Ähnlichkeiten
mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig.

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ISBN 978-3-7526-9427-7

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INHALT

  1. Born Under A Bad Sign
  2. Fais Do Do
  3. Echos De France
  4. I’ll Never Get Out Of This World Alive
  5. The Day The Music Died
  6. I‘ve Been Loving You Too Long
  7. Paint It Black
  8. Saint Paul
  9. Sympathy For The Devil
  10. Break On Through (To The Other Side)
  11. The Road Goes On Forever (And The Party Never Ends)
  12. Here Today, Gone Tomorrow
  13. X-Offender
  14. Who‘s Next
  15. Live Fast – Die Young
  16. (Just Like) Starting Over
  17. I Shot The Sheriff
  18. Can‘t Put Your Arms Around A Memory
  19. Rape Me
  20. All Eyez On Me
  21. Life After Death
  22. Hallelujah
  23. Why Is It Always This Way?
  24. While My Guitar Gently Weeps
  25. Ain’t No Sunshine
  26. You Know I‘m No Good
  27. I Will Always Love You

In memoriam

Ludmila Hellborn

»Das Alte freizugeben
bedeutet, dass das Neue geb
oren
werden kann.«

Jack Kornfield

PROLOG

NUR EIN TOTER POPSTAR
IST EIN GUTER POPSTAR

Mein Name sagt Ihnen bestimmt nichts. Und wahrscheinlich haben Sie mich auch noch nie gesehen. Dabei habe ich im Laufe meines Lebens das Ansehen vieler Rock- und Popstars bewahrt: indem ich sie aus dem Weg räumte, bevor sie total langweilig wurden und ihnen nichts Neues mehr einfiel.

Ich tat dies durchaus freiwillig und aus eigenem Antrieb. Und manchmal auch für Geld. Doch es ging mir immer nur darum, dass die Leute sich Musiker anhören, solange die noch jung und hungrig sind, und nicht erst, wenn sie Stadien füllen und bereits Stützstrümpfe tragen. Ich konnte es einfach nicht mitansehen, wenn jemand noch mit siebzig den Rocker spielte und »Still Loving You« sang oder »I Can’t Get No Satisfaction«.

Wohin das führt, wenn man nicht bei Zeiten mit dem Flugzeug abstürzt wie Buddy Holly, erschossen wird wie Kurt Cobain oder erhängt wie Michael Hutchence, sieht man ja an denen, die in diesem Geschäft alt und grau geworden sind. Bob Dylan nimmt nur noch Platten auf, für die er sich früher geschämt hätte. Paul McCartney sieht immer mehr wie ein altes Weib aus und hat schon lange keinen Biss mehr. Und Keith Richards ist nur noch peinlich, wenn er auf Palmen klettert, um den dicken Max zu markieren, oder sich über Jaggers kleinen Mick lustig macht. »Cool zu sein bis ins Grab«, hat die französische Philologin Claude Habib mal gesagt, ist eben »gar nicht so einfach.«

Den wenigsten Rockstars war es vergönnt, in Würde zu altern, sondern sie entwickelten sich zusehends zu Nervensägen, die es aus dem Weg zu räumen galt, um Platz für neue Talente zu schaffen. Doch mein Bedürfnis nach frischer Luft und neuer Musik war stets stärker als jeder Hass.

Heute weiß ich, dass ich mit all den Rockstars, die ich im Laufe von fünfundsiebzig Jahren vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit oder den Drogensumpf bewahrte, auch die Spuren meines eigenen Alters beseitigte. Mein Charakter blieb so stets jung und heiter, und das sieht man mir offenbar noch heute an: manch einer nimmt mir nicht ab, dass ich bereits 1917 geboren wurde und die gesamte Entwicklung der modernen Musik vom Blues über Rock’n’Roll und Punk bis zu Reggae und Hip-Hop hautnah miterlebt habe.

Vielleicht halten Sie ja alles, was ich Ihnen nun erzählen werde, für spinnerte Phantasien eines alten Mannes, der sich am Ende seines Lebens noch einmal wichtig machen will. Oder Sie denken, dass ich ein Serienmörder bin, reif für die Klapse oder der Teufel persönlich. Aber dann glauben Sie bestimmt auch, dass es den Club 27 wirklich gibt und Elvis noch lebt.

Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass ich nie Gott gespielt habe, sondern selbst immer wieder am Kreuzweg stand, jenen Crossroads, an denen Robert Johnson einst angeblich seine Seele dem Teufel verkauft hat. Ich musste mich immer wieder neu entscheiden, welchen Weg ich einschlagen wollte. Und da ich überall einen Weg sah, musste ich immer wieder jemanden beseitigen. Nicht, weil ich ihn nicht mochte, sondern weil er im Weg stand.

Bei der Wahl meiner Opfer war ich aber stets sehr wählerisch. Ich habe nur diejenigen ins Jenseits befördert, deren Musik ich wirklich gut fand. Denn wie Robert Smith von The Cure fand auch ich es widerlich, »wenn Leute, die man in seiner Jugend angehimmelt hat, im Alter die größten Idioten werden«.

Dabei machte ich immer wieder die Erfahrung, dass kein Ereignis so viele Platten verkauft wie der Tod eines Rockstars. Weshalb das unausgesprochene Credo der Plattenindustrie auch lautet: Nur ein toter Popstar ist ein guter Popstar.

Skrupel, sie mir aus dem Weg zu schaffen, hatte ich jedenfalls nie. Denn es war die Natur, um mit Walter Benjamin zu sprechen, die mir das Tempo vorschrieb: Wenn ich ihr nicht zuvorgekommen wäre, hätte sie selbst die Zerstörung übernommen. Und das wäre sicherlich grausamer gewesen als alles, was ich mir zu Schulden kommen ließ.

Amen.

I.

BORN UNDER A BAD SIGN

In der Stunde, in der ich geboren wurde, stromerte ein Hund durch meine Heimatstadt, den man noch nie zuvor dort gesehen hatte. Er heulte so markerschütternd, dass die Einwohner dachten, er sei direkt aus der Hölle gekommen. Als ich meinen ersten Schrei tat, war er jedoch plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Viele dachten daraufhin natürlich, der Teufel sei in mich gefahren und würde in mir weiterleben. Noch Jahre später wechselten sie die Straßenseite, wenn ich ihnen entgegenkam. Und manche, die mich viel später kennen gelernt haben, glauben das noch heute.

