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Internet über www.dnb.de abrufbar.

(C) Simone Dräger

Illustration: Janne Jesse

Covergestaltung: Simone Dräger,

Lektorat: Corretix, Klaus Söhnel

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783752871838

INHALTSVERZEICHNIS

1. ELLI

Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen naturgrünen und sehr bunten Ort mit wunderschönen Teichen, Inseln und prächtig blühenden und duftenden Blumen, Kräutern und Bäumen. Hier lebten die Buntschnabelenten.

Tagein, tagaus war man gespannt, welche Farbe die Schnäbel der Küken haben würden, wenn sie schlüpften.

„Wie ist denn der Schnabel gewachsen?“, hieß es dann, denn je nach Farbe waren die Enten in ihrem Wesen verschieden. Blauschnäbel beispielsweise waren oft sehr gefühlvoll, Rotschnäbel sehr energisch und schnell und Grünschnäbel eher hilfsbereit und fleißig. Die gelben Enten liebten es zu schreiben, Briefe zu transportieren und zu lesen.

In Wirklichkeit gab es aber eben noch viel mehr Schnabelfarben, also auch Hellblau, Dunkelrot oder gelblich-türkis und dazu noch gepunktete, gestreifte sowie karierte Schnäbel, sodass keiner wirklich einem anderen glich.

Eines Tages aber gab nur noch ein dunkles Loch an der Stelle, wo sonst die Sonne schien. Das Wasser glitzerte nicht mehr, die Blüten gingen nicht mehr auf und die Schnabelfarben verblassten zur Unkenntlichkeit. Die Teichlandschaft und die Enten sahen einfach nur noch grau aus.

Doch ehe man sichs versah, gab es ein Wundermittel: das Schnabelspray, mit dem sich jeder den Schnabel wieder farbig sprühen konnte. Es war sogar viel praktischer, denn so konnte jeder einfach jede Farbe „sein“.

Ebenso gab es ein paar Ausflugsziele, an denen die Natur rundherum permanent farbig gesprüht wurde, sowie ein Gartenspray für zu Hause. Kaufte man sich Spray, konnte also alles gefärbt und verändert werden, wie man wollte.

In diese Zeit hinein schlüpfte die Ente Elli.

Elli wurde eine sehr hübsche, liebe und kluge Ente, die auch gerne malte, Eislaufen ging und viele Bilder im Kopf hatte, was man alles spielen konnte.

Doch in einer Sache war Elli ganz anders als die anderen Enten: Sie hatte keinen Schnabel!

Na ja, so stimmte das auch nicht, denn sie konnte mit ihrer Mutter durchaus ganz normal sprechen. Nur mit anderen Enten, da ging das nicht mehr. Vielleicht ab und zu ein „Ja“ und „Nein“, ein kurzes Wort … aber dann?

Ellis Mutter bemerkte dann auch immer, dass sie so nach unten starrte und einen ganz harten Körper bekam, sobald sich andere Enten näherten. So verändert kannte sie Elli eigentlich nicht.

Man konnte also sagen: Elli hatte einen Schnabel, aber zugleich auch wieder nicht. Tatsächlich schillerte und schimmerte auch ihr ganzes Federkleid perlmuttfarben wie eine durchsichtige Muschel. Elli war also insgesamt eine etwas durchsichtige Ente. Das war bei den anderen auch nicht so.

Ellis Vater sagte immer, dass Elli halt ganz besonders sei, aber Elli wollte nicht „besonders“ sein, sie wollte am liebsten sie selbst sein. Sie mochte es selber nicht, zu erstarren und nicht mehr reden zu können. Das war nämlich anstrengend.

Da sie eben einen schillernden Schnabel hatte, also nichts richtig sagen konnte, und keine eindeutige Farbe besaß, wusste auch niemand so richtig, wer Elli eigentlich war.

Die Farben der anderen waren zwar auch nur aufgesprüht, aber doch schienen sie einfach lebendiger und munter zu sein anstatt so „hart“, wie Elli es immer wurde.

