Romantitel und Hinweise

SIGNAL 4

Die Augen eines Fischermädchens


Dramatischer Liebesroman




Die im Roman wirkenden Figuren, deren Namen und der Taifun sind frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Persönlichkeiten am Ort der Handlung wären rein zufällig und sind keinesfalls gewollt. Das Coverbild repräsentiert das Umfeld der Handlung, eine traditionelle Kleidung und einen Augenausdruck, nicht eine der Protagonistinnen direkt. Das Buch ist in den meisten Details nicht autobiografisch.


Covergestaltung: Ricardo Legacion, Hans Radmann

Coverfotos Rückseite: Fischer in San Joaquin: Hans Radmann

Coverfotos Frontpage: Impressionen am Strand San Joaquin / Fischerboot / Sampaguita Blumen: Hans Radmann

Junge Frau im Kimona: donsimon/Shotshop.com

Unwetter O12: Felix Mittermeier/Pixabay





Über diesen Roman

"Deine Augen sind ein Kunstwerk..."


Ein liebenswert exotischer Ort, ein Mann mit zielgerichtetem Herz, die Beschreibung einer faszinierenden jungen Frau. Die Gefühlswelt und Interaktion zwischen den beiden Hauptdarstellern, mitreißende Dialoge, die Darstellung ihrer tiefen Emotionen, dazu die Macht einer loyalen Freundschaft und einer Liebe, die selbst größte Enttäuschungen und von Menschen nicht verhinderbare Tragödien überstehen kann. Das alles beschreibt „SIGNAL 4 – die Augen eines Fischermädchens“.

Die detaillierten Schilderungen der Naturkatastrophe und der Gefühle der Betroffenen können bei manchen Szenen sensible Leser emotional schwer berühren, aber in Verbindung damit werden auch die glücklichen Momente der Protagonisten kraftvoll positiv beschrieben.

Katastrophen-Thriller und romantische Love-Story? Machen Sie sich einfach auf die Reise und erleben Sie die herrlichen Augen der jungen Valerie und die enorme Zuversicht der Romanfiguren hautnah.

Auf den beiden letzten Seiten ist eine Erklärung für philippinische Wörter beigefügt, die im Text gelegentlich vorkommen. Der Leser kann den Bedeutungen aus dem Kontext der Sätze jedoch leicht folgen.



Der Autor


Hans Radmann, seit 1995 glücklich mit einer Filipina verheiratet, beherrscht annähernd fließend die Tagalog-Sprache, liebt die Kultur des Landes und setzt sich mit den Lebensverhältnissen, der Kunst und der kulturellen Geschichte der Region auseinander, aus der die Familie seiner Frau stammt.

Als Aufbauhelfer nach dem Taifun „Haiyan“ in 2013 erlebte er auf Panay-Island die Auswirkungen nach diesem Ereignis. Hans Radmann möchte hautnah ungeschönte Dramatik darstellen, dabei einen Happy End Rahmen schaffen, den individuelle Figuren wegen ihrer Ziele und ihrer Liebe zueinander zu erreichen verstehen. Ihn beeindruckten die Willenskraft zum Neuanfang und die Solidarität vieler Menschen in den betroffenen Gebieten. „Haiyan“ und vor allem die große Liebe zu seiner Frau sind die Inspirationen gewesen, Gedanken, Emotionen und menschliche Bindungen durch ein Romanwerk zu beschreiben, mit erfundenen Figuren ohne direkten autobiografischen Hintergrund.


Der Fund des Tagebuches

Der Fund des Tagebuches


Befreiend fühlt es sich für ihn an, richtig erleichternd. Seine mit den neuen Sportschuhen ausgerüsteten Füße streicheln feinen gelben Sand. Nils Becker hat diesmal eine Reise ungewöhnlicher Art gebucht. Junge Frauen grüßen ihn beim Vorbeigehen schüchtern, gelegentlich kichernd. Graue Betonplatten sind hier augenscheinlich im Gesamtambiente völlig unbekannt. Ungastliche Stille, in sich gekehrte Pendler in halbem Schlafzustand und mit Handys alleine herumlaufende, abwesende Zeitgenossen auf lauten Hauptverkehrsstraßen fehlen ihm fast schon, denn das alles kann Doktor Becker hier nicht ausmachen. Wo er herkommt, ist es alltäglich. Es ist diese Befreiung in der Realität mit dem Sand unter den Füßen, dem Platschen der anlandenden Wellen, vereint mit den leichten Bewegungen in den grünen Palmwipfeln. Nils Becker erlebt tatsächlich naturreine Idylle in einem allgemein so tituliertem Inselparadies. Dieses ungezwungen natürliche Lachen der Kinderscharen am Strand, die mit Bambusrohren im Wasser herumplanschen und dies gepaart mit rhythmisch melodischem Meeresrauschen und dem immer wiederkehrenden Geräusch der Wellen an der sandigen Küste hier im Süden von Panay Island. Das ist ja Urlaub. Eine Art Urlaub, die dieser gestresste Psychotherapeut noch nie so wahrnahm. Er ist heilfroh, einmal nicht an einen der in der Welt so populären Orte gereist zu sein, die zu viele Leute kennen und über die sie ellenlange, langweilige Monologe vom Zaun brachen. Bangkok, Hong Kong, die Malediven. Dort zieht es die meisten Fernreisenden hin. Doch die Idee eines Kollegen war exotisch, der schon drei Mal auf den Philippinen zum Tauchen gereist war. Der empfahl dem ziemlich überarbeiteten Arzt bei einem Barbesuch in der Metropole Frankfurt, es auf dem Inselreich mit der, wie er sagte, besten Entspannung der Welt zu versuchen und dabei neue Eindrücke in Form von Bildern, eingefangen mit seiner Spiegelreflexkamera, zu gewinnen. Becker hatte in der letzten Zeit jede Menge Patienten gehabt, die wegen Angststörungen zu ihm gekommen waren. Nun brauchte er einen Abstand für diese drei Wochen. Hier ist das Leben recht simpel, aber fröhlich leicht. Es ist ungetrübt leicht und easy gehalten, das Ganze in den Augen des Europäers so empfundene Leben der lächelnden Menschen. Die Fischerboote mit den typischen Auslegern auf jeder Seite faszinieren ihn, ebenso die freundlichen Leute, bereit für jede Art Lächeln, angefangen von dezent schüchterner Manier bei den Mädchen über breitem Grinsen bei den lustigeren Typen bis hin zu echten kopfnickenden Gesten ganzer Freude mit dem Gedanken an ein kleines vorteilhaftes Geschäft mit dem Fremden. Becker hatte beobachtet, wie zwei Männer in einem Zehn-Meter-Boot an einer mit Haken gespickten Schnur jede Menge kleiner Fische an Bord holten, während er amüsiert darüber nachdenkt, dass er und seine High Tech Ausrüstung zuhause es gerade einmal fertigbrachten, einen mickrigen Karpfen nach einer Stunde aus einem Anglersee zu holen. Seine Bleibe für die nächsten fünf Tage ist ein Cottage-Haus aus Bambus mit Ventilator und eigener Toilette. Es ist kein Luxusresort, aber authentisch. San Joaquin ist touristisch ein halb weißer Fleck auf der Landkarte und das genau war es, was Nils Becker haben wollte. Auch ein Restaurant mit einer romantischen Inneneinrichtung in echt originalem philippinischem Stil gibt es, ein paar Läden und eben dieses wunderschöne Meer, in dem all die Kinder fröhlich lachend zusammen spielen. Gerne möchte Nils Becker mehr von diesem Ort sehen. Fast hätte er ein Fachbuch über angewandte Psychologie in sein Handgepäck gepackt, aber im letzten Moment entschied er sich dagegen. Vielleicht gibt es hier englischsprachige Bücher mit neuen Themen, die sein neugieriges Wesen befriedigen könnten. Seit ein paar Minuten schon beobachtete ihn dieser junge Mann einige Meter weit entfernt. Er schien zu begreifen, dass dieser Fremde seine Hilfe zu benötigen schien. Nils Becker erwidert den Blick des jugendlichen Filipinos, der mit einem Hauch von kecker Courage zu fragen beginnt.

