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Band 252

 

Kampf um SENECA

 

Susan Schwartz

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

1. CREST II

2. Alles unter Kontrolle

3. Zwischenspiel auf Drorah

4. Zwischenspiel auf Terra

5. Bilaterale Beziehungen

6. CREST II

7. Zwischenspiel auf der CREST II

8. Abenteuer im Weltraum

9. In der Schirmstation

10. Der Empfang

11. Unregelmäßigkeiten

12. SENECA antwortet nicht

13. Zwischenspiel: Wiederbelebt

14. Zwischenspiele auf zwei Planeten

15. Alles geschlossen

16. Mentalkopplung

17. Energiekommando

18. Neubeginn

19. Das letzte Wort

20. Neubeginn

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit ihren Einflussbereich ausgedehnt und ferne Sonnensysteme besiedelt.

Allerdings kommt es im Jahr 2102 zu einem Konflikt mit den Kolonien. Um einen Krieg zu verhindern, wird der Notfallplan Laurin eingeleitet – er geht jedoch schrecklich schief. Erde und Mond stranden im Blauen System der Akonen, rund 34.000 Lichtjahre von der Heimatsonne entfernt.

Erste Kontakte mit den erstaunlich menschenähnlichen Akonen lassen darauf hoffen, dass die beiden Völker friedlich zusammenleben können. Aber dann gibt es auf der CREST II, dem Kommandoschiff der Terranischen Flotte, einen mysteriösen Störfall. Millionen Bewohner der akonischen Heimatwelt geraten in tödliche Gefahr. Um die Katastrophe zu verhindern, führen die Terraner einen verzweifelten KAMPF UM SENECA ...

1.

CREST II

20. April 2102

 

»SENECA? Was ist geschehen?«

Ein Alarm gellte durch den Raum. Die Tonfolge verriet, dass er für den gesamten 1500 Meter durchmessenden Kugelgiganten galt. Und zwar in der höchsten Stufe! Jedermann auf Gefechtsstation bedeutete das.

»Hallo? Zentrale? Hört mich dort jemand?«

Donna Stetson versuchte es zuerst über Bordkom, dann mit ihrem Armbandkom.

»Irgendjemand, der mir sagen kann, was los ist?«

Die Zentrale der CREST II meldete sich nicht – ein Ding der Unmöglichkeit. Gerade in Krisensituationen waren funktionierende Kommunikationswege unabdingbar. Daher wurden sie besonders geschützt und waren mehrfach redundant angelegt.

Dennoch war kein Kontakt möglich. Das brachte die Positronikspezialistin aus dem Konzept. Der permanente Alarm erschwerte das klare Denken, er schmerzte in ihren Ohren, zerrte an ihren Nerven. Sie aktivierte ein Dämmfeld, um den Ton auszublenden.

Was konnte so Schlimmes geschehen sein, dass die höchste Alarmstufe ausgerufen wurde? Wieso kam keine Information über die Bordkommunikation?

Stetson gehörte nicht zu einer der Gruppen, die bei Feindangriffen oder kritischen Störfällen an Bord zum Einsatz kamen; sie war ausschließlich für SENECA zuständig. Doch bei einer Extremsituation wie dieser musste auch sie geeignete Befehle erhalten.

Wenn keine reguläre Kommunikation möglich war – weshalb schickte Kommandantin Gabrielle Montoya von der Zentrale niemanden zu Stetson, um sie zu informieren? Der Weg war nicht weit, vielleicht zwei Minuten. Hatte es einen Unfall gegeben?

Sie überlegte und kam zu dem Schluss, dass etwas mit dem Alarm nicht stimmen konnte. Weshalb Gefechtsalarm? Drohte eine Invasion? Sehr unwahrscheinlich. Die Verhandlungen mit den Akonen liefen gut. Ihr Planetensystem hatte bisher verborgen hinter einem Schutzschirm gelegen – seine Existenz in M 3 war praktisch unbekannt. Akon lag auch in keinem politischen Brennpunkt, wodurch es etwa »zwischen die Fronten« hätte geraten können. Vor allem würde das nicht so schnell geschehen, innerhalb von nur vier Tagen.

Warum also Gefechtsalarm?

Stetson konnte sich nur ein internes Problem vorstellen, aber auch das ergab keinen Sinn. Es hatte keinerlei Anzeichen von Schwierigkeiten gegeben. Die Delegation der Akonen hatte das Raumschiff vor ein paar Stunden verlassen, somit konnte auch von deren Seite keine Gefahr drohen. Sicherlich hatte die Schiffsführung darauf geachtet, dass die Fremden vollzählig von Bord gingen und nicht jemand heimlich zurückblieb und Sabotage betrieb.

