Die Malerin T. Heydecker beschreibt das Umschlagsbild folgendermaßen: Die Figur im Vordergrund ‚zieht’ ihr physisches Auge, ihren weltlich gefärbten Blick heraus. Weiter oben im Kopf befindet sich das leere Auge des Gehirns. Man kann seine ‚normale’ Funktion, eine selektive, ich aktive Form, absetzen, umschalten und somit unbewusst sehen. Das Ohr darüber ist wie das ‚leere Auge’ kein selektives Hören, sondern reine Aufmerksamkeit. Zugleich deutet die Hand auf ein Anderes, in diesem Fall auf eine Ente hin, die auch in einer, ihr eigenen Bewusstheit und Aufmerksamkeit da ist. Das florale Muster bezieht die Pflanzen, die Natur mit ein.

Herstellung und Verlag: BoD, Norderstedt

Books on Demand GmbH

ISBN 9783749442843

Lektorat: S. Möckel, München

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Jeanne D’Arc und die Queerness
  2. EIN, Mann und Frau
  3. Φ und Ψ
  4. Siri Hustvedt
  5. Frauen- und queere Literatur
  6. Scham/Schuld-Komplexe
  7. Damals und heute

1. Jeanne D’Arc und die Queerness

Jeanne D’Arc, die Jungfrau von Orleans, war – so würde man es heute zumindest auch sagen können – eine queere Figur. Das liegt schon einmal an ihrer Neigung zur Männerkleidung und ihrem Streben nach männlichen Heldentaten, auch wenn man dies alles – ebenso nach heutiger Manier – als harmlos neurotisch einstufen könnte. Ich will auch ihrer Größe keinen Abbruch tun, bekanntlich hörte sie schon als Kind ‚Stimmen‘, die ihr anfänglich zu verstärktem Glauben an Gott und an die Kirche rieten. Später erschien ihr ein Mann mit ‚schneeweißen Flügeln‘, der sich als Erzengel Michael entpuppte und sie zum Kampf gegen England aufrief. Er war es, der ihr dann auch versprach, wo sie sich Männerkleidung besorgen und wie sie zum König gelangen könnte. Strenger Katholizismus und Männerherrschaften bestimmten damals das Leben, und so nahm alles zuerst seinen typischen, zeitgetreuen Verlauf, den man damals zurecht nicht als queer bezeichnete. So etwas kannte man nicht.

Trotzdem können wir von heute und von der heutigen Wissenschaft, speziell auch von der Psychoanalyse her, eine etwas andere Einschätzung dieses ‚himmlischen Mädchens‘ und ihrer faszinierenden Persönlichkeit geben. Demnach lag etwas Neurotisch-Hysterisches vor und eine gewisse Transgendertendenz kann man dem Fall Jeanne D’Arc von heute aus gesehen vielleicht doch zuordnen. Der Hang zur Männerkleidung und auch zu männlichen Durchhaltegedanken spielte nämlich noch ganz am Schluss, als Jeanne D’Arc schon lange in Gefangenschaft war, eine weiterhin bestimmte Rolle. Dort hatte sie sich nämlich wieder Soldatenhose und -jacke angezogen, und es kam zum Streit, zu einem längeren Hin und Her mit dem Gefängnispersonal darüber, ob sie dies nur zum Schutz vor männlichen Zudringlichkeiten angezogen habe oder nicht. Mit Sicherheit hat Jeanne D’Arc niemals daran gedacht, ein Mann sein zu wollen im Sinne einer weitgehendst männlichen Identität. Aber männliche Attribute zogen sie stark an. Trotzdem war sie auch eine ‚Heilige‘.1

Bestrebungen zum Geschlechtswechsel sind erst mit den Möglichkeiten körperlicher (hormonellen und chirurgischer) Angleichung stärker geworden. Doch die Mann/ Frau-, die Transgender-Thematik, gab es schon immer. Bereits der griechische Seher Theiresias wurde von der Zeusgattin Hera in eine Frau verwandelt und als Hera ihn wieder zum Mann zurück transfomierend nach zehn Jahren die bekannte alberne Frage stellte, wer denn nun beim Lieben mehr genieße, Mann oder Frau, er müsse es als der optimale Transgender doch nun wissen, sagte Theiresias: als Frau zehnmal mehr! Prompt schlug Hera ihn mit Blindheit, denn das wollte sie schon gar nicht hören. Nachdem ihr Gatte eine Affäre nach der anderen produzierte, wollte sie ihm beweisen, dass die Frauen gar nicht so viel davon hätten und das Ganze nur eine Lustwut der Männer wäre. Zeus milderte Heras Verdammung zur Blindheit etwas ab und verlieh Theresias die Sehergabe.

