Sie er und ich - Bei Verwechslung Liebe Sammelband 2

Band 5 - 7

Adelina Zwaan

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Band 5

Widmung

Ich will nicht mehr ohne ihn sein, kann die Vorstellung nicht einmal zu Ende denken. Allein der Gedanke, bringt mich schier an den Rand des Wahnsinns.

Adelina Zwaan

Kapitel 1

Beim Frühstück am nächsten Morgen sehen wir uns verschämt an, wollen den Blickkontakt meiden und bekommen es irgendwie doch nicht hin. Zu süß schmeckt die Erinnerung an das gestrige Herzklopfen. Zu abgrundtief fiel ich in eine unbekannte Unergründlichkeit, als ich seinen Herzschlag wahrnahm. Noch immer spüre ich seine warme Haut in meiner Handinnenfläche, als wären keine zwei Sekunden vergangen.

Wie konnte ich nach diesem Erlebnis erholsamen Schlaf finden, nachdem mein Herz begriff: Es wünscht sich nichts anderes, als zu seinem Herz?

Aus weiter Ferne höre ich Kim aufgeregt erzählen, obwohl sie neben mir sitzt. In Wahrheit schwebt mein Geist durch den wabernden Raum, weil es seit gestern Nacht sein Zuhause erahnt und sich dort hinsehnt. Nichts, rein gar nichts klingt daran logisch, aber dieses Gefühl nimmt mich derart ein, dass ich mich dem Wunsch demütig beuge.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, will Kim wissen und stupst meinen Unterarm.

»Reiche mir bitte die Butter!«

Ihre restliche Nacht war, ganz im Gegensatz zu unserer, geruhsam und reich an Träumen. Für heute Vormittag plant sie mit Leon und Max eine größere Staumauer am Ufer und berichtet munter von ihren Überlegungen.

»Dein Mund klebt voller Nudossi, Kimi. Geh dich mal im Spiegel ansehen!«

Sie folgt Thies Ratschlag und läuft zum Handwaschbecken, um sich den verschmierten Mund, der voller Schokolade lebt, zu reinigen. Sofort belegt er ihren Platz, um neben mir zu sitzen. Seine Hand berührt meine und löst damit einen winzigen elektrischen Schlag aus. Erstaunt und zugleich alarmiert, sehe ich ihn an, denn ich war in Gedanken bei gestern Nacht, der wohltuenden Nähe und alle meine folgenden Gefühle.

»Ist alles okay?«

»Ja«, hauche ich kaum hörbar, »die Nacht war nur arg kurz.«

»Arg kurz trifft den Nagel genau auf dem Kopf. Ich schlief gerade mal vor einer halben Stunde ein«, entgegnet er und zieht seine Hand nicht zurück, obwohl Kim an den Tisch zurück stampft. Ihr Blick gleitet zu unseren Händen, die sich gegenseitig berühren und zärtlich miteinander spielen. Abwechselnd schaut sie von ihm zu mir.

»Ich saß neben ihr.«

»Jetzt sitze ich neben ihr. Und, hast du gesehen, wie lustig er verschmiert war?«

Statt sich auf den freien Platz zu setzen, langt sie über den Tisch, um ihre Scheibe Brot zu ergreifen. An Ort und Stelle beißt sie hinein.

»Setz dich zum Essen, Kimi!«

»Nö, ich steh lieber neben ihr.«

Bemüht lässig trinkt Thies einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse, bevor sich die freie Hand an den Kaffeebecher legt. Alle offenen Fragen, über die ich bis eben noch brütete, wiegen halb so schwer, weil ich nun weiß, dass er wie ich empfindet und es obendrein überdeutlich in seinem Gesicht geschrieben steht. Die Situation ist nicht peinlich oder blamabel, sondern wie sie ist: rundherum blöd gelaufen.

»Wie sieht der Plan für heute aus?«, fragt er und lässt dabei meine Hand los.

»Ich möchte heute Abend etwas zum Grillen vorbereiten und brauch dafür Hackfleisch! Außerdem muss ich ein paar Dinge einkaufen«, antworte ich und trinke hastig aus meinem Kaffeebecher.

Thies starrt mich verwundert an. »Du willst grillen?«

»Ja, der fangfrische Fisch ist herrlich, aber ich habe heute Appetit auf etwas Herzhaftes und bereite es vor.«

»Du?«, fragt er noch immer ungläubig.

Kim springt vom Tisch auf, stellt ihren Teller in die Spüle und läuft zum Strand, wo Max und Leon schon fleißig an dem neuen Kanal arbeiten. Dabei lässt sie die Tür sperrangelweit offen, was niemand von uns tadelt, da wir mit uns beschäftigt sind.

»Ja, ich. Warum?«

»Du hasst kochen in jeglicher Form, weil …«

Geräuschvoll lege ich die Hand, in der ich das Messer halte auf den Tisch, hebe meinen Blick zu Thies und seufze entnervt. »Ich höre seit geschlagenen drei Monaten, was Lene alles hasst und frage mich, ob es eigentlich irgendeine Kleinigkeit gibt, die sie liebt.«

»Lass mich eine Sekunde überlegen. Drogen, Alkohol und Intimverkehr mit fremden Mä...« Thies spricht nicht weiter, nachdem er meinen grimmigen Blick bemerkt.

