Impressum:

Bibliografische Informationen:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet die

Publikation im Internet unter: www.dnb.de

Horst Reiner Menzel

Dieselstraße 8

71546 Aspach

doremenzel@gmx.de

Website: http://www.reiner-menzel-aspach.jimdo.com

1. Auflage 07.02.2015

2. Auflage 22.09.2017

3. Auflage 15.04.2021

ng des Preises vornehmen.

ISBN 9783754320525

Herstellung BoD - Books on Demand GmbH Verlag Norderstedt

Alle Rechte und © Copyright beim

Autor Horst Reiner Menzel

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Zwanzig Prozent der nordamerikanischen Bevölkerung entstammen deutschen Einwanderer-Familien, die zwischen dem neunzehntenund zwanzigsten Jahrhundert aus Europa in die Neue-Welt, die sogenannte freie Welt und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auswanderten. Dieser Roman schildert die Schicksale von Familien, die durch die Kriegs-Ereignisse in Europa zwischen den Kontinenten hin und her gestoßen wurden, die sich nach Rückschlägen immer wieder aufrafften um sich eine neue Existenz aufzubauen. Deutsch-Amerikaner, erzählt eine Familien-Geschichte, eine deutsch-amerikanische Geschichte, eingebettet in die jeweiligen politischen Verhältnisse der letzten 170 Jahre in beiden Kontinenten. Sie gibt einen Einblick in die Not und Verzweiflung von Menschen, die gezwungen waren ihre Heimat zu verlassen. Menschen, die dem Licht und dem unbändigen Willen zum Überleben folgten und nach jeder Niederlage wieder einen Neuanfang wagten.

Der Autor

Kapitel 1 Sommer 1945

Es war Sommer 1945, Deutschland hatte kapituliert und in Europa bemühte man sich, wieder einigermaßen erträgliche Zustände herzustellen. Doch, wenn man sich die Trümmer-Landschaften in den deutschen Städten genauer ansah, konnte man verzweifeln und viele meinten, man würde für den Wiederaufbau Hundert oder mehr Jahre brauchen. Wenn man aber genau hinschaute, sah man überall tausende Menschen die Straßen räumten, einsturzgefährdete Gebäude abreißen und vor allem Frauen, die versuchten in den Trümmer-Grundstücken, irgendwie für sich und ihre Familien ein Zuhause zu schaffen.

Er wusste zwar nicht so genau, wonach er auf seinen langen Wanderungen gesucht hatte, aber, als er aus dem Schatten des Waldes trat, und das liebliche kleine Städtchen im Talgrund mit dem vorgelagerten Dorf in den Flussauen erblickte, verliebte er sich sofort in diese Idylle. Ein kleines Flüsschen an seinen Ufern, von Erlen, Silber-weiden und Pappeln gesäumt, schlängelte sich von Süden in die Stadt hinein und teilte sich am Stadtrand in zwei Hälften, das machte ihn neugierig. Wo flossen sie hin, die zwei Teile und ob sie sich wohl wiedervereinigten? Hohe Böschungen und weite Flussauen ließen erkennen, dass der Fluss des Öfteren über seine Ufer trat. Weit mäanderte er über die Wiesen, zu beiden Seiten zogen sie sich hin, von einem Hang dieses Urstromtales zum anderen. Obwohl er noch keine Einzelheiten erkennen konnte, erahnte er schon den würzigen Duft von Blüten und Gräsern, der in der Nase kitzelte. Langsam ging er talwärts weiter und genoss die liebliche Landschaft, die von Kiefern- und Mischwald geprägt war. In den Böschungen hatten Wildkaninchen ihre Baue gegraben, saßen in der Sonne und putzten sich das Fell. Doch als er näherkam, verschwanden sie blitzschnell in ihren weit verzweigten Höhlen. Als er aus dem Wald heraustrat, konnte er die Vielfalt der reichen Natur besser erkennen. Am Flussufer hielt er inne und als er genauer hinsah, erkannte er beim derzeit niedrigen Wasserstand die Höhleneingänge von Bibern und Uferschwalben. Eisvögel schossen an den Ufer-Büschen entlang und erfreuten das sehnende Auge, mit ihrem blauweiß geschipperten Gefieder. Lerchen, die man nicht ausmachen konnte, schwirrten hoch in den Lüften. Schwalben, mit ihrer nie endenden Insektenjagt beschäftigt, beeindruckten ihn mit ihren unnachahmlichen Flugkünsten. Störche und Graureiher mit ihrem stolzen Gehabe, pickten ab und zu in den Wiesengrund, schauten immer wieder rundum und ließen anmutig, aber unzweifelhaft ihren Revieranspruch erkennen. Eine Entenmutter mit ihren sechs Küken hatte es eilig den Fluss gegen die Strömung zu überqueren, meinte wohl unter den Uferbüschen Schutz zu finden, aber ein großer Raubvogel stieß aus einem Baum heraus auf den Fluss hinunter, packte eines der Küken und versuchte wieder in die Luft hochzukommen. Aber die Entenmama hatte aufgepasst. Laut kreischend und mit kraftvollen Flügelschlägen, stürzte sie sich auf den Angreifer, kaum, dass er seine Beute ein paar Zentimeter aus dem Wasser gezogen hatte. Durch den Angriff irritiert, versuchte er über die hohe Uferböschung zu entkommen, musste aber seine Beute wieder fallenlassen, sonst wäre er selber ins Wasser gestürzt. Im Tiefflug machte er sich davon und siehe da, aus dem hohen Ufer Gras kollerte das Küken laut schnatternd ins Wasser zurück und wurde sofort von Mama und den Geschwistern in die Mitte genommen. Man hatte sich anscheinend einiges mitzuteilen. Mama Ente begutachtete sofort ihren Nachwuchs von allen Seiten, zupfte da und dort das Federkleid ihres Kükens zurecht, aber dann widmete man sich schnell wieder der täglichen Futtersuche. Er hätte diesem Treiben noch stundenlang zusehen mögen; aber irgendetwas lockte ihn weiter, er hätte nicht sagen können was es war, aber eine innere Unruhe ließ ihn in das vor ihm liegende Dorf und auf den hübschen kleinen Kirchturm zugehen.