Und so ist bis heute die Geschichte voll mit den Erzählungen von Männern, die sich in Frauenkleidern präsentierten, die versteckt homosexuell waren oder feminine Spielarten bevorzugten. Und sie ist auch voll von männlichen Frauen, die sich burschikos und jungenhaft geben, ‚zu Hause die Hosen anhaben‘ wie man sagt, oder gar die perfekte Domina sind. Der indische Psychoanalytiker, G. Bose behauptete, dass grundsätzlich jeder, Mann und Frau, einen Transgender-Wunsch habe, und so entwickelte er im Gegenzug zu Freuds Definition des Ödipuskomplexes den Komplex der „gegensätzlichen Wünsche“ (opposit wishes) oder Affekte. Der von Freud postulierten Kastrationsangst des Knaben setzte er z. B. den unbewussten und libidinösen „Wunsch eine Frau zu sein“ gegenüber. Dieser unbewusste Wunsch musste dann vom Therapeuten dem Patienten bewusst gemacht und mit der äußerlichen Situation versöhnt werden. Allerdings geriet Bose oft in Konflikte, wenn seine Patienten sich zu stark gegen seine Kriterien wehrten.

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie ein junges Mädchen, aufgewachsen auf einem Bauernhof, sich in Phantasien hineinsteigert, die von Schönheit und Größe, von Spiritualität und Anerkennung gefüllt sind. Auch heute noch bevorzugen manche Mädchen Ritterspiele und abenteuerliche Unternehmungen mit Jungen und passen so gar nicht ins Schema rosaroten Mädchenträume, die sich viele Kinder wünschen und für Blütenarrangements schwärmen. Besessen davon Soldatin zu sein, zu reiten, Erfolge zu haben, zu kämpfen und zu siegen ist dann schon etwas ungewöhnlicher. Erstaunlich war ja, dass der Stadtkommandant Baudricourt und auch der Dauphin, der spätere König, sich von Jeanne D’Arc überreden ließen, sie einzukleiden und Eskorten zur Seite zu stellen. In unserer heutigen techno- und bürokratischen Welt wären solche außergewöhnlichen und mutigen Schritte nicht mehr möglich. ‚Heilige‘ landen heute in der Psychiatrie.

Man könnte Jeanne D’Arc auch eine hypomanische Abwehr unterstellen, das heißt, dass man sich unbewusst in eine gehobene Stimmung und Aktivität versetzt, weil man eine Infragestellung des eigenen Selbstbildes abwehren möchte. Dann steht nicht so sehr das libidinöse Begehren im Vordergrund, sondern etwas Aggressives. Schließlich wird Jeanne D’Arc ja oft mit dem Schwert in der Hand gezeigt, und so kann man sich schon fragen: wie kommt ein junges Mädchen vom Land dazu, sich ja auch vorstellen zu müssen, wie sie mit dem Schwert ihre Feinde durchbohrt. Selbst wenn man berücksichtigt, dass das Penetrieren zum männlichen Sexualverhalten gehört, so ist doch in den Bildern, die man sich von Jeanne D’Arc mit Rüstung, Schwert und Lanze gemacht hat, ein hypomanisch-aggressives Element zu finden.

Wie würde es einer Jeanne D’Arc heute ergehen? ‚Stimmenhören‘ im jugendlichen Alter kommt auch heute noch oft vor und es muss absolut nicht pathologisch sein.2 An einer schizo-affektiven Psychose litt Jeanne D’Arc sicherlich nicht, und so bleibt eben nur eine gewisse neurotische Grundhaltung, die man ihr heute wohl attestieren könnte und die ja auch immer schon zu künstlerischen oder sonstigen Sonderleistungen prädestiniert hat, die dann gut oder weniger gut ausgehen können. Vielleicht handelt es sich bei den überehrgeizigen Frauen, die heutzutage die Chefetagen stürmen, um ähnliche Persönlichkeiten. Bei uns in Deutschland ist es jetzt schon der zweiten Frau gelungen, den höchsten Posten im militärischen Bereich einzunehmen, nämlich den der Verteidigungsministerin. Auch in Philosophie, Justiz und im Finanz- und Wirtschaftsdisziplinen stürmen die jungen Frauen erfreulicherweise nach vorne.

