British Love

Wo die Liebe hinzieht …

(Band 1)

 

 

 

 

 

Für Bella,

meine Schöne, meine Inspiration, mein alles

und für Corinna,

meine Freundin

 

Linda

Harvey

Linda

Harvey

Linda

Linda

Linda

Linda

Harvey

Linda

Harvey

Linda

Linda

Linda

Linda

Harvey

Linda

Linda

Linda

Linda

Linda

Harvey

Linda

Harvey

Linda

Linda

Harvey

Linda

Linda

Linda

Linda

Harvey

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Linda

Every hour of sunshine I would exchange for an hour more for my sick father.

Linda, du wusstest, worauf du dich einließt, als du nach England gezogen bist, rede ich mir ein. Dieser blöde Matsch! Obwohl Eastbourne die sonnenstundenreichste Stadt Englands ist, hat es die letzten zwei Tage durchgehend geregnet. Ich ziehe meinen Stiefel mit einem kräftigen Ruck aus dem Schlamm und schüttle den Kopf. Nörgeln bringt mich schließlich auch nicht weiter. Seit über einem Monat bin ich bereits hier und habe meine Freunde, Familie und meine Heimat hinter mir gelassen. Doch das ist es mir wert. Jede Sonnenstunde würde ich gegen eine Stunde mehr für meinen kranken Vater eintauschen.

Mit den Händen in den wärmenden Manteltaschen stapfe ich durch den Matsch bis zu meinem Bauwagen. Auch diesen Tag werde ich in der Männerhöhle überleben. Vor dem metallenen Koloss in blau bleibe ich stehen und warte auf Kinnings, der die Baustelle leitet und wie jeden Morgen pünktlich um acht aus seinem Bauwagen kommen dürfte, sich ausgiebig vor mir strecken wird und mir anschließend den Schlüssel zu meinem Büro übergibt. Ich blicke auf meine Uhr, noch ein paar Sekunden, dann …

»Na Ms Baumgardener, bereit für den Tag?«, begrüßt er mich auf Englisch und schenkt mir eines seiner seltenen Lächeln unter dem breiten Schnäuzer. Nanu, was ihn wohl so fröhlich stimmt? Nach gestern Abend sollte ihm eigentlich nicht zum Lachen zu Mute sein.

»Muss ich wohl«, antworte ich.

Meine Hand packt den kalten Schlüssel, den Kinnings mir hinhält und ich drehe ihm den Rücken zu, um zu meinem Bauwagen zu gehen.

»Wenn Sie sich umgezogen haben, kommen Sie doch bitte kurz in mein Büro. Da sind noch ein paar Briefe, die zur Post müssen.«

Ich verharre in meiner Bewegung und verdrehe die Augen. Genau das ist es, was mich so stört. Sehe ich aus wie eine Postbotin? Wofür habe ich fünf Jahre studiert und einen Master als Bauingenieurin? Es würde mich nicht wundern, wenn die Briefe nicht einmal geschäftlicher Natur sind.

»Natürlich«, presse ich hervor, streiche meine Stiefelsohlen am Geländer ab und steige die kleine Treppe zum Bauwagen rauf. Ich bin die einzige Frau hier draußen und bekomme deshalb meinen eigenen Container, um mich dort umzuziehen und arbeiten zu können.

Mit einem letzten Blick auf Kinnings schließe ich die Tür hinter mir und halte so die morgendliche Frühjahrskälte draußen.

Es ist nicht so, dass ich Kinnings nicht mag. Er ist einer der wenigen, der mich nicht täglich anmacht, weil ich die einzige Frau bin, die die Männer tagsüber erblicken. Dennoch lässt auch er mich spüren, dass Frauen auf dem Bau nichts zu suchen haben und das kränkt mich.

Grubers gehört zu den größten Baufirmen Englands. Damit bietet sie mir die beste Chance, mich bei den Kollegen umzuhören, doch wirklich weit bin ich noch nicht gekommen. Niemand hier scheint Sandra Bergmann oder ihre Mutter zu kennen. Wer weiß, ob sie überhaupt noch so heißt.

Ich ziehe den gelben Bauhelm vom Kopf und fahre mir durch das lange, braune Haar. Dann streife ich die schwarzen Sicherheitsschuhe, die mir beinahe bis zu den Knien reichen, ab und wechsele meine Jeans und die Jacke gegen den grauen Overall, den alle bei Grubers tragen.

Meine Schulter lehnt gegen das kalte Metall, während ich aus dem Fenster sehe. Auf der Großbaustelle herrscht bereits reges Treiben. In ein paar Monaten soll an dieser Stelle eine Schwimmhalle entstehen, doch davon sieht man noch nicht viel. Gerade einmal das Fundament ist gelegt und die ersten Seitenwände sind in die Grube eingelassen.

Ich trete vor zur Kaffeemaschine, um die erste Kanne aufzusetzen. Als Frau bin ich zur Versorgerin der Arbeiter erkoren worden. Im Grunde ist es nicht schlecht. Ich bin nicht hier, um Karriere zu machen, sondern einzig und alleine, um meine Schwester Sandra zu finden. Wenn die Männer um zehn zum Frühstücken vor meinen Wagen kommen, ist es die Gelegenheit für mich, um mich diskret bei ihnen umzuhören.

