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Nebelträume (Band 3)

Books on Demand GmbH, Norderstedt

© Claudia J. Schulze, 2020, Bilder von Anke Hartmann , Leipzig und Helmi Bouker, Hergla (Tunesien), Lektorat: Phillo, Leipzig und Matthias Ziebarth Frankfurt am Main, ISBN: 9783748105206

Wenn es einfach wäre, dann wäre es nicht lebendig

(Mia)

Kapitel 1 -

Kai und Räuber

Ebenso froh wie Lukas über die Wiederkehr Mias war, war auch Kai, als er endlich seinen geliebten alten Schäferhund „Räuber“ wiederhatte.

Räuber begrüßte ihn so stürmisch, dass Kai beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. „Hey, gehst du mit mir joggen?“ wollte er von Räuber wissen?

Das brauchte er Räuber allerdings kein zweites Mal fragen. Sobald Kai sich die Jogginghose und seine schwarzen Turnschuhe anzog stand Räuber wie immer völlig aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd neben ihm und konnte es kaum erwarten bis es losging. Kai war ein wirklich schneller Läufer und schon immer mit Abstand der sportlichste Junge der ganzen Klasse gewesen. Lukas selbst rannte zwar auch nicht gerade schlecht, aber das Training mit Räuber war doch etwas ganz Anderes – gewesen. Zu seinem großen Entsetzen bemerkte Kai, dass Räuber beim heutigen Lauf die Luft ausging, und dass der so ausdauernde Hund, der immer vor ihm gelaufen war nun zurückfiel, zunehmend langsamer und erschöpfter wurde. Kai setzte sich auf den weichen Waldboden und wartete darauf, dass Räuber endlich wieder zu ihm aufschließen würde.

Schließlich kam er angetrottet und setzte sich ebenfalls. Kai sah ihn sich genau an um zu sehen, ob es etwas gab das auf eine Krankheit von Räuber hinweisen könnte. Wenn jetzt doch nur Lukas da wäre. Der kannte sich mit so etwas viel besser aus. Nun blieb ihm allerdings nichts Anderes übrig als selbst hinzuschauen. Räuber sah eigentlich aus wie immer, nur, dass das Fell in seinem Gesicht mit einem Mal auffällig grau und stumpf aussah. Kai erschrak denn es würde ihm mit einem Schlag bewusst, dass Räuber sehr alt geworden war, dass er schwächer wurde, und dass er nicht für immer mit ihm durch den Wald würde rennen können. „Das macht doch nichts Räuber“, sprach er auf ihn ein wie um ihn zu trösten. Im Grunde wollte er sich allerdings auch selbst ein wenig damit trösten. „Wir brauchen auch echt nicht zu rennen weißt du? Wir können ebenso gut so ganz gemütlich miteinander spazieren gehen, oder etwa nicht?“ Räuber blickte ihn aus seinen dunklen Augen treuherzig an und Kai, der plötzlich einen Kloß im Hals verspürte, versuchte sich mühsam zu beruhigen, was gar nicht so leicht war. Dann dachte er an Agathe, an Annie und den Eintrag in ihrem alten Tagebuch. Agathes Tochter war schon viele Jahre tot, doch es gab, über sie, eine Erinnerung an seine Mutter als Kind. Kai tröstete dieser Gedanke. Er spürte nun, in diesem Moment, wie alles irgendwie ineinander überging, alles ineinanderfloss. Leben, Tod, das dazwischen, dazu die Gewissheit, dass wirklich niemand am Ende verloren gehen würde. Nicht einmal für eine Sekunde. Und das half ihm auch ein wenig an dem einen Tag an dem er so plötzlich und ganz entsetzt bemerkte, wie es denn tatsächlich um seinen Hund Räuber stand. Er sammelte sich noch ein wenig. Schließlich stand er auf und lief langsam los.

Räuber folgte ihm. „Es hat ja echt auch so seine Vorteile langsam zu gehen“ wiederholte Kai seinen tapferen Versuch sich und Räuber zu trösten. „Man sieht viel mehr von der Umwelt“. Räuber sah ihn wieder an mit seinem treuen, mittlerweile so grauem Gesicht in dem die Augen nun viel größer wirkten als sonst und wedelte glücklich mit dem Schwanz. „Ich werde einfach immer und immer mit dir in den Wald gehen, Räuber“, versprach er ihm noch. „Und wenn ich Dich den ganzen Weg tragen muss.“ Kai meinte das nämlich ganz genauso wie er es sagte. Niemals hätte er seinen Hund im Stich gelassen. Er erinnerte sich an die Nacht, an dem er und Lukas Räuber aus der Waldhütte des alten Simon entführt hatten, weil sein Vorbesitzer, der alte Simon, ihn schlecht behandelte. Seither gab es für Kai keinen Tag ohne seinen „Räuber“ – von der kurzen Zeit in Holland einmal ganz abgesehen.