Sollte sie trotzdem vorsichtshalber ihren Arbeitsbereich verriegeln, damit kein Unbefugter hereinkam?

Stetson hielt sich im sogenannten Rechenzentrum auf, der Leitstelle für die primären positronischen Systeme der CREST II. Von diesem Ort aus wurde das komplexe Netzwerk der Datenverarbeitungsanlagen des Raumfahrzeugs betreut und gesteuert. Neben der Hauptzentrale war das eine sensible, verletzliche Komponente der Schiffsinfrastruktur, die um jeden Preis vor Angriffen geschützt werden musste.

Stetson entschied sich gegen die Verriegelung. Ihre Aufgabe war vielmehr, sich darum zu kümmern, den Kontakt zu SENECA herzustellen. Nur mit seiner Hilfe konnte aufgeklärt werden, welche Ursache der Alarm hatte. Die Spezialistin benötigte Fakten, bevor sie die Zentrale informierte.

»SENECA?«, wiederholte Stetson über das Akustikfeld, das sie üblicherweise zur Kommunikation mit der Positronik benutzte. »Kannst du bitte endlich eine Verbindung zur Zentrale herstellen? Oder mir mitteilen, was der Alarm zu bedeuten hat?«

Keine Antwort.

»SENECA?«, unternahm sie einen letzten Versuch. »Warum sprichst du nicht mit mir?«

Es blieb still, wie zuvor. Konnte er nicht mit ihr reden? Oder ... wollte er nicht mit ihr reden?

Die junge Frau fuhr sich nervös durch die nackenlangen, schwarzen Haare. »Das würdest du nicht tun, nicht wahr?«, flehte sie verzweifelt.

Nichts. Stille. Als hätte die Schiffspositronik nicht ihre Stimme verloren, sondern verfüge über gar keine Kommunikationsmöglichkeit mehr, auch nicht mit optischen Mitteln.

Endlich erlosch der schrille Klang und mit ihm das hektische Blinken der Alarmleuchten.

»Was hast du getan ...?«, flüsterte Donna Stetson ratlos.

 

*

 

Itai Levy freute sich wie selten zuvor auf das Schichtende. Endlich hatte die akonische Delegation die CREST II verlassen, und er konnte sich erholen. Die Situation war zu Beginn mehr als unklar gewesen, doch nun schien es ganz so, als ob die Akonen allmählich Vertrauen fassten. Die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung bestand nicht mehr.

Kein Wunder. Wir sind ihnen weit überlegen.

Levy konnte den Akonen ihr anfängliches Misstrauen nicht verdenken. Nicht nur, dass der blaue Schutzschirm, der das achtzehn Planeten umfassende Sonnensystem seit urdenklichen Zeiten getarnt und beschützt hatte, plötzlich zusammengebrochen war. Obendrein war Na-Thir samt seinem Mond Na-Thona verschwunden, einer der zwei habitablen Planeten. An dessen Stelle war ein völlig fremder Planet mit einem großen Mond gerückt: Terra – die Erde.

Das im Zuge des Falls Laurin aktivierte Antitemporale Gezeitenfeld hatte aus noch ungeklärten Gründen eine dramatische Fehlfunktion gehabt. Die Erde war örtlich statt zeitlich versetzt und in den Kugelsternhaufen M 3 verschlagen worden, in das System des blauen Riesensterns Akon, rund 34.000 Lichtjahre von der Heimat entfernt. Beide betroffene Seiten, Akonen wie Menschen, waren darüber keineswegs begeistert – ein mehrfacher Schock, eine doppelte Katastrophe mit noch unabsehbaren Auswirkungen.

Levy mochte sich nicht ausmalen, was derzeit auf der Erde los war.

Auch auf der CREST II mussten die Frauen und Männer lernen, mit der Situation zurechtzukommen. Die Besatzung war es zwar gewohnt, in weite Ferne zu reisen – aber doch nicht mit der Heimatwelt zusammen!

Von einer Sekunde auf die andere hatten sie sich mit einem drohenden Krieg auseinandersetzen und »dem Gegner« begreiflich machen müssen, dass das Ganze kein Angriff, sondern ein schreckliches Unglück und so ganz und gar nicht geplant gewesen war.

