Foto; Hagen Willsch, 2010

Stefan Blankertz

1956, »Wortmetz«, ist Sozialwissenschaftler und Schriftsteller (editiongpunkt.de), Autor zahlreicher Bücher, Fachbücher zur Theorie der Gestalttherapie, zur politischen Theorie, Romane, Lyrikbände. Seit fast fünf Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Paul Goodman und der Gestalttherapie.

Mit Erhard Doubrawa verfasste er die »Einladung zur Gestalttherapie« und das »Lexikon der Gestalttherapie«, die ebenfalls in der gikPRESS erscheinen.

www.therapeutenadressen.de

Praxisadnessen Infos siehe letzte von Seite GestalttherapeutInnen. des Buches.

NEUAUSGABE

der 4., überarbeiteten Auflage von 2011

© 1996, 2000, 2003, 2011, 2018 by Stefan Blankertz

© 2018 by gikPRESS,

Ludwig-Erhard-Str. 8, 34131 Kassel

Umschlag unter Verwendung eines Acrylbildes

der Künstlerin Georgia von Schlieffen (siehe S. →)

Herausgeber der gikPRESS: Erhard Doubrawa

Herstellung und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-7528-4514-3

Inhalt

Zum Selbstverständnis der Gestalttherapie

Leitfaden, um »Gestalt Therapy« zu verstehen

Zur Künstlerin des Covers

GEORGIA VON SCHLIEFFEN

Georgia von Schlieffen, geb. 1968. »Seit meiner Studienzeit intensive Beschäftigung mit der Malerei. Jedoch ging ich erst einmal ganz andere Wege über ein Studium der Vergleichenden Religionswissenschaft und der Internationalen Beziehungen und einer mehrjährigen Tätigkeit in den Bereichen Projektmanagement und Flüchtlingsarbeit für mehrere Nichtregierungsorganisationen. 2010 nahm ich an Studienwochen bei Markus Lüpertz und Gotthard Graubner an der Reichenhaller Akademie teil. Ab 2011 studierte ich Malerei bei Professor Jerry Zeniuk, Akademie für Farbmalerei, Kunstakademie Bad Reichenhall, und derzeit bei Heribert C. Ottersbach.«

Georgia von Schlieffen illustrierte zwei Lyrik-Bände von Stefan Blankertz, »Ambrosius: Callinische Hymnen« und »Ruan Ji: Zustandsbeschreibungen « sowie den Gedichtband »kleine gebete« von Paul Goodman, der in der gikPRESS erschienen ist.

Bitte besuchen Sie die Seite der Künstlerin auf theartstack.com oder verbinden Sie sich auf linkedin.com mit ihr.

Vorwort

Zum ersten Mal begegnete ich Stefan Blankertz 1988. Damals war ich auf der Suche nach jemandem, der im Rahmen unserer »Werkstattgespräche Humanistische Psychologie« die theoretische, philosophische und politische Grundlegung der Gestalttherapie kompetent darzustellen vermochte. Wie kein anderer im deutschen Sprachraum hatte sich Stefan Blankertz mit Leben und Arbeit Paul Goodmans befasst, der die politische und philosophische Dimension der Gestalttherapie von Anfang an entscheidend geprägt hatte. Aber Stefan war Soziologe, und Psychotherapie war ihm vor allem ein Ärgernis und »kleinbürgerliches Vorurteil«. Und so war es ein langer Weg, auf dem Stefan und ich seit unserer ersten Begegnung aufeinander zugehen mussten und der zum Erscheinen dieses Arbeitsbuches führte.

Durch die Arbeit mit Stephen Schoen habe ich gelernt, die spirituelle Dimension der Therapie zu entdecken und wertzuschätzen – einerlei, ob wir sie als solche benennen oder nicht. Stefan Blankertz brachte mir den politischen Aspekt unserer Arbeit näher und ermutigte mich, die Paradoxien der Therapie zur Kenntnis zu nehmen, ohne gleich nach einer Versöhnung der Gegensätze zu suchen. Wir sagen, die Gesellschaft sei krank, machen aber Therapie mit einzelnen – das ist und bleibt ein Widerspruch. Vielleicht schlafen diejenigen ruhiger, die es vorziehen, die sozialen Ursachen psychischer Probleme zu vergessen, aber um welchen Preis? Wie kann ein Arzt heilen, wenn er nur Symptome zur Kenntnis nimmt, sich aber von ihren Ursachen abwendet?

