Leo N. Tolstoi: Wovon die Menschen leben

 

 

Leo N. Tolstoi

Wovon die Menschen leben

und andere Erzählungen

 

 

 

Leo N. Tolstoi: Wovon die Menschen leben und andere Erzählungen

 

Übersetzt von Alexander Eliasberg und Hermann Röhl

 

Neuausgabe mit einer Biographie des Autors.

Herausgegeben von Karl-Maria Guth, Berlin 2017.

 

Umschlaggestaltung unter Verwendung des Bildes:

Vasily Tropinin, Der alte Bauer, 1825

 

ISBN 978-3-7437-1000-9

 

Dieses Buch ist auch in gedruckter Form erhältlich:

ISBN 978-3-7437-0902-7 (Broschiert)

ISBN 978-3-7437-0903-4 (Gebunden)

 

Die Sammlung Hofenberg erscheint im Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, Berlin.

 

Wovon die Menschen leben

Übersetzt von Alexander Eliasberg, aus »Volkserzählungen«, Insel Verlag, Leipzig 1913.

Die drei Greise

Übersetzt von Alexander Eliasberg, aus »Volkserzählungen«, Insel Verlag, Leipzig 1913.

Leinwandmesser

Übersetzt von Hermann Röhl, Insel-Verlag, Leipzig, 1913.

Die beiden Alten

Übersetzt von Hermann Röhl, Insel Verlag, Leipzig o.J.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://www.dnb.de abrufbar.

Wovon die Menschen leben

Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben kommen sind, denn wir lieben die Brüder. Wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tod. (1. Joh. 3,14.)

Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat, und sieht seinen Bruder darben, und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt die Liebe Gottes bei ihm? (3,17.)

Meine Kindlein, lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. (3,18.)

Die Liebe ist von Gott, und wer lieb hat, der ist von Gott geboren und kennt Gott. (4,7.)

Wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. (4,8.)

Niemand hat Gott jemals gesehen. So wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns. (4,12.)

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. (4,16.)

So jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? (4,20.)

 

1.

Ein Schuster wohnte mit Frau und Kindern bei einem Bauern zur Miete. Er besaß weder ein eigenes Haus noch ein Stück Land und ernährte sich und die Seinen durch seine Schusterarbeit. Das Brot war teuer und die Arbeit billig; alles, was er verdiente, wurde sofort verzehrt. Der Schuster und seine Frau hatten zusammen nur einen Pelz, und dieser war schon arg zerfetzt; seit zwei Jahren hatte der Schuster die Absicht, sich Schaffelle zu einem neuen Pelz zu kaufen.

Im Herbst hatte der Schuster etwas Geld gespart: seine Frau hatte in der Truhe einen Dreirubelschein liegen, und die Bauern im Dorf schuldeten ihm noch fünf Rubel und zwanzig Kopeken.

Eines Morgens rüstete sich der Schuster, ins Dorf zu gehen, um sich die Felle zu kaufen. Er zog sich über das Hemd die wattierte baumwollene Jacke seiner Frau und darüber seinen Kaftan aus Tuch, steckte sich den Dreirubelschein in die Tasche, brach sich einen Stecken ab, frühstückte und machte sich auf den Weg. Er sagte sich: »Ich bekomme fünf Rubel von den Bauern, lege meine drei Rubel dazu und kaufe mir das Fell für den Pelz.«

Der Schuster kam ins Dorf und ging zu einem seiner Schuldner; dieser war nicht zu Hause, und seine Frau versprach, das Geld im Laufe der Woche zu schicken, gab ihm aber keinen Heller; der zweite Schuldner, den er aufsuchte, schwor, kein Geld zu haben, und zahlte ihm nur zwanzig Kopeken für das Ausbessern eines Paares Stiefel. Der Schuster wollte dann die Schaffelle auf Borg nehmen. Doch der Gerber wollte ihm nichts auf Borg geben.

»Wenn du bares Geld bringst, kannst du dir Ware nach deinem Belieben aussuchen; ich weiß ja gut, was es heißt, solche Schulden einzutreiben.«

So hatte der Schuster nichts ausgerichtet; er hatte nur die zwanzig Kopeken einkassiert und von einem Bauern den Auftrag bekommen, ein Paar alte Filzstiefel mit Leder zu besetzen.