»Sie tat dir sehr weh, nicht wahr?«

Betroffen sieht er auf den Frühstücksteller hinab. »Na ja. Ehrlich gesagt, wollte ich die Geschichte hinter mir lassen, aber … egal. Ich kaufe dir nachher die Sachen, die du zum Grillen brauchst. Danach gehen wir gemeinsam die Liste mit den Dingen durch, die Lene hasst. Vielleicht finde ich ein Detail, für das sie sich begeistert hat.«

»Tu das!«, flüstere ich und kann meinen Blick nicht abwenden.

Ewigkeiten mustert er mein Gesicht, bevor er sich erhebt und seine Kaffeetasse zur Spüle trägt.

»Thies?«

»Hmm.«

»Es tut mir leid.«

Weil selbst ich meine Worte kaum höre, dreht er sich um.

»Lene tut nie etwas leid und du verwirrst mich mit deinem Verhalten.«

»Was, wenn ich nicht Lene bin?«

»Mit diesen Fragen willst du mich verwirren, ja?«

»Zumindest nicht vorsätzlich.«

Nach einem ausgiebigen Plausch mit Vera, der Einladung zum Abendbrot und dem Aufräumen der Campingstühle, bereite ich in der Küche des Wohnwagens die Hackfleischmasse vor. Thies kaufte sie im Supermarkt im nächstgelegenen Dorf und überreichte mir freudestrahlend den randvollen Beutel mit dem Einkauf.

Jetzt zerkleinere ich Zwiebeln, die mir beim Schneiden das Tränenwasser in die Augen treibt. Just in dem Moment, als ich mir mit Wasser die Augen ausspülen möchte, kommt er in den Wohnwagen gestiegen und bemerkt, dass ich die Tränen die Nase hinauf schniefe.

»Was ist los?«, erkundigt er sich und eilt auf mich zu.

Verschwommen nehme ich wahr, dass er zu der geschnittenen Zwiebel und denen schaut, die noch unbearbeitet auf der kleinen Arbeitsplatte liegen. Erneut ziehe ich die Feuchtigkeit in meiner Nase hinauf und wische mit dem Handrücken über die schrecklich brennenden Augen.

»Meine Augen brennen wie Feuer.«

»Warte kurz, ich helfe dir!«

Gehorsam folge ich seiner Anweisung, denn ich höre sogleich das Wasser rauschen, bis er wieder vor mir steht und zwei kühle, feuchte Waschlappen auf meine tränenden Augen legt. Die sind so eine Wohltat, dass ich sie ihm schnellstens aus der Hand reiße, befreit ausatme und die Lappen fester auf die Augenhöhlen drücke.

»Verdammt, ich hätte genauer aufpassen sollen. Jetzt brennt es wie die Hölle und ich flenne …«

»Ich mag es wirklich, wenn hübsche Frauen wegen mir weinen«, haucht er leise in meiner Nähe. Verhalten kichere ich und ziehe meine Mundwinkel in die Höhe, denn er sagte hübsche Frauen, was mir beinahe die Schamröte in die Wangen treibt.

»Es heißt aber meinetwegen«, korrigiere ich leise und spüre, dass er noch in meiner Nähe steht, denn ich nehme den Duft nach frisch geschlagenem Holz wahr.

»Ich mag es auch, wenn hübsche Frauen meinetwegen erröten«, erklärt er noch ein Stück näher und bemerkt offensichtlich, was ich auf meinen feurigen Wangen spüre. Vorsichtig umschlingt er meine Taille und elektrisiert mich. »Wenn die bei drei nicht zum Waschbecken gehen, um sich die tränenden Augen auszuspülen, verkneife ich mir gewisse Unverschämtheiten nicht länger. Bevor sie mich noch mehr verwirren.«

Trotz der aufsteigenden Tränen, dem brennenden Schmerz und der überfordernden Gesamtlage, richte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die plötzlich energetisch aufgeladene Atmosphäre.

Küsst er mich?

Nein, aber er zieht mich näher zu sich, fährt sanft mit seiner Hand den Rücken hinauf und denkt gar nicht daran, mich loszulassen. Ich lasse die vorsichtige Umarmung geschehen und denke ebenfalls nicht daran, von ihm abzurücken.

»Dann bleibe ich besser, wo ich bin, denn so kann ich auf dich aufpassen, obwohl ich nichts sehe«, halte ich flüsternd dagegen und spüre mein Herz wieder bis zum Hals klopfen.

Lautstark lacht er, dreht mich an den Schultern in die entgegengesetzte Richtung und schiebt mich mit einem Klaps auf dem Allerwertesten zum Waschbecken, damit ich meine Augen mit fließendem Wasser spüle.

Nach einem schönen und ausgiebigen Spaziergang durch den Wald stellen wir am Abend unseren Tisch mit dem von Vera und Bernd zusammen. Ich stehe am Grill. Mit ausladenden Gesten erkläre ich Thies, auf was beim Grillen der Brotscheiben, die ich mit Schmierkäse und dem gewürzten Hackfleisch belegt habe, zu beachten ist.

