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Für Mam, die wahre Träumerin

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Inhalt

Boy

Stummer Protest

Das Ocularium

Die höchsten Söhne von Perfect

Träume voller Geisterjungen

Schulregeln

AGDS

Hin und her

Iris Archer

Ein dringender Termin

Vorstellungsrunde

Niemandsland

Die Hüter

Nächtlicher Besuch

Gläserweise Farben

Die Warnung

Grabeskälte

Die Geistersiedlung

Der verschlossene Raum

Das Haus in der Wickham Terrace

William Archer

Der ReImaginator

Willkommen in Normal

Überredungskunst

Taktikbesprechung

Die Teefabrik

Williams Mixtur

Mächtige Angst

Kleine Helfer

Rückkehr in den Raum der Fantasie

Wieder vereint

Der Ausrutscher

Möge die Schlacht beginnen

Entscheidungen

Das letzte Gefecht

Unsere Stadt

Inhalt

Kapitel 1

Boy

Durch die Abenddämmerung getarnt, lehnte er im dichten Gebüsch des Gartens an einer Eiche und wartete. Beobachtete. Von seinem Versteck aus hatte er das Haus und die kiesbedeckte Auffahrt vollständig im Blick.

Es war ein seltsames Gefühl, Angst zu haben, dass ihn jemand sehen könnte.

In Perfect war die bevorstehende Ankunft von Dr. Eugene Brown schon seit Wochen in aller Munde. Der Doktor würde helfen. Das wusste Boy, so sicher wie noch nie zuvor etwas in seinem Leben. Er musste es nur schaffen, an ihn heranzukommen, bevor er sich veränderte. Als die Sonne untergegangen war, kamen George und Edward Archer angeschlendert und erklommen die steinernen Stufen zum Haus. Das Licht ging an und Boy sah zu, wie sie drinnen umherliefen.

Plötzlich huschte ein Lichtstrahl über das Gras vor seinen Füßen. Boy zog sich noch weiter ins Gebüsch zurück. Ein silbernes Auto rollte knirschend über den Kies auf ihn zu und hielt an. Boys Herz schlug schneller. Das leise Brummen des Motors verstummte.

Die breite Haustür schwang auf und die Umrisse der Archer-Zwillinge zeichneten sich im Licht der Diele ab. Trotz des Schauers, der ihm über den Rücken lief, stand Boy still und stumm da wie eine Statue und beobachtete, was geschah.

Ein Mann und eine Frau stiegen aus dem Auto.

Boy hatte nicht erwartet, dass der Doktor in Begleitung kommen würde. Die Frau warf dem Mann über das Autodach hinweg einen nervösen Blick zu. Er schenkte ihr ein betretenes Lächeln, dann ging er auf die Zwillinge zu und schüttelte ihnen zur Begrüßung die Hand. Die Frau folgte ihm und zu viert verschwanden sie im Haus.

Gerade als Boy sich vorsichtig aus seinem Versteck wagen wollte, drehte sich der Doktor um und rief: »Violet. Komm ins Haus, Mäuschen, es wird kühl da draußen.«

Die Autotür ging einen Spaltbreit auf und knallte sofort wieder zu, als der Wind durchs Blätterdach über Boy strich.

Boy hielt den Atem an und zog sich tiefer in die Dunkelheit zurück. Die Autotür ging erneut auf und diesmal sprang ein verängstigtes Mädchen heraus und rannte über den Kies aufs Haus zu.

Boy konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Das Mädchen lief noch schneller, sprang die Stufen hinauf und stürmte ins Haus. Mit einem lauten Knall fiel die Haustür ins Schloss und das Licht aus der Diele erlosch.

Die Autotür hingegen stand sperrangelweit offen. Boy schloss sie sanft, als er auf leisen Sohlen aufs Küchenfenster zuschlich. Er bekam gerade noch mit, wie das Mädchen in den Raum schlitterte.

Boy hockte sich neben die Treppe und wartete.

Die Nacht brach an. Bald würden die Hüter ihren Rundgang beginnen und Boy konnte es sich nicht erlauben, noch einmal außerhalb der Mauern erwischt zu werden. Er beschloss, früh am nächsten Morgen zurückzukommen und dann mit dem Doktor zu sprechen.

Bevor er ging, warf er einen letzten Blick durchs Fenster. Das Mädchen saß zwischen seiner Mam und seinem Dad – eine richtige Familie. Der Anblick versetzte Boy einen schmerzhaften Stich. Unwillkürlich wanderte seine Hand zu dem abgegriffenen Stück Papier in seiner Tasche.

Kapitel 2

Stummer Protest

Violet schrak hoch, als das Auto knirschend auf dem Kies zum Stehen kam. Draußen war es bereits dunkel. Sie stemmte sich aus dem warmen Ledersitz hoch und lugte durchs Seitenfenster. Das Haus war groß, viel größer als ihr altes, und sah aus wie aus einem Magazin. Drinnen brannte Licht.

Erschrocken zog sie den Kopf ein.

Zwei dunkle Gestalten, eine groß und eine klein, standen im hellen Rechteck der offenen Haustür. Violets Vater zog den Zündschlüssel ab und warf ihrer Mutter einen liebevollen Blick zu, dann schnallte er sich ab und stieg schwungvoll aus.

»Ah, Mr und Mr Archer«, sagte er, während er auf die Männer zuging, »wir haben gar nicht mit einem Empfangskomitee gerechnet.«

»Aber das ist doch selbstverständlich, Doktor Brown«, antwortete der Große und streckte seine Hand aus. »Wir wollen schließlich sicherstellen, dass Sie sich wie zu Hause fühlen.«

»Wir waren den ganzen Tag mit den Vorbereitungen beschäftigt. Das Haus ist blitzeblank und der Kessel steht schon auf dem Herd«, ergänzte der Kleine und schob sich vor den Großen, um ihrem Vater die Hand zu schütteln. »Lassen Sie Ihre Sachen erst mal im Auto und kommen Sie herein. Sie müssen erschöpft sein. Eine Tasse Tee wird Ihnen sicher guttun.«

»Vielen Dank, das ist sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte Violets Mutter, als sie dazutrat und die beiden Männer ebenfalls begrüßte. »Eine Tasse Tee wäre jetzt wirklich toll.«

Die vier gingen ins Haus. Wutschäumend blieb Violet im Auto sitzen – sie hatten sie anscheinend völlig vergessen.

»Violet. Komm ins Haus, Mäuschen, es wird kühl da draußen«, rief ihr Vater ihr über die Auffahrt hinweg zu.

Er hatte sie also doch nicht vergessen. Was aber trotzdem nicht bedeutete, dass er sich dafür interessierte, wie es ihr ging. Für ihn zählte einzig und allein dieser Job. Als er das Angebot erhalten hatte, hatte ihre Mutter gesagt, es sei eine außergewöhnliche Gelegenheit. Das war wahrscheinlich so, als hätte er den Oscar für Optiker gewonnen. Die genauen Worte ihres Dads lauteten: »Es wäre dumm von mir, die Stelle nicht anzunehmen. Unbeschreiblich dumm.«

Ihr Dad war Optha… Ophmal… Ophthalmologe, was ein schickes Wort für Augenarzt war und bedeutete, dass er den ganzen Tag Augen operierte. Violet fand die Vorstellung gruselig, deswegen antwortete sie jedes Mal, wenn sie jemand danach fragte, er sei Optiker. Seine Arbeit war ihm enorm wichtig. Andere Eltern schienen sich ständig darüber zu beklagen, wie sehr sie ihre Jobs hassten, doch nicht ihr Dad. Violet war stolz auf ihn, aber das hieß noch lange nicht, dass sie glücklich darüber war, all ihre Sachen zusammenpacken und ihre Freunde verlassen zu müssen, nur weil er eine neue Stelle hatte. Sie fand das extrem egoistisch von ihm und das hatte sie ihm auch unter Tränen gesagt, als er verkündet hatte, dass sie umziehen würden.