Es ist ja auch bekannt, dass Jeanne D’Arc sich hervorragend vor Gericht gegen die Intrigen und Raffinessen der englischen Rächer gewehrt hat, aber letztlich doch der Übermacht der politischen Machtkämpfe zwischen dem schwachen französischen König und den Engländern zum Opfer gefallen ist. Das Ränkespiel war fürchterlich. Man stellte ihr Fangfragen wie z. B. die, ob sie ihrer Gnade gewisss sei. Hätte sie geantwortet im Stande der Gnade zu sein, wäre ihr das als ketzerische Anmaßung ausgelegt worden, hätte sie es geleugnet, so hätte sie ihre Schuld zugegeben. Sich aus dieser Schlinge ziehend sagte sie: „Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott dahin bringen, wenn ich es bin, möge mich Gott darin erhalten“!3

In den sich lange hinziehenden Verhören und Prozessen ging es ständig um Leben und Tod, Glaubensbessenheit und Irrglauben, theologische Amtsanmaßung und natürliche, mädchenhaft-weibliche Offenheit sowie zahlreiche andere Gegensätzlichkeiten und Widersprüche. Trotzdem bleibt die Frage: gab es nicht doch bei Jeanne D’Arc eine minnimale Queerness, eine Transgenderproblematik, eine Hypomanie, deren Wesen für uns ja auch hier und heute noch absolut nicht gelöst ist. Aber man kann in einer Therapie als Deutungsinstrument gebrauchen. Geht es heute nicht manchen Menschen mit Transgenderwunsch wieder so wie es Jeanne D’Arc ergangen ist? Man wird heute nicht mehr verbrannt, aber in schrecklichen Identitätskonflikten alleine gelassen? Inwieweit müssen wir uns alle damit beschäftigen?

Freilich gibt es einen Zusammenhang zwischen Genderproblem und Neurose, schon Freud meinte, das erstere sei die Schattenform des letzteren. Aber da existiert ja bei Jeanne D’Arc auch noch die religiöse Dimension, die man allerdings außerhalb jeder konfessionellen Zuschreibung klären müsste. Vielleicht hatte sich Jeanne D’Arc spirituellen Übungen hingegeben, wie sie in der mittelalterlichen Mystik üblich waren und dazu keinen geeigneten Lehrer gehabt. Schließlich ist niemand auf die Idee gekommen, in ihr eine Hexe zu sehen, erst gegen Ende ihrer Gefangenschaft hat man sie als ‚notorische Ketzerin‘ eingestuft, ihr also ein ähnliches negatives imago verpasst. Egal, für eine weitere Klärung wechsle ich das Thema zu einem – wenn vielleicht auch fraglichen – dafür aktuellen Vergleich.

Der Jurist und Publizist Jürgen Todenhöfer gilt schon seit langem so ein bisschen als von Krisen und aus Kriegen berichtender Selbstvermarkter. Fast exhibitionistisch steht er immer sichtbar mitten im Grauen und spart nicht mit narzisstischen Hinweisen darauf, wo er überall in Gefahr gewesen war und mit wem er mitten im Kugelhagel gesprochen und verhandelt hat. Auch in seinem neuen Buch stehen diese waghalsigen Recherchen im Vordergrund, aber ihre Authentizität gibt seinen Erzählungen und Kommentaren doch eine schonungslose Offenheit und bestechende Exaktheit über die entsetzlichen Verbrechen, Verwüstungen, Sadismen und Grausamkeiten all der großen Politiker, Strategen und Machthaber unserer eigenen heutigen Welt. Gemeint ist vor allem die Welt des Westens, aber auch einiger aus dem Orient und anderer Länder.4

Wie Jeanne D’Arc versucht er einen ganz eigenen Einzelweg zu gehen. Er beschreibt detailliert wie im Syrien-, Gaza- und Jemenkrieg Kinder in Schulen und Krankenhäusern gezielt getötet wurden, wie in den gerade zerbombten Wohnungen noch Kinderspielzeug herumlag, was die israelischen Kriegsmacher als Täuschungsmanöver bezeichneten, um weiter frivol Zivilisten massakrieren zu können. Von Amerika bis Myanmar, von Russland bis Saudi-Arabien und in alle nur denkbaren Regionen hemmungsloser Aggressivität reiste und reist Todenhöfer weiterhin zu den Brennpunkten des Entsetzens. Er spricht mit Opfern und Regierungschefs, mit Agenten und Notleidenden, mit Einheimischen und international bekannten Personen. Auch wenn ich ihn gerade und sicher nicht ganz zu unrecht als Narzissten (auch das ein hypomanischer Abwehrmechanismus) bezeichnet habe, so sind seine Unternehmungen dennoch einzigartig, wichtig, mutig und sensationell. Ist er auch so ein Grenzfall wie Jeanne D’Arc?