Der Duft von gemahlenem Kaffee steigt in meine Nase und ich fülle ein paar Löffel in die obere Kammer der Maschine. Gibt es etwas Besseres als einen starken Kaffee mit einem Schuss Milch am Morgen? Während ich dem Gluckern der Kaffeemaschine lausche, dringt ein lautes Donnern zu mir durch, das die eisernen Wände des Bauwagens vibrieren lässt. Ich schaue auf und schiebe die Gardine an meinem Fenster zur Seite.

Chris steht klopfend vor der Tür und winkt mir durch das geschlossene Fenster zu. »Hey Linda. Na, ausgeruht?«

»Ach du. Immer doch. Kaffee?«

»Wie immer.«

»Schwarz?«

»Wie meine Seele.«

Ich lächle ihn an und werfe meine Haare nach hinten. »Stimmt es, dass es gestern Abend Probleme beim Verladen einer Bodenplatte gab?« Meine Braue wandert nach oben und ich sehe ihn mit schräg gelegtem Kopf an.

»Erwähn das besser nicht vor Kinnings. Du hättest ihn sehen sollen. So schlimm habe ich ihn noch nie ausrasten sehen. Er war wie ein explodierender Vulkan.«

Ich stelle mir meinen dickbäuchigen Chef mit hochrot angelaufenem Kopf vor und muss unwillkürlich lachen.

»Eben war er gut drauf. Was ist denn genau passiert? Marc hatte mir gestern eine kurze Nachricht geschickt. Als ich eben an der Baugrube vorbeigegangen bin, sah doch alles ganz gut aus.«

Chris reibt sich mit zwei Fingern über seine blonden Bartstoppeln. »Wir haben Mist gebaut, Marc und ich. Ziemlichen Mist. Wir haben die Platte nicht richtig befestigt und als ein Windstoß kam, riss eine Halterung und die Platte knallte gegen den kleinen Betonmischer, der aufs Fundament kippte.«

Ich ziehe die Luft scharf durch die kleine Zahnlücke zwischen meinen Vorderzähnen ein. »Ach Mist. Ist der Schaden groß?« Meine Hand greift zur Kaffeekanne und ich schütte uns beiden eine Tasse ein.

»Er hält sich in Grenzen. Danke.« Er nimmt einen kräftigen Schluck und verzieht sein Gesicht.

»Muss ich dich wirklich jedes Mal daran erinnern, dass der Kaffee heiß ist, wenn er aus der Maschine kommt?« Ich drehe mich um und ziehe eine Flasche Wasser aus dem Kasten unter meinem Schreibtisch hervor. »Hier.«

Er nimmt sie mit einem Nicken entgegen. Ein Zischen ertönt, als er sie öffnet und einen Schluck daraus trinkt. »Schon besser.«

Ich nehme ihm die Flasche ab und stelle sie neben seine Tasse auf das kleine Regal neben dem Fenster. Dabei fällt mein Blick auf Kinnings, der wildgestikulierend mit Marc vor der Grube steht.

Chris dreht sich um und zieht die Gardine zur Seite. »Meinst du, er feuert ihn wegen gestern?«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Er ist ein guter Maurer. Ich kenne seinen Lebenslauf.« An meinem ersten Arbeitstag bin ich alle Akten meiner Kollegen durchgegangen, um herauszufinden, ob einer von ihnen der Mann ist, mit dem Sandras Mutter vor all den Jahren durchgebrannt war – Fehlanzeige.

Kinnings schaut zu uns, nickt und stapft auf meinen Wagen zu.

»Na dann, ran an die Arbeit, heißt es wohl.« Ich klatsche in die Hände, ziehe mir meinen Helm auf und geleite Chris hinaus. »Bring die Tasse wieder, sobald sie leer ist«, rufe ich ihm zu, als er schon fast bei der Baugrube ist.

»Mache ich, bis nachher.« Er hebt seine freie Hand zum Gruß und geht rüber zu Marc, der an der Grube steht.

»Alles in Ordnung, Mr Kinnings?«

Er sieht verwirrt aus. »Ja, ja. Hat uns ein bisschen zurückgeworfen, der Unfall gestern. Mr Gruber kommt nachher mit seinem Gutachter vorbei, um den Schaden zu betrachten. Ich hatte sowieso einen Termin mit ihm, da bot sich das an. Vielleicht können Sie kurz bei Valerie vorbeischauen und ein paar Scones für nachher mitbringen. Eventuell beruhigt ihn das.« Oh je, ich kenne Mr Gruber nicht persönlich und wenn selbst Kinnings Angst vor seinem Urteil hat, möchte ich ihn auch erst gar nicht kennenlernen. Beworben habe ich mich direkt bei Kinnings. Gruber kenne ich nur von einem Foto auf seiner Webseite. Ein streng blickender, grauhaariger Mann hatte mir damals entgegen geschaut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er genauso wenig von Frauen in seinem Arbeitsbereich hält wie Kinnings und war erstaunt, dass ich die Stelle überhaupt bekommen habe.

Kinnings reibt sich am Kinn. »Ach, und warten Sie, ich schreibe Ihnen noch eine kurze Liste. Dann können Sie die Sachen auch gleich besorgen.«

Ein paar Minuten später mache ich mich genervt auf den Weg. Der Briefkasten ist nicht weit von der Baustelle entfernt. Ich schmeiße die Briefe hinein und biege zur Strandpromenade ab. Bevor ich zu Grubers kam und nach Eastbourne zog, konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es in England Strände mit Palmen gibt.

