Eine Novelle ist eine kürzere Erzählung in Prosaform, deren Gattung sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen lässt.

Manchmal besitzt sie ein Leitmotiv. Nicht selten wird in ihr ein Konflikt zwischen Chaos und Ordnung beschrieben, was häufig zu einem Normenbruch und Einmaligkeit führt. Als wesentliches Merkmal dient auch ein „seltsames, unerhörtes Ereignis” (Goethe), das mitunter zum Wendepunkt der Handlung wird. Und oft kommt dem Zufall eine zentrale Bedeutung zu oder er ist ein konstituierendes Element.

Ähnlichkeiten mit toten oder lebenden Personen sind in dieser „Novelle mit Jim Morrison” rein zufällig.

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ISBN 978-3-7526-9426-0

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INHALT

Für Stefan „der Doktor“ Schmitz

»Das Alte freizugeben
bedeutet, dass das Neue
geboren werden kann.«

Jack Kornfield

INTRO

BREAK ON THROUGH (TO THE OTHER SIDE)

Das Gerücht, Jim Morrison habe seinen Tod in Paris nur vorgetäuscht, zählt zweifellos zu den größten Mythen der Rock-Geschichte. Der Sänger der Doors war kaum auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beerdigt worden, da wurde er angeblich auch schon in San Francisco, Oregon oder Australien gesichtet. Ray Manzarek spekulierte in seiner Autobiografie Light My Fire, er würde auf den Seychellen leben. Und im Internet kursieren allerlei Verschwörungstheorien und Urban Legends, die ebenfalls davon ausgehen, dass der Lizard King noch lebt.

Seltsamerweise ist aber nie jemand diesen Gerüchten nachgegangen, und auch ich hielt sie nur für puren Nonsense, den sich ein paar Fans ausgedacht hatten, um den Mythos der Doors am Leben zu erhalten – oder den ihre Plattenfirma lancierte, damit sich die Alben der Doors auch weiterhin so gut verkauften wie zu Jim Morrisons Lebzeiten.

Erst als Samuel Hieronymus Hellborn mich als Ghostwriter seiner Memoiren eines Rockstar-Mörders anheuerte, wurde mir jedoch klar, dass es sich nicht nur um eine drogenvernebelte Fantasie handelte, die von irgendwelchen Kiffern in die Welt gesetzt worden war. Hellborn versicherte mir glaubhaft, dass er Morrison geholfen habe, seinen eigenen Tod vorzutäuschen, um all dem Druck zu entgehen, der auf ihm lastete, seit die Doors zu einer der größten Rock-Bands der Geschichte avanciert waren und er sich in Miami wegen der angeblichen Entblößung seiner Genitalien vor Gericht verantworten musste. Als Beweis gab er mir ein paar Weihnachtskarten zu lesen, die er jedes Jahr von ihm erhielt und die ich sogar einem graphologischen Gutachter vorlegte, der zweifelsfrei Jims Handschrift darauf erkannte. Wie genau sie Morrisons Tod vorgetäuscht hatten, verriet Hellborn indes nicht, das überließ er Morrison selbst. Nachdem Hellborn auf dem Weg von Dakar nach Cotonou mit einem Flugzeug der Senegal Air vor der westafrikanischen Atlantikküste abgestürzt war, erzählte mir seine Tochter Maybellene, dass er sich auf dem Weg zu Jim Morrison befunden habe, der sich wohl einer Voodoo-Sekte am Todesfluss von Benin angeschlossen hatte. Neugierig geworden und in Erwartung einer richtig großen Story, die um die Welt gehen würde, begab ich mich daraufhin auf Spurensuche.

Samuel Hieronymus Hellborn hatte im Peace Frog in Dakar logiert, bevor er sich auf den Weg zu Jim Morrison machte und über dem Atlantik abstürzte. Und so war dieses recht elegante und moderne Guesthouse, das nach einem Song der Doors benannt worden war, meine erste Station. Dort traf ich Aminata Zenaga, die mit Morrison nach seiner Flucht aus Paris zusammen war und mir ein Moleskine zeigte, das er bei seiner überstürzten Abreise zurückgelassen hatte.

Ich würde aber lügen, wenn ich behauptete, ich sei bei meiner Suche nach Jim Morrison streng methodisch vorgegangen oder hätte alles penibel recherchiert. Nur allzu oft kam mir der Zufall zuhilfe.