Wenn wir uns in einer Weise professionalisieren, die für Spiritualität keinen Raum lässt, »verinseln« wir die Psychotherapie und können Spirituelles nicht mehr wahrnehmen. Wir sind dann nicht mehr fähig, jemanden zu verstehen, der um die Menschen trauert, – nein, nicht um einen bestimmten Menschen, sondern um den Menschen, um die vergebenen Möglichkeiten des menschlichen Daseins. Sicher ließe sich mit einer solchen Berufsauffassung eine Menge Geld verdienen. Doch wir würden uns ein-reihen in den Kreis derer, die einer verödenden Gesellschaft helfen, das Leid ihrer Opfer zu verwalten oder bestenfalls ein wenig erträglicher zu machen.

Psychotherapie, Politik und Spiritualität sind drei Aspekte einer gestalttherapeutischen Haltung, die wir in unserem Aus- und Weiterbildungskonzept am Gestalt-Institut Köln miteinander verbinden; nicht um einer vorübergehenden Mode zu entsprechen, sondern um einem ganzheitlichen Verständnis von Psychotherapie Rechnung zu tragen. Am GIK verstehen wir unsere Arbeit in einem doppelten Sinne: Einerseits als Hilfe für die Menschen, die Hilfe brauchen, und andererseits als Aufklärung der Helfer über den politischen Aspekt ihrer Aufgabe.

Nach wie vor ist das Buch »Gestalt Therapie« von Perls, Hefferline, Goodman das Basiswerk der Theorie der Gestalttherapie, dessen Lektüre jedem interessierten Leser ein breites Spektrum anregender Gedanken eröffnet. Doch die Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Ausbildungsarbeit am Gestalt-Institut Köln sammeln konnten, machten ein Arbeitsbuch wünschenswert, das auch Nicht-Insidern das Verständnis dieses Buches erleichtert und insbesondere den Wert seines kritischen Gehalts zugänglich macht.

Das Arbeitsbuch, das Sie in Händen halten, ist ein Ergebnis dieses Bemühens. Es ist ein Arbeitsbuch, weil es nicht geschrieben wurde, um den Leser mit »kognitivem fast food« zu füttern. Hier finden diejenigen Nahrung, die sich dafür interessieren, was Gestalttherapie auszeichnet, was sie anderen Ansätzen voraus hat und welchen Schwierigkeiten Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten gegenüberstehen, wenn sie die politische Dimension ihrer Arbeit ernst nehmen.

Das »Arbeitsbuch« hat sich seit 1996 in unseren Ausbildungsgruppen hervorragend bewährt. Um die neue deutsche Übersetzung von »Gestalt Therapy« sowie aktuelle Diskussionen der Gestalt-Community zu berücksichtigen, hat Stefan Blankertz seinen Text überarbeitet.

Inzwischen ist noch ein weiteres Buch von Stefan Blankertz aus seiner Lehrtätigkeit hervorgegangen, das ich Ihnen – liebe Leserinnen und Leser – gerne ans Herz legen möchte: »Gestalttherapie Essentials: Das Wichtigste aus dem Grundlagenwerk der Gestalttherapie von Perls, Hefferline und Goodman«. Bitte beachten Sie dazu die Buchvorstellung am Ende des hier vorliegenden Buches.

Erhard Doubrawa
Leiter der
Gestalt-Institute Köln und Kassel (GIK)

Zum Selbstverständnis der Gestalttherapie

Ich bin zu diesem Schluss gekommen: Wie Luther, doch nicht wie Hegel oder Marx, denke ich, dass der Weg, die Entfremdung zu überwinden, darin besteht, daheim zu bleiben und sich nicht auf eine Reise durch die Geschichte und durch die Sphären des Daseins zu begeben. Es ist andererseits auch wahr, dass selbst derjenige, der den »steinigen Weg« geht, abkommen wird, sich dabei jedoch keiner Verfehlung schuldig macht.

Paul Goodman, 1972

Begründung: Warum Gestalttherapie?

