Die Reise des Jonathan van Buyten

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Markus Karnahl

2. Südwieke 265

26817 Rhauderfehn

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M.Karnahl@web.de

Markus-Karnahl.de

 

1. Auflage, 2020

© 2020 Alle Rechte vorbehalten.

Markus Karnahl

2. Südwieke 265

26817 Rhauderfehn

 

Markus-Karnahl.de

 

Covergestaltung: pixelcompetence; fiverr

Bildautor: Dmitry Rukhenko; depositphotos

 

 

1628 Auf dem Segelschiff Annemarie verschwinden Besatzungsmitglieder spurlos. Waren es wirklich Unfälle, so wie Kapitän Thomas Wijnvoord es beteuert oder treibt ein Mörder sein tödliches Spiel? Der dreizehnjährige Schiffsjunge Jonathan van Buyten macht sich mit seinem Freund Dirk daran, das Rätsel zu lösen. Sie stoßen auf eine Kreatur, gefährlicher als jeder Mörder.

 

Über den Autoren:

Markus Karnahl wurde 1978 im Emsland geboren. Um seine Rechtschreibung zu verbessern, brachte er 2007 die ersten Zeilen einer eigenen Geschichte zu Papier. Diese wuchsen die im Laufe der Jahre zu einer Romantrilogie heran. 2018 erwachte bei Markus der Wunsch nach einer Veröffentlichung dieser Geschichte. Mit dem Erscheinen seines Debütromans „Die Reise des Jonathan van Buyten- Der Klabautermann“, erfüllte sich, im Sommer 2020, dieser Traum. Um mehr über seinen Weg zum Selfpublisher zu erfahren, besuche ihn auf Facebook und unter Markus.Karnahl.de.

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitelt 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

 

Kapitel 1

Die Insel Norowell

 

Unter Ekos Fuß brach ein Zweig.

»Du hast mich lange warten lassen«, erklang eine vertraute, aber tadelnde Stimme aus der einsamen Hütte, die in der Mitte der Lichtung stand. Einer winzigen Kuppel aus gebogenen Ästen und Blättern, die kaum einem Menschen Platz bot.

Eko nickte schuldbewusst. »Es ist ein weiter Weg und ich bin alt.«

»Das habe ich nicht gemeint.« Gestützt auf einen Stab, trat Ramelan ins Freie.

Die beiden Männer kannten sich ihr ganzes Leben.

Eko kniete nieder und senkte den Blick. »Ich grüße Ramelan, den Priester der Manusia. Mögen die Geister dich schützen.«

»Ich danke dir, Eko, Oberhaupt der Manusia. Erhebe dich, alter Freund.«

Eko stand auf und die Männer musterten sich. Sie waren nackt. Nur ein Hüfttuch verbarg ihre Scham.

»Komm.« Ramelan deutete auf ein Lagerfeuer vor der Hütte. Seine Ketten und Armbänder raschelten bei jeder Bewegung. Nur ihm gebührte es, sich mit den Zähnen des Tigers zu schmücken, und die ineinander verschlungenen Narben auf seinem Gesicht zeugten von der tiefen Demut, mit der er dies tat. Es gab niemanden in ihrer Gemeinschaft, der über dem Priester stand. Nicht einmal Eko.

Erleichtert folgte er der Einladung und setzte sich auf die Erde. Seine Füße schmerzten und er war erschöpft. Selbst seine Insignien, die drei, seitlich ins lange, schwarze Haar geflochten, blassrosa Schwanzfedern des Cacatuas, hingen zerzaust herab. Der Weg vom Dorf hierher, zu den heiligen Stätten ihres Volkes, wurde mit jedem vergehenden Lebensjahr beschwerlicher. Trotzdem war er in besserer Verfassung als der Priester. »Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen? Deine Arme sind dünn wie Zweige und ich sehe jede deiner Rippen.«

Ramelan schüttelte den Kopf. »Es gibt Wichtigeres. Du warst lange nicht hier. Probleme quälen dich, liege ich richtig?«

Beides stimmte, dachte Eko niedergeschlagen. Seine letzte Aufwartung war eine halbe Ewigkeit her. Früher besuchte er den Priester zu jedem Voll- und Neumond. Ramelan hielt Kontakt zum Jenseits. Er betrachtete das Leben aus spiritueller Sicht und seine Ratschläge brachten Eko häufig dazu, Entscheidungen zu überdenken und besonnen zu handeln.

Aber heute lagen die Dinge anders. Die Probleme, die ihn in den letzten Monaten umtrieben, waren von weltlicher Natur. Für so etwas hielten die Geister keine Lösung parat. Vielmehr hatte Eko sogar Angst davor, dass Ramelan den Versuch unternahm, ihm seine Entscheidung auszureden. Am liebsten wäre er gar nicht herkommen, aber der Priester hatte ihn zu sich rufen lassen und ihre Tradition zwang ihn, der Aufforderung zu folgen.

»Du hast das Urteil gesprochen?«, fragte Ramelan.

Eko antwortete nicht sofort. Nachdenklich beobachtete er den aufsteigenden Rauch. Die Zeichen standen auf Sturm. Ihr Dorf wandelte sich und auf ihm lastete eine Verantwortung, der er kaum Herr wurde. »Kade wird sterben. Morgen, bei Sonnenaufgang.« Ekos Mund war trocken.

»Und seine Leiche wird verbrannt?«, fragte Ramelan.

»So schreibt es, in einem solchen Fall unser Gesetz, das weißt du.« Eko hatte befürchtet, dass Ramelan ihn dies fragen würde und er bemühte sich um eine entschlossene Stimme. Er hatte das Urteil gesprochen und es zu ändern war schlichtweg falsch, ganz gleich was der Priester sagen würde.

»Ja, die Gesetze«, seufzte Ramelan. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Seine Seele wird sich verwandeln.«

»Soll sie. Darum kümmern sich die Geister. Das haben sie immer.« Eko wusste, dass er respektlos klang und es beschämte ihn. Nichtsdestotrotz besaß er den Schneid, bei seiner Meinung zu bleiben, was ihm zusätzlich Mut verlieh.

»Hier auf der Insel schon«, erwiderte Ramelan. »Aber draußen, in der weiten Welt? So mächtig sind ihre Kräfte nicht. Bedenke, die Zeiten, in denen wir nur für uns verantwortlich waren, sind lange vorbei.«

Eko hob gleichgültig die Schultern. »Was interessiert uns die weite Welt? Sie hat uns immer nur Ärger eingebracht.«

»Ich bin der Überzeugung, Kade sollte in geweihter Erde beigesetzt werden.«

»Er ist ein Mörder. Er hat seine Schwester erschlagen und du willst seiner Seele ewiges Leben schenken. Seit wann brichst du mit den Traditionen?«

»Ich weiß, was er angerichtet hat und es quält mich zutiefst. Doch sein Verbrechen steht in keinem Verhältnis zu dem, was geschieht, wenn aus falschem Stolz heraus egoistisch entschieden wird.« Ramelans Blick löste sich vom Feuer und er sah Eko in die Augen. »Mir scheint, dass dir die Traditionen im Grunde egal sind. Du benutzt sie als Vorwand, um deine Macht zu erhalten.«

