Erstveröffentlichung: 2019

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: BoD

Fotorechte by Britta Kanacher

© 2019 Kanacher, Britta

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783750472204

Nicht was wir erleben,

sondern wie wir es empfinden,

macht unser Schicksal aus.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Meinen Kindern

und meiner Mutter

Inhalt

Die Freiheit, sich gut zu fühlen

Noch vor kurzem hätte ich die folgenden Sätze so nicht denken oder gar aussprechen können. Es hätte sich irgendwie falsch angefühlt. Heute fühlt es sich richtig an und deshalb kann ich aus tiefstem Herzen sagen: Mein Leben ist großartig. Mein Leben ist erfüllt von Chancen und Möglichkeiten, mich gut zu fühlen! Ich kann diese Fülle in meinem Leben endlich sehen und genießen. Ich nutze sie jeden Tag und fühle mich gut!

Für dieses Lebensgefühl musste ich gar nicht viel tun. Ich musste nur meine Augen öffnen und mein Leben anders sehen. Mein Leben ist lebens- und liebenswert – ganz ohne „Wenn und Aber“ und „Hätte ich doch nur“!

Allzu lange habe ich immer wieder gedacht: „Das Leben könnte so schön sein, wenn …“ Ja, wenn nur dieses gewesen oder jenes eben nicht gewesen wäre. So vieles schien zu fehlen, während anderes da war, obwohl es nicht da sein sollte. Ich haderte fast täglich mit meinen Lebensumständen.

Inzwischen ist mir klar: Dieses Hadern war mein größtes Problem. Schon in meiner Kindheit hörte ich immer wieder den Spruch: „Wenn das Wörtchen wenn nicht wär’, wär’ mein Vater Millionär.“ Dieser Spruch tauchte immer dann auf, wenn irgendetwas wegen zu wenig Geld nicht machbar war und das Leben deshalb weniger lebenswert und weniger wertvoll erschien. So wurde ich schon als Kind auf mein „Wenn und Aber“-Denken eingeschworen. Später steigerte sich dies noch in ein chronisches, meinen Selbstwert zerstörendes „Hätte ich doch nur“-Denken.

Dieses Denken sowie eine Vielzahl anderer Denkmuster konnte ich mittlerweile ablegen. Ich konnte dies, weil ich meine Freiheit entdeckt habe. Meine Freiheit, die besagt: „Ich darf, sollte und kann mein Leben auch ganz anders sehen, denken und empfinden!“ Diese Freiheit hat mir die Augen geöffnet für alles, was ich lange Zeit verzerrt oder gar falsch gesehen habe. Sie hat mir aber auch die Augen geöffnet für alles, was ich übersehen habe: das Gute, Schöne, Lebens- und Liebenswerte.

Mittlerweile kommt es mir seltsam vor, wie lange und wie weitreichend meine verzerrte und falsche Sicht der Dinge wirkte. Wegen ihr habe ich meinen Selbstwert von negativen Grundhaltungen, äußeren Lebensumständen und der Bewertung anderer abhängig gemacht. Geradezu blind für alles Positive, blickte ich ausschließlich auf das, was nicht stimmte oder fehlte.

Ich hatte diesen Blick, weil andere mich aufforderten, meine Welt genau so zu sehen. Zwar sagte mir nur ganz selten jemand direkt, was er oder sie von mir und meinem Leben hielt. Doch von außen wurde mir immer wieder (mal mehr, mal weniger offenkundig) deutlich gemacht, dass ich doch eigentlich ganz anders und vor allem besser leben sollte, könnte, ja müsste. Dies habe ich dann irgendwann selbst geglaubt. Deshalb habe ich alles getan, um irgendwie besser zu leben. Aber ich habe es nicht geschafft. Meine einzig logische Schlussfolgerung war: „Du schaffst es nicht, besser zu leben. Du versagst an diesem Ziel!“ Bald fühlte ich mich durch und durch als Versagerin!

Dieses Gefühl wurde auch davon genährt, dass es allen anderen so viel besser zu gehen schien. Zudem begleitete mich die ständige Wahrnehmung, nicht genug Geld zu haben. Ich dachte immer öfter über meine finanzielle Situation nach. Fragen drängten sich auf wie: „Warum hast nur du so wenig Geld?“, „Warum schaffst du nicht, was alle anderen schaffen?“, „Warum kannst du es nicht zu etwas bringen?“, „Warum bist du so erfolglos?“.

Stellte ich mir diese Fragen, suchte ich nicht wirklich nach objektiven Antworten. Denn irgendwo hinten in meinem Kopf hatte ich ja Antworten. Diese lauteten: „Irgendwas an dir muss falsch sein!“ oder „Etwas kann mit dir nicht stimmen!“ oder „Du bist nicht gut genug!“ Ein Teufelskreis war in Gang, bei dem sich mein Blick zwanghaft immer weiter verengte. Ich konnte nur noch auf meine finanzielle Situation und meinen vermeintlichen Mangel blicken. Alles andere geriet aus meinem Blickfeld.

Obwohl mich mein verengter Blick fast täglich begleitete, war ich mir dessen lange Zeit leider nicht bewusst. Ich spürte zwar eine diffuse Frustration über mein vermeintliches Versagen, ich spürte auch latente Hilflosigkeit, Selbstzweifel, Traurigkeit, Mutlosigkeit, Selbstvorwürfe, Verbitterung und Hoffnungs- bzw. Perspektivlosigkeit bis hin zu Verzweiflung. Richtig bewusst wurden mir diese Gefühle aber nicht. Sie flackerten allenfalls kurzfristig auf, um von mir rasch wieder verdrängt zu werden.

Doch irgendwann waren meine belastenden Gefühle stärker als meine Kraft, sie zu verdrängen. Mir wurde klar: So frustriert und depressiv bin ich kein Gewinn für meine Familie, mein Umfeld, die Gesellschaft und auch nicht für mich selbst. Folglich wollte ich mich von meinen destruktiven Gedanken und Gefühlen befreien. Doch wie sollte mir dies gelingen?