Sie fühlte sich wie hinter einer Glaswand, so abgeschnitten. Sie konnte dann nichts sagen, weil ihr auch einfach nichts einfiel. Wenn jemand sagte, sie solle sich einfach trauen, dann wusste sie nicht, wie sie sich einfach „trauen“ sollte, da sie sich so leer fühlte und nicht wusste, was genau sie überwinden sollte.

Manchmal fiel ihr zwar etwas ein, aber das war dann wie „ausgedacht“ und klang auch manchmal wie auswendig gelernt, wenn sie es dann schaffte, es zu sagen. Es durfte auch nicht zu lang sein, weil sie sich die Worte nicht „merken“ konnte. Der Text kam dann einfach nicht mehr wie von selbst aus ihr heraus und nur unter einem inneren schweren Suchen und Durchhalten. Es war so, als hätte sie dann einen inneren Boden verloren. Sie wollte, dass es immer so ist, wie wenn sie mit ihrer Mutter spricht, aber das funktionierte einfach nicht.

In der Schule wurde Elli deswegen oft übersehen. Manche gaben ihr den Spitznamen „Die Tarnkappe“.

Manchmal bekam sie kein Arbeitsblatt, oder wenn jemand Geburtstag hatte und Kuchen auf das Lehrerpult stellte, konnte sie nicht aufstehen und sich diesen holen.

Dann bekam sie halt nichts, aber das hielt sie aus. Es ging ja nicht anders. Nur wenn jemand dann auch noch schimpfte und so was sagte wie: „Wenn du was willst, musst du dich melden!“, „Wieso hast du denn nichts gesagt – du hast doch einen Schnabel!?“, war das sehr schlimm.

Deswegen ging sie auch nicht gerne in die Schule. Sie wollte nicht in Situationen kommen, in denen erwartet wurde, dass sie sich mitteilte, sie das aber dann nicht konnte. Davor hatte sie Angst.

Es gab eben viele Dinge, die Elli schwerfielen – auch einfach das Aufstehen und Nachvorne-Kommen, um der Lehrerin etwas zu sagen. Einmal musste sie ganz nötig Pipi und traute sich nicht, der Lehrerin das vorne am Pult zu sagen. Da die Lehrerin noch durch die Klasse ging, hätte sie aufzeigen müssen, was sie auch nicht konnte. Deshalb wollte sie warten, bis die Lehrerin sich ans Pult setzte, weil sie sich so eher trauen würde, sie zu fragen, anstatt sich zu melden. Bei anderen hatte sie das auch schon gesehen, so wollte sie es auch machen. In der Zwischenzeit formulierte sie schon im Kopf, was sie sagen sollte. „Darf ich zum Klo?“, „Kann ich zum Klo“?, „Ich muss mal zum Klo“? Doch als es ganz schlimm war, stand sie einfach auf und ging wie in Trance zu der Lehrerin, die gerade einer anderen Ente etwas erklärte. „Darf ich zum Klo?“, schoss es aus ihr heraus. „Ja“, war die Antwort und Elli schoss aus dem Klassenraum. Welch eine Erleichterung! Sie hatte etwas geschafft, was sie noch nie geschafft hatte! Sie war stolz! Jetzt war sie so wie die anderen! Sie konnte sagen, was sie wollte!

Aber dann gab es doch wieder Momente, wo alles genauso schwierig war: Im Malunterricht traute sie sich nicht zu sagen, dass sie „fertig“ sei, und malte deswegen extra langsam bis die Lehrerin hinter ist stand und fragte, ob das Bild denn jetzt fertig sei. Es war genauso eine Überwindung, das Malwasser auszuwechseln, beim Schnabelarzt auf Toilette zu gehen, die Jacke auszuziehen oder im Schwimmbad alleine duschen zu gehen. Ganz davon abgesehen, am Büdchen Sticker zu kaufen oder ein Eis im Schwimmbad oder an der Bushaltestelle ein Brötchen. Dann lieber gar keins. Wenn sie es dann doch mal mit etwas Hilfe schaffte, war ihr das oft sehr peinlich oder sie fing an zu weinen.