Nun aber, und hoffentlich nicht nur für den Moment, schienen die Auseinandersetzungen beigelegt zu sein. Beide Parteien hatten sich nach dem Besuch der Delegation auf der CREST II auf eine weitere Annäherung geeinigt.

Daher hoffte Levy, der Kommandant der Beibootflottille, endlich durchschnaufen zu können und ein paar Stunden Ruhe zu haben.

Er holte sich eine Mahlzeit aus der Messe, nahm in seinem Quartier fröhlich pfeifend eine Dusche, begutachtete die kurzen, braunen Haare, ob sie einen Schnitt nötig hatten, korrigierte den pflegeintensiven Kotelettenbart, und ging anschließend mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen in den Wohnbereich. Über ein Holosensorfeld rief er »Tosca« ab, seine Lieblingsoper, und ging gleich zum dritten Akt über, seiner Lieblingsarie. Während Levy das Essen auf dem Tisch anrichtete und sich einen guten Chianti dazu öffnete, schmetterte er im wohlklingenden Tenor »E lucevan le stelle – Und es leuchteten die Sterne«. Passend, fand er, gerade angesichts der Situation.

Nach dem ersten Schluck ging der Gefechtsalarm los, und ihm wäre beinahe das Glas aus der Hand gefallen.

»Nein! Nein, nein, nein!«, schrie er erbost und verzweifelt zugleich.

Hastig legte er seine Dienstkombination an und rannte aus der Unterkunft, während er gleichzeitig versuchte, über sein Komarmband Kontakt zur Zentrale aufzunehmen – vergeblich!

»Was ist da los?«, rief er, blieb stehen und blickte sich um.

Überall auf dem Gang liefen Männer und Frauen ebenso wie er aus den Quartieren, noch mit dem Schließen der Kleidung beschäftigt und erst halb in den Stiefeln. Ihre ratlosen Gesichter verrieten, dass niemand wusste, was der Auslöser für den Alarm gewesen sein mochte. Doch die Raumfahrer eilten der Weisung bei Gefechtsalarm gemäß zu ihren Stationen.

Levy fluchte unablässig, während er sich von der Zentralkugel auf den Weg zum oberen Haupthangar machte, seinem Einsatzort. Dort befanden sich, teils auf »Kerzenbäumen« angedockt, die Beiboote und Kampfeinheiten der CREST II. Er unterbrach sein Gezeter nur dann, wenn er über das Armband oder über eines der in den Korridoren und Expressliften fest installierten Kommunikationspaneele die Zentrale zu erreichen versuchte und nur fortgesetztes Schweigen als Antwort erhielt.

Niemand wusste Bescheid, egal wen er unterwegs traf. Die bordinternen Komsysteme schienen vollständig ausgefallen zu sein.

»Kann mir jemand Aufklärung geben?«, brüllte er, als er durch das Hauptschott in den Zugangsbereich des Hangars gelangte. Durch die gegenüberliegende massive Glassitwand, in die mehrere Personalschleusen integriert waren, hatte er freien Blick auf die riesige Beiboothalle, in der meist Nullschwerkraft und Luftleere herrschten, um einen Alarmstart der Raumfahrzeuge zu erleichtern. »Sind wir angegriffen worden? Und von wem eigentlich? Oder hat jemand eine Gräte quer im Hals stecken?«

Es herrschte hektisches Treiben. Viele Besatzungsmitglieder trugen bereits Kampfmonturen oder Raumanzüge, einige waren bewaffnet. Alle bewegten sich auf die Personenschleusen zu, um zu ihren Beibooten zu gelangen, und wunderten sich, dass die Innenschotten der Schleusen sich nicht automatisch öffneten.

Genau von dort kam Abhinava Singh Khalsa, der Befehlshaber der Raumlandetruppen, auf Levy zugerannt. »Endlich! Wir haben ein Problem!«

»Ach was!«, gab Levy sarkastisch zurück. »Nur eins?«

»Nein.« Khalsa sagte es ihm.

Levy klappte der Unterkiefer nach unten, war kurz sprachlos. Dann machte er nach einer hektischen Strategiebesprechung mit Khalsa kehrt und überwand im Sturmlauf die Distanz zum Hauptantigravschacht, um so schnell wie möglich in die Zentrale zu gelangen.

 

*

 

»Was soll das heißen?«, fragte Kommandantin Gabrielle Montoya betont langsam in die Runde, nachdem endlich keine schrille Klangfolge mehr aus den Akustikfeldern plärrte. »Ich zitiere: ›Niemand hat den Gefechtsalarm ausgelöst‹? Wie habe ich das zu verstehen?«

Ratlose Gesichter ringsum.