»Zuerst grille ich das Fleisch an und wenn das durch ist, röste ich für wenige Minuten eine Seite des Brotes. Siehst du, so! Mehr braucht es nicht und die Kinder werden sie dir aus den Händen reißen«, erkläre ich und wende geschickt eine Brotscheibe auf dem Grill. »Wenn der Streichkäse nicht zu dick und nicht zu dünn verstrichen wurde, kleben Brot und Hackfleisch aneinander. Der Schmierkäse wirkt wie eine Füllmasse beim Kochen und verbindet beide Komponenten.«

»Quasi Zweikomponentenkleber«, schmunzelt Thies, der neben mir steht und fasziniert zu den Broten sieht, die auf dem Grill rösten, »aber woher weißt du das alles so plötzlich, denn du hasst ja kochen.«

Um Vergebung bittend, sieht er mich an, weil er in letzter Sekunde das riesengroße Fettnäpfchen bemerkt. Gelassen übergehe ich den Hinweis auf das, was Lene wieder einmal hasst.

»Die Kinder reißen es dir aus den Händen, also halte dich besser ran!«, murmele ich und sehe über seine Schulter hinweg zu dem fünfjährigen Leon, der eine dieser köstlichen Brotscheiben kaut.

»Bekomme ich noch eine, Lene?«, fragt er mit verschmierter Futterluke und kommt angelaufen. Thies hebt eine Augenbraue, während er mich erstaunt über meine unvermuteten Kochkünste begafft. Ich hebe kurz eine Achsel an, denn ich weiß ja sehr genau, wie vorzüglich das heutige Abendessen schmeckt.

»Ich möchte bitte auch noch eine. Die sind lecker«, sagt Kim, die nun auch am Grill erscheint.

Thies bedient die Kinder, die sich förmlich alle Finger danach lecken und hat alle Hände voll zu tun, die Brotscheiben zu grillen. In der Zwischenzeit beschmiere ich weitere und trage den Nachschub zum Grill.

»Beim nächsten Mal bin ich schlauer und kaufe vier Kilo, statt zwei. Wer will noch eine?«, gackert er, der rasch ins Schwitzen kommt, weil die Kinder abermals neben ihm stehen und um das Brot betteln.

»Was duftet denn hier so schön?«, fragt Bernd, der die Nase über dem Grill hält und hungrig zu seinen Söhnen schaut, die soeben neue Brotscheiben entgegennehmen.

»Geheimrezept von Lene«, antwortet Thies, nimmt einen Teller und legt eine fertig gegrillte Brotscheibe darauf.

»Geheimrezept?«

»Ja, denn Lene verriet noch niemanden von dieser Köstlichkeit.«

»Dann koste ich gerne mal, ob es wirklich geheim bleiben sollte. Hm«, schwärmt Bernd und nickt zufrieden. »Sollte es und ich behaupte, wir werden ab heute zu Geheimnisträgern.«

Thies legt sich jetzt selbst eine Brotscheibe auf den Teller, setzt sich und probiert, während ich für neuen Nachschub sorge, denn Leon steht abermals am Grill. Erst, nachdem unsere Mägen nicht mehr können, sitzen wir gemütlich um das Lagerfeuer, an dem Max und Vera zufrieden Gitarre spielen.

Wir lauschen ihnen und singen mit, bis Bernd mich ritterlich auffordert. Unverhältnismäßig schwungvoll tanzen wir zu den Klängen, die Vera und Max anschlagen, während Bernd und ich den Gesang einstimmen.

Kim und Leon drehen sich ebenfalls im Kreis, was sehr niedlich aussieht und alle am Feuer zum Schmunzeln bringt, weil beide so ernsthaft dabei wirken. Plötzlich stoße ich in einer Tanzbewegung an irgendwo an und drehe verwundert meinen Kopf.

Ich rempele gegen Thies, weil er unmittelbar hinter mir steht. Prompt löst sich Bernd, als Thies bittend seine linke Hand in die Höhe hebt. Die Haut an meinen Fingerspitzen prickelt angenehm bei der Berührung, weil er sanft und behutsam meine Finger umschließt. Die freie Hand umfasst meine Taille und fährt zu meinen Rücken hinauf, womit er mich ganz sanft zu sich zieht. Wenn in diesen Augenblick das Atmen unwichtig wäre, würde ich keine Luft holen, nur um diesen Moment für immer festzuhalten.

Mit seinem Kinn dreht er meinen Kopf in einer geschickten Bewegung, weshalb meine Stirn nun an seinem Wangenknochen ruht. Die Berührung fühlt sich sinnlich an. Seine Atmung zu spüren und seinen Schritten zu folgen, raubt mir den Verstand. An ihn gelehnt, lasse ich mich treiben, genieße die unsagbar wohltuende Nähe und die knisternde Spannung.

»Ich will auch mal mit Lene tanzen!«, funkt Leon zwischen meine Empfindungen und drängelt uns unsanft auseinander.

»Leon!«, ermahnt Kim den Fünfjährigen, weil sie nun ohne Tänzer dasteht.

Thies geht zu der Sitzengelassenen, hebt sie rasch auf seinen Arm. Er dreht sich so schnell mit ihr, dass sie ausgelassen gackert und milde gestimmt darüber hinwegsieht, dass Leon sie herzlos stehen ließ. Mit zurückgelegtem Kopf und in die wenigen Sterne sehend, sieht sie ungemein glücklich aus. Nichts erinnert an dieses unglückliche, verschlossene Mädchen vom Krankenhausflur.

