Erna Oehlke, Tochter des Holmer Müllers, ca. 1924

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ISBN 9783749488858

Zweite, durchgesehene Auflage Juli 2019

Herstellung und Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt

Copyright Ingo Engelmann All rights reserved

Für Linda

Inhalt:

Vorwort

Am Anfang stand ein Foto. Fast hundert Jahre alt war es, und es zeigte die Tochter der Müllersleute Oehlke aus der Holmer Mühle bei Buchholz. Im Jahr 2018 sollte die jährliche Kunstausstellung in der Mühle, die seit langem regelmäßig ausgerichtet wurde, nicht nur Kunst in die Mühle bringen, sondern die Mühle selbst und die, die dort gelebt hatten, zum Gegenstand der Kunst machen. Vor allem sollte es um die Frauen gehen, die in nahezu jedem Mühlenbetrieb eine tragende Rolle gespielt hatten, aber traditionell kaum beachtet worden waren. Ich wurde gefragt, ob ich als Fotograf mich an der Ausstellung beteiligen wolle. Das interessierte mich.

Mich beschäftigte vor allem das, was wir von der Müllerin und ihrer Tochter auf dem Foto nicht wussten: wofür sie sich interessiert hatten, wie sie sich selbst und die Welt erlebten, wonach sie sich ganz bewusst oder mehr unterschwellig gesehnt hatten. Wie mochte das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sein?

Zunächst lernte ich vieles über Mühlen im Allgemeinen und die Geschichte der Holmer Mühle. Ich durchsuchte Lieder und Texte, las Romane und versetzte mich so ansatzweise in eine Welt, die ich nie kannte. Dann fand ich überraschend viele Berührungspunkte zu meiner eigenen, ganz anders verlaufenen Biografie. Das führte zu intensiverer Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Instrumenten, die ich aus meiner Berufstätigkeit kannte und die vieles vorstellbar und nachspürbar machten, was ich selbst nicht erlebt hatte.

So fand ich zu einer Sichtweise, die über die Mühle und die Müllerin hinaus vieles erhellte, was mich selbst schon lange beschäftigt hatte. Das Eigene und das Fremde begegneten mir immer wieder, wie schon häufiger in den letzten Jahren (Engelmann 2016). Die Müllerin hat mir dazu verholfen, ein paar spannende Fragen neu zu stellen und neue Antworten zu versuchen. Das führt mitten hinein in das Spannungsfeld von Kindheit, Spiel, Traum und Kunst, und von dem Prozess möchte ich berichten.

Buchholz, Juli 2019
Ingo Engelmann

Erstens

Zur Geschichte der Holmer Mühle

Wassermühlen klappern im heutigen Landkreis Harburg seit über achthundert Jahren. Man kann das urkundlich bis mindestens in das Jahr 1200 zurück verfolgen (Borstelmann 1935). Bei diesem Kunstprojekt geht es speziell um die Holmer Mühle im südlichen Zipfel der heutigen Stadt Buchholz. Die Holmer Mühle wurde für den Winsener Amtmann von Hodenberg gebaut, als er 1567 das Dorf Holm in ein Rittergut umgewandelt hatte und ein erstes Gutshaus errichten ließ. Um 1580 entstand dann die Kapelle auf dem Gutshof, heute das älteste noch original erhaltene Gebäude auf dem Gebiet der Stadt Buchholz.

Gut Holm (2018)

Die Mühle war Zwangsmühle (G1)1 für die Dörfer Holm, Handeloh, Höckel und Wörme, das heißt die Bauern aus dieser Gegend mussten ihr Mahlgut nach Holm bringen und durften nicht in Seppensen, Dierkshausen oder Bendestorf mahlen lassen (und schon gar nicht selbst auf ihrem Hof). Das tatsächliche Einzugsgebiet der Holmer Mühle erstreckte sich aber wohl darüber hinaus bis weit in die Lüneburger Heide. Dass Bauern auf eine Mühle „gebannt“ wurden, d.h. dort mahlen lassen mussten, war seit dem Mittelalter eine Festlegung der Obrigkeit. Es gab Mühlen, die keinen Bann hatten und daher keine regelmäßigen „Zwangs-Kunden“, wie beispielsweise die vom Stift Ramelsloh erbaute Mühle in Horst. Diese Mühlen waren dann noch stärker als die Zwangsmühlen darauf angewiesen, Nebenverdienste zu schaffen: Ausschank von Bier und Branntwein, Fischerei, Imkerei usw. Diese Bereiche waren ihrerseits mit Gerechtsamen (G2) belegt, es war also festgelegt, wer welche Rechte wahrnehmen durfte.