Ich betrete den kleinen Laden an der Ecke und ziehe mir die nasse Kapuze von den Haaren. Kaum hatte ich die Baustelle verlassen, begann es zu tröpfeln. Hoffentlich regnet es jetzt nicht wieder den ganzen Tag. Gerade gibt es schließlich mehr als genug auf der Baustelle zu tun. Sobald ich zurück bin, werde ich den Schaden genauer begutachten müssen. Das heißt, sich in die Baugrube stürzen und die Wände nach Rissen abtasten.

Kinnings` Liste ist zum Glück nicht sehr lang. Vermutlich wird es die Tage Braten bei ihm geben. Ich schleiche durch die Gänge, packe alles in einen kleinen Korb und gehe zur Kasse. Der Boss hat mir fünfzig Pfund in die Hand gedrückt. Hoffentlich reicht es. Viel wird sicherlich nicht mehr für die Scones vom Bäcker übrigbleiben.

Nicht weit von hier entfernt gibt es eine gemütliche Patisserie, die ganz wunderbares Gebäck hat. Als ich gerade nach Eastbourne gezogen bin, lud Chris mich dort auf eine Tasse Tee mit Milch und den besten Scones, die ich jemals in England gegessen habe, ein.

Damals wurde ich das Gefühl nicht los, dass Chris etwas von mir will. Er und Marc sind auch die einzigen, mit denen ich mich von Anfang an super verstanden habe. Sie sind anders als die anderen und trauen mir mehr zu, behandeln mich wie eine von ihnen und nicht so, als gehöre ich bloß hinter den Herd. Inzwischen weiß ich jedoch, dass Chris nur freundlich sein wollte.

Ich laufe die Terminus Road entlang und betrete die kleine Patisserie. Bei Valerie ist es um diese Zeit noch nicht sehr voll und ich beschließe, selbst noch ein wenig hier zu verweilen und eins der köstlichen Törtchen in der Auslage zum Frühstück zu verspeisen.

Als ich auf dem Rückweg bin und sich die grauen Wolken langsam verziehen, bemerke ich erst, wie spät es ist. Seit Kinnings mich losschickte, ist bereits eine Stunde vergangen. Meine Schritte werden größer, damit ich noch vor der Ankunft von Gruber da bin.

Als ich auf der Baustelle ankomme, hört es endlich auf zu nieseln. Ich schreite geradewegs auf Kinnings Container zu, um ihm seine Einkäufe zu bringen.

Er sitzt nicht wie erwartet hinter seinem Schreibtisch.

Mit Blick auf das Fenster hieve ich die Tasche vor den Kühlschrank und räume die Sachen ein. Die Scones stelle ich oben drauf.

»Vielen Dank, Ms Baumgardener.«

Kinnings steht hinter mir und ich schrecke hoch.

»Kein Problem«, sage ich schüchtern und streife meine Jacke glatt. »Ich gehe jetzt zur Baugrube und sehe mir den Schaden an. Oder haben Sie eine andere Aufgabe für mich?«

»Nein, das passt schon.«

Ich drücke mich an ihm vorbei und ziehe meine Handschuhe aus der Tasche. Jetzt heißt es auf ins Abenteuer. Die Streben zur Grube klettere ich hinunter und kraxle durch den schlammigen Boden hin zu der beschädigten Wand. Von hier unten sieht man die feinen Risse sofort. Das wird ein langer Tag werden. Ein ganzer Stapel statischer Berechnungen wird durch den Unfall auf mich warten.

 

Einige Messungen später sitze ich hinter meinem Schreibtisch und rechne drauf los.

Die Zeit vergeht und langsam verschwindet die Sonne hinter den Backsteinhäusern der Stadt. Ich lege die neuen Berechnungen zur Seite und verlasse meinen Container. Die Risse werden uns sicherlich einige Tage zurückwerfen.

Auf der anderen Seite der Baustelle sehe ich Kinnings inmitten einer Traube von Leuten in Anzügen stehen. Wie kommen die Herrschaften nur darauf, dass eine Baustelle der richtige Ort für ihre Designeranzüge ist?

»Mr Kinnings, haben Sie die Kollegen nicht darauf hingewiesen, dass auf einer Baustelle Helmpflicht besteht?«, frage ich scherzhaft, als ich an ihnen vorbei auf die Ausfahrt zu gehe.

Kinnings sieht mich mit zusammengezogenen Brauen an. »Scheren Sie sich um Ihre eigenen Probleme. Haben Sie die statischen Berechnungen ausgeführt?«

Ich sehe ihn stirnrunzelnd an. Welche Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen?

»Ja, natürlich, Sir. Sie liegen auf Ihrem Schreibtisch.«

»Gut so, dann verschwinden Sie jetzt. Und seien Sie morgen pünktlich da.«

Kopfschüttelnd gehe ich an den Anzugträgern vorbei. Kinnings muss eine ganz schöne Standpauke gehalten bekommen haben. Als ich ihn das letzte Mal sah, stand er noch lachend neben dem Kranführer.

Einer der Anzugträger, der mit Abstand jüngste unter ihnen, zwinkert mir zu und ich ringe mir ein kurzes Lächeln ab. Keine Ahnung, ob er es gesehen hat und ob sein Zwinkern überhaupt mir galt.

