Summer Love Box

three

Limitless Love - Die Unsterblichkeit der Liebe

First Love

Adelina Zwaan

AZ Books

Limitless Love - Die Unsterblichkeit der Liebe

Adelina Zwaan

AZ Books

Widmung

Für meinen lieben Mann, allerbesten Freund und geliebten Seelenpartner.

Du bist alles für mich.

Alles.

Dichterwort

Loslassen entfaltet seine heilende Wirkung erst, wenn sich die Finger nach und nach aus der krampfenden Faust lösen.

Adelina Zwaan

Prolog

Rafael

Den heutigen Tag markierte ich knallrot in meinem Kalender und kreiste obendrein mehrmals das Datum ein. Einen Text sparte ich mir und kritzelte stattdessen eine liegende Acht in das Notizfeld. Viele Worte braucht es für gewisse Sachen nicht.

Jedenfalls nicht für einen denkwürdigen Tag.

Seltsamerweise ignoriere ich die Tränen, die meine Wangen hinabrollen, spüre aber deutlich die klammen Finger des Oberarztes, die meine Schulter berühren, um mich zu beruhigen und mir beizustehen. All jene, die vor einem Augenblick in den Raum traten, mich trösten und den Schmerz lindern wollen, wissen nichts.

Sie wissen nicht, wie gewaltig die Flammen in mir lodern.

In zweierlei Hinsicht.

Nah an meinem Ohr flüstert der Oberarzt tröstende Worte, dass es nicht wehtut. Keiner hört sie. Keiner hört, wie verzweifelt sie mich ruft und fleht, ihr zuzuhören.

Keiner versteht es.

Wie auch.

Wer begreift schon vollkommen, was sich direkt vor seiner Nase abspielt?

Alle gaukeln sich lieber vor, sie verstünden das Leben, zanken und streiten sich permanent, anstatt zu verzeihen und den Gott einen lieben Mann sein zu lassen. Hinterher. Ja, hinterher verstehen wir, wie das Spiel läuft, und bereuen bitter, den Augenblick nicht grundehrlich Ehre zu erweisen.

Einen leisen Gruß murmelnd verlasse ich das Zimmer und keiner wagt es, mich zurückzuhalten.

Patricia, meine Schwiegermutter, liegt in einem nah gelegenen Raum und erholt sich von dem aufreibenden Geschehen. Vor diesem Krankenzimmer wartet Sarah auf mich und knabbert unruhig dreinblickend am Daumennagel. Nachdem sie mich bemerkt, wendet sie sich schmollend ab. »Du hast Glück, dass die Krankenschwester schnell mit einer Beruhigungsspritze da war, sonst hätte sie mir glatt die Augen ausgekratzt.«

Es klingt vorwurfsvoll, dabei erledigten alle Beteiligten ihre Sache erstklassig. Besonders sie. Trotzdem begleitet sie mich in den Raum, in dem Patricia ausruht.

»Danke dir, Sarah.«

»Was passiert jetzt?«, erfragt sie ihren nächsten Auftrag und wendet sich ab.

»Ich fahre heim.«

»Viel Spaß!«, entgegnet sie mit finsterer Miene, schnappt ihre Jacke und legt sie über ihren Unterarm. Gleichwohl bedenkt sie mich mit einem tiefsinnigen Blick, statt zu gehen, und runzelt ihre Stirn. »Für wie blöd hältst du mich, Rafael?«

»Ich halte dich nicht für blöd. Besorgt um deine Zulassung, trifft es eher, aber genau aus diesem Grund engagierte ich dich. Hier, dein vereinbartes Honorar in einhundert Euro Scheinen. Möchtest du nachzählen?«

»Nicht nötig«, murmelt sie, schlägt mehrmals den braunen Briefumschlag auf ihren Handrücken und mustert mich kritisch. »Willst du reden?«

»Nein.«

»Du verhältst dich wie ein Oberarsch, damit ... Gott!«

Meine Finger, die ich auf ihren Arm lege, unterbrechen ihren Anflug von Groll, der sich in einer Zornesfalte äußert. Sofort schweigt sie und schaut mit Schmollmund aus dem Krankenhausfenster zu einem Krankenwagen, der einen Patienten in die Notaufnahme einliefert.

»Sag das nicht!«, bitte ich.

»Rafael, ich ... ich mag dich.«

Ihr Gesichtsausdruck wechselt von ungehalten zu inständig bittend, bis ich sie in die Arme ziehe. Dort weint sie und bricht mein Herz in zwei Teile. Verzweifelt wimmert sie, rüttelt an meinem Entschluss, bis ich mein Gesicht in ihre Haare vergrabe und sie zum Abschied kräftig umarme.

»Ich weiß. Und ich mag dich, aber ich kann im Moment nicht. Ich habe gleich mein Vorstellungstermin.«

»Oh Mann, oh Mann. Du raubst echt meine letzten Nerven, Rafael! Sturer, dummer Mann.«

Meine Zeit drängt, dennoch lächele ich verzagt und schiebe sie behutsam fort. Tapfer wischt sie ihre Tränen fort, als käme soeben nicht ihr Angebot über die Lippen. Gekränkt senkt sie den Kopf, reißt sich zusammen und fummelt geistesabwesend an der modischen Bluejeans herum.

»Denkst du ab und zu an mich?«, hauche ich erstickt.

»Ich male während der Sitzungen Strichmännchen neben die Notizen und denke an dich dummen Mann.«

Ein zufriedenes Lächeln huscht über meine Lippen, denn ich entwickelte ein Faible für ihren subtilen Humor und vermisse ihn auf die eine oder andere Art.

Nachdenklich betrachtet sie Patricia, die leise schnarcht. Sarah überstand ihre nervenaufreibende Aufgabe und die ungewöhnliche Situation problemlos. Sie wirkt kraftvoll wie der frisch eingezogene Frühling. Heute Morgen ließ sie ausnahmsweise die Therapeutin im Büro und ist jetzt eine Frau, die sich tränenreich von einem Mann verabschiedet.

»Mach es gut, Rafael«, flüstert sie und trottet zögerlich hinaus.

Ich könnte ihr hinterherlaufen.

Ich könnte ihr hinterherrufen, bitte nicht zu gehen.

Ich könnte sie für immer in meine Arme nehmen.

Allerdings vermag ich nicht, hinterherzulaufen, hinterherzurufen, sie möge bei mir bleiben oder beteuern, sie für immer ganz fest in meine Armen zu nehmen.

Ich bleibe allein zurück. Lange spüre ich meinen Gedanken nach, bevor ich Patricia einen vorbereiteten Umschlag in ihre Handtasche stecke. Auf dem Kuvert schrieb ich in fein säuberlicher Handschrift ihren Namen. Sanft streiche ich über das kostbare Seidenpapier, fahre vorsichtig Patricias Wange entlang und beuge mich zu ihr hinab. »Danke für alles und auf bald.«

Dem Krankenhaus kehre ich den Rücken zu und eile an abgehetzte Krankenschwestern, Besuchern und dem gestressten Pförtner vorbei. Ich steige in meinen Wagen, der auf dem Parkplatz bereitsteht, drehe den Schlüssel im Zündschloss, bis der Motor startet und der Neuanfang prickelnd durch meine Venen rauscht.