Gegen den Therapie-Eintopf

Dies ist kein Buch »über« Gestalttherapie. Gestalttherapeuten lassen sich inzwischen auf einen Prozess der »Entgrenzung« (Konfluenz) ein, in dem die Eigenart der Gestalttherapie verloren geht. In den 1950er Jahren war die Gestalttherapie entwickelt worden in Opposition sowohl

Als »Therapie« in den 1960er und 1970er Jahren zur Mode wurde, sind eine Reihe weiterer Psychotherapien entstanden, deren Positionen recht unklar waren. Gesprächstherapie, Transaktionsanalyse, Bioenergetik, Neurolinguistisches Programmieren, Themenzentrierte Interaktion, Systemische Therapie, Analytische Gestalttherapie, Provokative Therapie sind nur einige der geläufigeren Namen. Getrieben durch das Streben nach Formierung einer einflussreichen »Bewegung«, die »offizieller« Anerkennung teilhaftig zu werden vermag, verwischte man die Grenzen, erfand die »Integrative Therapie« und die »Humanistische Psychologie«.

Obwohl Fritz Perls, der einflussreichste Vertreter der Gestalttherapie, die »Humanistische Psychologie« heftig ablehnte, kam der Gestalttherapie innerhalb der »Humanistischen Psychologie« die Stellung eines Impulsgebers zu, denn einerseits war sie durch ihre Geschichte dazu vorbestimmt und andererseits ist sie die einzige Richtung geblieben, die eine theoretische Begründung aufweist. Allerdings ist die »Krankheit « der Theoriefeindlichkeit in der »Humanistischen Psychologie« so weit fortgeschritten, dass von der theoretischen Begründung der Gestalttherapie kaum mehr als das Gerücht übrig blieb.

Tatsächlich ist es allerdings die Theorie, die die Wirklichkeit bestimmt, nicht die Praxis: Theoretische Begriffe wie z.B. Freuds »Ödipuskomplex«, Skinners »Reiz-Reaktions-Schema« oder Perls' »(positive) Aggression« machen eine bestimmte Praxis überhaupt erst denkbar. Aus der Praxis jedenfalls können solche Begriffe nicht abgeleitet werden. Darum führt Theoriefeindlichkeit zur Auflösung der Therapie. Zurück bleibt eine formlose Masse zufälliger Tätigkeiten, die dazu bestimmt sind, dass einige Menschen am Leiden anderer Menschen Geld verdienen. Dies wäre kaum der Rede wert, wären nicht die sozialen Verhältnisse so gelagert, dass Therapie in einem Umfang nachgefragt wird, der sie zu einer gesellschaftlichen Macht werden lässt. Diese Macht darf nicht »Psychoklempnern« überlassen werden.

Meine Absicht

In diesem Buch möchte ich mit Hilfe des theoretischen Handwerkszeugs der ursprünglichen Gestalttherapie einen Beitrag zum Selbstverständnis der Psychotherapie leisten. Um diese Absicht begründen zu können, müssen drei Fragen geklärt werden:

Warum Gestalttherapie?

Das Verhängnis der »Integration« hat zu einer Praxis geführt, die in der Vorstellung gründet, alle psychotherapeutischen Methoden seien »gleich gut« und ließen sich unbeschränkt miteinander kombinieren. Scheint das eine nicht zu helfen, probieren wir etwas anderes. Habe ich heute keinen Bock auf die eine Methode, nehme ich die andere. Gegen solchen unkritischen Pragmatismus und gegen solche Befindlichkeitsorientierung bleibt festzuhalten,

dass niemand sich erdreisten sollte, einen anderen Menschen zu »behandeln«, der nicht der begründeten Überzeugung wäre, die eingeschlagene Behandlung sei richtig.

Die Gestalttherapie hat zwei Kennzeichen, durch die sie sich, wiewohl vielfach verschüttet, abhebt vom Eintopf der »Humanistischen Psychologie« sowie der psychoanalytischen und behavioristischen Konkurrenz. Die zwei Kennzeichen, die ich im vorliegenden Buch herausarbeite, sind die Fähigkeit zur Selbstvergewisserung und das Konzept der Selbstbegrenzung. Sie lauten zusammengefasst :

Was ist die »ursprüngliche« Gestalttherapie?