 

Harvey

Should I simply say hello? No, that is somehow uncool. I have to be self-confident.

 

Manchmal ist es nur ein Augenblick, ein kurzer Satz, den jemand sagt oder ein Schritt, den jemand geht und man ist hin und weg von ihm. Ich kann nicht anders und muss der jungen Dame zuzwinkern. Sie hat recht, absolut.

»Kinnings, auf ein Wort«, sage ich und er folgt mir zu seinem Bauwagen.

»Was ist denn nun schon wieder?« Seine Stimme klingt wie ein Grunzen, so hat er sich schon lange nicht mehr mir gegenüber aufgeführt. Irgendwann muss nun aber Schluss sein. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass er oder seine Kollegen Mist bauen.

»Joseph, wie lange kennen wir uns schon? Warst du es nicht, der mich, als ich fünf war, vorne auf die Baggerschaufel gesetzt und mit mir über die Baustelle gefahren ist? Was ist aus diesem Mann geworden? Ist dir der Erfolg, seit du die Baustellen in diesem Bezirk leiten darfst, über den Kopf gestiegen? Seit wann geht man so mit seinen Mitarbeitern um? Das war Ms Baumgardener, nicht wahr? Sie ist wirklich taff und vor allem hatte sie vollkommen recht. Vielleicht war es die falsche Entscheidung von mir, sie in deine Obhut zu übergeben.«

Kinnings Schnäuzer zuckt unter seiner Nase. »Du nennst es taff, ich nenne es frech.«

Ein Seufzer entweicht mir. »Sei nicht so stur! Sie ist eine gute Ingenieurin, das hast du mir selbst bei unserem letzten Gespräch gesagt. Es kann nicht sein, dass du mit meinen Angestellten rumspringst, wie es dir gefällt. Du weißt ganz genau, wie wichtig mir ein gutes Klima in der Firma ist. Das gilt nicht nur in meinem Büro, sondern auch auf den Baustellen! Du kannst deinen Frust nicht an ihnen auslassen! Vater hätte das vielleicht geduldet, doch ich bin nicht er. Bei mir herrschen andere Prinzipien! Du wirst dich morgen bei ihr entschuldigen, das ist mein letztes Wort.« Ich bin von mir selbst überrascht, dass ich plötzlich so laut werde. Ich kenne Kinnings mein Leben lang, früher war er einer der besten unter Vaters Führung: intelligent, zuverlässig, fleißig, streng, aber auch humorvoll und fair. Ich hoffe, er besinnt sich wieder darauf. Ich weiß, dass er eine kleine Anfuhr vertragen kann. Vermutlich tut es ihm sogar ganz gut, wenn ihm hin und wieder mal jemand die Meinung geigt, abgesehen davon hat Ms Baumgardener seine Anfuhr absolut nicht verdient. »Tu mir einfach den Gefallen und schau, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt«, sage ich ruhiger.

Kinnings grunzt. War das jetzt eine Zustimmung?

Als ich wenig später mit meinen Kollegen im Auto sitze, geht mir die junge Frau nicht mehr aus dem Kopf. Ich scrolle auf meinem Handy, bis ich ihre Akte in unserer Datenbank entdeckt habe. Linda Baumgärtner. Ich habe keine Ahnung, wie man den Nachnamen richtig ausspricht. Die Deutschen und ihre komischen Sonderbuchstaben … Auf ihrem Bewerbungsfoto wirkt sie zerknirscht, als hätte sie tagelang kein Auge zugedrückt gehabt. Eben sah sie viel besser aus. Die dunklen Haare trägt sie inzwischen auch kürzer. Ein Lächeln beschleicht mich und wärmt mich von innen auf, während es draußen schon wieder regnet und die Tropfen hart gegen die Scheibe platschen.

»Lasst mich am Grand raus«, beschließe ich spontan.

»Sicher?« Daniel, einer meiner Statiker, wirft einen Blick über seine Schulter und schaut mich fragend an. »Wir wollten heute alle zurück nach London.«

»Schon gut, ich leihe mir morgen einen Wagen. Ihr könnt mit diesem fahren.«

Er schaut zurück auf die Straßen und wendet kurz darauf das Auto, um in die andere Richtung zum Grand Hotel zu fahren. Dort verabschiede ich mich von ihnen und checke ein.

Während die Kollegen zurück zu ihren Familien fahren, stehe ich am Fenster meiner Suite und blicke hinaus auf den trüben Himmel. Ob sie irgendwo dort oben ist und über mich wacht? Die junge Miss hat mich ein bisschen an sie erinnert. Die Art, wie sie mich angelächelt hat. Außerdem hatte Mum vor all den Jahren mal fast den gleichen Satz zu Joseph und meinem Vater gesagt. Sie und Ms Baumgärtner hätten sich sicherlich gut verstanden. Verdammt, Harvey! Vergleichst du sie gerade wirklich mit deiner toten Mutter? Das darf doch nicht dein Ernst sein.

Trotzdem kann ich nicht anders, ziehe mein Portemonnaie aus meiner Gesäßtasche und krame das verblichene Foto von Mum und mir heraus, das wir mal in einer dieser Fotoautomaten auf der Kirmes gemacht haben, als ich sechs oder sieben war. Sie war eine wunderschöne Frau. Ich würde alles dafür tun, um dieses warmherzige Lächeln noch einmal zu sehen oder sie lachen zu hören.