„Sir, entschuldigen Sie bitte. Kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, ich denke wirklich. Ich komme aus der Hauptstadt Manila und bin tatsächlich das erste Mal hier auf den Philippinen. Es muss doch gerade hier spezielle Dinge bei euch geben, interessante Orte für meine Fotokamera. Alleine suchen würde gehen, aber ob ich dabei so erfolgreich wäre?“

Der junge Mann lächelt, reicht seine Hand zum Gruß. Alleine suchen? Er hat seinen Kunden gefunden, wie es scheint.

„Ich werde Kaloy genannt. Freut mich, Sir.“

„Nils Becker. Freut mich ebenso.“

„Dass Sie hier das erste Mal sind, würde ich nicht so laut sagen, wer weiß schon, wer das nicht für sich ausnutzen würde. Ich könnte Sie für ein kleines Entgelt einen Tag lang gerne begleiten. Ich kann auch ein Boot für uns chartern. Ich kenne hier die meisten Bootsführer. Eigentlich alle. Die sind froh über jeden Fahrgast. Manchmal kommen hier Wale durch, aber da muss man Glück haben. Vielleicht erwischen wir heute ein paar Delphine.“

„Warum sprechen die Bootsbesitzer mich nicht selbst an?“

„Warum sprechen Sie die Bootsleute nicht selbst an?

„Gut geantwortet, junger Mann. Vielleicht können sie mich nicht verstehen mit meinem Englisch?“

„Hier kann doch fast jeder Englisch. Manche können ein Boot steuern, andere sind gut im Kundenwerben. So funktioniert das hier.“

So recht scheint der junge Mann an seine Worte in Bezug auf die Delphine nicht zu glauben, wenn der Gesichtsausdruck, den Becker bei dem jungen Burschen zu erhaschen meint, dem entspricht, was er denkt.

„Bist du Fremdenführer?“

„Och. Ich mache jede Menge Sachen, Sir. Darf ich fragen, was Sie arbeiten?“

„Ich bin Arzt.“

„Warum gehen Sie dann nicht nach Boracay oder nach Palawan, wo die vielen Amerikaner sind? Dort kann man klasse Korallen sehen, jede Menge Restaurants besuchen, Cocktails trinken, Karaoke singen und viele „Foreigners“ treffen.“

Irgendwie geschäftstüchtig war der Jugendliche schon, dies war unübersehbar, dazu kam sein geschulter kecker Blick. Wer hier in jungen Jahren bereits aufmerksam war, wie er zu einigen Pesos kommen konnte, war es im fortgeschrittenen Alter sicher noch weit besser hier in diesem Land, das fernab der Heimat Doktor Beckers so ungeordnet schien, wenn auch freundlich exotisch.

„Denkst du denn, dass ich Amerikaner bin?“

Kaloy grinst als Antwort auf Beckers Statement etwas scheu zurück und verrät schon dadurch, dass er wohl falsch gelegen haben musste. Nils Becker erleichtert die fast schon lustige Scham des jungen Kerls durch die rechte Information.

„Ich komme nämlich aus Deutschland.“

Kaloy zieht überrascht die Augenbrauen hoch.

„Wer ist denn schon ein „Foreigner“? Ich möchte das Leben der einfachen Leute erleben. Mich reizt es zu sehen, wie Menschen in ihrem wirklichen Lebensalltag zurechtkommen.“

„Talaga? (Wirklich)“

Doktor Becker hat das Gefühl, das der junge Mann nicht wirklich versteht, was er gerade sagte oder vielmehr erklären wollte. Sicher ist das dem Umstand geschuldet, dass Kaloy einfach ein hier aufgewachsener junger Kerl ist oder ihm nicht glaubt.

„Ich würde mich freuen, Kaloy, wenn du mir hier in San Joaquin etwas zeigen würdest. Ich bin sicher du kennst dich gut aus.“

Nach der Übereinkunft über den Preis dieses Fremdenführerservices meint der junge Mann, dass es eigentlich gleich losgehen könnte. Das Wetter ist schließlich herrlich, die Kamera bereit, die Speicherkarte noch jungfräulich. Die beiden gehen los. Nach einem Marsch von gut einer halben Stunde blickt Doktor Becker auf eine langgezogene sichelförmige Bucht und fotografiert interessiert die Form der Landzunge und drei davorliegende kugelkopfartige Felsen, an denen sich sanft die Wellen brechen. Diese Landzunge hinter der Bucht erstreckt sich immer spitzer zulaufend weit in das Meer hinaus. Ein Einheimischer hätte dessen Form mit einem Zuckerrohrmesser verglichen, einem der dünnen gebogenen Schneidewerkzeuge, die hier im Land beim Ernten in der gleißenden Hitze dafür verwendet werden. Die drei runden knollenförmigen Felsen muten wie eine lustige Verzierung der Landzungenspitze an. Das neue teure Ultra-Teleobjektiv von Beckers Kamera ist hervorragend geeignet, die weite Szenerie einzufangen. Schaumkronen werden in die Luft geworfen, als die Wellen gegen die Felsen geschleudert werden. Ein eindrucksvoller Anblick, herrlich gemacht für ein präzises, originelles Foto. Er muss aber plötzlich innehalten. Das brennweitenstarke Objektiv hat Merkwürdiges hinter der Felsengruppe ausgemacht. Er sieht zu seinem Begleiter mit der Baseballkappe herunter, der sich auf einem Stein gesetzt und in einem kleinen Buch zu lesen begonnen hat.

„Kaloy?“

„Ja, Sir?“

„Was schaut da hinten aus dem Wasser hinter den drei runden Felsen dort? Ich sehe ein ziemlich langes Stück Holz an einem Gestell oder so etwas in der Art. Was ist das für eine Konstruktion? Bindet man dort Netze fest oder was ist das?“

Es dauert plötzlich ein wenig mit der Antwort aus dem Mund des jungen Mannes, den ein kurzzeitiger zarter Schreck in seinem Gesicht schüttelt. Die Frage hat dem Jungen nicht gefallen. Blitzartig erkennt Nils Becker das. Er ist einfach hoch sensibel geschult. Es lässt sich nicht wegwischen, auch nicht im Urlaub.