Die Gestalttherapie wurde Ende der 1940er Jahre durch eine Gruppe begründet, in der die Psychoanalytikerin Lore Perls und der Schriftsteller Paul Goodman die schöpferischen Köpfe waren. Beide verfügten über ein philosophisch geprägtes Interesse und legten Wert auf den dialogischen und nachdenklichen Charakter der neu formulierten Psychotherapie.

Die Popularisierung der Gestalttherapie in den 1960er Jahren ging hauptsächlich von Fritz Perls aus. Goodman war in der Zeit mehr politisch engagiert, während die stille therapeutische Arbeit von Lore Perls weniger Aufsehen erregte. Der Charismatiker Fritz Perls war kaum mehr an einer tiefschürfenden theoretischen Arbeit interessiert und legte eher Wert auf die Entwicklung eines eigenen therapeutischen Handwerkszeugs.

Obgleich das Handwerkszeug von Fritz Perls die eigentliche theoretische Begründung in den Hintergrund treten ließ, stiftete es so etwas wie eine gestalttherapeutische Eigenart. Sie ging erst in der Welle der »Humanistischen Psychologie« verloren. Die Entwicklung von Fritz Perls' »handwerklicher« Eigenart der Gestalttherapie hin zur Unbestimmbarkeit war folgerichtig: Denn wenn Gestalttherapie nichts anderes als eine Sammlung eigenwilliger Methoden darstellt, ist nicht einzusehen, warum nicht weitere Methoden in die Sammlung aufgenommen werden können.

Der Verlust gestalttherapeutischer Eigenart hat die unbequemen Anteile der ursprünglichen Theorie abgespalten. Da die unbequemen Anteile wie z.B. das »therapeutische Paradox« (vgl. S. →ff ) jedoch notwendig sind, damit Therapie die angemessene Reaktionsform auf sozial verursachten, aber individuell erlebten Leidensdruck sein kann, führt die Abspaltung zu einer Verflachung des therapeutischen Handelns selbst. Immer neue therapeutische Moden müssen ins Rennen geschickt werden, um die zufriedenen, aber ungeheilten Klienten erneut in Behandlung nehmen zu können. Schließlich werden die Moden sich selbst überrollen und die Welle läuft ins Leere.

Seit ihren Anfängen befand sich Psychotherapie mehr noch als andere ärztliche Kunst im Zwiespalt. Indem sie individuelle Leiden auf gesellschaftliche Gründe zurückführte, galt sie den Kräften des Bestehenden als aufrührerisch. Durch die Parteinahme für den Glücksanspruch des Einzelnen gegen gesellschaftliche Verhältnisse rettete Psychotherapie den aufrührerischen Anspruch sogar in die Praxis. Doch dort verlor sie ihn, ausgerechnet an das Interesse der Klienten selbst. Denn die Klienten können sich die Einlösung ihres Wunsches nach einem erfüllten Leben, das die Gesellschaft ihnen verweigert, nur vorstellen, indem die Therapie ihnen zu einer Anpassung an ebendiese Gesellschaft verhilft. An nichts als dem Widerspruch zur Gesellschaft leiden die Klienten. Ihn therapeutisch aufrecht zu erhalten oder sogar zu verstärken, bedeutet, das Leiden der Klienten zu mehren.

Inzwischen ist Psychotherapie weitgehend in die Kräfte des Bestehenden eingegliedert, nicht nur durch das Interesse der individuellen Klienten, sondern darüber hinaus durch ihre institutionellen Verflechtungen. Das Interesse des Staates und seiner Organe ist so universalisiert, dass es nicht mehr als partikulares wahrgenommen wird. Für die heutige Gestalttherapie stellt der positive Gebrauch des Wortes »Aggression« mehr noch als das anarchistische Erbe ihrer Gründer eine Hypothek dar. Sofern man das anarchistische Erbe in der europäischen Tradition anti-, anstatt in der amerikanischen Tradition pro-kapitalistisch versteht, lässt es sich nahtlos in die harmonistische Ideologie des gegenwärtigen Sozialstaates integrieren, während der Nachdruck auf individueller Aggression als notwendiges Korrektiv, um ein erfülltes Leben führen zu können, in höchstem Maße störend wirkt, wenn es darum geht, für die Gestalttherapie gesellschaftliche Anerkennung zu erheischen. Nicht Befriedung heile, so stellte Goodman klar, sondern sich der voreiligen Befriedung von erforderlichen Konflikten zu verweigern. Dabei solle der Therapeut die Klienten unterstützen, weil der gesellschaftliche Druck, Konflikte friedlich, kooperativ und vernünftig stets zuungunsten des Individuums beizulegen, übermächtig sei (siehe Kapitel »Definition 3: Aggression«).