Wirklich helfen werden Todenhöfers Bemühungen allerdings nicht, sowie Jeanne D’Arcs Versuche die Engländer nicht endgültig aus Frankreich vertrieben haben. Seine gut gemeinten Erklärungen zum Terrorismus und zur Heuchelei der Militärs, zum Desinteresse angesehener Entscheidungsträger und seine schlicht gefassten Erklärungen zur Geschichte und Kultur sind anmutend und voll Mitgefühl, aber genau so wie meine Zeilen hier in diesem Buch wenig relevant für eine wirkliche positive Veränderung in der Welt. Dennoch schreibt man weiter. Was sollte man auch tun? Sich in Positionen wählen zu lassen, in einem Beruf ganz groß herauskommen, selbst so bekannt sein wie Todenhöfer bringt deswegen nicht mehr, weil alle diese Karrieren mit Umständen, Zugeständnissen an Kooperativen und Selbsteinengungen verbunden sind.

So schlagen sie zwar Wellen, lösen aber nicht den Tsunami aus, der nötig wäre, um diese Fürchterlichkeiten, die damals wie heute in der Welt wüten, zu beenden, und so ist auch mein Vergleich dieser zwei Personen von damals und heute nicht sehr weltbewegend. Ich sehe nur die eine Möglichkeit, die wahrscheinlich immer schon die beste war, aber wohl kaum genutzt wurde: nämlich als Einzelner allein, als Einzelner bei sich selbst und seinem Unbewussten, also genau bei dem anzufangen, ‚was es – in jedem von uns und an seinem subjektbezogensten Punkt – vom EIN gibt‘ (qu’il y en ait de l’Un, wie Lacan es in seinem Seminar XIX sagte).5 Und dies nur, um von da aus weiterzugehen, ohne also eine soldatische Gefolgschaft aufzubauen wie es Jeanne D’Arc getan hat, PR-Veranstaltungen ins Szene zu setzen, oder Politik oder sonst etwas Manipulatives zu betreiben wie es etliche emanzipierte Leute heutzutage tun.

Ein paar Beispiele, um zu erklären, was diese sonderbare Äußerung Lacans bedeuten soll. Jesus hatte sich gleich zwölf Gefolgsleute genommen, er hat sich nicht zuerst einmal in Nazareth unter einem Johannisbrotbaum oder unter einer Tabor-Eiche gesetzt und damit gewartet, den Anspruch dieses mysteriösen ‚Vaters‘, der ihn geschickt habe, sofort erfüllen zu müssen. Irgendwann würde schon jemand gekommen sein, der sich ihm zugesellt hätte und den er dann mit ‚wissendem Schweigen‘ (wie es der Psychoanalytiker macht, wenn er seinem Patienten lauscht) intensiv hätte zuhören können, um ihn so nur nach und nach soweit zu bringen, die großen Wahrheiten zu erkennen. Wäre es nicht besser gewesen so allein als Einzelner anzufangen und nicht gleich mit revoltierenden Reden durch die Gegenden zu ziehen? Noch heute wirft man ihm deswegen vor, nur Sozialrevolutionär gewesen zu sein.6

Nun könnte es ja so gewesen sein, dass Jesus bei Johannes dem Täufer, bei den Qumran-Essenern oder anderen mystischen Gruppierungen eine Phase der Vereinzelung, Isolierung, Askese zu sich als Einzelnem bereits durchgemacht hat, und erst dann nach außen in die Welt gegangen ist. Daher ein anderes, vielleicht besseres Beispiel: war es nicht auch bei Otto Hahn mit der atomaren Kernspaltung so, dass er es nicht gleich in alle Öffentlichkeit hinausposaunen, sondern die große Entdeckung erst einmal nur mit seiner Duzfreundin Lise Meitner als gemeinsames Geheimnis hätte teilen sollen? Erst nach und nach hätte man es in Fachkreisen diskutieren und Wege der Weiterführung finden können. Es wäre Zeit gewesen alle Risiken zu besprechen, die die Kernspaltung sichtbar machte und man hätte zuerst einmal nur zuverlässige Leute in die Sache einweihen können.