Meinen Eltern gehörte damals, 1917, das Montgomery Hotel in Leland, Mississippi, das dreißig Zimmer hatte und in dem viele zugereiste Familien für zwei Dollar die Nacht unterkamen, bis ihre Häuser bezugsfertig waren. Darin untergebracht war auch ein Büro von American Express, das über das erste Telefon von Leland verfügte.

Das Montgomery befand sich in der Nähe der Bahnstation, an der jeden Tag der »Planter« aus New Orleans auf dem Weg nach Memphis Halt machte. Unter der Woche stieg fast nie jemand aus. Wenn dieses fauchende Dampfross aber samstags in Leland einlief, wimmelte es vor dem Hotel nur so von Musikern, die von den umliegenden Plantagen in die Stadt kamen, um die Reisenden während ihres Aufenthalts mit Blues- und Worksongs zu unterhalten. Auf diese Weise verdienten sie sich ein paar zusätzliche Cent, die sie meistens noch am selben Abend in einem Speakeasy, einer Flüsterkneipe, für »Jake« ausgaben, schwarz gebrannten Schnaps, der dort während der Prohibition ausgeschenkt wurde.

Ich kannte sie alle. Son House, der mir die ersten Akkorde auf der Gitarre beibrachte, Charley Patton, der heute als Vater des Delta Blues gilt, Chester Burnett, der sich Howlin’ Wolf nannte und später in Chicago Karriere machte, und auch Robert Johnson, von dem es ja heißt, dass er an der Kreuzung der Highways 49 und 61 seine Seele dem Teufel verkauft habe. Ohne den ging irgendwie nichts in Mississippi, was ja auch kein Wunder ist, schließlich gibt’s dort mehr Kirchen als Tankstellen und McDonald’s zusammen.

Mein Vater, Herbert Hellborn, stammte aus Deutschland und war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in die USA ausgewandert. In seiner Heimatstadt Hannover hatte er in einer Telephonfabrik gearbeitet, in der ab 1898 auch Schellackplatten gepresst wurden. In diesem ersten Schallplatten-Presswerk der Welt hatte mein Dad auch zum ersten Mal die Stimme von Enrico Caruso gehört, und dieses Erlebnis hatte ihn dermaßen begeistert, dass er sich schon kurz darauf ein Grammophon zulegte, das sogar die Überfahrt von England nach Amerika heil überstand. Und auch in der neuen Welt leistete es seine Dienste: Als mein Vater meiner Mutter Dora Mae Percy, einer echten Southern Belle, den Hof machte, spielte er ihr darauf Verdis Arie »Bella figlia dell’amore« aus dessen Oper Rigoletto vor, und eroberte so ihr Herz.

Leland hatte damals knapp achthundert Einwohner, von denen viele für die Eisenbahn arbeiteten, die immer mehr den Schiffsverkehr auf dem Mississippi ersetzte, dessen Dämme zur Zeit der Depression mit öffentlichen Mitteln erhöht wurden. Und mein Vater war beileibe nicht der einzige Ausländer in der Stadt; außer ihm lebten dort auch fünf Italiener, ein Grieche, ein Ire, ein Waliser und zwei Dänen.

Am Wochenende ging es in Leland stets drunter und drüber. Dann ließen es die Eisenbahner und die Dammbauer – Prohibition hin, Prohibition her – so richtig krachen und zogen randalierend durch die Gemeinde. Auf einen Priester kamen fünf Barkeeper. Und am Sonntagmorgen wurde man oft vom Gehämmer des Tischlers geweckt, der Särge für die Toten vom Vorabend zimmerte.

Dass die Stadt auch als »Hell Hole of the Delta« bekannt war, verdankte sie jedoch einem Reporter, der im Hindman Hotel abgestiegen war und dort eine Schießerei falsch gedeutet hatte. Er hatte in der Lobby gesessen, als es im Saloon, der sich im Keller unter ihm befand, zu einem Streit kam. Da er nichts von dessen Existenz wusste, dachte er, dass die Kugeln, die ihm plötzlich um die Ohren flogen, direkt aus der Hölle kamen. So entstehen Legenden.

Meine Kindheit verbrachte ich damit, am Deer Creek Enten zu füttern oder Frösche zu fangen, wie das später auch Jim Henson tat, der Erfinder der Muppets, der ebenfalls in Leland aufwuchs und einen Schulfreund namens Kermit Scott hatte.

Anders als Henson, wurde ich von den Fröschen aber nicht zu einer niedlichen Puppe inspiriert, sondern riss ihnen die Beine aus, um zu sehen, ob sie auch ohne Gliedmaßen schwimmen können. (Als ich das später mal Johnny Cash erzählte, inspirierte ihn das zu der Songzeile »I shot a man in Reno just to watch him die«.)

Wenn im Rex Theatre, einem Kino für Schwarze, die zwei Drittel der Bevölkerung von Leland ausmachten, Tarzan-Filme gezeigt wurden, schlich ich mich heimlich durch den Hintereingang rein. Meistens hockte ich aber wie Nipper vor dem Trichter des Grammophons und lauschte der Stimme meines Herzens.

Enrico Caruso war der erste Schallplattenstar der Geschichte, und er klang, verglichen mit dem örtlichen Methodistenchor oder den schwarzen Blues-Musikern, wie jemand von einem anderen Stern. Die von ihm gesungene Arie »Vesti La Giubba« aus Leoncavallos Oper Pagliacci hatte sich über eine Million Mal verkauft und war der erste Welt-Hit der Schallplattenindustrie gewesen. Und jedesmal, wenn ich seine Stimme hörte, hatte ich das Gefühl, nicht in Leland eingesperrt zu sein, sondern zu schweben und davonzufliegen.

Als ich älter wurde, trieb ich mich jedoch immer öfter in der Nähe eines teergedeckten Schuppens herum, in dem die Schwarzen den Mond anheulten, wie unsere Hausneger immer sagten. Vor allem durchreisende Blues-Musiker traten darin auf, die sich so einen Teller Gumbo, ein Po-Boy oder einen Peach Cobbler verdienten und die Nacht nicht allein verbringen mussten. Sie legten meistens viel Wert auf ihr Aussehen, trugen Krawatten und feinen Zwirn, und die Frauen himmelten sie an, weil sie mehr hermachten als die Baumwollpflücker und Maisbauern aus Leland.