Sie drückte die schwere Autotür auf, lugte hinaus und sah sich nach links und rechts um.

Die Auffahrt war dunkel und von hohen Bäumen umgeben. Lange, knorrige Äste schwankten im Wind und ließen ihre Schatten auf dem Kies tanzen. Violet schauderte, als die Blätter zu flüstern begannen. Hastig zog sie den Kopf zurück und schlug die Autotür zu. Hier drinnen war sie wenigstens sicher.

Ihre Mam sagte immer, Violet habe eine überbordende Fantasie. Violet wünschte, sie könnte ihre Fantasie ein wenig unterbordender machen, während sie durchs Autofenster in den dunklen Garten hinausschaute. Unwillkürlich stellte sie sich all die vielen Monster vor, die zwischen den Bäumen auf sie lauerten.

Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als zu rennen. Sie holte tief Luft. Auf drei. »Eins, zwei, dreiiiii …«

Violet stieß die Autotür auf, sprang hinaus und sprintete zum Haus. Ohne sich umzublicken, stürmte sie die Treppe hinauf und huschte über die Türschwelle.

Als sie die schwere Eingangstür hinter sich zuknallte, glaubte sie, zwischen den Bäumen leises Gelächter zu hören. Sie glitt an der Wand hinab zu Boden und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Das Lachen hatte sie sich doch sicher nur eingebildet. Oder? In dem Moment fiel die Autotür ins Schloss. Violet erstarrte. War dort draußen jemand? Ihr Herz schlug schneller.

»Violet, bist du das, Mäuschen?«, rief ihre Mutter aus einem Raum auf der anderen Seite der Diele. »Komm her und sag unseren Gästen Hallo.«

Violet schüttelte die dunklen Gedanken ab. Das war alles bestimmt nur der Wind. Und dann ist deine Fantasie mal wieder mit dir durchgegangen, wies sie sich selbst zurecht, während sie sich hochrappelte.

Sie streifte die Schuhe ab und ließ sie neben der Tür fallen. Die Diele war mit glänzenden cremeweißen Fliesen ausgelegt. Perfekt für Socken. Violet nahm Anlauf und schlitterte mit Schwung in den Raum auf der anderen Seite der Diele. Erst am Küchentisch kam sie zum Stehen.

Vier Augenpaare starrten sie entgeistert an, zwei davon peinlich berührt, zwei zutiefst schockiert.

»Violet!«, schimpfte ihr Vater. »Wir haben Besuch.«

Violet antwortete nicht.

Sie hatte am Abend zuvor beschlossen, dass sie so lange nicht mit ihrem Vater reden würde, bis er seinen Fehler einsah und sie wieder nach Hause zogen. Das fiel ihr wirklich nicht leicht, denn sie liebte ihren Dad über alles. Aber sie wollte nun mal nicht das Gleiche wie er. Und ihre Mam ehrlich gesagt auch nicht. Rose Brown arbeitete als Buchhalterin in einer großen Firma und hatte jede Menge Freunde in ihrer alten Heimatstadt – doch sie hatte Violet klargemacht, dass man manchmal das Richtige tun musste, obwohl es schwer war und man es eigentlich nicht wollte. Und dass dieser Umzug das Richtige für ihre Familie war.

Violet hatte mit dem Gedanken gespielt, auch mit ihrer Mam nicht mehr zu sprechen. Aber als Einzelkind hätte sie dann gar niemanden mehr zum Reden gehabt – jedenfalls so lange, bis es ihr gelang, neue Freunde zu finden.

Ihr Dad überbrückte die Stille, indem er sie den beiden fremden Männern vorstellte, die am Küchentisch saßen.

»Violet, das ist Mr George Archer.«

»Nenn mich ruhig George«, sagte der große Mann und erhob sich, um ihr die Hand zu schütteln.

Sie bemühte sich, nicht zu lachen. George Archer war so groß, dass er in der niedrigen Küche nicht aufrecht stehen konnte. Er musste den Kopf schräg zur Seite legen, wodurch er beinahe seine Schulter berührte. Alles an ihm war lang – von den schlangenartigen Armen und Bandwurmfingern bis hin zu seiner bleistiftdünnen Nase, die sein Gesicht förmlich in zwei Hälften zu schneiden schien. Sein Kopf war so glatt und weiß wie ein frisch gelegtes Ei. Da diese Haltung sichtlich unbequem war, setzte er sich schnell wieder.

»Und ich bin Edward. Freut mich, dich kennenzulernen, Violet.« Der Kleinere der beiden stand nun auch auf, um ihr die Hand zu geben.

Wieder musste sie sich ein Lachen verkneifen. Mr Edward Archer war ungefähr genauso groß wie sie und dabei war sie nicht mal die Größte in ihrer bisherigen Klasse. Was ihm an Länge fehlte, machte er in der Breite wieder wett. Seine Figur erinnerte an einen Laib Brot. Sein Kopf saß direkt auf seinen Schultern, als hätte er vergessen, sich einen Hals wachsen zu lassen, und seine Augen standen leicht hervor, als versuchten sie, aus seinem Gesicht zu entkommen.

Die beiden Brüder trugen die gleichen braunen Anzüge und auf Hochglanz polierten Schuhe, ebenfalls in Braun. Edward Archer hatte einen komischen braunen Hut auf, der aussah wie der auf dem Lieblingsgemälde ihres Dads, das mit dem Mann ohne Gesicht. Mr George Archer hatte den gleichen Hut – Melone hießen die Dinger, fiel Violet wieder ein –, doch seiner lag vor ihm auf dem Tisch. Vermutlich hatte er ihn abgenommen, weil er ihm jedes Mal vom Kopf gestoßen wurde, wenn er drinnen aufstand.

Außerdem trugen beide Männer Brillen mit rechteckigen Gläsern und Goldrand. Ihre Augen dahinter schimmerten merkwürdig rot. Es sah ein bisschen unheimlich aus, fand Violet, doch dann nahm George seine Brille ab.