So erfuhr ich vom Walkabout, den Jim Morrison 1976 mit dem Mungo Man unternommen hatte, eher beiläufig von einem alten Freund, der nach Australien ausgewandert war und sich dort als Barkeeper durchschlug. Als mir Swami Nisvana von seiner Zeit mit Jim in Bhagwans Ashram in Poona erzählte, hatte ihm eine Tüte feinsten organischen Grases die Zunge gelöst. Und dass mir Morrisons Stasi-Akte zugespielt wurde, die anlässlich eines Auftritts der Gruppe Die Türen im Gothaer „Klubhaus der Jugend” angelegt worden war, verdankte ich wiederum wohl meinem Antrag auf Einsicht in eine ganz andere Akte, in die von Rio Reiser und Ton Steine Scherben.

Die Erinnerungen all jener Zeitgenossen, die Jim Morrison nach seinem „Tod” in Paris begegnet sind oder eine Zeit lang mit ihm zusammengelebt haben, wurden von mir zeitlich so sortiert, dass man nachverfolgen kann, wo er sich wann aufgehalten hat. Größtenteils habe ich sie so wiedergegeben, wie sie mir geschildert wurden.

Jim Morrison selbst habe ich zwar leider nie persönlich getroffen, aber Mr Mojo Risin‘ enthüllt hier erstmals, was in jener Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1971 geschah, in der er angeblich gestorben ist.

I

ZUPFT ALLE EURE KORAS,
SCHLAGT DIE MARIMBAS,
DER ROTE LÖWE HAT GEBRÜLLT!

EINE AFRIKANISCHE ROMANZE

Keur Moussa, Senegal, 1971

Angewidert musterte Frère Dominique Catta, der Abt der Benediktinerabtei Keur Moussa, die verfilzten Haare des Neuankömmlings, sein vom Alkohol aufgedunsenes Gesicht und seine Klamotten, die er schon seit Tagen nicht mehr gewechselt hatte. Frère Dominique hatte offenbar noch nie von den Doors gehört und keinen Schimmer, wer da Aufnahme in sein Kloster begehrte. Für ihn war Jim Morrison nur ein Sünder wie jeder andere auch, der in seiner Abtei, 50 Kilometer von Dakar entfernt, Zuflucht suchte. Doch er ahnte wohl, dass es mit ihm nur Ärger geben würde, weshalb er ihn recht abweisend begrüßte und ihm erst einmal eine Predigt hielt: „Wir leben hier nach den Vorschriften unseres Ordensgründers Benedikt von Nursia. Die wichtigsten sind der Verzicht auf Eigentum, Stille, Demut, Keuschheit und Gehorsam. Jeder, der hier lebt, hat etwas zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen und muss in der Küche oder im Klostergarten arbeiten.” Oder so ähnlich.

Eine primitive Hütte, die weder fließendes Wasser noch Strom oder elektrisches Licht hatte, war in den nächsten Monaten sein neues Zuhause, wo er unerkannt von den Benediktinermönchen und den Einheimischen, die noch nie von ihm oder den Doors gehört hatten, unterschlüpfen konnte. In seiner Zelle gab es nur eine harte Pritsche, ein Schränkchen und einen kleinen Tisch, doch der fehlende Komfort machte ihm nichts aus, schließlich hatte er auch schon in Venice am Strand geschlafen oder bei Bekannten auf einer Couch übernachtet.

Als er in Keur Moussa ankam, nannte er sich James Douglas und besaß nur das, was er am Leib trug. Er sah bei weitem nicht mehr so gut aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte, weshalb ich ihn wohl auch nicht gleich wiedererkannte, und er ließ die Predigt, die Frère Dominique ihm hielt, klaglos über sich ergehen. Selbst als der Pater seine Tasche inspizierte, eine nur noch halbvolle Flasche Tequila zu Tage förderte und damit den knochentrockenen Boden vor der Abtei sprenkelte, sagte er nichts, obwohl man ihm ansah, dass er schwer alkoholsüchtig war. Erstarrt wie eine Antilope, die in der Savanne plötzlich einem Löwen gegenübersteht, befolgte er in den nächsten Wochen alles, was Frère Dominique ihm auftrug oder anordnete. Er ließ sich sogar den Bart abrasieren und den Kopf kahlscheren wie einen Pfirsich, sodass er viel älter aussah.