Mein Blick fällt auf das Kärtchen, das über ihrem Foto steckt. Eine alte Clubkarte des Cameos. Ich dachte, ich hätte sie längst weggeschmissen. Vielleicht habe ich Glück und mir kommt bei einem Ale die Idee, wie ich die hübsche Miss für mich gewinnen kann, ohne morgen allzu plump zu klingen, wenn ich noch einmal auf der Baustelle auftauche.

Ein Taxi holt mich vor dem Hotel ab und bringt mich zum Nachtclub. Hier war ich ewig nicht mehr. Laute Musik und angetrunkene Leute sind eigentlich nicht mein Ding. Heute mache ich jedoch eine Ausnahme. Drinnen schlägt mir bereits der rhythmische Bass der Musik entgegen. Zum Tanzen kriegt mich jedoch keiner, mein Ziel ist die Bar. Geradewegs steuere ich auf sie zu und bleibe abrupt stehen, als mein Blick am schulterlangen Haar der Frau vor mir hängen bleibt. Das kann doch nicht sein! Sie – hier? Na super! Ich schaue zurück zur Tür und reibe meine Hände ineinander. Soll ich es wirklich wagen, sie einfach so anzusprechen? Man Harvey, Junge, reiß dich zusammen! Das ist doch nicht das erste Mal, dass du eine Frau ansprichst.

Ich beiße mir auf die Lippen und mache einen Schritt nach vorne – und noch einen und noch einen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. In meinem Hinterstübchen rattert es. Soll ich einfach Hallo sagen? Nein, das ist irgendwie uncool. Ich muss selbstbewusst auftreten. Was ist, wenn sie glaubt, ich stalke sie? Innerlich den Kopf schüttelnd verscheuche ich den Gedanken und bleibe hinter ihr stehen. Jetzt heißt es Zähne zusammenbeißen, cool und lässig wirken.

 

Linda

I look at Harvey, who rubs his index finger over the fine hair on his chin. »I know that. I stood in the shadow of the others for a long time myself. It took me a while to get accepted by the company.«

 

»Na, Sie haben ja Courage – alle Achtung. Die Demütigung so auf sich sitzen zu lassen und darüber zu stehen.«

Ich verharre in meiner Bewegung und bleibe regungslos stehen. Ich kenne die Stimme nicht, doch als ich mich umdrehe, wird mir klar, dass es der junge Anzugträger von eben ist, der mir gegenüber steht. Was macht er hier?

»Sagen wir, ich lebe noch.« Er setzt sich neben mich auf den Barhocker und ich gebe dem Kellner ein Zeichen, zu uns zu kommen.

»Was möchten Sie trinken?«

»Whisky Cola.« Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der Fremde neben mir eine Augenbraue hebt – steht ihm, der skeptische Blick.

»Und Sie?«

»Ein Ale, bitte.« Er nimmt die Flasche Ale entgegen und lässt seine Mundwinkel nach oben steigen. »Sie sind ganz schön taff«, sagt er trocken und dreht sich zu mir hin. Den Anzug von eben hat er zwischenzeitlich gegen ein schwarzes, enganliegendes Shirt und eine dunkle Jeans getauscht.

Ich zucke mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was das heute war. Normalerweise ist Kinnings nicht so.«

Sein Kopf hebt und senkt sich im Rhythmus der dröhnenden Musik im Hintergrund, während sein Bein auf und ab wippt – das macht mich ganz nervös. Ich konzentriere mich auf die langen Wimpern, die seine grünen Augen umrahmen. Solche Wimpern hätte ich auch gerne.

»Wir waren nicht gerade erfreut, über Mr Kinnings‘ Sorglosigkeit. Er vergisst manchmal, dass jeder Schaden, den er durch seine laienhafte Arbeit verursacht, auf die Firma zurückfällt.«

»Also war das nicht das erste Missgeschick unter seiner Leitung?«

Seine Augen ruhen einen Moment zu lange auf meinem Gesicht. Er zuckt lässig mit den Schultern und reibt sich über den Drei-Tage-Bart. »Lassen Sie uns doch das Thema wechseln. Sie sind nicht von hier, nicht wahr? Wo kommen Sie noch gleich her?«

»Beantworten Sie jede Frage mit einer Gegenfrage?«

Er grinst und seine makellos weißen Zähne treten zum Vorschein. » Tue ich das?«

Ein Schmunzeln überkommt mich. »Ich bin aus Deutschland«, antworte ich laut über das Dröhnen der Musik hinweg und nehme einen Schluck aus dem Whiskeyglas vor mir. Als mir das Gebräu den Rachen wegbrennt, rümpfe ich die Nase und muss husten. Wie konnte ich nur auf die dumme Idee kommen, mir so ein Gesöff zu bestellen? Gerade komme ich mir alles andere als taff vor. Als Nächstes werde ich definitiv auf etwas Milderes zurückgreifen; vielleicht auf einen Cocktail oder einen harmlosen Longdrink.

»Trinken Sie einen Schluck von meinem Bier. Ich bin mir sicher, das wird Ihnen helfen.«

Tränen steigen in meine Augen und ich sehe die Bierflasche nur noch durch einen wässrigen Schleier. Ich nippe an der Flasche und atme erleichtert aus, als sich das Brennen in meiner Kehle legt. »Danke«, keuche ich.

