Sie er und ich - Bei Verwechslung Liebe

Band 3

Adelina Zwaan

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Band 3

Widmung

Ich sagte, dass ich hierbleibe, also bleibe ich auch hier. Sie muss die Zimmertür nicht öffnen, soll aber verstehen, dass ich Wort halte und hier auf sie warte.

Adelina Zwaan

Kapitel 1

Ein schriller Piepton weckt mich aus meinem traumlosen, aber unruhigen Schlaf. Wie gerädert hebe ich den Kopf, damit ich mich anhand der Umgebung orientieren kann. Ich erinnere mich schemenhaft an den Heuboden der alten Scheune, in dem mich Thies gestern unterbrachte.

Statt in meinem gewohnten Leben finde ich mich an diesem Ort wieder, was im Klartext bedeutet: Ich bin noch immer in meinem neuen Leben gefangen, von dem ich nur wenig weiß und allem Anschein nach, erbärmlich verläuft.

Wobei mich eine gewaltige Mitschuld trifft.

Mist!

Ich liege nicht bei Lorenz im warmen, kuscheligen Bett und er wird mir kein Frühstück servieren, geschweige denn mich dorthin fahren, wo ich hin ich gern möchte. Viola und Olli bekommen noch immer ein Kind und ich wurde von der Brücke gestoßen, hatte jedoch sagenhaft Glück.

Die Situation, in der ich mich wiederfinde, ist nicht angenehm zu nennen, und fühlt sich alles andere, als erfreulich an, aber ich will nicht jammern. Das wäre extrem unfair gegenüber meinem Schutzengel.

Dem sollte ich stattdessen lieber danken.

Mitten in diesen Überlegungen hört das nervige Geräusch des Weckers abrupt auf. Erschrocken darüber reiße ich meine Augen auf und auf der Stelle hellwach. Thies steht am Tisch, legt in diesen Moment seine Hand auf dem Wecker, um das markdurchdringende und nervende Geräusch zu stoppen.

»Bin schon munter!«, murmele ich schuldbewusst, weil ich mir eine lange Aufwachphase gönnte.

Schwerfällig und übernächtigt schlage ich die Zudecke beiseite und sehe mich mit einem Problem konfrontiert. Nach der gestrigen Dusche schlüpfte ich gänzlich unbekleidet in das Bett, welches faktisch nur ein altes Sofa ist. Schleunigst bedecke ich mich wieder und beobachte misstrauisch sein Treiben.

Thies stellt unterdessen ein Tablett ab, auf dem ein kleines Frühstück steht, und scheint meinen Blick nicht zu bemerken. Über das köstliche Mitbringsel überrascht, sehe ich zu ihm auf und erblicke ein frisch rasiertes Gesicht und die makellose Haut um sein Kinn.

Glatt, wie die Haut eines frisch gepuderten Kinderpopos.

Oder so ähnlich.

»Dankeschön.«

»Los hoch, waschen, essen und Zähne putzen!«, sagt er hartherzig und übergeht meinen Dank wie ein eisbedeckter Berggipfel in den Schweizer Alpen.

»Dreh dich erst um!«

»Wozu?«

Er reicht mir meine Krücken, nach denen ich umständlich fingere.

»Hallo? Ich bin vielleicht splitterfasernackt«, zische ich ungehalten, damit er versteht.

Leider versteht er nicht oder will mich nicht verstehen, denn in wenigen Schritten ist er plötzlich bei mir, dass mir nicht einmal die Zeit bleibt, um bis zwei zu zählen. Er zerrt rabiat die Decke von meinem nackten Körper und hebt mich in Windeseile in die Höhe. Ich habe reiflich Mühe, mich an den entscheidenden Stellen zu bedecken. Im Klartext: Mit einem Arm bedecke ich mich panisch, während der Andere sich ängstlich, wegen der schwindelerregenden Höhe und Geschwindigkeit seines Schrittes, an das Shirt krallt.

»Welches Aftershave benutzt du?«, erkundige ich mich unsicher und übergehe so meine überaus missliche Lage.