Der Schuster war sehr betrübt; er trank für die zwanzig Kopeken Schnaps und ging ohne Felle nach Hause. Als er morgens ins Dorf ging, fror es ihn; doch jetzt, nachdem er den Schnaps getrunken, fühlte er sich auch ohne Pelz erwärmt. So geht der Schuster seinen Weg, klopft mit dem Stecken auf die mit einer Eiskruste überzogenen Steine, schwenkt mit der anderen Hand die Filzstiefel hin und her und redet mit sich selbst:

»Auch ohne Pelz ist mir warm. Das Gläschen, das ich getrunken, brennt mir in allen Adern. Ich brauche überhaupt keinen Pelz. Meinen Kummer habe ich schon vergessen. So ein Mensch bin ich. Was brauche ich denn überhaupt? Ich kann gut ohne Pelz auskommen. Auch ohne Pelz werde ich mein Leben beschließen. Allerdings wird sich mein Weib grämen. Es ist ja auch wirklich ärgerlich: ich muss mich für den Bauern abmühen, und er zieht die Bezahlung immer hinaus. Warte nur, mein Lieber! Wenn du mir das Geld nicht bringst, so nehme ich dir deine Mütze! Bei Gott! was soll es denn heißen? Du willst mir wohl die ganze Schuld in Zwanzigkopekenstücken bezahlen? Was kann man denn mit zwanzig Kopeken anfangen? Höchstens ein Glas Schnaps trinken. Du sprichst von deiner Not. Leide ich denn keine Not? Du hast ja ein Haus und Vieh und eine ganze Wirtschaft, ich aber habe nichts als das, was ich an mir trage; du hast dein eigenes Brot, und ich muss mir welches kaufen. Wo man's hernimmt, bleibt sich gleich, aber drei Rubel gibt man in der Woche allein für Brot aus. Wenn ich nach Hause komme, heißt es gleich, das Brot sei zu Ende. Nun muss ich wieder eineinhalb Rubel auslegen. Ich brauche also wirklich mein Geld!«

Als sich der Schuster der Kapelle an der Straßenbiegung näherte, sah er hinter der Kapelle etwas Weißes schimmern. Es dämmerte schon; der Schuster sah aufmerksam hin, konnte aber nicht erkennen, was es war. »Ein Stein hat hier vorhin nicht gelegen. Sollt's ein Tier sein? Nein, es sieht nicht wie ein Tier aus. Eher ist's ein Mensch, doch warum so weiß? Was sollte auch ein Mensch hier tun?«

Als er näher herankam, konnte er es gut sehen. Ein wahres Wunder: Ein nackter Mensch, tot oder lebendig, saß unbeweglich auf der Erde, an die Kapelle gelehnt. Der Schuster erschrak und dachte sich: »Man hat hier einen Menschen umgebracht, ausgeraubt und nackt liegen gelassen. Wenn ich herangehe und mich in die Sache einmische, bekomme ich gleich die ganze Obrigkeit auf den Hals.«

Der Schuster ging weiter. Während er um die Kapelle herumging, war der Leichnam nicht mehr zu sehen. Als er aber ein Stück weitergegangen war und sich umblickte, sah er, dass der Mensch, den er für tot hielt, sich von der Mauer wegrückte und ihm nachsah. Er erschrak noch mehr und sagte sich: »Soll ich umkehren oder meinen Weg weitergehen? Wenn ich auf ihn zugehe, kann es leicht schlimm enden – wer weiß, wer er ist? Es sind sicher keine guten Werke, für die er hergeraten ist. Wenn ich mich ihm nähere, kann er aufspringen und mich erwürgen; dann bleibe ich hier liegen. Und wenn er mich nicht erwürgt, habe ich nur eine neue Sorge. Was soll ich mit dem Nackten anfangen? Ich kann mir doch wirklich nicht meine letzten Kleider vom Leib reißen und sie ihm geben. Möge Gott mich nur glücklich nach Hause führen!«

Der Schuster ging schneller; als er die Kapelle beinahe aus dem Gesicht verloren hatte, bekam er Gewissensbisse.

Der Schuster blieb wieder stehen und sagte sich:

»Was tust du denn, Semion? Ein Mensch geht hier zugrunde, und du bist so feig, dass du ihn in seinem Unglück liegen lässt. Oder bist du plötzlich reich geworden und fürchtest, dass man dir deinen Reichtum nimmt? Nein, Semion, das war nicht gut getan!«

 

2.