Während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass offenbar alle Menschen, die es in unserer Gesellschaft „zu nichts bringen“, in einen Topf geworfen werden. Es heißt, sie sind entweder nicht schlau genug, oder sie strengen sich nicht genug an. Wenn sie nicht als zu faul oder zu dumm bewertet werden können, wird ihnen unterstellt, dass sie an ihrer Lage selbst schuld sind. Hintergrund dieser Bewertungen sind Auffassungen wie: „Jeder kann alles erreichen!“, „Wer sich nur genug anstrengt, der erreicht auch was im Leben“. Daher: „Wer es zu nichts bringt, ist selbst schuld!“

Nach meinen Beobachtungen sind solche Denkansätze in unserer Gesellschaft sehr verbreitet. Deshalb bezeichne ich sie als Grunddenken. Dabei ist dieses Grunddenken gar nicht immer auf andere bezogen. Nie habe ich Menschen, die nicht viel erreicht hatten oder gar arm waren, negativ bewertet oder verurteilt. Mich selbst habe ich aber sehr wohl verurteilt. Verurteilt zu einem frustrierten „Versagerdasein“. Irgendwo im Hinterstübchen meines Gehirns waren die Leitsätze: „Jeder kann alles erreichen!“, „Wer sich nur genug anstrengt, der erreicht auch was im Leben“ und „Wer es nicht zu etwas bringt, ist selbst schuld!“ versteckt. Und von dort wirkten sie auf mich und mein Leben. Auf meine eigene Person bezogen, hatten diese Aussagen volle Gültigkeit.

Nachdem ich diese Leitsätze in meinem Denken entdeckt hatte, wollte ich vor allem zwei Dinge: Diese Sätze und das mit ihnen verbundene Denken und Fühlen irgendwie loswerden – und herausfinden, ob noch weiteres Grunddenken in mir verborgen ist.

Mit diesem Wunsch begann ich meine Lebensumstände zu analysieren. Dabei bin ich noch auf einige andere Leitsätze gestoßen, die mich beeinflussten. Diese konnte ich aus meiner Gedanken- und Gefühlswelt entfernen oder durch andere, positiv wirkende Überzeugungen ersetzen. Hierdurch konnte ich so manches wieder ins Lot rücken, anderes konnte ich gänzlich neu sehen.

Es entwickelte sich allmählich ein objektiver Blick auf mein Leben. Dieser führte zu vielen kleinen Aha-Erlebnissen, die meine Selbstbewertung Stück für Stück veränderten. Befreit von negativen Grundgedanken konnte ich mein Lebensgefühl von äußeren Lebensumständen unabhängig machen. Meine Abhängigkeit von der Meinung anderer konnte ich ebenfalls ablegen.

Dies alles stärkte mein Selbstwertgefühl. Mit diesem erstarkten Selbstwertgefühl kann ich heute meine Lebensumstände mit innerer Gelassenheit und ruhigem Gewissen wahrnehmen, ohne Wenn-und-Aber-Denken und deshalb auch befreit von Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Schuld oder Scham.

Ich bin wieder aktiv, interessiert und motiviert und kann endlich sagen: „Ja, ich habe ein erfolgreiches Leben hinter mir. Ich lebe ein erfolgreiches Leben und werde ganz sicher auch in Zukunft ein erfolgreiches Leben leben und erleben.“

Diese Sätze zu denken und aus tiefstem Herzen zu empfinden, stellt für mich einen wesentlichen Erfolg in meinem Leben dar. Damit verbunden ist ein starkes Freiheitsempfinden. Ich bin frei, mich gut zu fühlen. Ich fühle mich frei, zu sagen: „Ich bin ich. Ich bin gut. Ich bin wertvoll. Ich bin es mir wert, ein gutes und wertvolles Leben zu führen, ganz egal, was andere meinen oder sagen.“

Frei nach dem Motto: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“ (Johann Wolfgang von Goethe), habe ich mir meinen neuen Lebensweg gepflastert.

Weil sich mein neues Lebensgefühl so richtig anfühlt, habe ich mich entschlossen, meine Erkenntnisse aufzuschreiben. Ich verbinde damit die Hoffnung, anderen Menschen Mut zu machen.

Ich finde, kein Mensch sollte seine eigene Wertschätzung, seinen eigenen Selbstwert, seine eigene Würde verlieren. Kein Mensch sollte sein Leben mit überflüssigen und oft auch destruktiven Gedanken und Gefühlen belasten. Jeder, dessen Leben auf diese Weise belastet ist, sollte die Chance haben, wieder mit Lebensfreude zu leben.

Ohne Wenn und Aber …

… den Schuldrucksack ablegen

Ich bin unendlich glücklich, heute frei von Schuld leben zu können. Es fühlt sich gut an, ohne Schuldgefühle und Schuldzuweisungen zu leben. Schuld ist ein schrecklich zermürbendes Gefühl.

Dabei habe ich lange gebraucht, um auf Schuld als einen zentralen Grund meiner Unzufriedenheit zu kommen. Andere Gefühle schienen vorrangiger zu sein. Deshalb konzentrierte ich mich zuerst auf meine chronische Angst, nie ein besseres Leben führen zu können. Neben dieser existierte noch die Angst, alles, was ich hatte, auch noch zu verlieren. Hierdurch lebte ich, mal mehr mal weniger konkret, in ständiger Existenzangst.

Heute weiß ich, dass dies so war, weil auf der Angst der große Schatten der Schuld lag. Irgendwo ganz tief in meinem Hinterkopf wirkte ja der Satz: „Wer nichts erreicht, ist selbst schuld!“ Dieser führte dazu, dass ich glaubte, ich hätte mich nicht genug angestrengt – erste Schuld. Wer sich nicht genug anstrengt, versagt – zweite Schuld. Mit diesem Versagen hatte ich mir noch eine weitere Schuld aufgeladen. Ich glaubte, weil ich versagt hatte, sei ich an allem in meinem Leben selbst schuld – dritte Schuld. Ein Teufelskreis der Schuld, der von der potenziellen Schuld: „Wer alles verliert, ist erst recht selbst schuld!“ zusätzlich angetrieben wurde.