Als er näherkam, öffnete sich ein lang gestrecktes Dorf. Er wusste aus Erzählungen, dass man sie Langdörfer nannte. Sie waren typisch für diese Gegend. Die Wohn-Gebäude lagen ausnahmslos an der Hauptstraße, Scheunen und Stallungen waren so im Geviert angeordnet, dass jedes Gehöft eine kleine Burg bildete, was in schlechten Zeiten sehr sinnvoll sein konnte. Die großen Hoftore an der Straße waren von Torbögen überspannt, unter denen die hochbeladenen Erntewagen gerade noch hindurch passten. Jeder Bauernhof hatte nach hinten einen großen Garten, in dem Gemüse und andere Gartenfrüchte angebaut wurden. Dazwischen standen viele Obstbäume, manchmal auch Bienenstöcke. Daran schloss sich, je nach der Gebäudebreite der Höfe, die kaum unter fünfzig Meter betrug, ein weiter, langer, eingezäunter Gemüse- und Obstgarten an. Auf den weiten, nach hinten, bis an die Ufer des Flusses hinausreichenden Wiesen, sah man Koppeln mit Pferden oder grasende Rinder. Zwischen den Gehöften gab es ab und zu breitere Wege, die zu den Feldern hinausliefen, welche sich aber zu beiden Seiten des Tales auf den ebenen Hochflächen, oberhalb des Flusstales ausstreckten, wo die meisten Bauern ihre Ackerflächen besaßen. In dieser Gegend war nicht nur der Kartoffel- Gemüse- und Getreideanbau vorherrschend, man sah auch Felder mit Ölfrüchten wie Leinsamen und Hanf, der zur Herstellung von Seilerwaren gebraucht wurde.

Liebliches Flusstal Quelle: Eigene Fotos

Auf seinem Wege kam er zwangläufig an der Dorfkirche mit dem kleinen dahinterliegenden Friedhof vorbei. Friedhöfe haben eine große Aussagekraft, sie sind ein Spiegel der lebenden Bevölkerung und strahlen eine unendliche Ruhe aus. Sie hatten ihn deshalb schon immer interessiert, man konnte sich dort aufhalten, ohne neugierige Fragen beantworten zu müssen. Die Grabsteine erzählten viel über die Familien, die hier ansässig waren. Man lernte dort sozusagen die Familienverhältnisse des Ortes und seine Geschichte am schnellsten kennen. Besonders gläubig war er zwar nicht, aber ganz seiner Gewohnheit folgend, ging er in die Kirche hinein. Oft traf man dort den Pfarrer oder den Küster, man unterhielt sich, konnte den einen oder anderen Bewohner schon mal kennenlernen, ohne ihn je zu Gesicht bekommen zu haben. Meistens hatten die Pfarrer in so kleinen Kirchengemeinden viel Zeit, oder langweilten sich und so erfuhr man einiges, ohne allzu viel von sich selbst preisgeben zu müssen. Er hatte Glück, der Pfarrer war gerade dabei seine Sakristei aufzuräumen. So kam er mit dem Dorfgeistlichen ins Gespräch und nachdem zuerst die Fragen über das >Woher und Wohin< ausgetauscht waren, erzählte er, dass vor ein paar Tagen ein hoch angesehener Bauer beerdigt worden war. Weil es mit seinem Reisegeld langsam knapp wurde, dachte er so für sich: >Da werden bestimmt noch ein paar Hände gebraucht, vielleicht kann man auf diesem Hof etwas dazu verdienen<. Er wollte den Pfarrer aber nicht so direkt fragen, war aber doch sehr neugierig auf den Namen des Verstorbenen. Na, dachte er, den werde ich schon noch herausfinden, doch der Pfarrer erwähnte ihn leider nicht. So verabschiedete er sich höflich und schlenderte langsam über den Friedhof mit seinen herrlichen alten Grabmälern und den schönen, bejahrten, knorrigen Bäumen. So nebenbei dache er daran, dass eigentlich nur auf einem Friedhof alles so wachsen darf wie es möchte, besonders auf den alten Gräberfeldern, wo nur noch ein paar bemooste Grabsteine standen, die an längst vergangene Zeiten erinnerten. Die Grabsteininschriften konnte man kaum noch entziffern. So wandte er sich den neueren Gräbern zu und dann sah er ihn liegen, den Grabstein, der wegen der anstehenden Beerdigung des Bauern auf die Seite gelegt worden war, bis man ihn dann mit der Inschrift des Verstorbenen wieder aufstellen würde. Plötzlich erstarrte er, sah noch einmal genau hin, dort, wo die alten Gräber lagen stand noch ein weiteres, sehr schönes, altes Grabdenkmal. Aber er hatte richtig gelesen, dort auf dem schwarzen Stein stand in großen, ausgeblichenen, goldenen Lettern:

Wilhelm August Renier

*1788 † 1862

Auguste Henriette Renier geb. Kamenz

*1788 † 1864

Der Schock war gewaltig, er konnte es kaum fassen, hier lagen seine Ur-Urgroßeltern begraben, daran konnte es keinen Zweifel geben. Er musste sich erst einmal auf die Bank am Wege hinsetzen und warten bis sich die brausenden Gefühle, die auf ihn einstürmten gelegt hatten. Nach ein paar Minuten, zitterten ihm immer noch die Knie, doch nachdem er sich wieder gefasst hatte, sah er sich den alten Grabstein noch einmal genauer an, aber es konnte keinen Zweifel geben, solche Namenszufälle gab es nicht. Er lehnte sich langsam zurück, schloss die Augen und dachte sich zurück in eine längst vergangene Zeit. Als er die Augen wieder öffnete, fiel durch ein Wolkenloch ein kleiner Sonnenstrahl, der nur die Kirche, den Friedhof, ihn selbst und das alte Familiengrab beleuchtete. Er hatte verstanden, es gibt doch einen Schöpfer, >Gott ist eine Erfahrung, der man nicht entgehen kann <.