Ich wiege derweil den entzückenden Leon, der mich entspannt anhimmelt. Nach einer Weile setze ich mich, plaudere mit Max und Vera über ihre Gitarren, bis ich das Fehlen der Kinder bemerke. Da ich sie im Caravan von Vera und Bernd vermute, stehe ich auf. Unbemerkt schleiche ich mich in den schwach beleuchteten Wohnwagen und sehe mich darin um. Hier drinnen ist es unvermutet friedlich. Von den Kindern ist nicht zu hören, denn sie liegen im Doppelstockbett nebeneinander und schlafen.

Hinter mir nähern sich Schritte. Erschrocken richte ich mich auf und stoße dabei um ein Haar meinen Kopf an das Bettgestell. Thies steht vor mir und blickt auf die schlafenden Kinder. Zufrieden verzieht er seinen Mund und lächelt, was abrupt erstirbt, nachdem er seine tiefgründigen Augen auf mich richtet.

Er greift meinen Nacken und zieht mich zu seinem Gesicht, küsst mich aber nicht. Für einen Moment verharren wir. Für eine Sekunde wird mir schwindlig. Für zwei Sekunden wollen mir die Beine nicht mehr gehorchen. Für drei Atemzüge ist mir einerlei, dass ich nicht die bin, für die er mich hält. Bei vier wird mir alles in der Welt unwichtig.

Das Feuer ist entfacht, brennt inzwischen lichterloh in den Abendhimmel und ist mit keiner Zurückhaltung zu löschen. Entsprechend rasch suchen sich unsere Münder, finden sich und bringen sämtliche Lieder der Vernunft zum Schweigen.

Geräuschvoll trampelt jemand die Treppenstufen hinauf und treibt uns auseinander, als fühlten wir uns ertappt. Hastig wendet sich Thies zum Bett und ich trete die Flucht in die kleine Küche an.

Vera erscheint an der Eingangstür, sieht von ihm zu mir und bemerkt, dass sie ungelegen kommt. Verlegen stehen nun drei Erwachsene herum, bis Thies verlegen hüstelt, sich strafft und überstürzt den Wohnwagen mit den Worten verlässt: »Sie schlafen.«

Vera schweift mit ihrem Blick über die selig schlummernden Kinder. »Schau mal wie süß!«

Ich beuge mich, um die schlafende Kim aufzunehmen, doch sie hält mich davon ab. Ihre Augen gleiten zur offenen Tür, vor der Thies steht, der sich von Bernd und Max verabschiedet und zum Wohnwagen geht. Über seine Schulter sieht er flüchtig zu uns.

»Lass sie nur schlafen! Falls sie doch aufwacht und zu euch möchte, bringt Bernd sie. Geh ihm nach!«

»Ich helfe dir noch schnell, die Sachen wegzuräumen!«

»Lass nur!«, flüstert sie und schiebt mich energisch zum Ausgang. »Bernd hilft mir dabei. Bis morgen und gute Nacht.«

Unschlüssig stehe ich herum, bis mich ihr vielsagender Blick trifft, der mir eindeutig zu verstehen gibt, dass sie nichts anderes gelten lässt. Vor dem Wohnwagen sammelt Bernd geleerte Bierflaschen ein, die überall herumstehen. Ein Lächeln huscht über seinen Mund, als er mich entdeckt. Er hält mir einen Teller mit übrig gebliebenen Broten entgegen und herzt meine Wange, wobei er mich freundschaftlich umarmt. »Na, bist du müde? Gute Nacht, Lene. Das war ein echt schöner Abend mit euch. Ihr seid eine tolle Familie, habt Dank für eure Gesellschaft. Dein Geheimrezept war wirklich phänomenal!«

Ich trenne mich aus seiner liebevollen Umarmung, die sich herzlich und brüderlich zugleich anfühlt. Ergriffen über seine Worte sehe ich ihn an, wobei mir zeitgleich die Tränen in die Augen steigen wollen. Bernd ahnt nicht im Mindesten, was seine Worte in mir auslösen, denn das Wort Familie füllt sich mit einem Gefühl von Nähe, Sicherheit und Geborgenheit. Wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Urplötzlich wird mir klar, wie einsam ich mich mein Leben lang unter einer großen Menschenmenge gefühlt habe. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlendere ich zum Wohnwagen von Thies, der seit drei Monaten meine Familie ist, die ich nie besaß und doch immer gesucht habe.

Dort sammele ich am Küchentisch die Zeichnungen von Kim ein, die darauf verstreut herumliegen. Gedankenverloren sehe ich eine Zeichnung an und bemerke dabei nicht, wie er das Bad verlässt. Lediglich mit einem Handtuch um seinen Unterleib gewickelt, beobachtet er mich eine Weile.

»Bad ist frei.«

Die gebratenen Grillbrote verstaue ich im Kühlschrank und verdecke absichtlich mit der geöffneten Tür die Sicht auf ihn. Auf diese Weise kann ich Luft holen und mich auf etwas anderes als das Zählen konzentrieren.

Doch die Tür schließt sich, weil er sie langsam aber beharrlich mit seiner Hand zudrückt. Von der Dunkelheit geweitete Pupillen blicken mich vielsagend an.

