THE COMPLETE DJ GUIDE

 

Alles, was man als DJ wissen sollte

 

 

 

Christian Haase

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

The Complete DJ Guide

Christian Haase

 

© 2021 Christian Haase

Alle Rechte vorbehalten.

 

Autor: Christian Haase

christian@ch-kommunikation.de

 

ISBN: 978-3-98522-319-0

 

Gestaltung Titelseite: Christian Haase

Einleitung

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

2018 veröffentlichte ich mein erstes Buch („Das Große DJ-Handbuch“), in welchem ich meine Erfahrungen als Club- und Event-DJ in den damals zurückliegenden 14 Jahren an die neue DJ-Generation weitergeben wollte. Die Resonanz war enorm und seitdem coache ich junge aufstrebende Allround-DJs auch in individuellen Trainings. Quasi parallel zum ersten Titel erschien auch noch das Buch „100 Top 10 Playlisten für DJs“, eine Sammlung an Playlisten durch alle Genres und Tanzstile, alle auf der Tanzfläche funktionierenden Hits seit den 60er Jahren auf einen Blick. Ein Jahr später dann „DJ History“, ein Buch, wie der Name schon verraten lässt, welches sich mit der Geschichte des Auflegens und der Bedeutung eines guten DJs beschäftigt. Dieses rundet das Thema DJing mit jeder Menge Background-Wissen ab.

 

Immer mehr fiel mir später auf, dass manche Leser mir Fragen zukommen ließen, welche ich bereits in meinen Büchern beantwortet hatte. Die Erkenntnis lag nahe, dass diese musikinteressierten Newcomer nur eines meiner Bücher kannten und gar nicht das komplette Spektrum. Um dies zu umgehen (nicht, weil ich keine Fragen beantworten möchte, denn das tue ich sehr gern), habe ich mich entschlossen, alle drei Bücher in einem Werk zu vereinen. Damit kommen wir auf mehr als 200 Seiten geballtes Know-how für aufstrebende DJs und diejenigen, die es gern werden möchte, welches dir nun in den Händen liegt. Viel Spaß damit und ich wünsche dir jede Menge gelungener und denkwürdiger Partys!

1 DJ History

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Das DJing ist die Kunst, Musik aufzulegen. Was so banal klingen mag, einfach Musik abzuspielen, ist eigentlich ein hochkomplexes Thema. Dass es dabei nicht nur um die technische Finesse geht, mit verschiedenen Mix-Techniken einen Abend lang Musik aufzulegen oder die Voraussetzung über ein entsprechend großes Repertoire an Musik zu verfügen, ist den meisten Menschen, die sich nicht damit beschäftigen gar nicht bewusst. Vielmehr ist die Kunst, Musik aufzulegen, das Gefühl dafür zu entwickeln, was die Menschen auf der Tanzfläche eigentlich brauchen. Wo führt der Abend musikalisch hin? Wie baue ich diesen mit Verwendung eines guten Spannungsbogens auf? Wie gehe ich mit Musikwünschen um? Und wie finde ich den passenden Titel im richtigen Moment. Das Können, sein Publikum lesen zu lernen und deren Wünsche an die Musik zu erkennen, bevor sie es selbst tun – darin liegt die wahre Kunst des DJs.

 

Ob im Club, in der Disco, im Radio, auf Festivals, auf Hochzeiten oder Geburtstagen, auf Sommerfesten und Weihnachtsfeiern, bei Motto-Partys, bei Tagen der offenen Tür oder bei sämtlichen anderen Anlässen, die einem einfallen können, kommen DJs ins Spiel, um für gute Stimmung zu sorgen, die dem Anlass entsprechend und dem Publikum angemessen ist. DJs waren einmal ein Mittel zum Zweck, um überhaupt eine musikalische Begleitung auf einer Veranstaltung bieten zu können, in den letzten Jahrzehnten sind sie zu wahren Popstars aufgestiegen, deren Gagen sich zum Teil im sechsstelligen Bereich bewegen. Für viele ist das DJing ein Hobby, für andere ist es ein knallhartes Geschäft, das neben dem Künstler selbst eine ganze Armee an extra erfundenen Positionen und Stellen wie Manager, Reise-Agenten oder Booker bietet. Tausende von Arbeitsplätzen entstehen nur durch das bloße Existieren von DJs, deren Anzahl von Jahr zu Jahr ebenfalls potentiell steigt.