„Ist alles in Ordnung?“

„Sicher… Das da hinten ist ein… umgekipptes Schiff, Sir.“

„Ach so, ein Schiffswrack. Es sieht aus als wäre es ein großes Boot wie ihr es hier habt mit diesen Auslegern. Wann ist das passiert?“

„Vor vier Jahren.“

„Du kennst den Vorfall mit dem Boot? Wem gehörte es?“

Ein feines Innehalten, ja vielmehr eine Art entzücktes Lächeln weht über das Gesicht des jungen Burschen.

„Meinem Kuya. Das Schiff dort draußen hatte einen schönen Namen. Übersetzt ins Englische heißt es „Freund von der Insel Panay“.

„Dein „Kuya? Meinst du damit einen guten Freund?“

Kaloy druckst etwas herum. Was ging denn diesen fremden Mann seine Geschichte an? Konnte man ihm überhaupt trauen?

„Warum wollen Sie das wissen? Ich kenne Sie doch gar nicht.“

„Entschuldige bitte, junger Mann.“

Kaloy mustert den Arzt lange. Er schien ihn abzuscannen, um herauszufinden, wie vertrauenswürdig der Fremde wirklich sein mochte. Die Fragerei gehört nicht zum Service, aber so sind diese Touristen eben. Manchmal nervte Kaloy das, aber hier war es anders. Der Mann neben ihm schien sanfter, aufrichtiger zu sein als die meisten anderen Typen, die er hier schon herumführte und von denen einige ziemlich schnell nach Kontakten zu Frauen nachfragten. Kaloy ist erst 16 und traditionell erzogen. Er findet diese Urlaubsbeziehungen zwischen den einheimischen Mädchen und diesen Reisenden nur schrecklich.

„Schon okay.“

Ohne zu wissen, dass der junge Kaloy schon viele Erfahrungen mit Ausländern gemacht hat, wünscht sich Doktor Becker in seiner Neugierde einfach mehr zu erfahren. Er hatte sich bereits in dem Resort umgesehen, in das er sich einquartiert hatte und dabei in Gesprächen unter den Leuten hier Wörter wie „Kuya“ oder „Tita“ aufgeschnappt. Es schien ihm so, dass diese Begriffe Redewendungen sein mochten, die einen sozialen Stand, einen Rang oder das Alter des Angesprochenen zum Ausdruck brachten und somit respektvolle Anreden darstellen mussten. Der Psychologe hatte stets den Adlerblick in seiner manchmal penetranten Neugier, machte sich gerne Notizen in einem kleinen Block, wenn er etwas für ihn wirklich Neues erfuhr. Die meisten kommen zum Spaß haben hierher. Nils Becker sieht Spaß für sich im Nachdenken fernab der Heimat, im Sammeln neuer Eindrücke. Tatsächlich hatte er kurz nach dem Einchecken in dem Resort sich die Details der Machart seiner Bambushütte betrachtet und amüsierte sich über die eingebaute Dusche in Form einer Betonschale umringt von einer halbhohen Rohziegelwand. Der Deckenventilator ist obligatorisch, die glanzlackierten Bambuswände authentisch. Mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen liebt er. Kaloy ist ein netter Jugendlicher, der jede Scheu vermissen lässt.

„“Kuya“ sagt man hier zu älteren Leuten, stimmt´s?“

„Ja Sir.“

„Wer ist denn dein „Kuya“? Lebt er hier im Ort?“

„Nein. Er lebt in Deutschland. Er ist ein Foreigner wie Sie.“

„Warum ist dieses Boot gekentert?“

Es scheint nun, dass Nils Becker wieder mal, auch hier im wohlverdienten Urlaub, wieder ins Hamsterrad des Berufes zurück gerutscht ist. Fragen stellte er seinen Patienten ständig, erforschend deren Hintergründe, Leiden, Ängste, Paniken und Gefühle. Der junge Kaloy beginnt traurig nach unten zu sehen, blättert nervös in seinem Buch und lacht leicht sarkastisch auf.

„Ein Boot…? Ein Boot.“ Sein Blick hat etwas leicht Ironisches angenommen während er fortfährt.

„Das ist ein Schiff mit fast 24 Metern Länge, kein Boot.“

Becker bemüht sich um Höflichkeit. Er ist eben das touristische Greenhorn hier, der so manches kulturelle Hindernis mit Wort und Tat zu überbrücken gedenkt.

„Entschuldige bitte, wenn ich etwas Blödes gefragt habe.“

„Schon gut, Sir. Es war… es war wegen „Yoyleen“, vor vier Jahren.“

„“Yoyleen“? Interessanter Name. Eine Frau? Wer ist das?“

„Er hat das Schiff zerstört. Unser Gott und mein Kuya Anthony haben mich beschützt. Die „Kaibigan of Panay“ aber konnte keiner retten.“

„Kaibi… was of Panay? Was bedeutet das?“

„Sagte ich doch schon. Freund von Panay. Damals… „Yoyleen“.“

„Bitte. Wer ist das?“

„Sie fragen zu viel! Lassen Sie mich in Ruhe.“

Nils Becker setzt sich neben den traurigen jungen Mann, der sich zitternd auf seine Lippen beißen muss.

„Ey. Das tut mir leid. Dein „Kuya“ Anthony muss darüber auch sehr traurig gewesen sein.“

Kaloy nickt nur, es ist ihm noch unangenehm, über diese Erlebnisse weiter zu reden, dies spürt Becker. Konnte es sein das der junge Mann etwas emotionell verarbeitet, was ihm bis jetzt nicht so gelungen war wie er es sich wünschte? Es sieht untrüglich so aus.

„Schon gut, Sir. Möchten Sie weitergehen?“

Nils Becker fühlt so etwas wie ein starkes Begehren diese Geschichte ganz zu erfahren. Er wusste aus verschiedener Literatur, dass asiatische Menschen angeblich nicht so einfach aus sich herausgehen und freimütig über solche tiefen emotionalen Dinge reden. Was sollte er nun tun? Geld für eine Story anbieten war ihm zuwider und ein solcher Gedanke allein wäre schon zutiefst unhöflich gewesen.

„Mich würde die Geschichte von deinem Freund Anthony sehr interessieren. Das beeindruckt mich.“

Kaloy mustert diesen Doktor, blättert in dem kleinen Buch.

„Uns beeindruckt das nicht. Wenn eine Stadt von einem „Signal 4“ zerstört wird.“

Becker beginnt zu begreifen, was der junge Kerl meint.

„Eine Stadt? Jetzt begreife ich. „Yoyleen“ ist kein Mensch. Es war ein Unwetter, nicht wahr?“

„Die kriegen hier alle Namen. Die Taifune…“

„Darf ich fragen was du da liest?“

„Meine Bibel, die hat mir Tita Ynez geschenkt.“

„Eine Lehrerin von dir?“

„Nein. Sie war die Frau von Kuya Anthony.“

„Dann ist sie also eine Filipinerin.“

„Sicher doch, Sir.“

Der Blick des jungen Mannes wird wieder steinern. Nils Becker wartet einen Moment ab, und fragt vorsichtig weiter. Ein Tourist, wenn auch gewissermaßen Fachmann und die Scheu eines anderen Menschenschlags. Nils Becker schaut unerbittlich fokussierend auf die Teile des gekenterten Schiffes hinter den drei kugelkopfförmigen Felsen.

All das erregt seine Aufmerksamkeit enorm.