Doch meine Schuld zeigte sich mir nicht offen. Sie trug lange Zeit eine Tarnkappe. Sie verbarg sich hinter meinem Versagensgefühl, hinter Selbstzweifeln, Enttäuschungen, Scham, Angst und vielen anderen Gefühlen mehr. Meine Schuld trieb ihr Unwesen im Verborgenen.

Hierin lag das größte Problem. Schuld erscheint als ein sehr schwerwiegender Begriff. Deshalb wird in der Öffentlichkeit nur selten offen über Schuld gesprochen. Ich konnte überhaupt nicht konkret sagen, worin meine Schuld letztlich bestand. Ich überlegte, wie ich mich diesem Thema nähern konnte.

Als Erstes gilt es, zwischen strafrechtlicher und moralischer Schuld zu unterscheiden. Strafrechtliche Schuld ist an Recht und Gesetz gebunden und kann entsprechend verfolgt werden. Moralische Schuld kann und wird nicht strafrechtlich verfolgt. Dafür erscheint sie viel zu abstrakt, zu diffus. Deshalb kam ich auch lange nicht darauf, hinter meinen Unzufriedenheitsgefühlen moralische Schuld als das eigentliche Problem wahrzunehmen. Ich musste einen Weg finden, mir diese Schuld irgendwie verständlich zu machen.

Ich fand folgendes Bild: Weil für mich moralische Schuld nichts wirklich Greifbares ist, verstehe ich sie eher als Virus. Ich denke, dieser Schuldvirus befällt manche und manche nicht. Hat dieser Virus einen Menschen befallen, frisst er sich tief in die Gefühlswelt eines Menschen hinein. Dabei befällt er nicht nur ein isoliertes Gefühl. Ekel oder Angst vor einer Spinne sind solche isolierten, spezifischen Gefühle, die eindeutig einem Auslöser zugeordnet werden können: Ist keine Spinne da, wird das Gefühl von Ekel oder Angst auch nicht empfunden.

Bei moralischer Schuld verhält es sich anders. Sie ist meist nicht eindeutig an einer Sache, einem Umstand oder einem Auslöser fest zu machen. Manchmal sind solche Schuldgefühle sogar gegeben, wenn keine konkrete Ursache auszumachen ist. Daher lässt sich dieser Schuldvirusbefall auch so schwer diagnostizieren. Er lässt sich aber an einer Vielzahl diffuser Symptome erkennen.

Fragen wie: „Tue ich das Richtige?“, „Bin ich gut genug?“, „Kann ich genau das, was gerade gefragt ist?“, „Nutzt mir das, was ich gerade mache?“, „Habe ich den richtigen Partner?“, „Habe ich den passenden Job?“, tarnen sich als einfache und geradezu alltägliche Fragen. Nach meiner Einschätzung können sie aber Ausdruck eines möglichen Schuldvirusbefalls sein. Ich denke, in diesen Fragen spiegeln sich Ängste vor falschen Entscheidungen. Damit verbunden sind Ängste vor möglicherweise fatalen Folgen. Hinter diesen Ängsten verbirgt sich das diffuse Gefühl, sich mit einer falschen Entscheidung schuldig zu machen. Schuldig daran, nicht mehr das Bestmögliche erreichen zu können. Schuldig daran, nicht das bestmöglichste Leben leben zu können.

Liegt ein Schuldvirusbefall vor, nagt der Virus immer an mehreren Gefühlen gleichzeitig. Dabei hat er eine besondere Vorliebe für alle positiven und motivierenden Gefühle. Der Verdacht, alles im Leben selbst verschuldet zu haben, zerfrisst jegliches Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstwert, Zuversicht, Lebensfreude und Begeisterung. Übrig bleiben Selbstzweifel und Scham. Verbunden mit den Gefühlen von Hilflosigkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Angst ergibt sich ein zerstörerisches Gefühlschaos. Die Gefühlswelt gerät aus der Balance. Unzufriedenheit wird geschürt. Diese Unzufriedenheit breitet sich aber so schleichend aus, dass die Entdeckung eines Schuldvirusbefalls enorm schwierig ist.

Irgendwann hatte ich den Verdacht, dass hinter meinem Gefühlschaos noch etwas anderes versteckt sein musste. Der Satz: „Wer nichts erreicht, ist selbst schuld!“ richtete meinen Fokus glücklicherweise auf das Thema Schuld. Durch ihn entlarvte ich mein Gefühlschaos als Tarnkappe meiner verborgenen Schuldgefühle. Doch wie sollte ich mich von diesen befreien?

Die Antwort ergab sich letztlich wie von selbst. Ich fragte mich: Woran habe ich Schuld? An welchen Stellen meines Lebens habe ich mich schuldig gemacht? Was habe ich bewusst und damit willentlich falsch gemacht? Diese Fragen in aller Deutlichkeit zu stellen, hatte bei mir eine recht heilsame Wirkung. Ich kam ziemlich schnell darauf, dass ich gar nicht so viel falsch gemacht hatte – zumindest nicht wissentlich und willentlich!

Deshalb keimte eine andere Frage auf: Wenn ich nicht schuld war, wer war es dann? Konnte es nicht sein, dass vor allem andere Schuld hatten? Die Versuchung, eigene – vermeintliche oder auch tatsächliche – Schuld anderen Personen zuzuschieben, lag so nahe, dass ich dies natürlich auch erst einmal gemacht habe. Aber ich musste erstaunt feststellen: anderen die Schuld zu geben, bescherte mir weder ein besseres Selbstwertgefühl noch mehr Lebensfreude. Im Gegenteil, meine belastenden Gedanken und Gefühle nahmen eher noch zu. Das erschien mir paradox.

Geholfen hat mir schließlich wieder eine bildhafte Vorstellung. Ich stellte mir die moralische Schuld als Rucksack vor. Zuerst steckten alle Gefühle, die mich wegen meiner vermeintlichen Schuld und dem damit verbundenen Versagen belasteten, in diesem Rucksack. Er war deshalb unglaublich schwer.