Zudem, was die Beziehung zu Lise Meitner angeht: nur das Geheimnis, das zwei Menschen miteinander teilen, macht sie – wie Sartre einmal sagte – zum Paar, und das wäre doch doppelt gut gewesen: physikalische Entdeckung und persönliche Intimität. Nun, das klingt albern, aber wenn man bedenkt, wie übel Lise Meitner vom Nobelpreis ausgeschlossen wurde, wie wenig sie anerkannt wurde, wäre ein wenig Paarbildung doch ganz gut gewesen. Von ihnen beiden als Entdeckern der Kernspaltung ausgehend hätten sie dann behutsam wie unter Eingeweihten weitergehen, und den blöden Nobelpreis um Jahre verschieben können.

Es mag utopisch klingen, aber wäre so vielleicht auch die Atombombe erst einmal allen erspart geblieben? Auch S. Freud gründete viel zu früh die ‚psychoanalytische Gesellschaft‘ und scharte Anhänger um sich, wo doch gerade seine Methode klassisch dazu angetan war, vom Unbewusstes seiner selbst als Einzelnem jeweils zum Unbewussten einer weiteren Einzelperson voranzugehen, unter denen dann wieder – nicht unbedingt jeder – aber doch wieder nur ein Einzelner mit völliger Neufassung des Konzepts vom Unbewussten hätte wissenschaftlich fortschreiten können. Der Psychoanalytiker und sein Klient oder Patient – egal wie man es nennt – sind doch tatsächlich von vornherein ein intimes Paar, die hunderte von Gesprächsstunden zusammensitzen, und in dieser Zeit ja gar nichts darüber publizieren können, weil die Wahrheit ihres Zusammenseins ja erst am Ende feststeht.

Warum gaben sie anfänglich diese Intimität in Form ständiger fortschreitender Paarbildung nicht weiter? Später musste Freud nämlich erkennen, dass unter all den Schülern, die er selbst analysiert hatte, Richtungskämpfe ausbrachen, die seine Methode gefährdeten und eventuell sogar grundlegend beschädigten. So musste er in seinem Buch ‚Das Unbehagen in der Kultur‘ schreiben, dass es nicht an der Kultur, sondern mitten in ihr drin – und damit meinte er ganz klar seine bereits ausufernde Mitstreiter- und Nachfolger-Kultur – zu Unbehagen, zu Schwierigkeiten und Missdeutungen kommt. Aber da war es schon zu spät. Die Kultur war bereits zu einem großen Klüngelverein geworden wo man sich absprach, was in der Psychoanalyse gelten sollte und was nicht. Das ist auch heute noch so, wenn Psychoanalyse wie von oben herab in vielen Instituten scholastisch gelehrt wird, ja schon in der Auswahl der Ausbildungskandidaten die Normopathen, die ‚dull normals‘, die brav Angepassten bevorzugt werden.7

Hätte Jeanne D’Arc nicht besser einen Sendungsauftrag nur erst einmal für sich allein genutzt, eine ‚Seelenburg‘ in sich aufgebaut wie es die Heilige Theresa von Avila getan hat oder Bücher geschrieben wie Hildegard von Bingen? Was ist der Stachel in all diesen Menschen und warum klären sie seine Stachlichkeit nicht vorher, bevor sie in die Welt hinausgehen? Vielleicht ist die Unterscheidung des zu frühen oder des zu späten Schrittes schwierig. Einzig Lacan, der sich an das Konzept gehalten hat, das ich hier favorisiere, versuchte angehende Psychoanalytiker nicht wie an der Schule oder an den heutigen Universitäten zu examinieren, sondern über den Weg begleitender Personen, sogenannter ‚Passeure‘, die einer Jury gegenüber mitbestimmend sind, fertige Therapeuten werden zu lassen. Er sagte stets, dass letzten Endes der Psychoanalytiker sich selbst zu einem solchen ernennen muss, er muss auch diese Entscheidung als Einzelner auf sich nehmen und seinen Weg ganz allein gehen.

Noch rechtzeitig vor seinem Tod löste Lacan daher sein psychoanalytisches Institut, seine ‚école freudienne‘, wieder auf. Niemand sollte sich nur ins gemachte Bett legen, sondern selbst als Einzelner mit durchgreifender Erneuerung der Psychoanalyse wieder mit sich selbst neu beginnen, eine Wissenschaft vom Unbewussten aufzubauen. Umso mehr haben sich dann allerdings seine Epigonen auf die schriftlichen Hinterlassenschaften gestürzt, und so passiert wieder das Gleiche: da die hinterlassenen Schriften sehr umfangreich und nicht leicht zu lesen sind, wurden und werden auch heute noch seine Sätze einfach so zitiert ohne aus dem darin Enthaltenen eine umfassende Erneuerung zu kreieren. Statt zu schlechten Epigonen wie es bei Freud der Fall war, wurden sie zu guten Plagiatoren.