Vielversprechend.

Bedeutungsvoll.

Wenn ich jetzt aber …

Er ist schließlich der Ex-Mann von der Frau, für die er mich hält. Was kann dir schon passieren, raunt mir der Engel zu, der auf der Schulter sitzt.

»Ich übernehme das!«, flüstert er und drängelt mich fort.

Wenn ich jetzt aber …

Er ist schließlich der Ex-Mann von der Frau, für die er mich hält. Du kannst alles verlieren, raunt mir der Teufel zu, der auf der anderen Schulter sitzt.

Minutenlang sehe ich zu Thies, bis er meinen Blick bemerkt und sich nähert. Erst jetzt bewege ich mich und flüchte in das frei gewordene Bad. Ewigkeiten höre ich Teufel und Engel zu, wie sie sich streiten. Über das Waschbecken gebeugt, atme ich schwer, bis ich aufschaue.

Mein Spiegelbild schaut mich an. Eine aufgewühlte Frau. Eine wahnsinnig verliebte Frau. Die, die noch vor Monaten heiraten wollte und sich jetzt fragt, was für ein Leben sie geführt hat. Eine Frau, die sich fragt, was für ein Leben mit ihm möglich wäre.

In ein Handtuch eingewickelt, betrete ich den abgetrennten Raum, in dem mehrere Kerzenlichter flackern und lasse Engel und Teufel die sein, die sie sind.

Nicht ich.

Thies sitzt auf dem Bett und ist noch immer in das Handtuch um seine Taille eingewickelt. Ich lehne mich gegen die Badtür und lasse meinen Blick über die vielen Kerzenlichter schweifen, die den kleinen Raum erhellen und kuschelig wärmen. Der Gang durch die Falttür versperrt er, weil er im Weg sitzt und mich vorbeilassen müsste, offenbar aber nicht vorhat.

»Kommst du her?«

Ich gehe einen Schritt zum Bett heran und bleibe genau vor ihm stehen. Mich ansehend fährt seine Hand zärtlich an meinem Bein hinauf, wobei er jede meiner Gemütsbewegungen verfolgt. Die Hand wandert unter mein Handtuch, wo die Fingerspitzen verheißungsvoll und unwiderstehlich sanft meine Haut berühren, die auf der Stelle mit Gänsehaut antwortet.

Für einen Wimpernschlag schließe ich meine Augen und blende die lästige Tatsache aus, dass er eine andere Frau in mir sieht. Er nutzt die Gelegenheit, um an dem Duschtuch zu ziehen, bis es zu Boden rutscht. Wer wäre ich, wenn ich den sanften Berührungen etwas entgegensetze, obwohl alles in mir nach mehr Nähe, mehr Zuneigung und Intimität schreit?

Nach etwas, was ich nie verzweifelter ersehnte …

Noch ist es nicht zu spät, ruft mein Engel.

Nutze die Gelegenheit, ruft mein Teufel.

Ich atme beide aus und sehe zu Thies.

Die warme Hand fährt zu meinem Brustbein hinauf, wo sie an der Stelle verharrt, an der mein Herz rasend vor Verlangen klopft. Begehrlich beobachtet er seine Bewegungen und meine Reaktionen.

Umnebelt von unterschiedlichen, aber gewaltigen Emotionen beuge ich mich und lege meine Lippen auf seine, die sich seidig, wie sein Honig anfühlen und unendlich süßer schmecken. Der Geschmack erinnert mich leicht an den würzigen Holzgeruch, der mir aus seiner Werkstatt und von seiner Zudecke vertraut ist.

Begehren und süßes Verlangen liegt in der Art, wie er mich küsst, also setze ich mich auf seine Knie und umschlinge seinen Kopf. Die durch das Kerzenlicht zu schimmern scheinenden Augen sehen mich in einer kleinen Pause beglückt an.

Mein Herz schlägt in dieser Sekunde nur für ihn.

Sein Blick reißt mich mit sich fort und überlässt sich dem Leben, dem Glücksumstand und der seltsamen Vertrautheit.

Vorsichtig bedeckt er mich mit zahlreichen Küssen, die kein Ende nehmen. Immer wieder beobachtet er, was sie in mir auslösen, bis er sich sicher ist, dass der Moment ewig dauern könnte, weil ich jede einzelne seiner Zärtlichkeiten genieße.

Meine Hände fahren in seine Haare, greifen hinein und halten ihn verlangend gefangen. In seiner Nähe fühle ich mich grandios, überwältigend und geborgen. Davon will ich mehr. Viel mehr. Nach Möglichkeit so viel, bis Engel und Teufel vollständig verstummen.

Trunken von meinen überbordenden Gefühlen verlagere ich mein Gewicht auf das Bett unter uns, damit wir weich landen.

Kapitel 2

Überwältigt, entspannt und wunschlos glücklich, liegen wir eng umschlungen nebeneinander. Einige der Kerzen sind bereits erloschen.

»Was lächelst du so schön?«

Für einen Augenblick hält der Finger still, mit dem er seit einigen Minuten meine Taille entlangfährt. Im siebten Himmel und inspiriert von dem, was ich erleben durfte, schmiege ich mich tiefer in seine Armbeuge. Was ich an Haut erreiche, liebkose ich mit meinen trockenen Lippen. Meine Kehle ist ausgedorrt, doch mein Körper schmachtet sehnsüchtig nach noch mehr Nähe.