Als ich auf den Gedanken kam, die Schuld bei anderen zu suchen, änderte sich eigentlich gar nichts. Ich hatte den Schuldrucksack immer noch auf dem Rücken. Er war jetzt zwar nicht mehr gefüllt mit Vorwürfen, Ärger, Wut, Schuld und Scham mir selbst gegenüber, aber er blieb gefüllt mit diesen Gefühlen. Zusätzlich kamen noch Gefühle von Enttäuschung und Verletzung hinzu. All diese Gefühle bezogen sich zwar nicht mehr auf mich, aber auf andere Personen, vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeiten oder einfach nur auf die böse ungerechte Welt. Mein Rucksack war nun noch schwerer, noch unerträglicher. Die Summe der Schuldzuweisungen beschwerte mein Leben noch mehr.

Ich befand mich in einer emotionalen Zwickmühle und suchte verzweifelt nach einer Lösung. Irgendwann wollte ich nur noch eines: meinen schweren und lästigen Schuldrucksack gänzlich und für immer loswerden.

Ich fragte mich, wie ich dies schaffen könnte. Dabei fiel mir auf: Manchmal sehen Menschen die Gründe für das, was ihnen in ihrem Leben widerfährt, in übernatürlichen oder schicksalhaften Gegebenheiten. Werden solche göttlichen oder schicksalhaften „Kräfte“ vermutet, wird niemals von Schuld gesprochen. Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Gott ist schuld!“, „Die (wie auch immer geartete) übernatürliche Kraft ist schuld!“ oder „Das Schicksal hat Schuld!“ Solche Aussagen klingen regelrecht absurd. Schuld spielt hier einfach keine Rolle mehr.

Deshalb ist die Haltung, Gründe in göttlichen bzw. übernatürlichen oder schicksalhaften Zusammenhängen zu finden, so befreiend. Sie ermöglicht es denen, die sich von diesen Kräften beeinflusst fühlen, sich erstens ihrer eigenen Schuldgefühle zu entledigen und zweitens aller Gefühle, die mit Schuldzuweisung zu tun haben. Schließlich kann ja niemandem eine Schuld zugewiesen werden! Könnte auch ich mich auf diesem Wege von Schuldzuweisungen – mir und anderen gegenüber – befreien?

Ich dachte an meinen sinnbildlichen Schuldrucksack. Ich wusste, es geht bei meiner Lebensbetrachtung und - bewertung nicht um Schuld! Ich wollte keine Schuldigen ausfindig machen. Ich wollte Lebensfreude, Begeisterung und ein gesundes und motivierendes Selbstwertgefühl. Schuld zerfrisst und verhindert diese Gefühle! Mir wurde klar, das Leben geschieht. Es passiert einfach – vieles passiert einfach. Es ist absurd, zu denken: „Das Leben ist schuld!“

Mit diesen Gedanken im Kopf und im Herzen war es mir möglich, meinen lästigen Schuldrucksack abzulegen. Ich spürte buchstäblich, welch große Last mir von den Schultern genommen wurde. Ich konnte das Thema Schuld hinter mir lassen. Ich konnte nun alle Schuldfragen gänzlich ausklammern.

Befreit vom Schuldthema wollte ich voller Tatendrang mit der Analyse meiner Lebensumstände beginnen. Ich wollte verstehen und begreifen, was mit mir und meinem Leben passiert ist. Ich wollte verstehen, warum ich so unzufrieden werden konnte. Ich wollte zu Lebensfreude und Gelassenheit finden.

Dabei erinnerte ich mich als erstes daran, wie ich einmal frustriert und traurig zu einem Freund sagte: „Ich möchte endlich mein Leben leben!“ Er antwortete: „Es ist dein Leben! Jeder vergangene, jeder gegenwärtige und jeder zukünftige Tag ist dein Leben! Dein Leben ist jeden Tag dein Leben!“ Ich fragte ihn: „Wieso kann ich dies nicht empfinden? Wieso kann ich mein Leben nicht jeden Tag mit tiefer Freude und in Dankbarkeit genießen?“ Er antwortete: „Vielleicht bist du noch nicht bereit.“

In dem Moment, da ich meinen Schuldrucksack abgelegt hatte, wurde mir plötzlich klar, was mein Freund damals meinte, als er sagte: „Vielleicht bist du noch nicht bereit.“ Ja, ich war damals noch nicht bereit. Meine Schuldgefühle und meine Schuldzuweisungen machten mich unfrei. Wegen ihnen stand ich unter dem Zwang, mein Leben mit den gängigen Leitsätzen und Grundgedanken zu bewerten und zu leben.

In dem Moment, da ich meinen Schuldrucksack ablegte, wurde ich von diesem Zwang befreit. Ich spürte ein zartes Gefühl von Freiheit. Es war noch schwach, aber es war da. Durch dieses Gefühl angeregt, fragte ich mich: Will ich weiter zulassen, dass mein eigenes Denken und Fühlen mich in einem unzufriedenen Leben gefangen hält? Die Antwort war ein eindeutiges Nein! Will ich mein Denken und Fühlen ändern? Die Antwort war ebenfalls eindeutig: ja! Natürlich folgte darauf die Frage: Kann ich mein Denken und Fühlen überhaupt ändern? Die Antwort war ein eher zweifelndes: ja!?

Ich kannte ja meine negativen Gedanken wie: „Ich schaffe das einfach nicht so wie die anderen“ oder „Ich bin nicht so gut wie die anderen“. Ich hatte immer versucht, diese negativen Empfindungen zu verdrängen. Dies tat ich mit gedanklichen Sätzen wie: „Du hast doch so vieles! Du hast eigentlich keinen Grund, unzufrieden zu sein.“

Wirklich funktioniert hat dieses Verdrängen leider nicht! Meine Gedanken waren eher verzweifelte Versuche, mir mit Hilfe meines Verstandes Zufriedenheit einzureden. Mein Verstand konnte aber die aus dem Unbewussten aufsteigenden negativen Gedanken und Gefühle nicht wirklich in ihre Schranken weisen. Mit dieser Feststellung kamen Zweifel auf und diese flößten mir direkt wieder Angst ein. Diese Angst wollte mich schon von meinem Projekt abbringen.