Ruhig und gemächlich liefen, oder besser: trotteten die beiden den Weg gemeinsam zurück nachhause. Da es tatsächlich ab und an schon ganz schöne Vorteile hat langsam zu gehen sahen sie eine ganz besondere Eule.

Es war natürlich Luna. Und ein Tag an dem man Luna sah konnte wahrlich niemals, niemals ein schlechter Tag sein, so wie es dann auch nie eine schlechte Nacht sein konnte. Etwas ganz Ähnliches dachte wiederum auch Lukas in den Nächten, in denen Gerda oder Kieran um sein Haus flogen. Das war gut so, denn Kai standen noch ganz andere Herausforderungen bevor. Der endgültige Abschied von Räuber und von Maxime war abzusehen. Beide waren alt. Doch Klopfer, sein Hase war es nicht. Und doch war es gerade Klopfer, der ihn als erstes verlassen sollte. Ganz anders als vermutet, und für Kai besonders schmerzhaft.

Vor allem deshalb, weil es überhaupt keinen Sinn zu ergeben schien. Seine anderen Tiere waren alt. Immerhin konnte er sich da ein klein bisschen- ein bisschen- damit trösten. Aber die Sache mit Klopfer, die ergab wirklich einfach überhaupt gar keinen Sinn.

All das, und wie es dazu kam, ich erzähle es Euch ein wenig im Zeitraffer, nur damit die einzelnen Zusammenhänge etwas klarer werden, hing nur mit Regina zusammen, einem Mädchen das sich alles nahm was es wollte. Ganz unabhängig davon, ob die Dinge ihr gehörten oder nicht. Und so kam der Tag, an dem sie eben tatsächlich auch vor Klopfer nicht Halt machte und Kais Hasen einfach stahl. Sie hatte sich früh, schon lange vor der Schule an den Hasenstall geschlichen, der an einer verwinkelten Ecke des Hauses war, isoliert und hoch genug, damit Klopfer geschützt war, mit Decken versehen und einem Schloss. Doch all das nützte nichts. Es konnte Klopfer nicht vor Regina retten. Sie war offenbar begabt, oder aber ziemlich geübt darin Schlösser zu knacken. Nach weniger als drei Minuten war das Schloss zum Hasenkäfig offen. Der Hase zappelte ängstlich auf ihrem Arm, und Regina nahm ihn mit in die Schule.

Sie ging nicht in Kais Klasse, so dass die anderen Kinder Kai kaum kannten, und daher eben auch nicht wissen konnten, dass es eigentlich Klopfer, der Hase von Kai war – nicht Reginas Hase.

Stolz zeigte sie ihn überall herum. Dann, in der großen Pause, ging sie mit ihm nach draußen und ließ ihn einfach laufen. Er verschwand sofort über den Schulhof, den schmalen Trampelpfad, vorbei am kleinen Weiher im Wald und wurde niemals wieder gesehen. Alle, die Schüler und die Lehrer gleichermaßen, waren von Reginas Verhalten geschockt, Kai lief bleich und unfähig etwas zu sagen in Richtung des Waldstücks. Regina wiederum wusste nicht warum sie das getan hatte. Warum sie den Hasen denn nicht wenigstens zurückgebracht hatte. Sie konnte sich selbst oft nicht verstehen, Vielleicht hingen ihre Aussetzer damit zusammen, dass ihr Vater jeden Schritt, den sie tat streng kontrollierte und überwachte. Oft verbot er ihr den Umgang mit den Kindern von Menschen die er nicht mochte, er bestimmte was sie anziehen sollte und was sie sich zum Geburtstag gefälligst zu wünschen hatte. Manchmal warf er sogar Dinge von ihr weg weil sie ihm nicht gefielen. Was sie wollte, wen sie mochte, was sie sich wünschte- das waren Dinge, die ihm offenbar egal waren. Wer weiß…vielleicht passierte deshalb ab und an etwas so gänzlich Unkontrollierbares mit ihr. Doch auch mit dieser Erklärung war weder Kai noch dem Hasen Klopfer geholfen. Kai war untröstlich.

Man sah es ihm vielleicht nicht an, so hartgesotten, wie er sich meistens gab, doch liebte er Tiere über alles.