Die Magd sah ärgerlich durch den Türspalt, den sie auf sein Klopfen am Hoftor geöffnet hatte: „Was wollen sie, wir geben nichts“, fauchte sie. „Sehe ich etwa wie ein Landstreicher aus?“, entgegnete er entrüstet. „Na - eigentlich nicht, aber man muss ja vorsichtig sein in diesen Zeiten“, meinte sie etwas freundlicher. „Ich hörte, sie suchen noch Erntehelfer“, fragte er vorsichtig.“ „Ja, aber das muss der Großknecht entscheiden, der ist auf dem Feld.“ „Kann ich warten?“ „Ja, das kann dauern, aber du kannst mir beim Füttern helfen“, meinte sie mit listigem Blick auf seine schon ein wenig schäbig gewordene Stadtkleidung und man sah ihr an, dass sie ihm nicht viel zutraute. „Na klar, wo kann ich mich umziehen“, fragte er.

Komm mal mit“, befahl sie und zog ihn durch die kleine Eingangstür, die sich neben dem großen Hoftor für die Arbeitswagen, befand. Verstohlen sah er sich etwas um, in der Mitte des Hofes stand eine uralte Eiche und auf einem hohen Pfahl hing ein Vogelhaus, das von Tauben bevölkert war. Um den Pfahl rankte sich eine Efeuranke in den Himmel. Sie überragte schon das Vogelhaus, konnte aber mangels eines stabilen Rankgerüstes nicht höher hinaufgelangen, sodass sich ihre Spitze schon wieder nach unten wandte. Man sah ihr an den lose nach unten hängenden Greif-Lianen die Enttäuschung an, dass sie umkehren musste, weil sie vergeblich nach weiteren Aufstiegs

Möglichkeiten gesucht hatten. Gleich neben dem Hoftor war ein Brunnen mit einer hölzernen Wasserpumpe, darunter ein langer Steintrog, der wohl als Viehtränke diente. Er machte kurz halt, nahm den Pumpenschwengel in die Hand, denn er hatte seine Trinkflasche auf der langen Tageswanderung leergetrunken und Durst bekommen. Sie drehte sich um, kam zurück und nahm einen kleinen Trinkbecher vom Haken, füllte ihn aber erst, nachdem er ein paar Pumpenschläge abgestandenes Wasser, in den langen Wassertrog für die Tiere gepumpt hatte. Als er sich satt getrunken hatte lächelte sie, hielt den Becher wieder unter das Rohr und schaute ihn an. Er pumpte ein paarmal, dann musste er lachen, weil das Wasser über den Becher und ihre Hand strömte, ohne dass sie es anscheinend bemerkte. Eigentlich ein schmucker Kerl, dachte sie und grinste nun auch. Na ja, dachte er - eigentlich eine nette Person aber sehr misstrauisch. Als sie auch getrunken hatte, ging sie zum Stall voraus, nahm die in der Ecke stehende Mistgabel und deutete auf die Tür zur Futterkammer. Da kannst du dich umziehen, alte Klamotten vom Stallknecht hängen in der Ecke. Er zog aber lieber seine eigene Arbeitshose an, die er immer im Rucksack hatte, nahm sich auch eine Gabel und ging in den Stall zurück. Die Magd hatte begonnen die Kühe zu melken, also stellte er die Gabel wieder weg, um sich Eimer und Melkschemel zu holen. Sie schaute kurz, sagte aber nichts und nahm sich die nächste Kuh vor. Langsam wurden die Eimer voll und man schüttete die Milch durch ein Sieb in die bereitstehende Milchkanne. Er erntete einen ersten anerkennenden Blick, als sie ihn fragte: „Wo kommst du her, wo hast du melken gelernt?“ „Von sehr weit“, sagte er. „Und was machst du sonst so, bist du immer in der Landwirtschaft tätig?“ "Nein", meinte er: "Aber ich bin auf einem Hof aufgewachsen.“

Draußen grummelte es in der Ferne und dunkle Wolken waren aufgezogen. „Komm“, sagte sie, wir müssen noch schnell etwas Grün-Futter von der Wiese hinter dem Haus holen.“

Da werden wir uns aber ganz schön beeilen müssen, es wird bald losgehen“, sagte er. „Also los, nimm die Karre, ich hole die Sense und einen Rechen", sage sie und verschwand.

In kurzer Zeit hatten sie die Heukarre beladen und waren dabei das frisch geschnittene Gras an die Kühe zu verteilen, als ein scharfer Blitz alles hell erleuchtete und es gleichzeitig einen gewaltigen Donnerschlag gab. Der Donner übertönte das Bersten des Holzes, aber das abgesplitterte Stück First-Balken, das vom Wohnhausgiebel herunterstürzte, war nicht zu übersehen. Beide schauten sie hoch, - es brannte, zwar nicht richtig, aber kleine Flammen züngelten unter den Ziegeln hervor. „Gib mir schnell eine Axt und komm mit zwei Eimern Wasser auf den Dachboden nach!“ Sie gab ihm eine Axt, die in der Ecke beim übrigen Werkzeug in der Kammer stand. Schon rannte er los, die Treppe im Hause hoch, kurz darauf erklangen schwere Schläge. Holz, Ziegel und Balkenwerk fielen in den Hof herunter. Im nächsten Moment tauchte sie mit den Wassereimern auf und man löschte gemeinsam die glimmenden Reste des Feuers aus.