Ich erinnerte mich aber daran, dass in der Behandlung von Depressionen vielfach auf die Notwendigkeit der Veränderung von Denkgewohnheiten hingewiesen wird. „Ihre depressiven Verstimmungen sind das Ergebnis verzerrten Denkens. Sie können Ihr seelisches Tief dadurch überwinden, dass Sie dieses verzerrte und negative Denken durch ein realistisches Denken ersetzen“, heißt es zum Beispiel in dem Buch „Wenn das Leben zur Last wird“ von Rolf Merkle (Mannheim 2008, S. 49).

Orientiert an diesem Zitat wollte ich mich meinen Zweifeln entgegenstellen. Ich wollte meine negativen Gedanken durch realistisches Denken ersetzen. Bekräftigt wurde dieser Wunsch durch die feste Überzeugung, eine Wahl zu haben. Ich musste mein bisheriges Denken und Fühlen nicht beibehalten.

Da ich meinen Schuldrucksack abgelegt hatte, stand ich bereits nicht mehr unter dem Zwang, mein Leben mit den gängigen Leitsätzen und Grundgedanken zu bewerten und zu leben. Ich wusste, ich habe auch die Freiheit, mich gegen eigene verzerrte Gedanken und Gefühle zu entscheiden. In einer Volksweisheit heißt es: „Der Wille versetzt Berge“. Mein Wille sollte meine Berge an negativen Gedanken und Gefühlen versetzen – am besten ganz abtragen.

Mein erster Schritt war also, mich bewusst für ein anderes, ein realistisches Denken und Fühlen zu entscheiden. Diese Entscheidung war etwas Wichtiges und Richtiges für mich. Ich hatte das Gefühl, dass etwas auf mich wartet. Dieses Etwas war die Aussicht auf ein zufriedenes und erfüllendes Leben. Eine wunderbare Aussicht! Diese Aussicht gab mir neue Hoffnung, und deshalb wirkte sie so kraftvoll und motivierend. In mir festigte sich die Überzeugung: Wenn ich ein anderes, ein realistisches Denken und Fühlen aus tiefstem Herzen möchte, dann kann ich es auch entdecken, entwickeln und in mir wachsen lassen.

Hierfür musste ich, so meine Überzeugung, erst einmal herausfinden, welche verzerrten Gedanken und Gefühle es waren, die in mir wirkten. Ich musste meine Gedanken und Gefühle also unter die Lupe nehmen, sie näher kennen lernen. Danach, so meine Überzeugung, würde ich mein Leben frei von negativen Gedanken und Gefühlen wahrnehmen und empfinden können!

Ich fühlte mich beschwingt und bestärkt. Ich glaubte daran: Ich kann lernen, mich und mein Leben objektiv zu betrachten. Mit diesem Gedanken begann ich, meinen Lebensweg mit all seinen Lebensumständen umfassend und dabei möglichst objektiv und mit emotionaler Distanz zu betrachten. Ich wollte sehen, wie sich mein Leben wirklich entwickelt hatte. Das war eine große Herausforderung. Mich dieser zu stellen, hat sich aber gelohnt.

Ich konnte Stück für Stück mein selbst auferlegtes Versagerimage und mein damit verbundenes Selbstschuldimage ablegen. Die objektive Betrachtung meines Lebens konnte mein vom Schuldvirus bedingtes Gefühlschaos wieder in eine gesunde Ordnung bringen. Gefühle von Minderwertigkeit, die auf meinem Selbstwert lasteten, konnten endgültig verschwinden. Damit verbundene Gefühle von Hilflosigkeit, Angst, Verzweiflung und Scham konnten sich auflösen. Übrig blieben Selbstvertrauen und Selbstwert.

Um zu verdeutlichen, wie sich dieser Prozess entwickelte, erscheint es mir sinnvoll, mein Leben darzustellen. Nur so kann in den darauffolgenden Kapiteln deutlich werden, inwiefern ich meinen Blick auf mein Leben verändert habe und welche Veränderungen dies nach sich zog.

… den Lebensweg betrachten

Lange Zeit glaubte ich, einen eher ungewöhnlichen Lebensweg beschritten zu haben. Heute erscheint er mir doch eher wenig ungewöhnlich, ja geradezu gewöhnlich.

Ich komme, wie man so sagt, aus „einfachen Verhältnissen“. Bei meinen Eltern konnte ich erleben, dass man sich daraus sehr wohl emporarbeiten kann. Also war ich zuversichtlich, dass dies auch bei mir so sein würde. Nahrung erhielt meine Zuversicht da-durch, dass ich die Möglichkeit hatte, Abitur zu machen. Danach wollte ich für ein Jahr als Au-Pair nach Schottland gehen. Leider musste ich nach nur drei Monaten meine Gastfamilie verlassen. Die Frau wurde wieder schwanger und ihr war jeden Tag schrecklich übel. Sie konnte deshalb nicht weiter erwerbstätig sein. Da sie aber das Familieneinkommen erwirtschaftete, konnte die Familie mich nicht mehr bezahlen. Da ich noch nicht nach Hause fahren wollte, suchte ich mir ein Zimmer und ein paar kleine Jobs. So konnte ich doch ein ganzes Jahr in Schottland bleiben.

Nach meinem Auslandsjahr begann ich ein Studium in Deutschland. Während des Studiums habe ich mich, wie so viele andere Menschen auch, verliebt. Nach einem Jahr zogen mein Freund und ich zusammen – und „der Himmel hing voller Geigen“. Im dritten Jahr unserer Beziehung, mit nur 25 Jahren, erkrankte mein Freund an Krebs.