Er nickt mir zu, nimmt die Flasche und hebt sie wieder an seinen Mund. »Ich war mal in München auf dem Oktoberfest, kennen Sie das?« Er schreit schon fast. Blöde Musik.

»Jeder Deutsche kennt es«, brülle ich zurück. »Ich bin in der Nähe von München aufgewachsen und gehe fast jedes Jahr hin.« Ich stelle ihn mir in einer knackig engen Lederhose und einem karierten Hemd vor. Beim Gedanken daran kreist meine Zunge über meine Lippen. Oh Gott, hoffentlich hat er das nicht bemerkt.

Seine Hand gleitet durch sein kurzgeschnittenes, braunes Haar, ohne dass er aufhört, mich zu beobachten. »Bringe ich Sie so zum Grinsen?«, fragt er plötzlich und ich presse meine Lippen aufeinander.

Mein Blick wandert zur verspiegelten Wand hinter der Bar. Na super, ich sehe aus wie eine überreife Tomate. »Na ja, vielleicht …«

Er prostet mir zwinkernd zu, als wäre ihm diese Unterhaltung überhaupt nicht peinlich. »Wenn Sie oft dort sind, dann müssen Sie mir einen Gefallen tun. Zum Oktoberfest gibt es immer ein ganz bestimmtes Bier, vielleicht könnten Sie mir mal ein paar Flaschen schicken. Oder besser noch, wir gehen gemeinsam hin und stoßen dort damit an. Wie sagen Sie in Deutschland?«

»Prost?«, frage ich unsicher. Hat er gerade wirklich vorgeschlagen, mit mir aufs Oktoberfest zu gehen? Wenn das so weiter geht, brauche ich doch noch einen Schluck Whiskey.

»Prost«, sagt er mit britischem Akzent und hebt seine Flasche ein weiteres Mal zum Anstoß.

Ich schaffe es nicht mehr, mein Lachen zu unterdrücken, lege den Kopf ein Stück nach hinten und lasse es einfach raus. Dieser Mann ist wirklich ein Knüller. Schade, dass er nicht mein Chef ist. Mit ihm ist sicherlich besser Kirschen essen als mit Kinnings. Nach dem Anschiss am Abend hätte ich nicht gedacht, dass ich mich noch so amüsieren würde.

»Und Sie und Ihr Chef sind in Eastbourne Gäste?«, frage ich.

Seine Stirn legt sich in winzige Falten. »Ich … verstehe nicht?«

»Ob Sie hier Gast sind?«, frage ich lauter. Wir hätten uns nicht so nah an die Boxen setzen sollen.

»Ich? Oh, ja. Ich übernachte immer im Grand, wenn ich in Eastbourne bin.« Das Grand Hotel, darauf bin ich gestoßen, während ich für meine erste Woche hier ein Zimmer suchte. Es ist das einzige Fünfsterne-Hotel an der britischen Ostküste, wenn ich mich recht erinnere.

Ich nicke anerkennend. »Sie kommen aus London, nicht wahr?«

»Gut erkannt.«

»Es muss aufregend sein, in einer so attraktiven und dynamischen Stadt zu leben.«

»Wenn man dort aufwuchs, ist es nicht aufregender als Eastbourne, nur ohne Strand und Palmen. Aber was zieht sie eigentlich hierher? Seit wann bevorzugen Frauen einen Job im Schlamm und zwischen einem Haufen schwitzender Kerle?«

Ich runzle die Stirn. Hat er meine Kollegen gerade wirklich als schwitzende Kerle bezeichnet? Klar trifft das zu, aber es aus dem Mund eines Anzugträgers wie ihm zu hören, überrascht mich. Erst, als er fragend eine Augenbraue hochzieht, antworte ich knapp, dass ich mal etwas Neues probieren wollte. Da er mit Mr Grubers Leuten herkam, hat er sicherlich gute Beziehungen zu der Chefetage. Da möchte ich nicht riskieren, dass er erfährt, wieso ich mich tatsächlich hier beworben habe.

»Noch ein Ale, bitte.«

Er trinkt ganz schön viel. Mein Blick fällt auf mein eigenes, noch fast volles Glas.

»Möchten Sie auch ein Bier? Es schien nicht so, als hätte Ihnen das«, er zeigt auf den Whiskey, »sonderlich gut geschmeckt.« Da hat er mich ja gut durchschaut.

»Ja, Ihr Ale war besser, als ich gedacht hätte.«

»Aber ans deutsche Bier kommt es nicht heran?« Er sieht mich fragend an und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

»Sagen wir, es ist anders. Lecker, aber anders.«

Er beugt sich nach vorne und winkt den Barkeeper zu uns. »Für die Dame das beste Ale, das sie haben, damit sie lernt, die britische Bierbraukunst zu schätzen.« Er zwinkert mir zu und zeigt seine weißen Zähne.

Der Barkeeper schiebt mir lachend eine Flasche und ein Glas rüber. Ich schütte es mir selber ein und nippe den Schaum weg.

»Wie heißen Sie noch gleich?«

»Linda. Linda Baumgärtner.«

»Baumgardener, ein lustiger Name. Sie können mich Harvey nennen.« Er streckt mir seine Hand entgegen und ich schüttle sie. Seine Finger sind weich, und die Nägel gepflegt. Zu gepflegt für einen Kerl vom Bau.