»Keine Meldung?« Montoya verschränkte die Finger ineinander und löste sie wieder. »Dann gibt es nur eine Möglichkeit.«

Niemand sprach es aus. Also tat sie es. »SENECA war es selbst.« Sie ließ ihre Worte kurz wirken.

»Ich weiß, das erscheint unvorstellbar. Aber SENECA hat in jüngster Zeit mehrfach ein ... auffälliges Verhalten gezeigt.«

Das war noch eine Untertreibung. SENECA hatte den einen oder anderen Befehl »vergessen« – nur Kleinigkeiten, wie etwa Wartungen, die nicht zum geplanten Zeitpunkt erledigt wurden, oder es kam zu lästigen Fehlfunktionen. In einer Unterkunftssektion fiel die Warmwasserversorgung aus, anderswo quoll aus den Nahrungsspendern ein Brei undefinierbarer Konsistenz und Farbe, Schotten zu Depots klemmten oder Kabinentüren gingen nicht auf.

Kleinigkeiten, deren Auftreten sich allerdings häufte. Weil Montoya die Delegation der Akonen hatte betreuen müssen, hatte ihr bisher die Zeit gefehlt, sich darum zu kümmern – und genau das, erkannte sie nun, war ein Fehler gewesen. Man hatte diese Zwischenfälle nicht ernst genug genommen, hätte die Priorität der Ursachenforschung höher ansetzen müssen. Mit »man« meinte sie jeden Verantwortlichen, sich selbst eingeschlossen.

»Der Verdacht ist bereits aufgekommen«, fuhr sie fort, »dass mit SENECA etwas grundlegend nicht in Ordnung ist. Die entscheidende Frage lautet: Warum hat er den Alarm ausgelöst?«

Montoyas Blick richtete sich auf Sarah Maas, die Leiterin der Funk- und Ortungsabteilung.

Die Offizierin zog eine zerknirschte Miene, als trüge sie die Schuld – was natürlich nicht der Fall war. »Es besteht zumindest keine Gefahr von außen, weswegen die Auslösung des Gefechtsalarms völlig unsinnig ist. Ich habe von unserer Schiffsintelligenz bereits mehrfach eine Erklärung verlangt, aber SENECA antwortet nicht.«

»Dann rufen Sie Donna Stetson her, egal wo sie ist, und sei es unter der Dusche.«

»Laut Dienstplan ist sie im Rechenzentrum an der Arbeit. Aber ich kann sie nicht erreichen.«

»Wird die Verbindung blockiert?«

»Das kann ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.« Maas hob entschuldigend die Schultern. »Entweder blockiert, oder sie kann mich nicht hören, oder ... sie will nicht.«

Das überhörte Montoya, um keine Diskussion auszulösen, die nicht von Belang war. Sie wusste, dass Stetson allgemein als »merkwürdig« galt. Doch die Positronikpsychologin war absolut zuverlässig und fast schon übertrieben bemüht, keine Fehler zu machen.

»Alles ist möglich«, setzte Maas fort. »Ich bekomme schlichtweg überhaupt keine Meldung, als gäbe es gar keinen Funk, noch nicht mal eine leitungsgebundene Kommunikation.«

Montoya verschränkte die Arme auf dem Rücken und wippte auf den Zehenspitzen auf und ab. »Die Lebenserhaltungssysteme funktionieren, denn wir sind alle noch am Leben. Haben Schwerkraft und Licht. Funk und Ortung sind ebenfalls intakt, richtig?«

»Die Ortung arbeitet einwandfrei, weswegen ich versichern kann, dass keine Bedrohung erkennbar ist, die eine automatische Gefechtsbereitschaft rechtfertigen würde. Aber die Komsysteme sind sämtlich inaktiv, als wären sie vollständig abgeschaltet. Es gibt keine Fehlermeldung. Ich glaube daher nicht, dass sie defekt sind.«

Nacheinander bestätigten alle Zentraleoffiziere, dass kein einziges System eine Fehlermeldung aufwies. Lediglich die bordinterne Kommunikation sowie Normal- und Hyperfunk schienen unterbunden zu sein.

»Dann müssen wir eben über die Armbandkoms ...«

»Gestört.«

»Und die Funksysteme in den Raumanz...«

Montoya vollendete auch diesen Satz nicht, brach sogar mitten im Wort ab, als sie sah, wie Maas den Mund öffnete, und kam ihr zuvor: »Lassen Sie mich raten: gestört.«

»Ebenso wie in den Beibooten. Ich kann absolut niemanden erreichen, nicht innerhalb des Schiffs und nicht außerhalb.«

»Und der Gefechtsalarm, wer hat ihn abgeschaltet?«, stellte Montoya die nächste Frage.