Die ganze Schulklasse, sogar Angelina und auch die Parallelklasse, der mürrische Hausmeister und alle Lehrer, sogar die Direktorin, halfen mit den Hasen zu suchen, leider umsonst. Er wurde trotz allergrößter Bemühungen nicht mehr wieder gefunden. Ich weiß beim besten Willen nicht warum, doch Mia, die Freundin von Lukas und Kai, ging von diesem Ereignis an, vom Tag des verschwundenen Hasen, tatsächlich beinahe jeden Tag in den Wald, um nach Klopfer zu suchen. Gerade so als hoffte sie tief und inständig, dass Regina zurückkäme, wenn nur erst der Hase wieder da sein würde.

Regina selbst hatte die Schule nach diesem unglücklichen Vorfall nämlich noch in der gleichen Woche verlassen.

Doch vielleicht hingen noch ganz andere Dinge mit Regina zusammen. Ein wenig hatte sie wohl auch den Verdacht, dass Regina nicht nur Kais Hasen sondern auch Fuchs, ihren eigenen, roten Kater gestohlen haben könnte.

Doch es war natürlich nur ein kleiner, winziger und gänzlich unbewiesener Verdacht. Insgeheim hielt sie gerade Fuchs nämlich für zu schlau, um Regina auf den Leim zu gehen. Nur sicher war sie sich eben nicht. So oft Mia aber auch suchte: Weder der Hase noch Regina noch Fuchs kehrten zurück.

Es war Kai, der behauptete, dass Fuchs und der Hase erst an dem Tag oder erst in der Nacht zurückkommen würden, an dem genau sieben Raben mit vereinten Kräften laut nach den beiden riefen. Er erzählte es überall herum und schmückte es aus. Dies würde man, so sagte er, noch überdeutlich im Umkreis von vielen, vielen Kilometern hören. Das klang zwar insgesamt völlig unwahrscheinlich, doch aus reiner Neugier schon achteten die Kinder nun stärker auf die Raben als sie das bisher getan hatten. Allein das hat jedenfalls noch nie jemandem ge-schadet. Die Raben haben es nämlich zu jeder Zeit verdient, dass man auf sie achtet.

Mia suchte weiter. Täglich und ohne Hoffnung. Doch mit einem Mal, an einem der zahllos gewordenen Tage, an denen Mia im Wald nach dem Hasen suchte, sah sie plötzlich etwas Rotes in der Ferne aufblitzen.

Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht, denn zwar sah es aus wie Fuchs – was natürlich schön war, da es jedoch immerhin bedeutete, dass er noch am Leben war.

Doch andererseits konnte sie noch immer nicht verstehen, warum er sie einfach so vergessen hatte. Vergessen, nun ja, das war wohl andererseits auch nicht das richtige Wort.

Sie musste an die Mäuse denken, die wohl Fuchs dort heimlich als Geschenk für sie hinterlegt hatte.

Offenbar wollte er, darüber hinaus, nichts mehr mit ihr zu tun haben. Wenigstens nicht direkt. Und das tat weh. Bei Kais Hasen wiederum war das wie Mia fand, etwas ganz Anderes. Wenn der einst entführte Hase Klopfer nicht mehr allein nach Hause zurückfand, so konnte ihm das immerhin ja wohl niemand ernsthaft vorwerfen. Ein unerfahrener Hase hatte sicherlich anderes vor, so ganz allein im Wald.

Doch Fuchs war so klug, und mit Leichtigkeit hätte er zurückkehren können – falls er es gewollt hätte. Die traurige Tatsache, dass er das offenbar gar nicht wollte, war etwas, über das Mia häufig nachdenken musste. Nur eine wirkliche Antwort fand sie nie.

Zum Glück gab es Lukas, dachte sie. Bei ihm konnte sie einfach nur da sein. Sprechen brauchte sie nicht viel. Jedenfalls nicht, wenn ihr nicht danach war. Und das war gut so.

Mit dem Suchen hörte sie trotzdem nicht auf. Sie konnte einfach nicht anders.

Bei einem ihrer Versuche „Fuchs“ zu finden, war Mia schließlich durch Zufall zu Kais geheimen Versteck vorgedrungen, eine Höhle beim alten Felsen. Dorthin zog er sich zurück um allein zu sein. Gepasst hat es ihm nicht als Mia dort aufkreuzte, soviel stand fest. Aber Kai wäre nicht Kai, wenn er nicht irgendwie dann doch das Beste aus der Situation gemacht hätte. Mia erreichte offenbar jedes Herz, so teilte Kai nicht nur bereitwillig die Höhle mit ihr, sondern nahm sie sogar auf dem Rückweg mit zu Agathe. Davon erzähle ich später noch ein bisschen ausführlicher. Ich erwähne es nur jetzt schon, damit ihr seht, was für ein Mensch Kai war, wie froh man darüber sein konnte ihn zu kennen.