Vergleichsweise temperamentlos und trist erscheint mir nun Ollis Zuneigung. Die lässt, wie seine farblosen Anzüge, vergeblich auf eine bombastische Bescherung hoffen. Es gab mit ihm nie Überraschungen und erst recht keine befremdliche Ergriffenheit, über die schier grenzenlose Weite meiner Seele. An der Anspannung vor der Hochzeit kann dies allein nicht liegen, denn ich kenne es mit Olli nicht anders. Jetzt erst begreife ich, dass es mit ihm nichts Weltbewegendes war. Trunken vor Glück denke ich lange über dieses philosophische Wort nach.

Weltbewegend.

Thies schiebt sich in mein Gesichtsfeld, weil ich auch nach der dritten Frage nicht antworte.

Noch nie war mir derart bewusst, was ich unseligerweise jahrelang ignoriert habe. Ich liebe Olli nicht so, wie ich es tun sollte, um mein restliches Leben an ihn zu binden, denn dazu erschütterte und bewegte er meine Welt zu wenig.

Um nicht zu sagen gar nicht.

Ich will Kinder. Ich will eine Familie und vor allem will ich einen Mann an meiner Seite, mit dem ich die Welt aus den Angeln hebe. In diesen Gedankenschleifen sehe ich Thies an und bin unvorstellbar froh, dass ich die Hochzeit platzen ließ. Ich bin heilfroh, dass Viola Olli mit ihrem Baby tröstet. Und erst recht bin ich ihr nicht böse darüber, dass sie Olli schleift und ihm ein Kind abringt.

Er ist schlichtweg nicht das, was ich brauche, um mich glücklich zu fühlen.

Ich will Thies, der nicht einmal vermutet, mit wem genau er in diesen Augenblick das Bett teilt und in diesen Moment besorgt ansieht. Bei ihm fühle ich mich leicht, elastisch, schmolz unter seinen Liebkosungen und verließ ohne Hemmungen die vorgegebene Form.

Schweigend, aber stark von meinen aufwühlenden Emotionen bewegt, sehe ich ihn an. Alles verschwimmt vor meinen Augen, weil sich Tränenwasser in ihnen sammelt.

Er betrachtet mich genauer, drückt mich an sich und fischt die heißen Tränen von meiner Wange.

»Die Hälfte von mir hängt noch in den Sternen und will dortbleiben«, platze ich überwältigt heraus, bevor er eine weitere Frage stellt.

»Das ist doch aber wünschenswert!«, schmunzelt er erleichtert und küsst zärtlich die Wange, wo die Tränen noch immer nachlaufen. Gefühlvoll bettet er meinen Kopf an seinen warmen Hals, der jetzt um einiges mehr Wohlgeruch ausströmt, als noch vor wenigen Stunden. Sacht umfangen, fühle ich mich von Herzenswärme umhüllt und in dieser beschützt.

»Es sollte selbstverständlich sein, dass du noch in den Sternen bleiben willst. Suche dir ein Sternbild aus, mein liebes Herz!«

»Aquarius«, flüstere ich an seinem Hals.

»Ich gratuliere, Lene. Die erste Erinnerung, war die, die du auch im Krankenhaus hattest und sie ist richtig.«

Schlagartig erstirbt das Lächeln auf meinen Lippen, die seine geschmeidige Haut an seinem duftenden Hals kosen. Ein einziger Vorname holt mich in die knallharte Realität zurück, denn es ist nicht meiner. Unruhig winde ich mich aus seinen Armen, stehe auf und suche eilig meine Sachen zusammen.

»Was machst du?«, will er wissen und verfolgt kritisch mein Treiben.

»Ich gehe!«

Es klingt unterkühlt.

»Lene!«

»Sieh mich an!«, fordere ich ihn bedrohlich zischend auf.

»Ich sehe dich an.«

Wie besonnen seine Stimme klingt. Sie reißt mich mit sich und stimmt mein gekränktes Herz milde, wenngleich er eine andere in mir sieht.

Noch immer.

Verdammt!

Dabei riss ich mein Herz meilenweit auf, umarmte ihn mit meiner Liebe und löste mich vor ihm sterbend auf, um gemeinsam mit ihm neugeboren zu werden.

Genau dann, wenn die Wanduhr zwei Uhr nachts schlägt.

»Und? Wen siehst du?«

Meine Stimme zittert bei dieser Frage, denn sie befürchtet Unerfreuliches. Mit zusammengezogenen Augenbrauen mustert er mich und flüstert: »Lene.«

In einem Satz stehe ich vor ihm, lasse meine Sachen fallen und verdecke mit meiner flachen Hand seine Augen. Ich nähere mich, lege meine Lippen unendlich sanft auf seinen Mund und küsse ihn zärtlich und fordernd. Begehrlich öffnet er seine Lippen und antwortet mir auf die schönste Melodie, die das Leben spielt. Mit einem leisen Seufzer halte ich inne, denn mir ist wichtig, zu hören, ob er einen Unterschied fühlt.

»Wen fühlst du?«

Er schweigt.

»Wen, Thies? Sage es mir!«, flehe ich nun drängender.