Durch die östlichen Bezirke fahrend verlasse ich Berlin und steuere die vorgesehene Route an, die durch menschenleere Ortschaften führt. Jeder gefahrene Kilometer bringt mich meinem anvisierten Ziel näher.

Nach einer einstündigen Fahrt parke ich auf einem abgelegenen Parkplatz mitten in einem nebligen Nadelwald. Aus dem Handschuhfach hole ich eine Medikamentenbox und öffne das Fach, in dem meine Tabletten liegen. Mit einem Schluck Mineralwasser spüle ich hastig die bitteren Pillen hinab.

Keine Menschenseele treibt sich um diese Uhrzeit in dieser gottverlassenen Gegend herum. Die Luftfeuchtigkeit sammelt sich in dicken Dunstschleiern, die die Aussicht auf den kilometerlangen Wanderweg versperrt und bleischwer zwischen den Nadelbäumen klebt.

Ich steige aus und rufe meine Mutter an.

»Bachman.«

»Hallo Mutter.«

»Rafael! Vater und ich sorgten uns, weil du so früh von Gabriels Hochzeitsfeier fort bist. Dein Bruder war während der Trau-Zeremonie gar nicht bei der Sache, so sehr ging ihm deine überraschende Abwesenheit nahe. Alles in Ordnung bei dir? Alona sagte ...«

»Mir geht es hervorragend. Tut mir leid, wenn ich ohne ein Wort verschwunden bin. Ich bin stundenlang durch die Stadt gebummelt und habe dabei völlig die Zeit vergessen. Ich ging Alona ziemlich grob an. Es ging um... Nicht weiter dramatisch und ich rufe nicht an, um mit dir darüber zu streiten.«

»Das erwähnte sie mit keiner Silbe, als sie vorhin Kaffee mit mir trank. Komisch.«

Das sieht Alona, die unsere Familie als ihr zweites Zuhause ansieht, wahrhaftig nicht ähnlich. Diese Nachricht verdauend greife ich mir ratlos an den Kopf und rätsele über dieses sonderbare Verhalten.

»Sie erwähnte nichts?«

Meine Mutter seufzt und spart sich jetzt immerhin jeden Kommentar, was Alona betrifft. Angenehmerweise kam sie über diese schwierige Phase hinweg, mich unablässig mit der Tochter ihrer besten Freundin verkuppeln zu wollen.

»Wie fandest du und Vater die Polterhochzeit von Gabriel?«

»Polterhochzeit«, schnaubt sie aus. »Ehrlich gesagt ungewohnt für meinen Geschmack. Das schöne Porzellan.«

»Ach komm, wir zerbrechen auch ein Glas!«

»Ich muss dich sogar durch das Telefon rügen, Rafael Bachman! Wir werfen bei der Trauzeremonie nicht tonnenweise Essgeschirr auf den Boden, wie du weißt. Der ganze Radau erinnerte mich an irgendetwas Barbarisches. Schon gut, schon gut! Ich schweige jetzt lieber, denn ich höre dein entnervtes Schnaufen deutlich, mein Junge. Gabriel liebt Olivia. Es war so schön, beide unter dem Baldachin stehen zu sehen. Sag mal, wo treibst du dich herum?«

»Ich stehe auf einem Parkplatz. Gleich habe ich ein wichtiges Gespräch, rufe dich aber fix an, wegen des Einkaufs für das Gartenfest am Wochenende. Unerfreulicherweise schaffe ich es nicht rechtzeitig, Aurora aus der Schule abzuholen und zu euch ins Einkaufscenter zu bringen. Ich will mich vollständig auf das Gespräch konzentrieren.«

»Dein Bewerbungsgespräch in deiner alten Firma?«

»Haargenau. Ich bitte dich bei dieser Gelegenheit um eine weitere eine Sache. Es geht um Auroras Albträume, in denen sie mit anderen Frauen eingesperrt ...«

»Oh, Jahwe!«

»Bitte sprich mit deiner Enkelin! Für mich wäre es von großer Bedeutung, dass sie aus dem Teufelskreis rauskommt und von den unschönen Dingen aus der Vergangenheit erfährt. Von dir. Nach Möglichkeit vor Bat Mizwa, bitte.«

Lange genug schob ich diese Bitte vor mir her.

Um mich konkreter auszudrücken: zu lange.

Ich gerate daher in Erstaunen, jetzt, wo dieser Herzenswunsch auf dem Tisch liegt, mir ein riesiger Stein vom Herzen fällt und ausreichend Platz zum Atmen lässt. Mit der flachen Hand an der Kehle nehme ich den nicht zu leugnenden Umstand verwundert zur Kenntnis.

»Sorge dich nicht darum, mein Sohn! Ich übernehme das, denn du schleppst augenblicklich genug Last mit dir herum! Vater und ich holen Aurora nachher von der Schule ab. Ich nehme mich gerne deiner Bitte an und weiß auch schon, wie ich die heikle Thematik anpacke. Und du nimm dir heute die Zeit, die du brauchst, um dein berufliches Leben in die Spur zu bekommen! Wir drücken dir ganz fest die Daumen. Rede ich zu viel?«

»Hm«, reiße ich mich brutal zusammen und drücke gewaltsam die Lippen aufeinander, um meine Gefühle besser zu kontrollieren.

»Ja oder nein?«

»Ach Mutter!«, presse ich gequält hervor, ringe zugleich um Luft und Fassung.

»Gibt es neue Nachrichten?«

»Nein.«

»Wieso glaube ich dir nicht? Mal sehen. Ah da steht es im Kalender. Der Termin.«

»Nein, der Termin, den du meinst, findet erst morgen statt.«

Gepeinigt schließe ich meine Augen, denn mir wird plötzlich speiübel.

»Wahrhaftig? Warum markierte ich dann heute mit einem Kreuz den Kalender? Himmel, das ganze Chaos mit der Hochzeit deines Bruders bringt mich völlig durcheinander. Warte kurz, bin gleich wieder da!«

Ich höre durch das Telefon, wie sie geräuschvoll auf Papier kritzelt, vermutlich das Kreuz durchstreicht und den Termin auf morgen verschiebt. Angesäuert murmelt sie, was ihr in letzter Zeit mental alles durch die Lappen geht und es dringend mit ihrem Hausarzt besprechen muss.

Laut ihres Gemurmels erfahre ich unfreiwillig, dass die überzogen teuren Kräutertees nicht mehr helfen und ihr ›Apothekerheini‹ seit ihrem Gebrechen immer zügelloser zur reinsten Finanzhyäne mutiert.

