehr denkt, ist krank im Kopf.
  • Was ist dies für ein verdorbenes Buch. Voll von ekelhaften sexuellen Vorstellungen!

Hast du anhand dieser »geschluckten« Worte und ihrer Verbindung mit Sex eine ganze Reihe von Gefühlen?

Lass uns noch ein paar weitere suchen. Ich gebe jetzt einige geschluckte Vorstellungen so wieder, als ob sie heilig wären, als ob sie von Gott selbst stammten, als ob sie göttliche Gebote wären, denen man ohne Nachdenken zu folgen hätte.

  • Sex außerhalb der Ehe ist falsch.
  • Onanie ist schlecht.
  • Homosexualität ist böse.
  • Liegt der Mann beim Geschlechtsverkehr unten und die Frau oben, so ist das pervers.

Woher stammen alle diese Vorstellungen?

  • Manche Menschen sind schnell durcheinander.
  • Manche Menschen empfinden schnell
    • Schuld,
    • Scham,
    • Ekel.
  • Manche Menschen sind rechthaberisch.
  • Manche Menschen leiden sehr viel.
  • Manche Menschen wollen perfekt sein.
  • Manche Menschen suchen nach idealen Situationen.
  • Manche Menschen sind zu gut, zu nett.

Menschen mit diesen Eigenheiten haben wahrscheinlich mehr geschluckt, als sie verdauen können.

Falls du auch so fühlst, hast du wahrscheinlich zu viele Vorstellungen in dich hineingeschluckt, die nicht wirklich ein Teil von dir sind.

Es könnte dir sehr hilfreich sein, das wiederzuentdecken, was du geschluckt hast.

Das ist nicht immer leicht.

Der Grund dafür, warum du dir das anschauen musst, was du geschluckt hast, ist, dass du eine Art Verdauungsstörung hast.

Noch ziehst du es möglicherweise vor, dein Wachstum zu verhindern, anstatt die unangenehmen Gefühle in Kauf zu nehmen, die womöglich bei der Inspektion dessen aufkommen könnten, was einst so leicht zu schlucken war, um die elterliche Anerkennung zu ernten.

Kinder versuchen mitunter so sehr, ihren Eltern zu gefallen, dass sie vorwegnehmen, wie ihre Eltern irgend etwas empfinden; und sie plagen sich dann nicht mehr damit, es wirklich herauszufinden.

Etwa: »Ich weiß einfach, dass meine Eltern Onanieren missbilligen, also fühle ich mich deswegen schuldig.«

Manche Eltern sehen das in Wirklichkeit anders, aber das Kind hat bereits eine vorschnelle Antwort und ist damit festgefahren.

Einer der Vorzüge der Schuld ist, dass du etwas tun kannst, was du willst – schwänzen, durch’s Schlüsselloch spähen, wenn die Eltern im Bad sind, Zigaretten rauchen –, und dann kannst du für dein Vergnügen bezahlen, indem du sagst: »Oh, ich bin ein schlechter Mensch. Ich bestrafe mich, indem ich schuldig bin. Siehst du, ich bin eigentlich besser als die Dinge, die ich tue.«

So, und jetzt kommt der schwere Teil.

Falls du die Vorstellungen, die du geschluckt hast, in Frage stellen willst, dann musst du dich darein schicken, es mit

  • deinem Ekel,
  • deiner Scham,
  • deiner Furcht,
  • deiner Angst,
  • deinem Zorn

zu tun zu kriegen.

Um eine neue Gestalt zu erreichen,

  • musst du einverstanden sein, all die Sätze auf den vorausgegangenen Seiten, die sich mit Sexualität befassen, aufzugreifen, und versuchen, ihre Bedeutung umzudrehen.

Zum Beispiel:

  • Ich will nicht reinlich und sauber sein.
  • Ich onaniere gern.
  • Ich denke nicht daran, vor oder nach dem Beischlaf zu duschen.
  • Ich finde vorehelichen Geschlechtsverkehr wunderbar.

Wenn du dich dabei schlecht fühlst, hörst du einfach auf.

Worum es geht, ist klar.

Viele Vorstellungen über Sexualität, die einmal geschluckt wurden, bleiben in uns und unterdrücken unsere Erregung und unser Wachstum. Genauso hindern viele geschluckte Ansichten über

  • Gerechtigkeit
  • Gesetz und Ordnung
  • Regierungen
  • Gesundheit und Krankheit
  • menschlichen Geist
  • Menschenschicksal
  • Diät
  • Sauberkeit

uns am Wachsen. Aber wenn du über dies Feststecken in geschluckten Ansichten oder Gefühlen hinauskommen willst, gerätst du womöglich an andere unerfreuliche Gefühle. Ein Teil des Gewinnes, für den du zahlst, – indem du geschluckte Vorstellungen der Suche nach deinem eigenen Weg vorziehst – ist, dass du Konflikte vermeiden kannst. Du musst für dich selbst entscheiden, ob du lieber stecken bleiben oder ob du unangenehme Gefühle wagen und wachsen willst.