„Ich möchte dort hinfahren.“

Kaloy springt auf und klopft sich den Sand von seiner Boxershorts.

„800 Pesos für zwei Stunden. Abgemacht? Dort hinten liegen Boote. Ich kenne die zwei Männer gut.“

Eine Stunde später hat das Acht-Meter-Boot mit seinen Insassen das gekenterte Wrack erreicht. Etwa 15 Meter entfernt von dem aus dem Wasser ragenden Schiffsteil machen sie halt. Becker ist plötzlich seltsam beunruhigt, doch weiter interessiert, begierig zu erfahren was es mit diesem seltsamen Wrack auf sich hat. Fasziniert hält er seine Kamera auf das Gebilde gerichtet, den Auslöser eifrig betätigend. Der aus dem Wasser ragende massive Schwimmer ist mindestens doppelt so lang wie das Boot, in dem die Männer sitzen. Er schaut auf ihr eigenes, dagegen winziges Boot. Dessen Schwimmer sind jeweils an zwei mit Leinen verspannten Bambusauslegern befestigt. Das aus dem Wasser ragende Teil jedoch ist an fünf fachwerkartigen Trägern mit angerosteten Metallteilen befestigt. Der Schwimmer ist kein einfaches Bambusrohr, dafür ist das Wrack viel zu groß. Es ist eine hölzerne Hohlkastenbauweise, aufwendig glattgeschliffen ausgeführt, als es noch intakt war. Die Oberfläche aber ist nun sehr verwittert und grau. Es ist eine ungewöhnliche Konstruktion, so modern wie ein schnittiger Rennsegler mutet das gekenterte Schiff schon ein wenig an. Becker ist mehr als verwundert, dass es seit den vier Jahren bis heute noch gar nicht vollends zertrümmert worden ist. Rein technisch erscheint ihm das unmöglich. Um zu ergründen, warum dies so ist, versucht er durch das Kameraobjektiv Details zu erhaschen, die eine gewinnbringende Antwort liefern könnten. Die Auslegerstreben sind ebenfalls grau verwittert, teilweise angebrochen. Durch die Bruchstellen kann er rotes Holz hindurch scheinen sehen, was auf hartes Mahagoni hindeutet. Besonders seltsam kommen ihm die rostigen Schraubenfedern vor, die den Schwimmer offensichtlich gegen den Rumpf gewissermaßen beweglich abstützen. Trotzdem kann Nils Becker es nicht glauben. Die Brandung ist zwar recht sanft an diesem Tag und scheint sich vor dem Wrack an der Stelle eines der drei Felsgebilde aufgrund dessen Form zu teilen, aber es musste ja klar sein, dass dies nicht immer so ruhig zugehen mochte, was die anbrandenden Wellen betrifft. Unterhalb des Wassers kann man den Umriss des Rumpfes erkennen, in dessen Mitte eine Art Aufbau zu sein scheint, dessen Dach bereits völlig fehlt. Die Stümpfe zweier Masten sind zu erkennen, wenn auch schwach inmitten des auf und ab schwappenden Wassers. Hinter dem fast schon aufgelösten hölzernen Aufbaus sind rostige Metallelemente zu erkennen, die Teile des Antriebs gewesen sein mussten.

„Es liegt wirklich schon vier Jahre hier?“

„Ja, Sir.“

„Hatte dieses Ding etwa auch Segel?“

„Das ist kein „Ding“. Die „Kaibigan of Panay“ ist das schönste Schiff gewesen, was wir hier je zu sehen bekommen haben.“

„Aber warum ist es immer noch so intakt?“

„Bald nicht mehr. Das Meer zerschlägt jedes Wrack irgendwann. Dieses Meer kann Menschen töten. Zusammen mit einem Wirbelsturm dann ganz sicher.“

Nils Becker begreift das einfach nicht. Ein großer Ozeandampfer war einmal vor Fuerteventura gestrandet, nachdem er sich in einem Sturm von dem Schlepper losgerissen hatte und begann, schon nach etwa drei Tagen in der Mitte auseinanderzubrechen. Wieso liegt ein solches 24 Meter-Holzschiff dann noch so sichtbar in einem Stück hier? Ein hölzernes Boot. Kaloy hat seine eigene Erklärung.

„Man soll vielleicht sehen, dass dies dort ein Fehlschlag war und wir Menschen nicht hochmütig werden sollen.“

Nils Becker meint zu verstehen, erwidert nichts. Er ist nicht religiös, eher agnostisch veranlagt. Ist das hier einfach nur ein umgekipptes Wasserfahrzeug oder steckt gar etwas dahinter, was Becker tiefgründige Einblicke in Gefühle und Erlebnisse von interessanten Menschen, von einfachen Menschen, von mit Sehnsüchten geplagten Menschen, verschaffen sollte. Der junge Kaloy sucht in seinem Rucksack und kramt ein anderes, ziemlich verknittertes Buch hervor.

„Sir. Hier. Ich will Ihnen sagen, was das ist.“

Plötzlich jedoch springt der Junge hoch, lässt das Buch fallen, gestikuliert wütend zu zwei bei dem Wrack aufgetauchten Männern, die etwas aus Metall in der Hand haltend aus der Tiefe geholt haben. Becker greift rasch danach, um es vor Beschädigungen in der Wasserlache auf dem Bootsboden zu retten.

„Verschwindet da! Hört ihr? Lasst das Schiff in Ruhe! Ihr seid freche Diebe! Lasst diese Sachen dort wo sie sind, sie gehören euch nicht! Haut ab da!!“

Kaloy beginnt in einer Art Zorn leise zu weinen. Die beiden Taucher schauen nur desinteressiert zu den Männern im Boot als würde sie das alles gar nicht berühren.

„Verschwindet dort, hört ihr!“

Nils Becker ergreift die Situation so als hätte er sofort begriffen, was hier offenbart wird. Er beschaut das zerlesene Buch aus der Hand des jungen Mannes. Es ist nicht die Bibel, die er vorher bei dem aufgeregten Jungen entdeckte und die im Übrigen sehr gepflegt aussah. Der junge Mann setzt sich gehetzt atmend wieder auf seine Sitzstrebe im Boot.

„Blöde Diebe sind das! Man tut so etwas nicht.“

Scheu und zurückhaltend schauen die beiden Männer, die das Boot steuern, auf die Szene, mischen sich nicht ein. In ihrer Meinungswelt ist das nur am Strand liegender Sperrmüll, der anderen jetzt helfen kann. Für den jungen Kerl aber ist es Familienbesitz, der unantastbar ist, solange er sichtbar aus dem Wasser ragt. Kaloy zeigt mit seinem Finger auf das Büchlein in Beckers Hand.

„Nehmen Sie das hier und lesen Sie es einfach. Hier hat mein Kuya Anthony was aufgeschrieben, in Englisch. Das können Sie ja sicher verstehen. Mein Kuya Anthony spricht unsere Sprache, er kann gut Tagalog reden. Er ist wie einer von uns, wie ein Filipino. Ich habe das Buch erst vor ein paar Monaten von meinem Vater bekommen. Er sagte, ich wäre jetzt alt genug um es zu lesen.“

„Dein Kuya Anthony hat also alles hier drin aufgeschrieben? Über das Schiff da und den Wirbelsturm auch?“

Der junge Mann nickt nur einmal kurz, schaut nach unten ins Wasser.