»So, ich korrigierte rasch den Eintrag. Dein Vater und ich begleiten dich.«

»Nicht vonnöten. Hinterher komme ich zu euch, dann setzen wir uns gemütlich zusammen und besprechen wie es lief.«

»Wie du willst, aber ein mulmiges Gefühl darf mich schon beschleichen?«, zögert sie mit ihrer Frage.

»Vertrau mir! Ich liebe euch.«

Seufzend gibt sie nach, obwohl die Klangfarbe ihrer Stimme wankelmütig tönt.

»Ach, mein kluger, gutmütiger Junge. Ich wünschte, die Uhren ließen sich zurückdrehen.«

»Das wäre schön, nicht wahr?«

»Das wäre sogar fantastisch, mein Junge«, versucht sie, mich aufzumuntern.

Es misslingt.

Prompt verstummt sie, denn dieses Thema schmerzt entsetzlich. Mich freut, zu sehen, wie sie obendrein nach all meinen Ehejahren mit Paula von der Ansicht abrückt, Christen, Juden und Moslems bleiben besser unter sich. Gabriel, mein jüngerer Bruder, und seine Freundin Olivia profitieren von ihrer neuen, aufgeklärten Betrachtungsweise. Was mich für beide freut, aber nicht neidlos dreinblicken lässt.

»Ich richte Paula liebe Grüße von dir aus«, kommt heiser aus meiner Kehle.

Andauernd sehe ich zu den Kieselsteinen am Boden und scharre sie unnötigerweise beiseite, um das Brechen meiner Stimme zu vermeiden. Oder davon abzulenken.

»Du, ich muss los. Gib Aurora nachher einen dicken Kuss von mir! Umarme sie ganz fest für mich!«

»Du klingst höllisch müde, fällt mir auf. Alles in Ordnung?«

»Rührend, dass du dich sorgst.«

»Lenke nicht ab, Rafael!«

»Ich fühle mich müde. Irrsinnig müde, aber davon abgesehen geht es mir ...«

»Du lügst deine Mutter doch wohl nicht an?«

»Die lange Autofahrt sitzt mir im Nacken und ich bin offen gestanden ziemlich nervös. Mach dir aber bitte keine Sorgen um mich! Gleich stelle ich mein Telefon auf lautlos.«

»Zumindest sagst du mir das«, murmelt sie tadelnd.

»Wir sehen uns. Danke für alles. Ich meine es ernst.«

»Geh schon los, sonst verpasst du frecher Lümmel deinen Termin! Bis nachher.«

Augenblicklich beende ich das Telefonat, bevor sie mich erneut mit Fragen löchert. Ich stelle das Handy auf lautlos und lasse den Blick aufmerksam über den fremdartigen Ort schweifen.

Noch immer wirkt der einsam gelegene Parkplatz wie ausgestorben.

Noch immer wabert die Dunstwolke zwischen den geisterhaft wirkenden Bäumen.

Noch immer zwingt mich eine bestialische Enge in die Knie, spült mich mit sich fort und schmettert mich gewaltsam vor die Füße des Widersachers.

»Ich glaube nicht!«, schreie ich verzweifelt und aus Leibeskräften in diesem ungleichen Kampf. Bewies ich aller Welt doch erschöpfend, dass ich rechtmäßig angeklagt werde, elendig zu versagen.

Mich zusammenreißend und mit wutverzerrtem Gesicht richte ich mich unbeirrt auf, denn er darf mich kreuzweise. Wie wahnsinnig lache ich bei diesen verstörenden, aberwitzigen Gedanken und pfeife auf ...

Egal, ich pfeife auf alles.

1

Paula und Priska

»Meine Mama sagt, ich soll leise spielen. Eine Klientin wartet im Arbeitszimmer, die einen Heimgegangenen vermisst.«

»Ich hörte es, Paula von Wesselar. Du redest selbst laut und schimpfst mit mir. Ich spiel nicht mehr mit dir«, wettert Priska verstimmt.

Vorsätzlich stößt sie mit ihrem Fuß gegen meine Verkaufswaren aus dem Kaufmannsladen für Kinder. Die Pappschachteln purzeln vom Verkaufstresen, von dem ich zum Glück die zwei Stücke Kuchen räume. An denen setzt sie auch andauernd irgendetwas aus und feilscht hartnäckig.

Angeblich kosten meine Waren zu viel.

»Liebste Paula, ich finde, du benimmst dich heute hundsgemein«, murmelt sie und stellt den Einkaufskorb vor dem Tresen ab.

»Hundsgemein darf man nicht sagen. Das ist ein ungeschriebenes Gebot und wir sagen auch auf keinen Fall blöd. Deine Idee, erinnerst du dich?«

»Blöd, blöd, blöd. Dreimal blöd. Was sagst du jetzt, meine Liebe?«

Ihre Unterlippe steht vor, was sie albern aussehen lässt.

»Heute gehst du mir nicht auf die Nerven mit deinem: meine Liebste. Geh ruhig für fünf Minuten in die Kuschelkiste! Ich räume derweil auf und komme gleich hinterher.«

»Du gehst mir sehr wohl auf die Nerven. Gewaltig sogar! Nein, exorbitant und gewaltig gehst du mir auf die Nerven. Und in dem blöden Karton passt nur eine von uns rein. Sagst du immer selbst!«, murrt sie und rafft ihr auffälliges, aber schmutziges Sommerkleid zusammen.

Breitbeinig und einen Schmollmund ziehend stapft sie zum riesigen Pappkarton. In der Kiste sitzt sie am liebsten, wenn sie mich besucht. Ich gehe jede Wette ein, dass sie beim Kaufmannsladen absichtlich nörgelt, um rasch in den gemütlichen Karton zu kriechen. Die oberste Seite des monströsen Pappkartons versah Mama mit etlichen Lichterketten, die ein kuscheliges Licht erzeugen.

Und gute Gefühle verbreiten, darum nennt Mama sie auch Kuschelkiste.

Priska braucht dringend ›gute Gefühle‹. Nicht im Traum denke ich daran, meinen Besuch weiter aufzuregen, und sortiere allein die kleinen Früchte aus Pappmaschee, die Mama zu Weihnachten gebastelt hat. Ich schiebe den Tresen an das Verkaufsregal, stelle den Einkaufskorb davor und drehe das Öffnungsschild auf das Bild mit Feierabend.

Alles blitzt und blinkt, liegt an seinem angestammten Platz und ich fühle mich hervorragend.

Perfekt.

Fabelhaft.

Meine Kinderhände an der beigen Schürze abwischend, schaue ich zum Karton aus Pappe, in den Priska nicht hineinkrabbelt. Stattdessen schleicht sie auf Zehenspitzen aus der Kinderzimmertür, was mich beunruhigt nachsetzen lässt, denn Mama bat ausdrücklich um Stille.