Möchtest du es wagen, für dich selbst herauszufinden,

  • was du magst und was du nicht magst, was sich gut anfühlt und was nicht, wie du dein Leben für dich selbst leben möchtest?

Kannst du dein Leben anschauen und entscheiden,

  • wer du bist, wie du dich fühlst, was du magst, was du willst, ob du versuchen willst, es zu bekommen, womit du zufrieden bist?

Und schließlich sind deine Antworten deine ganz eigenen, nur für dich selbst, und du findest sie nur für eine einzige Person – und das gilt für jeden einzelnen von euch allen.

Nicht, damit jede und jeder da hineinpasst, nicht für den gesamten Kosmos. Nur für dich.

Daniel Rosenblatt auf der Terrasse seines Hauses
in Southold auf Long Island, New York
Foto Mitte der 1990er Jahre
©Elisabeth Haas

WAS ICH ÜBER MICH LERNEN KANN, WENN ICH MICH ÄRGERE UND ANDERE BESCHULDIGE

Im letzten Kapitel haben wir uns mit Vorstellungen und Gefühlen beschäftigt, die du von anderen geschluckt hast und nicht verdauen konntest.

Jetzt werden wir Vorstellungen, Gedanken und Gefühle anschauen, von denen du nichts wissen willst, die du loszuwerden versuchst und von denen du gern behauptest, sie hätten mit dir nichts zu tun.

Warum machst du das?

Natürlich kann ich das nicht mit Sicherheit sagen. Gestalttherapeuten sind nie sicher bei Fragen, die auf Warum lauten. Aber ich kann spekulieren.

Um auf gutem Fuß mit mir selbst zu stehen, bevorzuge ich es, mich selbst für einen guten, gerechten, sanftmütigen, netten, liebevollen, vertrauenswürdigen Menschen zu halten. (Aber da ich mit mir selbst zusammenlebe, habe ich zwangsläufig eine ziemlich klare Vorstellung davon, dass das nicht immer der Fall ist.)

In einsamen Nächten räume ich manchmal ein: Kann sein, ich bin gar nicht so

  • liebevoll,
  • freundlich,
  • sanftmütig,
  • vertrauenswürdig,
  • nett,
  • gut,
  • rechtschaffen,
  • vernünftig.

Aber nur manchmal, nachts, allein. Und manchmal, um all diesen Dingen Raum zu geben, schlafe ich wohl ein. Und diese Gefühle und Vorstellungen treten dann womöglich in Träumen verkleidet wieder auf.

Ich habe Angst, diese Teile von mir anzunehmen, also versuche ich, meine Verbindungen zu mir selbst zu kappen, und statt dessen werde ich ärgerlich und beschuldige andere dafür.

Das hat zur Folge, dass es mir besser geht, denn dann brauche ich nicht einzugestehen, dass diese »schlechten« Gefühle oder Gedanken ein Teil von mir sind.

Ich bin gut. Ihr seid es, die schlecht sind und diese fiesen Gedanken und miesen Gefühle habt.

Dies ist ein hammerhartes Kapitel. Behalte das im Kopf, während du die Experimente durcharbeitest. Erinnere dich, dass wir entdecken wollen, was du davon hast, ärgerlich zu werden und andere dafür zu beschuldigen.

Hier ist ein hammerhartes Experiment:

Denke an die Person, die du auf der ganzen Welt am meisten hasst.

  • Führe sie dir vor Augen. Spüre, wie angewidert du in ihrer Gegenwart bist, wie du von ihr fortstrebst.
  • Zähle dir selbst all die Dinge auf, die du an ihr so hassenswert findest.
  • Hole alle deine Gefühle herauf, die diese Person betreffen.

Und jetzt lass uns etwas anderes ausprobieren.

  • Denke an die verschiedenen ethnischen Minderheiten in diesem unserem Land.
  • Welche Schimpfnamen fallen dir zu ihnen ein?

Und nun fordere ich dich auf, ihnen all die Charaktereigenschaften zuzuschreiben, die du nicht ausstehen kannst.

Stell dir dabei vor, du bist ein bigotter Mensch. Die meisten von uns sind es in geringerem oder größerem Maße, auch wenn wir gar nicht gerne so von uns denken.

  • Halte nichts zurück.
  • Lass alles heraus.
  • Jetzt halte eine Minute inne.
  • Wie fühlst du dich?

Platzt du fast vor Zorn, bist du voller Schuldgefühle, schwarz vor Wut, blass vor Elend über alle diese schrecklichen Empfindungen?