Semion ging auf den Menschen zu und betrachtete ihn: es war ein junger, kräftiger Mann, der gar nicht verwundet, sondern nur erfroren und verängstigt schien; er saß noch immer auf dem Boden, an die Kapelle gelehnt, und sah Semion gar nicht an; er war wohl so schwach, dass er die Augen nicht öffnen konnte. Erst als Semion ganz dicht vor ihm stand, kam der Mann zur Besinnung, wendete den Kopf nach ihm um, schlug die Augen auf und blickte ihn an. Durch diesen Blick gewann Semion den Nackten lieb. Er warf die Filzstiefel auf die Erde, löste seinen Gürtel, legte ihn auf die Filzstiefel und zog den Kaftan aus.

»Wir wollen nicht lange reden«, sagte er. »Ziehe den Kaftan an. Mach's schnell!«

Semion ergriff den Mann am Ellbogen und half ihm aufstehen. Der Mann erhob sich. Semion sah einen feinen sauberen Körper, dessen Glieder weder verwundet noch verrenkt waren, und ein frommes und rührendes Gesicht. Semion warf ihm seinen Kaftan über die Schultern. Die Arme wollten nicht in die Ärmel geraten. Semion half ihm die Arme in die Ärmel stecken, schlug ihm den Kaftan vorne zusammen und band ihm seinen Gürtel um.

Semion nahm dann seine zerrissene Mütze vom Kopf, um sie dem Nackten aufzusetzen. Ihm fror aber gleich der Kopf und er überlegte sich: »Ich habe eine Glatze, ihm hängen aber lange Locken an den Schläfen herab.« Er setzte sich seine Mütze wieder auf. »Ich will ihm lieber die Filzstiefel geben.« Er ließ ihn niedersetzen und zog ihm die Stiefel an.

Als der Schuster ihn so bekleidet hatte, sagte er ihm:

»Ja, so ist es, Bruder. Nun rühre dich, um dich zu erwärmen. Was dir geschehen, wird man hier auch ohne uns untersuchen. Kannst du überhaupt gehen?«

Der Mann stand da, blickte freundlich auf Semion, konnte aber kein Wort sagen.

»Warum sagst du nichts? Wir wollen doch hier nicht überwintern. Wir müssen nach Hause. Hier hast du meinen Stecken, stütze dich, wenn du so schwach bist. Rühre dich!«

Und der Mann ging. Er ging ganz leicht und blieb nicht hinter Semion zurück.

Unterwegs fragte ihn Semion:

»Was für ein Landsmann bist du?«

»Ich bin nicht von hier.«

»Die Hiesigen kenne ich alle. Wie bist du eigentlich hinter die Kapelle geraten?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Dir haben wohl Menschen etwas zuleide getan?«

»Niemand hat mir etwas zuleide getan. Gott hat mich gestraft.«

»Ich weiß ja, dass alles von Gott kommt; du musst dir aber doch irgendwie ein Unterkommen suchen. Wo willst du eigentlich hin?«

»Es ist mir einerlei.«

Semion wunderte sich sehr. Wie ein Spaßvogel sah der Mensch nicht aus; seine Rede klang freundlich und sanft, und doch wollte er nichts von sich sagen. Semion dachte sich: »Es kommen ja so verschiedene Dinge auf der Welt vor.« Und er sagte dem Menschen:

»Nun, komm in mein Haus, da wirst du dich wenigstens etwas erholen.«

Semion ging weiter, und der Fremde blieb nicht zurück. Ein Wind erhob sich, drang Semion unter das Hemd, und vor Frost verflog sein ganzer Rausch. Er atmete laut mit der Nase, hielt sich die Jacke vorne zu und dachte sich: »Da habe ich den Pelz! Ich bin fortgegangen, um einen Pelz zu kaufen, komme aber ohne Kaftan nach Hause und bringe noch einen Nackten heim. Matriona wird mich dafür nicht loben!« Und sobald ihm Matriona in den Sinn kam, wurde ihm ganz traurig zumute. Wenn er aber den Fremden ansah und daran dachte, wie ihn dieser hinter der Kapelle angeblickt hatte, freute sich sein Herz.

 

3.

Semions Frau war an diesem Abend mit ihrer Hausarbeit früher als sonst fertig geworden. Sie hatte Holz gehackt, Wasser vom Brunnen geholt, den Kindern zu essen gegeben und auch selbst gegessen. Nun überlegte sie sich, wann sie Brotteig bereiten sollte: heute oder erst morgen? Es war noch ein ziemlich großes Stück Brot übriggeblieben.