»Priska!«, rufe ich mit unterdrückter Stimme der Unvernünftigen nach und spähe in den Flur, der am Ende rechts abbiegt. Exakt dort, wo Mamas Arbeitszimmer liegt und ich einen winzigen Zipfel des gelben Kleides mit der auffälligen Schleife huschen sehe. Priskas eigensinniges Verhalten finde ich definitiv nicht ulkig und eile auf Zehenspitzen hinterher.

An der Ecke angekommen, entdecke ich die angelehnte Tür. Aus Mamas Arbeitszimmer dringt leises Gemurmel und das Schluchzen einer weinenden Frau an mein Ohr. Bislang betrat ich das Zimmer nie, wenn Mama mit einer Klientin arbeitet, weil mir Mamas Erklärungen dazu genügen. Gebührend unbehaglich fühle ich mich bei dem Gedanken, ihre Bitte nicht zu befolgen. Selbst, wenn ich nur mucksmäuschenstill an der Tür stehe, brettsteif lausche und durch den offenen Spalt Priska erspähe.

Das kleine, unartige und dickköpfige Mädchen.

Mir stockt der Atem, wie ich sie hinter dem Stuhl entdecke, auf dem die Klientin sitzt. Angefüllt von kindlicher Entdeckerfreude betrachtet Priska auf Zehenspitzen stehend das grau gelockte Haar, welches sich durch einen Weinkrampf heftig bewegt. Enthusiastisch, verzückt und imponiert, erkundet sie hemmungslos die Klientin, all ihre Eigenheiten und sogar ihren Duft, der extrem zu fesseln scheint.

Schwere Vorhänge verdunkeln Mamas Arbeitszimmer. Eine entzündete Kerze, die auf dem runden Tisch steht, erhellt spärlich den Raum, aber es reicht aus, um einen Blick auf Mama zu erhaschen. Sie sitzt auf der gegenüberliegenden Seite, stützt ihre ineinander gefalteten Hände auf dem Tisch ab und hält ihren Kopf gesenkt.

Séance nennt sie es und bedeutet, Kontakt mit den Heimgegangenen der Klienten herzustellen und Nachrichten an Verwandte im Diesseits zu übermitteln. Ich hüte bislang ein kleines Geheimnis, denn ich sehe auch jene, die noch nicht zu gehen wünschen. Klingt komisch, aber es gibt viele Geschöpfe, die in einer Zwischenwelt festhängen oder eine Aufgabe erledigen.

Wie Priska.

Die erzählt mir nicht, warum sie nicht heimgeht, nur alle nasenlang, ich sei viel zu unerfahren in derlei Angelegenheiten, um es in seiner vollen Tragweite zu verstehen. Von Zeit zu Zeit flucht sie, weint herzzerreißend und windet sich vor Schmerzen im Bauch.

Andere Kinder meiden mich, weil Mama ihr Gehalt für die Miete und Essen angeblich als Hexe verdient, dabei lautet die korrekte Bezeichnung ›Medium‹. Mittler wäre auch in Ordnung. Priska meint, jeder raffinierte und intelligente Mafioso besitzt mindestens einen Mittelsmann und mehrere Kontaktmänner. Quasi eine Person, die abseits des Trubels der lärmenden Straße Botschaften oder geheime Nachrichten von A nach B überbringt.

So was in der Art macht Mama.

Nur nicht für Mafiabosse.

Und selbst, wenn sie eine Hexe wäre? Sie stiehlt das Geld nicht, betrügt die Menschen nicht mit falschen Aussagen und fordert kein Honorar ein, gesetzt den Fall, sie baut bei der Séance keine Verbindung ins Jenseits auf. Mich nennen die Kinder aus der Schule ›kleine Hexe‹ oder ›Hexentochter‹, obwohl wir nachts nicht auf einem Besen durch die Gegend fliegen oder Menschen verhexen.

Da schlafen wir.

Ich stelle mir in meiner Fantasie ab und zu vor, wie es sich anfühlt, gemeine Menschen in Stubenfliegen zu verhexen, denke mir aber, dass ihnen damit nicht geholfen wäre. Den Grund nenne ich gerne, ist aber auch kein großes Geheimnis, denn Stubenfliegen erledigen ihren Stuhlgang nach dem Zauberspruch überall in der Gegend und übertragen schlimme Krankheiten. Eine Spur ekelhafter finde ich, dass sie sich auf Kuhfladen, Hundehaufen und anderen unaussprechlichen Sachen setzen und sich dort auch noch wohlfühlen.

Igitt!

»Ich spüre eine Anwesenheit«, verkündet Mama nach einer Zeit der Trance und reißt mich aus meiner Gedankenkette.

Vor Jahren erklärte sie mir auf Nachfrage, was Trance bedeutet. Es käme dem Gefühl gleich, welches sich bei Menschen kurz vor dem Einschlafen einstellt. Ein Schweben, segeln oder fliegen, denn jeder empfinde dieses Gefühl anders.

Hm, nach meiner Logik wären dann alle Menschen Hexen, fällt mir grade auf, verschiebe die Gedankengänge aber auf später und lausche angespannt ins Zimmer.

»Mein Mann?«

»Unseligerweise nein, aber für jeden Kontakt gibt es einen triftigen Grund.«

»Oh!«, ruft die Frau entsetzt aus und schüttelt ihre graue Haarpracht kräftig durch.

Ihre duftigen, luftigen Locken flattern dabei munter umher, als säße sie auf einem Fahrrad und ließe den frischen Frühlingswind hindurchgleiten. In meiner rührseligen Idee stelle ich mir vor, das Fahrrad ist in Wirklichkeit ein Auto ohne Dach.

Wie heißen die noch mal?

Kapriolen.

Haargenau, sie sitzt in meinem Bild in einer Kapriole. Ein umwerfend aussehender und aufmerksamer Mann, ihr Herzensprinz, fährt sie zum Galadinner, auf dem sie mit ihren herrlichen Locken punktet. Und alle sich in sie verlieben.

Blah, blah, blub, ich habe jetzt keine Zeit, es weiter auszuführen, weil sich was Sensationelles im Zimmer tut und ich lasse vom Thema Herzensprinz und lockige Haare ab.

Auf den Gliedmaßen der Klientin richten sich alle Härchen senkrecht auf, was ich sogar an der Tür stehend wahrnehme. Sofort erkenne ich, warum sie aufgeregt atmet. Priska treibt Schabernack mit der unglücklichen Frau, die ganz schrecklich ihren Mann vermisst. Kurzerhand schleiche ich in das abgedunkelte Zimmer und flitze zum gepolsterten Sitzmöbel. Mit Müh und Not, verstecke ich mich rechtzeitig hinter dem massigen Rücken der Frau, denn Mama hebt den Kopf und sieht sich im Raum um, in dem die Luft vibriert.

Wie kurz vor dem Gewitter, bevor der Wind die Bäume durchschüttelt und jeder spürt: Gleich geht es los.

So ungefähr.