»Das ist nicht wahr!«, platzte es aus Eko heraus. »Ich sorge mich um unser Volk. Ich muss Stärke zeigen, sonst zerbrechen wir. Wenn ich einem Mörder ewiges Leben schenke, dann reißt unsere Gemeinschaft völlig auseinander.«

Ramelan seufzte erneut, doch dieses Mal lächelte er nicht. »Bevor die Weißen hier auftauchten, war alles einfacher. Wir lebten alleine und folgten nur unseren eigenen Gesetzen und Traditionen.«

»Es war nie einfach. Weil Neid und Missgunst uns zu zerstören drohten, verließen wir vor Generationen unsere Häuser und wohnen seither in Hütten. Doch die jungen Leute haben es satt, im Dreck zu leben. Die Welt der Weißen zieht sie magisch an. Und ich verstehe sie sogar. Ihre Stadt wächst ununterbrochen. Stetig legen Schiffe an und bringen weitere Menschen und neue Sachen hierher. Mein eigener Enkel begeht nächsten Monat seinen vierzehnten Geburtstag, aber selbst er wird mit den alten Traditionen brechen. Er verbringt mehr Zeit in der Welt der Weißen, als bei uns. Nur die Alten leben noch nach den überlieferten Traditionen und eine Gruppe junger Männer ebenfalls. Und die bereiten mir die größten Sorgen. Sie lassen sich die Provokationen der Weißen nicht gefallen. Sie meinen, dass Norowell unsere Insel ist und die Fremden hier nichts zu suchen haben. Kade ist einer von ihnen. Er tötete seine Schwester, weil sie sich mit einem Weißen traf.«

»Und wie wirst du dich entscheiden?«, fragte Ramelan.

»Einen Krieg gegen die Weißen zu führen ist aussichtslos, doch wenn wir unsere Traditionen aufgeben, verlieren wir ebenso. Daher versuche ich, die Gemüter zu beruhigen, und befolge die Gesetze.«

»Du hast etwas Grundlegendes erkannt«, nickte Ramelan. »Egal wie du dich entscheidest, du wirst unseren Untergang nicht aufhalten. Aber du bist in der Lage, großes Unglück zu verhindern, indem du jetzt einen richtigen Entschluss triffst. Lass die Gesetze Gesetze sein und befreie Kades Seele. Setzt ihn in geweihter Erde bei.«

»Nein, das werde ich nicht zulassen!« Eko hielt es nicht mehr auf dem Boden. »Wann hast du uns aufgegeben?«

»An dem Tag, als wir die Schiffbrüchigen retteten. Damals ahnte ich, dass es unser Ende herbeiführen würde.«

»Es ist schade, dass du so denkst.« Ekos Stimme zitterte vor Wut. Er hatte befürchtet, dass Ramelan mit seiner Entscheidung nicht einverstanden war und sie ihm ausreden wollte. Dass der alte Mann ihm aber überhaupt kein Verständnis entgegenbrachte, enttäuschte ihn maßlos. »Aber ich habe mich entschieden. Kades Leiche wird verbrannt. Du wirst andere Wege finden müssen, um die restliche Welt zu retten.« Dann kehrte er Ramelan, seinem Priester, den Rücken zu und verschwand im Dschungel.

 

 

 

Kapitel 2

Burcht

21. Oktober 1628

 

Die piksende Handvoll Tannennadeln, die sich der dreizehjährige Jonathan van Buyten am Vorabend heimlich ins Nachthemd gestreut hatte, brachte ihn beinahe um den Verstand. Bald würde der Hahn krähen, es wurde Zeit. Zögernd öffnete er die Augen. Neben ihm lag seine siebenjährige Schwester Imke. Ehe sie eingeschlafen war, hatte sie ihren Kopf auf seinen Arm gelegt und jegliches Gefühl war inzwischen daraus gewichen. Vorsichtig stand er auf, wobei er Imke behutsam auf die Seite drehte. Sie nuschelte unverständlich, schlief glücklicherweise aber weiter. Leise stieg er aus ihrem gemeinsamen Alkoven und schüttelte sich. Die Tannennadeln rieselten zu Boden. Er schob sie mit dem Fuß beiseite und kratzte sich zufrieden einen Floh aus den blonden, kurzen Haaren. Auf die Idee mit den Nadeln war er beim Feuerholzholen gekommen. Seine vorherigen Versuche, waren kläglich gescheitert. Den Glauben, er könne einfach so, die ganze Nacht wach im Bett liegen, um sich früh am Morgen wegzuschleichen, hatte er nach dem dritten Mal aufgegeben. An den darauf folgenden zwei Abenden trank er jede Menge Wasser. Er dachte, seine Blase würde ihn weit vor Sonnenaufgang wecken. Stattdessen führte es aber dazu, dass er permanent pissen musste und pausenlos zwischen Stallung und Schlafkammer hin und her wanderte, bis er letztlich doch völlig erschöpft eingeschlafen war.

Er griff in der Dunkelheit nach seiner sorgsam zurechtgelegten Kleidung und nahm den Beutel, den er heimlich gepackt und hinter einem Wandbehang versteckt hatte, an sich. Große Reichtümer besaß er nicht. Zwei Paar Socken, eines mit einem großen Loch an der Ferse, und eine Unterhose. Dazu ein abgewetztes Messer - ein Geschenk seines Vaters, drei Äpfel und die trockene Kante eines Schwarzbrotes, vier Möhren und einen Löffel.

Er hatte die Tür ihrer Kammer fast erreicht, als ein Husten von Imke ihn in der Bewegung erstarren ließ. Regungslos lauschte er. Sie wälzte sich unruhig zur Seite und er rechnete damit, gleich ihre vertraute Stimme zu hören. Doch dann wurde es still und ihr gleichmäßiges Atmen erfüllte den Raum. Sie würden sich jetzt für sehr lange Zeit nicht sehen und der Stein, der seit Tagen auf sein Herz drückte, wurde noch schwerer.

Die Tür führte in den Wohnbereich des kleinen Bauernhauses, in dem sich nach getaner Arbeit das Leben der Familie van Buyten abspielte. Die Ställe, im offenen hinteren Teil standen leer. Noch war es nicht so kalt, dass die Kühe für die Nacht hereingeholt wurden. Geräuschlos schloss Jonathan die Tür und schlüpfte aus dem Nachthemd. Er streifte sich seine Sachen über und stopfte das Nachtzeug zur restlichen Wäsche in den Beutel, dann zog er die Schuhe an.

Ehe er das Haus verließ, sah er sich ein letztes Mal im Wohnraum um. Die glühenden Holzreste in der Bodenmulde erhellten die Umgebung gerade genug, dass Jonathan alles erkannte. Neben der Tür stand eine Holztruhe und ihr gegenüber in der Ecke die Anrichte. Sie war Mutters größter Schatz. Und dann gab es da noch einen länglichen Tisch mit vier Stühlen. Am Kopfende hatte immer ihr Vater, Henri gesessen. Sein Tod war auf den Tag genau einen Monat her.