Schweigen.

»Also SENECA hat ihn nicht nur ausgelöst, sondern auch von sich aus wieder desaktiviert«, überlegte Montoya. »Es gibt keine Fehlermeldung, und doch wurde von der Positronik ein Fehlalarm ausgelöst. Damit kommen wir wieder zu meiner ursprünglichen Entscheidung zurück, nur mit einer Abwandlung: Jemand muss auf eigenen Füßen zu Stetson gehen und ...«

Wieder konnte sie nicht zu Ende sprechen.

»Ma'am, es gibt ein Problem!« Itai Levy stürmte in die Zentrale. »Haben Sie den Befehl gegeben, ohne dass ich ihn mitbekommen habe?«

»Welchen Befehl?«, fragte Gabrielle Montoya irritiert zurück.

»Dachte ich mir. Soeben werden alle Raumjäger und anderen Beiboote mobil gemacht!«

2.

Alles unter Kontrolle

 

In hastig vorgetragenen Worten berichtete Itai Levy, dass SENECA höchstpersönlich den Befehl gegeben habe, sämtliche zwölf Raumjägerrotten auszuschleusen.

»Also mit dem Beiboothangar hat er kommuniziert?«, fragte Montoya fassungslos.

»Nur für diesen Befehl, danach war er nicht mehr erreichbar. Mister Khalsa hat unsere Leute, auch in meinem Namen, sofort zurückgerufen, sobald er es mitbekommen hat. Er war ein paar Minuten vor mir oben und hat unverzüglich gehandelt. Aber einige Offiziere und Soldaten waren bereits an Bord ihrer Dragonflys und nicht mehr per Funk erreichbar. Und als wir die Kampfroboter aktivieren wollten, um sie aufzuhalten – Fehlanzeige.« Levy musste husten, weil sein Hals trocken geworden war, da er atemlos geredet hatte.

Er räusperte sich. »Wir haben daraufhin stattdessen alle Besatzungsmitglieder losgeschickt, die Raumanzüge trugen und die wir gerade noch abfangen konnten, damit sie die Piloten durch Hand- oder Lichtsignale aus der Nähe am Start hindern. Als nächstes Problem hat sich herausgestellt, dass sich die Außenschotten der Beiboothalle nicht wie üblich per leitungsgebundenem Steuerbefehl von der Hangarleitstelle aus schließen ließen. Es hätte den Piloten auch ohne Funkverbindung klargemacht, dass sie an Bord der CREST II bleiben sollen, wenn wir ihnen den Ausgang vor der Nase versperren.«

»Lassen Sie mich raten«, presste Montoya zwischen den Zähnen hindurch, was ein leichtes Zischen als Beigeräusch verursachte. »SENECA hat es verhindert.«

»Es gibt keine andere Erklärung«, pflichtete Levy ihr bei. »Also hat Mister Khalsa gemäß unserer gemeinsamen Entscheidung Soldaten zu den Großschotten geschickt, nachdem ich schon unterwegs zu Ihnen in die Zentrale war. Seine Leute sollten die Schließung händisch auslösen.«

»Scheint zu funktionieren, bisher hat keiner ausgeschleust«, informierte Sarah Maas sie.

»Sind die entsprechenden Anzeigen im Ortungsholo denn korrekt oder nur ein Ergebnis veralteter Daten?«, fragte Montoya knapp.

»Sie sind korrekt, Ma'am.« Maas begründete nicht, warum sie so sicher war, aber Montoya glaubte ihr auch so – die Spezialistin verstand sich auf ihr Metier.