»Ganz entspannt bleiben!«, murmelt Mama mit gefasster Stimme und wachsamen Augen. »Nennst du uns deinen Namen und deine Absicht? Ich schreibe deine Worte gerne auf das Papier, wenn du durch mich sprechen magst und uns etwas für deine Lieben mitteilen möchtest.«

»Was geschieht hier?«, fragt die Klientin.

Mittlerweile liegen ihre Hände wieder auf der dunkelroten Tischdecke aus Samt. Beschwichtigend hebt Mama den Zeigefinger und signalisiert ihr, sich bitte einen Moment zu gedulden.

Vorsichtig zupfe ich an Priskas Rocksaum, damit sie sich geräuschlos neben mich setzt.

Nicht lustig.

»Kindlich«, erklärt meine Mama und senkt ihren Kopf, um sich nochmals zu konzentrieren. »Bedrückt und ...«

»Ja, und?«

»Nenn uns deinen Namen!«, bittet Mama einladend.

Wiederholt zupfe ich am gelben Rocksaum, doch Priska scheint das nicht im Mindesten zu beeindrucken. Kichernd fährt sie mit ihren Händen in das lockige, luftige Haar. Auf der Stelle stößt die Frau einen Schreckensschrei aus, springt entsetzt in die Höhe und sieht sich panisch um. Mir gelingt es rechtzeitig, mich hinzuhocken.

»Oh mein Gott! Oh, mein Gott! Was zum Henker geht hier vor?«, fragt die Frau, weil sie niemand entdeckt und mit einem Mal einen Geist im Raum vermutet.

»Beruhigen sie sich, Frau Kampe! Ich spüre keine schlechte Energie.«

Die Frau beruhigt sich jedoch nicht und schiebt schrill schreiend den Stuhl rückwärts, wobei er unsanft in meinen Rücken kracht.

»Aua!«, entfährt es mir.

Priska indes tritt an die Wand zurück und legt ein erfreutes Lächeln auf. Zu Tode erschrocken, starrt mich die Klientin an. Meine Welt bricht zusammen. Irgendwie schaffe ich es aber, sie anzusehen. Mir steht der Sinn danach, laut loszuweinen, bleibe aber an Ort und Stelle hocken.

»Hallo, gute Frau«, schluchze ich und erahne den drohenden Krach mit Mama.

»Jesus!«, schreit die Frau kopflos auf und stolpert über meine Beine, »Jesus Christus, steh mir bei! Ich sehe Geister!«

»Bitte beruhigen Sie sich, Frau Kampe!«, fleht Mama, die nun in die Höhe schnellt und um den Tisch eilt.

»Ich muss hier raus. Raus, raus! Ich muss weg.«

Die Haustür kracht in das Schloss, während ich mit flatterndem Herzen aufsehe, vor Schuldbewusstsein in den Erdboden versinke und stoisch meine Schelte erwarte. Mama stemmt ihre Hände in die Taille und sieht mich unzufrieden an. »Paula?«

»Ich wedele mit einer schwarzen Flagge, Mama.«

»Ich sehe keine schwarze Flagge.«

»Wenn du sie nicht siehst, rufe ich Parley.«

Ich schnappte das Wort in einem Abenteuerfilm mit Piraten auf.

»Parley?«

»Das bedeutet, wir verhandeln jetzt über das weitere Vorgehen.«

»Dann verhandelst du allein. Mich interessiert einzig, warum du Frau Kampe erschreckt hast. Also, ich höre!«

Vorsichtig lasse ich meinen Blick zu Priska gleiten, die noch immer an der Wand steht. Ihr Lächeln erstirbt jäh. Mit riesigen Augen beäugt sie Mama, die sie nicht sieht, nur fühlt. Im Gegensatz zu früheren Annahmen, dass alle Menschen Priska sehen, insbesondere Mama, leuchtet mir diese Tatsache erst zum jetzigen Zeitpunkt ein.

Mir fällt ein Schuppen von den Augen.

Ich weiß zwar nicht genau, wie konkret ein Geräteschuppen von den Augen fällt, aber Priska sagt es immer, wenn sie eine Einsicht überkommt. So in etwa, als wenn der Schuppen vorher im Weg stand und die Sicht auf wichtige Sachen versperrt. Egal, jedenfalls fällt dieser Schuppen von meinen Augen, weil er die Sicht versperrt.

Mit offenem Mund starre ich meine angebetete Mama an, fasse kaum, dass sie Priska noch nie sah, denn sie kommt oft zu Besuch.

Echt oft.

Schlagartig verstehe ich, warum Priska mich bat, ihre Besuche nicht herumzuposaunen. Dabei spiele ich nicht einmal ein Musikinstrument. Schuldbewusst senke ich den Kopf und denke fieberhaft darüber nach, warum Mama sie nicht sehen kann.

Nie sehen konnte.

Und, warum Priska ihre Besuche vor Mama geheim halten will.

»Sag schon!«

»Ich soll es nicht herumposaunen.«

»Sagt wer?«

Einen Seufzer ausstoßend packt meine Mama mich am Oberarm und zerrt mich rigoros in die Höhe. Noch immer sehe ich sie nicht an, sondern starre auf die Spitzen der knallroten Pantoffeln, die ich zu Weihnachten geschenkt bekam. Die, von denen jede Dritte in meiner Klasse träumt, sie aber nicht bekommt, weil sie viel Geld kosten.

Echt viel Geld.

Meine tollen, knallroten Pantoffeln, die ich freudestrahlend trage, vor dem Schlafengehen gründlich reinige und akkurat vor das Bett stelle, heben sie nicht an. Sie sind in Anbetracht der Umstände einerlei.

Blah, blah, blub, denn Mama will Antworten.

»Sag schon!«, bittet sie mich kaum hörbar und hebt sanft mein Kinn mit ihrem Zeigefinger an.

»Wir haben dich nicht absichtlich bei der Arbeit gestört«, lüge ich, um meinen Besuch zu schützen. Der rückt von der Wand ab, als wolle sie meine Worte mithören. Zu genau kenne ich das Versprechen, welches ich ihr einst gab, sitze jetzt aber in der Zwickmühle.

Ich habe Mama lieb und finde Lügen doof.

»Wir?«

Mama verschwimmt vor mir. Heiße Tränen rinnen über meine Wangen, bis ich sie nur noch als dunklen Schatten wahrnehme. »Parley, Mama. Biittteeee!«

»Sag mir wer!«, fordert Mama und beugt sich zu mir hinab.

»Parley«, hauche ich im Flüsterton. Meine Tränen laufen derweil aus der Nase und ich fühle mich erbarmungswürdig. Beharrlich schüttele ich den Kopf.

»Geh in dein Zimmer!«

Gehorsam wende ich mich der Tür zu und schlüpfe hinter Priska hinaus.

»Allein!«

Priska bleibt sofort stehen und sieht mich fragend an. Mamas Anweisung nimmt sie eindeutig mit, was glasklar in ihrem Gesicht geschrieben steht.