Als Elli etwas größer wurde, bekam sie deshalb auch immer mehr Ärger „Das kann doch gar nicht sein – wovor hast du denn Angst? Rede doch einfach mal!“, „Sei doch nicht immer so unscheinbar; vielleicht brauchst du mal eine intensive Farbtönung?“, „Vielleicht muss deine Mutter mal eine Kur beantragen – zu Hause hast du doch angeblich auch einen Schnabel!“, „Was ist denn daran so schwer, sich zu melden? Du musst doch nur den Flügel hochheben! Du hast doch schon einmal was gesagt, also wo ist das Problem dabei!?“

2. ENTENGEBURTSTAG

Einmal bekam Elli von ihrer Sitznachbarin Sabrine eine Einladungskarte zu ihrem Geburtstag. Sabrine war immer nett und einfach ganz normal zu ihr. Deshalb nannte sie Elli auch beim Namen und nicht „Tarnkappe“.

Zu Hause zeigte Elli die Einladungskarte, die sogar etwas schimmerte, so wie sie selbst – das fand sie irgendwie schön. „Na, dann kaufen wir mal ein hübsches Geschenk für Sabrine, was meinst du?“, fragte ihre Mutter, als sie merkte, wie Elli etwas zweifelte. – „Ja, aber ich weiß doch gar nicht, wie das geht, „Entengeburtstag“, und was man da so machen muss“.

- „Na, das wirst du schon sehen. Das ergibt sich schon“, ermutigte ihre Mutter sie. – „Na ja, und wie soll ich Sabrine das Geschenk geben und wann? Oder was ist, wenn ich mal zum Klo muss? Ich kann ja keinen fragen“, fragte Elli ängstlich. – „Andere werden auch mal zum Klo gehen; guck mal, was die machen oder wo die hingehen.

Das ist ganz normal, das man das nicht weiß und ein wenig unsicher ist. Gib ihr einfach das Geschenk, wenn du sie siehst, am Anfang. Warte einfach mal ab, das wird schon werden. Am Anfang sind alle unsicher … aber sieh doch mal, ist es nicht auch spannend, mal zu sehen, wie es bei anderen im Nest aussieht?“

Ja, etwas neugierig war Elli auch. Vielleicht konnte es ja doch spannend werden? Vielleicht könnte diese komische Blockierung auch einfach mal verschwinden … und außerdem wäre ihr das auch peinlich, nicht zu dem Geburtstag zu gehen, obwohl Sabrine ja immer so nett war.

Also stand Elli mit ihrer Mutter ein paar Tage später vor der Nesttüre. Elli hatte ein dickes Geschenk in der Hand, an das sie sich umso mehr klammerte, je näher der Moment rückte, dass einer die Tür öffnete.

Ihre Mutter klingelte, dann zogen sich die Sekunden hin bis zu dem Moment, in dem man sah, dass die Türe geöffnet würde. Vor allem: Wer würde öffnen? Es öffnete die Mutter. Automatisch blickte Elli nach unten; sie versuchte, noch wenigstens einmal kurz aufzublicken, damit nicht wieder auffiel, wie verschlossen und komisch sie war, aber es klappte nicht. Es war aber auch nicht weiter schlimm. Das war schon gut.

„Ach, hallo Elli! Das ist ja schön, dass du auch da bist. Hier links kannst du einmal die Schuhe ausziehen, und dann kannst du gleich in die Küche gehen. Die anderen und Sabrine sind schon am Kaffeetisch“, sagte Sabrines Mutter.

Jetzt benahm Elli sich wieder so seltsam und fühlte sich auch augenblicklich in ihrem bekannten Modus. Sie war so abgeschnitten von sich selbst. Sie stellte das Geschenk auf den Boden und machte mit dem Schnabel die Schnürsenkel auf. Doch war alles so, als würde sie beobachtet, obwohl sich die Entenmütter miteinander unterhielten und sie gar nicht ansahen. Alle Bewegungen waren so hart, eckig, auch zittrig, und sie war sich voll bewusst, was sie tat. Für andere Enten wäre dieser Vorgang wohl einfach nur eine Nebensächlichkeit gewesen, aber für sie war es so, als gehe es um die Wurst.