»Ach so, das liegt nur an den Gläsern. Ich dachte schon, mit Ihren Augen stimmt was nicht!« Violet lächelte den großen Mann an. »Warum sind die rot?«

George Archer setzte seine Brille wieder auf. »Die Farbe nennt sich Rosé«, brummte er missmutig. »Wir …«

»Nun, Violet, Liebes«, unterbrach Edward Archer seinen Bruder schnell, »das ist eine verrückte Geschichte. Wir hoffen, dass dein Dad uns helfen wird, eine Lösung zu finden. Weißt du, unser Städtchen ist nahezu perfekt, bis auf eine merkwürdige Ausnahme: Jeder hier trägt eine Brille. Schon nach kurzer Zeit in Perfect werden auch du und deine Eltern feststellen, dass sich eure Sicht trübt. Dann werden die Ränder eures Blickfelds verschwimmen und schließlich werdet ihr vollkommen blind. Wir hatten schon zahlreiche Wissenschaftler hier, die versucht haben, eine Erklärung dafür zu finden. Sie meinen, das kommt daher, dass wir so nah an der Sonne sind.«

»Mam!« Violets Stimme zitterte. Sie bemühte sich krampfhaft, nicht zu weinen. »Ich will nicht blind werden. Ich mag es, sehen zu können. Wir hätten niemals hierherziehen sollen, ich wusste es.«

»Ach herrje, ich wollte dir keine Angst machen, Violet, Liebes«, beschwichtigte Edward Archer sie. »Ich versichere dir, die Wirkung ist nur vorübergehend. Sie lässt nach, sobald ihr unser Städtchen verlasst – obwohl ich davon ausgehe, dass ihr das nicht tun werdet. Bis jetzt wollte hier noch niemand je wieder weg.« Der stämmige Mann lächelte. »Im Übrigen haben wir einen geschickten Weg gefunden, unser kleines Problem zu umgehen. Diese Brillen wirken wahre Wunder. Du wirst merken, dass sie wirklich jeder hier trägt. Sie sind ziemlich trendy, wie man so schön sagt.« Er rückte seine Brille zurecht.

»Am besten kommst du ganz bald in unserem Brillengeschäft vorbei, Liebes, dann passen wir dir dein eigenes Modell an«, ergänzte George Archer mit einem Lächeln.

Violet krallte sich am Nadelstreifenrock ihrer Mutter fest.

»Ich will aber keine Brille, Mam, mit meinen Augen ist alles in Ordnung.«

»Deswegen ist dein Vater ja hier, Liebes«, sagte Edward lächelnd. »Mit seiner Hilfe braucht hoffentlich bald niemand mehr eine Brille.«

Die Archers waren die neuen Chefs ihres Dads.

»Eugene ist von einem Headhunter angeworben worden«, hatte ihre Mam ihren Freunden eines Abends stolz erzählt. Violet fand, dass das beunruhigend klang. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen, wie ihr Dad mit einem Kopfjäger auf die Pirsch ging. Er hatte einen Preis für seine Forschung erhalten und war deswegen auf dem Cover von Auge um Auge abgebildet gewesen. Ihre Mam sagte, die gesamte Welt würde darüber reden – oder jedenfalls der Teil der Welt, der sich genauso sehr für Augen interessierte. Anscheinend hatten die Archers den Artikel in Auge um Auge gelesen und Violets Dad danach unbedingt für diesen Job gewollt.

»Es ist ja nur für kurze Zeit, Violet«, versicherte ihre Mutter, wenngleich sie ihrem Mann einen beklommenen Blick zuwarf. »Dein Vater wird das Problem im Nu beheben.«

»Keine Sorge, Violet.« Ihr Dad streckte die Hand aus, um ihr über den Kopf zu streichen.

Sie wich aus und schob sich hinter ihrer Mutter vorbei, um sich außer Reichweite zu bringen.

»Sie ist müde«, seufzte er. Seine Wangen hatten einen leichten Rotton angenommen. »Es war ein langer Tag. Wird wahrscheinlich Zeit, dass wir ins Bett kommen.«

»Oh nein, noch nicht«, entgegnete Edward Archer schnell. »Vorher sollten wir noch zusammen einen Tee trinken. Das ist Tradition bei uns in Perfect.«

»Oh ja«, pflichtete George Archer ihm lächelnd bei. Er nahm eine Kanne und mehrere Tassen von der Arbeitsfläche. »Das ist hier Brauch.«

Auf dem Tisch stand ein kleines dunkelblaues Päckchen. Edward öffnete es, schaufelte zwei große Löffel losen Tee heraus und streute sie in die Kanne. Auf dem Päckchen stand in verschnörkelter goldener Schrift »Archers’ Tee«. Darüber war ein in Brauntönen gehaltenes Bild der Zwillinge in weißen Schürzen und mit ihren komischen Hüten auf dem Kopf.

»Das sind Sie«, stellte Violet fest und sah zu Edward hinüber.

»Da hat aber jemand Adleraugen«, erwiderte der kleinere der beiden Brüder mit einem Lächeln, während er kochendes Wasser in die Kanne goss. »Ja, das ist unser Tee. Uns gehört die Fabrik, in der er hergestellt wird. Wir sind einer der größten Arbeitgeber in der Stadt, worauf wir außerordentlich stolz sind.«

»Ich mag keinen Tee.« Violet sah ihre Mutter an.

»Den hier schon«, entgegnete George Archer schroff.

»Er ist unsere Spezialität. Die Blätter werden täglich frisch geerntet und jeden Morgen an alle Haushalte in der Stadt geliefert. Unser Tee wird aus den Blättern der Chamäleonpflanze gemacht, die nur hier in Perfect wächst. Er ist gut für die Gesundheit und verfügt über einige höchst ungewöhnliche Eigenschaften. Du wirst gleich merken, was ich meine. Die meisten Menschen hier trinken mindestens eine Tasse pro Tag. Wir sind alle geradezu verrückt nach Tee«, erklärte Edward freundlich.

Violet konnte Tee nicht ausstehen. Und was die Archers anging, war sie sich auch nicht sicher. Irgendwas an ihnen war seltsam.

Eugene und Rose wechselten einen Blick, als sie sich zu den Zwillingen an den Tisch setzten. Violet nahm zwischen ihren Eltern Platz, wodurch sie George Archer gegenübersaß. Er starrte sie durchdringend an, während sein Bruder den Tee ausschenkte.

»Nun stellt sich jeder den leckersten Geschmack vor, den er oder sie sich vorstellen kann«, wies Edward an und hob seine Tasse.

Violet tat wie geheißen. Sie dachte an das Lieblingsgetränk ihres Vaters, das zufällig auch ihres war: Sanfter Engel. Frisch gepresster Orangensaft mit mehreren Kugeln Vanilleeis. Sie malte sich aus, wie die schaumige Mischung über den Rand des Glases quoll, und konnte die Geschmacksexplosion schon fast auf der Zunge spüren. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie die Teetasse an die Lippen hob. Ein Hauch von Vanille stieg ihr in die Nase. Vorsichtig nahm sie einen winzigen Schluck, um sich nicht zu verbrennen. Der Tee kribbelte angenehm auf ihrer Zunge und gleich darauf breitete sich der himmlische Geschmack von Orange und Vanille in ihrem Mund aus. Das konnte kein Tee sein. Violet öffnete die Augen, um sich zu vergewissern, dass niemand heimlich ihre Tasse ausgetauscht hatte, doch vor ihr stand tatsächlich immer noch dieselbe langweilige milchig-braune Flüssigkeit. Sie schielte zu ihrer Mam und ihrem Dad hinüber. Beide hatten die Augen geschlossen und ein entrücktes Lächeln im Gesicht.

»Ich glaube, ich nehme noch eine Tasse«, sagte ihr Vater ein wenig später.

»Das dachten wir uns«, antworteten die Archers wie aus einem Mund.

Die Browns tranken die Kanne leer und genehmigten sich gleich noch eine zweite, während Edward ihnen alles über ihr neues Zuhause erzählte.