„Wann hast du denn Kuya Anthony das letzte Mal gesehen?“

„Vor vier Jahren.“

Becker schaut wie gebannt auf das Buch. Noch eine halbe Stunde fahren sie um das Wrack herum. Der aus dem Wasser ragende, an den technisch ausgefeilten Auslegerarmen angebrachte Schwimmkörper sieht schon ein wenig unheimlich aus. Nun machen sie kehrt, die bezahlte Zeit ist gleich um. Nach der Ankunft am Strand möchte Kaloy sofort nach Hause und vereinbart, am nächsten Tag im Resort bei Nils Becker vorbei zu kommen, um das Buch wieder abzuholen.

„Ey Kaloy.“

„Was gibt es noch, Sir?“

„Bist ein netter Kerl. Ich freue mich, dich kennengelernt zu haben. Salamat! (Danke)“

Kaloy zeigt den hochgestreckten Daumen und nickt fröhlich.

„Danke sagen können Sie ja schon. Machen Sie weiter, Sir. Dann lernen Sie unsere Sprache bald.“

Während Becker langsam die Landstraße zu seinem Feriendomizil entlanggeht, kann er sich nicht davon zurückhalten, auf den ersten Seiten dieses Buches die in Englisch geschriebenen Ereignisse und Gedanken eines Mannes mit Namen Anthony in sich aufzunehmen. Beinahe wird er von einem Motorradfahrer touchiert, weil er unkonzentriert die Straße nicht beachtet. Es schreckt ihn auf. Glücklicherweise ist das Resort gleich erreicht.

„Hallo Sir. Möchten Sie etwas bestellen?“

Die junge Filipina Schönheit lächelt den Arzt an. Ihn hat das Tagebuch schon längst in seinen Bann gezogen und eine längere Konversation mit dem Mädchen mag er im Moment nicht führen wollen. Der Deckenventilator in dem Bambushaus brummt monoton und durch eine leichte Unwucht in der Welle zwitschert er gelegentlich in einem unwirklichen Ton. Becker hat sich eine große Flasche Wasser und ein Reisgericht mit Schweinefleisch bestellt. Es klopft wieder leise an der Tür. Die hübsche junge Frau ist es erneut und lächelnd zelebriert sie förmlich ihre Handbewegungen beim Abstellen des Tabletts und dem Platzieren der Teller und des Drinks. Sie trägt keinen Ehering.

„Möchten Sie noch etwas. Sir?“

„Nein danke.“

„Wir haben heute Abend Karaoke und dort ist der TV-Saal, mit einem Nachtprogramm für Leute, die Liebesfilme mögen. Sie haben ja kein minderjähriges Kind dabei.“

„Ach… so. Ich danke Ihnen für den netten Tipp. Aber ich möchte gerne ausruhen, Inday. Ist das richtig ausgesprochen?“

„“Inday“ sagen hier ältere Menschen zu jüngeren Mädchen, Sir.“

„Dann bleibe ich vielleicht bei „Miss“.“

„Gute Nacht, Sir.“

Leise geht sie aus dem eleganten Bambushaus hinaus und schließt artig die Tür. Becker findet ihr Auftreten ein wenig überfreundlich und mit irgendeinem Motiv dahinter beseelt. Aber vielleicht ist es nur ein vorschnelles Urteil. Rasch vergisst er diesen Gedanken, liest augenblicklich weiter. Zunächst isst er dabei mit gutem Appetit, aber schon nach vier Bissen ist er mehr am Inhalt des Gelesenen interessiert. Der Inhalt des Geschriebenen ist fesselnd, ja eigenartig spannend. Dieser Anthony ist erkennbar kein Neuling im Schreiben, so wie sich die Sätze in dem Bericht darstellen. Selbst ein der Hingabe zu seinen Patienten verschriebener Mann wie er vergaß das Essen kaum. Seine Augen bleiben an den niedergeschriebenen Gedanken in diesem alt aussehenden Buch förmlich kleben. Die Geräusche des Ventilators vermischen sich mit den leise zu hörenden Brandungsgeräuschen zu einer Kulisse, die kaum noch stört. Einen Bissen des in der leicht scharfen Soße zubereiteten Fleisches nimmt Becker noch und kaut, während er eine Passage besonders genau liest, sehr lange und beinahe entspannend daran.

„…ich wollte gestern gleich einschlafen, weil die Arbeit an dem Schiff so mühsam gewesen war. Meine Hände taten weh nach der Montage der Segelleinen. Aber es gelang mir einfach nicht. Diese wunderbar mitteilsamen Augen zogen und ziehen mich in einen Bann. Sie war bei unserer letzten Begegnung auch so fordernd in ihren Fragen. Das niemand ihr Kleid anfassen soll, erscheint allen merkwürdig, doch ich will es verzeihen, oder verstehen. Es gibt sicher viele junge Frauen hier, doch dieses Fischermädchen kann gar nicht erahnen, wie besonders ihr Charakter ist, ihre Anmut, ihr wissbegieriges Wesen. Das Folklorefest ist morgen und Valerie wird den Tinikling tanzen. Das ich ihr größter Fan sein werde, ist niemandem bewusst…“

Valerie. Dieser Name wird in den Aufzeichnungen eines Mannes wiederkehrende Bedeutung haben. Sprach Kaloy aber nicht von einer Frau namens Ynez? Er hatte dem Jugendlichen versprechen müssen, das Buch am nächsten Tag wieder zurück zu geben. Die Zeit um den Inhalt einigermaßen vollständig zu lesen würde also extrem kurz sein. Das Eis im Glas fängt an zu schmelzen und über der aufkommenden Spannung vergisst er bereits den Reis. Er ist zu gebannt in die Geschichte vertieft, die Geschichte aus diesem zerlesenen, zerknitterten Buch. Was hatte dieser verheerende Tropensturm hier eigentlich angerichtet? Warum baute jemand, der im Grunde hier gar nicht heimisch war, ein Boot wie dieses? Wer waren seine Freunde? Sollte das in diesem Buch irgendwie zu ergründen sein? Aus einer Lebens- und Leidensgeschichte von einigen Menschen, die hier miteinander zu tun hatten? Doktor Nils Becker nimmt sich vor, das zu erforschen. Es brennt in ihm unglaublich. Er muss einfach anfangen, in dieses Buch einzutauchen. Warum ist er nicht Handwerker geworden, anstatt die Psyche seiner Mitmenschen zu sezieren?


Vier Jahre zuvor

Vier Jahre zuvor


Die vielen Stimmen um Anthony und seinem Gegenüber erscheinen an diesem Abend wie ein schützender Hort vor der Wirklichkeit. Das Freilichtrestaurant ist fast bis zum letzten Platz besetzt, der herrlich sonnige Tag zuvor und die musikalische Livedarbietung bescheren im Moment dem Lokal jede Menge Arbeit und gute Stimmung. Freudige, ausgelassene Stimmen der sich vergnügenden Menschen unter den runden schirmförmigen Bambusdächern, welche die Tische aus Naraholz und Mahagoni im Hinterhof der Resto Bar überspannen. Gerne musterte Anthony diese ganzen Details in der Hafenstadt Iloilo, in den liebenswerten Etablissements wie dieses hier. Er, der Europäer, der sich in Asien eben wohler fühlt und die Sehnsucht nach der ihm angenehmen Art des Lebens hier zu finden schien. Sein Blick schweift zurück zu einer kleinen Bühne. Das Gesicht der Sängerin verrät ganze Hingabe.