Saint Louis, Senegal, 2016

Die Nacht war angebrochen und auf der Terrasse des Hotel de Poste, einer recht noblen Herberge aus der Kolonialzeit mit guter Sicht auf das quirlige Treiben in den Gassen von Saint Louis, war es recht frisch geworden. Aminata Zenaga warf sich ein Tuch über, unterbrach ihre Erinnerungen an Jim Morrison, mit dem sie nach dessen Tod ein Jahr lang im Senegal zusammengelebt hatte, und klärte mich auf: „Die frühen Abendstunden werden von den Einheimischen Takussan genannt, weil die Farben und Kontraste von Saint Louis im Licht der tiefer stehenden Sonne besonders imposant zutage treten. Genießen Sie noch etwas den Anblick. Ich werde mich nun zurückziehen. Wir sehen uns dann morgen beim Frühstück.”

Das Restaurant des Hotels, wo wir Chicken Yassa, Huhn in einer Limonen-Senf-Sauce, gegessen hatten, bot einen wunderbaren Ausblick auf die Pont Faidherbe und die Mündung des Senegalflusses. Hier hatte Frankreich im 17. Jahrhundert seinen ersten befestigten Handelsstützpunkt errichtet, wie es in meinem Reiseführer hieß, und aus einem Sandhaufen einen Umschlagplatz für die in Europa begehrten afrikanischen Rohstoffe gemacht, vor allem Salz und Erdnüsse – und natürlich auch Sklaven.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Saint Louis die Hauptstadt von Französisch-Westafrika gewesen und bis 1957 die des Senegal und von Mauretanien. Mit der einstigen Pracht und Herrlichkeit war es allerdings schon längst vorbei. Dakar hatte der Metropole der Kolonialzeit längst den Rang abgelaufen, und Saint Louis hatte rasch an Bedeutung verloren.

In der Altstadt schien die Zeit aber stehen geblieben zu sein. An den alten Kolonialbauten mit ihren Innenhöfen bröckelte der Putz, und die Farben der Häuser waren größtenteils verblasst. Doch die Stadt besaß noch immer einen besonderen Charme, zeugte vom Savoir Vivre einer längst vergangenen Epoche und erinnerte mich an das French Quarter von New Orleans. Sogar Croissants gab es hier, sodass man sich wie in Paris fühlen konnte.

Nachdem Aminata Zenaga zu Bett gegangen war, nahm ich noch einen Absacker in der Bar, die sich zugute hielt, dass sich hier auch schon Jean Mermoz betrunken hatte, der französische Charles Lindbergh, bevor er als Erster von Afrika aus nach Südamerika geflogen war. Auf einer der zahlreichen Fotografien von ihm, die die Wände säumten, hatte er auf einem der Hocker gesessen, wie nach ihm Jim Morrison und meine Wenigkeit, wahrscheinlich ebenso berauscht wie ich von dem Flagbier, das ich mir bestellte.

Ich fragte mich, wie es Jim hier wohl ergangen war, nachdem er seinen Tod vorgetäuscht hatte, und notierte mir ein paar Fragen, die ich Aminata am nächsten Tag stellen wollte.

Nachdem ich bereits zwei Tage in ihrem Guesthouse in Dakar, dem Peace Frog, logiert und mich nach Jim Morrison erkundigt hatte, war sie zunächst sehr verschlossen gewesen. Die Wahl des Namens für ihr geschmackvoll eingerichtetes Maison d’Hote in Ngor-Almadies, einem sicheren Viertel der Hauptstadt des Senegal, hatte sie damit erklärt, dass sie in jungen Jahren in Paris gelebt und dieser Song der Doors ihr schon immer sehr gefallen habe. Erst als ich erwähnte, dass ich Samuel Hieronymus Hellborn, der vor seinem Tod bei ihr abgestiegen war, gekannt hatte, und ihr ein Exemplar seiner Memoiren eines Rockstar-Mörders überreichte, war die nun 72-Jährige aufgetaut und hatte sich angehört, warum ich Jim Morrison suchte. In dieser Autobiografie hatte Hellborn behauptet, ihm geholfen zu haben, seinen Tod vorzutäuschen, um einem Gerichtsprozess wegen öffentlicher Entblößung zu entgehen und weil er es leid war, die Erwartungen seiner Fans und seiner Plattenfirma zu erfüllen.