In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder mitmachen bis zum bitteren Ende oder Besinnung auf die Ursprünge. Besinnung auf die Ursprünge meint nicht unkritisches Nachbeten alter Formeln, sondern die Wiederbelebung des kritischen philosophischen Gesprächs.

Wofür Theorie?

Theorie benennt Zusammenhänge. Wenn die Gestaltpsychologie recht damit hat, dass Wahrnehmung immer schon die Wahrnehmung von Einheiten sei, kann die modische Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Denken nichts hergeben. Die Wahrnehmung komplexer Wirklichkeiten beinhaltet immer schon Theorie. Darum kann Theorie nicht vermieden, sondern bloß verdrängt werden. Verdrängung der Theorie führt dazu, dass unbewusst die jeweils herrschende Theorie übernommen wird.

Dagegen besteht Theorie nicht darin, beliebige Definitionen sinnlos aneinanderzureihen. Jemand, der sich als Theoretiker der Gestalttherapie ausgibt, meint beispielsweise, das ursprüngliche Konzept des »Selbst« dadurch ergänzen zu können, dass er eine Vielzahl von »Selbsten« in jedem Menschen annimmt. Daran ist nicht auszusetzen, dass damit das ursprüngliche Konzept verändert wird. Weiterentwicklung hat es selbstverständlich nötig, um lebendig zu bleiben. Dass aber jener Autor nicht erklärt, wie der durch die »Selbste« gekennzeichnete Mensch dazu kommt, gleichwohl »Ich« zu sagen, zeigt seine theoretische Unbedarftheit. (Anmerkung für philosophisch Interessierte: Es ist übrigens durchaus möglich, das Subjekt aufgelöst zu denken, wenn dies auch den Rahmen nicht nur der Gestalttherapie, sondern der Psychotherapie generell sprengt. Die Philosophie Michel Foucaults kann als ein solcher Ansatz gelesen werden.)

Um die ursprüngliche Eigenart der Gestalttherapie zur Diskussion zu stellen, werde ich in dem »Leitfaden, › Gestalt Therapy‹ zu verstehen« dazu anleiten, das Buch »Gestalt Therapy« von 1951 durchzukauen. Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Bisweilen werden wir uns durchbeißen müssen. Aber die, die zu kauen verstehen lernen, werden ungeahnte Nahrung für ihre Seelen finden. Mit Nahrung für die Seele meine ich nicht Kopflastigkeit. Das Auswendiglernen von Lehrsätzen belastet den Theoriebegriff in der gesamten Psychotherapie. Wahre Theorie dagegen lässt uns in einer bestimmten Weise in der Wirklichkeit sein, nämlich in der Weise, die sich nicht blind den Sachzwängen der bestehenden Praxis unterwirft, sondern Freiräume für Veränderungen und Bedürfnisse schafft. Diese Befreiung von den Sachzwängen ist körperlich zu spüren und sie folgt dem körperlichen Bedürfnis nach Spontaneität, Selbstorganisation und Selbstständigkeit.

»Gestalt Therapy« 1951

Zur Grundlage meiner theoretischen Bemühung, die gestalttherapeutische Eigenart herauszuarbeiten, mache ich also das Grundlagenwerk der Gestalttherapie, das Buch, mit dem die Gestalttherapie begründet worden ist: » Gestalt Therapy« von 1951. Das Buch enthält einen praktischen Teil mit Übungen – (die uns hier nicht interessieren, obwohl sie zum Teil besser sind als ihr Ruf) – und einen theoretischen Teil. Das ganze Buch ist von Fritz Perls, Ralf Hefferline und Paul Goodman als Autoren gezeichnet. Ich werde mich auf den theoretischen Teil als Goodmans Werk beziehen. Damit schmälere ich nicht den Einfluss, den die Ideen von Fritz (und von der nicht als Autorin genannten Lore) Perls auf die Gestalttherapie gehabt haben. Der theoretische Teil des Buches ist jedoch unbestreitbar von Goodman nicht nur verfasst, sondern auch strukturiert worden. Goodman ist es, wie Lore Perls sagt (Leben an der Grenze, S. 188), zu verdanken, dass die Gestalttherapie »in einer kohärenten Theorie « formuliert worden ist. Genaueres zu der Frage, wer das Buch verfasst hat, findet sich in dem Kapitel »Auslegung: Zur Autorenschaft«.