„Nawawala ang pag-ibig ko…“ (Verloren meine Liebe…)

Einer dieser dramatisch anklingenden Liedtexte, den es in allen möglichen Variationen hierzulande komponiert gibt. Die Liebe, die glüht. Die Liebe, die zerbricht. Die Liebe, die jeder so ersehnt. Doch sie kann es. Anthony versinkt beinahe im Rausch dieser energisch anmutigen Gesangsstimme der jungen Frau mit langem schwarzem Haar, welches im Schein der Lampions glänzt. Das weinrote Instrument des Bassisten fällt besonders auf. Es ist ein Sechssaiter, der hier sehr selten zu sehen ist. Die Band jedenfalls bringt die Leute an den vollbesetzten Tischen in freudige Stimmung. Tische, die mit Tellern, Flaschen und Cocktails nahezu übersät sind, zeugen von der Ausgelassenheit der Restaurantbesucher. Die Leute lassen es sich gutgehen. Das hart verdiente Geld wird mit der Familie verprasst, ein Muss in dieser Kultur. Diese war und ist es, die er so liebt, mit ihrer bizarr lockeren Art, den Schwierigkeiten des Lebens zu begegnen.

„Meine Familie findet die Küste schöner.“

„Du bist sehr angepasst, mein Schwager. Ich will dich immer so nennen. Auch jetzt noch. Ja… Schwager.“

„Danke, Arnel. Anpassen kann man sich, aber nicht seine Herkunft leugnen. Du bist ein „Capizenio“.“

„Ich habe mich arrangiert. Marie Claire.“

„Sicher. Kann ich nachvollziehen.“

Dazu konnte Arnel Velasquez nichts erwidern und nickte. Sein Freund kam schließlich aus einem anderen Kontinent, auch wenn er schon viele Jahre hier auf den Philippinen verbracht hatte. Den Grund hatte er, damals noch. Damals. Es graut ihm, jetzt wieder daran denken zu müssen. Von einem „Damals“, dass ihn wie wiederkehrende Nadelstiche immer wieder in Erinnerung ruft, wie brachial anders es in seinem Leben heute ist. Hastig trinkt er sein Cocktailglas leer. Lustig lachende, bekannte Stimmen nähern sich. Arnels Frau Marie Claire kommt gerade aus dem inneren Restaurantbereich zurück und unterhält sich witzelnd mit ihrer Schwägerin Conchita, der Jüngsten, nachdem sich die beiden die Grillspezialitäten an der Theke angeschaut und natürlich für Anthony und Arnel mitbestellt hatten. Die Männer genießen schon ihren vierten Drink und vertiefen sich wieder in ihre Gespräche. Die Musik geht weiter und wieder ist es ein Love-Song. Sicher, die Liebe als Thema, das den ganzen Abend schon poetisch als Untermalung für die sehnsüchtigen Gedanken der Menschen zarten Einfluss erkennen lässt, zusammen mit den leiblichen Genüssen bei gutem Essen und den Drinks im Kreis der Gleichgesinnten.

Bis in die Nacht hatte es gedauert und müde kam Anthony in sein Zimmer mit dem monotonen Klang des Ventilators in dem einfachen Kolonialhotel. Es ist diesmal ein billiges Hotel. Nur die Nacht will er hier verbringen, sonst nichts. Stets waren die tropische Hitze und die Luftfeuchtigkeit im Land für Anthony ein schwer zu ertragender Teil in seinen Erfahrungen hier gewesen. Heute ist es auch nicht anders. Glücklich war er trotzdem stets gewesen in seinem Schweiß, ohne ständig auf der Suche nach Räumen mit Aircon zu sein. Langsam streicheln seine Finger über eine kleine Fotografie. Er blickt neben sich auf das Bett, muss innehalten und zittert, hält sich die Hände vor sein Gesicht. In solchen Betten hatten sie sich unterhalten, ihre Liebe genossen und Pläne geschmiedet, für jeweils den Tag und für ihre Zukunft. Das kleine zerknitterte Foto. Zarte Augen blicken ihn von dieser Fotografie her an. Waghalsig war sein Plan, hier zu leben, schon. Aber finanziell etwas abgesichert durch die Erbschaft der verstorbenen Mutter für den Anfang. Dazu kam ja diese fantastische Liebe, die zwei Menschen zusammenführte. In einem Entwicklungsland in solcher Weise als Fotograf zu beginnen half das zumindest eine katastrophale Bauchlandung zu vermeiden. Der menschliche Aspekt wog immer viel mehr, somit war das Abenteuer Routine. Die treue Liebe seiner Frau Ynez und die Hilfe des Familienclans. Anthony hatte mit dem Aufbau eines kleinen Fotoladens hier tatsächlich Fuß fassen können, für einen Ausländer nicht immer selbstverständlich. Doch es gelang, mit Kreativität und gemeinsamer Anstrengung, die sie ihm meisterhaft vorlebte. Nebenbei schreibt Anthony Romane. Es ging um Liebe, in dem aktuellen Projekt, bis dieser Tag kam.

„Bis übermorgen, Liebster.“

„Grüß Tante Florentine von mir. Ynez.“

„Ja?“

„Ich liebe dich.“

„Ich dich auch.“

Er zählt die Tage und friert innerlich dabei. 96 Tage ist es her. Die vier Beamten waren mit ernsten Mienen in das Haus seines Schwagers gekommen. Natürlich musste man die schlechte Botschaft erst anderen sagen, hoffend, dass diese Nachrichten dann weitergetragen würden, ohne den Foreigner direkt ansprechen zu müssen. Das gab den sinnlosen Aufschub von einigen Minuten. Die Gesichter der Anwesenden sprachen Bände. So riefen sie ihre junge Kollegin herbei. Die unternahm die traurige Aufgabe mit ihrer weiblichen Feinheit, obwohl sie höchstens 23 gewesen sein mochte. Die junge Polizeibeamtin machte ihren Beruf noch nicht lange, doch Feingefühl hatte sie, den sie in diesem Moment nicht gerne einsetzte.