Für mich war diese Tatsache kein Grund, unsere Beziehung zu beenden. Vielmehr war es für mich selbstverständlich, diese Situation mit ihm gemeinsam durchzustehen. Die Heilungschancen standen gut. Nicht im Traum wäre mir der Gedanken gekommen, dass er sterben könnte. Wir wussten aber, dass seine Erkrankung zur Zeugungsunfähigkeit führen konnte. Da wir aber gerne Kinder miteinander haben wollten, fällten wir eine Entscheidung: Wir wollten Kinder, und zwar jetzt! Bestärkt wurde ich in meinem beherzten Ja für Kinder noch durch folgende Überlegung: Wenn ich Kinder schon im Studium bekam, würde diese Tatsache es späteren Arbeitgebern erleichtern, mich einzustellen. Schließlich würde ich dann ja nicht mehr durch Schwangerschaften ausfallen. So jedenfalls mei-ne damalige Überzeugung.

Wir heirateten also noch während des Studiums und bekamen unsere Wunschkinder. Es war eine wirklich glückliche Zeit und ich war rundum zufrieden. Das Leben mit meinem Mann und meinen Kindern bereitete mir tagtäglich große Freude. Das Studium machte mir auch viel Spaß. In dieser Zeit hatten wir nie viel Geld zur Verfügung. Das empfand ich aber als durchaus normal. Welcher Student hatte schon viel Geld? Ich sah mich jedenfalls nicht als Person am Rand der Gesellschaft, empfand mich nicht als finanziell benachteiligt oder arm. Ich hatte ein glückliches Leben und die Perspektive, dass es finanziell einmal besser werden würde.

Zudem wurde mein „Früh gefreit – nie bereut“ ebenso gewürdigt wie mein Mut zu Kindern. Immer wieder wurde ich anerkennend, fast neidvoll-bewundernd gefragt: „Wie schaffst du das nur, Kinder und Studium?" Das stärkte mein Selbstwertgefühl und gab mir Selbstbewusstsein.

Zu unseren beiden Kindern gesellte sich nach fünf Jahren noch ein Drittes. Nicht direkt ein Wunschkind, eher eines, das sich selbst gewünscht haben musste. Dieses neue Leben wuchs unvorhergesehen in mir. Dennoch kam eine Schwangerschaftsunterbrechung für mich nicht in Frage. Mit einer solchen Entscheidung, so meine Denkart, muss ich ebenso lange leben wie mit dem Kind. Da wollte ich lieber mit dem Kind als mit der Entscheidung für einen Abbruch leben. Zudem wollten wir ja vier Kinder. Eigentlich sollten die nächsten zwei Kinder in finanziell gesicherteren Verhältnissen zur Welt kommen. Aber manchmal läuft das Leben halt nicht nach Plan. Wir blieben gelassen. Das würden wir schon schaffen. Also freuten wir uns.

Im Jahr der Schwangerschaft machte ich meinen Magisterabschluss. Mit meinem Studienabschluss war ich keine Studentin mehr. Dies brachte nach einiger Zeit Veränderungen mit sich, mit denen ich so nicht gerechnet hatte. Nun hieß es eigentlich: Auf ins Berufsleben! Ein Einstieg in die Berufstätigkeit war mir jedoch wegen der Kinderbetreuung nicht möglich. Eine größere Wohnung oder ein finanziell besser gepolstertes Leben ebenso wenig.

Die Tage vergingen, mein Frust wuchs. Aber warum? Ich hatte die Kinder doch gewollt? Wollte ich sie nun auf einmal nicht mehr? Zum ersten Mal stellte ich mein ganzes Leben in Frage. Und mich selbst gleich dazu. Was war ich eigentlich? Studentin war ich nicht mehr. Einen Beruf hatte ich (noch) nicht. Und was war mit meinem Abschluss als Religionswissenschaftlerin? Der half mir auch nicht weiter. Von außen betrachtet war ich – wie ich mir zu meiner eigenen „Schande“ eingestehen musste – schlicht und einfach Hausfrau und Mutter. Auf einmal hatte es mit der früheren Bewunderung dafür, wie ich meine „Doppelrolle“ meisterte, ein Ende. Niemand stärkte mehr durch Worte der Anerkennung mein Selbstvertrauen. Schöne Pleite! Wofür hatte ich eigentlich studiert? Konnte ich nicht wenigstens halbtags erwerbstätig sein? So hatte ich mir meine Zukunft ganz und gar nicht vorgestellt!

Aus dieser Frustphase konnte ich mich befreien, indem ich mich mit meiner Rolle als Hausfrau in einem Buch auseinandersetzte: „Ich bin Hausfrau, na und?! Plädoyer für ein neues Selbstverständnis“ (Walter-Verlag 1995). In Folge der Veröffentlichung wurde ich sogar in eine bekannte Fernseh-Talkshow eingeladen. Einige Frauenverbände luden mich zu Lesungen ein und ich veranstaltete auch selbst Lesungen. Ich war erfüllt von der Idee, das Hausfrauenimage zu verbessern. Ich wollte anderen Frauen, die in einer ähnlichen Situation waren, helfen. Gleichwohl wollte ich dies nicht zu einem Beruf ausarten lassen. Schließlich lebte ich endlich in Harmonie mit meiner Rolle als Hausfrau und genoss mein Leben. Ich hatte mein Selbstwertgefühl mit meinem Hausfrauendasein in Einklang gebracht.

Dazu trugen auch noch andere Faktoren bei: Mein Mann hatte inzwischen sein Studium beendet und eine Anstellung gefunden. Damit wendete sich unsere finanzielle Situation zum Besseren. Wir konnten uns eine größere Wohnung leisten und endlich umziehen. Wir entschieden uns für eine recht große Wohnung mit 120 Quadratmetern. Diese war wie ein Haus auf zwei Etagen gebaut. Sie war nicht gerade preiswert. Wir dachten aber, wir könnten dort wohnen, bis die Kinder erwachsen sind. Die Kinder gingen inzwischen alle in die Schule oder in den Kindergarten.