Im Hof hatten sich inzwischen einige Leute eingefunden, die helfen wollten, weil sie wohl auch bemerkt hatten, dass der Blitz ins Nachbarhaus eingeschlagen hatte. „Kathi“, rief einer von den jungen Burschen, sollen wir Euch helfen?“Das Feuer ist schon aus, bringt aber vorsichthalber noch Wasser hoch und löscht unten die Holzteile.

Sofort schnappten sich ein paar Leute, die an der Pumpe herumstehenden Wassereimer und brachten sie gefüllt nach oben. Als die Brandgefahr beseitigt war, kam man überein, vorläufig eine Brandwache auf dem Dachboden zu belassen.

So, Kathi heißt du? Da haben wir aber Glück gehabt“, sagte er.

Danke“, sagte sie, nicht mehr und nicht weniger, aber wie sie es sagte, war eine einzige Anerkennung für seine beherzte Tat. Dann ging sie nach unten, um das Abendessen für die Leute, die bald von den Feldern kommen würden, zu richten.

Was ist denn hier los und wer ist das?“ fragte plötzlich jemand in der Küchentür. „Das ist unser neuer Knecht, er wird uns bei der Ernte helfen. Wie heißt du eigentlich?“

Martin“, sagte er kurz. „Stellst du jetzt hier die Leute ein, seit wann denn das?“ fragte der mittelgroße, kräftige Mann, der so um die 35 Jahre alt sein mochte und offensichtlich auf dem Hof das Sagen hatte. „Ab jetzt, - was dagegen?“ sagte Kathi kurz angebunden. „Hey, du bist zwar die Tochter unseres Bauern, aber der ist jetzt tot!“Eben deshalb“, spuckte sie zurück und ließ keinerlei Zweifel daran, dass sie meinte was sie sagte.

„Wo kommt der denn her?“Das weiß ich auch noch nicht, also gib jetzt Ruhe, er wird es uns schon noch erzählen."

Alle saßen nun um den Küchentisch herum aßen und musterten den neuen Knecht mit heimlichen Blicken, aber niemand fragte nach seiner Herkunft. Alle wollten nur erfahren, wie das mit dem Blitzeinschlag passiert war.

Trude, richte doch nachher mal in der kleinen Kammer neben euch das Bett für Martin her.“ Trude war die Frau des Hofarbeiters Karl, der seit kurzem auf dem Hof beschäftigt war. Er kam Anfang 1945 auf der Flucht vor den Russen, müde und ausgehungert, mit seiner Frau im Dorf an und blieb. Er hatte in den letzten Kriegstagen seine Frau von ihrem eigenen Hof in der Breslauer Gegend abgeholt, sie in dem Chaos der nach Westen zurückflutenden deutschen Truppen auf seinem Armee-LKW versteckt und mitgenommen. Aber, als die sich in Richtung Berlin absetzten, entfernte er sich von seiner Truppe, besorgte sich bäuerliche Arbeitskleidung und verbrannte die Uniform. Die letzten Tage bis zum Eintreffen der Roten Armee, hatte er sich dann im Stall aufgehalten und sich als Knecht ausgegeben. Man glaubte ihm, weil er schon älter war und weil bei den Bauern, die ja die Bevölkerung ernähren mussten, da und dort auch noch Männer arbeiteten, die sonst eigentlich als Soldaten eingezogen worden waren. Kathis Mutter hatte ihn unterstützt, denn jede helfende Hand am Hof wurde in diesen Zeiten dringend gebraucht, weil die jüngeren Männer alle an der Front waren. So sprachen sie diese Legende ab und behaupteten gegenüber den anderen Dorfbewohnern, dass Karl ihr Schwager sei. „Karl“, fragte sie ihn einmal: „Hattest du keine Angst, dass die Nazis dich erschießen?“Nein sagte er, an der Front hätte ich auch nicht überlebt, ich hab‘ gut aufgepasst und schießen kann ich notfalls auch.“ Womit er wohl meinte, bevor ich mich erschießen lasse, erschieße ich die >Kettenhunde<, so nannte man damals die Militärpolizei. „Erst als die letzten deutschen Soldaten weg waren", sagte er dann: „Das ist nicht mein Krieg, mit diesen Verbrechern will ich nichts zu tun haben!“ dann vergrub er seine Maschinenpistole in einem Waldstück. Nachdem sich die Front weiter nach Berlin hin verlagerte, holte er sie jedoch wieder heraus und meinte: „Man kann nie wissen, es treibt sich so viel Kroppzeug herum.“ Das Versteck für die Waffe hatte er allerdings nie verraten.