»Wenn Semion im Dorf zu Mittag gegessen hat«, dachte sie, »und zum Abendbrot nicht viel isst, wird das Brot auch noch für morgen langen.«

Matriona wendete das Brot hin und her und dachte: »Nein, ich will den Brotteig erst morgen bereiten. Das Mehl reicht ja auch nur noch für einmal. Bis Freitag müssen wir damit auskommen.«

Matriona legte das Brot fort und setzte sich an den Tisch, um das Hemd ihres Mannes zu flicken. Beim Nähen dachte sie an ihren Mann, wie er jetzt beim Gerber die Felle einkaufte.

»Dass ihn der Gerber nur nicht betrügt! Mein Mann ist ja so einfältig. Er selbst wird niemand betrügen, ihn kann aber auch ein kleines Kind anführen. Acht Rubel sind keine Kleinigkeit. Für dieses Geld kann man ja schon einen recht guten Pelz bekommen. Wenn auch einen aus ungegerbten Fellen, immerhin wird es ein Pelz. Im vergangenen Winter hatten wir es ja so schwer ohne Pelz! Wir konnten weder zum Fluss, noch sonst irgendwohin ausgehen. Wenn er ausgeht, zieht er alle unsere Sachen an, sodass ich nichts mehr anzuziehen habe. Er ist ja heute so früh fortgegangen, und es wäre Zeit, dass er heimkommt. Ob mein Männchen nicht irgendwo im Wirtshaus sitzt?«

Kaum hatte Matriona das gedacht, als die Stufen auf dem Flur knarrten und jemand ins Haus trat. Matriona steckte die Nadel in die Arbeit und ging ins Vorderhaus. Sie sah, dass zwei gekommen waren: ihr Mann und mit ihm ein unbekannter Bauer in Filzstiefeln und ohne Mütze.

Matriona merkte sofort, dass ihr Mann nach Schnaps roch. Sie sagte sich: »Ich habe also doch recht gehabt: er kommt wirklich aus dem Wirtshaus.« Und als sie sah, dass er ohne Kaftan war und nur ihre Jacke anhatte, dass er mit leeren Händen kam, kein Wort sagte und verlegen dreinschaute, stand ihr das Herz still. Sie dachte: »Er hat das Geld mit irgendeinem Strolch vertrunken und bringt jetzt den Kumpan auch noch mit.«

Matriona ließ die beiden in die Stube eintreten und kam auch selbst mit herein. Sie sah einen fremden, jungen, hageren Mann, mit dem Kaftan ihres Mannes bekleidet. Unter dem Kaftan sah man kein Hemd, auch hatte er keine Mütze auf dem Kopf. Als er in die Stube kam, blieb er vor der Schwelle unbeweglich stehen und hob nicht einmal seine Augen. Matriona dachte: »Es ist wohl kein guter Mensch, denn er ist so scheu.«

Matriona runzelte die Stirn, ging zum Ofen und wartete, was die beiden wohl anfangen würden.

Semion nahm seine Mütze ab und setzte sich auf die Bank, als ob alles in bester Ordnung wäre.

»Nun, Matriona, wirst du uns vielleicht das Abendbrot geben?«

Matriona brummte sich etwas unter die Nase. Sie stand unbeweglich vor dem Ofen und blickte kopfschüttelnd bald den einen und bald den andern an. Als Semion sah, dass seine Alte schlechter Laune war, stellte er sich so, als ob er es gar nicht merkte. Er nahm den Fremden bei der Hand und sagte:

»Setz dich doch, Bruder, wir wollen essen.«

Der Fremde setzte sich auf die Bank.

»Hast du denn heute nichts gekocht?«

Matriona wurde böse.

»Gekocht habe ich schon, doch nicht für dich. Wie ich sehe, hast du auch deinen Verstand vertrunken. Nach einem Pelz bist du gegangen, und ohne Kaftan kommst du zurück; bringst auch noch einen nackten Strolch mit nach Hause. Ich habe kein Abendbrot für euch, ihr Trunkenbolde.«

»Lass gut sein, Matriona, schwatze kein dummes Zeug! Frage doch zuerst, wer der Mann ist ...«

»Sage du, wo hast du das Geld hingetan?«

Semion holte aus dem Kaftan den Schein und zeigte ihn seiner Frau.