»Was machen Sie bei Gruber? Sind Sie Architekt dort oder Ingenieur?«

»So etwas in der Art. Die meiste Zeit schließe ich Verträge. Doch damit möchte ich Sie nicht langweilen, schließlich füllt sich die Bar langsam. Ich habe das Gefühl, mir bleibt nicht mehr viel Zeit, um Sie in Ruhe kennenzulernen.« In Ruhe, der war gut. Langsam fällt mir wieder ein, wieso ich solche Clubs normalerweise meide. Es ist viel zu laut und stickig hier drin.

Lange werde ich nicht mehr bleiben. Ich kam sowieso nur her, um mich nach Kinnings‘ Anschiss abzureagieren.

»Es schien heute nicht so, als würde Ihnen der Job gefallen«, behauptet er und seine Stirn wirft eine leichte Falte.

Ich mache eine abwehrende Handbewegung. »Es ist nicht immer leicht, als Frau nur von Männern umgeben zu sein. Den Beruf habe ich gewählt, um kreativ zu sein, um meine Gedanken zu fordern, um etwas zu schaffen. Das versteht Kinnings nicht immer. Dennoch macht es Spaß. Es tut gut, zumindest hin und wieder sein Wissen anwenden zu können.«

Ich sehe zu Harvey, der sich mit seinem Zeigefinger über die feinen Haare an seinem Kinn streicht. »Ich kenne das. Ich stand selbst lange im Schatten der anderen. Es hat gedauert, bis man mich in der Firma akzeptierte.«

»Ich weiß nicht, ob es eine Frage der Akzeptanz ist. Vielleicht bin ich auch nur enttäuscht, weil ich mein Ziel, aus dem ich her kam, noch nicht erreicht habe«, antworte ich.

Seine Augen ruhen auf mir. »Was ist denn Ihr Ziel, wollen Sie Bauherrin werden? Dann muss ich Sie enttäuschen, das geht bei uns nicht so schnell.«

Ich lache. »Nein, nein. Das ist es definitiv nicht.«

»Machen Sie es doch nicht so spannend. Welche Geschichte verbirgt sich hinter Linda Baumgardener?«

Schmunzelnd schüttle ich den Kopf und schaue zu Boden. »Ich kann es Ihnen wirklich nicht verraten.«

Er sieht mich enttäuscht und entschlossen zugleich an. »Schade, ich würde gerne mehr über Sie erfahren. Aber wenn Sie mir nicht einmal das verraten möchten …«

»Manche Dinge verrät man eben nicht gleich«, sage ich geheimnisvoll und zwinkere ihm zu.

»Ich werde es schon noch herausfinden.«

»Wir werden sehen«, sage ich lächelnd und bestelle mir ein Wasser.

Er sieht mich mit gespieltem Entsetzen an. »Was, schmeckt Ihnen das Ale nicht?«

»Doch, doch. Es wird bloß Zeit für etwas Alkoholfreies. Sonst schaffe ich es nicht mehr alleine nach Hause.«

»Ich begleite Sie gerne.«

»Lieb von Ihnen. Noch bin ich jedoch nicht betrunken.« Ich schwenke das Wasserglas vor ihm hin und her, ehe ich daran nippe. »Entschuldigen Sie bitte, ich muss mal kurz. Sie wissen schon. Bis gleich.« Mist, ich hätte nicht so viel trinken dürfen. Meine Blase scheint plötzlich kurz vorm Platzen zu sein. Ich springe auf und winke ihm kurz zu, greife nach meiner Tasche und gehe, ohne mich umzudrehen, Richtung Toilette. Verdammt, war der Kerl süß, hoffentlich wartet er die fünf Minuten auf mich.

Als ich wiederkomme, ist sein Platz leer. Mein Blick schweift über die Menge tanzender und sich windender Leute. Der Club ist in den letzten paar Minuten richtig voll geworden. Wo ist er bloß hin?

»Das ist für Sie.« Der Barkeeper holt mich zurück ins Jetzt und reicht mir einen Bierdeckel, ehe er sich umdreht und Saft in einen Cocktailshaker füllt.

Der Pappdeckel liegt rau in meiner Hand. Ich muss ihn ins Licht halten, um die krakelige Schrift darauf zu erkennen.

›Sie hören von mir‹.

Was meint er damit? »Wo ist er hin?«, frage ich den Mann hinter der Bar.

Er zuckt mit seinen Schultern und nickt Richtung Ausgang. Ich lese mir noch einmal die kurze Nachricht durch. Wie soll ich denn von ihm hören, wenn er nicht einmal meine Nummer hat? Ob er sie aus Grubers Datenbank bekommen kann? Ich schüttle den Kopf und stecke die Pappscheibe ein. »Ich würde gerne zahlen«, sage ich zum Kellner, doch der winkt ab. Wow, dann hat Harvey wohl die Rechnung übernommen. Also sieht er nicht nur gut aus, sondern ist auch noch ein Gentleman.

 

Harvey

After all, she is worth the lack of sleep.

Ich kann nicht anders und schaue ihr hinterher. Ihr schlanker Körper verschwindet in der Menge.