»Und die Hangarschotten in der Außenkalotte sind zu?«

»Ja«, bestätigte Maas. »Ich gehe davon aus, dass die Verbindung der Schließ- und Öffnungssysteme zur Bordpositronik manuell unterbrochen wurde.«

»Guter Mann«, lobte Levy brummend seinen Kollegen Khalsa. »Ich sollte dann mal wieder dorthin und unsere Leute aus den Beibooten holen. Vielleicht mit Leuchtpistolensignalen und herumhüpfenden Fahnenwedlern.«

»Tun Sie das. Sie müssen unter allen Umständen verhindern, dass auch nur ein einziger Raumjäger ausschleust!« Montoya spürte, wie ihr inzwischen sämtliches Blut aus dem Gesicht gewichen war. Sie schrammten soeben haarscharf an einer Katastrophe vorbei. »Das ist keine harmlose Angelegenheit, und ich kann die Hohe Rätin Auris von Las-Toór nicht erreichen. Die Akonen würden das zu Recht als aggressives Verhalten werten und entsprechend reagieren. Alle Bemühungen um eine friedliche Koexistenz wären gefährdet.«

Da Perry Rhodan mit der SOL im Zentrumsbereich von M 3 unterwegs war, konnte er nicht mehr als Diplomat auftreten, wie er es beim ersten Kontakt so erfolgreich getan hatte. Die im Akonsystem verbliebenen Menschen mussten das allein regeln.

Nun gut, immerhin hatten sie auf der Erde Julian Tifflor, Professor Ephraim Oxley und Antonio Reek als Unterstützung. Sie mussten die Hauptverantwortlichen wie Reginald Bull oder Stella Michelsen vertreten, die allesamt nach Eintritt des Falls Laurin Terra verlassen hatten und im Solsystem verblieben waren.

Es war geplant gewesen, die Erde mithilfe eines Antitemporalen Gezeitenfelds um eine Planck-Zeit in die Zukunft zu versetzen – sie sollte zurückkehren, sobald sich die Gemüter auf den rebellischen Kolonien beruhigt hätten. Das ganze Projekt hatte einen Bruderkrieg in der Solaren Union vermeiden sollen; und nun hätte der Fehlschlag dieses Plans beinahe einen Konflikt mit einer Fremdspezies ausgelöst, ohne dass irgendeine Partei Schuld daran getragen hätte.

Die Akonen hatten, solange ihre Historie zurückreichte, stets hinter einem blauen Schutzschirm verborgen gelebt und bis zur Ankunft der ungebetenen Gäste niemals irgendwelche fremden Raumfahrer zu sich hereingelassen. Verständlicherweise waren sie in Panik geraten. Praktisch von einer Minute auf die andere war der Sperrschirm zusammengebrochen, einer ihrer Planeten verschwunden und eine fremde Welt samt Mond an dessen Stelle aufgetaucht, zusammen mit einem riesigen Raumschiff und einer gewaltigen, kampfstarken Flotte.

»Ja, Ma'am, ich weiß, dass die Lage mehr als heikel ist – ich denke, das ist uns allen bewusst«, versicherte Levy.

»Tun Sie mir noch einen Gefallen, wenn Sie ohnehin schon unterwegs sind«, bat Montoya. »Ich kann auf niemanden hier in der Zentrale verzichten. Bitte sorgen Sie dafür, dass die Information so schnell wie möglich mündlich an die gesamte Besatzung weitergegeben wird, dass es sich um einen Fehlalarm handelt und alle wieder zu ihrer gewohnten Tätigkeit oder Freischicht zurückkehren sollen. Sollte erneut Alarm ausgelöst werden, sollen alle auf die Befehle der Boten warten, die ich dann losschicke.«

»Wird zügig erledigt.« Itai Levy nickte ihr zu und machte sich auf den Weg.

Montoya wandte sich an die Waffenchefin. »Ich hoffe, wenigstens unsere Offensivbewaffnung ist schön brav inaktiv geblieben?«

»Sonst würden uns schon Bomben und Granaten um die Ohren fliegen«, erwiderte Siobhan O'Sullivan. »So viel Vernunft hat SENECA wohl noch.«

»Oder er hebt es sich fürs nächste Mal auf«, murmelte der Pilot Hamza Obafemi Azikiwe.

Montoya musterte ihn mit einem strafenden Blick. »Es wird kein nächstes Mal geben!«

In diesem Moment erklang SENECAS Stimme, und zwar laut Anzeige auf Montoyas Kommandokonsole als schiffsweite Runddurchsage, sodass jeder an Bord ihn hören konnte, auch in den Beibooten. »Achtung, ich bitte um Aufmerksamkeit. Ich bedauere die Unannehmlichkeiten, aber ich hatte eine vorübergehende Störung. Der Alarm stellte eine Fehlfunktion dar, die nun behoben ist. Aber ich darf versichern, dass ich jederzeit alles unter Kontrolle hatte.«

»Dass ich nicht lache!«, stieß Maas hervor, hielt aber gleichzeitig den Daumen hoch. »Der Funk ist wieder da. Wir können innerhalb des Schiffs und auch außerhalb wieder frei kommunizieren.«

»SENECA, um was für eine Störung handelte es sich?«, hakte Montoya nach.