Schluchzend wischte Jonathan sich übers Gesicht. Die Erinnerung an die schlimmsten Tage seines Lebens brannte ihm in den Augen. Sein Vater hatte zwei Wochen im Bett gelegen, gehustet, gefiebert und am Ende keine Luft mehr bekommen. Jonathan spürte erneut die Angst jener Zeit in sich aufkommen. Die Nächte waren am fürchterlichsten gewesen. Er dachte an die Hilflosigkeit und an die Einsamkeit. Geld für einen Arzt besaßen sie nicht und Nachbarn oder Freunde hatten sich aus Angst vor einer Ansteckung, nicht blicken lassen. An die Zeit, die seit dem Tod seines Vaters vergangen war, hatte er hingegen kaum eine Erinnerung. Nur der Regen war ihm im Gedächtnis geblieben. Es regnete, als Henri gestorben war und es schüttete immer noch, als Jonathan Hand in Hand mit Imke und seiner Mutter einsam auf dem Armenfriedhof stand und die Totengräber seinen Vater in der feuchten Erde verscharrten.

In den letzten Tagen hatte Tante Magda auf Henris Stuhl gesessen. Sie war nach seinem Tod aus Alkmaar angereist, um ihrer Schwester Annemarie beizustehen, und vor einer Woche wieder zurückgefahren.

 

»Was machst du da?«, fragte eine verschlafene Stimme hinter Jonathan.

Imke lehnte an der Tür. Ihre langen braunen Locken standen in alle Himmelsrichtungen ab und ihre nackten, dreckigen Füße schauten unter ihrem Nachthemd hervor. Sie gähnte und tappte näher heran.

»Nichts.« Jonathan hatte befürchtet, dass sie aufwachen würde, denn das geschah immer, wenn er nachts das Bett verließ. Nur hatte er gehofft, dass er bis dahin bereits weit weg wäre. »Leg dich wieder schlafen«, zischte er leise. Was ihm jetzt noch fehlte, war, dass auch ihre Mutter wach wurde. Sie lag in der kleinen Kammer gegenüber dem Wohnraum und hatte Ohren wie ein Luchs.

Imke warf einen interessierten Blick auf seinen Beutel. »Willst du weggehen?«

»Pssst! Sei doch leise. Außerdem geht dich das nichts an.«

»Tut es wohl. Nimm mich mit.«

»Nein, das kann ich nicht.« Jonathan warf einen bangen Blick zu der Tür, hinter der seine Mutter schlief.

Imke entging dies nicht. »Ich schreie, wenn du mir nicht sofort sagst, was du vor hast.« Ihre verschlafenen Augen, blitzten heimtückisch auf.

»Nein, das tust du nicht, sonst versohle ich dir den Hintern«, versuchte Jonathan ihr zu drohen, doch es war sinnlos. Sie hatte ihn schon oft verpfiffen und sie würde keinen Augenblick zögern, ihre Mutter zu rufen, ganz gleich, womit er ihr drohte. Manchmal glaubte er, seine Schwester sähe ihren einzigen Lebenszweck darin, ihm das Leben zur Hölle zu machen. »Bitte sei leise«, flehte er und Imke grinste siegessicher.

»Also, nimmst du mich mit?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Nein, weil ich nicht wiederkomme.«

Imke senkte ihren Blick. »Aber wo willst du denn hin?«

Die Trauer in ihrer Stimme war für Jonathan kaum zu ertragen. Seine kleine Schwester wollte nach ihrem Vater nicht auch noch ihn verlieren.

»Ich gehe nach Enkhuizen. Ich muss Geld verdienen, sonst nimmt man uns den Hof weg.«

»Und wer kümmert sich um die Tiere?«

»Wir werden keine Tiere mehr haben, wenn ich kein Geld verdiene. Du hast Tante Magda gehört. Die Bank wird uns den Hof wegnehmen, wenn Mutter die Rechnungen nicht bezahlt.«

»Mama hat gesagt, es wird alles gut.« Imke stemmte trotzig ihre Hände in die Hüften.

»Natürlich hat sie das. Weil wir dabei waren. Aber du hast ihr Gesicht nicht gesehen. Sie weiß, dass Tante Magda die Wahrheit sagt.«

»Jonathan bitte.« Der Trotz war aus Imkes Augen verschwunden, dafür standen dort Tränen. »Was willst du denn machen?«

»Ich werde in Enkhuizen am Hafen auf einem Schiff anheuern. Matrosen bekommen gutes Geld und die Schätze die sie finden dürfen sie behalten.«

»Du bist doch kein Matrose?«

»Aber ich werde einer.« Jetzt war er es, der starrköpfig die Hände in die Seite stemmte. »Vater hat immer gesagt, man kann alles lernen, wenn man es will.«

»Ich will aber nicht, dass du weggehst. Bleib bei mir.«

»Imke, bitte. Ich muss. Wir brauchen das Geld, sonst schlafen wir bald draußen und betteln um Essen.«

»Aber Mama sagt, dass wir eine Kuh verkaufen und mit dem Geld alles bezahlen.«

»Ja vorerst. Aber was ist in sechs Monaten oder in einem Jahr? Die Kühe werden schnell verkauft sein. Und dann ziehen wir zu Tante Magda nach Alkmaar, wo wir niemanden kennen und wo wir keine Freunde haben.« Entschlossen hob Jonathan seinen Beutel auf und ging zur Tür. »Gib Mama einen Kuss von mir und sag ihr, sie soll sich nicht sorgen.«

»Warum gibst du ihr den Kuss nicht selbst? Morgen früh, wenn sie aufsteht.«

»Imke, leg dich bitte wieder hin, ehe Mutter aufwacht.«

»Oh Jonathan.« Imke lief auf ihn zu, schlang ihre kurzen Arme um seine Hüfte und drückte ihn fest an sich. »Versprich mir, dass du zurückkommst. Versprich es.«

»Ja, ich verspreche es. Ich komme zurück.«

Nachdem sie sich von ihm gelöst hatte, gab er ihr einen Kuss auf die Stirn, hing sich den Beutel über die Schulter und verließ das Haus.

 

Obwohl die Stadt nicht allzu weit von seinem Elternhaus entfernt lag, brach Jonathan zum ersten Mal nach Enkhuizen auf. Bisher hatte ihn nichts dorthin gezogen, denn in Burcht, dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, gab es alles, was sie zum Leben benötigten. Einen Schmied, eine Mühle und eine Kirche. Mehr brauchte man nicht, um ein gottgefälliges Dasein zu führen, und für den Rest sorgten der eigene Hof und der Dorfmarkt.

Enkhuizen konnte, im Vergleich zu Burcht, kaum gegensätzlicher sein. Die Hafenstadt wuchs täglich und nahm inzwischen beängstigende Ausmaße an. Eine florierende Heringfischerei bescherte den Einwohnern Arbeit und Wohlstand. Die Hafenanlagen wurden ständig erweitert und die Vereinigte Ostindien Kompanie hatte hier vor einigen Jahren eine prächtige Niederlassung eröffnet. Seitdem zählte die Stadt an der Zuidersee zu den führenden Metropolen des Handels und der Seefahrt und viele Menschen sahen in ihr das Tor in eine bessere Welt. Aus allen Teilen der vereinigten Niederlande, aber auch aus entfernten Städten wie Berlin oder Salzburg reisten Abenteurer nach Enkhuizen. Sie heuerten auf den Handelsschiffen an, um ihre Träume von Reichtum zu erfüllen oder sie verpflichteten sich zum Dienst in einer der zahlreichen Kolonien, um ihr Fernweh zu befriedigen.