Das Buch »Gestalt Therapy« ist nicht einfach konsumierend zu lesen – und das nicht nur wegen der problematischen deutschen Übersetzungen. Das Buch ist, um noch einmal Lore Perls zu zitieren (Leben an der Grenze, S. 188), geschrieben worden als Diskussionstext für eine Leserschaft von Gleichen, nicht als Lehrbuch: »Für Kollegen, nicht für Schüler.« Und sie fügt hinzu: »Therapie ist keine Einbahnstraße.« Therapie und die Herausbildung einer professionellen Identität des Therapeuten sollte im Gestaltansatz keine Sache der Vermittlung feststehender Methoden und Lehrsätze sein, sondern eine Sache der Vergewisserung und der Diskussion. Dies setzt Gleichheit voraus. Damit verbunden ist natürlich auch die Anstrengung der Arbeit am Begriff.

Weiterentwicklung?

Ein Versuch, die gestalttherapeutische Theorie weiterzuentwickeln, stellt Gordon Wheelers Buch »Jenseits des Individualismus: Für ein neues Verständnis von Selbst, Beziehung und Erfahrung« (2000, dt. 2006) dar. Den Gewinn des Buches machen m. E. folgende Aspekte aus:

Auf der anderen Seite empfinde ich Wheelers Argumentationsstruktur als verstörend. Um meine Verstörung aufzuklären, will ich seine theoretischen Aussagen zunächst in zwei Thesen paraphrasieren:

  1. Das herrschende Paradigma der westlichen Kultur seit Platon und der jüdischen Bibel sei der Individualismus. Unter »Individualismus« versteht Wheeler zwei mögliche Auffassungen, nämlich (a): Das Selbst sei vor bzw. unabhängig von sozialer Beziehung mit seinem Wesen und mit seinen Bedürfnissen schon »fertig da«; und als abgeschwächte, modernere Variante (b): Das Selbst entwickle sich zwar in Beziehungen, die Aufgabe der Selbstwerdung bestehe jedoch darin, zu einem autonomen Status zu finden.

    An dem individualistischen Paradigma verhängnisvoll ist nach Wheeler, dass die Dimension von Beziehung und Unterstützung vernachlässigt oder sogar abgewertet werde. Mit Beziehung und Unterstützung möchte Wheeler jedoch keineswegs dem Gruppendruck oder autoritären Konzeptionen das Wort reden, die das Subjekt einem Kollektivwillen unterwerfen. Ausdrücklich wird von Wheeler die Sozialisationstheorie abgelehnt, die das Subjekt nur als Produkt der Umwelteinflüsse ansieht.

    Wheeler verweist dagegen darauf, dass es im Verhältnis vom Subjekt zum gesellschaftlichen Umfeld zu Misstönen kommen kann, d.h. bestimmte vorhandene Anlagen, Bedürfnisse und Wünsche des Subjektes (Wheeler bezeichnet dies meist vage als »inneres Selbst«) werden vom Umfeld nicht unterstützt bzw. nicht »empfangen«. Das führt nach Wheeler zu schwerwiegenden Fehlanpassungen.