Martin konnte noch nicht einschlafen, zu vieles hatte er heute erlebt und er musste das alles erst noch verarbeiten. So brachte er seinen Rucksack in das für ihn hergerichtete Zimmerchen, ging wieder nach unten und setzte sich auf die Bank vor der Haustüre, aber zum Nachdenken kam er nicht. Der Altknecht kam mit zwei Flaschen Bier und setzte sich neben ihn. Es war offensichtlich, dass er ihm >auf den Zahn fühlen < wollte. „Ich bin der Egon, willste' n Bier“, das konnte Martin nicht ablehnen und fragte: „Wie lange bist‘ n schon auf‘ n Hof?“Seit meiner Geburt, meine Mutter ist die Gerda, die Magd und die ist auch schon immer hier", damit wollte er wohl seine älteren Rechte festgestellt wissen, dass merkte man deutlich. „Wir müssen morgen erst mal das Dach dichtmachen“, sagte Martin. „Das musste mir überlassen“, biss der gleich an, womit der Frontverlauf geklärt war. „Na dann, danke für das Bier.“ Er hatte aber davon noch nichts getrunken und sagte: „Gute Nacht und fall‘ morgen nicht vom Dach runter“, womit er sich hinter das Haus in den Garten verabschiedete und damit deutlich machte, was er von diesem Großknecht hielt. Dort hatte er endlich Gelegenheit die jüngsten Ereignisse Revue passieren zu lassen und nachzudenken, was ihm dann doch etwas schwerfiel, denn mit der einsetzenden Dunkelheit kamen auch die Mücken. Die Schwalben flogen tief um die Häuser, Spatzen zwitscherten aus einem nahen Gebüsch, wo sie sich für die Nacht eingerichtet hatten. Ein Maulwurf brach durch das Gras und wölbte einen großen Haufen frischer Erde auf. Grillen zirpten in den hohen Gräsern, die noch nicht der Sense zum Opfer gefallen waren. Die Sonne verabschiedete sich in goldenem Glanze hinter der in der Ferne liegenden Stadtsilhouette und färbte langsam den Himmel blutrot ein. So hatte er des Abends oft zuhause vor seinem Elternhaus gesessen. Die laue Luft und die Abendstimmung tauchten ihn in ein tiefes Tal der Erinnerungen.

Kapitel 2 1855 Sohn und Hausknecht

„Friedrich, komm nachher mal zu mir rein, wenn du im Stall fertig bist." „Ja Vater", sagte er, mehr nicht denn er wusste, die Alten - sein Vater Gustav und seine Mutter Senta machten nicht so viel Aufhebens mit ihren Kindern. Er schüttete sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht und trocknete sich mit einer Handvoll Heu aus der Futterkrippe ab. Er hatte zwar ein Nachtquartier im großen Haus, aber im Grunde war für ihn hier kein Platz mehr, denn sein Bruder hatte geheiratet und er musste aus dem gemeinsamen Zimmer, in eine kleine schräge Dachkammer umziehen. Wenn er die Hand ausstreckte, konnte er die Dachziegel anfassen. Ein Fenster gab es auch nicht und so hatte er ein paar kleine Glasscheiben zwischen die Dachziegel eingesteckt, damit ein wenig Licht in die Kammer hineinfiel. Da gab es dann noch eine grob zusammen genagelte Pritsche und einen kleinen wackligen Tisch, auf dem eine Wachskerze stand. In einer Ecke standen auf einem Eisengestell eine Waschschüssel und auf dem Boden ein Wasserkrug. In eine Dachlatte hatte er ein paar Nägel eingeschlagen und daran seine wenigen Habseligkeiten aufgehängt. Als zweitgeborener Sohn, hatte er nicht viel mehr Rechte auf dem Hof als ein Knecht und so fühlte er sich auch, denn die Mägde und Knechte erhielten wenigstens jeden Monat ein Taschengeld. Wollte er mal im Dorfkrug ein Bier trinken, musste er seinen Vater um etwas Kleingeld bitten. Er war jetzt 21 Jahre alt und hatte eigentlich keine Zukunft vor sich, wenn man mal von der dicken Marie, die einzige Tochter des Großbauern Johann Mucke absah, die schon lange ein Auge auf ihn geworfen hatte. Sie waren zusammen in die Dorfschule gegangen. Er war zwar ein Jahr älter als sie, aber in den Dorfschulen gab es nur zwei Schulklassen. In der einen saßen die Schüler der ersten, zweiten und dritten Klasse. Kamen die Drittklässler in die vierte Klasse, machten ihnen die Schüler der sechsten Klasse die Plätze frei. Und so kam es, dass sie bis auf ein Jahr immer zusammen in einer Klasse saßen. Es gab nur zwei Lehrer, die aber vom Schulunterricht allein auch nicht leben konnten, doch sie hatten noch eine kleine Nebenerwerbs-Landwirtschaft. Musste der Lehrer auf sein Feld, so nahm er die Schüler gleich mit und >unterrichtete sie < in der blühenden Natur.