»Geht das?«, fragt meine Mutter sanft, die um den Tisch schreitet und sich auf ihren Stuhl setzt. Fragend sieht sie zu mir und erwartet meine Antwort. Einverstanden nickt Priska, schluckt schwer und drängelt sich tapfer zurück in das Arbeitszimmer.

»Es geht. Ihr kommt die Sache aber nicht hundertprozentig sympathisch vor«, übermittle ich. »Sie ängstigt sich.«

»Sie? Aha, verstehe. Also gut. Setzt dich bitte einen Moment zu mir!« Ungeduldig klopft sie auf den Tisch.

Lautlos schließe ich die Tür und schlurfe in mein Kinderzimmer. Dort angekommen, knipse ich die Lichterkette an und krieche in den Pappkarton. Ich lege mich mit dem Gesicht zu den vielen Lämpchen. Rhythmisch hebe und senke ich meine Hände und spiele mit dem Fokus, damit die Lichter verschwimmen. Irgendwann klopft es leise an meiner imaginären, aufklappbaren Eingangstür.

»Versteckst du dich?«, fragt Mama schmunzelnd und öffnet den Eingang ein Stück, um mich besser auszumachen. Meine Hände sinken und ich antworte nicht, sondern sehe sie lange an. »Kommst du kurz zu mir raus? Ich erkläre dir heute etwas Wichtiges, statt eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen.«

Ich drehe mich, krabbele in Windeseile hinaus und knipse die Lichterkette aus. Mit ernster Miene sitzt meine Mutter auf meinem Kinderbett und wischt ihre Hände an den Oberschenkeln ab. Nachdem ich vor ihr stehe, sieht sie mich bedeutsam an. Ich liebe es, mit meinem Finger ihre Oberlider entlangzufahren, wenn sie mich mit einer fesselnden Gute-Nacht-Geschichte zudeckt.

Mama ist eine hinreißende, friedvolle und lustige Frau, zu der ich aufschaue.

»Du bekommst also regelmäßig Besuch?«

»Sie fürchtet sich vor dir.«

»Vor mir? Warum?«

»Weil du mit den Heimgekehrten sprichst und sie das gruselig findet.«

»Sie starb im Zweiten Weltkrieg.«

»An was?«

»Ich fürchte, du verstehst es noch nicht.«

»Mann oh, das sagt sie auch andauernd. Dabei sieht doch jeder, dass da was nicht stimmt.«

»Du kannst sie sehen?«

»Ja, du nicht?«

»Nein, ich fühle ihre Anwesenheit. Nein, bleib hier und sage mir, was dich bedrückt!«

»Hexe sagen sie in der Schule zu mir und fragen, ob ich mal heimlich unsere Besen mitbringe«, bricht aus mir heraus, was mein Kinderherz aufwühlt.

»Mein liebes, liebes Kind. Alle Frauen in unserer Familie sehen oder fühlen Menschen, die aus dem Leben gingen. Dazu brauchen wir keine Hexenbesen oder Zaubersprüche. Sieh es so: Andere Familien bauen schöne Häuser. Wieder andere verkaufen als Apotheker Arzneimittel.«

»Andere unterrichten Kinder als Lehrer.«

»Kluges Kind.«

»Warum ängstigen sich die Leute aber vor uns und nicht vor den Familien, die schöne Häuser bauen oder Kinder unterrichten?«

Liebevoll hätschelt sie mich. Geduldig beantwortet sie alle Fragen, die ich stelle. Leider bleiben viele Fragen auch für sie unbeantwortet, was sie mir mit bekümmerter Mimik erklärt.

Zur gleichen Zeit, wie Mama das Licht meiner Bettlampe löscht, sich zu mir beugt, um mir ein Küsschen zu schenken, und mir süße Träume wünscht, erkenne ich eine wesentliche Tatsache. Sie sieht Priska nicht, kennt nicht alle Antworten und versteht die Welt ebenso wenig, wie ich.

Blöderweise fand ich, dass was mit mir nicht stimmt, weil sich im Umgang mit den Menschen alles so knifflig gestaltet. Dabei merke ich, ich bin okay.

Total normal.

Anders normal, aber normal.

2

Rafael und Daddel

»Schau mal! Der stammt aus einer Zeit, in der Deutschland geologisch gesehen am Äquator lag. Das war vor dreihundertfünfzig Millionen Jahren. Zieh dir die vielen Jahre rein! So lange gibt es diesen Stein, an dem die Menschen vorbeigehen, ihn mit der Fußspitze wegschnipsen und ihn nicht weiter beachten. Er sah gewaltige Dinosaurier vorbeilatschen, Säbelzahntiger oder den Neandertaler jagen.«

»Faszinierend«, murmelt Daddel. »Ne, ne, Dinosaurier find ich echt faszinierend, aber Steine nicht so.«

»Das ist kein Stein, sondern ein Gemisch.«

»Aus was?«

»Das erkennst du an den ganzen Einschüssen«, murmele ich, weil ich meinen Freund nicht weiter langweilen will. In Biologie und Erdkunde schläft er ein, statt der Lehrerin gebannt zu folgen, die jedes Mal leuchtende Augen bekommt, wenn ich die Hand hebe, um genauer nachzufragen.

Meine Fingerspitzen drehen und wenden den schmucklosen Stein, der für mich die ganze Welt bedeutet und zur reinsten Offenbarung wird. Mutter bringen meine Gesteine zur Verzweiflung, wenn ich einen in der Hosentasche vergesse und er in der Waschmaschine klackert, dass einem das blanke Grauen überkommt.

Die Bausteine unserer Erde sprechen eine klare Sprache, verheddern sich nicht in Lügen und erzählen viele Geschichten. Einst, als sich unser Sonnensystem ordnete, prallten gigantische Gesteinsbrocken aufeinander und zogen durch die Masse immer weitere an, bis der junge Planet alles herum anzog.

In einer Ausstellung, die ich als Sechsjähriger mit meinem Vater besuchte, begriff ich, dass alles Gestein um mich herum aus dem All stammt. Unser Planet besteht aus einem einzigartigen, zufälligen Gemisch, die ihn zu dem werden ließ, was er ist. Einem Gesteinsplaneten, der putzigerweise in der idealen Stellung im Sonnensystem und der Galaxie Lebewesen erschafft. Aber, im Vergleich zu unserem Körper, stellt unsere Galaxie noch nicht einmal eine Körperzelle dar, so winzig ist er im komplexen Zusammenhang gesehen.

Unbegreiflich winzig.

Dabei halten sich die Menschen für das Größte.

Was ich groß finde, sind die Myriaden von Galaxienhaufen, die miteinander verwoben sind und ein filigranes Cluster-Muster ergeben.

»Schau dir lieber das an!«, knufft Daddel mich unsanft aus meinen Überlegungen, in denen ich kolossale Klumpen im All aufeinanderprallen sehe und mir die Geräusche, die Aktivität und Energie vorstelle.

Daddel ist mein bester Freund.