»Keine besondere«, antwortete die Positronik nicht gerade auskunftsfreudig. »Sie ist vollständig behoben.«

»Du scheinst das ja nicht sonderlich ernst zu nehmen.« Montoya wurde allmählich wütend. Man mochte noch so alt und abgeklärt sein, aber irgendwann riss der Geduldsfaden. Und SENECA stellte ihre Altersgelassenheit gerade auf eine harte Probe.

Conrad, zum Glück bekommst du das nicht mehr mit. Diese Positronik tanzt uns auf der Nase herum, als wäre sie ... ein Kind! Ein ziemlich trotziges Kind.

 

Bevor Gabrielle Montoya das Rechenzentrum über das wieder funktionierende Komsystem kontaktieren und Donna Stetson zu sich zitieren konnte, öffnete sich das Zentraleschott erneut – und die Positronikpsychologin kam herein.

Eine kleine, zierliche Frau mit heller Haut, kinnlangen schwarzen Haaren und weit auseinanderstehenden, graugrünen Augen, deren Miene zumeist unbewegt war. Der Ausdruck ihrer Augen zeugte von hoher Intelligenz, ihre Haltung jedoch war eher defensiv, als wäre sie selbst nicht ganz von ihren Fähigkeiten überzeugt. Wohl aus diesem Grund nahm sie mit ihren Gesprächspartnern stets nur kurzen Blickkontakt auf – sie hatte vielfach Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion.

»Na endlich!«, rief die Kommandantin spontan. Manchmal trug sie bei aller Lebenserfahrung und Professionalität immer noch das Herz auf der Zunge.

Stetson zog daraufhin den Kopf ein wenig zwischen die Schultern. Sicherlich fragte sie sich gerade, ob sie etwas falsch gemacht hatte. »Ich wusste nicht, ob ich meinen Posten verlassen soll«, sagte sie unsicher. »Aber angesichts der Lage hielt ich es für besser, gleich zu kommen, statt mich zuerst über Kom zu melden.«

»Das war eine gute Entscheidung, ich wollte Sie ohnehin gerade herbitten«, beruhigte Montoya sie. »Kommen Sie, Miss Stetson, wir müssen uns unterhalten.«

Die Besprechung würde nicht lange genug dauern, dass es sich lohnte, einen Konferenzraum aufzusuchen. Deshalb wartete Montoya, bis Stetson bei ihr angelangt war, und aktivierte dann ein akustisch und optisch abschirmendes Privatsphärefeld um sie beide. Ein undurchsichtig wabernder Schein umgab sie nun, durch den keine Geräusche mehr herein- oder hinausdrangen.

 

»Erzählen Sie mir, was mit SENECA los ist«, kam Montoya ohne Umschweife zur Sache.

»Ich habe versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er weicht mir dauernd aus«, antwortete Stetson ebenso sachbezogen. »Was den Alarm ausgelöst hat, konnte oder wollte er mir nicht sagen. Genau wie Sie hatte ich ab dem Alarm bis zum Ende keinerlei Kontakt zu ihm, und auch jetzt noch benimmt er sich sehr zurückhaltend. Er scheint mir ... verwirrt.«

»SENECA ist höchst leistungsfähig und so hoch entwickelt wie kein anderes unserer Schiffssysteme, aber er ist nur eine Positronik«, erinnerte Montoya sie.

»Da bin ich mir längst nicht mehr so sicher«, meinte Stetson. »Kurz bevor der Alarm losging, hatte ich eine seltsame Unterhaltung mit ihm.«

»Aha?« Montoya fragte sich, wie man mit einer Positronik eine seltsame Unterhaltung haben konnte. Selbst für Stetsons Verhältnisse, von der bekannt war, dass sie SENECA wie ein Lebewesen behandelte, klang das schräg.

»Er ... stellte die Sinnfrage.«

»Was für eine Sinnfrage?« Montoya war konsterniert. Eine philosophische Positronik?

Stetson kratzte sich den Handrücken. Es war ihr sichtlich unangenehm, darüber zu sprechen – aber warum?

»Die Sinnfrage. Die essenzielle.« Stetsons scheues Lächeln erstarb, als Montoya durch ihre Miene anzeigte, dass sie nach wie vor nicht wusste, was die Positronikpsychologin meinte.