Schließlich hatte sie es geschafft, doch dann kam schon das Nächste:

Durch die Küchentür zu gehen. Doch ermutigte sie sich, indem sie sich vornahm, einfach ganz schnell in die Küche zu gehen und sich hinzusetzen. Aber würde das gehen? Würde sie denn einen Platz finden? Wer würde was zu ihr sagen, worauf sie dann was sagen musste? Müsste sie auch „Hallo“ sagen? Und wenn sie das sagte, aber keiner sie hören würde?

Doch Elli marschierte schneller, als sie denken konnte, und stand dann in der Küche.

„Hallo“, schoss es aus ihrem Schnabel. Tatsächlich guckte niemand auf, da sie alle redeten und lachend quietschten, außer Sabrine. Sie bemerkte, dass Elli hereingekommen war.

„Hallo, Elli! Du kannst dich da einfach auf den Stuhl neben mir setzen. Meine Mutter hat Rosenkuchen gebacken, den holt sie gleich aus dem Ofen“.

Sofort ging Elli auf den Stuhl zu und setzte sich. Aber was jetzt mit dem Geschenk?

Sie müsste es Sabrine hinhalten, die es dann sicher nehmen würde, aber sie traute sich nicht.

Sabrine redete wieder mit einer anderen Ente. Das wollte sie nicht unterbrechen. Also legte sie es neben sich auf den Tisch. Es sagte auch niemand etwas dazu, das es jetzt dort lag. Elli merkte, dass sie sich immer noch in diesem komischen Zustand befand.

Das sollte jetzt bis heute Abend dauern, bis die Mutter sie wieder abholte?

Oh nein, war das wieder anstrengend. Sie hatte das Gefühl, wie angewurzelt auf ihrem Stuhl zu sitzen. Auch hatte sie bemerkt, dass sie bis auf eine Ente außer Sabrine keine andere kannte.

An den Gesprächsthemen der anderen erkannte sie, dass sie Geschwister von Sabrine und Freundinnen aus ihrem Schwimmverein sein mussten.

Wenn sie sich sicher war, das sie nicht angeschaut wurde, guckte sie sich die anderen einfach mal an, wie sie aussahen, da sie sonst immer die Gesichter ausblenden musste.

Aber sie schaute sich auch in der Küche um, die tatsächlich ganz anders war als die bei ihr zu Hause. Die Wände waren blau gepunktet – sicher war dies das ganz neue Spray, das sie mal in der Werbung gesehen hatte.

Die Küchenfenster hatten sogar rote Gardinen, und die Vorderseiten der ganz neuen hölzernen Küchenmöbel waren gelb eingesprüht.

Dann hörte Elli Schritte. Das würde wohl die Mutter sein, die jetzt den Kuchen aus dem Ofen holte. Normalerweise war Rosenkuchen Ellis Lieblingskuchen, aber jetzt war ihr schlecht. Durfte sie auch was auf dem Teller liegen lassen?

Musste sie jetzt Danke sagen beim Servieren, oder konnten sie sich den Kuchen einfach selber nehmen, ohne dann etwas sagen zu müssen?

Elli sah, wie die Mutter den Kuchen aus dem Ofen holte, prüfte, ob er gar war, und ihn dann auf den Tisch stellte.

Sabrine schnitt ihn an, und dann durfte sich zum Glück reihum jeder selbst ein Stück abschneiden. Elli aß den Kuchen, obwohl sie keinen Hunger mehr hatte. Bis jetzt hatte auch noch niemand etwas zu ihr gesagt, aber sie spürte, dass das bald kommen würde. Sie merkte, dass sie Durst hatte. Was nun?

Auf dem Tisch standen Kakao und Wasser, doch beides war unerreichbar für sie. Dann kam es so, dass Elli einmal das Wasser weiterreichen musste; doch wie wirkte es, wenn sie sich beim Weiterreichen selber etwas eingießen würde?

Das konnte man doch nicht machen, oder doch?

„Elli, hast du denn kein Durst?“, fragte dann zum Glück Sabrine. – „Doch“, sagte Elli. – „Willst du Wasser oder Kakao“, fragte dann plötzlich eine der Enten, die Elli gegenüber saß.

„Wasser“, sagte Elli dann zu der noch fremden Ente, die ihr dann von drüben etwas in das Glas goss.