Ich habe nicht viele, was daran liegt, dass ich lieber auf dem Boden nach Gesteinsbrocken Ausschau halte. Früh erkannte ich, wie wenig Menschen sich für die Erde faszinieren. Mich hingegen begeistert die zufällige Mischung aus Mineralien, Gesteinsbruchstückchen, Resten von Organismen und Gräsern. Wie zum Beispiel dieses exemplarische Sedimentgestein in meiner Hand.

Genauso nachsichtig wie Daddel mit meinen Eigenheiten umgeht, respektiere ich sein eigenwilliges Wesen, seinen Hang zur Tollkühnheit und seine Abenteuerlust. Ich sehe auf und weite erschrocken meine Augen, denn er legt ein selbstgefälliges Grienen auf und wiegt in seiner Hand drei Münzkapseln.

»Sag bloß«, entfährt es mir, worauf sich das Grinsen verbreitert.

»Ich habe sie aus dem Münztableau stibitzt, damit wir sie uns in aller Ruhe ansehen können. Keine Sorge, ich bringe sie anschließend wieder zurück und du musst dir nicht in die Hose scheißen.«

»Dein Großvater dreht uns den Hals um, wenn er Wind davon bekommt.«

»Quatsch, wenn überhaupt, erleben unseren zehnten Geburtstag nicht mehr«, albert er herum und wirft übermütig eine Kapsel in die Luft.

Erschrocken lasse ich einen Atemzug aus, doch er fängt sie problemlos, wie er alles problemlos hinbekommt, was er sich in den Kopf setzt. Darum entwickelte ich Sympathien für ihn, die durchaus ihre Berechtigung haben. Er ist geistreich, spontan und schlagfertig. Mit diesen Charaktereigenschaften nährt er unsere Freundschaft, seit mich Frau Finke am ersten Schultag neben ihn setzte.

»Das ist pures Gold und fähig, einen Geo-Nerd wie dich zu begeistern.«

»Nicht der Wert begeistert, eher das Material, Daddel. Gib mal her!«

Jeder von uns öffnet eine Kapsel und staunt auf seine Weise über das, was uns der Weltraum an Erbgut abtrat. Schätzungsweise der halbe Erdkern besteht aus dem Rohstoff, was sich in extremer Hitze dort verflüssigt und die Gemüter auf der Erdkruste erhitzt.

Irrsinn.

Zudem beispiellos idiotisch und egoistisch.

Aber das Element begeistert auch mich. Es glänzt in der flirrenden Sommersonne, erwärmt das Herz und erzählt mir alle Geheimnisse. Leider auch die, die von Habgier und Besitzsucht erzählen. Von Unrecht und Qualen.

Zum Beispiel von derlei Geschichten, in denen Menschen nach ihrem Tod die Goldkronen herausgebrochen wurden. Totengold nennt meine Großtante dieses Gold. Sie verflucht die Schweizer, die trotz des Wissens um dessen Herkunft, das Totengold damals in ihren Banken einlagerten und sich ihre Unabhängigkeit damit erkauften. Derlei Geschichten verkraftet meine kleine Knabenseele schwerlich.

Diese Münze könnte rein theoretisch aus dem Mund meiner Angehörigen stammen. Ich lasse meine Hand sinken. Prompt trauere ich um die armen Seelen und blende die Bilder aus, die sich diesbezüglich in meine kindliche Fantasie schleichen.

»Gold ist Käse, wenn es den Leuten nur um den eigenen Profit geht.«

»Ach komm! War dein Großvater nicht ein deutschlandweit bekannter Banker?«

»Alles Animositäten-Dingsbums, sagt Mutter, die es schließlich wissen muss«, stottere ich das komplizierte Wort hinaus, das Mutter immer benutzt, wenn es um Vorurteile geht.

Leider war mir das Glück nicht vergönnt, seine Bekanntschaft zu machen. Nach allem, was ich höre, war er ein feiner Mensch, der das Herz am richtigen Fleck sitzen hatte. Klar, erzielte er eine Menge Profit und hatte dabei anfangs nicht einen Groschen in der Tasche. Er vergaß es nie, starb aber an Prostata-Krebs, als ich zwei Jahre war.

Das ist ein Tumor am Hoden und schon bei dem Gedanken zieht sich alles bei mir zusammen. Will ich nicht bekommen und lenke mich mit Betrachtungen der antiken Goldmünze ab. Die, für die Menschen ihre Kinderstube vergessen, morden und andere aufwiegeln, um es ihnen abzuluchsen.

»Gestern quetschte mich Alona aus. Sie wollte wissen, ob du eine Freundin suchst. Sie versuchte, ihre Erkundigungen geschickt hinter einem Augenaufschlag zu verpacken, und ich musste mir das Lachen verkneifen. Alter, die fährt voll auf dich ab.«

»Gabriel schwärmt für sie. Soll sie ihn fragen, ob er sie ins Schwimmbad begleitet. Ich finde Mädchen langweilig.«

»Alles dreht sich bei denen um die schönste Sache der Welt.«

»Gesteine?«

Daddel biegt sich vor Lachen, springt die kleine Balustrade hinab und öffnet die dritte Münzkapsel. Jede antike Goldmünze legt er darauf aus und rückt näher an sie heran. Meine Frage ignoriert er und ich meinte sie auch nicht ernst. Ich will nicht über Alona sprechen, das ist alles.

Mein Kopf funktioniert einwandfrei. Ich merke allemal, wie oft die Tochter Mutters Freundin an unsere Haustür klingelt. Mit einem ehrfürchtigen Knicks schielt sie auf die Kuchenform in ihrer Hand und lässt Mutters Herz jedes Mal überschäumen.

»Ist sie nicht niedlich und wohlerzogen anzuschauen?«, schwärmt Mutter und packt in ähnlichen Lobpreisungen das köstliche Backwerk ihrer Freundin aus. Wortkarg sitze ich am Tisch, wenn sie Alona dann immer einlädt, auf einen Tee zu bleiben und mit uns Konversation zu halten.

Mal ehrlich ... Konversation zu halten. Schon die geschwollene Ausdrucksweise lässt massenhaft Pickel auf meiner Stirn sprießen, als lebten sie im Leben zuvor als Pilze in einem Mischwald.

»Um die Sache kurz zu machen, Daddel. Konserviert Alona mit mir, rolle ich mit den Augen, rülpse absichtlich flegelhaft oder stecke ungezogen die Zunge heraus. Mutter bringt das furchtbar auf.«

»Häh, Alona konserviert mit dir? Kommt das von Konserve?«

»Bestimmt, aber Deutsch ist nicht so meins. Ich denke, es ist so was, wie vornehm miteinander zu quasseln oder zumindest, es zu versuchen.«

»Also, ich halte mich lieber an die Konserve, statt an Mädels.«

»Ich auch. Ist alles echt kompliziert mit denen. Mir reicht meine Mutter schon.«

»Deine Mutter ist in Ordnung. Sie konserviert nur ein bisschen zu viel. Was lachst du so gehässig? Deine Mutter ist der Storch unter den Vögeln. Den Kopf ganz oben, die Haltung eins A und der graziöse Gang ...«

Daddel imitiert den Gang eines Storches, was dem meiner Mutter unwahrscheinlich nah kommt. Mein Körper schüttelt sich vor Lachen, schallt über den gesamten Monbijoupark und erschreckt die kleinen Kinder im alten Kinderbad. Auch die Berlin-Touristen, die hier nach alter Überlieferung knutschende Liebespärchen entdecken wollen, sehen sich suchend nach der lärmenden Quelle um.