Edward war der Gesprächige der beiden. Violet fand ihn zumindest sympathischer als George, der anscheinend bloß brummen und missmutig dreinblicken konnte. Wobei: Wenn sie ehrlich war, war ihr keiner der beiden sonderlich sympathisch. Das Gleiche sagte auch ihre Mutter, als sie zu dritt auf den Stufen ihres neuen Zuhauses standen und den Archers zum Abschied nachwinkten.

»Ich finde sie echt unheimlich, Eugene«, raunte Rose ihrem Mann hinter ihrem aufgesetzten Lächeln zu.

Später am Abend kletterte Violet in ihr neues Bett in ihrem neuen Zimmer. Nach allem, was Edward erzählt hatte, klang Perfect nach einem netten Städtchen und der Tee war eindeutig einer der Vorzüge hier. Ein paar Dinge kamen ihr allerdings ziemlich seltsam vor. Edward hatte erzählt, dass es eine nächtliche Ausgangssperre gab, angeblich, damit jeder in Perfect genügend Schlaf bekam. »Ausgeschlafene Bürger sorgen für eine glückliche und gesunde Stadt«, hatte er lächelnd verkündet.

Violet gefiel der Gedanke, abends nicht mehr rauszudürfen, ganz und gar nicht. Und das mit dem Blindsein fand sie sogar noch schlimmer. Außerdem: Wie sollte sie sich in einer Stadt namens Perfect wohlfühlen? Bestimmt musste man hier ständig sauber und ordentlich sein, sie würde sich also regelmäßig die Haare kämmen und womöglich sogar ihre Schuhe putzen müssen. Das konnte nicht lange gut gehen.

Damit stand die Entscheidung fest: Sie mochte Perfect nicht und das würde sich auch niemals ändern. Violet drehte sich auf die Seite und fiel in einen tiefen, friedlichen Schlummer. Sie hatte ja keine Ahnung, was ihr am nächsten Morgen bevorstehen sollte.

Kapitel 3

Das Ocularium

Die Morgensonne fiel durch Violets Fenster, wärmte ihr Gesicht und weckte sie sanft aus ihren Träumen. In ihrem neuen Bett hatte Violet geschlafen wie ein Stein.

Nachdem sie sich ausgiebig gereckt und gestreckt hatte, setzte sie sich auf. Jetzt erst merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Sie nahm noch verschwommen die Ränder ihres Zimmers wahr, doch alles, was direkt vor ihr lag, verschwand hinter einem fetten schwarzen Fleck, als wäre ihr über Nacht Tinte unter die Lider gelaufen. Sie rieb sich die Augen, aber nichts geschah – sie konnte immer noch nichts sehen.

Ihr Herz begann zu rasen. Sie schob den Fuß unter der Bettdecke hervor und tastete nach dem Boden.

»Aua!«, schrie sie, als sie sich auf dem Weg zur Tür den Zeh an etwas Hartem stieß. »Mam!«

»Was ist los, Violet?«, meldete sich Dad mit verschlafener Stimme zu Wort.

Ein plötzliches Krachen ließ das Haus erzittern.

»Eugene!«, rief ihre Mutter. »Eugene, was ist passiert, geht es dir gut?«

Mit ausgestreckten Händen tappte Violet durch die Tür und bahnte sich einen Weg zum Schlafzimmer ihrer Eltern.

Sie stolperte hinein. »Mam, ich kann nichts sehen!«

»Ich auch nicht, Mäuschen«, antwortete ihr Vater merkwürdig gut gelaunt. »Kein Grund zur Panik, genau davor wurden wir ja schon gewarnt.«

»Aber nicht, dass es so schnell gehen würde!«, protestierte ihre Mutter.

»Kein Grund zur Panik«, wiederholte Violets Dad, auch wenn seine Stimme dabei in eine etwas höhere Tonlage rutschte. »Violet, komm her und steig zu deiner Mutter ins Bett. Ich gehe nach unten und versuche mal, ob ich die Archers erreiche. Sie wissen bestimmt, was jetzt zu tun ist.«

»Und wie soll das gehen, Eugene? Du kannst doch auch nichts sehen«, schluchzte ihre Mutter.

»Macht euch um mich mal keine Sorgen«, antwortete er und stieß prompt mit Violet zusammen, die gerade auf allen vieren über den Schlafzimmerteppich krabbelte.

»Pass auf, Dad!«, rief Violet. Damit verstieß sie zwar gegen ihr Schweigegelübde, aber es handelte sich nun mal um einen Notfall.

»Gute Idee, Mäuschen!«, sagte ihr Vater und ließ sich umständlich auf die Knie sinken. »Ich hole dann also mal Hilfe und bin gleich wieder zurück. Vertraut mir.«

Violets Vater krabbelte quer durchs Schlafzimmer und hinaus in den Flur.

Ihm vertrauen? Das konnte er sich abschminken. Er hatte ihnen den Schlamassel doch erst eingebrockt.

»Au!«, schrie Violet, als sie gegen das Bett ihrer Eltern knallte.

»Alles in Ordnung, Mäuschen?«, erkundigte sich ihre Mutter von oben.

Violet rieb sich die Stirn. Blut fühlte sie schon mal keins.

»Ja, ich glaub schon«, stöhnte sie und kletterte zu Rose ins Bett.

Die Matratze war noch warm und das Bettzeug roch nach Dad. Violet kuschelte sich eng an ihre Mam.

»Guten Morgen!«, rief eine Stimme von draußen zu ihnen herauf. »Ist es nicht ein wundervoller Tag, Familie Brown?«

»Mam, da draußen ist jemand.«

»Ich weiß, Mäuschen. Warte hier«, flüsterte ihre Mutter und stieg aus dem Bett.

Rose stolperte durchs Zimmer, dann ging das Fenster quietschend auf und kalte Luft strich kitzelnd über Violets Zehen, die unter der Bettdecke hervorlugten.

»Hallo?«, rief Rose.

»Oh, guten Morgen, Mrs Brown. Ich wollte nur mal nach Ihnen sehen und bei der Gelegenheit Eugene anbieten, ihn zur Arbeit zu fahren.«

»Ach, Sie sind das, Mr Archer«, seufzte ihre Mutter. »Sie schickt der Himmel. Ich fürchte, wir fühlen uns nicht so gut. Die Wirkung der Sonne hat früher eingesetzt als erwartet.«

»Herrje, wie bedauerlich. Aber es reagiert eben jeder etwas anders darauf und manchmal geht es doch schneller als gedacht. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir bringen das in null Komma nichts wieder in Ordnung.«

Einige Minuten später führte Mr Edward Archer – Violet war sich sicher, dass er es war, denn er war kaum größer als sie – Eugene, Rose und Violet behutsam aus dem Haus und zu seinem Auto.

»Auf zum Ocularium!«, rief er, als der Motor surrend zum Leben erwachte.

Violet wunderte sich, warum sie sich Fische ansehen sollten, wo sie doch so gut wie blind waren. Erst als sie ankamen und sie aus dem Augenwinkel einen verschwommenen Blick auf das Ladenschild erhaschte, verstand sie, dass Mr Archer »Ocularium« gesagt hatte und nicht »Aquarium«. Von ihrem Dad wusste sie, dass »okular« irgendwas mit Augen zu tun hatte. Das Ocularium war offenbar ein Brillengeschäft! Das ergab auch viel mehr Sinn. Sowohl das Wort als auch die seltsame Schreibweise passten zu Edwards Vorliebe für hochgestochene Ausdrücke.