Er schweigt noch immer, weil er unwissend scheint, was genau ich von ihm hören will. In Sekunden schwer ums Herz geworden, senke ich resigniert meine Hände, die seine Sicht auf die Dinge versperren und ihn dennoch blind für das Offensichtliche machen.

Verdammt!

Sich keinen Rat wissend, sehen mich seine Augen an und stellen mir gefühlt einhundert Fragen, die ich in jedem Fall nur mit einem Bekenntnis beantworten kann. Das will er nicht hören, was ich halbwegs nachvollziehen kann, mich aber unbefriedigt zurücklässt. Er zeigt mir, wie der tatsächliche Stand der Dinge ist.

Ganz offensichtlich liebt er Lene auf eine Weise, die ich mir für mich wünsche.

Doch ich bin Milla.

»Wen?«, hauche ich den Tränen nah.

Bei seinem fragenden Gesichtsausdruck wende ich mich ab und stürme Hals über Kopf aus dem Zimmer.

»Lene!«

Abrupt bleibe ich stehen. »Du hast mich eben eindrucksvoll auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, Thies«, flüstere ich, ohne mich umzudrehen und alle Tränen unterdrückend. Im Moment möchte ich ihn nicht ansehen, auch wenn mich seine Hand sanft davon abhält, zu gehen.

Schwer ums Herz und mit niedergeschlagenen Lidern atme ich aus. »Du willst die falsche Frau.«

Ich spüre seinen Körper, der sich hauchzart, unaufdringlich und liebevoll an mich schmiegt. Leicht, wie eine Daunenfeder, zart wie ein fragiles Stück Glas, aber ebenso unheilvoll, wenn es unbeabsichtigt das Herz verletzt.

»Ich will die Frau, die vor mir steht. Die Frau, deren Herz mich schier um den Verstand bringt, wenn sie mich mit ihren Augen verfolgt. Ich will in die Sterne zurück. Mit dir. Bitte!«

Bedächtig dreht er mich zu sich herum und drängt mich mit seinem Oberkörper gegen den Kühlschrank. Seine Finger krallen sich verlangend in meine seitlichen Oberschenkel und kratzen begierig über meine Haut. Ich lege meinen Kopf zurück und schlucke schwer, denn genau von dieser Stelle arbeiten sich senkrecht aufgerichtete Härchen bis zu meinem Kinn empor und erzählen alles über meinen Seelenzustand. Zarte Küsse bedecken meinen Hals, denen ich nicht widerstehen kann und mich als willenlose Hülle zurücklassen.

Freilich bemerkt er, dass irgendetwas anders abläuft und irgendwann begreift er sicher, warum. Daher antworte ich auf seine drängender werdenden Küsse mit Hingabe. Unter denen lotst er mich wieder in das Schlafzimmer, wo das Licht der letzten Kerze den Raum in sanftes Licht taucht.

»Oh mein Gott«, wispere ich ratlos, als er mich behutsam auf das Bett senkt und sich neben mir niederlegt.

Mit dem Gesicht über mich gebeugt, murmelt er mit einem schiefen Lächeln: »Ja, so hast du mich vorhin auch schon genannt, nur klang es da einen Tick schlüpfriger und deine Augen waren … Nun ja, sie haben mich angesehen, aber …«

Abermals senkt er das Gesicht an meinen Hals, wobei mir klar wird, was gleich folgt.

»Warte kurz!«

»Wieso?«

»Ich muss noch einmal in das Bad!«, entgegne ich, springe auf und eile in das Badezimmer.

»Aber was ist mit deiner Spirale?«

»Keine Spirale«, antworte ich und suche in meiner Kosmetiktasche das Gel.

»Aber …«

»Keine Spirale«, erkläre ich, ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wasche meine Hände und schreite langsam auf ihn zu.

Wie aus dem Nichts schießt er in die Höhe, packt mich und zieht mich unter Gekicher zu sich auf das Bett, wo er sich auf mich bettet. Liebevoll schiebt er meine Haare aus dem Gesicht, bedeckt mich mit zärtlichen Küssen und hält mehrere Male inne, um mich genau zu betrachten. »Keine Spirale, verstehe. Dann könnten wir doch aber …«

»Noch nicht jetzt. Außerdem, was macht dich so sicher?«

»Die Art, wie du mich ansiehst. Die Art, wie du sprichst. Die Art, wie du … mich anlächelst. Wie du mich jetzt … küsst. Die Art, wie du …«

»Das ist meine Art.«

»Ja«, haucht er und nähert sich meinem Mund. »Das ist deine Art.«

Zu vorgerückter Stunde erlischt das letzte Licht und Thies liegt an meinen Rücken geschmiegt. Sein Atem geht gleichmäßig, das Gesicht ist in meinen Haaren versunken und der Oberkörper ruht halb auf meinen liegend. Verspielt fahren seine Fingerspitzen meinen ausgestreckten Arm entlang, suchen meine Finger und verschränken sich schließlich mit ihnen.