Hellborn war achtzehn Monate nach Morrisons Tod in Paris völlig überraschend in Keur Moussa aufgetaucht und offenbar ebenso der Anmut und Schönheit Aminata Zenagas erlegen wie zuvor Morrison. Er hatte sich auf die Suche nach Jim begeben, nachdem der sich nicht wie vereinbart bei ihm gemeldet hatte, und gehofft, ihn in dem Benedektinerkloster anzutreffen, doch sie war ebenso ratlos gewesen wie er, warum und wohin er verschwunden war. Bis zu seinem Tod 2015 hatte Hellborn sie immer wieder sporadisch im Senegal besucht, ihr einen Job im Goethe-Institut in Dakar vermittelt, erst als Schreibkraft, später als Sekretärin des Institutsleiters und schließlich als Abteilungsleiterin für kulturelle Veranstaltungen, und nach der Schließung des Instituts hatte er ihr finanziell und mit seinem Rat bei der Gründung des Peace Frog geholfen, das sehr modern eingerichtet war. Die Himmelbetten und Sitzmöbel waren aus geschweißten Stahlrohren gefertigt, an der Wand eines jeden Zimmers hingen Flachbildfernseher, und die Bauweise könnte man als kubistisch bezeichnen. Allein die Korbstühle aus einheimischen Rattanpalmen, geschnitzte Skulpturen und ein Vogelkäfig im Foyer dieses ausgesprochen sauberen, fast schon sterilen Etablissements deuteten darauf hin, dass man sich in Afrika befand.

Jedes Mal, wenn er eine Weihnachtskarte von Morrison erhielt, hatte Hellborn meine Gastgeberin angerufen, um ihr mitzuteilen, in welchem Land sie abgeschickt worden war, doch sie selbst hatte nie wieder etwas von ihrer großen Liebe gehört – bis zu jenem Tag im September 2015, als sie zufällig von einem ihrer Gäste erfuhr, dass in Benin ein Amerikaner lebte, der sich als Jim Morrison ausgab. Jener Gast hatte ihn angeblich bei einer Voodoo-Zeremonie am Fidjrosse Beach von Cotonou kennengelernt, an der Mündung des sogenannten Todesflusses. Hellborn hatte daraufhin den nächsten Flug nach Dakar genommen und sie besucht. Tja, und dann war er auf dem Weg zu Morrison vor der Küste von Benin mit einer kleinen Passagiermaschine der Senegal Air abgestürzt. Obwohl seine Leiche nie gefunden wurde, gilt er offiziell als tot.

Als Aminata Zenaga mir das erzählte, war ihr eine Träne über ihr immer noch außergewöhnlich graziles Gesicht gelaufen, und sie war sichtlich erschüttert gewesen. Doch dann hatte sie sich gefasst und vorgeschlagen, mir die Orte zu zeigen, an denen Jim Morrison im Senegal gelebt hatte, und so waren wir ein paar Tage später nach Keur Moussa und Saint Louis aufgebrochen.

***

Aminata Zenaga war erst ein paar Monate bevor Jim Morrison aus Paris geflohen war, in den Senegal zurückgekehrt, nachdem sie achtzehn Jahre lang in den Banlieus von Paris gelebt hatte, und auch sie hatte zunächst nicht gewusst, wer dieser Fremde war, als der aus dem Überlandbus stieg, der Dakar, die Hauptstadt, mit Keur Moussa verband. Sein Lächeln war ihr irgendwie bekannt vorgekommen, doch es war ihr erst zwei Wochen später eingefallen, wo sie ihn schon mal gesehen hatte – auf einem Plakat an einer Hauswand in Montmartre, wo sie in Paris immer anschaffen gegangen war. Ein ums andere Mal hatte sie gehofft, dass ein solch gutaussehender Freier sie mal ansprechen, zu sich nachhause nehmen und sie von ihrem Elend erlösen würde. Denn die Touristen, die geil auf sie waren und noch nie mit einer Schwarzen gefickt hatten, waren oft fett und rosa wie Hausschweine und hatten ständig versucht, ihren Preis zu drücken oder sie übers Ohr zu hauen. Und die Flics hatten sie nur in Ruhe gelassen, wenn sie ihnen einen umsonst blies oder es ihnen im Streifenwagen mit der Hand besorgte. Aber wehe, sie befleckte ihre Uniform! Dann schlugen sie ihr so hart ins Gesicht, dass sie sich drei Wochen lang von niemandem mehr anfassen lassen konnte.