Dann ist es genau das, womit ich dich aufgefordert habe, in dir selbst Berührung zu suchen, und du kannst auch stolz sein, dass du meinen Anweisungen gefolgt bist. Sie sind für viele Menschen nicht einfach.

Schau, ob du etwas daraus gewinnen kannst, dass du es riskiert hast, all diese Gefühle aufzubringen.

Und nun lass uns zu dem ersten Experiment zurückgehen – zu der Person, die du nicht ausstehen kannst. Hasst du sie, weil sie:

  • verlogen und heuchlerisch ist,
  • ein dreckiger Gauner, ein Betrüger – oder eine miese Schwindlerin und Hochstaplerin,
  • gemein und grausam,
  • immer ärgerlich, ewig nörgelnd, untreu und auch noch über dich klatscht,
  • schäbig, pfennigfuchserisch, versoffen ist, geil, zu scharf, faul, immer gefallsüchtig, immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht und
  • so dämlich, dass es nicht auszuhalten ist,
  • weil sie mit Geld um sich schmeißt, als käme es gerade außer Mode,
  • oder weil sie niemals locker oder mal besoffen ist, weil sie zu viel lächelt oder zu wenig lächelt?

Nun kehre wieder zu deinen bigotten Empfindungen zurück. Wie viele von ihnen sind die gleichen oder ähnlich wie deine Gefühle der Person gegenüber, die du so sehr hasst?

Viele davon? Denk darüber nach.

(Erinnerst du dich, dass ich dich im ersten Kapitel aufgefordert habe zu versuchen, nicht zu bewerten, sondern zu akzeptieren, was passierte, als du ein Experiment mit dem Hier und Jetzt machtest?)

Jetzt lass uns ein weiteres Experiment versuchen.

  • Denk an die Person, die mehr als sonst irgendein Mensch über dich weiß. Falls es solch eine Person nicht gibt, erfinde sie.
  • Dieser Mensch weiß all die peinlichen, miesen Dinge, die du gemacht hast, die aber sonst keiner weiß. Er durchschaut dich völlig, er kennt die ganze Wahrheit, alle deine Geheimnisse.
  • Und nun, was sind die schlimmsten Sachen, die er über dich sagen kann? Denk darüber nach.

Ist das nicht spannend?

  • Jetzt nimm alles, was du an dir selbst nicht ausstehen kannst und vergleiche es mit dem, was du an der Person hasst, die du verabscheust, und an den Minderheiten, die dir ein Gräuel sind.

Wie viel von diesen Aufzählungen stimmt überein? Kann es sein, dass alle drei Listen im Wesentlichen dieselbe Person sind:

  • Du?
  • Welche Teile der Liste haben überhaupt gar nichts mit dir zu tun? Bist du sicher?

Wovor du dich selbst schützt, und zwar in allen drei Fällen, ist, die Teile deiner selbst anzuschauen, die du nicht magst, nicht annimmst, dir nicht zu eigen machst. Was du tust, ist, jemanden dafür zu hassen, dass er der Mensch ist, der zu sein du dich fürchtest.

  • Kannst du zugeben, dass du womöglich jemand anders für das hasst, was du an dir selbst hasst; dass du jemand anders anstelle dessen hasst, was du in dir selbst fürchtest oder vermisst?

So verlierst du Teile deiner eigenen Gefühle, Teile deiner eigenen Vorstellungen.

Du fühlst dich besser, indem du sie so betrachtest, als gehörten sie zu jemand anders oder zu etwas anderem.

  • Wirklich?

Gut, dann lege diese Eigenschaften beiseite.

  • Und, wie sinnvoll ist dies alles jetzt? Wie viel von dir selbst kannst du begreifen?

Ich habe dich zu Beginn dieses Kapitels gewarnt, dass es schwer würde. Ist es zu hart?

Du merkst, dass dieses Kapitel mit Projektionen zu tun hat, einer sehr ernsten Beeinträchtigung deiner Möglichkeiten, dein Leben zu leben, die die Gefahr birgt, dass du Beziehungen ruinierst.

Möglicherweise findest du diese Experimente nicht besonders sinnvoll, wenn du sie zum ersten Mal machst. Das ist normal.

Probier es ein andermal wieder.

Lass sie eine Zeit lang in deinem Kopf kreisen, aber beunruhige dich möglichst nicht ihretwegen.

Denk daran, du bekommst gerade erst einen Vorgeschmack, ein Scheibchen von der Gestalttherapie, und nicht das ganze Menü.

Falls du durch diese Experimente offener für dich selbst wirst, so bedeutet das noch nicht, dass du alles auf einmal erledigen musst. Du kannst so viel oder so wenig machen, wie du magst. Du selbst bist verantwortlich dafür.

Für dich selbst. Dafür, wie du dieses Buch nutzt.