Als Mr Archer sie am Arm fasste und ihr langsam aus dem Auto half, beschloss Violet, dass sie nie wieder blind sein wollte. Sie mochte es, sehen zu können. Schon jetzt vermisste sie die vielen Farben und sehnte sich nach allem, was blau oder lila oder orange war. Sogar braun wäre ihr lieber gewesen als dieses eintönige Schwarz.

»Mr Archer«, sagte sie, als ihr plötzlich etwas einfiel, »wir waren doch noch gar nicht in der Sonne. Wie kann es da sein, dass unsere Augen schon so schlecht geworden sind?«

»Die Sonne hat den ganzen Morgen durch dein Fenster geschienen, Liebes«, antwortete Edward Archer.

»Aber …«

»Manche Menschen reagieren sehr empfindlich darauf, Violet«, unterbrach er sie und drückte ihren Oberarm so fest, als wolle er ihn abschnüren.

Sie versuchte, sich ihm zu entwinden, stieß jedoch prompt mit dem Zeh gegen etwas Hartes.

»Aua!«, jaulte sie auf und hob ihren Fuß.

»Ach herrje, ich Dummerchen habe ganz vergessen, die Treppe zu erwähnen!« Edward Archer lockerte seinen Griff.

Sie klammerte sich an seinem Ellbogen fest und tastete sich vorsichtig die fünf breiten Stufen hinauf. Dann wurde das Schwarz plötzlich noch schwärzer und sie geriet ins Stolpern.

»Keine Sorge, Liebes, wir sind nur gerade reingegangen, dadurch hat sich das Licht ein wenig verändert«, sagte Edward lachend.

Violet lächelte so höflich wie möglich. Sie hatte sich ohnehin schon halb entschieden, aber durch sein Lachen war die Sache endgültig klar: Sie hasste Edward Archer fast genauso sehr wie seinen Bruder.

»Hier ist ein Stuhl. Komm, ich helfe dir, dich zu setzen«, verkündete er. Er nahm ihre Hände, sodass sie sich langsam rückwärts sinken lassen konnte.

Sie zuckte zusammen, als das kalte Leder ihre nackten Beine berührte. Schlagartig fiel ihr ein, dass sie immer noch ihren Sommerschlafanzug anhatte, den mit den vielen roten und rosafarbenen Herzchen drauf. Bei dem Gedanken daran wurden ihre Wangen ganz warm. Sie hatte ihrer Mam gesagt, dass sie zu alt für Herzchen war, aber Eltern hörten ja nie zu.

»Ich gehe eben deine Mutter und deinen Vater holen, Liebes«, rief Edward Archer ihr zu, während er sich bereits entfernte.

Stille legte sich über den Laden.

Manchmal mochte es Violet, wenn es ganz still war, aber nicht in diesem Moment. Wenn man blind war, hatte Stille etwas Beängstigendes. Sie schob die Hände unter die Oberschenkel und schlenkerte mit den Beinen, während sie krampfhaft versuchte, sich an ein fröhliches Lied zu erinnern.

Plötzlich hörte sie, wie schnelle Schritte den Laden durchquerten und eilig auf sie zukamen – was sie daran erkannte, dass sie immer lauter wurden. Sie drehte den Kopf in Richtung des Geräuschs.

»Ich muss mit deinem Dad reden«, flüsterte ihr jemand ins rechte Ohr.

»Wer ist da?«, fragte sie atemlos.

Schwerere Schritte kamen in den Laden. »Hab ich dich, du räudige Waise!«, keuchte eine andere Stimme.

Es folgte eine wilde Jagd. Jemand rannte hinter Violets Stuhl, hielt sich für einen Moment daran fest und kippte ihn dadurch beinahe um, dann stürmten die Schritte (die schweren wie auch die leichteren von davor) wieder nach draußen und verklangen in der Ferne.

»Wer ist da?«, rief sie noch einmal, während sie sich mit beiden Händen krampfhaft an den Armlehnen ihres Stuhls festkrallte.

»Violet, was machst du denn hier?«

Diese Stimme kannte sie. Sie gehörte George Archer.

»Jemand war hier im Laden! Und dann hat jemand anderes ihn gejagt!«

»Ach ja?«, erwiderte er. Er klang beunruhigt. »Hast du sie gesehen? Wie sahen sie aus?«

»Nein«, antwortete sie schnell. »Ich kann nichts sehen, aber ich hab sie gehört. Einer von ihnen hat mir was ins Ohr geflüstert!«

»Ach herrje«, sagte George Archer lachend, »du bist jetzt schon blind? Wenn man sein Augenlicht verliert, spielt einem das Gehör manchmal Streiche.«

»Nein, es war wirklich jemand hier. Ich hab mir das nicht bloß eingebildet, das schwöre ich«, beharrte Violet.

»Da war niemand«, widersprach George schroff. Damit war das Gespräch beendet.

Im Laden ertönten vertraute Stimmen.

»Mam, bist du das?« Violet lehnte sich aus ihrem Stuhl.

Jemand packte sie bei den Schultern und zog sie zurück.

»Hier gibt es jede Menge Glas, das zu Bruch gehen kann, Violet, Liebes«, knurrte George Archer hinter ihr.

»Violet, keine Angst, Mäuschen, wir sind ja hier«, erklang Dads beruhigende Stimme irgendwo links von ihr.

Sie wollte etwas erwidern, doch sie konnte nicht. Ihr Schweigen hing einen Moment lang in der Luft, dann ergriff Edward Archer das Wort. »Fangen wir mit dir an, Violet«, sagte er. Es klang, als stünde er direkt vor ihr. »Ich hoffe, die hier sitzt. Wenn nicht, können wir sie noch anpassen. Du hast einen ungewöhnlich großen Kopf für dein Alter.«

Violet zuckte zusammen und schloss die Augen, als ihr eine Brille recht unsanft auf die Nase geschoben wurde. Warme, verschwitzte Hände umfassten ihr Gesicht und rückten das Gestell zurecht. Die Bügel fühlten sich ziemlich klobig an und drückten hinter den Ohren.

»So«, meinte Edward schließlich, »dann erzähl uns doch mal, was du siehst.«

Violet hielt den Atem an. Was, wenn sie immer noch blind war? Langsam öffnete sie die Augen und schnappte nach Luft.

Farben füllten ihr Blickfeld: sattes Braun von den glänzenden dunklen Holzoberflächen an den Wänden, tiefes Rot von dem dicken Teppich unter ihren Füßen und leuchtendes Gold von den unzähligen Brillengestellen, die in den funkelnden Glasvitrinen auslagen. Es war das eleganteste Geschäft, das sie je gesehen hatte.

»Stimmt etwas nicht?«, erkundigte sich Edward.

»Nein, nein«, stammelte Violet, während sie sich umschaute. »Es ist nur … so was wie das hier hab ich noch nie gesehen. Das ist fantastisch!«

Die Brüder wechselten einen stolzen Blick.

»Wir geben unser Bestes«, antwortete Edward mit einem selbstgefälligen Grinsen.

Violet setzte sich wieder und beobachtete, wie die Zwillinge in den Vitrinen nach geeigneten Brillen für ihre Eltern suchten.

Die Gestelle waren alle gleich: rechteckig, mit einem schmalen Goldrand und rosafarbenen Gläsern. Nur die Bügelenden hinter den Ohren passten nicht so recht dazu. Sie waren breit, eckig und irgendwie klobig, ganz anders als die filigranen Gestelle. Violet rückte ihre Brille zurecht. Die Bügel drückten unangenehm gegen ihren Kopf.