Die erste urkundlich nachzuweisende Erwähnung der Holmer Mühle stammt aus dem Jahr 1615 (Kegel 1983). Der Bendestorfer Müller Tamke erstattete Anzeige und beklagte sich bei der Winsener Obrigkeit über die Bevorzugung der Holmer Mühle. Tamke warf „den Harburgern“ vor, lieber nach Lindhorst oder Holm zu fahren als zu ihm nach Bendestorf. Solche Eingaben gab es eher häufig, und meist blieben sie ohne Konsequenzen. Bei der behördlichen Würdigung spielten auch andere Faktoren eine Rolle als nur die oft über den Preis beeinflusste Nachfrage: Wie war der Müller beleumdet? Hielt er seine Mühle gut instand? Mahlte er feines, weißes Mehl oder blieb es grau und spelzig? Zahlte er seine Steuern regelmäßig?

Holmer Mühle (2018)

Die Gutsherren Hodenberg bzw. durch Einheirat später Schenk von Winterstedt bewirtschafteten auch weitere Ländereien und die Mühle in Lindhorst. Außerdem übernahm das Gut Holm später auch noch die Mühle in Schmalenfelde bei Marxen (Borstelmann 1935). Bis weit in die Heide (z.B. Undeloh, in: Reins, 1967) waren Höfe dem Holmer Gut zehntpflichtig (G3). Das Holmer Rittergut war mithin ein recht ansehnliches Anwesen.

In Kirchenbüchern findet man immer Angaben über Besitzverhältnisse, Erwerb von Flächen und alles, was in einer Kirchvogtei so von Bedeutung ist. In den Jesteburger Kirchenbüchern ist allerdings nur festgehalten, dass die Holmer Mühle rechtsseitig der Seeve liegt und somit zum Kirchspiel Jesteburg und zum Amt Winsen gehört. Auf dem gegenüberliegenden Seeveufer begann das Amt Moisburg (später Tostedt). Weiterhin wird in den Kirchenbüchern angegeben, die Mühle verfüge über zwei Grindeln, also Wasserwellen zum Antrieb des Mühlengetriebes. Das ist dann aber auch schon alles.

Im Jahr 1737 ist in den Gerichtsakten des Amtes Winsen wieder einmal die Rede von der Holmer Mühle. Der Holmer Müller Gehrdau habe einem Gastwirt aus Handeloh (das damals noch Handorf hieß) Malz geschrotet, obwohl der gar keine behördliche Gerechtigkeit (G2) zum Bierbrauen hatte. Als der Müller diesbezüglich in Winsen vernommen werden sollte, erschien er nicht – und sein Dienstherr, der Gutsherr von Holm, ließ die Winsener ebenso abblitzen. Ein Rittergut kümmerte sich nicht um die Brauerlaubnisse irgendeines Dorfkrugs, ohne deshalb Sanktionen befürchten zu müssen.

Nachbarmühle in Bendestorf (2017)

Wenige Jahrzehnte später kam die Mühle dann heftig ins Mahlwerk der Geschichte, und zwar im Siebenjährigen Krieg (1756-1763). Die Franzosen versuchten, mit einem Angriff ihrer fast 100.000 Mann starken Rhein-Armee auf die Welfen in Hannover indirekt die Briten zu schwächen, die durch Verwandtschaftsverhältnisse zwischen London und Hannover mit der Allianz Preußens verbunden waren. Den zahlenmäßig überlegenen Franzosen stellte sich eine Allianz unter dem Braunschweiger Herzog Ferdinand entgegen. Die Heere lagen sich in der Jesteburger Gegend beidseits der Seeve gegenüber, der Braunschweiger befehligte 32.000 Soldaten, die zwischen Itzenbüttel und der Seppenser Mühle lagerten. Bei den Gefechten ging die Holmer Mühle in Flammen auf. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder. Brandstifter sollen die französischen Truppen gewesen sein.

Der Gutsherr Schenk von Winterstedt ließ die Mühle im folgenden Jahr (1758) sofort wieder aufbauen. Sie war für ihn wirtschaftlich außerordentlich interessant. Die Gewinne der Mühle auf dem Gut flossen dem Gutsbesitzer zu, der nur wenig davon an die Obrigkeit abgab. Die anderen Mühlen, die vom Amt oder dem Herzog verpachtet worden waren, mussten erhebliche Steuerlasten aufbringen, ein Rittergut war davon befreit.