So hatte ich freie Zeit, die ich genießen und sogar dazu nutzen konnte, meine Doktorarbeit zu schreiben. Natürlich hatte ich dabei den Hintergedanken, meine Qualifikation zu verbessern, um hierdurch größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Mir fiel es nicht schwer, mich trotz der Kinder auf das Schreiben meiner Doktorarbeit zu konzentrieren. Leider beschwerten sich aber die Mieter unter uns immer wieder darüber, dass unsere Kinder zu laut seien. Ich finde, Kinder sind halt Kinder, die durch die Wohnung rennen, toben und springen. Nach meinem Verständnis sollten sie dies auch tun dürfen. Meine Nachbarn sahen das anders. Meine Bemühungen um Verständnis konnten oder wollten sie nicht gelten lassen. Nach nur zwei Jahren in der Wohnung stellten sich Gedanken an Umzug ein.

Anfangs dachten wir noch nicht an ein eigenes Haus. Aber die meisten Wohnungen oder Häuser, die vermietet wurden, waren für eine Familie mit nur zwei Kindern konzipiert. Außerdem waren die Mieten sehr hoch. So fragten wir uns irgendwann, ob es nicht doch besser sei, ein Haus zu kaufen. Schließlich fiel die Entscheidung für einen Hauskauf. Diese gründete sich auf die „Sicherheit“ des recht guten Verdienstes meines Mannes, auf die Möglichkeit, dass ich in absehbarer Zeit selbst erwerbstätig werden würde und auf die vom Staat eingeführte Eigenheimzulage, die uns als Startkapital diente.

Wir kauften also ein renovierungsbedürftiges älteres Haus. Für einen Neubau reichte das Geld leider nicht. Die Höhe der Darlehensraten war nicht höher als die Warmmiete für die große Wohnung. Trotz der Kompromisse, die wir eingingen, waren wir glücklich. Die Kinder hatten Platz, konnten nach Lust und Laune toben – und niemand fühlte sich gestört. Wir hatten uns zwar hohe Schulden aufgeladen, aber damit würden wir schon klarkommen!

Ich arbeitete nebenbei an meiner Doktorarbeit weiter. Diese beschäftigte sich mit der Integration von muslimischen Kindern in der Bundesrepublik. Aufgrund dessen lag es für mich nahe, mich im Bereich der Integration auch ehrenamtlich zu engagieren. Ich fand einen kleinen Verein, der sich mit interkulturellem Lernen und Migrationsforschung beschäftigte. So schrieb ich ehrenamtlich für das Presseorgan des Vereins Artikel und arbeitete in der Redaktion mit. Natürlich hoffte ich, über diese Vereinsarbeit Kontakte knüpfen zu können. Schließlich wollte ich ja in absehbarer Zeit eine bezahlte Arbeit finden.

Zwei Jahre lief alles sehr gut und ich glaubte, alle seien glücklich. Doch mit diesem Glauben lag ich wohl falsch. Denn irgendwie festigte sich in dieser Zeit in meinem Mann eine fatale Überzeugung. Diese besagte, dass ich nicht die richtige Frau für ihn sei.

Mitten in den Aufbauarbeiten meiner Karriere und den notwendigen Renovierungsarbeiten des Hauses überschlugen sich plötzlich die Ereignisse: Die Erkrankung meines Vaters wurde schlimmer, er sollte bald sterben. In dieser schwierigen Phase meines Lebens wartete mein damaliger Mann mit einer Freundin auf. Gern hätte ich die Kinder und mich vor einer drohenden Scheidung bewahrt. Doch mir fehlte die Kraft. Ich bekam einen Nervenzusammenbruch. Mein Mann musste mich mit einem Heulkrampf in eine Klinik bringen.

In der Klinik konnte ich mich fünf Tage erholen, um einige Tage später meinen Vater zu beerdigen. Emotional lag ich am Boden, aber irgendwie musste es weiter gehen. Da ich damit rechnen musste, demnächst alleinerziehend zu sein, meldete ich mich beim Arbeitsamt als arbeitssuchend. Vom Amt wurde mir die Fortbildung „Callcenter-Agent für Akademiker“ angeboten. Damals sprossen Callcenter wie Pilze aus dem Boden. Ich entschloss mich dazu, diese Chance wahrzunehmen. Eine Woche nach der Beerdigung meines Vaters begann ich diese Weiterbildung.

Während ich daran teilnahm ereilte mich die Nachricht, dass meine Doktorarbeit an der Uni angenommen sei. Dies bedeutete, dass ich auch zur Promotionsprüfung (drei Fächer mit jeweils einstündiger mündlicher Prüfung) zugelassen war. Diese Prüfung wurde auf Anfang Februar terminiert. Somit musste ich im Dezember, mit der Promotionsprüfung im Hinterkopf, für die Abschlussprüfung meiner Weiterbildung lernen.

Während der Weiterbildung kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich das, was die Dozenten darboten, mindestens genauso gut machen konnte. Vielleicht sogar besser. Also fasste ich einen Entschluss. Ich wollte mich bei den Institutionen, bei denen ich die Fortbildung machte, als Dozentin bewerben. Mitte Dezember war die Prüfung, die ich erfolgreich ablegte. Als mir einige Tage später mein Abschlusszertifikat übergeben wurde, gab ich meine Bewerbungen als Dozentin ab.

In beiden Weiterbildungsinstitutionen wurde ich als freiberufliche Dozentin angenommen. Festanstellungen waren leider nicht möglich. Dennoch war ich überglücklich. Zu dieser Zeit beteuerte mein Mann immer wieder, dass die Beziehung zu seiner Freundin beendet sei. Ich wollte dies zu gerne glauben. Leider wurde ich im Januar eines Besseren belehrt. Es gab keine Chance mehr für unsere Ehe.

Das Leben ging weiter. Für mich war nur eines wichtig: Die Kinder sollten möglichst wenig unter dieser Situation leiden. Anfang Februar bestand ich meine Promotionsprüfungen. Anfang März ging ich mit einem Freund zum rheinischen Karneval. Dabei lernte ich einen sehr netten Mann kennen. Wir trafen uns auch nach Karneval einige Male. Nach Karneval hatte ich auch meine ersten Einsätze als freiberufliche Dozentin. Meine Themen waren Kommunikation, Konflikttraining, Bewerbungstraining, Arbeitsorganisation und Zeitmanagement.