»Lass schön brav die Finger davon«, knurrte George, als er sie ertappte, wie sie an ihrer Brille herumfummelte.

Violet setzte sich auf ihre Hände und sah eine Weile zu, wie die Archers um ihre Eltern herumschwirrten. Als sie sich sicher war, dass die Zwillinge nicht länger auf sie achteten, glitt sie leise von ihrem Stuhl und begann, sich umzusehen.

Alles in dem Geschäft glänzte und funkelte. In den goldenen Knäufen der Glasvitrinen, die die gesamte Wand vor ihr ausfüllten, konnte sie sogar ihr Spiegelbild erkennen. Edward Archer hockte mit dem Rücken zu ihr auf einer hohen Leiter, um eine Brille aus einem der oberen Fächer zu holen.

Links von ihr war eine holzverkleidete Wand. Violet bemerkte einen feinen Lichtstrahl, der durch einen Spalt im dunklen Holz fiel. Sie ging darauf zu und drückte sanft gegen das auf Hochglanz polierte Paneel. Es schwang auf und gab den Blick auf einen versteckten Raum frei.

Als sie eintrat, fand sie sich in einer Bibliothek wieder. Regale aus dunklem Holz, in denen sich ein Buch ans andere reihte, säumten die Wände. Die Bücher waren alt. Einige waren so abgegriffen, dass es unmöglich war, den Titel zu entziffern. Solche Bücher liebte ihr Dad. Er fand, sie erzählten nicht nur die Geschichte, die in ihnen stand, sondern auch die der Leute, denen sie vorher gehört hatten. Ihrer Mam zufolge bedeutete das bloß, dass sie gebraucht waren und komisch rochen.

Violet zog einige Bände heraus, erst Eine optische Illusion, dann Der blinde Taschenspieler und schließlich Die Seherin. Sie wollte gerade nach dem nächsten greifen, als hinter ihr eine Stimme ertönte.

»Denk nicht mal daran.«

Sie fuhr herum und erstarrte. Vor ihr stand George Archer.

»Hier in Perfect erwarten wir perfektes Betragen!«, blaffte er.

»Da bist du ja, George.« Edward Archers lächelndes Gesicht erschien in der Tür. »Wie ich sehe, hast du Violet gefunden. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, Liebes.«

Violet stürmte an Edward vorbei zurück in den Laden und suchte hinter dem Stuhl ihrer Mutter Schutz. Von dort beobachtete sie, wie die Brüder damit fortfuhren, ihren Eltern Brillen anzupassen.

Seltsamerweise wirkte Edward gar nicht mehr so klein wie vorher. Sein Kopf war nicht mehr so groß und seine Augen standen nicht länger hervor. George hatte sich ebenfalls verändert. Er schien nicht mehr ganz so absurd groß zu sein. Seine Augen passten zu seinem Gesicht und seine Arme und Beine waren viel weniger dürr und schlangenartig. Er konnte sogar stehen, ohne den Kopf schief zu legen. Für sich genommen waren es nur kleine Veränderungen, aber alle zusammen sorgten dafür, dass die Archers irgendwie weniger hässlich aussahen. Sie wirkten beinahe nett. Was allerdings nicht bedeutete, dass Violet anfing, sie zu mögen.

Ihre Eltern trugen nun auch Brillen mit goldenem Rahmen. Rose sah bezaubernd aus, aber sie war immer schon bildschön gewesen, das sagte jeder. Insgeheim hoffte Violet, dass über sie eines Tages auch so geredet werden würde. Ihr Dad sah ebenfalls toll aus – selbst sein Haar wirkte irgendwie voller. Die beiden waren das perfekte Paar, warum war ihr das zuvor nie aufgefallen?

»Violet«, sagte ihre Mam, als sie den Laden verließen, »diese Brille steht dir wirklich gut, Mäuschen. Du siehst wunderschön aus!«

Perfect machte sie offenbar alle ein wenig gefühlsduselig. Violet fiel trotzdem nicht darauf rein. Die Stadt hatte sie blind gemacht und das nahm sie ihr gewaltig übel. Und die Archers konnte sie auch nicht ausstehen, vor allem nicht George, der ständig mies gelaunt schien.

Auf den Stufen vor dem Laden nahm sie ihre Brille ab und blickte sich um. Um sie herum war alles dunkel und verschwommen. Kaum dass sie die Brille wieder aufsetzte, kehrte ihr Augenlicht zurück.

Sie probierte das Ganze noch mehrmals aus, immer mit demselben Ergebnis. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ohne ihre Brillen waren sie außerstande zu sehen. Das Gleiche musste demnach für sämtliche Einwohner der Stadt gelten. Wenn es nach Violet ging, war das alles andere als perfekt.

Kapitel 4

Die höchsten Söhne von Perfect

Die Archers hatten Violets Dad den Tag freigegeben, damit er sich ein wenig einleben konnte. Die kleine Familie beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und sich in der Stadt umzusehen.

Perfect erkundete man am besten zu Fuß, hatte Edward Archer erklärt, als er sie zu Hause abgesetzt hatte. Also taten sie genau das. Nachdem sie ihre Schlafanzüge gegen straßentauglichere Kleidung getauscht und ein schnelles Frühstück zu sich genommen hatten, machten sie sich auf den Weg. Violet lief vor ihren Eltern her die Auffahrt entlang. Nach einigen Schritten blieb Rose stehen und seufzte. »Ist es nicht herrlich, Eugene?«

Sie waren von Bergen umgeben. Im Vordergrund erhoben sich grüne Hügel und dahinter ragten blaue Gipfel in die Höhe. Perfect saß mittendrin, als hätte jemand mit einem überdimensionalen Löffel eine Kuhle in die Gebirgslandschaft geschabt, die gerade eben groß genug für das kleine Städtchen war. Ansonsten war weit und breit nichts zu sehen. Schon während der Anreise hatte Violet das dumpfe Gefühl verspürt, mitten ins tiefste Nichts zu fahren – jetzt wusste sie, wie recht sie damit gehabt hatte.

Schon nach wenigen Stunden hatte sie sich an ihre Brille gewöhnt. Es kam ihr beinahe vor, als hätte sie schon immer eine getragen. Alles wirkte gestochen scharf und die Aussicht war zugegebenermaßen doch ganz nett.

Ihr Haus befand sich am Rand der Stadt, am Ende einer Allee. Während sie die Straße entlangschlenderten, fiel Violet auf, dass die Bäume im exakt selben Abstand zueinander standen. Um sicherzugehen, maß sie nach, indem sie unterwegs die Schritte zählte.

Nach ein paar Minuten bogen sie nach links ab, in eine schmale Straße, die zum Stadtzentrum führte. An einem der Gebäude war hoch oben ein schwarzes Eisenschild mit der Aufschrift »Splendid Road« befestigt.

Links und rechts von ihnen reihte sich ein dreistöckiges, aus roten Ziegeln gemauertes Haus an das nächste. Die Straße führte geradewegs auf das Brillengeschäft der Archers zu, das ihnen wie ein Leuchtfeuer den Weg wies. Als sie darauf zugingen, bemerkte Violet, dass sämtliche Türen in der Straße schwarz gestrichen waren und auf jedem Fenstersims ein Blumenkasten stand.