Jims Lächeln hatte ihr damals das Leben gerettet. Jedes Mal, wenn sie sich das Sperma ihrer Freier aus dem Mund gespült und wieder ihren Platz auf dem Boulevard de Clichy eingenommen hatte, hatte sie zu ihm rüber geschaut und sich damit getröstet, dass es auch noch andere Weiße gäbe. Welche, die sie wie einen Menschen behandelten und nicht wie ein Stück Dreck oder eine Wilde, die es zu zähmen galt. Doch mit der Zeit verwitterte sein Plakat immer mehr und verblasste ebenso wie ihre Träume, und als sie Paris schließlich verließ und in ihre Heimat zurückkehrte, flatterten nur noch ein paar Fetzen davon im Wind.

***

Am nächsten Tag erkundeten wir die nähere Umgebung unseres Domizils und warfen einen Blick in die Innenhöfe der zur Straße geschlossenen Häuser, die typisch für die Architektur der Kolonialzeit und oft so groß waren, dass sogar Bäume darin wuchsen und Schatten spendeten. Ich hätte mir keine bessere Reiseführerin wünschen können, denn Aminata zeigte mir eindrucksvolle steinerne Treppenaufgänge, wie man sie aus Paris kennt, und die ehemaligen Regierungsgebäude und die Rognard-Kaserne am Place de Faidherbe, dem zentralen Platz der Stadt, von dem aus man sowohl in den Nord- als auch den Südteil von Saint Louis gelangt. Im Süden, belehrte sie mich, hatten sich einst die Europäer zuerst angesiedelt. Dort träumte man offenbar noch immer von der kolonialen Vergangenheit, in der französische Seeleute und Sklavenhändler sich einheimische Schönheiten zur Frau genommen und mit ihnen eine sehr sinnliche Mischlingsaristokratie hervorgebracht hatten.

Unterwegs erzählte sie mir, wie sie Jim Morrison kennengelernt hatte.

Keur Moussa, 1971

Ich besuchte damals jeden Sonntag die Messe des Klosters und setzte mich anschließend meistens unter den mächtigen Baobab am Eingang zu der Abtei, um mich etwas auszuruhen und den Göttern zu danken, dass sie auch heute wieder ihre schützende Hand über mich gehalten hatten. Dieser Affenbrotbaum hatte einen Umfang von gut zehn Metern und seine Früchte und Rinde dienen im Senegal schon seit jeher der Heilung von Krankheiten und bewahren uns vor bösen Geistern. Der Legende nach waren die Götter einst aber so erzürnt über die frevelhaften Menschen gewesen, dass sie den Baum ausgerissen und verkehrt herum wieder ins Erdreich gesteckt hatten, sodass seine Äste nun wie Wurzeln aussehen, die in den Himmel ragen.

Eines Tages, die Regenzeit war bereits angebrochen, setzte sich der Neuankömmling plötzlich neben mich und stellte sich vor: „Hi, I‘m Jim.”

„Salut”, stammelte ich überrascht. „Je suis Animata.”

Schweigend betrachteten wir die Sterne am Himmel, die ich in Paris so vermisst hatte, weil es dort selbst nachts so hell war, dass sie nicht leuchteten. Dann wandte er sich mir zu und fragte in gebrochenem Französisch: „Tu parle french?”

„Bien sur. Mais je parle aussi Anglais. Un petit peu.”

Ich konnte nicht sonderlich gut Englisch, nur ein paar Brocken, die ich in der Schule gelernt oder auf den Straßen von Paris aufgeschnappt hatte, aber immerhin konnten wir uns wenigstens etwas verständigen. Jim fragte mich, ob ich schon immer hier gelebt hätte, und ich erzählte ihm, dass ich erst vor ein paar Monaten aus Paris zurückgekommen sei, verschwieg aber, was ich dort zuletzt getan hatte.