„Sir. Wir müssen ihnen leider mitteilen, dass ihre Frau bei dem Unfall mit dem Überlandjeep bei Miagao getötet wurde. Sie geriet unter das Fahrzeug, als es sich mehrmals überschlug. Sie hatte sicher nur kurz etwas gespürt.“

Starr vor lähmender Angst schaute er damals der Polizistin in die dunkelbrauen Augen. Die Beamtin fing zu weinen an. Anthony riss dann seine Hände vor das Gesicht und begann herzzerreißend zu schreien. Die Umstehenden warteten scheu und pietätvoll. Eine Ahnung, wie man am besten reagieren sollte, hatten sie auch nicht gehabt. Die grausame Realität holt Anthony wieder ein nach diesen blitzartigen Gedankensprüngen. Szenen seiner gemeinsamen Vergangenheit mit Ynez schieben sich hintereinander gereiht vor sein geistiges Auge. Ihr Lachen und ihre oft so lustig blitzenden Augen hatte er eben gesehen. Ynez war bildschön und von zarter Statur gewesen. Ihre Kombinationsgabe und Prinzipientreue faszinierten ihn jeden Tag in neuen Dimensionen in diesem Abenteuerland. Ynez´s Hingabe bei der Liebe empfand er als bahnbrechend. Palmen wogen sich im Wind und sie stand neben ihm, händchenhaltend. Weitere Bilder träumt er nun in seinem Wachzustand. Von fröhlichen Familienfesten. Vom Ausruhen am Strand in der Sonne, dort wo sie in nicht weiter Nachbarschaft mit ihrem Bruder übernachteten. Ihr schönes Gesicht erscheint wieder. Er kann es ganz deutlich sehen. Szenen seiner Ehe. Auch eines der intensiven Liebeserlebnisse kann er sich in seine Erinnerung rufen. Einmal nachts in einer einsamen Hütte umgeben von wiegenden Palmengeräuschen und dem Klang des Meeres. Sie erlebten ihre reine Wonne in allem vereint mit Ihren Körpern. Anthony schüttelt den Kopf. Solche Bilder bringen ihn zum Frieren. Ja, er beginnt wieder zu weinen. Alleine in dem Zimmer, in dem er nur die Klimaanlage in ihrem stoisch langweiligen Geräusch vernehmen kann. Arnel und seine Frau schlafen im Nebenzimmer. Sie alle trauern doch unaufhaltsam, diese Scheinfröhlichkeit in der Bar hatte doch nur kurz abgelenkt, mit den Drinks und gutem Essen. Bezahlt werden musste es ohnehin und die Sorgen, Ängste und die Ungewissheit, was er eigentlich nun machen will, breiten sich spätestens am nächsten Tag wieder unverrückbar aus. Schlafen? Man kann es weiterhin versuchen. Der Versuch erweist sich aber nur als kaum machbares Unterfangen. Anthony schläft höchstens eine Stunde in dieser traurigen schwülen Nacht.

Der Tag ist wieder sehr beschäftigt nach dem Frühstück. Die Straßen Iloilos sind voll von all den Menschen, die ihren Alltagsbeschäftigungen nachgehen. Aber es gibt immer dieses Lächeln zwischen den komplizierten Problemen, die Anthony bekannt waren und sind. Dazu lebte er schon lange genug auf den Philippinen, um zu wissen, wie komplex so manches Problem für den Einzelnen hier ist. Stets war Anthony aufgeschlossen die hiesige Kultur in sich aufzusaugen und zu differenzieren, um nicht in den negativen Missmut zu fallen, den manche seiner Landsleute gegen das Land entwickelt hatten. So berauschend die Ehe mit Ynez für Anthony auch gewesen war, so liebte er auch die Gastfreundschaft der anderen Menschen trotz der Hürden, diese zu zeigen. Auch der Mut, aus Zerstörungen heraus wieder weiter zu machen und Neuanfänge zu tun, beeindruckten Anthony tief. Und dies war auch in der Familie von Ynez so, und diese ist sehr verzweigt. Arnel gebietet allen, zum Terminal zu gehen, an dem die Fahrgelegenheiten, die Neunsitzer-Minibusse, in Richtung der Provinzen warten.

Den Fahrer kennt Arnel schon aus seiner Schulzeit. Arnel scheint hier immer jemanden zu kennen. Dies ist hier so im Gegensatz zu der unpersönlichen Welt der europäischen Industriestaaten. Hier ist das Persönliche allgegenwärtig, diese Welt der Ehre im Umgang miteinander und dem Ruf, den die jeweilige Familie genießt. Dies entscheidet über Akzeptanz oder Niederlage des Einzelnen. Anthony war auch der Sonderling, der hellhäutige Mann, der sich die Akzeptanz der Menschen im Dorf tatsächlich verdient hatte und nun in seiner eigenen Heimat der Sonderling war, weil er es geschafft hatte, ganz in die Kultur der Filipinos einzutauchen.

Anthony spricht Tagalog. was ihn immer weiterbrachte. Nun entstehen immer die gleichen Reaktionen, einerseits das Gespräch mit aufgeschlossenen Menschen, die sein nicht immer präzises Tagalog mögen und anderseits diejenigen, die die Scheu vor dem Gespräch hindert, mit Anthony tiefer bekannt zu werden. Ein Europäer, der ihre Sprache spricht, ist selten in der Stadt und ziemlich mirakulös hier auf dem Land. Aber die Gesprächsthemen sind doch einfach für dieses Kennenlernen, die Familie, der Glaube, die Arbeit und die Anzahl der Kinder. Anthony muss hier immer still warten und die passende Antwort kreieren. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Die Gründe dafür will er keinem erläutern, muss es aber zu oft doch tun. Nicht immer gelingt es ihm, mit Mitreisenden zu reden. So hat er wieder einmal Gelegenheit durch die Fenster des Kleinbusses die landwirtschaftlich geprägte Landschaft zu betrachten. Viele Felder sind jedoch schon abgeerntet, gegliedert zwischen den Kokospalmen liegend und von manchem kleinen Haus begrenzt. Ob es aus Mauerwerk oder aus Bambus erbaut ist, entscheidet immer die Menge der vorhandenen materiellen Mittel. Dabei findet Anthony, dass es einfach darauf ankommt, wie kunstvoll ein Haus gebaut ist und dass Bambus einfach authentischer ist. Anthony ist belesen, fotografierte pausenlos und gab immer seine Kommentare zu diesen für ihn authentischen Details im Land ab. Die Bambuskunst, die Traditionskleider, die Tänze und Feste. All das bemühte er sich bei den Einheimischen lebendig zu halten, indem er sie pausenlos auf die Notwendigkeit zur Erhaltung dieser Dinge ansprach.

Immer nach diesen zwei Stunden Fahrt und der Wanderung durch die Reisfelder war Anthony glücklich hier zu sein, obwohl sehr müde von der Feuchtigkeit der Luft und der Hitze des Tages. Es ist so wie immer, dass der Minibus am späten Nachmittag erst hier im Dorf ankommt. Die Insekten beginnen wieder ihren monotonen Gesang in die spätnachmittägliche Umgebung anzustimmen, was den sehr baldigen endgültigen Sonnenuntergang bedeutet. Da gab und gibt es aber immer die Zeit beim Abendessen mit Nanay (Mutter) Lorna und denen die sonst noch auf der Farm zu Besuch waren. Dies konnte eine von ihren Verwandten sein, ihre Neffen, Nichten oder ein Nachbar, der mal wieder auf ein zwangloses Gespräch vorbeigekommen war. Diese Besuche waren häufig gewesen in den letzten Wochen, meist zum kondolieren. Die Familie Velasquez ist sehr geachtet hier in der Community. Die Vorfahren waren Clanführer und Verwalter gewesen. Ynez erzählte oft über diese vergangene Zeit, so verstand Anthony ihr Wesen als stolze Filipina, die stets Hingabe in allem bewies, immer mehr.

Die Müdigkeit stellt sich wegen der Hitze schnell ein. Dunkel sind die Nächte hier stets, aber auch verbunden mit der Sicht auf die klaren Sternbilder am Himmel. So nimmt Anthony die Sterne noch kurz wahr, bevor er die Tür des kleinen Bambushauses neben Mutter Lornas eigener großer Heimstatt schließt. Im Schein der Lampe und schemenhaft verhüllt von dem nötigen seidenartigen Moskitonetz schaut er an die Decke des Naturpflanzendaches der kleinen Hütte. Anthonys Blicke flackern nur noch zweimal auf, die monotonen Insektengeräusche hörend. Der Gecko mit den roten Punkten sitzt nach wie vor auf dem oberen Mittelbalken des Daches, in eiserner Ruhe verharrend. Ein leichtes zischendes Geräusch zuckt durch die Stille, erzeugt durch die schnalzende Zunge des Tieres, das gerade einem großen Moskito den Garaus gemacht hat.

„Guten Morgen, Anthony, du bist spät!“

„Spät? Jaja…“

Spät findet er die Zeit auf der seiner Uhr nicht wirklich, die gerade mal halb acht Uhr morgens anzeigt. Für die Leute hier aber ist das aber schon bestenfalls „Brunch Zeit“. Lächelnde Gesichter, besonders die der Kinder von Marie Claire leuchten Anthony an, der nicht anders kann, als sein zerknirschtes Gesicht zu einem feinen Lächeln zu verwandeln. Da tut der Instantkaffee noch ein Übriges, um den Kopf klar zu machen. Auch wenn auf einer Farm eigentlich um fünf Uhr früh der Tag schon beginnen sollte, konnte Anthony noch nie ganz so zeitig ins Tagesgeschehen eingreifen, aber niemand nahm es ihm je übel. Dies hatte zunächst mit seiner Fremdartigkeit zu tun, später, als Nanay Lornas Mann starb, war er ja der Mann der Erstgeborenen und in einer Position in der Familie aufgerückt. Jetzt hat er diese Position immer noch in theoretischer Weise und weiß nicht sicher, ob es wirklich noch so ist. Arnel ist der Zweitgeborene, und hat als Mann nun unausweichlich die Rolle des Familienführers im Geiste des Respekts zu der Mutter auszufüllen.

„Tito Big Man!“

Anthony bemüht sich die Tasse gerade zu halten und den Schreck zu vergessen, damit die heiße Brühe nicht über seine Hand läuft. Es ist Mauring und ihre kleinen Anthonys Bauch umschlingenden Ärmchen. Diese liebevollen Attacken verzieh er den Kleinen gerne. Besonders lieb hatte Anthony dieses Kind gewonnen, sie ist das zweite von Dreien, ganz der Gegensatz zu der Familienplanung, die er und Ynez so energisch verfochten und gelebt hatten, sehr zum Unverständnis vieler anderer.

„Tito Big Man, hast du einen Luftballon?“

„Da muss ich mal sehen was ich machen kann.“

Unbeholfen grinsen und die Augen rollen hilft nicht wirklich, um die Kleine abzulenken, die ohnehin schon weiß, dass ihr „Tito“ irgendwo noch Luftballons hat, die er aus Deutschland irgendwann vor Jahren mitgebracht hatte.

„Und ich?“

Klar, dass auch die Geschwister in kindlicher Gerechtigkeit ihren Ballon haben möchten. Zufrieden mustert Anthony die spielenden Kinder mit ihren Ballons. Zu gerne hätte er ihnen gezeigt, was man mit wassergefüllten Ballons hätte so alles anstellen können. Das wäre bestimmt sehr lustig. Conchita reicht ihm einen Becher Kokoswasser. Ganz frisch aus der grünen Frucht geholt. Sie ist die jüngste Schwester von Ynez, weinte tagelang nach dem schrecklichen, unfassbaren Unglück. Ynez war ihr Vorbild gewesen, führend, stolz und gewissenhaft. Nun wirkt Conchita immer noch so still. Sein Blick wird augenblicklich zu dem ansteigenden schmalen Weg zum Eingang des Anwesens gezogen, dieses Motorengeräusch kennt er genau. Es ist Anthonys eigenes Motorrad. Es war teuer und ist die einzige echte Geländemaschine hier in der Gegend. Und Anthony beherrscht sogar die berüchtigte „Balikbayan“ Steigung kurz vor San Rafael, mit Passagier, was nur gelingt, wenn man sich wie ein Trial-Fahrer ganz nach vorne beugt und sich mit annähernd Vollgas im zweiten Gang nach oben arbeitet, ohne auch nur den Gedanken an einen Halt zu verschwenden.

„Hoy, Anthony!“

„Schön, dich zu sehen, Onkel Sam.“

„Ganz meinerseits. Ich habe den Schwarzen aus Roxas mitgebracht.“

„Den zwölf Jahre alten?“

„Ich muss noch Rohrzucker holen, oder?“

„Wenn du das noch machen würdest, Onkel, würden wir uns freuen. Nanay braucht auch noch drei Kilo Fisch.“

„Keine Sorge. Ich kaufe es gleich ein. Willst du mitkommen, Ronnie?“ Der Junge lässt sich das nicht zweimal sagen und klettert freudig glucksend auf den Soziussitz.“

„Viel Freude. Pass nur auf mit dem Kind.“

Anthonys Erwiderung hat aber nur formalen Charakter. Onkel Sam ist einer der besten Fahrer hier im Ort der Reisfarmen und kommt nur hinter Roel, denn der hier ist der Experte auf dem Motorrad.“

„Was macht Roel Lopez denn zurzeit?“

„Ist schwer mit der Arbeit. Er ist deswegen nicht in Dacuton.“

Anthonys Herz schnürt sich zusammen nach dem was Arnel erzählt. Er mochte Roel sehr. Er war im Grunde ein milder, arbeitsamer und geschickter Mann, ruhig und freundlich. Irgendwie konnte Anthony die oft glanzlosen Augen von Roel erkennen, wenn er versunken in seinen Gedanken vor sich hinblickte und sicherlich grübelte, einfach nur stoisch grübelte. Er musste an innerer Zerrissenheit leiden, etwas was er Anthony aber nicht sagte oder sich nicht traute zu sagen. Oft trank er nur ein paar Gläser Rum und verabschiedete sich lautlos und irgendwie fluchtartig. Dann hörte man am nächsten Tag von Nachbarn, dass er völlig betrunken nach Hause gekommen war.

Es ist Abend geworden nach einem Tag auf der Plantage. Anthony hatte Bananenpflanzen sauber geschnitten und deren vertrocknete abgetrennte Blätter verbrannt. Diese Arbeit lenkte ihn in seiner Trauer ab. Die Machete schwingen ermüdete und der Schwiegermutter war damit gut geholfen. Irgendwann danach erschien Onkel Sam wieder. Der 12-jährige Tanduay Rum wurde daraufhin andachtsvoll als Willkommenstrunk eingeschenkt. Die Gespräche drehen sich um alles Mögliche, von den Ereignissen auf Panay angefangen bis hin zu den neusten Nachrichten aus der Weltpolitik. Das Lagerfeuer knistert als Naturillumination und beruhigt dabei. Doch Anthony lässt es nicht los, über den Freund aus dem Dorf nachzudenken.

„Ich schaue mal, ob ich Roel morgen auf dem Markt treffen kann.“

„Keine Chance. Er ist immer irgendwo, Kuya. Angeblich soll er zurzeit in Roxas City im Norden sein, keine Ahnung.“

„Wir könnten ihn für unser Projekt wirklich gebrauchen.“