Mit den Glücksrittern zog aber auch übles Gesindel nach Enkhuizen. Mob und Abschaum breiteten sich in den Straßen aus und machten das Stadtleben zu einer gefährlichen Angelegenheit.

Dieses Pack war ein zusätzlicher Grund, warum Jonathan bisher nie in der Stadt gewesen war, denn sein Vater fürchtete es mehr als den Teufel persönlich und hatte dieses gesunde Misstrauen an Jonathan weitergegeben.

 

Draußen sog er den Duft der feuchten Erde ein und stapfte über den Hof. Angst davor, sich allein auf den Weg zu begeben hatte er nicht. Die Sonne würde bald aufgehen, was sollte ihm also geschehen? Gefährliche Werwölfe streiften nur des Nachts und bei Vollmond umher und die heimtückischen Harlunde hielten sich hauptsächlich in der Nähe von kleineren Gewässern und Sümpfen auf, denen er aus dem Weg gehen konnte. Die einzigen vor denen er sich wirklich in Acht nehmen musste, waren Räuber und Diebe. Doch die, so hoffte er, machten sich nicht die Mühe, einen armen Jungen auszurauben.

Er passierte das Hoftor, schritt mutig querfeldein, über einsame, abgeerntete Felder und traf schließlich auf die Hauptstraße, die Amsterdam mit Enkhuizen verband. Hier begegnete er einem Bauern, der drei Kühe an einem Strick hinter sich her zog. Er beäugte ihn kritisch, sagte aber nichts und so entschied Jonathan sich, ihm zu folgen, wobei er sich dicht an der letzte Kuh hielt. Fremde, so überlege er, würden annehmen sie gehörten zusammen und ihn in Ruhe lassen.

So schlenderte Jonathan dahin, immer die Ärsche der Kühe vor Augen, bis er in weiter Ferne eine Turmuhr die siebte Stunde anschlagen hörte.

Seine Mutter wusste längst, dass er fortgegangen war. Ob sie nach ihm suchte? War sie ans Hoftor gelaufen, in der Hoffnung ihn einzuholen, oder bat sie Nachbarn, ihm zu folgen? Warum hatte er Imke von seinen Plänen erzählt? Er sah zurück aber der Weg war leer. Zumindest wusste Mutter jetzt, was er vorhatte. Wie ihm schmerzlich dämmerte, hatte er ihr keine Nachricht hinterlassen. Kopfschüttelnd verdrängte er die Gewissensbisse und mit jedem Schritt, wuchs seine Neugier auf das, was ihn erwartete.

Der Morgen näherte sich bereits dem Vormittag, als in weiter Ferne endlich die Stadtmauer in Sicht kam. Das mächtige Backsteinbollwerk, das die Stadt sternförmig umgab und jedes feindliche Eindringen zu verhindern wusste, erhob sich wie ein Felsen in der flachen Landschaft. Dahinter zeichneten sich vereinzelte Dächer ab und ein rundlicher Doppelturm ragte weithin sichtbar drohend in den Himmel.

Der Drommedaris. Der Wehrturm, von dem sein Vater ihm so oft erzählt hatte, war ein Teil der Stadtmauer und zum Schutz des Hafens errichtet worden. Jonathan hüpfte vor Freude. Beschwingt vom Anblick des Turms beschleunigte er seine Schritte, vorbei an den drei Kühen und ihrem Besitzer.

Je näher er dem Stadttor kam, desto voller wurde die Straße. Zahllose Männer, Frauen und Kinder kreuzten seien Weg und Fuhrwerke spritzten den vom Regen aufgeweichten Boden in alle Richtungen.

Vorsorglich nahm Jonathan den Beutel von der Schulter und drückte ihn an seine Brust. Wer vermochte schon zu sagen, was für ein Gesocks ihm hier begegnete. Beunruhigt sah er zwischen den rechtschaffenen Leuten immer häufiger finsteres Gesindel herumlungern. Hausierer tätigen ihre liederlichen Geschäfte und Gauner versuchten die ehrlichen Menschen, mit kleinen Spielchen und Versprechen auf hohe Gewinne, übers Ohr zu hauen. Bettler schlichen schnorrend umher oder saßen im Dreck der Vorbeiziehenden am Straßenrand. Einer dieser Halunken fiel Jonathan ganz besonders auf. Er hockte breitbeinig auf einem Baumstamm im langen Gras anstatt für sein täglich Brot zu arbeiten. Im Gegensatz zur restlichen Bande hatte er sich nicht stillschweigend in sein Schicksal ergeben, sondern sang lautstark ein unsittliches Lied nach dem anderen. So wie die meisten Reisenden, versuchte auch Jonathan, den Mann zu ignorieren. Aus den Augenwinkeln heraus, beobachtete er ihn jedoch genau. Von allen Menschen, die er jemals gesehen hatte, war dieser der Abscheulichste. Sein nackter Oberkörper war schorfig und das pockennarbige Gesicht ähnelte der Warzenhaut einer Kröte. Große kahle Stellen klafften auf dem Kopf und das ausgerissene Nasenloch, machte es auch nicht besser.

»… ihr holden Maiden kommt herbei und seid nicht scheu. Oh kommt herbei und seid nicht scheu.«

Soeben hatte er ein Lied beendet, welches von seiner mächtigen Flöte handelte, auf der alle jungen Mädchen spielen sollten, nun ruhten seine Augen, zu Jonathans Beunruhigung, auf ihm.

»Edler Herr«, rief er mit lauter, hoffnungsvoller Stimme. »Edler Herr, habt ihr einen Gulden für einen Kriegsversehrten?«

Jonathan zwang sich, den Taugenichts nicht zu beachten. Stur richtete er das Gesicht nach vorne, schielte dann aber doch für einen winzigen Moment in dessen Richtung.

»Edler Herr. Edler Herr. Ihr seht kräftig aus. Würde ihr mich in die Stadt tragen? Keine Angst, ich wiege nicht viel. Es ist ja kaum etwas an mir dran.« Wie ein Kleinkind, das auf den Arm genommen werden wollte, reckte er Jonathan erst die Hände entgegen und klopfte sich dann auf die Oberschenkel.

Im langen Gras war es Jonathan nicht aufgefallen, doch die Beine des Mannes waren unterhalb der Knie amputiert. Angewidert schüttelte er den Kopf und hastete an dem Krüppel vorbei.

»Du undankbarer Wicht! Soll dir das Wichtigste, das du hast, abfaulen, hörst du!?«

Jonathans Eingeweide verknoteten sich.

»Dreckiger Hurensohn!«, erschall es hinter ihm.

Er verabscheute Schnorrer ebenso wie Hausierer und die ganze andere Brut, die sich auf Kosten der rechtschaffenen Leute durchs Leben stahlen. Oft genug war solches Gesindel bei seinen Eltern auf dem Hof aufgetaucht und fragte nach Geld oder Essen. Aber sobald sie es sich verdienen sollten, verschwanden sie genauso schnell wieder, wie sie gekommen waren und wenn man nicht aufpasste, schlichen sie im Schutz der Dunkelheit zurück und klauten, was sie gebrauchen konnten. Nein, so wie der Krüppel und all die anderen Bettler die hier im Dreck vegetierten, wollte er nicht enden. Entschlossen reihte er sich in den Tross aus Bauern und Handwerkern ein, die es in die Stadt zog, um auf rechtschaffene Weise Geld zu verdienen.

Vor dem Stadttor, mit seiner engen Zugbrücke, die über den Wehrgraben führte, geriet der Pulk jedoch erst einmal ins Stocken. Soldaten mit Lanzen und Schwertern bewaffnet, warfen den Einreisenden böse Blicke zu und inspizierten jeden Karren, der in die Stadt rollte. Der dauerhafte Konflikt mit den Spaniern war allgegenwärtig zu spüren. Soeben beendeten sie die Begutachtung eines mit Äpfeln beladenen Wagens, schon stellte sich einer von ihnen Jonathan in den Weg.

»Wohin willst du?«, schmatzte er und biss ein so großes Stück von einem Apfel ab, dass Jonathan sich fragte warum er ihn sich nicht gleich ganz in den Mund steckte.

»In die Stadt, mein Herr. Zu meinem Onkel. Er ist Schmied.« Jonathan hatte geahnt, dass ein einzelner, umherschleichender Junge, Misstrauen erwecken würde und er hatte sich daher diese kleine Lüge überlegt, damit es keine Probleme gab.

»Tatsächlich? Wie heißt er denn, dein Onkel, der Schmied?«

»Jonathan«, sagte Jonathan und hätte sich für seine Dummheit am liebsten selbst in den Hintern getreten.

»Onkel Jonathan, der Schmied?« Der Soldat schob sich den letzten Rest des Apfels, samt Kerngehäuse, in den Mund. »Kenne ich nicht. Aber wenn es stimmt, was du sagst, dann hast du ja ganz bestimmt nichts dagegen, wenn wir dich einsperren, bis er dich abholt, oder?«

»Lass den Wicht und hilf uns lieber bei den Birnen.« Die anderen Wachen waren über einen, mit Kisten beladen Wagen, hergefallen.

»Hast Glück, dass ich wichtigere Aufgaben habe«, grinste die Wache und schritt zügig auf die Birnen zu.

 

Kapitel 3

Das war knapp. Erleichtert atmete Jonathan durch und er fragte sich, ob es das Risiko eingesperrt zu werden überhaupt wert war, um in die Stadt zu gelangen. Er schielte zu den Soldaten hinüber, die wie ein Heuschreckenschwarm über die Birnen herfielen. Keiner von ihnen interessierte sich mehr für ihn und er hastete durchs Stadttor, ehe sie es sich anders überlegten.

Hinter der Mauer gelangte Jonathan an den Rand eines kleinen Platzes, der nicht halb so groß war, wie der Marktplatz in Burcht. Doch gegen den Rummel der hier herrschte, war es vor dem Tor geradezu beschaulich zugegangen und Jonathan wusste sogleich, dass es das Risiko eingesperrt zu werden, in jedem Fall wert war.

Unzählige Menschen liefen kreuz und quer durcheinander, Hühner flatterten aufgeregt umher und zwei keifende Frauen zogen die Aufmerksamkeit vorübergehender Männer auf sich. Kleine Marktstände flankierten den Platz und auf einem Podest stand ein wunderlicher Kerl. Er trug Ringe durch Nase und Ohren und die Hälfte seines Kopfes hatte er sich kahlrasiert. Die Haare auf der anderen Hälfte waren dafür umso länger und zu Dutzenden, dünner Zöpfe geflochten. Er versuchte, den vorübergehenden Leuten kleine Beutel mit verschiedenen Tees anzudrehen. »Liebestränke aus dem Orient. Warzenmittel aus dem Schwarzwald. Kräutermischungen, gegen schlappe Schwänze, aus einem Land, in dem es im Winter nie hell wird und Tinkturen, die den schwarzen Tod in die Flucht trieben. Soeben aus den Kolonien Afrikas eingetroffen. Alles, selbstverständlich, nur eine Frage des Geldes«, rief er und warf den Neugierigen ein gewinnbringendes Lächeln zu.

Und unter all das mischte sich leise aber schrille Musik.

Jonathan schlenderte über den Platz und sah sich gespannt um, bis sich ihm ein schlanker, junger Mann in den Weg stellte und breit angrinste.

»Hallo der Herr, ich heiße Peter. Wie geht es dir?«

Erschrocken wich Jonathan einen Schritt zurück und drückte seinen Beutel fest an sich.

Peter lachte. »Oh, entschuldige bitte. Ich wollte dir keine Angst einjagen. Ich habe dich nur gerade zum Stadttor hereinkommen sehen und dachte mir, dass du vielleicht auf der Suche nach Arbeit bist. Die Kompanie stellt kräftige und mutige Burschen ein, die bereit sind, ihre Taschen in fernen Ländern mit Gold und Edelsteinen vollzustopfen. Und meine Aufgabe ist es, diese unerschrockenen Glücksjäger zu finden. Aber ich glaube, für einen Bauernjungen wie dich ist das nichts. Ich versuch es lieber bei jemand anderen.«

Peter schlurfte weg, doch Jonathan eilte ihm nach. »Bist du ein Seemann? Ich muss nämlich unbedingt einer werden.«

»Unbedingt?! Dann bist du bei mir an der richtigen Adresse. Ich selber bin zwar kein Seemann, aber ich bringe dich deinem Ziel ein Stück näher«, strahlte Peter glücklich. »Allerdings…« Er zögerte verlegen. »…muss auch ich von irgendetwas leben. Versteh mich nicht falsch, nur ein paar Gulden. Aber die sind hervorragend angelegt, glaub mir. Meine Dienste sind Gold wert. Frag, wen du willst. Und wenn es mit der Musterung trotzdem nicht klappt, bekommst du dein Geld selbstverständlich sofort zurück.«

Für einen winzigen, glücklichen Moment dachte Jonathan, er habe es geschafft. Jetzt ließ er seinen Kopf beschämt und enttäuscht hängen.

»Oh. Du hast kein Geld, stimmt es?«

Jonathan verzog die Mundwinkel und Peter stöhnte. »Wenn das so ist?« Er zögerte. »Wie heißt du eigentlich?«

»Jonathan van Buyten«, nuschelte Jonathan niedergeschlagen.

»In Ordnung, Jonathan van Buyten. Wie wäre es, wenn wir einen Vertrag aushandeln.« Peter kramte ein Blatt Papier und einen Federkiel, sowie ein Tintenfläschchen hervor. »Sagen wir mal, ich helfe dir, Jonathan van Buyten auf einem Schiff anzuheuern, und bekomme dafür 150 Gulden, sobald du wieder zurückkommst. Wie hört sich das an?«

»150 Gulden?« Allein die Vorstellung, so viel Geld zu besitzen, war lächerlich.

»Keine Angst, Jonathan. Von deiner Heuer und dem Gold, welches du in der Ferne findest, zahlst du es spielend zurück. Alle machen das so.« Peter öffnete das Tintenfass, tauchte seinen Federkiel hinein und schrieb. »So, fertig«, grinste er Jonathan Sekunden später auffordernd an. »Kannst du deinen Namen schreiben?«

Jonathan nickte und nahm Papier und Federkiel entgegen.

»Ganz unten, bitte. Dann ist alles geritzt und ich begleite dich zum Ostindienhaus, der Verwaltung der Kompanie hier in Enkhuizen. Dort schreibst du dich in die Musterrolle ein und wir sehen uns bei deiner Rückkehr wieder.«

Jonathan setzte die Feder an, doch jemand schlug ihm das Papier aus der Hand.

»Verschwinde hier du Seelenverkäufer, oder ich prügle die Scheiße aus dir heraus!« Der Bauer mit den Kühen, dem Jonathan den ganzen Weg bis vor die Tore der Stadt gefolgt war, stand neben ihm. Er fuchtelte mit einer Weidenrute vor Peters Nase herum und musterte ihn erzürnt.

»He, was soll das? Ich will das unterschreiben.«

»Sei still, du Wicht!«, wies der Bauer ihn zurecht. »Und du verschwindest von hier, sonst setzt es was.«

»Kümmere dich um deine Angelegenheiten«, zischte Peter. »Mach schon Junge, unterschreibe endlich.« Er hatte das Blatt aufgehoben und hielt es Jonathan unter die Nase, doch der Bauer griff Jonathans Arm und zog ihn weg.

»Als du mir nachgelaufen bist und so getan hast, als ob wir zusammengehörten, da dachte ich, du seist ein intelligenter Bursche. Aber jetzt stellt sich heraus, dass du genauso blöd bist, wie all die anderen Narren, die der Kompanie hinterherlaufen wie hilflose Welpen. Ehe du unterschreibst, geh zum Ostindienhaus und sieh dir an was dort geschieht. Nur zu, folge einfach der Musik. Oder besser noch, du fragst den da«, und er wies auf Peter, »warum er nicht selber anheuert, wenn das alles so saugeil ist und man Abenteuer erlebt und mit den Taschen voll Gold zurückkehrt.«

»Was ist jetzt, Jonathan?«, drängte Peter. »Ich habe nicht ewig Zeit. Unterschreibst du endlich oder was?«

Jonathan zögerte einen Augenblick und Peter verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen, in der Menge.

»Seelenverkäufer«, fluchte der Mann und spuckte verächtlich auf den Boden. »Was war sein Preis? 100 Gulden?«

»150.« Jonathan knirschte mit den Zähnen und sah Peter sehnsüchtig nach. Warum hatte er gezögert? Eine solche Gelegenheit bot sich ihm vermutlich nie wieder.

»Geh zur Verwaltung der Kompanie.« Der Bauer wies auf eine belebte Straße, die sich zwischen hohen Häusern verlor. »Sieh, was dir erspart geblieben ist und danke mir, wenn wir uns das nächste Mal begegnen.« Dann führte er seine Kühe über den Platz.

Jonathan sah ihm nach und schnaubte. Was mischte sich der alte Sack in seine Angelegenheiten ein? Doch alles Zetern nützte nichts. Peter war fort und er musste zur Verwaltung der Kompanie gelangen. Mit Glück würde er ihn dort erneut treffen und den Vertrag doch noch unterschreiben dürfen.

Jonathan überquerte eine Klappbrücke am Rande des Platzes. Die Musik kam aus dieser Richtung und ermutigt folgte er der Straße. Schlanke, mehrgeschossige Backsteinvillen mit verzierten Giebeln, Rundbögen und Nischen reihten sich aneinander. Jonathan sah solche Häuser zum ersten Mal und er ahnte, wie reich ihre Besitzer waren. Immer wieder blieb er stehen und bestaunte die Bauwerke und das hektische Treiben ringsum. Frauen eilten hin und her, Kinder rannten an ihm vorbei, Handwerker und Arbeiter schufteten und Kaufleute stolzierten umher. Jonathan war überwältigt. Alles war so anders als in Burcht. Größer, aufregender und schöner. Und zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er einen Funken Hoffnung. Die Entscheidung, hierher zu kommen war richtig gewesen und sobald er Peter gefunden hatte, würde sich das entstandene Durcheinander klären.

Zufrieden beschleunigte er seinen Schritt der Musik entgegen, bis ihm etwas vor die Füße spritzte und er erschrocken zurücksprang. Aus einem der oberen Fenster hatte eine Frau ihm den stinkenden, braunen Inhalt ihres Eimers achtlos vor die Füße gekippt. Angeekelt setzte Jonathan seinen Weg in der Mitte der Straße fort. Dort war er zwar gezwungen, durch Pferdemist zu stapfen, ihm fiel aber zumindest nichts auf den Kopf.

Rasch war der Zwischenfall vergessen. Das bunte Treiben zog ihn erneut in ihren Bann und verträumt ließ er sich im Strom der Leute treiben, bis ihn die nächste Beinahekatastrophe jäh in die Wirklichkeit zurückriss.

Abgelenkt von unzähligen, farbenprächtigen und laut kreischenden Vögeln, die in winzige Käfige gezwängt waren, hatte er blindlings die Straßenseite gewechselt und war vor ein Ochsengespann gelaufen.

»Mensch Junge, hast du keine Augen im Kopf?«, schrie ihn der Mann an, der neben den Rindern herging und sie im letzten Moment zum Stehen gebracht hatte.

»Doch mein Herr.« Zu Tode erschrocken sprang Jonathan aus dem Weg, direkt vor ein weiteres Fuhrwerk, das aus der entgegengesetzten Richtung kam und ebenfalls nur mit Müh und Not rechtzeitig stoppte. Unter wüsten Beschimpfungen stolperte Jonathan zur Seite und alle möglichen Leute deuteten kopfschüttelnd auf ihn. Beschämt schaute er dem zweiten Gespann nach und atmete tief durch.

Die Musik wurde allmählich lauter. Schrilles Flötenspiel und prasselnde Trommelwirbel tönten durch die Straßen. Allerdings war Jonathan nicht der Einzige, der ihr folgte. Die halbe Stadt schien auf den Beinen. Wollten die alle zur Musterung? Ihm schwante Böses. Wie vielen Leuten hatte Peter einen Vertrag angeboten? Was würde geschehen, wenn jeder Einzelne vor ihm an der Reihe war? Gab es dann überhaupt noch Platz für ihn? Jonathan wurde kribbelig zumute. Hier auf der Hauptstraße kam er nicht schnell genug voran. Die unzähligen Karren und Gespanne hielten ihn auf. Hektisch nach einem anderen Weg suchend drängelte er weiter, bis sich ihm eine Möglichkeit bot, die überlaufene Straße zu verlassen. An einer Ecke, die im Schatten zweier hoher Häuser verborgen lag, bog er in eine schmale, düstere Gasse. Die Fassaden waren dreckig und ein zotteliger Hund lag vor einem Hauseingang. Der Weg verlief zwar in die falsche Richtung, aber er war alleine und irgendwann würde er schon auf einen anderen Weg stoßen, der ihn seinem Ziel näher brachte.

An einem Torbogen, der in einen Hinterhof führte, standen drei Frauen, die sich unterhielten. Sie bemerkten Jonathan und eine von ihnen kam auf ihn zu gewatschelt. »He Süßer, darf ich dir was Gutes tun?« Demonstrativ beugte sie sich so weit zu Jonathan hinunter, dass er sich unweigerlich fragte, wie ihre gewaltigen Brüste es schafften nicht aus dem Dekolleté zu springen.

»Nein«, sagte er stockend und versuchte der Hure auszuweichen, um gleich darauf vor der zweiten zu stehen.

»Und was ist mit mir?«, fragte sie. »Überlege es dir. Einem so hübschen Knaben besorge ich es zum halben Preis.«

»Nein, vielen Dank.« Jonathan trat beiseite, doch sie versperrte ihm den Weg.

»Willst du dir das hier entgehen lassen?« Sie zwinkerte ihm zu und hob ihren Rock bis über die Oberschenkel. »Die heißesten Beine in Enkhuizen. Und wenn dir eine von uns nicht reicht, nimmst du uns eben alle gleichzeitig.«

Aus einem Häuserschatten tauchte ein kräftiger, finster dreinblickender Mann auf. Er funkelte Jonathan grimmig an.

»Nein. Nein, vielen Dank. Aber nein«, stammelte Jonathan und mit einem flüchtigen Blick auf den Mann, huschte er an den Frauen vorbei und eilte von dannen.

»Wenn es dich juckt, wir sind immer für dich da, mein Süßer«, rief ihm eine der drei nach und lachte.

Jonathan war es egal. Zwischen den hohen Häusern nahm die Musik ab und er zermarterte sich den Kopf darüber, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. An einer Hausecke wechselte er erneut die Richtung und nun hörte er die Melodie klar und deutlich. Der Trampelpfad schlängelte sich im Zickzack zwischen den Häuserreihen hindurch und bald dröhnten ihm die Flöten und Trommeln in den Ohren. Der Weg mündete in einer breit ausgebauten Straße. Überrascht blieb Jonathan stehen. Ihm gegenüber stand ein eckiges, zweistöckiges Backsteingebäude, dessen Innenhof durch einen hohen, eisernen Zaun gesichert wurde. Davor wachten Soldaten, die Musik kam von einer Kapelle, die in der Mitte des Hofes spielte.

Er hatte das Ostindienhaus gefunden. Erleichtert wagte er sich aus der Gasse. Die Straße war von prächtigen Steinhäusern flankiert, jedoch menschenleer. In den geöffneten Fenstern der oberen Stockwerke standen dafür unzählige Leute. Sie schwatzen fröhlich miteinander und einige hatten, für diese frühe Stunde, bereits eindeutig etwas zu tief ins Glas geschaut. Wie es schien, warteten sie auf irgendein Ereignis.

»He Junge, bist du verrückt? Die trampeln dich tot. Komm her, hier ist es sicher.«

In einem Haus, gegenüber der Verwaltung, stand eine Tür offen und eine stämmige Frau winkte besorgt. Sie trug die Schürze und das Kopftuch einer Hausangestellten und schien ernsthaft Angst um ihn zu haben.

Jonathan stutzte. Sie sprach eindeutig mit ihm. Doch wer würde ihn tottrampeln? Hier war kein Mensch.

»Mach schon Bursche. Gleich sind sie da. Hörst du das nicht?«

Die Frau spähte die Straße hinauf und hinab und Jonathans Nackenhaare sträubten sich. Unter die Klänge der Musiker mischte sich ein unheilverkündendes Brausen, welches von beiden Enden der Gasse herrührte und sich schnell näherte. Ohne zu zögern hielt er auf die Tür zu und huschte hinein.

»Durch den Flur und dann gleich nach oben.« Die Frau lotste Jonathan einen kurzen Korridor entlang und eine Treppe hinauf.

Im Obergeschoss angekommen, schob sie ihn in ein kleines Schlafzimmer. An einem offenen Fenster, welches zur Straße hinaus lag, lehnte ein alter Mann. Er trug ein weißes Seidenhemd und knielange Hosen. Seine Füße waren nackt doch sauber und sein langes, einst blondes, inzwischen aber größtenteils graues Haar, war zu einem strammen Zopf gebunden.

»Hier ist es sicherer als dort unten«, lachte er. »Franz Liebermann, mein Name.« Er reichte Jonathan eine Hand.

»Jonathan van Buyten.«

»Mein Herr, ich bereite das Essen vor.« Die Hausangestellte schickte sich, das Zimmer zu verlassen, doch Herr Liebermann schüttelte den Kopf.

»Sophia, wir essen jeden Tag. Musterung ist nur zweimal im Jahr. Bleiben sie hier und genießen sie das Spektakel.«

Die Frau stellte sich mit widerwilliger Miene ans Fenster und warf einen Blick hinaus. Die Straße war immer noch leer, doch das Brummen nahm stetig zu. Die Soldaten zogen sich in den Innenhof zurück und postierten sich über die Länge des ganzen Zaunes. Sie hielten mannshohe, dicke Rundhölzer in den Händen und blickten entschlossen zur Straße. Das Tor war verriegelt.

»Da! Sie kommen. Sie kommen.« Aus einem der gegenüberliegenden Häuser lehnte ein Mann weit aus dem Fenster und deutete in die Ferne.

»Los, Jonathan, sieh nach unten.«

Herr Liebermann zog Jonathan dichter ans Fenster und Jonathan beugte sich weit über die Brüstung. Vor dem Haus spielte sich sogleich das Kurioseste ab, was er jemals gesehen hatte.

Ein junger Mann in abgewetzter Kleidung, rannte barfuß die Straße entlang. Er kam schlitternd zum Stehen und rüttelte wie verrückt am Tor. »Macht auf, los!«, kreischte er, doch die Soldaten rührten sich nicht. »Ich bin der Erste. Öffnet das verfluchte Tor.«

Im nächsten Augenblick hastete ein zweiter Mann heran und gleich darauf erreichte eine Gruppe aus der entgegengesetzten Richtung das Ostindienhaus. Sie alle rüttelten am Tor und verlangten so energisch hineingelassen zu werden, als hinge ihr Leben davon ab. Immer mehr Kerle strömten herbei und im Nu drängten sich hunderte vor dem Tor. Sie stießen und schlugen aufeinander ein und jeder versuchte, so dicht wie möglich, an den Zaun zu gelangen. Viele von ihnen waren betrunken. An einem der Häuser brach eine Scheibe und die ersten Männer bluteten. Doch davon ließ sich niemand beirren. Prügel und Tritte wurden weiter gnadenlos ausgeteilt. In den Fenstern ringsum war ebenfalls der Teufel los. Die Schaulustigen grölten und lachten und stachelten die aufgebrachte Menge zusätzlich an.

»Was sind das für Leute? Was soll das?«, fragte Jonathan entsetzt über den Lärm der Musik, den Schreien der kämpfenden Männer und dem johlenden Volk hinweg.

»Heute ist Musterung«, rief Herr Liebermann und seine alten Augen leuchteten, wie die eines Kindes. »In den nächsten Tagen laufen die Schiffe der Kompanie aus. Und die armen Wichte da unten, wünschen sich nichts sehnlicher, als im letzten Augenblick noch einen Platz zu ergattern. Na, mir ist es recht. An denen werde ich mich dumm und dämlich verdienen.«

»Sind sie ein Kaufmann?«

»Was ich? Nein. Ich bin Werber. Und die Witzbolde da unten stehen bei mir, oder einem anderen Werber, unter Vertrag. Ich habe Angestellte in Amsterdam, Rotterdam, Delft und natürlich auch hier in Enkhuizen. Sie werben für mich, das heißt, für die Kompanie, Dummköpfe an, die in die Städte kommen, um Seemann zu werden. Doch ohne einen Vertrag mit einem Werber ist es unmöglich, auf einem Schiff anzumustern. He! Da ist einer meiner Angestellten. Herr Duebbelde! Sehen sie zu, dass unsere Jungs ganz vorne stehen, ja. Spornen sie sie anständig an.«

Herr Liebermann sprach mit einem Mann, der mitten im Getümmel stand und mit einem geknoteten Tauende auf die armen Gestalten eindrosch. Herr Duebbelde schaute auf und Jonathan erkannte in ihm Peter.

»Wenn sie ihren Vertrag bei mir unterschrieben haben, erhalten sie von mir eine Unterkunft Verpflegung und eine Seemannskiste. Dafür zahlen sie mir einen Teil ihrer Heuer. Das ist im Grunde alles.«

»Und wenn die angemustert haben, besteigen die dann direkt die Schiffe?«

»Oh nein! Bis zum Auslaufen nehme ich die Männer, die sich in der Musterrolle eintrugen, in meine Obhut. Nicht, dass ihnen noch etwas zustößt, bevor sich ihre sehnlichsten Träume erfüllen.«

Jonathan lehnte sich erneut aus dem Fenster. Die ersten versuchten, den Zaun hinaufzuklettern, aber die Soldaten stießen sie, mit den langen Holzstäben, wieder hinunter. Von denen, auf die Peter eindrosch, machte keiner den Eindruck, ordentlich verpflegt worden zu sein. Die meisten waren in jämmerlichem Zustand. Sie sahen aus, als hätte man ihnen seit Wochen nichts anständiges zu Essen gegeben und sie stattdessen in Kerkern gefangen gehalten. Jonathan graute es bei dem Gedanken, dass er selber beinahe ebenfalls dort unten gelandet wäre und anschließend womöglich noch in der Obhut von Herrn Liebermann.

Abrupt verstummte die Musik und für einen kurzen Moment schienen alle innezuhalten.

»Jetzt wird es spannend.« Begeistert beugte sich Herr Liebermann, an Jonathan vorbei, aus dem Fenster. »Junge sieh dir an, was geschieht. Die Musterung findet im Gebäude statt. Jetzt heißt es Daumen drücken, damit meine Leute dabei sind.«

Die Musikanten packten fluchtartig ihren Krempel zusammen und verschwanden, gemeinsam mit den meisten Soldaten, durch eine kleine Seitentür, ins Ostindienhaus. Lediglich zwei Wachen blieben draußen. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, entriegelten sie das Tor, zogen die Flügel auf und suchten dahinter Schutz. Sogleich quetschten sich die Männer in den Innenhof und rannten auf den breiten Eingang des Hauses zu. Ganz vorne stürzte einer, doch niemand nahm Rücksicht auf ihn. Jonathan verlor ihn sofort aus den Augen. Er hatte genug gesehen. »Verzeihung, Herr Liebermann. Gibt es hier womöglich einen Hinterausgang?«

»Jetzt? Der Spaß beginnt doch erst«, lachte der alte Mann.

»Ich gehe nur ungern, aber meine Mutter macht sich gewiss schon Sorgen und …«

Herr Liebermann winkte ab. »Sophia, führen sie den jungen Herrn bitte zur Hintertür hinaus«, sagte er und richtete seine Aufmerksamkeit wieder dem blutigen Geschehen auf der Straße zu.

 

Kapitel 4

Wenige Augenblicke später fand Jonathan sich auf jenem gewundenen Weg wieder, der ihn zum Ostindienhaus geführt hatte. Mit kreisenden Gedanken schlurfte er zurück.

Die Männer hätten ihn gnadenlos totgetrampelt. Doch ohne einen Vertrag mit einem Werber war es unmöglich, anzumustern. Aber stimmte das, oder hatte Herr Liebermann sich nur aufgespielt? Immerhin verdiente er sein Geld damit, Dummköpfen einen Vertrag aufzudrängen. Mit Sicherheit gab es andere Möglichkeiten, um auf einem Schiff anzuheuern. Das Beste war es direkt am Hafen zu versuchen.

Über den Trampelpfad gelangte Jonathan zurück in die Hurengasse. Um den drei Frauen und ihrem Zuhälter nicht erneut zu begegnen, lief er in die andere Richtung, bis zu ihrem Ende. Dort bog er in eine verlassene Seitenstraße ein. Ein fürchterlicher Gestank schlug ihm entgegen. Die Häuser waren heruntergekommen und nach ein paar Schritten stand er knöcheltief in einem Gemisch aus schimmeligen Abfällen und Fäkalien, die nicht allein von den Tieren stammten, die sich hier herumtrieben.

Der einzige Mensch, den er sah, war ein altes Weib. Die Frau lehnte an einer Hauswand und beobachtete ihn aufmerksam, seitdem er die Gasse betreten hatte. Beim Vorübergehen schaute Jonathan beharrlich auf den Boden. Er wollte ihr auf gar keinen Fall einen Grund geben, ihn anzusprechen. Er war sich bereits sicher, unbehelligt an ihr vorbeigekommen zu sein, als hinter ihm Schritte platschten. Nicht schon wieder. Jonathan beschleunigte seien Gang, aber auch seine Verfolgerin wurde schneller und sie kam näher.

»He, Junge, warte doch mal.«

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er fuhr herum und vor ihm stand die Frau. Sie trug ein dunkles Kopftuch, unter dem eine Strähne langes, graues Haar hervor hing, das ebenso dreckig war, wie ihr Gesicht. Ihre Kleider, bestehend aus einem verschlissenen Oberteil mit abgerissenem Spitzenbesatz am Kragen und einem geflickten Rock, der ihr bis an die Knöchel reichte, waren starr von getrockneter Kacke.

»Läufst du vor mir weg?«, fragte sie außer Atem und in einem Ton, der wohl Vertrauen erwecken sollte, auf Jonathan aber eher furchteinflößend wirkte. »Du brauchst doch keine Angst vor der alten Emmy zu haben.« Sie grinste schief und entblößte eine lückenhafte Ansammlung schwarzer Stummelzähne. »Hast du unter Umständen ein bisschen Geld für die alte Emmy?«

»Nein, tut mir leid.« Jonathans Stimme war schrill und klang nicht annähernd so entschlossen wie beabsichtigt.

»Ach, das glaube ich nicht. Was ist denn in deinem Beutel?« Neugierig griff sie nach seinen Habseligkeiten.

»Nichts.« Energisch versuchte Jonathan sich loszureißen.

»Sei mal nicht so unverschämt, kleiner.« Die Freundlichkeit war aus Emmys Stimme verschwunden. Sie krallte sich mit ihren langen, dreckigen Fingernägeln in seine Schulter und ergriff blitzschnell den Beutel.