Alkohol war in der Abtei strikt verboten und Frère Dominique achtete sehr streng darauf, dass das Verbot auch eingehalten wurde. Deshalb fragte Jim mich, ob ich ihm nicht ein Flagbier aus dem Dorf mitbringen könne, in dem ich seit meiner Rückkehr zusammen mit meiner Mutter und meiner Großmutter in einer spartanisch eingerichteten Hütte lebte. Ich war seine einzige Verbindung zur Außenwelt.

In dieser Nacht träumte ich von ihm. Sein richtiger Name war mir auf dem Heimweg wieder eingefallen, als das Plakat, das ich am Montmartre gesehen hatte, plötzlich vor mir aufgeblitzt war wie ein Flashback. Sooft hatte ich in Paris gehofft, er würde aus dem Plakat herabsteigen und sich meiner erbarmen, dass ich keinen Schlaf fand und mich hin und her wälzte, bis mein T-Shirt ganz nass war von meinem Schweiß. Und dann traf ich ihn ausgerechnet hier wieder, im Senegal, im Haus Mose. Die Welt ist manchmal schon sehr klein.

Als ich am nächsten Morgen für meinen Onkel Yékini ein paar Waren zur Abtei bringen musste und unter dem Baobab erst mal verschnaufte, begrüßte er mich überraschend gut gelaunt, so als hätten wir uns auf den Champs Elysées zu einem Rendezvous getroffen oder um einen Grand Café au lait zu trinken.

„Haben Sie gut geschlafen, Madame?”

„Non. Ich konnte nicht einschlafen, weil der rote Löwe so laut gebrüllt hat.”

„Der rote Löwe?” Jim runzelte die Stirn und sah mich fragend an.

„Oui, oui, so wie in unserer Nationalhymne.”

Ich sang ihm ein paar Zeilen vor: „Pincez tous vos koras, frappez les balafons, le lion rouge a rugi – Zupft alle eure Koras, schlagt die Marimbas, der rote Löwe hat gebrüllt.”

Jim war daraufhin wie verwandelt und offenbar höchst beeindruckt: „Das klingt ja sehr poetisch.”

Ich musste unwillkürlich kichern, weil ihn das so verwunderte. „Es ist ja auch ein Gedicht. Unser Präsident hat es geschrieben.”

„Euer Präsident schreibt Gedichte?”

„Ja, denn er ist auch ein großer Dichter. Manchmal sieht man ihn am Strand von Saint Louis, wenn er Tee trinkt und auf Baumrinden Gedichte schreibt.”

„Das wusste ich nicht. Ein Präsident, der Poeme verfasst – das wäre bei mir zu Hause nicht möglich. Oder ...”, er dachte laut nach, „vielleicht wären wir ja nie in Vietnam einmarschiert, wenn der verdammte JFK auch Gedichte geschrieben hätte.”

„Du warst in Vietnam?”

„Nein, aber mein Vater ist dort. Und das werde ich ihm nie verzeihen.”

Ich wollte ihn gerade fragen, was sein Vater dort mache, als Frère Dominique, der sich uns unbemerkt genähert hatte, unsere Konversation unterbrach: „Wie ich sehe, hast du unsere Aminata schon kennengelernt. Dann kannst du ja ihre Waren entgegennehmen und sie ins Kloster schaffen.” Der Pater ahnte offenbar nicht im Geringsten, welchen Gefallen er mir damit tat.

Zu Mittag gab es Thieboudienne, ein Gericht aus Gemüse, Fisch und in Tomatensoße gekochtem Reis aus der Casamance. Jim musste beim Schnibbeln helfen und den Tisch decken, während Frère Dominique jedem Mönch vor dem Essen die Hände wusch, wie das im Haus Mose Sitte war. Die Mönche nahmen die Mahlzeit schweigend ein, derweil ein Lektor ihnen aus der Bibel vorlas.

Er würde allerdings nie ein Wort verstehen, weil die Bibellektion auf Latein verlesen wurde, beichtete er mir unter dem Baobob-Baum, wo ich auf ihn gewartet hatte, um ihm heimlich das Flagbier zu geben – Frauen durften das Innere der Abtei ja nicht betreten. Und dabei lächelte er mich immer wieder so verstohlen und voller Sehnsucht an wie auf dem Plakat in Paris.