Beim Anblick der Stufen vor dem Brillenladen musste Violet daran denken, wie sie sich dort erst vor wenigen Stunden schmerzhaft den Zeh angestoßen hatte. Nun konnte sie das Gebäude in seiner ganzen Pracht sehen. Über der dunkelblau gestrichenen Tür prangte in großen goldenen Lettern der Schriftzug: »Archers’ Ocularium«.

Links des Oculariums befand sich eine hohe Mauer, rechts davon erstreckte sich eine Straße zwischen zwei Häuserreihen, bei denen es sich um weitere Geschäfte zu handeln schien. Auch hier hing wieder ein schwarzes Eisenschild an der Wand und verkündete, dass dies die »Edward Street« war.

»Ist es nicht wundervoll, Violet?«, fragte ihr Vater lächelnd. »Ich liebe solche alten Städte. Sogar die Stadtmauer steht noch. Denk nur, welch lange Geschichte sich dahinter verbergen muss.«

Violet behielt ihr Schweigen bei. Geschichte war das Schulfach, das sie am allerwenigsten mochte. Darüber wollte sie nicht auch noch in ihrer Freizeit nachdenken.

Die Familie setzte ihren Weg durch die Edward Street fort.

Drei Häuser weiter kamen sie an Hatchets Familienmetzgerei vorbei. Ein Mann mit weißer Mütze, rot gestreifter Schürze und goldgeränderter Brille begrüßte sie herzlich. Er sprach sie mit Namen an, was seltsam war, weil sie ihm definitiv noch nicht begegnet waren.

»Es ist eben eine Kleinstadt, Rose, daran werden wir uns wohl oder übel gewöhnen müssen«, antwortete ihr Vater, als ihre Mutter ihn auf die Freundlichkeit der Bewohner ansprach.

»Oh, ich glaube, ich habe mich schon daran gewöhnt, Eugene. Ich fühle mich hier zu Hause, das ist genau das, was wir gesucht haben. Ich bin so froh, dass du uns hergebracht hast.«

Wie bitte? Ihrer Mutter hatte die Vorstellung, umziehen zu müssen, überhaupt nicht gefallen. Sie tue das nur der Familie zuliebe, hatte sie unzählige Male gesagt. Offenbar hatte sie ihre Meinung schnell geändert.

»Ich finde, wir haben die richtige Entscheidung getroffen, Eugene.« Lächelnd drückte sie die Hand ihres Mannes.

Violets Dad strahlte übers ganze Gesicht. Überschwänglich küsste er seine Frau auf die Stirn, während sie vor der Konditorei standen. Violet schämte sich in Grund und Boden.

Sie fand die Stadt seltsam. Es fing damit an, dass wirklich alle hier eine Brille trugen, noch dazu immer das gleiche rechteckige Modell mit Goldrand und rosaroten Gläsern. Die Straßen waren blitzsauber und ordentlich. Nirgends war auch nur ein Fitzelchen Abfall zu erkennen, nicht mal ein einzelnes Bonbonpapier. Auf keiner der schwarzen Bänke entlang der Bürgersteige klebte Kaugummi und an den Wänden fand sich kein noch so winziges Graffiti. Die Menschen waren allesamt schlank, und obwohl sie nicht unbedingt gleich aussahen, waren sie sich doch irgendwie ähnlich. Es war so eine Art Glanz oder Schimmer – irgendwie schien jeder hier regelrecht zu leuchten.

»Sie sind gesund, Violet«, erklärte ihr Vater, als sie ihre Eltern darauf hinwies. »Die Archers haben mir erzählt, dass Perfect als gesündeste Stadt der Welt gilt.«

Da war eindeutig etwas dran. Bis jetzt waren sie noch an keiner einzigen Frittenbude vorbeigekommen und dabei liebte Violet Fish ’n’ Chips. Das war Sonntagabend-Familientradition im Hause Brown. Im Stillen setzte sie auch diesen Punkt auf ihre Liste der Dinge, die gegen Perfect sprachen.

Während ihre Eltern sich angeregt mit einem weiteren Passanten unterhielten, der sie bereits beim Namen kannte, schlich Violet heimlich davon.

Sie kam am Rathaus vorbei, einem alten Gebäude, dessen Fassade vier steinerne Säulen zierten. Violet blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken, um den riesigen Uhrenturm besser sehen zu können, der auf dem Schrägdach des Rathauses prangte. Bestimmt hatte man von dort oben einen tollen Blick über die gesamte Stadt mitsamt den umliegenden Bergen.

Neben dem Rathaus stand das Teegeschäft der Archers. Es war in den gleichen Farben gehalten wie die inzwischen leere Packung Tee, die noch vom Vorabend auf dem Küchentisch lag: dunkelblau mit goldener Schrift.

Ein Stück weiter zweigte eine Straße nach links ab. Hoch oben an der Häuserwand hing wieder eines dieser schwarzen Eisenschilder, diesmal mit der Aufschrift: »Archers’ Avenue«.

Violet bog von der Edward Street ab und folgte dem makellos sauberen Kopfsteinpflaster der Archers’ Avenue. Auf der rechten Straßenseite standen zweistöckige Wohnhäuser, auf der linken gab es einen engen, beinahe versteckten Durchgang entlang der Rückseite der Geschäfte, die auf die Edward Street hinausgingen.

Der Durchgang lag im Schatten der Geschäfte links und einer hohen Mauer rechts. Er war dunkel und nicht sonderlich einladend, ganz anders als alles, was Violet bisher in Perfect gesehen hatte. Ein Schild verkündete, dass es sich um die »Rag Lane« handelte. Lumpengasse. Das passte.

Etwas daran zog sie geradezu magisch an.

Mit einem Anflug von Nervosität folgte sie dem schmalen Durchgang, wobei sie in regelmäßigen Abständen innehielt und sich umsah, um sicherzustellen, dass niemand sie aus dem Dunkeln beobachtete. Bald schlug ihr das Herz bis zum Hals, doch sie lief entschlossen weiter. Das hier war der einzige Teil der Stadt, der nicht ganz so perfekt war. Nach einer Weile ging es leicht bergab. Im nächsten Moment machte der Durchgang einen Knick nach rechts und Violet fand sich in einer Sackgasse wieder.

Als sie sich umdrehte, stellte sie fest, dass sie vor der Rückseite des Rathauses stand. Die Glasfenster des Uhrenturms ragten hoch über ihr auf.

Violet kehrte zum Beginn des Durchgangs zurück. Statt nach rechts in Richtung Edward Street zu biegen, folgte sie der Mauer zu ihrer Linken. Sie wollte erst noch ein bisschen die Archers’ Avenue erkunden.

An einem der Wohnhäuser auf der rechten Straßenseite hing ein weiteres schwarzes Eisenschild. Violet überquerte das Kopfsteinpflaster, um zu lesen, was darauf stand.

Geburtshaus der ehrenwerten Herren George und Edward Archer, der höchsten Söhne von Perfect.

Darüber war noch etwas eingeritzt worden. Es war kaum zu erkennen, doch mit ein wenig Mühe konnte Violet gerade eben die Worte »und William« in krakeliger Kratzschrift ausmachen.

Damit mussten die Archers gemeint sein, die sie bereits kannte. Aber wer um alles in der Welt war William?