Mein Bier ist fast leer. Der letzte Schluck fließt meine Kehle herunter und ich rufe den Barkeeper zu mir. »Zahlen bitte und haben Sie einen Stift?«

Er reicht mir einen Kuli und nickt auf den leeren Platz neben mir. »Zusammen?«

»Ja, bitte.« Ich reiche ihm das Stempelkärtchen und lege ihm dreißig Pfund hin. »Stimmt so.«

Ich habe eine Entscheidung gefasst. ›Sie hören von mir‹, kritzle ich auf den Bierdeckel und reiche ihn dem Barkeeper, damit er ihn ihr geben kann. Und jetzt weg hier, bevor ich es mir doch noch anders überlege. Nervös schaue ich nach hinten, doch sie ist immer noch nicht zu sehen. Egal, in nur zwei Wochen kann ich ihr bezauberndes Lächeln jeden Tag genießen.

Draußen herrscht ein eisiger Wind. Hoffentlich kommt sie gut zu Hause an. Vor mir hält ein Taxi und bringt mich zurück zum Hotel. Sie wird Augen machen, wenn sie morgen die Nachricht von Kinnings erhält. Ich sehe sie schon vor mir, wie sie freudig lächelnd in mein Büro tritt und mich dankbar umarmt, weil ich sie raus aus diesem Schlammloch geholt habe. Ich kann nicht anders und muss grinsen. Der Fahrer hält mich bestimmt für betrunken.

Ich laufe durch den Regen hinein ins Hotel und stürme hoch in meine Suite. Heute früh hätte ich nicht gedacht, dass ich die Nacht arbeitend verbringe werde. Doch ich möchte, dass Kinnings die Unterlagen für ihre Versetzung gleich morgen früh bekommt, daher heißt es jetzt ran an den Laptop. Sie ist den Schlafmangel schließlich wert.

 

Linda

It's as if everything was in vain. Every day I'm here is a day I can not spend with my family, with my dad.

 

»Ms Baumgardener, kommen Sie bitte zu mir. Heute Morgen lag ein Stapel Unterlagen auf meinem Tisch. Wie drück ich es am besten aus? Jaa … Sie arbeiten nicht mehr lange für mich.« Kinnings schaut mich mit zusammengepressten Lippen an und

mir bleibt die Spucke im Hals stecken.

Wie bitte? War das sein Ernst? Mir fällt die Notiz ein … Meinte er das mit ›Sie hören von mir?‹ Hatte er dafür gesorgt, dass ich gefeuert werde? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Schließlich habe ich bloß gesagt, dass es nicht leicht unter all den Männern sei. Außerdem hätte er dann sicherlich nicht meine Getränke mitbezahlt. Vielleicht hat Harvey es Mr Gruber erzählt und der denkt nun, dass ich auf dem Bau nicht klarkomme. Oder war es wegen des Spruchs gestern? Zumindest Harvey schien er gefallen zu haben.

Och Menno, das darf doch nicht wahr sein. Ich brauche diesen Job. Ohne ihn läuft mein Visum bald ab und ich habe gar keine Chance mehr, meine Halbschwester zu finden.

Ich sehe flehend zu Kinnings auf, der auf seine Hände gestützt hinter seinem Schreibtisch steht. Er greift mit seiner rechten Hand zu seiner Lesebrille und schiebt sie nach oben. Ich habe keine Ahnung, was er mir mit dieser Geste sagen will.

»Was soll das heißen?«, setze ich erzürnt an. »Ist es wegen gestern? Das war doch nur ein Witz mit dem Bauhelm. Sie dürfen mich deswegen nicht feuern.« Ich balle meine Hände zu Fäusten.

»Oh, was das angeht, muss ich mich wohl bei Ihnen entschuldigen. Ich hätte Sie nicht so anfahren dürfen. Das Gespräch mit Herrn Gruber und seinem Team verlief nicht ganz so, wie ich es mir gewünscht hatte, da habe ich ein wenig die Beherrschung verloren. Bitte verzeihen Sie mir mein ungehaltenes Verhalten. Ihre Versetzung hat wirklich nichts damit zu tun.«

»Versetzung?« Meine Stirn runzelt sich und ich ziehe eine Braue hoch. Also doch kein Rauswurf. Ich schaue auf das dünne Goldkettchen an meinem Handgelenk und spiele mit dem Anhänger, einer kleinen Blume. Kein Rauswurf – nur eine Versetzung. Das macht es nicht viel besser. Er darf mich nicht versetzen lassen. Ich muss hierbleiben. Sandra ist hier, irgendwo hier. Dessen bin ich mir sicher.

»Ja, versetzen. Was haben Sie denn gedacht? Am ersten Juni beginnen Sie bei Herrn Gruber in der Londoner Zentrale. Man wird Ihnen wieder ein Apartment zur Verfügung stellen. Sie brauchen sich um nichts kümmern. Auf Wunsch können Sie sogar abgeholt werden.«

Der erste Juni. Das ist in nicht mal zwei Wochen. »Gibt es keine Möglichkeit, dass ich hier bleiben kann?« Gedankenverloren lasse ich mich auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder. Mein ganzer Plan, Sandra in Eastbourne zu finden, wird mir gerade versaut.

»Tut mir leid, die Entscheidung kam von ganz oben. Entweder Sie akzeptieren sie, oder Ihre Probezeit ist hiermit beendet.« Er wedelt mit dem Stapel Papiere vor meiner Nase herum und zuckt unschuldig mit den Schultern. »Lesen Sie sich alles in Ruhe durch und setzen Sie anschließend einfach ihre Unterschrift drunter. Wenn Sie Fragen haben, finden Sie mich draußen. Es gibt noch einiges zu tun, Sie wissen ja.«