»Hier ist das Geld; Trifonow hat seine Schuld nicht bezahlt, hat versprochen, morgen zu bezahlen.«

Matriona kam ganz außer Fassung: den Pelz hatte er nicht gekauft, den letzten Kaftan einem Nackten gegeben und diesen mit ins Haus gebracht.

Sie nahm den Schein vom Tisch, verwahrte ihn wieder in der Truhe und sagte:

»Ich habe kein Abendbrot. Alle nackten Trunkenbolde kann ich nicht satt machen.«

»Ach, Matriona, halte doch deine Zunge im Zaum und höre, was man dir sagt.«

»Von einem betrunkenen Narren bekomme ich doch nichts Gescheites zu hören! Nicht umsonst habe ich dich Trunkenbold nicht heiraten wollen; Mütterchen gab mir Leinwand in die Ehe, und du hast sie vertrunken; nun bist du ins Dorf gegangen, um einen Pelz zu kaufen, und hast das ganze Geld vertrunken.«

Semion wollte seiner Frau erklären, dass er nur zwanzig Kopeken vertrunken habe, er wollte ihr sagen, wo er den Mann gefunden habe. Matriona ließ ihn aber nicht zu Wort kommen und redete so viel und so schnell, dass es schien, sie spreche immer zwei Worte auf einmal aus. Selbst von Dingen, die zehn Jahre zurücklagen, fing sie an zu reden.

Während sie so sprach, sprang sie auf Semion zu und packte ihn am Ärmel.

»Gib mir mal meine Jacke her; ich habe nur die eine, und auch die hast du mir weggenommen. Gib die Jacke her, du Hund, dass dich der Schlag treffe!«

Semion zog die Jacke aus, drehte aber dabei einen Ärmel um. Matriona zerrte am anderen Ärmel, dass die Nähte krachten. Sie nahm die Jacke, warf sie sich über den Kopf und ergriff die Türklinke. Sie wollte weglaufen, blieb aber plötzlich stehen: sie war sehr aufgebracht und wollte ihrem Ärger Luft machen; zugleich wollte sie aber gar zu gerne wissen, wer der Mensch war.

 

4.

Matriona blieb vor der Tür stehen und sagte: »Wenn es ein guter Mensch wäre, würde er nicht so nackt herumlaufen; er hat aber nicht einmal ein Hemd an! Wenn dein Gewissen rein wäre, würdest du mir sagen, wo du diesen Fant aufgegabelt hast.«

»Das will ich dir eben sagen. Wie ich an der Kapelle vorbeigehe, sitzt er nackt auf der Erde und scheint erfroren. Jetzt ist ja nicht Sommer, dass man nackt herumlaufen könnte. Gott hat mich zu ihm gebracht, sonst wäre er wohl umgekommen. Was sollte ich denn tun? Es kommen ja so verschiedene Dinge in der Welt vor. Ich habe ihn also bekleidet und hergebracht. Bezähme dein Herz, Matriona, sündige nicht! Wir werden ja alle einmal sterben.«

Matriona wollte weiter schimpfen. Als sie aber den Fremden ansah, musste sie verstummen. Der Fremde saß unbeweglich am äußersten Ende der Bank, die Hände auf den Knien, den Kopf gesenkt; er hielt die Augen geschlossen und verzog das Gesicht, als ob ihn etwas würgte. Matriona schwieg, und Semion sagte:

»Matriona, ist denn kein Gott in dir?«

Als Matriona dieses Wort hörte und den Fremden noch einmal anblickte, war ihr Zorn auf einmal verschwunden. Sie ging von der Tür zum Ofen und holte das Abendbrot hervor. Sie stellte eine Schüssel auf den Tisch, goss Kwaß hinein und brachte den letzten Brotrest. Sie reichte ein Messer und zwei Löffel.

»Nun, esst doch!«

Semion schob den Fremden näher an den Tisch heran, schnitt das Brot, brockte es in die Schüssel, und sie begannen zu essen. Matriona setzte sich an die Tischecke, stützte den Kopf in eine Hand und blickte auf den Fremden.

Und sie fühlte Mitleid mit dem Fremden, denn sie hatte ihn gleich liebgewonnen. Plötzlich erheiterte sich das Gesicht des Fremden, seine Stirn glättete sich, er hob die Augen und lächelte Matriona zu.