Anfangs wollte man mich gar nicht hineinlassen, weil die Schwarzen ebenso unter sich bleiben wollten wie die Weißen und mich für einen Eindringling hielten. Nachdem Son House aber ein gutes Wort für mich eingelegt hatte, wurde ich stillschweigend akzeptiert; ich durfte nur nicht Aufsehen erregen, und meine Eltern durften auch nicht erfahren, dass ich mich mit den Schwarzen schon bald besser verstand als mit meinesgleichen.

Mein Vater wollte, dass ich an der »Ole Miss« in Oxford Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften studiere, doch meine Mutter, die aus einer Pflanzer-Dynastie stammte, der halb Leland gehörte, bestand darauf, dass ich mich um das vierstöckige Hotel kümmerte, in dem sich heute das Highway 61 Museum befindet.

Mit achtzehn stand ich voll im Saft und drückte mich, wann immer ich konnte, in Boss Hall’s Juke Joint auf der Main Street rum, in dem junge Typen wie Muddy Waters, John Lee Hooker oder Bukka White spielten; nicht zuletzt wagte ich mich aber wegen der schwarzen Mädchen in diesen Negerschuppen, weil die nicht so prüde waren wie meine Cousinen, sondern beim Tanzen so lasziv die Becken kreisen ließen, dass es in dem Juke Joint knisterte wie bei einem Waldbrand in den Rocky Mountains.

Dort begegnete man mir nicht so misstrauisch wie unter Weißen, sondern teilte meine Leidenschaft für den Blues. Den gottesfürchtigen, sittsamen Bürgern von Leland war all dies natürlich ein weiterer Beweis dafür, dass der Teufel bei meiner Geburt in mich gefahren war. Doch die Schwarzen akzeptierten mich so, wie ich war, oder amüsierten sich prächtig, wenn ich rot anlief, weil eine dieser fabelhaft aussehenden Frauen sich beim Tanzen so an mir gerieben hatte, dass ich eine Erektion kaum verbergen konnte.

Mein größtes Idol war damals die Blues- und Vaudeville-Sängerin Bessie Smith. Zum ersten Mal hatte ich von ihr 1927 gehört, als der Mississippi so viel Wasser mit sich geführt hatte, dass seine Nebenflüsse über die Ufer getreten waren und auch die Main Street von Leland geflutet hatten – ein weiteres Zeichen, dass mit mir was nicht stimmte und ich das Unglück nur so anzog. Ihren »Back Water Blues« hatte sie zwar bereits ein paar Monate zuvor in New York aufgenommen, doch als Exemplare dieser Platte im Sommer auch nach Mississippi gelangten, dachte ich natürlich, dass er von der Sintflut handelte, die Ende April weite Teile von Washington County überschwemmt und die Felder verwüstet hatte.

In den Jahren darauf schaute ich regelmäßig in La Venes Music Center vorbei. Mal kaufte ich mir von meinem Taschengeld Bessies »Down Hearted Blues«, der mir über meinen ersten Liebeskummer hinweghalf, als mich die sittsame Tochter unseres Porters abwies. Und mal ihren sehr anzüglichen »Empty Bed Blues«, dessen wahre Bedeutung ich jedoch erst verstand, nachdem ich von einem unserer Zimmermädchen, das nach Zimt und Melonen duftete, zum Mann gemacht worden war und die Nacht wieder allein in meinem Bett verbrachte. Noch Jahrzehnte später lag jedes Mal der Geruch von Melonen in der Luft, wenn ich diese Platte spielte, und jedes Mal, wenn mir eine Bedienung in einem Café Zimt auf den Cappuccino stäubte, musste ich mich beherrschen, nicht auf der Stelle über sie herzufallen, weil mich der Zimtgeruch an die Frauen erinnerte, die mich im Negerviertel von Leland in die Geheimnisse der Liebe eingeweiht hatten.

Bessies letzter Hit lag allerdings schon etwas zurück, als sie 1937 in Clarksdale auftreten sollte. Mit »Nobody Knows You When You’re Down And Out« war sie acht Jahre zuvor gerade mal auf Platz 15 der Hitparade gelandet. Und Columbia Records hatte zwei Jahre später den Vertrag mit der »Kaiserin des Blues« sogar aufgelöst.

Ich verehrte sie aber so sehr, dass es mir beinahe körperlich weh tat, als sie immer mehr in Vergessenheit geriet. Dass ihre Karriere ziemlich am Ende war, wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich betete sie weiterhin an und wollte sie mir am 26. September 1937, meinem zwanzigsten Geburtstag, unbedingt in Clarksdale live ansehen.

Obwohl sie noch immer ein Star war, wenn auch einer, mit deren Karriere es abwärts ging, konnte sie nicht einfach in irgendeinem Hotel absteigen. Bessie war schwarz, und die meisten Hotels waren Weißen vorbehalten. Die Sklaverei war zwar offiziell abgeschafft, doch in Mississippi herrschte noch immer strikte Rassentrennung. Nach ihrem Konzert in Memphis war Bessie deshalb noch in der Nacht nach Clarksdale aufgebrochen, wo sie am nächsten Abend auftreten sollte und es auch eine Pension für Schwarze gab. Gegen drei Uhr morgens krachte ihr Packard jedoch frontal in das Heck eines Lkw, den ich unbeleuchtet am Straßenrand des Highway 61 geparkt hatte, weil ich mal dringend austreten musste.

Ich war natürlich total geschockt und verzweifelt, als ich erkannte, wer da in meinen Lkw gerauscht war. Ausgerechnet ich, ihr größter Fan auf Erden, hatte sie beinahe umgebracht. Bei dem Unfall war ihr fast der linke Arm abgerissen worden, sodass ich wie von Sinnen war. Mir gelang es nicht, ihr hinauszuhelfen, und als ich mit dem Lkw Hilfe holen wollte, musste ich feststellen, dass sich der Packard in ihm verkantet hatte und er sich nicht bewegen ließ. Bessie war inzwischen in Ohnmacht gefallen, und ihr Fahrer hing regungslos über dem Steuer. Zu meiner eigenen Überraschung verfiel ich aber nicht in Panik, sondern bewahrte einen kühlen Kopf und stach mit einem Schraubenzieher in den rechten Vorderreifen des Lkw, um mir eine Ausrede zu verschaffen, warum ich den Laster dort am Straßenrand geparkt hatte. Dann lief ich zu Fuß nach Clarksdale, das nur eine Meile entfernt war. Statt Hilfe zu holen, schloss ich mich jedoch in meinem Hotelzimmer ein und haderte mit meinem Schicksal.

Als ich zu Bett ging, war die Sonne bereits wieder aufgegangen. Irgendwie gelang es mir endlich, einzuschlafen, und als ich ein paar Stunden später wieder aufwachte, frühstückte ich erst mal in aller Ruhe, als wäre nichts geschehen. Dann machte ich mich auf den Weg, um den Wagen abzuholen. Dem Tankwart, der mich zum Unfallort fuhr, erzählte ich, dass ich in der vergangenen Nacht wegen eines Reifenschadens liegen geblieben sei. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sich die Nachricht von dem Unfall bereits wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, doch der Tankwart verlor ebenso wenig eine Silbe darüber wie die Serviererin in dem Diner, in dem ich gefrühstückt hatte. Als wir uns dem Unfallort näherten, sahen wir schon von weitem einen Krankenwagen neben dem Lkw stehen. Wir kamen gerade noch rechtzeitig an, um mitzuerleben, wie Bessie Smith aus dem Wrack befreit und auf eine Bahre verfrachtet wurde.

Ich hatte keine Ahnung, warum es fast neun Stunden gedauert hatte, bis sie ins G. T. Thomas Hospital, dem heutigen Riverside Hotel, in Clarksdale eingeliefert wurde, einer Klinik für Schwarze, wo man ihr sofort den Arm amputierte, sie aber trotzdem ihren Verletzungen erlag. Schon bald kursierten entlang des Highway 61 aber Gerüchte, dass zwei Krankenwagen sich geweigert hätten, sie zu transportieren, und ein Krankenhaus ihre Aufnahme abgelehnt hätte, weil sie schwarz war. Angesichts des noch immer weit verbreiteten Rassismus’ fielen solche Gerüchte natürlich auf fruchtbaren Boden und wurden nicht nur von Schwarzen für bare Münze genommen – was mir nur recht war, geriet ich so doch nicht in Verdacht, Fahrerflucht begangen zu haben.

Was in den Morgenstunden des 26. September 1937 wirklich geschehen war, ließ sich zu meiner großen Erleichterung nicht mehr rekonstruieren. Bessie Smith war plötzlich aber wieder so beliebt wie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Selbst Leute, die sie schon lange abgeschrieben hatten, weinten sich nun die Seele aus dem Leib, und die paar Schellackplatten, die es von ihr noch in La Venes Music Center in Leland gab, waren schnell ausverkauft.

Anfangs regte mich das fürchterlich auf, weil ich die meisten für Heuchler hielt und für ihren Tod mitverantwortlich machte – als wären sie es gewesen, die den Lkw am Straßenrand geparkt hatten. Ich wollte meinen Kummer nicht mit Leuten teilen, denen Bessie Smith nicht so viel bedeutet hatte wie mir, die nun aber so taten, als seien sie schon immer ihre größten Fans gewesen. Ich liebte sie einfach über ihren Tod hinaus und war eifersüchtig auf jeden, der auch um sie trauerte.

Es war wirklich verrückt, wie viele Leute Bessie Smith plötzlich vermissten. An ihrer Beerdigung auf dem Mount Lawn Cemetery in Sharon Hill, Pennsylvania, nahmen zehntausend Trauernde teil. Und selbst meine Cousinen, die mich zuvor immer ausgelacht hatten, weil ich eine Lesbe verehrte, gaben sich nun untröstlich.

Als mir ihr Getue eines Tages wieder mal auf den Geist ging und ich mich angewidert von ihnen abwandte, bemerkte meine Mutter jedoch meinen Blick und nahm mich zur Seite. »Jesus ist für unser aller Sünden gestorben«, erklärte sie mir. »Ich möchte zwar Bessie Smith nicht mit Jesus vergleichen, aber sie ist auch für uns alle gestorben, wie sie ja auch für alle gesungen hat – und nicht nur für dich oder mich.«

Dagegen war nichts einzuwenden. Ja, die Frömmelei meiner Mutter brachte mich sogar auf eine Idee. Wenn kein Ereignis so viele Platten verkaufte, wie der Tod eines Stars, sagte ich mir, dann müssten die eben beizeiten sterben.

II.

FAIS DO DO

Der Legende zufolge soll Robert Johnson 1930 an den Crossroads in Clarksdale seine Seele dem Teufel verkauft haben. Doch das ist natürlich blanker Unsinn, den sein Konkurrent Son House in die Welt gesetzt hat.

Son House hatte sich in Leland immer über Robert Johnson lustig gemacht, weil der zwar ein ganz passabler Mundharmonika-Spieler war, aber seine Klampfe nicht stimmen konnte, sodass die Leute geradezu wütend wurden, wenn er in Boss Hall’s Juke Joint oder in Margaret’s Blue Diamond Club auftrat. Robert war deshalb zwölf Monate lang bei Willie Brown in die Lehre gegangen, dem Sideman von Charley Patton, und viel in Arkansas und Louisiana unterwegs gewesen.

Als er ein Jahr später wieder nach Clarksdale zurückkehrte und sich im Barbershop von Wade Walton senior die Haare schneiden ließ, war er kaum wiederzuerkennen. Robert trug einen schnieken Nadelstreifenanzug, ein gestärktes weißes Hemd, eine gestreifte Seidenkrawatte, blank geputzte Schuhe und einen Borsalino, wie er in New York City Mode war. So unterschied er sich schon rein äußerlich von Wades Kumpels, die kein Geld hatten, um sich von ihm rasieren zu lassen, in dem Friseurladen aber täglich abhingen, weil sie arbeitslos waren und eins im Überfluss besaßen – Zeit.

Natürlich wurde er sofort von dem etwas älteren Son House gefragt: »Na, Junge, hast immer noch deine Gitarre, was? Aber kannst immer noch nicht darauf spielen.« Johnson ging darauf aber gar nicht ein, sondern lieh sich von ihm, der damals so was wie der ungekrönte König des Delta Blues war, seinen Stuhl, ließ seine Finger geschwind über die Saiten gleiten und sang: »When the train rolled up to the station I looked her in the eye ...«

Ihr hättet mal sehen sollen, wie baff Son House war! Sein Mund stand sperrangelweit offen und man konnte ihm fast bis in den Rachen sehen, so erstaunt war er darüber, wie gut Robert Johnson plötzlich war. Und weil er sich das nicht erklären konnte, wie jemand in so kurzer Zeit solche Fortschritte machen konnte, setzte er halt das Gerücht in die Welt, es sei dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Damit hätte er Robert Johnson keinen größeren Gefallen tun können. Dass er solch ein guter Gitarrist geworden war, sprach sich schnell rum. Wo immer er nun auftrat, drängten sich die Leute in den Juke Joints, um zu sehen, was der Teufel ihm beigebracht hatte – den Fingerpicking Style, der den Blues so sehr veränderte und in den Sechzigerjahren von Eric Clapton, Keith Richards und vielen anderen weißen Gitarristen wiederentdeckt werden sollte.

Ich folgte ihm von Auftritt zu Auftritt und wurde schon bald sein Manager. Wir klapperten so gut wie jede Milchkanne zwischen Robinsonville und Hazlehurst ab, und ich besorgte Robert Auftritte in Radiosendungen, die mit Blues-Songs die Hörer anlockten und ihr Geld damit verdienten, dass sie für Gebrauchtmöbel, Maismehl oder Schweinekoteletts warben.

Zugegeben, davon wurde man nicht reich, aber das musste ich ja auch nicht werden – das war ich ja schon. Meiner Mutter gehörten neben dem Hotel auch ein paar Ländereien, und mein Vater hatte ein Patent zur raschen Vervielfältigung von Schallplatten entwickelt, das mir ein sorgenfreies Leben bescheren sollte – zumindest in finanzieller Hinsicht.

Grammophone waren noch nicht allzu sehr verbreitet im Delta, und das Schallplattengeschäft befand sich damals noch in den Kinderschuhen. Da ich mit Schellacks sozusagen groß geworden war, setzte ich jedoch alles daran, dass auch Robert welche aufnahm. In San Antonio, Texas, gelang es mir schließlich, Don Law, einen Talentscout der American Record Company, zu überreden, ein paar Songs von ihm mitzuschneiden. Bis dahin war es üblich gewesen, dass von Blues-Musikern immer nur Ausschnitte ihrer Songs aufgezeichnet wurden. Ich drängte Robert jedoch, Songs zu schreiben, die nicht länger waren als die Spieldauer einer Schellackplatte – maximal drei Minuten.

Robert verstand schnell, warum es so wichtig war, dass ein Song nicht nur einen Anfang, sondern auch ein richtiges Ende hatte – weil er sich dann besser verkaufen ließ. Und wenn er Gitarre spielte und dazu sang, hatte man den Eindruck, dass er nicht allein Musik machte, sondern dabei von anderen unterstützt wurde, was jedoch definitiv nicht der Fall war. In seinen Liedern erzählte er von seiner Wanderschaft und den Ladys, die ihm das Herz gebrochen hatten – und damit sprach er auch mir aus der Seele, denn mir ging es wie ihm: Aus den Frauen, die ihm nachliefen, weil er so elegant aussah, machte er sich nichts, doch die Frauen, hinter denen er her war, wollten nichts von ihm wissen.

Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, mit jeder Lady ins Bett zu gehen, die sich ihm anbot. Und das waren oft so viele, dass er ihrer nicht Herr wurde und ich sie trösten musste. So habe ich es letztlich Robert Johnson zu verdanken, dass ich ein Faible für Negerinnen entwickelte, meine Schüchternheit abstreifte und etwas für mein Wohlbefinden tat.

Auf seiner ersten Platte sang Robert aber nicht über eine Frau, die ihn um den Verstand gebracht hatte, der »Terraplane Blues« war vielmehr ein Song über eine andere große Liebe von ihm, den Hudson Terraplane, ein Automobil. Die Scheibe verkaufte sich auf Anhieb fünftausend Mal, doch Johnson hatte sich mit der Franzosenkrankheit infiziert und sah keinem guten Ende entgegen. Seine Lymphknoten schwollen immer öfter an, in seiner Mundhöhle hatte sich ein Geschwür gebildet, das gerötet war und eine farblose Flüssigkeit absonderte, und er klagte immer öfter über Kopf- und Gliederschmerzen.

Solch ein Ende wünscht man selbst seinem ärgsten Feind nicht, und schon gar nicht einem Gitarristen und Sänger, den man verehrt. Mit ihm musste ich einfach Mitleid haben. Ich wollte es ihm auf Teufel komm raus ersparen, dass er sich auch noch eine Hirnhautentzündung zuzog, die Kontrolle über seine Blase verlor oder erblindete.

Robert war immer wieder, nicht zuletzt von mir, gewarnt worden, nicht aus Flaschen zu trinken, die irgendwo offen herumstanden, hatte aber alle Warnungen stets in den Wind geschlagen. Also schüttete ich ihm am 16. August 1938 nach einem Auftritt in Three Forks unbemerkt etwas Rattengift in den Whiskey.

Kaum hatte er seinen Auftritt in dem finsteren Juke Joint absolviert, da griff er auch schon zu der Flasche, die im Hinterraum, der als Garderobe diente, auf dem Tisch stand, und nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Nur wenige Sekunden später wand er sich unter schmerzhaften Krämpfen auf dem Bretterboden und hauchte schließlich sein Leben aus.

Um jeglichen Verdacht von mir abzulenken, streute ich das Gerücht, ein eifersüchtiger Ehemann, mit dessen Frau er ein Verhältnis hatte, habe ihn vergiftet, und ließ seine Leiche diskret verschwinden. Mit der Hilfe von ein paar alten Säufern, die sich als Totengräber verdingten und für eine Flasche selbstgebrannten Whiskey steif und fest behaupteten, Robert Johnson persönlich begraben zu haben, schaffte ich es sogar, dass heute gleich drei Ortschaften in Mississippi, Three Forks, Greenwood und Morgan City, davon überzeugt sind, er sei auf ihrem Friedhof verscharrt worden.

Wenn in den Dreißigerjahren ein Nigger verschwand, zuckte man in Mississippi in der Regel nur mit den Schultern. Da man mich aber schon seit meiner Geburt misstrauisch beäugte und manch einer mich für den Teufel persönlich hielt, befürchtete ich, dass es Zeugen gab, die gesehen hatten, wie ich Robert Johnson vergiftete. Also verließ ich erst einmal Leland, um Gras über die Sache wachsen zu lassen, und fuhr mit dem nächsten Planter nach New Orleans, in das Sünden-Babel der Vereinigten Staaten.

Der Rotlichtbezirk von Storyville war schon seit zwanzig Jahren geschlossen und Sidney Bechet, King Oliver und Louis Armstrong waren längst nach Chicago gezogen, als ich in New Orleans ankam. Champion Jack Dupree, ein Barrelhouse-Pianist, der sich zurzeit der Depression als Boxer durchs Leben geschlagen hatte und den ich von irgendeinem Auftritt in irgendeinem Juke Joint kannte, hatte mir vor einiger Zeit die Adresse eines Mannes gegeben, an den ich mich wenden könnte, wenn ich mal in der Stadt sei. Der Champ war ungefähr 1909 in New Orleans geboren worden, so genau wusste er das selbst nicht; seine Eltern waren umgekommen, als der Ku-Klux-Klan ihr Haus abfackelte, und in der von Franzosen errichteten Hafenstadt am Lake Pontchartrain hatte er zunächst im selben Waisenhaus wie Louis Armstrong gelebt, bevor ihm Willie Hall das Klavierspielen beibrachte.

Unter dem Namen »Drive ’em Down« war Hall früher in den verrufensten Etablissements des French Quarter aufgetreten, manchmal nur durch eine Spanische Wand von einer Hure und einem Matrosen getrennt, der hier nachholte, was ihm in den Monaten auf See verwehrt geblieben war. Und von Drive ’em Down hatte Champion Jack Dupree auch gelernt, mit einer Hand einen Boogie in die Tasten zu hauen und in der anderen ein Glas Bier zu halten, ohne einen Tropfen zu verschütten.

Ich suchte Hall in der Villa Contento in der Rue des Ursulines auf, die Jahrzehnte später von Frijid Pink, Eric Burdon und vielen anderen als »House Of The Rising Sun« besungen wurde. Hall stellte keine Fragen und lud mich, da mein Magenknurren nicht zu überhören war, zu einer Portion Jambalaya ein, einem Reisgericht mit Hühnchen und Wurst, bevor er mit mir einen Spaziergang durch das French Quarter unternahm.

In der Luft lag der Geruch von frisch gebrühtem Zichorienkaffee und soeben gebackenen Beignets. Aus einer Bar in der Bourbon Street drangen ein paar Barrelhouse-Rhythmen nach draußen – »Shake, baby, shake«. Fast an jeder Straßenecke hatten sich Musiker postiert, und meine Sinne waren berauscht von den Gerüchen, den Farben der Häuser, den Klängen aus den Tanzlokalen und Bars und dem feuchten subtropischen Klima, das mich schon nach wenigen Metern im Freien so zum Schwitzen brachte, dass mir mein Hemd am Körper klebte.

Hall bemerkte, wie sehr mir die Hitze zu schaffen machte. »In New Orleans sagen wir immer: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warten wir einfach einen Moment.« Doch dann schlug er den Weg zum Friedhof an der Basin Street ein, wo er mir das Grab der Voodoo-Priesterin Marie Laveau zeigte: »Wenn du drei Kreuze in ihr Grabmal ritzt, wird dir ein Wunsch erfüllt.« Natürlich ließ ich mich nicht zwei Mal dazu auffordern und wünschte mir, stets unbehelligt davonzukommen.

Vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg war es Sklaven nur hier, in New Orleans, erlaubt gewesen, afrikanische Tänze aufzuführen oder afrikanische Lieder zu singen und so die Kultur ihrer Heimat im Gedächtnis zu bewahren. Dazu trafen sie sich meistens am Congo Square, gleich neben dem Cemetery No. 1, auf dem Marie Laveau begraben liegt.

Voodoo war mit ihnen aus Afrika nach New Orleans gekommen, und so wurde auch hier ein Python als Hauptgott Zombie verehrt. Ich hatte zwar in Mississippi bereits davon gehört, konnte mir aber nicht so recht etwas darunter vorstellen, bis Hall mich Queen Margaret vorstellte, einer Mambo, einer Voodoo-Priesterin. »Voodoo hilft dir«, erklärte sie mir mit geheimnisvoller Stimme, »das hervorzuholen, was sowieso schon immer in dir war, was du schon immer gewusst hast.«

Ich war überwältigt von all den Eindrücken, die auf mich von allen Seiten einprasselten, und kam mir vor wie ein Landei, das zum ersten Mal in einer großen Stadt war. Und das war ich ja im Prinzip auch.

Inzwischen war es Nacht geworden, und der Mond stand in seiner ganzen Fülle am Himmel. Während Queen Margaret Frösche, Schlangen und anderes Getier in einen dampfenden Kochtopf warf, trommelte ein Neger, der schwärzer als die Nacht war, immer schnellere Rhythmen auf seinen Congas. Andere Teilnehmer dieser geheimnisvollen Zeremonie tanzten wie selbstvergessen und entledigten sich dabei ihrer Kleider. Ihre Leiber zuckten schon bald ekstatisch im Mondlicht, und als ein Huhn geschlachtet wurde, gab Queen Margaret mir sein Blut zu trinken. Schon bald konnte auch ich nicht mehr dem rasenden Conga-Getrommel widerstehen und fing an zu tanzen wie ein Derwisch, bis ich völlig erschöpft zu Boden sank.

Die Prostitution war in Storyville 1917 verboten worden, doch New Orleans war noch immer ein schwüles Freudenhaus. Allein die schwarzen Jazz-Musiker hatte man vergrault, weil viele von ihnen, auch Louis Armstrong, regelmäßig Marihuana rauchten, was sie dazu verleitete, sich auf eine Stufe mit dem weißen Mann zu stellen. Im Rausch begannen sie hysterisch zu lachen, wenn ihnen ein Weißer befahl, die Straßenseite zu wechseln oder sich in den hinteren Teil der Tram zu scheren, und diese aufsässige Haltung schrieb man der Wirkung des Rauschgifts zu. Vor allem aber hatten die Weißen Angst, dass die kraftvollen Jazz-Rhythmen ihre Frauen dazu verführten, ebenfalls mit den Füßen zu wippen wie die Schwarzen, die sich mit Jazz und Voodoo vom Joch ihrer Herrschaft befreiten.

Willie Hall vermittelte mich als Pianist in Lulu White’s Mahogany Hall und nahm mich auch manchmal mit, wenn er für ein »Fais Do Do« (wörtlich: schlaf schön) engagiert wurde, ein Tanzfest in den Sümpfen von Louisiana, das so genannt wurde, weil die Kinder von ihren Müttern in einem Nebenraum ins Bett gebracht wurden, damit auch sie an dem Fest teilnehmen konnten.

Auf einem Fais Do Do wurde eine ziemlich raue Tanzmusik gespielt, die man auch Dirty Fingertails Music nannte, weil die Musiker meistens, wie beim Blues, der Unterschicht entstammten. Und mit einem von ihnen, dem schwarzen Akkordeonisten Amédée Ardoin, geriet ich 1941 heftig aneinander.

Ardoin war ein Nachfahre von Sklaven französischer Pflanzer und stammte ursprünglich aus Haiti. Um seine Stimme für die jodelartigen Schreie, die er ausstieß, geschmeidig zu halten, hatte er stets eine Zitrone in der Tasche, und er wurde sowohl von Kreolen als auch von den Cajuns verehrt.

Wir hatten beide ein Auge auf die Tochter des Gastgebers geworfen, die ihre Sympathien jedoch klar verteilte. Während sie mich keines Blickes würdigte, wischte sie Ardoin mit ihrem Taschentuch liebevoll den Schweiß von der Stirn, was mich rasend eifersüchtig machte. Als ich das Geturtel der beiden nicht mehr ertragen konnte, tauschte ich heimlich die Zitrone, die er sich bereits zurechtgelegt hatte, gegen eine aus, die mit Strychnin präpariert war. Was bei Robert Johnson recht war, sollte für Amédée Ardoin nur billig sein.

Es war das erste Mal, dass ich so von Eifersucht zerfressen war, bis dahin hatte ich dieses Gefühl gar nicht gekannt. Nicht mal Polly Kidman, für die ich im zarten Alter von dreizehn Jahren entflammt war, hatte es geschafft, mich so in Rage zu versetzen. Und die war nun wirklich ein Luder gewesen, das mir schöne Augen gemacht hatte, um sich dann vom erstbesten Schnösel küssen zu lassen.

Nachdem sich Ardoins Körper wild zuckend aufgebäumt hatte und er dem Gift erlegen war, bot ich mich an, seine Leiche nach Duralde zu überführen, wo sein Vetter Alphonse »Bois Sec« Ardoin lebte, ein weiterer Meister des Cajun-Akkordeons. Auf dem Rückweg nach New Orleans entsorgte ich sie dann aber unbeobachtet auf Kliebert’s Turtle & Alligator Farm.

Zwar konnte mir niemand nachweisen, dass ich Amédée Ardoin vergiftet hatte, doch irgendwann würde seine Familie ihn vermissen und sich bei dem Gastgeber des Fais Do Do nach seinem Verbleib erkundigen. Und dann würde eines Tages ein Polizist vor meiner Tür stehen und mir unangenehme Fragen stellen, die ich nicht beantworten könnte.

Da passte es mir ganz gut, dass die Japaner am 7. Dezember 1941 Pearl Harbour angriffen und die Vereinigten Staaten ihnen am Tag darauf den Krieg erklärten. Ich meldete mich freiwillig zur US Army, um meine Spuren zu verwischen und nicht von der Polizei behelligt zu werden.

III.

ECHOS DE FRANCE

George Smith Patton war bei Kriegseintritt der Ver einigten Staaten erst seit anderthalb Jahren Kommandeur der 2. US-Panzerdivision, doch ihm eilte bereits ein legendärer Ruf voraus. Bei den Olympischen Spielen in Stockholm war er 1912 Fünfter im Modernen Fünfkampf geworden. Drei Jahre später hatte er einen General des mexikanischen Rebellenführers Pancho Villa eigenhändig erschossen. Und im Ersten Weltkrieg wurden die ersten fünfhundert amerikanischen Panzerfahrer von ihm ausgebildet.

Patton selbst hatte die Militärakademie in West Point besucht und war peinlich darauf bedacht, auch in einer Schlacht stets korrekt gekleidet zu sein. Als Anhänger der Reinkarnationstheorie war er davon überzeugt, in einem früheren Leben schon einmal in Frankreich gewesen zu sein – vielleicht war er ja einer der drei Musketiere. Und so gottesfürchtig er auch war, so sehr war er auch ein Draufgänger, der sich selten etwas sagen ließ und Befehle von oben auch schon mal ignorierte.

Die 2. US-Panzerdivision, die er befehligte, nannte sich selbst »die Hölle auf Rädern« und war eine überaus trinkfeste Truppe, die Infanteristen verächtlich als »Doughs« – Lahmärsche – schmähte. Sie hatte Rommels Truppen in Tunesien mutig angegriffen, war bei der Befreiung Siziliens an vorderster Front dabei gewesen, und hatte Patton den Spitznamen »Old Blood and Guts« verpasst.

In Sizilien war aber auch ein Soldat, der unter akuter Gefechtsmüdigkeit litt, von Patton geohrfeigt worden, weshalb der General nach England abberufen und als Kommandeur einer fiktiven US-Armee kaltgestellt wurde, die aus Flugzeugattrappen und aufblasbaren Panzern bestand; sie diente einzig und allein dazu, die Deutschen auf den Holzweg zu führen und sie über die wahre Stärke der alliierten Streitmacht im Unklaren zu lassen. Als Patton in England eintraf, war Deutschland in der Tat endgültig davon überzeugt, dass es mit einer zweiten Invasion am Pas de Calais rechnen musste. Denn dass ein Haudegen seines Schlages nur eine Geisterarmee befehligt, konnten sich die Nazis beim besten Willen nicht vorstellen.

Patton war mit seiner Rolle natürlich nicht zufrieden, sondern fühlte sich um den verdienten Lohn gebracht und außer Gefecht gesetzt. Den britischen Oberbefehlshaber Bernard Montgomery beschimpfte er wegen seiner zögerlichen Haltung bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit als »kleinen Affen«. Erst am 6. Juli 1944, einen ganzen Monat nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie, übertrug man ihm das Kommando über die 3. US-Armee.

Statt mit einem Truppentransporter über die unruhige See zu schaukeln, bis einem kotzübel war, flogen wir mit einer C-47 über den Kanal, eskortiert von vier P-47-Thunderbolt-Jagdbombern. Ich begleitete ihn im Auftrag des amerikanischen Soldatensenders AFN (American Forces Radio) und sollte über ihn berichten, bis Paris eingenommen war. Embedded journalists gab’s also schon im Zweiten Weltkrieg und sind keine Erfindung von George W. Bush.

In Omaha Beach wurde Patton von den Soldaten wie ein Filmstar empfangen, und er wurde seiner neuen Rolle auch gleich mit seiner ersten Ansprache gerecht: »Ich bin stolz, hier zu sein und mit euch zu kämpfen. Jetzt wollen wir den Krauts Feuer unterm Arsch machen und sie vor uns her bis nach Berlin treiben. Und wenn wir dort sind, dann werde ich den Anstreicher, diesen Hundesohn, persönlich erschießen, wie ich es mit einer Schlange täte.«

Dafür führte er extra einen antiken, vernickelten und mit einem Elfenbeingriff versehenen Colt mit sich und seinen Bullterrier Willi, der Hitlers Schäferhündin Blondi mühelos die Kehle durchgebissen hätte.

Seinen Männern predigte er, dass noch kein Bastard einen Krieg gewonnen habe, der für sein Land sterben wollte. Einen Krieg gewinne man vielmehr, wenn man einen anderen Bastard für sein Land sterben lasse. Er selbst schien unsterblich zu sein. Als er unter Beschuss seine Truppen inspizierte und ihm ein Soldat, der ihn in der Hektik des Gefechts nicht erkannte, zurief, er solle verdammt noch mal in Deckung gehen, antwortete er unbeeindruckt von den links und rechts neben ihm einschlagenden Kugeln nur: »Kümmere dich um deinen eigenen verdammten Kram, Soldat!«

Das ist natürlich nur eine Landser-Legende. Die Wirklichkeit sah doch etwas anders aus. Nachdem es wochenlang fast pausenlos geregnet hatte und die Schützengräben voller Wasser standen, wurde es am 20. Juli so heiß, dass man in den Panzern Marmelade kochen konnte. Äpfel gab’s in der Normandie ja genug, die fielen schon bei der kleinsten Berührung eines Baumes durch die offenen Luken der Panzertürme. Zum Dauerbeschuss durch die Deutschen kam nun auch noch eine Mückenplage, und wer noch keine Kriegsneurose hatte, bekam entweder Durchfall von den kleinen, harten, sauren Äpfeln oder Furunkeln am Arsch, weil er seit Wochen nicht gebadet oder wenigstens die Unterhose gewechselt hatte. Viele schossen sich in ihrer Verzweiflung selbst in die linke Hand oder den linken Fuß, doch Patton erkannte meistens genau, wenn sich jemand selbst verletzt hatte.

Die Waffen-SS lobte er hingegen als »verdammt gut aussehende Bande von sehr disziplinierten Hurensöhnen«, und ihre Baby-Divisionen, die aus fanatischen Kämpfern der Hitlerjugend bestanden, gaben uns mächtig kontra. Gefangene wurden auf beiden Seiten nicht immer gemacht. Doch diese Bastarde verminten selbst tote US-Soldaten, indem sie in hohlen Rücken Sprengfallen anbrachten oder an den Ketten ihrer Erkennungsmarken Handgranaten befestigten. Unsere Leute mussten die Leichname in die Luft sprengen, und manchmal mussten sie auch mit den Deckeln ihres Essgeschirrs die Reste ihrer Kameraden aus ausgebrannten Panzern kratzen.

Es war von Anfang an ein schmutziger und unbarmherziger Krieg, und mein einziger Trost war, dass ich wenigstens nicht in Parchman Steine klopfen musste, wie Bukka White und Son House, die dort gesessen hatten. Aber war es das wert, in Frankreich sein Leben zu riskieren?

Und ob! Als wir in Paris einmarschierten und die Stadt von der Nazi-Herrschaft befreiten, wurden wir jubelnd begrüßt, als wären wir Frank Sinatra persönlich. Das war der totale Kick. Tout Paris lag uns zu Füßen. Der Place Pigalle wurde binnen kürzester Zeit zur Pig Alley, und in den Vergnügungslokalen rund um das Moulin Rouge hatten die Huren alle Hände voll zu tun und mussten täglich zehntausend Soldaten abfertigen. Am Place Vendome lagen GIs am hellichten Tag betrunken auf dem Trottoir, und es entstand ein florierender Schwarzmarkt, der schon bald Chicago-sur-Seine genannt wurde.

Auf unserem Vormarsch hatten mir französische Widerstandskämpfer vom Hot Club de France erzählt, einer »Vereinigung der Liebhaber des authentischen Jazz«, die 1932 von Studenten der Sorbonne gegründet worden war. Sie hatten mir Platten von Django Reinhardt vorgespielt, und sobald wir in Paris waren, suchte ich ihn auf, denn in New Orleans war ich heftig vom Jazz infiziert worden.

Django Reinhardt war ein Manouche, ein Zigeuner, und wohnte im letzten Kriegsjahr schon lange nicht mehr in einem Wohnwagen, sondern in der Nähe der Métro-Station des Place Pigalle – weil das, wenn Paris von den Alliierten bombardiert werden sollte, angeblich der sicherste U-Bahnschacht war. Er hatte einen nussfarbenen Teint, zog sich gerne bunt an und trug meistens einen Stetson oder einen anderen hellen Hut. Im Juli 1943 hatte er in Salbris Sophie Ziegler geheiratet, die wegen ihrer fleischigen Wangen aber nur »La Guigne«, die Süßkirsche, genannt wurde. Trotzdem hatte er stets Löcher in den Strümpfen, und die Ärmel seiner Jacketts waren bisweilen nur mit zwei Stichen an der Schulter befestigt.

Django konnte weder lesen noch schreiben und war sprunghaft und misstrauisch, aber auch eitel und stolz. Mithilfe seiner Cousins verwandelte er jeden Raum schon bald in ein Lager voller Tassen und Teller, Weinflaschen und Lebensmittel, Bilder, Klamotten und Instrumente. Als ich ihn zum ersten Mal zu Hause besuchte, lag er wie ein Pascha auf dem Bett; als ich ihm jedoch eine Schellackplatte von Louis Armstrong als Gastgeschenk überreichte, hielt er sich die Hände vors Gesicht und fing an zu weinen: »Ach moune! Mon frère!« Wie ich später erfuhr, ist »moune« ein Ausruf höchster Bewunderung unter Zigeunern.