»SENECA gestand mir, dass er Angst vor dem Tod hat«, erzählte Stetson leise. »Er wollte wissen, wie es ist, wenn man stirbt. Ob etwas zurückbleibt, ob er an einen anderen Ort geht, ob er sich erinnern wird.«

»Ach du liebe Zeit!« Nun war Montoya ernsthaft besorgt. Das war nicht einfach eine Fehlfunktion oder Störung. Oder Schussligkeit, weil irgendwas falsch verschaltet oder etwas ausgefallen war, das eine wichtige Verbindung unterbrach.

Stetson nickte. »Genau. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, abzulenken. Was man eben so macht, wenn jemand in einer tiefen ... Sinnkrise steckt.«

»Sie wollen aber nicht sagen ...«

»Doch, ja, das will ich sagen.« Stetson hatte anscheinend begriffen, was Montoya meinte. »Ich wollte mich diesbezüglich gerade mit Ihnen in Verbindung setzen, als der Alarm losging. Meine Befürchtung, dass etwas nicht mit SENECA stimmt, hatte sich ja bereits bewahrheitet. Ich kam nicht mehr an ihn heran, er wollte nicht mit mir reden. Ich glaube, er hat den Alarm als Ablenkung verwendet, um nachzudenken – über seine Sorgen und meine ausweichenden Antworten.«

»Aber das heißt doch immer noch nicht ...«

»Dass SENECA einen weiteren Schritt auf der Entwicklung zu einer vollwertigen Persönlichkeit macht? Doch, genau davon gehe ich aufgrund der Ereignisse der jüngsten Zeit aus. Und ich sehe den Beweis dadurch erbracht, dass er die Frage nach dem Tod und dem Sinn des Lebens stellte. Er hat sich schon lange zu einer selbstständigen Künstlichen Intelligenz verändert, mit zuweilen recht eigensinnigem Verhalten. Er hat erkannt, dass seine Existenz nicht nur bloßes Dasein ist, sondern das zentrale Element seines Ichs, dass sein Leben zudem auch enden kann. Er kann den Tod quasi definieren als eine Existenz-Form – oder eher Nichtexistenz-Form – jenseits dessen, was er derzeit ist. Ein Zustand, auf den er keinen Einfluss hat, den er nicht berechnen und der ihm ebenfalls zustoßen kann, wie jedem herkömmlichen organischen Lebewesen. Das macht ihm Angst. Wir werden ihn vollständig neu bewerten und unseren Umgang mit ihm ändern müssen.«

Montoya stöhnte innerlich. Mit einer Schiffspositronik, die ihren eigenen Willen entwickelte, plagten sie sich ja schon seit Jahren herum. Der flapsige Ausdruck »Schiffsseele«, mit dem die Besatzung SENECA häufig sympathisierend bezeichnete, bekam dadurch eine ganz neue Bedeutung. Aus Sicht der Schiffsführung indes hieß das, dass sie ab sofort auf einem Pulverfass saßen.

»Sie wollen mir also schonend beibringen, dass SENECA ... an Depressionen leidet?« Montoya unterbrach sich, sie musste sich räuspern. »Miss Stetson, wir haben da ein sehr ernstes Problem. Um nicht zu sagen, ein Problem titanischen Ausmaßes, dessen Auswirkungen bislang eher ziemlich harmlos waren. Aber das kann jederzeit kippen. Nehmen Sie sich so viele Mitarbeiter, wie Sie brauchen, und leiten Sie eine umfassende, lückenlose Systemdiagnose ein. Treten Sie mit SENECA in Dialog und ... heilen Sie ihn. Aber machen Sie nichts darüber publik, verstanden? Ich kann keine zusätzliche Panik an Bord gebrauchen, wenn sich wieder seltsame Dinge ereignen.«

»SENECA würde uns niemals bewusst schaden wollen«, beteuerte Stetson ungewohnt energisch. »Er ist momentan nur verunsichert und durcheinander.«

»Miss Stetson, ich kann Ihre Zuversicht nicht teilen und werde diese Sache nicht auf sich beruhen lassen. Da SENECA nicht mehr einwandfrei funktioniert, aus welchen Gründen auch immer, ordne ich eine schiffsweite Systeminspektion an. Das wird für uns zwar alle ziemlich anstrengend werden, aber derzeit sind wir ohnehin fest im Akonsystem stationiert, das ist die beste Gelegenheit. Ich werde keinerlei Risiko eingehen, dass uns die CREST II auf einmal um die Ohren fliegt – oder alles andere hochfliegen lässt.«

»Dessen bin ich mir bewusst, Miss Montoya.«