»Wen haben wir denn hier?«

Hinter uns schlich sich Kalle mit seinen zwei Brüdern Heinz und Siggi heran. Breitbeinig und mit Händen in den Hosentaschen fühlen sie sich wie die Kings, kontrollieren den Park und fordern von jedem Schutzgeld ein. Wer nicht zahlt, kassiert Prügel, bis er doch lieber zahlt. Gossenkinder nennt Mama sie. Sofern sie sehr wütend ist sogar hinterhältige Kartoffelfresser. Aber nur, wenn sie mich nicht in der Nähe glaubt. Irgendwie habe ich auch keine besondere Schwäche für diese drei blonden, heißspornigen und raufsüchtigen Brüder entwickelt.

Normalerweise hängen sie am Volleyballfeld ab und verirren sich selten zum Kinderspielplatz. Hier liegen die Tageseinnahmen ihrer Erpressungen niedriger, weil besorgte Mütter diese Aasgeier verscheuchen.

»Was wollt ihr?«, lenke ich ab.

Geistesgegenwärtig stopft Daddel derweil unbemerkt die altertümlichen Münzen in die Hosentasche, die er fein säuberlich auf die kleine Steinmauer ausgebreitet hatte und mit Feuereifer betrachtete. Ich fürchte echt, ich erlebe meinen zehnten Geburtstag nicht mehr.

Aus zwei Gründen.

Erstens dreht uns Daddels Großvater den Hals um. Zweitens dreht uns sein Großvater den Hals um, weil die gierigen Kartoffelfresser-Drillinge einen auf Gangsterboss machen und sie uns gewiss gleich abknöpfen.

Wenn das rauskommt, sind wir erledigt.

Und ich Depp laberte unwissend mit seinem netten Opa, während er sich am Safe der Familie zu schaffen machte.

»Wer fragt dich, du Spasti? Also, Daddelheim, spuck es aus! Was macht ihr hier?«

»Ich wüsste nicht, was es dich angeht.«

»Ihr seid Schwulis!«, kichert Siggi und bewegt seine Zunge an der Innenseite der Wange.

»Gay Crusing1 oder was?«, höhnt Heinz, der aufgeregt Kalle anstupst.

»Die Schwulis treffen sich doch alle hinter dem siffigen Klohaus am Alex, um sich einen blasen zu lassen.«

»Du kennst dich aus und jetzt wundert mich nicht mehr, warum ich dich neulich dort sah«, kontert Daddel und feixt.

Nicht spaßig.

Gar nicht spaßig, wenn ich mir Kalles Miene eingehender betrachte.

In einem irrsinnig schnellen Satz ist er bei Daddel, packt ihn am Hals und reißt ihn zu Boden. Heinz und Siggi feuern ihn heiser schreiend an, auf meinem Freund einzuprügeln. Daddel wehrt sich nach Leibeskräften und verteilt Kinnhaken, bis ein Treffer auf die Nase die Rauferei für kurze Zeit unterbricht.

»Zehn Euro oder ich poliere dir die Visage. Beim nächsten Mal kassiere ich fünfzehn und komme nicht erst nachfragen, sondern du bringst sie mir aus freien Stücken.«

»Fick dich!«, röchelt Daddel und kassiert sofort wieder Prügel.

»Hört auf!«

»Hau ihm eine rein!«

»Weiter rechts!«

»Hört auf!«, schreie ich noch einmal, ernte den prüfenden Blick von Siggi, der eindeutig überlegt, ob er mich angreift.

Ich reagiere schneller und renne los.

»Ja, lauf nur, du Judas! Ich weiß genau, wer uns beim Rektor verpfiffen hat.«

Ohne nach vorne zu sehen, pralle ich in meiner Geschwindigkeit unsanft gegen ein Pärchen, die an der Spree entlang spazieren.

»Was geht hier vor sich?«, fragt der Mann, über den alle in der Gemeinde tuscheln, weil er mit einer geschiedenen Frau zusammenlebt. »Bist du nicht der älteste Sohn von den Bachmans?«

»Hinterhältiger Verräter«, schreit Siggi, der mit Heinz angelaufen kommt.

Der junge Mann horcht auf, hört Daddels Hilferufe und schaut mich fragend an. Ich springe in die Höhe, ergreife den nächstbesten Ast des Baumes, unter dem ich stehe und breche ihn ab. Er ist armdick und taugt allemal als verlängerter Meinungsverstärker.

Die dunklen Augen vor mir weiten sich entsetzt, jedoch renne ich zu Daddel, der von Kalles Schlägen hart getroffen wird.

»Ich mach dich fertig, du Jude, wenn du mir die zehn Euro nicht rausrücken willst!«

»Ich bin kein Jude und habe keine zehn Euro. Verpiss dich, du stinkst nach Kartoffeln«, schreit Daddel und schlägt wild um sich, nachdem ich bei beiden ankomme.

»Lass ihn los!«, brülle ich aus Leibeskräften und halte den Meinungsverstärker wie ein bekannter Baseballstar in Amerika.

Kalle schaut auf, verzieht höhnisch grinsend seinen Mund und entblößt seine gelben Zähne. Ich überlege nicht lange und will meinen Freund aus seinen Klauen befreien, zumal mich das überhebliche und selbstgefällige Spötteln von Kalle schon seit Jahren nervt. Mit einem urgewaltigen Schrei und einem kräftigen Hieb knallt der Ast auf seinen Oberarm, wo er zerbricht und all meine angestaute Wut entlädt.

»Was macht ihr Jungs?«, fragt der junge Mann und zerrt mich fort, damit ich mich besser nicht weiter vergesse.

Kalle fällt getroffen zur Seite und hält sich jammernd den Oberarm.

»Schwuchteln sind auch Menschen und du lässt uns besser in Ruhe!«, ereifere ich mich Speichel versprühend, obwohl mich der Arm des Mannes gefangen hält und mich mühelos zur Seite schafft. Zu meinem Entsetzen sehe ich, wie die drei Münzen aus Daddels Hosentasche purzeln, womit ich nicht allein bin.

»Was ist das? Wo habt ihr die her?«, will der Mann in einem strengen Ton wissen.

Daddel und ich tauschen einen Blick. In dem liegt alles, was unsere Freundschaft ausmacht und sich jetzt zum tausendsten Mal beweist.

Er bückt sich.