Neugierig lugte sie durch das Fenster neben ihr, um einen Blick auf den Ort zu erhaschen, an dem die Archers geboren worden waren. Als ihre Nase die Scheibe streifte, kam ihr aus der Dunkelheit auf der anderen Seite plötzlich ein Gesicht entgegen.

Es gehörte einer alten Frau, deren Haut so straff saß, dass ihr die blauen Augen regelrecht aus dem Kopf zu springen schienen. Ihr weißes Haar war zwar nicht direkt ungepflegt, aber auch nicht gerade ordentlich. Es sah aus, als mochte sie es genauso wenig, sich zu kämmen, wie Violet. Ihre Lippen verzogen sich zu einem fratzenhaften Grinsen, wodurch eine ganze Reihe von Zahnlücken zum Vorschein kam. Doch da war noch etwas anderes an ihr, etwas, das Violet nicht richtig benennen konnte.

Erschrocken drehte Violet sich um und rannte zur Edward Street zurück. In ihrer Hast stolperte sie über einen offenen Schnürsenkel und verlor ihre Brille. Während sie auf die Knie ging, um das Kopfsteinpflaster abzutasten, hallte Gelächter von den Wänden wider. Es war das gleiche unheimliche Lachen, das sie am Vorabend in der Auffahrt gehört hatte.

Endlich fand sie ihre Brille wieder. Mit fliegenden Fingern setzte Violet sie auf und sprintete zurück zu den Geschäften. Sie entdeckte ihre Eltern vor dem Teeladen der Archers.

»Ach, da bist du ja, Violet«, empfing ihre Mutter sie lächelnd. »Was meinst du, gönnen wir uns ein Kännchen Tee?«

Violet nickte, noch ganz außer Atem.

Ihre Mutter schob die Ladentür auf. Im Inneren des Geschäfts bimmelte ein Glöckchen.

An der Wand hinter dem Verkaufstresen erstreckten sich mehrere Regale aus dunklem Holz, in denen fein säuberlich die dunkelblauen Teepäckchen mit der goldenen Schrift und dem Porträt der Archer-Zwillinge aufgereiht waren. Von den Deckenbalken hingen Teetassen, Teesiebe und Teekannen, ebenfalls in Dunkelblau und Gold gehalten, und auf den Tischen ringsum standen wunderschöne aufgeklappte Teekisten.

»Sucht euch schon mal einen Platz am Fenster«, sagte Violets Mutter, während sie zur Theke ging.

Violet und ihr Vater setzten sich an einen Tisch mit Blick auf die malerische Geschäftsstraße. Um die unbehagliche Stille zu übertünchen, tat Violet so, als wäre sie ganz vertieft darin, die Leute draußen vor dem Fenster zu beobachten.

Schließlich kam Rose mit einem Tablett in der einen und einer reich verzierten Teekiste in der anderen dazu.

»Wofür ist die, Mam?«, fragte Violet, während sie die Kiste in Augenschein nahm.

»Die ist für den Teemann, Violet. Die Frau hinter der Theke meinte, fast alle hier in Perfect haben so eine. Man stellt sie vor die Haustür und der Teemann füllt sie jeden Morgen auf. Ist das nicht wundervoll? Der Tee wird täglich frisch geliefert, genau wie die Archers gesagt haben. Kein Wunder, dass er so aromatisch ist. Die Leute sind alle so nett. Und hier einzukaufen ist auch überhaupt nicht teuer.« Lächelnd klopfte Rose auf ihre Tasche.

Eugene hatte nicht zugehört und schaute geistesabwesend weiter aus dem Fenster, während Rose anfing, den Tee auszuschenken.

»Mam«, begann Violet.

»Ja, Mäuschen?«

»Als ich da drüben in der Straße war«, sie zeigte in die ungefähre Richtung, »ist mir die Brille runtergefallen und ich habe gehört, wie mich jemand ausgelacht hat. Das gleiche Lachen habe ich auch gestern bei unserer Ankunft schon gehört. Ich glaube, jemand verfolgt mich.«

»Violet.« Lächelnd legte Rose einen Arm um ihre Tochter.

»Ja, Mam?«

»Du weißt doch, dass deine Fantasie manchmal mit dir durchgeht, Mäuschen. In dem Punkt bist du genau wie dein Vater.« Mit einem Nicken deutete Rose auf Eugene, der immer noch tagträumend aus dem Fenster sah.

»Aber Mam, ich habe wirklich jemanden gehört! Was, wenn es ein Geist oder ein Monster oder so was war? Ich glaube, ich mag diese Stadt nicht.«

Rose lachte. »Du ziehst immer gleich die verrücktesten Schlüsse. Mach dir keine Sorgen, Violet. Was kann an einem wunderschönen Ort wie diesem schon passieren?«

Sie küsste Violet auf die Stirn und strubbelte ihr Haar.

»Jetzt trink deinen Tee, Mäuschen!«, sagte sie mit einem warmen Lächeln.

Violet tat wie geheißen, während sie versuchte, die Erinnerung an die Stimme abzuschütteln. Warum hörte ihre Mam ihr nie zu? Was, wenn es wirklich ein Geist oder so was war? Sie blickte aus dem Fenster, wo die perfekten Einwohner von Perfect ihren Erledigungen nachgingen, und nahm einen Schluck von ihrem Tee. Himmlisches Vanillearoma streichelte ihre Zunge und im nächsten Moment waren all ihre Sorgen vergessen. Vielleicht war Tee ja tatsächlich die Antwort auf alles.

Kapitel 5

Träume voller Geisterjungen

Gerade einmal zwei Wochen nach ihrem Umzug waren die Sommerferien vorbei. Die Vorstellung, auf eine neue Schule gehen und neue Freunde finden zu müssen, behagte Violet gar nicht. Sie hatte bereits versucht, sich mit einigen Kindern hier anzufreunden, jedoch ohne Erfolg.

Ihre Mutter hingegen schien sich mehr und mehr in Perfect einzuleben. Sie hatte Violet zu einem Treffen ihres Buchclubs mitgenommen, um sie mit den Kindern ihrer Freundinnen bekannt zu machen, die ihren eigenen kleinen Buchclub hatten.

Bei Tee und selbst gebackenem Kuchen besprachen die Kinder James und der Riesenpfirsich von Roald Dahl. Violet hatte das Buch nicht gelesen, mochte aber seine anderen Geschichten wie Der fantastische Mr Fox oder Sophiechen und der Riese.

»Tut mir leid, aber wenn du James und der Riesenpfirsich nicht gelesen hast, kannst du an unserer Besprechung nicht teilnehmen, Violet«, verkündete eines der Kinder.

Den Rest des Abends saß Violet schweigend da und hörte sich an, wie die anderen über Tante Schwamm diskutierten. Am Ende verließ sie die Veranstaltung wütend und mit hochrotem Kopf.

»Und, wie fandest du es, Violet?«, erkundigte sich ihre Mutter, als sie nach Hause liefen.

»Furchtbar, Mam«, antwortete Violet. »Ich durfte kein Wort sagen.«

»Natürlich nicht, Violet, du hattest das Buch ja nicht gelesen!« Ihre Mutter seufzte. »Aber war der Abend denn wenigstens schön? Fandest du sie nicht auch sehr nett?«

»Zu nett!«, schimpfte Violet. Die anderen Kinder hatten die ganze Zeit nur gelächelt und brav alles getan, was die Erwachsenen ihnen aufgetragen hatten.