Um 1700 war auf dem Holmer Gut auch eine Ölmühle errichtet worden. Dort wurden vor allem aus Leinsamen, aber auch aus Bucheckern Öl gepresst (Kludas 1978). Der Straßenname „Zum Ölteich“ weist in Holm noch heute darauf hin. Allerdings wurde die Ölmühle nur kurze Zeit betrieben, das Gebäude verfiel. Hundert Jahre später wurde das Vorhaben im Keim erstickt, die alte Ölmühle wieder aufzubauen. Noch ehe überhaupt ein Antrag gestellt worden war, alarmierte der Seppenser Müller das Winsener Amt (Kegel 1983). Eine Ölmühle in Holm würde nicht nur ihm in Seppensen empfindliche Einbußen bereiten, sondern sich auch ungünstig auf die Steuern auswirken, die er der Königlichen Domäne zu zahlen habe. Auch würde ihm dann erschwert, den jährlichen Erbzins aufzubringen. Prompt kam aus Winsen die Anweisung, jegliche Planung einer Ölmühle beim Rittergut Holm zu unterlassen. Wenn die öffentlichen Einnahmen gefährdet schienen, stieß auch ein Freiherr auf einem Rittergut an seine Grenzen.

Im neunzehnten Jahrhundert änderten sich die Besitzverhältnisse in Holm ebenso wie das gesellschaftliche Umfeld grundlegend. Die Familie Schenk von Winterstedt, ursprünglich ein altes Adelsgeschlecht aus dem Schwäbischen, hatte nach dem Tod des letzten Freiherrn im Jahr 1838 keinen männlichen Erben und ihre Güter fielen an die Krone (Altmann 2018). Auch das Gut Holm war nun nicht mehr Rittergut eines Freiherrn, sondern wurde von der hannoverschen Regierung verpachtet und später ganz verkauft, die einzelnen Höfe unterstanden nunmehr direkt der staatlichen Obrigkeit und nicht mehr dem Gutsherrn. Der Müller zahlte seine jährliche Pacht in Höhe von ca. 210 Reichstalern nun an das Land Hannover. Der Mahlzwang (G1) wurde 1869 auch offiziell aufgehoben, nachdem er schon lange nicht mehr wirklich eingehalten worden war. Die zahlreichen Windmühlen, die im neunzehnten Jahrhundert errichtet worden waren, brauchten keine Mühlgerechtigkeit (G2) mehr, und so vervielfachte sich die Konkurrenz ( Voß 1995, S. 243).

Nicht nur durch die Besitzverhältnisse, sondern auch durch die Industrialisierung änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Insbesondere in der nahen Großstadt Hamburg wurden Dampfmühlen gebaut, die im Vergleich zu den kleinen Wasser- und Windmühlen ein Vielfaches an Korn mahlen konnten. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen dann die Lastkraftwagen ins Spiel, die auch längere Anfahrtwege wirtschaftlich machten als es vordem mit Fuhrwerken möglich war. Der Bauer konnte die Mühle aussuchen, die den besten Preis bot.

1874 wurde auf der Nordseite der Seeve (der Getreidemühle gegenüber liegend) eine Sägemühle erbaut (s. Abb. unten). Sie wurde bis in die sechziger, siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, also länger als die Getreidemühle, zuletzt von dem Sägemüller Brockmann aus Hassel betrieben. Erst 1974 wurde die Sägemühle wegen Baufälligkeit abgerissen.

Holmer Mühle 1949, vorn die Sägemühle (Zeichnung C.M. Lorenz, aus: Recht (o.J.))

Der letzte Pächter der Holmer Getreidemühle war von 1895 bis 1927 Hugo Otto Oehlke. Es existieren mehrere Fotos von Hugo Oehlke, seiner Frau Catharina Margarete und mehreren ihrer Kinder aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Von der Familie ist darüber hinaus nicht viel bekannt – allenfalls die herausragende Summe von 60 Mark, die die Oehlke-Tochter Ida zu Beginn des Ersten Weltkriegs zusammengetragen hatte, als in der Bevölkerung für Pakete an die Soldaten „im Felde“ gesammelt wurde (Kegel 1991). Von der Müllerstochter Erna Oehlke existiert ein Bild (1924, s.S 1), auf dem zu sehen ist, wie sie mit anpackt. Die Mühle leistete zu dem Zeitpunkt bereits einen wesentlichen Beitrag zum alltäglichen Fortschritt: Mit einer Turbine produzierte sie Strom, der in das Rittergut geleitet wurde. Als das Foto entstand, wurde gerade die Ortschaft Holm aus der Doppelrolle Rittergut / Landgemeinde entlassen und wurde zu einer normalen politischen Gemeinde (1925).

Mit dem Tod des Müllers 1927 wurde der Mühlbetrieb weitgehend eingestellt, nur selten wurde das Mahlwerk noch in Gang gesetzt. 1938 erwarb die noch heute auf Gut Holm ansässige Familie Kohrs das Gut. Sie https://www.gmv-buchholz.de/seite14.html