»Ich hätte an Kondome denken sollen … Morgen kaufen wir welche und du musst nicht dauernd ins Bad laufen.«

»Ich bin es gewohnt, daher macht es mir keine Umstände.«

Nach meinem Satz seufzt er, sagt aber, nichts und spielt stattdessen versonnen an meinem Fingernagel. Abermals macht er mir damit schmerzlich bewusst, dass er Lene in mir sieht und Milla übergeht. Für diesen Moment, in dem etwas Spitzes in mein Herz sticht, schließe ich meine Lider und klammere mich an den Hoffnungsschimmer, dass er eines Tages Milla nicht mehr übergeht.

»Mutter behandelte mich ruppiger als nötig, als du aus dem Behandlungsraum gegangen bist. Als du weg warst, schloss ich meine Augen, sah dich aber immer noch und habe dieses unstillbare Bedürfnis gehabt, dich in meine Arme zu ziehen. Immer wieder, bis kein Platz mehr für einen anderen Gedanken übrig war. Mag mich ein Idiot nennen, wer will, aber ich bin gerne der Vollidiot unter den Idioten, solange ich neben dir liegen darf.«

Ich ziehe unsere verschlungenen Hände zu meinem Brustkorb und drücke sie dort an mein völlig aus der Bahn geratenes Herz, welches unter jeder seiner sanften Berührungen kopflos pocht.

»Ihr habt gekuschelt?«, fragt Kim, die am Morgen im Schlafzimmer steht und uns unsanft aus süßen Träumen weckt.

Durch meine Lider schimmern die hellen Morgenlichter, die durch die Ritzen der Rollos dringen. Thies dreht sich träge um und rückt dafür nur minimal von meinem Leib ab. Erst vor Kurzem fand ich Schlaf, denn zu berauschend empfand ich seine Nähe und die Möglichkeit, ihn ungeniert zu streicheln. Dabei zuzusehen, wie er friedlich einschläft, adelte mein Herz, welches sich sehnlichst wünscht, es bliebe für immer heute Nacht.

»Schh! Schön leise sein! Komm ruhig zu uns, aber flüstere!«

Die Matratze bewegt sich, weil Kim zu uns ins Bett krabbelt und ich durch diese Bewegungen immer munterer werde. Trotzdem rege ich mich nicht und genieße den Tagesanbruch mit Thies und seiner Tochter.

»Hast du schon gefrühstückt?«

Seine flüsternde Stimme klingt matt, aber zufrieden. Die Bettdecke raschelt und ein glückliches murmelndes Geräusch entfährt Thies Kehle.

»Nein, ich wollte mit euch essen. Jetzt noch viel lieber.«

Ich spüre an meiner Seite, wie sich Kims Hand auf die Zudecke legt, mit der sie uns umarmt. Auch sie entlässt ihren Lungen ein Seufzen, kuschelt sich geräuschvoll an Thies Rücken und streichelt gedankenverloren die Zudecke mit ihrer Hand.

»Glaubst du Opi jetzt?«

»Was soll ich Opi jetzt glauben?«

»Papa! Du kuschelst mit ihr und dir fällt nichts auf?«

»Spuck es aus, Kim!«, entgegnet er leicht entnervt.

Ich unterdrücke ein Schmunzeln, weil Carl ihm vor Wochen genau dieselbe Frage gestellt hat.

»Das ist nicht Mama, sondern …«

»Kimi, nicht!«, unterbricht er sie barsch und regt sich unruhig.

»Aber Papsipap, das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock.«

»Nun, dann bin ich anscheinend kein Blinder und obendrein habe ich keinen Krückstock.«

Die Matratze bewegt sich hinter mir, wo Thies sich anschmiegt. Kim kichert verhalten, weil er sie nun kitzelt, bis laute Schmatzer auf sie niederprasseln.

»Nein, bitte nicht auf das Ohr!«, protestiert sie gackernd, befreit sich nach einiger Zeit und kommt zu mir gekrochen.

Ein sanfter Lufthauch streift mein Ohrläppchen, nachdem sie sich über mich beugt, um nachzusehen, ob ich noch schlummere. Schwerfällig öffne ich die Lider, obwohl ich den Tag am liebsten ausklammern möchte und die Nacht ewig bewahren will.

»Guten Morgen, Milla!«, grüßt sie mich und krabbelt sofort über meine Hüfte. Dort angekommen, umschlinge ich ihren kleinen Körper und ziehe ihn dichter. Liebevoll fahren ihre kleinen Hände über mein Gesicht.

»Paps? Kennst du die Geschichte von dem doppelten Lottchen?«

»Nein, erzähle mir die Kurzfassung!«, haucht er, versenkt sein Gesicht in meinen Nacken und schlingt seinen Arm um uns.

»In einem Ferienlager treffen sich Zwillinge. Sie stellen fest, dass sich ihre Eltern getrennt haben, als sie noch ganz klein waren. Der Vater nahm ein Kind und die Mutter das andere Kind. Im Ferienlager beschließen die Mädchen, ihre Rollen einfach zu tauschen, und fahren zum jeweils anderen Elternteil. Luise fährt zu Lotte und umgekehrt.«

»Hat dir Omi diese Geschichte vorgelesen? Ich erinnere mich nicht an sie.«

»Ich lieh mir das Buch aus der Bibliothek und Opi hat es vorgelesen. Ich fand es spannend, weil jeder Zwilling anders war. Die Eltern haben sich darüber gewundert, aber zu Anfang nicht verstanden, was dahintersteckt.«