Die Marie war ein wirklich hübsches Ding gewesen, mit ihren langen blonden Zöpfen, die zu einem Kranz hochgesteckt waren. So sah sie im Jungmädchenalter fast schon wie eine erwachsene Frau aus. Sie war auch ein wenig frühreif mit ihren 12 Jahren und es war die Zeit, wo Kinder versuchen mehr über das andere Geschlecht herauszufinden, vor allem die Geschlechtsteile, diese waren in alten Zeiten ein absolutes Tabu, das man unbedingt verstecken musste. Eltern zogen sich vor ihren Kindern nie aus, verweigerten jegliche Fragen in die sexuelle Richtung. >Das wirst du schon noch alles verstehen, wenn du mal verheiratet bist <, war gängige Antwort. Aber beim Baden im Dorfteich sah man schon mal hin, wie das so bei den Jungen oder den Mädchen untenherum aussah. Wenn sie sich hinter einen Busch umzogen, wagte sich da Marie weit vor. Als sie einmal allein waren sagte sie zu Friedrich: „Ich ziehe mich ganz aus, wenn du mich auch alles anschauen lässt." Friedrich, der dem Angebot nicht ganz traute meinte: „Aber erst du." Er hatte ja so seine Erfahrungen mit den Scherzen, welche die Mädchen mit den Jungen trieben. Meistens machten sie sich einen Spaß mit ihnen und schmückten ihre Geschichten auch noch gehörig aus, sodass das ganze Dorf mitlachen konnte. Die Jungen revanchierten sich eher mit kleinen Gemeinheiten, indem sie ihnen Disteln ins Haar steckten, die dann sehr schwer zu entfernen waren. Oder sie öffneten reife Hagebutten und rieben ihnen die Samenkerne in den Blusenkragen. Das erzeugt einen ekelhaften, kaum auszuhaltenden Juckreiz. „Nein du zuerst", gab sie zurück. Er schüttelte den Kopf und sagte listig: „Also dann alle beide gleichzeitig." Natürlich hatte er bemerkt, dass sie schon einen Brustansatz bekommen hatte, den er ja dann zuerst sehen würde, bevor >er die Hose runterlassen musste<. Sie schob entschlossen die breiten Rockträger von ihren Schultern herunter und zog die Bluse mitsamt dem Unterhemd über den Kopf. Nun war er der erschrockene, denn er hatte natürlich auch noch nie einen nackten weiblichen Oberkörper gesehen. Nachdem er sein Hemd ebenfalls ausgezogen hatte sagte sie: „Also auf eins, zwei, drei" und so standen sie dann voreinander. Rock und Hose unten an den Füßen - und schauten sich etwas verlegen an. Friedrich ergriff zuerst die Initiative, er stieg aus seiner Hose raus und schubste sie einfach ins Gras. Das ging ganz leicht, weil sie ja in ihrem Rock hängen blieb und auf dem Rücken landete. Zugleich rückte er nach, besah sich ihre kleinen Brüste - fasste sie auch mal an, aber sie fühlten sich doch anders an, als wie er das bei seiner Mutter gewöhnt war, wenn sie ihn mal in den Arm nahm. Sie waren viel fester. Sie hielt ganz still und rührte sich nicht, dass machte ihn mutiger und er bog ihre Schenkel auseinander. Was er sah glich eigentlich einer Kuh, wenn sie den Schwanz hochhob. Er legte sich auf den Rücken - nun war sie dran. Es ging ihr genauso, alles sah wie bei einem Hunderüden aus, das kannte sie natürlich auch schon lange. Sie schauten sich an und mussten schrecklich lachen, "komm wir gehen", sagte er schließlich. Schweigend gingen sie Hand in Hand neben einander heimwärts und sprachen nie wieder über dieses Erlebnis, aber es war von da an wie ein unausgesprochenes Verlöbnis zwischen ihnen.

Als er ins Zimmer kam, indem sich zu dieser Tageszeit niemand aufhielt, schaute sein Vater kurz auf und sagte: „Friedrich, du bist in letzter Zeit so verbiestert und läufst so traurig herum, das gefällt mir überhaupt nicht. Du bist nun alt genug um zu heiraten, wie steht es denn nun mit der Marie Mucke? Du weißt ja, ich stehe mit Johann nicht so ganz gut, wir hatten mal Differenzen. Der Johann war damals auch in deine Mutter verliebt, aber sie hat sich für mich entschieden. Vielleicht könnten wir das wieder zusammenzimmern, wenn du Marie heiratest. Ich habe neulich mal mit ihm darüber gesprochen, weil er doch keinen Nachfolger hat, aber er hat mich barsch abgewiesen." "Das fehlte mir noch, dass mein Hof Euch dann auch noch gehört, ihr seid schon reich genug", sagte er neidisch. Das stimmte leider nicht ganz, trotzdem, - seine Vorfahren hatten gut gewirtschaftet und ihm auch etwas Geld hinterlassen. „Ja Vater, ich bin nun seit der Kindheit mit der Marie zusammen aber ihr Vater leidet es nicht, er sagt, lieber zündet er den Hof an, als ihn uns zu überlassen." „Der ist und bleibt ein Idiot, er sollte froh sein, wenn er einen guten Bauernsohn auf seinen Hof bekommt." "Das ist richtig Vater, aber bedenke auch mal, wenn ich Marie heirate, muss ich noch lange Jahre bei ihm arbeiten, bis ich den Hof übernehmen kann. Der schikaniert mich jetzt schon dauernd. Neulich hat er im Dorfkrug erzählt, ich hätte was mit der Magd vom alten Hofer gehabt, er hätte uns im Heu erwischt." "Und stimmt es denn?" „Na ja - die wollte schon, aber ich nicht. Was geht dem Kerl das überhaupt an, ich kann ihn nicht leiden." „Nun ja, letztlich müsst ihr, die Marie und du das entscheiden, notfalls könnt ihr auch ein paar Jahre hier auf dem Hof leben, dann müssen wir eben anbauen, vielleicht besinnt er sich noch der alte Stiesel." „Also gut, ich spreche mit der Marie, dann sehen wir weiter."

Nach ein paar Tagen saßen sie wieder zusammen und Friedrich berichtete seinem Vater. "Also, die Marie hält zu ihrem Vater, der hat sie wahrscheinlich bequatscht", sagte er.

„Und außerdem hat der alte „Mucke“ schon einen anderen sauberen Schwiegersohn gefunden, sie werden wohl bald heiraten. So ist es mir grade recht, das wäre sowieso nichts mehr geworden, die Marie war mal ein hübsches Mädchen, aber als Frau, weißt du, sie ist ja so auseinandergegangen und ob sie eine gute Bäuerin wird ist fraglich, denn der Alte hat sie immer zu sehr verwöhnt. „Sie musste bei ihm auf dem Hof nie richtig arbeiten." „Schade“, meinte der alte Renier, „was willst du nun machen? Die Dachkammer ist ja auch keine Lösung. Mutter und ich haben darüber schon oft gesprochen, aber es kann halt immer nur einer der Nachfolger auf dem Hof werden. Dein älterer Bruder hat schon Frau und Kinder, ja was soll ich dazu noch weitersagen, lange mache ich hier auch nicht mehr den Chef, wir müssen das regeln." Friedrich fiel ein Stein von Herzen, er hatte immer gedacht seine Eltern würden sich nicht um ihn kümmern, nun war er sehr überrascht und traute sich die Vorstellungen über seine Zukunft dem Vater vorzutragen.

„Weißt du Vater ich habe mir das überlegt - man hört, das so viele nach Amerika auswandern. Da kann man ganz neu anfangen und Land bekommt man von der Regierung geschenkt, man muss es nur bewirtschaften." "Du bist verrückt Junge, bei uns Reniers gilt immer noch: Bleibe im Lande und nähre dich redlich!" „Ja, ja Vater, aber ich will mehr, - als lebenslang nur Knecht sein. Gib mir etwas Geld und ich gehe nach Amerika."

Friedrich hatte schon viel früher überlegt Schmied oder Stellmacher zu werden. Schon als Junge trieb er sich in den Werkstätten herum, schaute bei den Arbeiten zu und fing auch selbst an zu werkeln. Er hatte ein ausgesprochen handwerkliches Geschick, half beim Dorfschmied die Pferde beschlagen und beim Stellmacher Wagnern. Auf dem Hof reparierte er schon bald alle kaputten Sachen. Das Holz bearbeiten lag ihm mehr als das Eisen zu schmieden, aber er konnte mit beidem ganz gut umgehen. Die Meister kamen zu seinem Vater und wollten ihn als Lehrling haben, aber die Pferde und die Landwirtschaft liebte er noch mehr als Holz und Eisen.

„Gut, ich bespreche das mit Mutter", sagte sein Vater. „Dann sehen wir weiter und du kannst dich ja mal wegen den Einwanderungsbestimmungen erkundigen." „Das habe ich schon gemacht, ich müsste dann nur noch eine Schiffspassage buchen, aber die kostet viel Geld und man braucht auch noch Geld für eine Ausrüstung, um in den Westen Amerikas zu kommen. Ja und Werkzeug, Waffen, Tiere, Pflug, Egge usw."

„Was meinst du, wie viel wirst du brauchen?" „Ich habe das mal durchgerechnet und komme auf mindestens 4000 Taler."

Der Alte wiegte bedenklich dem Kopf hin und her, dann schmunzelte er und sagte: „Ich glaube, das bekommen wir gebacken, aber ich will erst noch mit deiner Mutter darüber reden." Ein paar Tage später war es soweit und man setzte sich zum Familienrat zusammen. Mutter war schockiert, sie konnte es nicht fassen ihren Sohn zu verlieren.

„Weißt du Frau, das ist eine Riesenchance für ihn und die dürfen wir ihm nicht nehmen, sonst geht er hier ein. Du hast doch lieber einen glücklichen Sohn in Amerika, als einen traurigen Knecht hier auf dem Hof. Man kann den Lauf der Zeit nicht aufhalten und Kinder sind kein Eigentum über das man beliebig verfügen kann, dann verliert man sie für immer."

Das sah sie ein, denn er hatte natürlich recht, aber ein paar Gewissensbisse blieben, denn sie hatten sich viel zu wenig um ihren Zweitgeborenen gekümmert, das war den beiden nun da es ihn in die Fremde zog, eiskalt klargeworden. Der Familienrat beschloss Friedrich aus dem Familienvermögen 4000 Taler als Vorwegerbe zu überlassen und wünschte ihm viel Glück für die Zukunft.

Am Abschiedsabend liefen noch viele Tränen die Wangen herunter. Keiner traute sich es auszusprechen, aber man war sich darüber im Klaren, es würde ein Abschied für immer sein. Mutter verlangte noch, dass er alle vier Wochen schreiben solle, was er auch versprach. Am Tag vor der Abreise besuchte Friedrich alle seine Lieblingsplätze im Dorf. Er ahnte, dass er sie nicht wiedersehen würde. Ein letztes Mal ging er über Felder, Wiesen und Auen, hörte dem heimatlichen Gezwitscher der Vögel genauer zu als früher, nahm Abschied von seinen Pferden und führte sie noch einmal an die Tränke, bei der Holzpumpe mitten auf dem Hof. Schaute in die Dorfkirche hinein und sein letzter Blick galt dem Taufbecken, am dem er getauft worden war. Ihn beschlich ein merkwürdiges Gefühl von vorweg genommenem Heimweh, er schüttelte sich kurz und löste sich mit einem energischen Gesichtsausdruck aus der Vergangenheit. In der Ferne lag seine Zukunft, das wusste er nun. Für den Abend hatte er alle seine Freunde nachhause eingeladen, sie brachten ihm viele Geschenke mit, auch Andenken, die er unmöglich alle mitnehmen konnte. Eines aber nahm er mit in die neue Heimat, es waren ein paar Blätter und ein paar Eicheln von der alten Eiche, die seine Vorfahren einstmals inmitten des Hofes gepflanzt hatten. Niemand wusste eigentlich wie alt sie war. Er legte die Blätter in sein Notizbuch, das er immer bei sich trug um die wichtigsten Ereignisse in seinem Leben einzutragen, sie sollten ihm in schweren Stunden Trost sein.

Wenn deine Welt dich verlässt, versuche nicht sie festzuhalten, laufe ihr
nicht nach, schaffe dir eine Neue, in der du glücklich werden kannst.