  2. Die Voraussetzung, es gäbe so etwas wie eine objektive Wahrheit oder Wirklichkeit, sei falsch. Diese Voraussetzung kann als (a) Idealismus (Vorhandensein von »über« den Subjekten schwebenden Ideen oder idealen) oder (b) Empirismus bzw. Positivismus (Erfahrungswissenschaft findet die Wirklichkeit heraus) auftreten. Wheelerzufolge wird die Wirklichkeit dagegen von einem subjektiven Standpunkt aus konstruiert und dann, wenn es angebracht und nützlich erscheint, auch dekonstruiert. Allerdings sei die Möglichkeit des Einzelnen, die ganze Wirklichkeit zu definieren, begrenzt; weite Teile der Wirklichkeitskonstruktion würden durch Gruppen (Familien, Ethnien, Kulturen, Subgesellschaften usw.) vorgenommen. Die Wirklichkeit könne allerdings nicht beliebig konstruiert werden; vielmehr betrachtet Wheeler die konstruierende Tätigkeit unter dem Blickwinkel der Evolution: Die Wirklichkeitskonstruktion müsse dem Überleben dienen bzw. dürfe ihm wenigstens nicht zuwiderlaufen. Auch die Tatsache, dass die Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren, sei das Ergebnis einer evolutionären Anpassung an die Bedingungen von veränderlichen Umwelten. Zu dieser Sichtweise kommt man nach Wheeler durch »lebendige und fühlbare Erfahrung«.

    Die beiden Thesen enthalten einige Worte, die Wheeler negativ bewertet, andere, mit denen er eindeutig Positives assoziiert. Als erstes liste ich die negativ bewerteten Worte in der Reihenfolge ihres Vorkommens auf:

So untereinander aufgezählt fällt mir sofort ins Auge, dass es eine gewisse Spannung in diesen negativen Bewertungen gibt: Gegen Gruppendruck und gegen autoritäre Ansprüche, gegen die Behauptungen der Sozialisationstheorie und gegen die Annahme einer durch die Empirie unverbrüchlich feststellbaren objektiven Wahrheit hilft ja augenscheinlich ein individueller Standpunkt der Autonomie oder des Idealismus. (Wheeler nennt seinen Standpunkt »Konstruktivismus« bzw. »Dekonstruktivismus«. Etwas versteckt gibt er an zwei Stellen zu, dass diese Denkrichtung auf die von ihm abgelehnten individualistischen Ansätze von Nietzsche und Sartre zurückgehen. Er fragt sich nicht, wie es sein kann, dass der von ihm als verhängnisvoll gekennzeichnete Individualismus einen für ihn so bedeutsamen Denkansatz hervorgebracht hat: Ist der Konstruktivismus darum falsch, weil er individualistisch ist? Oder ist die Wheelersche Individualismuskritik falsch?) Schauen wir als nächstes die Liste der positiv bewerteten Begriffe ebenfalls in Reihenfolge ihres Auftretens an:

Bei diesen Begriffen ergibt sich zumindest eine schwerwiegende Spannung, nämlich die zwischen Konstruktivismus und Evolutionslehre. Die Evolutionslehre behauptet, keine willkürliche Konstruktion der Wirklichkeit zu sein, sondern die Wirklichkeit bzw. die in ihr stattfindenden biologischen Prozesse objektiv richtig zu beschreiben und zu erklären. Wenn sie das nicht täte, wäre auch Wheelers Argument zahnlos, die Evolution hätte uns mit einer konstruktivistischen Natur ausgestattet.

Die Betrachtung des Widerspruchs zwischen Konstruktivismus und Evolutionslehre führt ins Herz der Wheelerschen Theorieentwicklung. Denn der Konstruktivismus wirft, indem er das Dasein objektiver Wirklichkeiten bestreitet, ein entscheidendes Problem auf, nämlich (a): Wie kommt es, dass wir uns, auch wenn wir oft Einzelheiten unterschiedlich sehen, im großen Ganzen selbst kulturübergreifend jeweils auf die gleiche Wirklichkeit beziehen? Zum Beispiel: Warum stellt ein Berg ein physisches Hindernis sowohl für uns als auch für die australischen Ureinwohner dar? Und (b): Wie wird darüber entschieden, was als Wirklichkeit konstruiert wird? Ist es Zufall oder gibt es ein Kriterium?