 

Die technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts machen es möglich, dass ein jeder DJ sein kann. Gerade in den letzten 10 Jahren hat sich hier viel getan. Im Zuge der Digitalisierung sind nicht nur die Verfügbarkeiten von Musik nahezu ins Unendliche gestiegen, auch die Preise für DJ-Equipment wie Mischpulte, Turntables oder CD-Player sind Anfängern sehr schmeichelnd entgegenkommen.

 

Der Beruf des DJs ist in den vergangenen Jahren beliebter geworden, als kaum ein zweiter. Und es bleibt abzuwarten, wohin sich all dies noch entwickeln wird…

 

1.1 Die Entstehung des DJings

 

Die frühen Anfänge des DJings gehen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts - als wir alle noch nicht geboren waren und auch noch nicht wussten, dass sich daraus für manche ein geliebtes Hobby und für andere ein ernstzunehmender Beruf entwickeln würde. Heutzutage ist es aufgrund der technischen Möglichkeiten einfach - doch die Anfänge des DJings sahen ganz anders aus.

 

Musik wurde früher ausschließlich live gespielt, und wenn Restaurant-Besitzer oder Veranstaltungs-Planer Musik in ihre Events einbinden wollten, mussten sie eine Band oder ein Orchester bestellen. Der erste Schritt Richtung DJing war demnach die Erfindung des ersten Tonträgers: der Schallplatte. Diese wurde von Emil Berliner, einem Erfinder aus Hannover im Jahre 1887 erfunden und hat sich bis heute gehalten. Tonbänder, Kassetten oder CDs waren Neuerungen auf dem Markt, doch verdrängt haben sie die Schallplatte nie. Im Gegenteil: Die Schallplatte existiert heute noch, Kassetten fielen der CD zum Opfer, die CD ist gerade dabei, aufgrund von MP3 und Musik-Streaming auszusterben. Da die Schallplatte meistens aus dem Material Polyvinylchlorid hergestellt wurde, hat sich bis heute der Begriff „Vinyl“ gehalten. Der Schallplattenspieler und sein dazugehöriger schwarz glänzender Vinyl-Tonträger machten es erstmalig möglich, Musik privat zuhause und auch auswärts in der Gastronomie abspielen zu können, ganz ohne Musiker.

 

 

Gleichzeitig entwickelten sich Anfang der 1920er Jahre mit der fortschreitenden Funk-Technik die ersten Radio-Stationen, welche die Menschen mit Musik unterhalten wollten. Es wäre jedoch kein Radio gewesen, wenn es nicht einen Ansager gegeben hätte, der die Zeit zwischen den Liedern mit interessanten Anekdoten und spannender Anmoderation gefüllt hätte. So entstand der Begriff „Discjockey“ (quasi der Jongleur der Platten) und mit ihm gab es die ersten Radio-DJs. Sendungen mit Hitparaden zogen wöchentlich unzählige Musikbegeisterte vor das Radio, um sich die neuste Musik anhören zu können und dabei spannende Hintergrund-Informationen zu Künstlern und deren Musik zu erfahren.

 

Auch in den Clubs und Discos, die in der Nachkriegszeit salonfähig wurden, war es zunächst üblich, dass der DJ moderierte und nicht einfach nur kommentarlos seine Musik herunterspielte. Veranstaltern war klar, dass sie jemanden brauchten, der für Stimmung sorgte und die Gäste zum Tanzen brachte. Schließlich wurde durch die „Musik aus der Konserve“ die Blaskapelle, das Orchester oder der Live-Sänger ersetzt, den man seinen Gästen sonst bot. Die ersten Discos mit DJs waren letztendlich ein Experiment, welches gelang, weil das Publikum es gut annahm und die Veranstalter sahen, dass sich damit Geld verdienen lies. Bis heute gibt es verschiedene Blickwinkel und Geschichten, die den angeblich ersten DJ belegen sollen, doch so ganz lässt es sich nicht rekapitulieren. Allerdings wird man bei Recherchen immer wieder über die Geschichte von Klaus Quirini stolpern, der in den 50er Jahren in einer Aachener Disco durch Zufall als erster moderierender DJ Karriere gemacht hat. Er übernahm den Plattenteller, weil der Abend langweilig schien und er gebeten wurde, es besser zu machen. Sein Erfolgsgeheimnis waren eine clevere Anmoderation (vor allem ein flotter Spruch zu Beginn, der bei den Gästen gut ankam) und ein Gespür für tanzbare Musik. Später gründete er verschiedene DJ-Organisationen und ihm ist es zu verdanken, dass die Tätigkeit des DJs auch als Beruf und ebenso von der Künstlersozialkasse anerkannt wird.

 

Der erste DJ, der sich jedoch mit richtiger DJ-Kunst hervortat, war Francis Grasso in New York. Im Jahr 1968 erfand er den Trick der Filzmatte, die man unter die Scheibe legte, um zu gewährleisten, dass man die Vinyl auf dem Plattenteller vor und zurück bewegen konnte, ohne sie dabei zu verkratzen. Damit legte er den Grundstein für Beatmatching, also das Anpassen der Geschwindigkeit zweier aufeinanderfolgenden Platten für einen nahtlosen Übergang, sowie für das Scratchen, sprich der Erzeugung von Tönen durch rhythmisches Hin- und Herbewegen einer laufenden Schallplatte auf einem Plattenspieler bei aufgelegter Nadel. Ein DJ war nun nicht mehr nur dafür da, tolle Moderation zu bieten, sondern sollte in erster Linie nonstop Musik liefern, sodass die gute Stimmung beim Tanzen einen kompletten Abend lang aufrechterhalten werden konnte, ohne dass eine Unterbrechung der Musik stattfand. Es kam also darauf an, nahtlose Übergänge von einem Song zum nächsten hinzubekommen - ohne nervige Pausen, schiefe Töne oder Dissonanzen. DJs, die ihr Handwerk verstanden, schnitten Tracks exzellent ineinander und vermischten sogar Acapellas bekannter Lieder mit Breaks verschiedener anderer Titel, so wie es beispielsweise Francis Grasso tat. Ein guter DJ verstand es zudem, zwei verschiedene Songs fast unhörbar länger als 32 Takte ohne Patzer parallel zu einander spielen zu lassen.

 

Die Notwendigkeit des Mixens ergab sich aus dem Wunsch der Veranstalter, die Tanzfläche permanent gefüllt zu haben. Um eine stetig gute Stimmung zu gewährleisten, durfte es so gut wie keine Unterbrechung geben. Außerdem ermöglichte das Ineinander-Mischen von Tracks das Spielen neuer Lieder, die das Publikum noch nicht kannte - ein guter und weicher Übergang verhinderte, dass sich die Tanzfläche leerte, wenn ein unbekanntes Lied gespielt wurde. Man konnte das Lied dem Publikum sozusagen „unterjubeln“. Trotz neuer Technologien hat sich die Pausenlosigkeit eines Sets bis heute als Trend gehalten - wenn ein DJ zu viel redet und ständig zum Mikrofon greift, ist das ein absolutes No Go. Schließlich möchte man die Musik genießen und der DJ sollte nur im Hintergrund oder zur Crowd Animation auftreten.

 

Mit einer Ausnahme: in den US-amerikanischen Ghettos der 70er war es „in“, wieder in die Musik reinzureden - so entstand die Hip Hop-Kultur, welche sich zunächst in den von Schwarzen bevölkerten Stadtteilen New Yorks entwickelte. DJs griffen wieder zum Mikrofon und riefen Sätze in die Tracks, woraus sich nach und nach Rap entwickelte. Ein Sprechgesang, der zum Rhythmus der Musik eine Botschaft vermittelte. Durch Filme wie etwa „Beat Street“, schwappte die Hip Hop-Kultur, die sich hauptsächlich in den Straßen der ärmeren Viertel abspielte, herüber nach Europa und wurde hier vor allem in den 80er und 90er Jahren von Jugendlichen als „cool“ gefeiert. Es entstand ein Massenphänomen und Rapper wie Kanye West oder auch Jay-Z gehören heute zu den reichsten Musikern der Welt – also sehr konträr zum tatsächlichen Ursprung dieser Kultur.

 

Die elektronische Musik, die sich dank des technischen Fortschritts Mitte der 80er Jahre entwickeln konnte, brachte eine weitere Jugendkultur hervor: den Techno, welcher sich in den USA vor allem in Detroit als Gegenpol zum kalten Alltagsleben in den Fabriken etablierte und von der Jugend als neue Daseinsform gefeiert wurde. In Deutschland gab es den Techno musikalisch gesehen allerdings schon früher, von der Band Kraftwerk und ihrem legendären Album „Autobahn“ angetrieben.

 

Mit aufstrebenden DJs und dem Bekanntwerden derer Namen etablierten sich ganze Marken und so kam natürlich auch wirtschaftlicher Erfolg. Die Eintrittspreise in die Discos waren den Besuchern fast schon egal - man wollte dabei sein, koste es, was wolle. So konnte der Betreiber der legendären Disco Warehouse in Chicago im Jahr 1982 einfach den Eintrittspreis verdoppeln, weil es Tausende von minderjährigen Besuchern und Jugendlichen gab, die ausgelassen darin feiern wollten. Das Warehouse ist auch bekannt gewesen als Geburtsort der House-Musik, welche vom Resident-DJ Frankie Knuckles gespielt wurde. Als DJ hatte er bekanntlich die Aufgabe, die Menge bei Laune zu halten und zum Tanzen zu bringen, Anfang der 80er aber gleichzeitig die Schwierigkeit, dass die Ära der 70er Jahre Disco-Sounds ein Ende nahm und keine neuen Pop-Songs nach diesem Schema mehr erschienen. So nahm er Tracks, die er für passend hielt, glich den Beat an und lies damit eine ganz neue Musikrichtung entstehen.

 

Auch das Studio 54 in Manhattan (New York) bot der ausgelassenen Disco- und Feier-Kultur neuen Nährboden. Der Club eröffnete im Jahr 1977 seine Pforten und galt bald als Mekka für exzentrische Partys, Drogen-Exzesse, wilden Sex und ungehemmte Feierlaune der Stars und Sternchen - wer keine Berühmtheit war, musste wenigstens so aussehen und angezogen sein wie eine, um am Türsteher vorbei zu kommen. Zu den Stammgästen gehörten Mick Jagger, Michael Jackson, Madonna, Elton John, Donald Trump, aber auch Calvin Klein oder die Künstler Andy Warhol und Salvador Dali. Nach kurzer, einjähriger Unterbrechung bzw. Schließung im Jahr 1980 wegen Steuerhinterziehung der Inhaber, eröffnete das Studio 54 in New York wieder seine Pforten und prägte die New Yorker Disco-Kultur der 80er Jahre bis zu seiner finalen Schließung im Jahr 1986.

 

In Europa florierte die Existenz von Discos ebenfalls, denn das ausgelassene Feiern am Freitag- oder Samstag-Abend gehörte nun zu einem modernen Lebensstil schlichtweg dazu. Für DJs wurde die Arbeit insofern einfacher, als dass sie kein schweres Equipment mehr schleppen mussten, sondern in guten Clubs vor Ort schon eine technisch einwandfrei ausgestattete DJ-Booth vorfanden - Getränke inklusive. Allerdings durfte ein DJ nicht in die Drogen-Szene abrutschen, sonst war er schnell seinen Job los. Es wurde auf Zuverlässigkeit und stetig gute Performance gesetzt. So entstand die Daseins-Form des Resident-DJ, welcher per Vertrag quasi der hauseigene DJ war und regelmäßig in einem Club auflegte.

 

Gerade in den 90er Jahren erlebten Techno und Hip Hop ihren Peak und begründeten zwei musikalisch gänzlich verschiedene, aber vom Grundgedanken sehr einheitliche Genres und Kulturen. Beide wurden von einer Sub-Kultur in ein Massenphänomen verwandelt. Heute ermöglicht der technische Fortschritt das Erlernen der maschinellen Techniken des Auflegens binnen weniger Stunden Übung. Digitale Programme und Software nehmen dem DJ das Anpassen der Geschwindigkeiten zweier Musiktitel per Knopfdruck ab. Kritiker verurteilen zu Recht, dass DJs heutzutage die handwerklichen Skills, die Spontanität und die Kreativität beim Musik-Machen verloren geht, da spezielle Computer-Programme das Meiste übernehmen. Liebhaber moderner DJs hingegen genießen das fantastische Ensemble aus Licht-Show, Musik und Crowd-Animation, welches erfolgreiche DJs bei ihren Auftritten zu bieten haben. Zumal es DJs gibt, die ihre Anfänge in den früheren Zeiten gemacht haben, dementsprechend lange am Markt sind und bei manchen Gelegenheiten beweisen, dass sie immer noch in der Lage sind, gute Vinyl-Sets zu spielen.

 

DJs, die heute aber beginnen aufzulegen, werden niemals das lernen, was einen DJ durch seine technischen Fähigkeiten auszeichnet. Es bleibt also zu hoffen, dass sie dafür umso aktiver werden, wenn es darum geht, zu lernen, wie man das Publikum liest, auf seine Bedürfnisse eingeht und einen Abend ausgelassen zu bestreiten.

 

1.2 Die Bedeutung des DJs

 

Der Begriff „DJ“ stammt vom englischen Ausdruck „Discjockey“ und setzt sich aus dem Wort „Disc“ (Schallplatte) und „Jockey“ (Handlanger) zusammen. Das trifft den Nagel ganz gut auf den Kopf, denn in den Anfängen der Club-Musik war der DJ nicht mehr als ein simpler Nachtarbeiter, der wenig zu sagen hatte und lediglich dafür sorgen sollte, dass die Gäste Spaß beim Tanzen haben. Er war in seiner Position nicht unbedeutend, schließlich würde ohne ihn keine Party stattfinden können, doch er selbst als Person, war weder cool noch nennenswert einflussreich in seinem Umfeld.

 

Die Anfänge des Platten-Auflegens und des Berufs, der sich daraus entwickelt hat, gehen sogar noch weiter zurück, nämlich in die Radio-Zeiten der 50er, 60er und 70er Jahren. Denn damals war es üblich, dass Musikstücke anmoderiert wurden - vom Radio-Discjockey. Seine Aufgabe war es, auf Tonträgern gespeicherte Musik abzuspielen und diese zu kommentieren. Ein guter Discjockey war demnach wortgewandt und konnte seinen Zuschauern die Musiktitel schmackhaft machen, bevor er sie abspielte. Gespickt mit reichlich Hintergrundwissen über die Produktionen und bestens informiert über das Leben der Musiker, konnte er Wissen und Gossip gleichermaßen an seine Hörer vermitteln, die diese Informationen aufsaugten wie ein Schwamm. Man bedenke, es gab damals weder Musik-Fernsehen, noch das Internet zum Streamen von Musik oder gar dem stetigen Folgen der Künstler auf Sozialen Medien. Hinzu kommt, dass man sich damals nicht unbedingt immer die neuste Musik auf Schallplatte besorgen konnte, diese waren rar und teuer. Der kostenlose Hörgenuss neuer Musik kombiniert mit Hintergrundinformationen rund um das Musikstück und den dahinterstehenden Act, waren einer der wichtigsten marketing-strategischen Errungenschaften der Musikbranche. Musiksendungen waren also keine flüssige Abfolge von Musik, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Titel, die durch die Ansagen des DJs unterbrochen wurden.

 

Parallel dazu entwickelten sich die ersten Discos, welche ihren Anfang schon zur Kriegszeit hatten, als Live-Musik in den Clubs durch Musik „aus der Konserve“, also vom Tonträger, ersetzt wurde. Selbstverständlich wurden auch hier DJs gebraucht - also Personen, die einzelne Stücke gut kannten und es verstanden, eine vernünftige Musikauswahl zu treffen. In den 60er Jahren blühte die Disco-Kultur, dank Modetänzen wie dem "Twist", und auch die Radiosender konnten sich über rege Zuhörer-Quoten freuen - es liefen Hitparaden, bei denen die Moderationen hohen Unterhaltungswert boten. Sowohl live im Nachtleben als auch im Radio entwickelten DJs ihre Techniken des Musikabspielens im Rahmen ihrer damaligen Möglichkeiten weiter. Es war nun möglich, Musikstücke miteinander zu vermischen, statt nur nacheinander abzuspielen.

 

Der damals berühmte DJ Francis Grasso aus New York war der erste DJ, der „Slipcueing“ erfand - durch das Festhalten der Platte mit den Fingern war es möglich, den Beat der vorigen Platte enden zu lassen und das neue Stück nahtlos anzuschließen. Auch gab es den Trick, dass man eine auf die Form der Schallplatte zugeschnittene Filzmatte verwendete, welche zwischen Plattenteller und Vinyl gelegt wurde. Dies hatte den Vorteil, dass der Motor den Plattenteller weiter antrieb und die Platte stehen blieb, ohne dass der Plattenteller das schwarze Gold zerkratzte. Francis Grasso war es auch, der das „Beatmatching“ erfand – die wohl wichtigste Eigenschaft eines guten DJs. Musikstücke wurden in unterschiedlicher Geschwindigkeit aufgenommen, doch um einen perfekten Übergang zu schaffen, in welchem die Platten synchron liefen, ohne dass man einen Knoten im Gehörgang bekommt, war es nötig, sie auf die gleiche Geschwindigkeit zu bringen. Die Aufgabe des DJs war es also, und ist es auch heute noch, die Geschwindigkeit von Platte A an die Geschwindigkeit von Platte B anzugleichen, ohne technische Hilfsmittel, sondern nur im Kopf und das auf die Zehntel-Sekunde genau.

 

Anfang der 70er Jahre war es DJs möglich, die Vorhörfunktion zu nutzen, welche manche Pulthersteller schon in ihre Sende- und Disco-Pulte integrierten hatten. So konnte die Lautstärke des nächsten Songs an die des laufenden angepasst werden. Auch die Abspielgeschwindigkeit ließ sich besser angleichen. Musiksendungen waren nun eine flüssige Abfolge von Titeln. Wie man erkennt, hatte die Fertigkeit der damaligen DJs viel mit wortwörtlichem Fingerspitzengefühl zu tun - es kam auf Geschick, Flexibilität und gutes Gehör an. Als guter DJ galt einer, der Lieder möglichst fließend ineinander übergehen lies. Durch den technischen Fortschritt und im Zuge der Digitalisierung haben es DJs von heute verlernt oder gar nie erst gelernt, diese elementare Praktik des Beatmatchings anzuwenden. Ein Knopfdruck und der Computer analysiert die Geschwindigkeiten zweier oder mehrerer Tracks und gleicht sie umgehend an.

 

In den Discos waren DJs ebenfalls unverzichtbar - die Verantwortung für gute Stimmung lag in der Hand derjenigen, die hinter den Plattenteller standen. Club-Betreiber erkannten in der aufkommenden Zeit der Disco-Kultur früh, dass sich mit Tanzveranstaltungen eine Menge Geld verdienen lässt. Jedoch hatten sie keinerlei Ahnung von professionellem Musik-Auflegen, sodass sie geübte DJs benötigten, die Club-Besucher zum Tanzen brachten. Etablissements gab es genug - insbesondere Ende der 70er Jahre schossen diese in Amerika und Europa wie Pilze aus dem Boden. Die Pop- und Disco-Kultur florierte so gut, dass sich selbst die Film-Industrie dem Thema widmete und 1977 den Kassenschlager „Saturday Night Fever“ mit John Travolta herausbrachte.

 

Die „Konserven“-Musik hatte sich durchgesetzt: Für Club-Betreiber war es günstiger, eine einzige Person zu bezahlen, statt eine ganze Band samt Instrumenten live auf der Bühne zu beschäftigen. Für DJs bedeutete die darauffolgende Epoche der Musikgeschichte endlich den ersehnten Siegeszug weg vom Radio, rein in das Nachtleben der großen Städte. Es wurde fröhlich gemixt, aufgelegt und experimentiert – bspw. wie man anhand verschiedener Techniken Spannungsbögen in seine Sets einbauen konnte. Machte ein DJ gute Arbeit, war er für die Gäste ein Garant für gute Laune und Spaß beim Tanzen. Für die Besitzer der Discos und Clubs bedeutete ein guter DJ automatisch einen vollen Geldbeutel. So wurden DJs zum unverzichtbaren Personal und erlangten immer mehr Ruhm - es gab durchaus einige unter ihnen, die sich von Groupies feiern ließen und auch dem Thema Drogen gegenüber nicht abgeneigt waren. Wie in jeder Szene gelangt man durch Ruhm schnell an sogenannte Freunde, die einem das Leben auf den ersten Blick schöner gestalten, doch im Grunde genommen an nichts anderem als dem eigenen Wohle interessiert sind.

 

Da viele Club- und Disco-Besitzer in den 80er und 90er Jahren kalkulierbare Kosten und vor allem planbare Erfolge einfahren wollten, gingen sie dazu über, gute DJs an Land zu ziehen und dann fest anzustellen - oder aber vertraglich eine Mindestanzahl an regelmäßigen Auftritten in ihren Etablissements festzulegen, die sie natürlich für eine ausgehandelte Summe entlohnten. Und so entstand der Begriff „Resident DJ“, da dieser nun quasi zum Inventar eines Clubs dazu gehörte. Der Resident DJ sorgte entweder die ganze Nacht selbst für gute Stimmung oder bereitete den Abend musikalisch auf den Haupt-Act, eine überregional bekannten oder gar internationalen Star-DJ vor. Berühmte Resident DJs sind beispielsweise Sven Väth, der jahrelang regelmäßig im Cocoonclub in Frankfurt sein Können unter Beweis stellte und Solomun, der seine Residency im Pacha in Ibiza hat. Da die Gagen der namhaften DJs zur heutigen Zeit exorbitante Höhen erreicht haben, leisten sich nur noch wenige Club-Betreiber einen berühmten Resident DJ. Das Budget für solche Gagen wird vermehrt in den Haupt-Act gesteckt, weil man sich so mehr Publikum erwartet, dass die Möglichkeit, diesen besonderen Künstler zu sehen, wahrnehmen will und völlig überteuerte Eintrittsgelder bereit zu zahlen ist. Dabei wird oft die Wichtigkeit des Resident DJs unterschätzt. Er ist derjenige, der aus der Region kommt, sich im Laufe der Jahre fest in der lokalen Szene etabliert hat und die Party-Gäste der Region genau wissen, wenn Resident DJ X dort spielt, dann wird es ein toller Abend.

 

Für kleinere DJs, vorwiegend Newcomer mit wenig internationalem Bekanntheitsgrad, bedeutet ein Residency-Vertrag ein gesichertes Einkommen und Planungssicherheit, was deutlich angenehmer ist, als jedes Mal auf eine neue Buchung zu hoffen. Deshalb sind Residencies auf DJ-Seite nach wie vor beliebt, wenn auch Club-Betreiber deren Bedeutung stets herunterspielen und die Gagen in gleichem Maße nach unten drücken, wie die von Star-DJs in die Höhe schnellen.

 

Da heutzutage Computer-Programme für flüssige Übergänge sorgen, haben sich die Aufgaben eines DJs ein wenig verändert.