Als sie gegessen hatten, räumte Matriona das Geschirr weg und begann den Fremden auszufragen:

»Was für ein Landsmann bist du?«

»Ich bin nicht von hier.«

»Wie bist du auf die Straße geraten?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Wer hat dich ausgeraubt?«

»Gott hat mich gestraft.«

»Bist du wirklich so nackt auf der Straße gelegen?«

»Ja, so nackt, und wäre beinahe erfroren. Als mich aber Semion sah, hatte er Mitleid mit mir; er zog mir seinen Kaftan an und nahm mich mit. Hier aber hast du mir zu essen gegeben und dich meiner erbarmt. Gott wird euch dafür seine Gnade erweisen!«

Matriona stand auf, nahm das alte Hemd ihres Mannes, das sie vorhin geflickt hatte, von der Fensterbank und reichte es dem Fremden; sie fand auch eine Hose und gab sie ihm.

»Hier nimm die Sachen. Ich sehe ja, dass du nicht einmal ein Hemd anhast. Zieh dich an und lege dich hin, wo du willst: auf die Bank oder auf den Ofen.«

Der Fremde zog den Kaftan aus und Hemd und Hose an und legte sich auf die Bank. Matriona löschte das Licht aus, nahm den Kaftan und legte sich neben ihren Mann.

Matriona deckte sich mit einem Ende des Kaftans zu, konnte aber nicht einschlafen: sie musste immer an den Fremden denken. Wenn sie daran dachte, dass er das letzte Stück Brot gegessen hatte und sie für morgen kein Brot mehr übrig hatten, dass sie ihm das Hemd und die Hose geschenkt hatte, wurde es ihr traurig zumute; wenn sie aber an sein Lächeln dachte, hüpfte ihr Herz vor Freude.

Matriona konnte lange nicht einschlafen. Als sie merkte, dass auch Semion nicht schlief und den Kaftan zu sich hinüberzog, rief sie ihn an:

»Semion!«

»He?«

»Wir haben unser letztes Brot gegessen, und ich habe kein neues bereitet. Ich weiß gar nicht, was wir morgen tun sollen. Vielleicht wird mir Gevatterin Malanja welches geben.«

»Wenn wir leben werden, werden wir auch satt sein.«

Das Weib lag eine Zeitlang still, dann begann sie wieder:

»Der Mensch gefällt mir nicht schlecht; es ist aber sonderbar, dass er uns nichts sagen will.«

»Wahrscheinlich darf er nichts sagen.«

»Semion!«

»He?«

»Wir geben den anderen, warum gibt uns aber niemand?« Darauf konnte Semion nichts erwidern. Er sagte nur: »Lass das Geschwätz«, drehte sich um und schlief ein.

 

5.

Als Semion am anderen Morgen erwachte, schliefen die Kinder noch; die Frau war zu den Nachbarn gegangen, um Brot zu leihen. Der Fremde von gestern saß in der alten Hose und im Hemd auf der Bank und blickte zur Decke. Sein Gesicht schien heiterer als gestern.

Semion sagte: »Ja, mein Lieber: der Magen verlangt Brot, und der nackte Leib verlangt Kleidung. Man muss sich doch irgendwie ernähren. Kannst du arbeiten?«

»Ich kann nichts.«

Semion wunderte sich und sagte:

»Wenn du nur wolltest. Ein Mensch kann alles lernen.«

»Wenn die Menschen arbeiten, so werde ich auch arbeiten.«

»Wie heißt du?«

»Michailo.«

»Wenn du mir nichts über dich sagen willst, Michailo, so ist es eben deine Sache. Jedenfalls musst du dich irgendwie ernähren. Wenn du für mich arbeiten willst, werde ich dich bei mir behalten.«

»Gott lohne dir's! Ich will gerne bei dir in der Lehre bleiben. Zeige mir, was ich tun soll.«

Semion nahm einen Pechdraht, wickelte ihn sich um die Finger und machte einen Knoten.

»Es ist nicht schwer, schau nur zu ...«

Michailo sah zu, wickelte sich einen Pechdraht um die Finger und machte gleichfalls einen Knoten.

Dann zeigte ihm Semion, wie man zwei Enden vom Pechdraht miteinander verbindet. Auch das begriff Michailo sofort. Der Schuster zeigte ihm noch, wie man Schweinsborsten eindreht und wie man absteppt. Michailo zeigte sich in allen Dingen sehr gelehrig.