Sie, seine Agathe, mit Mia zu teilen war wohl der größte Freundschaftsbeweis überhaupt.

Inmitten seiner Trauer um den Hasen und trotz allem, was ihm in seinem noch kurzen Leben schon alles zugestoßen war, bewies Kai, dass er ein Mensch war, der die Beschreibung „Freund“ so richtig und wirklich verdiente,

Auch zu Lukas fand Kai seinen Weg.

Doch er schritt ihn buchstäblich langsamer ab. Das merkten alle, die ihn kannten. Häufig genug dachte sich Mia deshalb, dass Regina Kais Freude irgendwie, klammheimlich und sicherlich zusammen mit dem Hasen, ganz einfach gestohlen haben musste.

Zugegeben: Mit Kais Freude war es zwar bereits seit langem nicht mehr so gut bestellt – doch der Hase hatte ihn wenigstens davon abgehalten auch noch komplett trübsinnig zu werden. Nun war er weg, der Hase – und mit ihm Kais Freude. Sie dachte ein wenig hin und her, und dann, plötzlich, hatte sie eine Idee. Wie zumeist dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung bei Mia nicht lange, und so war der Tag der Idee zugleich auch der Tag der ersten Worte, die in ihren Zauberbüchern ihren Weg auf das Papier fanden. Das war also Tag 1, an dem sie begann an ihren Zauberbüchern zu schreiben.

Mia wollte nämlich einfach unbedingt etwas haben, mit dem sie Kai, und auch sich selbst, aufmuntern konnte. Sofort, Mia verlor nie Zeit, sprach sie am Telefon mit Lukas darüber. „Echt richtig gute Idee“, fand dieser. Ich glaube es gibt keine zwei Menschen weit und breit, die häufiger miteinander telefoniert hätten als diese beiden.

Nicht nur telefoniert, natürlich. Sie haben sich auch geschrieben, haben gechattet oder, ganz altmodisch von Angesicht zu Angesicht ständig miteinander gesprochen. Ich glaube, dass das so war weil sie sich einfach immer etwas zu erzählen hatten.

Manchmal, wenn sie, was ab und zu vorkam, gemeinsam schwiegen, sprachen sie auch miteinander, auch wenn das zunächst einmal wie ein Widerspruch klingt: Es ist aber keiner. Beim gemeinsamen Schweigen spricht man nämlich auch. Aber anders. Man hört nochmals genauer hin.

In einer Zeit, in der so etwas immer weniger wird, ist das, wie ich finde, gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Lukas gefiel die Idee mit den Zauberbüchern sofort. Sie gefiel ihm nicht nur wegen Kai, sondern auch wegen Mia selbst. Lukas wusste, wie sehr sie noch immer unter dem Verlust ihrer Katze „Fuchs“ litt. „Hör mal, Mia, meine Katze, also, ich meine „Katze“ fühlt sich in letzter Zeit so allein. Willst du nicht mal nach ihr sehen?“ Das war sein Versuch, Mia auf andere Gedanken zu bringen.

Jeder tat, was er konnte. „Katze“ gehörte Lukas, und sie hatte keinen anderen Namen als einfach nur „Katze“. Mia verstand und durchschaute sofort, dass Lukas sie mit ihr trösten wollte.

Leider ging das nicht so einfach.

Andererseits würde sie vielleicht tatsächlich demnächst bei ihr vorbeischauen. Man konnte es nicht leugnen: Katzen brachten einen einfach immer auf andere Gedanken. Irgendwie ist das wohl das große Talent aller Katzen weltweit. „Katze“ würde sie zumindest für einige Momente aufheitern können- und manchmal ist auch das bereits viel.

Lukas selbst war ebenfalls, das war nicht zu übersehen, vor allem nicht von Mia, durch die Sache mit Regina irgendwie mitgenommen.

Es ist immer wieder verblüffend, wie die scheinbar einfache, manchmal einfach nur unüberlegte, gedankenlose Handlung eines einzelnen Menschen weitreichende Konsequenzen für so viele andere haben kann- im Guten und im Schlechten. Doch wenn man bedenkt, dass auf eine rätselhafte Art alles mit-einander verwoben ist, dann ist es wiederum noch nicht mehr ganz so verwunderlich.

Mia, Kai und Lukas waren, alle auf ihre Art, aus dem Takt geraten und es brauchte tatsächlich etwas, um das wieder zu ändern. Während Lukas und Kai versuchten, einfach möglichst so weiterzumachen wie bisher, zerbrach sich Mia den Kopf.

Sie musste, wie sie fand, wirklich dringend überlegen, was man dagegen tun konnte. Zuerst, das kam an erster Stelle, musste sie ganz unbedingt Kai