Anfang April ging ich zur Kur. Diese wurde mir bewilligt, da ich ja im September des Vorjahres einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. In der Kur stellte ich fest, dass ich erneut schwanger war. Nicht von meinem Mann. Ein Schock! Glücklicherweise war ich zu diesem Zeitpunkt in der Kurklinik. So hatte ich psychologische Unterstützung und die Möglichkeit, mich mit den vielen Frauen dort auszutauschen. Dies half mir über den ersten Schock zumindest etwas hinweg. Trotz aller Schwierigkeiten konnte ich mich letztlich nicht für eine Schwangerschaftsunterbrechung entscheiden.

Nach der Entscheidung für das Kind musste das Leben also neu geordnet werden. Mein Mann zog aus. Um den Kindern weiter ein Leben in unserem Haus zu ermöglichen, mussten die Kreditraten für die halb renovierte Immobilie irgendwie bewältigt werden. Deshalb übernahm ich immer mehr Aufträge als Dozentin. Das ging einige Monate sehr gut.

Mit der Geburt des vierten Kindes musste ich meine Tätigkeit als Dozentin aber erst einmal aufgeben. Krippenplätze waren damals noch Mangelware. An einen Einstieg in eine klassische Erwerbstätigkeit war deshalb nicht zu denken. Meine finanzielle Situation war also alles andere als rosig. Nicht die Kinder fraßen mir, wie man so schön sagt, „die Haare vom Kopf“, sondern vor allem das Haus.

Mit dem Tag, da mein Mann auszog, ging die Zahlungsverantwortung für die Kredite voll auf mich über. Mit der Scheidung wurde später die Hälfte des Hauses, die vormals meinem Mann gehörte, auch offiziell auf mich überschrieben. Dies barg jedoch im Wesentlichen keinen Gewinn. Es barg vor allem die nun schriftlich fixierte Pflicht, finanziell für das Haus gänzlich allein aufzukommen. Ich bekam regelmäßig Unterhalt für die Kinder. Dennoch reichten die Finanzen nur für das Nötigste. Obwohl ich mich nun immerzu am Rande eines finanziellen Kollapses bewegte, wollte ich das Haus auf Biegen und Brechen halten. Ich wollte den Kindern unbedingt ihr gewohntes Umfeld erhalten. Mein Leben bestand zunehmend aus dem Kampf um meine finanzielle Existenz.

Glücklicherweise ergab sich dann durch meine ehrenamtliche Tätigkeit wieder eine neue berufliche Chance. Durch den Verein konnte ich an einer Weiterbildung mit dem Titel „Migration und Integration“ teilnehmen. Während dieser Weiterbildung fielen dem durchführenden Professor meine umfassenden Kenntnisse auf. So kam es, dass ich bereits in dieser Weiterbildung, in der ich ja eigentlich Teilnehmende war, ein Modul gänzlich als Dozentin übernahm. Ein weiteres konnte ich zur Hälfte gestalten.

Da ich den Professor mit meiner Art und meinen Kenntnissen überzeugte, konnte ich für ihn Seminare entwickeln und durchführen. So konnte ich letztlich freiberuflich als Dozentin für Interkulturelle Bildung durch Seminare und Vorträge einiges dazu verdienen. Dies war häufig nur mit der Hilfe meiner Mutter möglich. Oft musste ich für ein Seminar eine ganze Woche verreisen. Meine Mutter kam dann angereist, um die Kinder zu versorgen.

Als meine jüngste Tochter in den Kindergarten kam, nahm ich nochmals Anlauf, um auf dem klassischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ich wollte endlich ein regelmäßiges Gehalt. Zudem wollte ich nicht mehr so viel als Dozentin durch die Gegend reisen. Außerdem glaubte ich, inzwischen genügend Referenzen gesammelt zu haben. Ich bewarb mich deshalb auf etwa siebzig ausgeschriebene Stellen – und wurde nicht ein einziges Mal auch nur zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das ein oder andere Mal habe ich nachgefragt, warum ich nicht für die Stelle in Frage käme. Meist bekam ich keine Antwort. Einige Male bekam ich jedoch zu hören, dass ich wegen meines Doktortitels überqualifiziert und zu teuer sei.

Glücklicherweise hatte ich durch meine Tätigkeit als Dozentin Kontakt zu einem weiteren Verein knüpfen können. Auch dort engagierte ich mich eine Weile ehrenamtlich. Irgendwann wurde mir schließlich ein Arbeitsplatz angeboten. Ich entschloss mich, ihn anzunehmen, obwohl die Stelle nur als 400-Euro-Job ausgeschrieben war. Ich hegte die Hoffnung, über diese Stelle vielleicht in eine besser bezahlte Stellung zu „rutschen“. Doch das hat nicht funktioniert, vielleicht, weil auf der Visitenkarte, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit verteilte, „Geschäftsführung“ stand.

Ich war die Geschäftsführerin eines kleinen Vereins im Bereich der Interkulturellen Bildung. Auch wenn ich wenig verdiente, so hatte ich immerhin endlich ein Etappenziel erreicht: eine Stelle, die meinen Qualifikationen entsprach. Doch mein persönlicher Einsatz und das finanzielle Ergebnis standen in einem krassen Missverhältnis. Das nagte an mir.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich einmal zu meinem neuen Partner sagte: „Ich weiß nicht, ob dies die richtige Entscheidung war. Jetzt fühle ich mich nicht nur verantwortlich für unsere Geldnot, sondern muss auch noch für die Finanzen des Vereins Sorge tragen.“ Ich habe dies dennoch gern getan. Ich hatte Verantwortung und wurde den Ansprüchen, die andere und ich selbst an diese Position stellten, auch mehr als gerecht. So habe ich zum Beispiel fleißig Anträge gestellt. Wer sich mit Projektarbeit in Vereinen auskennt, weiß, wie viel Energie in die unzähligen Anträge fließt. Dabei ist meist nur ein Bruchteil dieser Anträge erfolgreich.