Ich wusste nicht allzu viel über ihn, nur dass er eigentlich Jim Morrison hieß, Amerikaner war und in einer Rock-Band spielte, die in Frankreich sehr verehrt wurde. Den einen oder anderen Song der Doors hatte ich wohl schon mal in Paris im Radio gehört, doch ich war kein Fan oder so.

Seine Haare waren etwas nachgewachsen und er sah beinahe wieder so schlank aus wie auf dem Plakat. Sein Body war nicht so muskulös wie der eines Mbapat-Ringers, doch sein Charme war so überwältigend, dass ich mich an diesem Tag in ihn verliebte – wenn ich das nicht schon in Paris getan hatte.

Kurz darauf traf ich ihn unverhofft auf dem Markt wieder. Fleisch gab es nur vor Festtagen, Melonen, Mangos und Zitrusfrüchte nur zu bestimmten Jahreszeiten, und so half ich ihm, geräucherten Fisch, Hirse und Kuhmilch, Zwiebeln, Paprika und Auberginen, Süßkartoffeln, Karotten und Yams für das Kloster einzukaufen.

Vor einer Hütte saßen die alten Männer und tranken einen süßen, kalten Bissap aus Hibuskusblüten oder einen Gingembre, der aus Ingwer gemacht wird. Als mein Onkel Yékini mich erblickte, winkte er uns zu sich. Auf Wolof fragte er mich, wer mein Begleiter sei. Ich stellte ihm Jim vor, ohne ihm sein Geheimnis zu verraten, und Jim, der kein Wort verstanden hatte, begrüßte ihn mit allem Respekt, als sei mein Onkel ein weiser Mann und nicht nur an seinen Turnschuhen interessiert, wie sich schon bald zeigte.

„Warum trägt er keine Babouches?”

„Er kommt aus Amerika. Dort trägt man keine spitzen Lederpantoffeln.”

„Wir sind hier aber nicht in Amerika”, beharrte mein Onkel.

Jim schaute mich etwas verwirrt an: „Was hat er gesagt?”

„Er möchte wohl seine Babouches gegen deine Turnschuhe eintauschen.”

Bevor ich ihn warnen konnte, dass das ein schlechtes Geschäft für ihn sei, zog Jim sich die Schuhe aus, hielt sie ihm hin und zeigte auf die Babouches meines Onkels, der sich geschwind die Pantoffeln abstreifte, freudig erregt die Turnschuhe entgegennahm und sie sogleich anprobierte. „Jetzt bin ich auch ein Amerikaner”, brüstete er sich, während die anderen Männer sich ausschütteten vor Lachen, als er darin herumstakste wie ein Flamingo auf der Langue de Barbarie.

Jim war es offenbar egal, dass Yékini ihm die Turnschuhe abgeluchst hatte, und so drängte ich zum Aufbruch. Als Ausdruck der Teranga, der Gastfreundschaft, auf die wir im Senegal so großen Wert legen, lud mein Onkel uns aber zum Essen ein. Die Einladung auszuschlagen, wäre ein Affront gewesen, und so hockten wir uns mit seiner Familie um einen großen Topf Sorghum-Brei, aus dem alle mit den Fingern aßen.

Als Händler war Yékini wohlhabender als die meisten anderen Dorfbewohner, und so hatte er auch nicht nur eine Frau, sondern gleich zwei zu versorgen, die sich erst an den Tisch setzen durften, nachdem Jim und mein Onkel Platz genommen hatten.

Jim war das sofort aufgefallen, und als ich ihn auf dem Rückweg ein Stück begleitete, fragte er mich, was es damit auf sich habe.

„Allah erlaubt es einem Mann, bis zu vier Frauen zu haben. Aber er muss sich auch darum kümmern, dass alle genug zu essen und in seiner Hütte einen Platz zum Schlafen haben.”

„Und die Frauen sind nicht eifersüchtig aufeinander?”, wollte er wissen.

„Eine Zweitfrau muss oft hart kämpfen. Wenn sie mit der Erstfrau nicht klarkommt, kann sie aber einen Marabou, einen islamischen Geistlichen, zu Hilfe holen, der einen direkten Draht zu Allah hat und ihr verspricht, dass ihr Mann sie ihrer Rivalin vorzieht.”

„Und das funktioniert?”