Rei©Men

Am nächsten Morgen ging er los, der Weg ins Ungewisse, wo tausend Gefahren auf ihn lauerten. Seine Eltern, Verwandte und das halbe Dorf waren zusammengekommen, um ihn zu verabschieden. Die Stimmung war eher etwas zu ausgelassen, als sie dem Ereignis angemessen gewesen wäre. Lautes Hallo! Rufen und sogar Flintenschüsse in die Luft wurden abgefeuert. Er bestieg mit dem sorgfältig zusammen-gestellten Reisegepäck, Andenken, zwei großen Kisten mit Werkzeug, Hausrat, einer Jagdflinte, Pulver und Blei versehen den hofeigenen Pferdewagen. Sein großer Bruder Wilhelm August, ließ es sich nicht nehmen, ihn nach Torgau an die Elbe zu bringen. Der Wagen fuhr an, seine Eltern und die Dorfbewohner wurden immer kleiner, alle winkten, er winkte zurück solange man sich noch sah, dann bog man um eine Ecke und sie waren entschwunden. Und mit ihnen ging ein Teil seiner Vergangenheit dahin, - in eine ungewisse Zukunft, die es zu meistern galt. Ein Knecht fuhr auch noch mit, man hatte sich bewaffnet und diese hielt man offen und schussbereit in den Händen, denn es gab überall in Deutschland Wegelagerer, schließlich hatte man fast das gesamte Barvermögen der Familie im Gepäck.

Die 140 km bis an die Elbe konnten sie an einem Tage nicht schaffen, aber sie kamen gut voran, so machten sie in Senftenberg halt und übernachteten dort auch. Am nächsten Morgen ging es weiter und abends waren sie in Lauchhammer. Den nächsten Tag übernachteten sie in Plessa, einer kleinen Stadt bei Elsterwerda und nahmen sich im Gasthof ein Zimmer. Dort fragten sie den Wirt, ob es auf der Strecke sicher sei und was man so gehört hatte. Er gab seinen Gästen bereitwillig Auskunft erwähnte auch, dass es im Wald hinter Elsterwerda vor zwei Jahren einen Überfall gegeben hatte, aber seither nichts mehr passiert sei. Er riet zu einer anderen Route, über das Dorf Hohenleipisch zu fahren, die ist kürzer - meinte er. Man könne ja nie genau wissen! Also fuhr man auf dieser Ausweichstrecke weiter. Der Weg war sehr beschwerlich und man überlegte schon zurück auf die Hauptroute zu fahren. Der Knecht kutschierte und sein Bruder saß rechts auf dem Kutschbock. An einer Stelle, wo es steil bergauf ging, sprangen plötzlich zwei Männer hinten auf den Wagen auf und vor der Kutsche standen in Schussweite auch noch zwei mit Gewehren, die auf sie gerichtet waren. Im Wagen hinten hatten die Angreifer natürlich niemand erwartet, aber da saß Friedrich mit seiner doppelläufigen Schrotflinte. Er schoss sofort, einen traf er voll im Gesicht, der andere hatte sich schnell wieder vom Wagen fallen lassen und flüchtete in den nahen Wald. Sein Bruder und der Knecht hatten nicht so viel Glück, denn bevor sie die Büchsen hochbekamen, knallte es schon. Sein Bruder hatte sich gerade noch vom Wagen fallen lassen können und schoss sofort zwischen Wagen und Pferden stehend zurück, lud wieder und feuerte weiter ohne zu treffen. Inzwischen war Friedrich aus dem Wagen gesprungen und in Schussposition gegangen, aber für einen Schrotschuss war die Entfernung zu groß. Er ballerte trotzdem in Richtung Waldrand, mit dem Ergebnis das die Gegner aufgaben. Nur ein einziger Schuss hatte den Knecht in den linken Oberarm, der die Zügel hielt getroffen. Die Lage war kritisch, drehte man um, riskierte man noch einen Angriff. Aber der Knecht hatte sich schon entschieden, er gab mit dem rechten unverletzten Arm den Pferden die Peitsche, mit der verletzten leitete er die Pferde am Zügel und jagte bergan. Die beiden Brüder sicherten nach hinten und nach vorn. Als sie ein, zwei Kilometer weiter aus dem Wald herauskamen, stoppten sie und hielten >Kriegsrat<. Hinten im Wagen lag ein Toter, dem konnte keiner mehr helfen. Aus dem Arm des Knechtes tropfte das Blut, aber die Verletzung war nicht lebensgefährlich. Man legte einen Pressverband an, um die Blutung zu stillen. Langsam kam der Schmerz, denn während des Kampfes hatte der Knecht nur einen kleinen Schlag gespürt, die Kugel hatte den Arm durchschlagen und steckte in der Rückenlehne des Kutschbockes.

Man beschloss nach Elsterwerda zu fahren, das war zwar ein Umweg, aber man musste dort einen Arzt aufsuchen und die Polizei benachrichtigen. Am frühen Nachmittag kam man dort an und hielt am Rathaus. Friedrichs Bruder erkundigte sich nach einem Arzt, der glücklicherweise ganz in der Nähe praktizierte. Natürlich sah dieser Fachmann sofort, dass es sich um eine Schussverletzung handelte. Fragte auch gleich wie das passiert sei und bekam die Auskunft, dass Friedrich schon im Rathaus darüber berichtete. Inzwischen kam ein Bote vom Rathaus und bat den Doktor rüber zu kommen, weil es einen Toten gegeben hätte. Der Arzt sondierte, reinigte und verband erst mal die Wunde und riet dem Patienten sich ins Bett zu legen.

Inzwischen hatte Friedrich dem Beamten alles über den Überfall erzählt, der schaute sich den Toten an und sagte: „Siehste Moritz, ich hab‘ dich immer gewarnt, irgendeinmal werde ich dich erwischen, aber jetzt hat es dich erwischt."