Ich müsste hier aufhören zu schreiben und so zu tun, als wüsste ich alles besser und wüsste vor allen etwas von dem, ‚was es vom EIN gibt‘. Ich habe mich lange neben meiner psychoanalytischen Tätigkeit mit meditativen Methoden – aus dem allgemein psychologischen und mehr noch aus dem indischen und asiatischen Kulturkreis – beschäftigt, sie selbst erlernt und täglich praktiziert und schließlich ein Verfahren entwickelt, das ich Analytische Psychokatharsis nenne. Zahlreiche Bücher habe ich geschrieben, aber die meisten Leser setzen die Methode nicht um.8 Nur darauf käme es mir an, doch wenn es gut ist, wird es sich von selbst durchsetzen. Ich fange jetzt erst an als Einzelner bei mir selbst an zu dem zu kommen, ‚was es vom EIN gibt‘?

Ich orientiere mich ein bisschen an dem Philosophen Michel Serres, der erst vor kurzem verstorben ist, und dem es so ähnlich erging. Er war ein Vermittler zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, geißelte das schmarotzerhafte Ausbeuten der Natur durch den Menschen und hat ebenfalls lange gebraucht, bis er zum „Quereinsteiger und Querläufer in der Gegenwartsphilosophie“ wurde.9 „Er glaubte nicht, dass Debatten das Denken voranbrächten, ... Das Zeitalter der Kritik und des Kommentars hielt er für beendet. Das Bedeutsame sah er fortan auch für die Philosophie eher auf Seiten des einsamen Forschens und quasi wissenschaftlichen Bereitstellens von neuen adäquaten Begriffen“. Exakt in diesem Sinne des Vereinzelten, des einsamen Forschers, versuche ich auch bei mir selbst zu bleiben und fortzuschreiten, wenn auch noch nicht mit vollem Erfolg. Doch der Fortschritt ist wichtiger als der Erfolg. Hat alles gar keinen Sinn oder sind beide wichtig?

Dafür wäre der Philosoph J. Habermas ein Beispiel, der sich neben dem theoretischen Studium für eine fortschrittliche Kommunikationsgesellschaft einsetzte und früh auch am praktischen Erfolg der Studentenbewegungen teilnahm. Erst später wird „die Verständigung, das ist das Leitmotiv, in der Sprache selbst angelegt. Habermas glaubt an ‚den objektiven Geist des intersubjektiven Verkehrs zwischen von Haus aus vergesellschafteten Subjekten‘,“10 ja auch an eine ‚von innen her wirksame Transzendenz‘. Ist er jetzt doch zu abstrakt geworden? Noch 2019 soll ein Buch vom ihm mit über 1700 Seiten erscheinen, werden das nicht nur die Eingeweihten lesen? Hätte er doch noch mehr pragmatisch bleiben sollen, eine Haltung, die er ja der akademisch gebliebenen ‚Kritischen Theorie‘ der Frankfurter Schule entgegensetzte?

Der Psychoanalyse stand Habermas zwar positiv gegenüber, nannte sie aber eine „therapeutische Kritik“, was ein bisschen ernüchternd, versachlicht und kühl klingt. Er warf auch Lacan vor, das ‚Licht der Aufklärung absichtlich zu verdunkeln‘, was zeigt, dass er die Psychoanalyse und speziell Lacan überhaupt nicht verstanden hat, denn Aufklärung, rationales Denken, ist allein nicht die Sache des Therapeuten. Im Gegenteil: zu viel Rationalität gilt in der Psychoanalyse als Abwehrmechanismus, zurecht also muss man die überhellen, überbordenden rationalen Gedanken etwas verdunkeln. Ist Habermas nicht doch der Gelehrte im Elfenbeinturm, von dem ihn natürlich heute niemand mehr herunterholen wird? Er wird einer der größten Universaldenker bleiben. Man kann sich hervorragende Statements von ihm holen, aber wenn man nicht nur ans ‚vergesellschaftete‘, sondern ans tatsächliche Subjekt heranwill, muss man – wie es auch von Serres hieß – ‚durch Selbstreflexion‘, Selbstsublimation, also ganz von innen her, bei dem anfangen, ‚was es vom EIN gibt‘. Aufklärung, rationales Denken, hilft hier alleine nicht.