»Parfüm, kein Aftershave«, antwortet er reserviert und öffnet mit der rechten Hand die Tür zum Bad, wozu er leicht einknickt.

»Huch!«, entfährt es mir bei dieser überraschenden Bewegung, die mich noch fester seine Schulter umklammern lässt. Ich muss gestehen, dass ich selten auf Händen getragen werde, könnte mich allerdings daran gewöhnen. Meine Nase ist erfüllt von einem faszinierenden Duft nach frischem Moos und einem Hauch Pampelmuse, die auf Holz gelegt wurde.

Himmlisch.

»Riecht angenehm«, murmele ich mehr zu mir, als zu ihm und erwarte daher keine Antwort. Zum Glück beachtet Thies das vorsichtige Kompliment nicht und betritt das Badezimmer.

»Du hasst es.«

»Wenn mir etwas gefällt?«, erkundige ich mich, nachdem er mich absetzt.

»Vergiss es!«

»Was soll ich vergessen?«, frage ich und fühle mich wegen seiner Einsilbigkeit immer ungehaltener.

Thies, der mich um eine halbe Kopflänge überragt, sieht zu mir herab, ohne seinen Kopf zu neigen und richtet seinen unergründlichen Blick gelangweilt an mir vorbei. »Einfach vergessen, Lene!«

»Wenn du willst, dass ich reagiere oder vergesse, nenne mich Milla, begriffen?«

Verdutzt richtet er den Blick wieder zu mir herab. Ich sehe in wunderschöne Augen, die von dunklen Wimpern umgeben und apart geschwungen sind. Unbewusst schlucke ich schwer, denn der Augenaufschlag beunruhigt mich auf zwei Arten. Erstens: Keine zwanzig Zentimeter von mir entfernt, spüre ich seinen warmen Atem auf meinem Gesicht. Zweitens lässt mich die Tiefe des Blickes staunend zurück.

Er schaut von oben herab, ohne herabzusehen.

Langsam wandert mein Blick über die mittelgroße, gerade Nase zu seinem Mund hinab und auch hier staune ich Bauklötze, wie die Natur etwas so Unwiderstehliches erschafft. Die Lippen verlaufen gleichmäßig und sind nichts anderes als harmonisch in ihrer Form und Farbe zu nennen.

»Was?«, frage ich erneut, weil er nicht reagiert.

Mein Tonfall klingt absichtlich unverschämt und obendrein werfe ich störrisch den Kopf in den Nacken, um ihm wieder in die Augen zu sehen.

»Sehr wohl eure Majestät, von nun an Milla. Wie ihr beliebt«, spöttelt er, hebt mich umschlingend in die Höhe und trägt mich ohne Mühe in die Wanne der Duschkabine.

Das sagte seine Mutter gestern Abend auch so ähnlich, daher will ich vehement protestieren. Mit einer schnellen Bewegung stellt er jedoch die Duschbrause an, aus der nun eiskaltes Wasser rinnt und meine Haut benetzt, weil er sie direkt auf mich richtet. Entsetzt schreie ich auf und traue mich nicht, die montierte Wandhalterung loszulassen, die mir Sicherheit im Stand verspricht. Der Boden der Duschkabine ist unter Umständen rutschig und ich kann nicht ohne Schmerzen mit dem rechten Fuß auftreten.

Mich zu wehren scheint im Augenblick zwecklos, denn ich fürchte, dass ich dadurch erst recht ausrutsche. Ich ahne, dass er auf meine Hilflosigkeit setzt, also ändere ich die Strategie und schnappe nun nach Luft. Kaltes Wasser zu schlucken ist nicht ansatzweise so gefährlich wie von einer Brücke zu fliegen.

Er richtet nicht ewig den Wasserstrahl auf mich, also trinke ich gleich noch nebenbei und der Erfolg meiner Strategie lässt nicht lange auf sich warten. Wie vermutet, stellt er das eiskalte Wasser ab und ich schätze, dass es ihm nur mit viel Zetern die maximale Freude bereitet.