Wenn man genau hinsieht, stellt sich heraus, dass Wheeler gar kein Konstruktivist ist; nicht nur, weil er die Worte »Selbst« oder »Subjekt« benutzt, die für Konstruktivisten wie Foucault (auf den Wheeler gern hinweist, ohne genauer auf dessen Theorie einzugehen) nichts bezeichnen als das Ergebnis von Zwangseinwirkung. Wheeler macht darüber hinaus ständig die Voraussetzung, dass es eine Wirklichkeit gäbe. So erscheint die Wirklichkeit laut Wheeler zwar in den Konstruktionen, die jeder für sich vornimmt oder die wir gemeinsam vornehmen, jeweils unterschiedlich; es gibt jedoch keine Beliebigkeit der Konstruktionen: Die Evolution selektiert Wheeler zufolge die Konstruktionen, die der Wirklichkeit besser angemessen sind. Dies klingt fast sozialdarwinistisch, auch wenn Wheeler den Sozialdarwinismus verwirft (Darwin selbst dagegen hochschätzt). Das Kriterium für die Konstruktion ist nach Wheeler das Überleben. Dieses Kriterium muss wahr sein, sonst fällt die Wheelersche Argumentation in sich zusammen. (Erkenntnistheoretisch handelt es sich um das klassische » Ding-an-sich«-Problem Kants.)

Das erhellt, dass Wheeler genau dieselbe Frage umtreibt, über die er in Hinsicht auf Platon Hohn und Spott ausgießt: Wie können wir in einer ungewissen Welt einen festen Standpunkt aufbauen, von dem aus wir die Erkenntnis auf sichere Füße stellen? Wheeler meint, diesen Standpunkt in der Idee der Evolution gefunden zu haben. Er ist sich seiner Sache so sicher, dass er keinen »dekonstruktivistischen« (oder weniger hochtrabend gesagt: kritischen) Gedanken daran verschwendet, ob oder wenigstens warum die Evolutionstheorie richtig ist. Die Richtigkeit des evolutionären Erklärungsansatzes wird bei Wheeler stets vorausgesetzt.

Auf diese Weise kehrt die von Wheeler abgelehnte Ansicht, dass wir von einer objektiven Wahrheit auszugehen hätten, zurück in seine eigene Theorie als die Annahme, dass die Evolutionslehre wahr sei. Darin eingeschlossen ist die Voraussetzung, dass es eine Wirklichkeit gibt, auf die hin die evolutionäre Anpassung gerichtet ist. Dieses Muster der Rückkehr des Verdrängten finden wir auch in den Spannungen wieder, die sich aus den negativ bewerteten Begriffen ergeben. Ich bilde zwei Spalten, um das zu illustrieren:

Negativ besetzte Begriffe Positiv besetzte Begriffe
Individualismus / Autonomie Subjektivität / inneres Selbst
Grnppendruck / Autorität / Sozialisationstheorie Beziehung / Unterstützung
Objektivität / Wahrheit / Wirklichkeit Evolutionstheorie
Idealismus / Individualismus (De-) Konstruktivismus
Empirismus / Positivismus »fühlbare Erfahrung«

Es zeigt sich nun, dass jedem der von Wheeler abgelehnten Begriffe ein positives Gegenüber zugeordnet werden kann. Der Standpunkt des Individualismus und das Ideal der Autonomie heißen bei Wheeler »Subjektivität« resp. »inneres Selbst«. Der Gruppendruck, durch den der Einzelne an bestimmte Normen und Werte sozialisiert wird, findet sich bei Wheeler in den Beziehungen und vor allem in den (fehlenden bzw. verweigerten) Unterstützungen. Die Wirklichkeit, von der wir ausgehen, um nicht irre zu werden, drückt sich bei Wheeler durch die Evolution aus (bzw. durch den von der Evolution geformten Wahrnehmungsapparat); und der Idealismus, der meint, dass das, was wir für Wirklichkeit halten, eigentlich ein Ausfluss aus unseren Ideen sei, heißt bei Wheeler »Konstruktivismus«. Die empirische Kritik, die die Ideale an der Wirklichkeit messen will, führt nach Wheeler der dekonstruktive Prozess durch. Der erfahrungswissenschaftliche Ansatz des Empirismus und des Positivismus schließlich wird durch Wheeler fast unbesehen übernommen. Wenn wir Wheelers Argumentationsstruktur so analysieren, geschieht etwas Eigenartiges mit den Spannungen, die ich zwischen den Begriffen angesprochen habe, als die Spalten noch getrennt betrachtet wurden – es ergibt sich ein in sich stimmigeres Bild: