Inhaltsverzeichnis

 

Die Geschichten (Überblick)

Countdown

Summertime Blues

Nicht mit mir, Rory!

Der Mord in der Rue Claude Chahu

Runde Fünfzehn

Violet

Auf Messers Schneide

Die Kaffee-Tanten

Rosky

Señor Suarez

Lady

Gehetzt

Der Perfektionist

Stuarts Geheimnis

Zur Sache, Schätzken!

Home Sweet Home

Anmerkung zu »Home Sweet Home«

Auflösung zu »Home Sweet Home«

Nichts

6:30

Weinerts Ende

Die Fledermäuse

Notschrei

Über den Autor

Taschenbücher / eBooks

Erweitertes Impressum

 

Die Geschichten (Überblick)

Einundzwanzig Short Stories für Zwischendurch – ob beim Warten auf den Zug oder während der Fahrt in der S-Bahn, ob zur Erholung vor anstrengenden Augenblicken oder zur Entspannung vor dem Einschlafen. Kriminal- und Mystery-Geschichten wechseln sich mit Liebesgefühlen und alltäglichen Szenen ab. Und keine Sorge - hier und da fließt kräftig Humor ein. (Die Collection »Besuch zur Nacht« ist komplett enthalten und wird ergänzt durch Stories aus »Summertime Blues in Love«, »Das Herz des Potts schlägt am Kanal« und »Dragos Blutspuren«.)

So folgen Sie mir, um einzutauchen. Wir starten …

»Countdown« - ein Einbruch in eine verlassen liegende Villa verläuft anders als geplant.

»Summertime Blues« - Tag für Tag blickt Joe von seinem Arbeitsplatz in die große Ebene Nord-Arizonas. Hitze, Eintönigkeit und Langeweile prägen sein Leben. Von hier wegkommen. Zum Beispiel nach Kalifornien – das wär’s. – Da hält ein weißer Ford Mustang …

(Diese Story war aus rechtlichen Gründen in der Erstausgabe dieser Sammlung nicht enthalten.)

»Nicht mit mir, Rory!« - Ein Road-Movie. Barbara wird zwei Tage vor der geplanten Hochzeit von ihrem Zukünftigen bitterböse enttäuscht. Jetzt reicht’s …

(Die Stories »Summertime Blues« und »Nicht mit mir, Rory!« sind miteinander verbunden. Lassen Sie sich überraschen!).

»Der Mord in der Rue Claude Chahu« schildert die Vorgänge in einer winterlichen Pariser Straße.

»Runde Fünfzehn« - Show Down beim Autorennen auf der Nordschleife. Es geht um den Sieg beim Großen Preis von 1965. David kämpft im Rennen seines Lebens.

»Violet« - Ein junger Archäologe verliebt sich im 19. Jahrhundert in eine nächtliche Schönheit. Doch die Liebe birgt geheimnisvolle Überraschungen ...

»Auf Messers Schneide« als Krimi-Variante eines Tratsches im Treppenhaus? Nein. Aber fast …

»Die Kaffee-Tanten« - führt in eine gemütliche Nachmittagsrunde, wenn nicht ...

»Rosky« - ein Kommissar begegnet einem alten Bekannten wieder.

»Señor Suarez« - Ein junger Mann aus Uruguay sucht sein Glück in Deutschland. Er bekommt eine Chance …

»Lady« - drei Studenten wollen dem Geheimnis der weißen Frau auf die Spur kommen.

»Gehetzt« - sie wird gemartert und gequält; was will er von ihr?

»Der Perfektionist« - Erhard Gärtner hat eine steile Karriere hingelegt. Knallhart. Er geht über Leichen. Jeden Tag killt er an seinem Arbeitsplatz. Da interessieren sich Fremde für ihn, ein Mann und Tage später eine Frau. Erhard kann sie nicht einordnen ...

»Stuarts Geheimnis« - 1981. Eine Jagd durch Edinburghs Unterwelt. Jeremy Lennox sucht seine Loreena.

»Zur Sache, Schätzken!« - Die Hessin Sylvia hat es aus Liebe ins nördliche Ruhrgebiet verschlagen. Sie lebt jetzt schon seit einem halben Jahr hier. Doch der Höhepunkt steht noch bevor …

»Home Sweet Home« - John bewohnt für kurze Zeit ohne seine Frau das neue Cottage; doch nachts ist noch jemand zugegen. Wer?

»NICHTS« - Die unendliche Weite des Nichts. Kommt da noch etwas? Ist schon alles da - also Nichts? Ein überraschender Erklärungsversuch ... - Ein literarisches Glanzstück. Der Spaß ist garantiert! Wir hoffen, Sie können folgen ...

»6:30« - In London fällt am frühen November-Abend ein Schuss. Eine Frau sinkt tödlich getroffen zusammen. Eine harte Nuss für Inspector Sheppard.

»Weinerts Ende« entführt ins Jahr 1835. Zur Zeit des Dichters Georg Büchner erlebt ein junges Paar seinen eigenen Alptraum. – Alles ist anders: die Art des Krimis, die Zeit und die Sprache.

»Die Fledermäuse« – Angriff auf eine Vampir-Stadt! Die Lehrerin Tippi gerät in höchste Gefahr! Vampir-Cop Sanghetti und sein Assistent Little stellen sich der Übermacht …  -

»Notschrei« - Marlis, eine Studentin aus Freiburg, fährt zu einer einsamen Hütte im Schwarzwald, um mit Michi, ihrer neuen großen Flamme, ein romantisches Adventswochenende zu verbringen. Während sie wie verabredet in der Hütte wartet und Vorbereitungen trifft, lassen Geräusche ihre Ängste steigen. Wann kommt endlich Michi?

(Diese Story war aus rechtlichen Gründen in der Erstausgabe dieser Sammlung nicht enthalten.)

Die Zusammenstellung in diesem ausgiebigen Umfang gibt es nur als eBook.

(Wer lieber ein Taschenbuch in der Hand hält, kann auf »Krimi-Reise Reloaded«, »Summertime Blues in Love«, »Dragos Blutspuren«, »Das Herz des Potts schlägt am Kanal« oder »Vandark« zurückgreifen, auf die sich die Stories verteilen.)

Countdown

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Die Nacht beschützt mit ihrer Dunkelheit.

Sonja knutscht Philipps Brust Zentimeter für Zentimeter ab, hält kurz inne und legt ihren Kopf auf seine Haut, wiegt ihn hin und her. Ihre Hand streichelt mit nur ganz leichtem Berühren Philipps Brustwarze, gleitet weiter über seine Rippen zu dem muskulösen Six-Pack. Ihr Kopf hebt sich wieder, die Küsse folgen den Fingern. Jetzt halten sich ihre Lippen von der Schweiß-bedeckten Haut fern. Die Zunge hat die Herrschaft übernommen und kitzelt die feinen Härchen rund um Philipps Bauchnabel.

»Ich weiß, dass du das magst. – Und ich sehe es.«

Ganz kurz hebt sie grinsend ihren Kopf, dass sie den erregten Ausdruck in Philipps Gesicht sehen kann. Dann macht sie weiter.

»Du wirst es genauso lieben wie ich eben dein Spielchen an mir. Versprochen.«

Philipp lächelt ganz leicht, genießt verzückt. Stück für Stück sucht ihre Zunge sich den weiteren Weg.

»Wow! – Ja-ha, das passt …!« Philipps Worte sind kaum zu vernehmen, er hört sie selbst kaum. Er schließt seine Augen, taucht ab, seine Gedanken sind vollkommen auf das Geschehen zwischen seinen Beinen fixiert.

Ein schriller Ton schreckt ihn aus seinem Genuss auf. Pokerface tönt aus seinem Handy.

»Och, nein! Auf dieses Gaga hätte ich jetzt verzichten können!«

Doch er weiß auch, dass er das Telefon jetzt nicht ignorieren darf. Das kann nur einer sein. Und das ist wichtig.

»Ja?«

»Hi, Rakete, hier Benno. Es ist soweit.«

»Ach, Scheiße! – Sofort?«

»Klar, du Schmusebacke. Ich fürchte, ich störe gerade …«

»Yep.«

»Dein Pech, Alter. – Also mach hinne! Heute ist der Tag. – Ach Quatsch - jetzt!«

»Ja, ja.«

Missmutig schaut Philipp seine Sonja an.

»Ach, Sonnie, du weißt …«

»Ist schon okay, Rakete, mach dich auf. Ich weiß ja … Wir … wir können ja später weitermachen.«

Sie zwinkert mit einem Auge, robbt über seine Brust hoch zu ihm und drückt ihm einen langen Kuss auf.

»Hey, Alter, bist du noch dran?«

Philipp hört leise, wie sein Kumpel am anderen Ende in die Verbindung brüllt. Er führt das krächzende Handy wieder ans Ohr.

»Schon gut, Macker, bin auf dem Weg. – Ja, und ich weiß, ich hole das Gerödel aus dem Schuppen. Bis gleich.«

Während er sich ankleidet, streift Sonja schnell ihr Negligé über, lehnt sich an den Türrahmen und schaut ihm verträumt lächelnd zu.

»Und bitte, Rakete, pass auf dich auf!«

»Mach ich, Schatz.«

Wenige Handgriffe später zieht Philipp die Wohnungstür auf, wirft ihr noch ein schnelles »Ich liebe dich« zu und verschwindet durch das Treppenhaus hinunter.

In seinem Auto steuert er die einige Kilometer entfernt liegende Hinterhof-Garage an. Die letzten Meter rollt er mit ausgeschalteter Fahrzeug-Beleuchtung. Niemand soll ihn unnötig wahrnehmen – ihn nicht, das Auto nicht und nicht das Kennzeichen. Besser ist besser. Fünf Minuten später liegt das Werkzeug im Kofferraum. Den Weg zum Zielobjekt kennt er genau. Benno und er sind oft genug in den letzten Wochen dort gewesen und haben das Haus aus schützender Entfernung beobachtet. Seit zwei Wochen nur noch Benno. Einer reicht. Offenbar ist heute die richtige Gelegenheit. Benno weiß, worauf es ankommt. Vor allem darauf, dass niemand im Haus ist. Heute oder nie?

 

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Nur wenig Straßenbeleuchtung kämpft gegen die Dunkelheit an.

Philipp weiß, dass er nicht mehr als zwanzig Minuten bis zum Ziel benötigen wird. Zusammen mit Anziehen und Garagen-Umweg in die entgegengesetzte Richtung werden also fünfunddreißig bis vierzig Minuten zwischen Anruf und Eintreffen vergangen sein werden – das passt. Das entspricht dem Wert, den Benno und er vorher errechnet haben.

Benno. Dufter Kumpel. Vielleicht hätte sich Philipp ohne seinen Freund und Tresor-Spezialist schon aus dem Geschäft zurückgezogen. Leisten kann er es sich. Die zwei Jahre hat er auf einer Arschbacke abgesessen. Das war es wert. Die Beute werden die nie finden. Seinen Schatz. Und ohne die zwei Jahre hätte er auch seinen anderen Schatz nie gefunden – Sonja. Aus ihrer Eingliederungshilfe als Sozialhelferin nach seiner Haft wurde schnell mehr. Warum zieht er sich nicht aus dem Geschäft zurück? Er hat jetzt alles. Philipp kann sich nur eine einzige Antwort geben: Weil es Spaß macht!

Rothschild-Allee. Gleich ist er am Ziel. Philipp parkt den Wagen so, dass er nach dem Bruch schnell und ohne Behinderung davon fahren kann. Benno erwartet ihn schon am Straßenrand.

»Hi, Rakete! Läuft perfekt. Keiner da.«

»Super, Benno.«

Sie schnappen sich das Werkzeug aus dem Kofferraum. Der Kies auf dem Weg zu der Villa knirscht unter den Schritten. Philipp weicht auf den Rasen aus.

»Hey, Benno!«

»Lass mal, Rakete, da ist wirklich keiner. Aber wenn du meinst.«

Auch Benno läuft auf dem Grün weiter. Philipp lauscht angestrengt. Doch außer dem Wind in den Bäumen und dem Verkehrslärm der einen halben Kilometer entfernt liegenden Bundesstraße kann er nichts wahrnehmen – vor allem nichts Verdächtiges.

Weder Sterne noch Mond sind am Himmel zu sehen. Die Wolkendecke schirmt die Szenerie wie bestellt ab. Das Zentrum der Stadt mit seinem Lichtermeer ist zu weit weg, als dass der Lichtschein die Atmosphäre auffallend erhellt. Die nahestehenden Bäume leisten ihren willkommenen Beitrag. In tiefer Dunkelheit schleichen die beiden Männer zur Rückseite des Hauses.

»Hier, Rakete!«

Benno zeigt auf das Fenster neben der Terrassentür.

»Nicht die Tür! Die ist, soweit ich weiß, besonders gesichert.«

Philipp setzt das Brecheisen an, ein kurzer Ruck, fertig. In wenigen Sekunden sind die Männer durch das Fenster gestiegen. Benno schaltet die Taschenlampe an. Der komprimierte Lichtkegel tastet den Boden und die Wände ab. Ölgemälde mit alten Motiven, Wappen, Ritter-Ausrüstungen, Säbel und Schwerter.

»Willkommen im Mittelalter!«, flüstert Benno.

»Du sagst es. – Und jetzt?«

»Erster Stock. Da steht der Panzerschrank.«

»Okay.«

Trotz aller Überzeugung allein zu sein schleichen beide auf Zehenspitzen vorsichtig durch den angrenzenden Flur. Die Luft riecht feucht und moderig, als hätten hier schon lange keine Bewohner gelebt. Muffig. Aber hier leben Leute, die hoffentlich heute wirklich nicht hier sind. Im begrenzten Lichtschein sehen sie die Treppe vor sich.

Ein deutliches Knarren aus dem Stockwerk über ihnen lässt Philipp zusammenfahren.

»Ey, Alter, du sagtest doch, wir wären allein.« Er wagt kaum, die Stimme über ein Hauchen hinaus zu erheben.

»Keine Ahnung, Rakete«, flüstert sein Freund zurück. »Ich war mir sicher, dass hier niemand ist.«

Gefühlvoll setzen sie Fuß nach Fuß auf den Holzstiegen. Ein Knarren. Verdammt, der eigene Schritt war’s. Philipp spürt Benno direkt hinter sich. Stufe um Stufe nach oben, jede Sekunde hochkonzentriert. Was melden die Ohren? Benno knallt mit dem Kopf gegen Philipps Rücken.

»Pass auf!«

»Lass gehen, Rakete! Wir werden es herausfinden, ob jemand da ist.«

Ihre Ohren können nichts außer ihrem eigenen Flüstern vernehmen..

»Vorn das zweite Zimmer links«, raunt Benno, als sie oben angekommen sind und sich in dem Flur im ersten Stock nach rechts wenden.

Philipp leuchtet den Korridor in diese Richtung aus. Er kann die zweite Tür klar erkennen. Es sind nur wenige Meter, fünf oder sechs.

Ein Poltern. - Irgendwo aus einem der Zimmer direkt vor ihnen. Aus dem dritten oder vierten Zimmer? Langsam tastet Philipp sich vorwärts. Sein Puls steigt. Ganz so hatte er sich den heutigen Einsatz nicht vorgestellt.

Ein lautes Krachen direkt neben ihm!

»Rakete, pass auf!«

Philipp hört Bennos Warnung zu spät. Ein heftiger Schlag auf seinen Schädel raubt ihm das Bewusstsein. Das Letzte, das er noch wahrnimmt, ist das Wegrollen seiner Taschenlampe, die ihm im Augenblick der Attacke aus der Hand geglitten ist.

 

 

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Nach dem Aufwachen ist Philipp noch immer benommen. Der kleine Lichtkegel der Taschenlampe, die direkt mit dem Glas vor der Wand liegt, ist das Einzige, das er in der Dunkelheit wahrnehmen kann.

Er schüttelt den Kopf, als könne er mit einer solchen heftigen Bewegung seine Verwirrung abwerfen wie ein Hund das Wasser. Auf allen Vieren krabbelt er vorwärts, bis er die Taschenlampe greifen kann. Er leuchtet umher. Der Korridor zeigt sich genau so wie vor der Attacke. Dort ist das Zimmer, in dem der Tresor stehen soll. Philipp steht auf, wendet sich um. Der Lichtkegel wandert über den Fußboden an dem langen Teppich entlang zum rückwärtigen Ende des Korridors.

Philipp erstarrt. Benno! Er sieht seinen Freund am Ende des Korridors, durchbohrt von einem Schwert. Als ob die Spitze der Waffe an Bennos Rücken ausgetreten sei, in der Wand hinter ihm stecke und so den leblosen Körper des Mannes in der Aufrechten halte.

»Benno!«

Philipp stürzt vor und will die sieben, acht Meter zum Freund spurten. Ein Schuss peitscht über ihn hinweg und schlägt in einen der Deckenbalken ein. Philipp konnte das Mündungsfeuer sehen – direkt aus der Türöffnung neben Benno. Was ist hier los?

Er wirft sich zu Boden, begreift aber sofort, dass er sich damit in die hilfloseste Position bringt, die gerade jetzt möglich ist. Hastig springt er wieder auf und flüchtet zurück. Eine zweite Kugel donnert ins Gebälk.

Philipp stürzt in den Raum, der ihm als einziger irgendetwas Bekanntes zu bieten scheint – die zweite Tür links. Er knallt die Tür zu.

Einmal tief durchatmen, noch einmal. Für einen winzigen Moment Pause. Sein Puls rast.

Wenigstens hat er die Taschenlampe in der Hand festgehalten. Doch er ist ohne jegliche echte Waffe. Was würde ihm jetzt auch das Brecheisen nutzen, das im Erdgeschoss neben dem Fenster liegt?

Er atmet tief und schwer. Was kann ich tun? Aus dem Fenster? Er stürzt hinüber und blickt hinaus. Kein Balkon. Vier oder fünf Meter Höhe. Das könnte gehen. Wobei ein solcher Sprung in der Dunkelheit ein erhöhtes Risiko birgt. Wenn er den Boden nicht klar erkennen kann, wird er das Abroll-Manöver zum vielleicht unpassenden Zeitpunkt einleiten und sich Arm oder Bein brechen. Ganz schön riskant. – Aber nicht zu vermeiden.

Es poltert im Korridor. Philipp öffnet das Fenster.

Ein Schrei aus dem Hausinnern! Laut und schrill! Eine Frau!

Philipp zuckt zusammen. Seine Nackenhaare sträuben sich. Wie eine Welle rast das Frösteln vom Nacken über den Rücken nach unten.

Philipp hat den Schrei erkannt. Er ist sich sicher.

Sonja!

Er wendet sich um und rennt zur Tür.

»Nein! Nicht! Tun Sie mir nichts!«

Was passiert da mit ihr? Philipp umklammert die Taschenlampe noch fester und ballt die andere Faust. Er spürt den inneren Druck, seine Wut staut sich auf. Er presst die Zähne aufeinander. Sein Oberkörper zittert. Im Schein der Lampe sucht er die Wände des Zimmers ab. Vielleicht finden sich hier ähnliche Requisiten wie unten. Bilder – ja. Waffen – nein. Und jetzt?

Er wird da hinaus stürmen. Egal, wie bewaffnet. Er muss sie finden. Sie ist es! Hundertprozentig!

Rakete reißt die Tür auf.

 

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Der Korridor gleicht einer dunklen Höhle. Nein, keiner Höhle. Der Hölle!

»Hilfe! Ah!«

Rakete hört die Stimme und gleichzeitig lautes Poltern. Das kommt von links. Zu seiner Rechten, irgendwo am anderen Ende des Flures im Dunkeln, hängt sein toter Freund. Links, in einem der drei Zimmer, passiert gerade etwas Schreckliches mit Sonja.

Was geht hier vor? Wer ist das? Und wie haben sie Sonja hergeschafft? Was geschieht mit ihr? Ja, die Zeit zwischen seinem Abschied von Sonja und seiner Ankunft hier hätte für wen auch immer gereicht, sie herzuschaffen. Oder während seiner Bewusstlosigkeit. Wie lang hat die gedauert?

»Ah!«

Der schmerzerfüllte Schrei der Frau stachelt Philipps Wut an. Er schaut hinaus in den Gang. Stockfinster. Seinen Freund am anderen Ende kann er nicht erkennen. Er kann ihm jetzt auch nicht helfen. Er will auch nicht noch einmal in das Mündungsfeuer rennen. Jetzt zählt nur eines: Sonja!

Philipp weiß nicht, mit wem oder womit er es zu tun hat. Einer oder mehrere? Es ist ihm für den Augenblick komplett egal.

Er stürzt den Gang entlang. An der ersten Tür lauscht er. Nichts zu hören. In der Dunkelheit ertastet er zufällig einen Lichtschalter. Licht! – Aber das wäre jetzt hier im Korridor keine brillante Idee. Er steht ungeschützt mitten im Flur und würde ein perfektes Ziel abgeben. Nein. Nicht hier. Aber sobald er in das richtige Zimmer stürmt, dann sollte er sofort den innenliegenden Lichtschalter betätigen. Wo sitzen die Schalter in den Zimmern?

Philipp will es darauf ankommen lassen - hier beim ersten Zimmer. Er stößt die Tür auf und tastet sofort die Innenwand ab. Bingo! Der Schalter! Hoffentlich ist das Überraschungsmoment auf seiner Seite.

Verdammt! Er betätigt den Schalter noch einmal. Nichts. Die Birne? Er will es jetzt wissen und riskiert das Licht im Flur. Nichts. Hier sind keine Glühbirnen kaputt – hier ist der Strom abgeschaltet.

Bleibt nur die Taschenlampe.

Sein Herz rast. Trotz der Kühle spürt er den Schweiß auf seiner Stirn. Sein Atem faucht.

Der Lichtkegel fällt in den Raum. Links. Rechts. Nichts. Leer.

Philipp atmet schwer aus.

Langsam, die Füße vorsichtig setzend, nähert er sich der nächsten Tür. Ein leises, kurzes Poltern aus dem Innern verrät ihm, dass es hier sein muss. Nur dieser Raum kommt in Frage. Nervös reibt er die Finger seiner linken Hand aneinander. Er will den Überraschungseffekt für sich nutzen. Jetzt gilt’s!

Blitzschnell drückt er die Klinke und stößt die Tür auf.

Er stürmt hinein. Doch statt mit seiner Taschenlampe sein Sichtfeld zu erleuchten, blenden ihn im nächsten Augenblick grelle Strahler. Verflucht! Von wegen »kein Strom«. Als wäre er gegen eine Wand gelaufen, stockt er in seiner Bewegung. Er presst die Augenlider zusammen.

»Rakete!« Sonjas hoffnungsvoller Aufschrei lässt ihn für den Bruchteil einer Sekunde glauben, dass mit ihr alles okay ist. Doch eine verzerrte, extrem nasal klingende Männerstimme reißt seine Hoffnungen in die Realität zurück:

»Ah – der Herr Rakete! Willkommen!«

Philipp kennt ihn nicht. Eine so sehr elektronisch verfremdete Stimme kann er niemandem zuordnen.

»Bleiben Sie stehen, wo sie sind, lieber Herr Rakete! Keine falsche Bewegung!«

Philipp wagt nicht, sich zu regen. Er öffnet seine Augen wieder, doch er erkennt nichts. Das gleißende Licht lähmt ihn zur Hilflosigkeit.

Verzweifelte Hilflosigkeit.

 

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Hinter dem grellen Licht beginnt die Dunkelheit.

Langsam, Netzhaut-Zelle für Netzhaut-Zelle akzeptiert Philipps Nervensystem die Strahlen. Erste Konturen abseits der Leuchten werden erkennbar. Rakete sieht die Teleskop-Ständer mit ihren spinnenartig aufgespreizten Füßen, die wie spindeldürre Körper die Köpfe aus Licht empor recken. Der Fußboden gewinnt Kontur. Rechts taucht ein Stuhl aus dem indifferenten Dunkel auf. Beine eines Menschen. Nackte Beine. Frauenbeine. Das Negligé! Sonja! Rakete erkennt es sofort, als die Strahlen die Umrisse der Frau nicht mehr verbergen können.

»Alles okay, Sonnie?« Philipps Stimme zittert.

»Ich … ich weiß nicht. Was passiert hier?«

»Hat er dir was angetan, das Schwein?«

»Ich …«

»Aber, aber, Herr Rakete. Warum sollte ich ihr etwas antun?«

Sonja und Stuhl bilden eine erzwungene Einheit. Sie ist an die Lehne gefesselt, zweifellos. Philipp möchte dem Maskierten in seinem schwarzen Umhang hinter den Strahlern die Taschenlampe entgegen schleudern, aber er erkennt die Aussichtslosigkeit einer solchen Aktion. Hilflos.

Jetzt erkennt er die auf ihn gerichtete Knarre in der Hand des Mannes.

»Lieber Herr Rakete, ich bin ein gutmütiger Mensch.«

»Ha, das sehe ich! – Was wollen Sie?«

»Ihre Beute, mein Lieber. In einem kleinen Tausch.« Bei diesen Worten richtet der Schwarze die Waffe auf Sonja. »Sie bekommen, was ich hier habe. Und ich das rein Materielle.«

Verdammt! Darum geht es also. Philipps Beute aus dem großen Coup. Rakete blickt in Sonjas angsterfüllte Augen. Sie ist es allemal wert. Philipp beißt sich auf die Lippe. Soll er? Was ist danach? Seine Hoffnung sinkt. Er ist sich sicher – sobald er geplaudert hat, wird er nicht Sonja erhalten, sondern eine Kugel. Und Sonja die nächste. Verdammt! Was tun? Warum sollte der Typ anders dealen?

Rakete lässt seinen Blick schweifen, ohne den Kopf zu bewegen. Zu seiner Rechten an der Wand entdeckt er zwei gekreuzte Säbel. Ist auch hier eine kleine Waffenkammer? Egal. Ein einziger Säbel würde reichen. Aber die Entfernung ist zu groß. Bevor er eine der Waffen in der Hand hätte, würde der Typ ihn abknallen. So also nicht.

Sonja blickt Philipp flehentlich an. Vielleicht so? Rakete schaut auf sie, dann auf die Knarre, wieder zurück auf Sonja. Kurz und schnell hebt er Augenlider und lässt sie wieder fallen. Das Funkeln in Sonjas Augen zeigt, dass sie verstanden hat.

»Sie sind ein Scheißkerl!« Philipp brüllt laut, hebt die Taschenlampe und überrascht den anderen damit tatsächlich. Der starrt Rakete an. In diesem Augenblick tritt Sonja im erzwungenen Sitzen mit ihrem rechten Bein kräftig gegen die Hand des Schwarzen. Dieser kann die Waffe nicht mehr halten. In hohem Bogen fliegt sie in Philipps Ecke. Rakete greift blitzschnell nach der Waffe, zielt und schießt. Der Schwarze sinkt getroffen zu Boden.

»Rakete!« Sonjas Erlösungsschrei verkümmert noch während des Ausrufs in ein Schluchzen. Die Anspannung bricht aus ihr heraus. »Rakete!«

Philipp löst ihre Fesseln, kniet sich vor sie und nimmt sie in seine Arme.

»Rakete! Was soll das? Was geht hier ab?«

Philipp spürt ihr Zittern. Sie klammert sich an ihn.

»Schon gut, Sonnie! Er wollte etwas von mir, was er aber nicht bekommt. Niemand wird das je finden. Das Grab der Schultkottes ist ein sicherer Platz.«

»Ein Grab? …«

»Schon gut, Sonnie. Es soll dich nicht beunruhigen.«

Er steht auf und hilft ihr, sich zu erheben. Sie blicken auf den Toten am Boden. Philipp nimmt Sonja wieder in den Arm und schaut ihr in die Augen.

»Aber aus mir presst niemand das Geheimnis jemals heraus. Falls mir doch einmal etwas zustoßen sollte, dann halte dich an den Grabstein. Der sieht nicht nur aus wie eine kleine Kapelle, sondern er ist tatsächlich hohl. Die Rückseite lässt sich öffnen – für jemanden, der das nicht weiß, absolut nicht zu erahnen.«

»Ein Grab?«

»Die Gruft der Schultkottes – es gibt den Namen nur einmal auf dem Friedhof.«

»Perfekt, Herr Rakete, perfekt!«

Die verzerrte Stimme tönte aus der Ecke hinter ihm. Philipp drehte sich erschrocken um. Er blickte in die Mündung einer Pistole.

»Und diese hier ist nicht mit Platzpatronen geladen wie die andere von eben. Ich wusste, Sie würden lieber sterben, als mir etwas sagen. – Pech für Sie!«

Philipp drückt Sonja fester an sich. Er versucht, stark zu sein. Doch er spürt, wie er leicht in sich zusammensackt. Seine Knie fühlen sich weicher an als noch wenige Sekunden zuvor.

 

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Der Schwarze wirkt wie eins mit der Dunkelheit.

Philipp martert sein Hirn. Was tun?

Der Säbel! Von hier aus, direkt an der Wand, kann es gehen. Und Sonja? Es muss eine Aktion sein, die ihm den Säbel verschafft, den Schwarzen für einen Augenblick verblüfft und Sonja aus der Gefahrenzone bringt.

Rakete macht seinem Namen alle Ehre und schleudert Sonja mit voller Wucht zur Seite in Richtung des Stuhls. Aus derselben Bewegung heraus dreht er sich an der Wand entlang und greift den oberen Säbel, rotiert weiter und katapultiert die Waffe mit der Spitze voran dem Schwarzen entgegen. Sonjas erschreckter Aufschrei erfüllt den Raum. Noch bevor der Schwarze einen Schuss abfeuern kann, trifft der blanke Stahl ihn mitten in die Brust. Leblos sackt er zusammen.

Philipp springt hinüber zu ihm, reißt ihm die Maske vom Kopf.

»Benno!«

Sein bester Freund liegt da. Das Kabel des Mikrofons an seinem Mund läuft unter seinen Umhang. Philipp kniet nieder und öffnet die Kleidung an der Brust. Eine Requisitenweste mit dem abgebrochenen Rest eines Kunststoff-Schwertes kommt zum Vorschein. Ein Lautsprecher ist neben dem Schwertrest befestigt.

»Benno! Ich …«

Rakete bricht seinen Satz ab. Er hört Sonjas Schluchzen. Er steht auf und will sie in die Arme nehmen. Er sieht ihre Tränen und will gerade sagen, dass doch alles vorbei ist.

Da hebt sie ihre Hand und richtet die Pistolenmündung auf ihn.

»Danke, Honey, dass du mir Benno abgenommen hast …«

Rakete sieht, wie sich ihr Finger am Abzug langsam krümmt.

 

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Die Dunkelheit ist tiefer als die aller Nächte.

 


ENDE

Summertime Blues

Joe Dalessandro schließt die Tür zum Verkaufsraum der Tankstelle wieder auf. Eigentlich hätte er die ganze Zeit in der Station sein müssen, aber diese zehn Minuten für einen kurzen Mittagsgang waren sicherlich in Ordnung. Wäre schon ein komischer Zufall, wenn genau in dieser Zeit Kundschaft gekommen wäre. Er könnte wohl eine Stunde fortbleiben, ohne dass er jemanden verpassen würde.

Er holt seine Wasserflasche hinter der Kasse hervor, geht wieder hinaus und greift sich einen der beiden vor dem Fenster stehenden Holzsessel, um sich hineinfallen zu lassen. Die Beine ausgestreckt, lässt er seinen Blick geradeaus nach Süden schweifen. Wie immer. Das also ist sein Land. Seine Heimat. So langweilig wie flach. Zum Kotzen. Sein Blick sucht den Horizont ab, ob er die Höhen Zentral-Arizonas erkennen kann. Na ja, wirklich viel höher als hier ist es dort auch nicht; aber auf jeden Fall nicht so topfeben. Sein Blick wandert vom Horizont wieder in gerader Linie über die eintönige Ebene zurück, bis er zuerst auf die Bahnlinie und dann auf die Interstate 40 trifft, die nur wenige hundert Meter von ihm entfernt verläuft. Dort rauscht die Welt an ihm vorbei, von links nach rechts, von Albuquerque kommend in Richtung Flagstaff und weiter nach Kalifornien. Oder eben in die andere Richtung.

Warum es seine Eltern ausgerechnet hierher nach Joseph City verschlagen hatte? Joe weiß es nicht. Jedenfalls eine nette Namensgleichheit. Na ja, der Ortsname hat wohl wenig damit zu tun, dass er selbst auch Joseph heißt; zum Zeitpunkt seiner Geburt wohnten seine Eltern noch irgendwo weiter im Osten. Sein italo-stämmiger Vater, den er nie wirklich kennengelernt hatte, hatte bei der Namenswahl wohl eher an den namensgleichen Schauspieler gedacht, der damals seine ersten Erfolge gefeiert hatte. Wie dem auch sei – er heißt Joseph und wohnt bei seiner Mutter in Joseph City, AZ.

Sein Äußeres, vor allem das fein geschnittene, schwarze Haar und sein von Natur aus dunkler Teint, verrät seine italienischen Wurzeln. Doch mit Italien oder irgendeiner anderen Gegend als Arizona hat er bisher wenig Erfahrung. Seine Kindheit und Jugend hat er hier in diesem Nest verbracht. Fahrten ins nahegelegene Holbrook gehörten schon zu den besonderen Ereignissen. Und Wochenendtrips nach Show Low im Süden oder Phoenix im Herzen Arizonas zählten als ausgiebige Urlaubsreisen.

Joe will mit seinen 25 Jahren hier raus. Raus aus dieser Hitze. Andere Gegenden und andere Menschen kennenlernen. Die bekannten Gesichter in diesem 1500-Seelen-Nest gehen ihm auf den Keks. Ja, vor fünf oder sechs Jahren war das noch anders. Er traf sich mit Kumpels am Freitag oder Samstag zum örtlichen Tanz im Nebensaal eines der beiden Restaurants. Sie hatten ihre gemeinsamen groben Späße oder baggerten die Ortsschönheiten an. Mittlerweile ist das jedoch alles im Sand verlaufen. Die damaligen Ortsschönheiten sind in festen Händen, fast alle bereits mit Trauschein. So ist das auf dem flachen Land. Und ob sie heute noch als Schönheiten gelten konnten – diese Frage drängt sich ihm schon lange auf. Er will nicht nur hier raus, er will auch eine Frau, die er liebt und die ihn liebt.

Mann, das wär’s! Hier heraus, und das mit einer wirklichen Schönheit!

Aus dem Lautsprecher der Musikanlage im Innern der Tankstelle tönt die Stimme Eddie Cochrans durch das Fliegengitter der Tür herüber. »Well my mum and papa told me son you gotta make some money …« Geld verdienen. Yep, das ist schon ganz okay so. Er liegt seiner Mutter nicht mehr auf der Tasche. Und Mister Resnik, der Besitzer der Tanke, war froh, jemanden für diesen eintönigen Job gefunden zu haben. »… but there ain’t no cure for the Summertime Blues.«

Joe steht eigentlich mehr auf Hard Rock oder aktuellen Country Rock, aber Mr. Resnik meinte, dass Oldies bei Kunden besser ankämen, vor allem bei den die Route 66 suchenden Touristen. Die richtigen Klänge förderten den Verkauf von irgendwelchen Souvenirs im Verkaufsraum. Hard Rock treibt die Kunden nach dem Bezahlen der Tankfüllung nur hinaus. Joe hatte das eingesehen. Diese Oldie-CD aus dem Schrank seiner Mutter hatte auch sein Gefallen gefunden. Und so läuft diese Scheibe sehr oft hier draußen. Oftmals so wie jetzt im Dauer-Replay-Modus.

Seit mehr als zwei Jahren hat Joe den Job nun. Langweilig einerseits, aber andererseits für ihn eine der wenigen Möglichkeiten, auf eine im wahrsten Sinne des Wortes vorbeikommende Chance zu warten, hier wegzukommen. Oder auch nur vorbeifahrenden Träumen nachzuhängen.

Zwar sitzt Joe gerade im Schatten des Vordaches, aber die Schweißperlen in seinem Gesicht sammeln sich reichlich zu Tropfen und rollen über Wangen und Kinn hinunter. Es ist brütend heiß. Wie fast jeden Tag im Sommer. Ja, im Winter hatten sie sogar Schnee. Aber jetzt? Pure Sauna. Joe steht auf und betritt wieder den klimatisierten Verkaufsraum. Die Klimaanlage in der Wand weist bereits eine deutliche Eisschicht auf. Da ist dringende Wartung nötig. Aber nicht jetzt, denkt Joe. Im leichten Luftstrom der Anlage breitet er seine Arme aus und genießt die Kühlung. Wie schon so oft betrachtet Joe die Auslage. Sicher kein Vergleich zur großen Konkurrenz ein paar Meilen weiter westlich, der Jack Rabbit Trading Post, aber es wirft genug ab, um ihn zu bezahlen, und es bleibt genug für Mr. Resnik übrig. Sonst würde der es ja wohl nicht machen.

Die Beach Boys trällern ihr »California Girls«. Die Musik lenkt seinen Blick zum Fenster hinaus nach Westen, dem Highway folgend. Auf nach Kalifornien mit einem California Girl! Er weiß nicht, wie oft er diesen Wunsch schon stumm hinausgeschrien hat. Tagein, tagaus. Bloß raus hier! Er schließt die Augen und döst eine Zeitlang vor sich hin. Die Musik wechselt. Zu Otis Reddings »Dock of the Bay« lässt er sich weit hinwegtragen und träumt sich an den Pazifischen Ozean.

Ein Motorengeräusch schreckt ihn auf. Kundschaft. Ein weißer Ford Mustang neueren Baujahrs mit abgedunkelten Scheiben hält an der Zapfsäule. Die Fahrerin steigt aus und schaut sich um.

Wow! Der erste Anblick verschlägt Joe die Sprache. Langes, gelocktes, blondes Haar schwingt leicht im Wind. Die Augen der Dame sind von einer Sonnenbrille mit weißem Rahmen verdeckt. Und das leuchtend blaue Kleid mit weißen Punkten perfektioniert in Joes Augen die Erscheinung. Mehr kann er noch nicht sehen. Die Dame steht ja noch auf der anderen Fahrzeugseite. Und er selbst glücklicherweise noch im Verkaufsraum, so dass die Frau seine runterhängende Kinnlade nicht sehen kann. Sie hat ihn durch das Fenster sicher noch gar nicht entdeckt.

Joe sammelt sich und tritt hinaus.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Ma’am? Ich bin Joe und für Sie da.« Sein Standardspruch kommt wie immer laut und sicher.

»Oh ja. Bitte volltanken. Und Wasser für die Windschutzscheibe nachfüllen, bitte.«

Joes gerade wiedergewonnene Sicherheit ist jedoch sofort wie weggeblasen. Er ist um den Ford herumgegangen und sieht die junge Frau nun in ihrer ganzen Schönheit. Wie angewurzelt steht er da. Das blaue Kleid mit den Punkten fällt schön glockenförmig nach unten bis auf Kniehöhe und endet mit einer leicht hervorlugenden weißen Spitze, als wäre unter dem Kleid ein dezenter Petticoat. Die schlanken Beine fußen in roten Schuhen mit erhöhtem Absatz – keine High Heels, aber hoch genug, um den Beinen und damit dem ganzen schlanken Körper den grazilen i-Punkt aufzusetzen. Joe scheint sämtliche Härchen seines Körpers bis in die Spitzen zu spüren. Trotz der Hitze lässt ihn ein Frösteln im Nacken erzittern.

»Joe?«

»Ja, Ma’am. Bin schon dabei.«

Während des Tankens folgt Joes Blick der Frau, wie sie sich vom Ford entfernt, um mit federleicht wippenden Schritten den kühlenden Schatten im Türbereich zu suchen. Eine kleine Umhängetasche in Farbe der Schuhe baumelt von ihrer linken Schulter schräg über den Oberkörper auf die rechte Taille herunter. Wie alt mag die Frau sein? Joe schätzt sie auf gleichaltrig, vielleicht ein Jahr älter, vielleicht ein Jahr jünger. Sein Blick springt von den Haaren zu den Beinen, zurück zu den Haaren, dann zum Gesicht. Wenn sie doch mal die Brille abnähme! Das Klacken der Zapfpistole reißt ihn aus der Beobachtung. Er hängt ein und verschließt den Tank. Nach dem Öffnen der Fahrertür findet er zielsicher den Öffnungszug für die Motorhaube. Während er aus einer der bereitstehenden Kannen Wasser nachfüllt, lassen seine Augen nicht von der Schönheit ab; unter der geöffneten Motorhaube hindurch folgen sie jeder ihrer Bewegungen. Ein letzter routinemäßiger Blick auf den Stand der Kühlflüssigkeit. Alles okay. Joe lässt die Motorhaube ins Schloss fallen.

»Ich zahle in bar.«

Joe nickt und hält ihr die Eingangstür auf.

»Nicht viel los hier, wie?«

»Nein, Ma’am. Kann man wirklich nicht sagen.«

Er kann seinen Blick nicht von ihrem Gesicht abwenden. Jetzt, im Innern der Tankstelle, nimmt sie endlich die Brille ab. Joe durchzuckt es wie ein Blitz. Diese blauen Augen! Und keinesfalls ein kaltes oder stechendes Blau, wie man es häufig empfindet. Nein, das sind die anmutigsten blauen Augen, die er in seinem Leben gesehen hat. Die junge Frau bemerkt Joes Aufwallung. Ihr Blick wird unsicher, um im nächsten Moment aber seine Signale zu erwidern. Ihre Augen bleiben für mehr als eine Sekunde wie gefesselt auf seine Augen fixiert. Joe entgeht nicht die Gänsehaut an ihren unbedeckten Armen.

»Der Rest ist für Sie.« Ihr gefesselter Blick löst sich in ihrem Gesicht in ein offensichtlich zufriedenes Lächeln auf.

»Danke, Ma’am.« Er nimmt die Scheine. Dabei berühren seine Finger die ihren für mehr als nur einen Moment. Er atmet tief und für die Frau durchaus hörbar durch.

»Ich denke, ich trinke noch eine Cola. Ich kann doch noch eine längere Pause gebrauchen. Trinken Sie eine mit, Joe?«

»Gern, Ma’am. Nichts lieber als das.«

Sie wirft einige Quarter in den Automaten und zieht zwei eisgekühlte Dosen.

»Da draußen?«

»Klar.« Joe hält ihr die Türe auf, und sie setzen sich dicht nebeneinander in die Holzsessel. Wortlos schauen sie in die Ebene. Jeder nippt an seiner Dose, keiner traut sich, das erste Wort zu sagen. Nach gefühlten drei Minuten bricht die junge Frau das Schweigen.

»Ist es hier im Sommer immer so heiß?«

»Yep.«

Sie dreht ihren Kopf nach links und blickt ihn vorsichtig an.

»Und immer so eintönig?«

Joe nickt. »Yep.« Er traut sich nicht, ihren Blick zu erwidern. Stattdessen starrt er auf das obenliegende Knie ihrer übereinandergeschlagenen Beine. Er verspürt den Drang, seine rechte Hand auf dieses Knie zu legen, was er sich allerdings nie trauen würde. Mein Gott, welch ein hübsches Knie!

Plötzlich fühlt er die leichte Berührung an seinem muskulösen Oberarm, die ihr linker Arm auslöst. Er spürt wieder dieses Frösteln im Nacken. Und den pochenden Herzschlag in seinem Hals. Er braucht noch einige Augenblicke, dann überwindet er sich.

»Sie sind aus Kalifornien?« Eigentlich keine wirkliche Frage, denn auf dem Autokennzeichen ist deutlich in roter Schrift »California« zu lesen.

»Ja, aus L.A.«

Joe schiebt seine Unterlippe bewundernd vor. »Los Angeles, nicht schlecht. – Sicher weniger eintönig als hier, oder?«

»Du sagst es. Bei uns ist immer etwas los.« Sie lacht. »Kennst du L.A.?«

»Nein. Noch nie dort gewesen.« Joe nippt wieder an der Dose. »Was heißt ›bei euch‹? Deine Familie?«

Hoppla! Joe erschrickt, zeigt es aber nicht. Hat er das wirklich gefragt? So mit der Tür ins Haus …

Sie sieht ihm tiefer in die Augen und lächelt zuneigungsvoll.

»Nein, keine Familie. Kein Mann. Kein Freund. Einfach wir, die Menschen.« Ihr Lachen gleitet leicht ins Ironische ab, als wolle sie sagen »Das wolltest du doch wissen, oder?«. Aber nur für einen kurzen Augenblick. »Und du – ich meine, wie lebst du hier? Ist das deine Station?«

Joe schüttelt den Kopf. »Nein. Gehört Mr. Resnik. Ich jobbe hier nur.«

»Und – was machst du, wenn du nicht an der Station bist? Wo wohnst du zum Beispiel?«

Joe zeigt mit der Linken nach links.

»Dahinten in einem der Häuser. Mit meiner Mutter.« Und fügt nach kurzem Zögern hinzu, noch immer seinen Blick nach links gewandt: »Hoffentlich nicht mehr lange.«

»Du willst weg?«

»Klar. Was meinst du wohl, was hier los ist? – Nichts. Nada.«

Er dreht seinen Kopf langsam wieder nach rechts und lächelte gequält.

»Hier geht nichts mehr ab. Verstehst du das?«

Verständnisvoll nickt sie, schweigt aber dazu. Beide lenken ihre Blicke langsam wieder nach vorn und durchbohren damit die Ebene.

»Und du glaubst, in L.A. ist alles besser?«

»Klar. Du sagst doch, dass bei euch immer etwas los ist.«

»Wenn du’s so siehst …«

Sie sieht ihn wieder an und legt für einen ganz kurzen Augenblick ihre linke Hand auf seinen rechten Unterarm.

»Sag mal, wo sind hier die Waschräume?«

»Geh rein, geradeaus durch, hinten rechts.«

»Okay.«

Sie steht auf und geht hinein.

Joe starrt wieder in die Ebene.

Wow! L.A. Das wär’s! Er lauscht wieder der ihm so bekannten Musik. Die Supremes fangen ihn ein. »You can’t hurry love, no, you’ll just have to wait …«. Joe summt mit. Wie lange warte ich denn schon? Viel zu lange. Und so jemanden habe ich noch nie getroffen. Einfach unglaublich.

»… I grow impatient for a love to call my own …«

Joe schließt die Augen und geht in dem Lied auf. Wie oft sang er diese Stellen schon mit, ohne zu begreifen, dass es ihn selbst betraf.

»… for some tender arms to hold me tight …«

Dies ist vielleicht die Chance seines Lebens. Sein Blick folgt wieder der Interstate nach Westen.

Die kurzzeitig lauter werdende Musik und das Klacken der Tür wecken ihn auf. Die junge Frau nimmt wieder neben ihm Platz.

»Whouh! Das tat gut. Wasser ist einfach durch nichts zu ersetzen.« Erfrischt grinst sie ihn an.

Joe nickt. »Schaust gut aus.« Diese Gelegenheit für ein Kompliment will er sich nicht entgehen lassen. Sie lacht und legt ihre Hand jetzt druckvoll auf seinen Arm.

»Kann man von hier aus mehr von dem Ort sehen?«

»Klar. Komm mit.«

Joe greift ihre Hand und führt die Frau um das Gebäude herum auf die Rückseite, wo sie einen kleinen Erdhügel besteigen, Überbleibsel irgendwelcher vergangenen Baumaßnahmen.

»Schau!«

Aber sie kann nicht wirklich mehr als vorher sehen. Der Ort ist einfach nur eine Aneinanderreihung kleiner Häuser und vereinzelter Baracken. Im Hintergrund ragen die rauchenden Schlote eines Kraftwerks in den Himmel.

»Verstehe.« Mehr sagt sie nicht. Doch dann fügt sie hinzu: »Ich habe das Ortsschild sehr wohl gesehen, als ich durchfuhr: ›Das Beste an Joseph City sind die Menschen‹. Ein wenig verstehe ich das bei dem Anblick.«

»Ja – aber auch die halten einen letztlich nicht hier.« Joe lächelt säuerlich. »Zurück?«

»Okay.«

Joe steigt als Erster hinab. Als sie ihm folgen will, knickt ihr rechter Fuß mit dem hohen Schuh um. Joe reagiert blitzschnell und fängt sie im Fallen auf. Für einen Moment zieht er sie fest an sich. Er spürt, wie sie ihrerseits ihr Gesicht fest an seinen kräftigen Oberarm drückt. Sie verharren so, lassen sich nicht los. Er schaut der knapp einen Kopf kleineren Person nach unten in die Augen. Ihr Blick wiederum sucht aufwärtsschauend seine Erwiderung. Sie verharren und versinken. Langsam beugt Joe seinen Kopf weiter nach unten und presst seine Lippen auf die ihren. Sie umgreift mit ihrer Rechten seinen Kopf und zieht ihn noch fester heran. Umschlungen und vereint stehen sie fast regungslos in der Landschaft. Aus der Musikanlage klingen leise Sonny und Cher mit ihrem »I got you, Babe« herüber.

Nach scheinbar vielen Augenblicken drückt sie Joe wieder sanft von sich.

»Komm, lass uns wieder in den Schatten gehen.«

Noch ein wenig enger aneinandergerückt, lassen sie sich wieder in den Sesseln nieder.

»Ich muss aber gleich weiter.«

Joe nickt. Ein traurig wirkendes Nicken, aber er sagt nichts. Doch er spürt, dass die Frau an seiner Seite noch keine Anstalten macht, sich tatsächlich schon zu erheben. Kopf an Kopf lassen sie sich vielmehr von der Hintergrund-Mariachi-Musik zu Johnny Cashs »Ring of Fire« einfangen.

»… Love is a burning thing …«

Langsam legt sich der Feuerring um die beiden. Ihre Hände halten sich fester. Doch als die letzten Klänge des Liedes verklungen sind, steht die Frau unvermittelt auf.

»Ich muss los.«

Joe überhört die Traurigkeit in ihrer Stimme nicht. Er erhebt sich langsam und folgt ihr zum Auto.

Auf halbem Wege hält sie inne und greift seinen Arm.

»Willst du mitkommen? Wir können auch noch deine Sachen holen.«

Joe ist wie vom Donner gerührt. Im Zeitraffer laufen die letzten Jahre in seinem Gehirn ab. Wie er diese Eintönigkeit hasst! Wie lange schon macht er diesen langweiligen Job, um auf die Gelegenheit zu warten. Die Gelegenheit. Sie ist da! Endlich!

»Joe! Ich werde sicher auch einen Job für dich finden.«

Joe steht wie fest eingewurzelt da. Er sieht nur ihre Augen. Versinkt wahrlich darin. Diese Augen!! Langsam schüttelt er den Kopf. Endlich ist die Gelegenheit, auf die er so lange gewartet hat, da – und er kann nicht. Er schüttelt den Kopf. Welch ein Irrsinn! Der Rest des Körpers ist zur Salzsäule erstarrt. Sein Kopf schüttelt sich. Was macht der Kopf da??