Feindselig sehe ich in ein schadenfrohes Gesicht.

»He!«, begehre ich lauthals auf, doch prompt regnet es erneut eiskaltes Duschwasser auf mich herab.

Wiederholt bringt er mich auf diese Weise zum Schweigen, bis der Wasserstrahl erneut versiegt. Gestern fand ich seine Erziehungsmethoden noch erstklassig, jetzt überlege ich mir die ganze Sache noch einmal.

»So, eure Königliche Hoheit. Habt Ihr Euren Worten noch was anzumerken?«

»Ja«, schreie ich und sehe ihn pudelnass an. »Blödarsch!«

Postwendend öffnet er wieder den kalten Strahl und richtet ihn genau auf meine Herzgegend. Entsetzt von der durchdringenden Kälte japse ich hektisch nach Luft, was ihn köstlich amüsiert. Er lacht sich über mich schlapp und äfft meine unästhetischen Bewegungen nach, die ich mit dem Mund mache.

Belustigt beugt er sich in seiner Imitation eines Fisches, der auf dem Trockenen liegt, vor und zurück. Unbemerkt balle ich schnellstmöglich eine Faust, recke den Mittelfinger empor und halte sie ihm deutlich sichtbar entgegen.

Zur Antwort richtet Thies den kalten Strahl mitten in mein Gesicht.

»Was noch, Majestät Lene?«, fragt er höhnisch, als der Wasserstrahl wieder abebbt. »Würden Eure gnädigste Durchlaucht eine Kleinigkeit von dem edlen Duschgel probieren?«

Eine Hand greift zu der Plastikflasche mit dem Duschgel einer Handelskette. Er öffnet den Klappverschluss und hält mir die Tube entgegen. Meine Hand fährt ihm flach ausgestreckt entgegen.

»Habt ihr hier kein kaltes Wasser? Das war so verdammt heiß eben, da verbrühe ich ja. Schau nur, alles ganz gerötet!«

Lachend öffnet er den Wasserhahn mit dem kalten Wasser und versprüht es diesmal überall gleichzeitig an meinem Körper. Lautstark kreische ich mein Frust hinaus und kanalisiere den aufsteigenden Zorn, während er hämisch lacht.

»Deine Mutter ist Zahnärztin, ja?«, frage ich, als der eisige Wasserstrahl meine Haut zum Kribbeln bringt und jäh abebbt.

Er nickt.

Unter seinen strengen Aufseherblick reibe ich mich zügig mit dem Duschgel ein. Mit hundertprozentiger Sicherheit kennt er alles an mir, wenn er tatsächlich mein geschiedener Mann ist und wir ein Kind zusammen zeugten.

Himmel, wenn ich daran denke …

Egal, wie ich es drehe, er weiß ganz sicher, wie ich nackt aussehe, mich dusche und wer weiß, was noch alles anstelle. Jedoch bringt es selbst mit diesem Wissen nichts Angenehmes für mich in die Situation, denn im Gegensatz zu ihm, kenne ich ihn keineswegs.

»Sie kann dir gleich neue Zähne verpassen, wenn ich hier raus bin«, fluche ich Zähne klappernd und schlotternd.

Kaltes Wasser strömt wie erwartet im hohen Bogen auf mich ein und überlagert nicht im Entferntesten das hämische Gelächter. In Windeseile reibe ich das eingeschäumte Gel ab und hinke zu ihm heran. Die Schmerzen, die der Auftritt meines Fußes im Gelenk dabei verursacht, ignoriere ich demonstrativ. Mein Ziel vor Augen, peile ich Thies an, der mit noch immer boshafter Miene meine Dusche verfolgt. Bestürzt über den Überraschungsangriff weicht er mit geweiteten Augen zurück, weil er mein heimliches Annähern zu spät bemerkt.

»Du sadistischer Mentalpygmäe!«, schreie ich laut über das Geräusch hinweg.

Postwendend versiegt der Strahl und ich atme heftig, weil ich in Raserei und von der Anstrengung außer Atem direkt vor ihm stehe.