Summer Love Box

two

Anemonen Liebe

Only you - Sieben Tage Insel

Adelina Zwaan

AZ Books

Der Geschmack deiner Haut

Adelina Zwaan

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Widmung

Mit dir fühlt sich alles so viel an, wie es sich mit anderen zu wenig anfühlt.

Auf sehr sonderbare Weise sorgst du dafür, dass ich mich zu etwas entwickele, was ich mir nicht einmal annähernd in meinen kühnsten Wunschträumen ausgemalt habe. Jeden Tag reißt du mir zärtlich das schlagende Herz aus der Brust, forderst meine Persönlichkeit heraus und fängst es von Liebe erfüllt ein, wenn es sich in einem wilden Kampf gegen eben diese sträubt. Dann falle ich jedes Mal vom Himmel und lande weich in deine liebenden Arme.

Mehr brauche ich nicht.

Adelina Zwaan

Prolog

02.01.1997

Im Partyraum herrscht ausgelassene Stimmung.

Übermütig halten heute Abend wieder einmal Kommilitonen weitschweifige philosophische Reden. Einer aus unserer Runde steht derzeit mit Bierflasche in der Hand auf einem Tisch und palavert wild gestikulierend über den Sinn des Lebens.

Aus Sicht eines krepierenden Hundes.

Gleichermaßen abgestoßen wie fasziniert, lauschen die Zuhörer, denn eine Straßenbahn erfasst den Hund genau in dem Moment, in dem er seine Liebe zu einer Hündin erkennt.

Hinter mir öffnet sich die grau gestrichene Kellertür. Henner betritt den muffigen Raum, in dem sich an die zwanzig Studenten drängen. Mit seinen grünen Augen überfliegt er den Raum, erblickt mich und schließt die marode Kellertür.

Das knarzende Geräusch bringt den rhetorisch geschickten Redner aus dem Konzept.

Reino von Borstel.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaut der große, schnörkelig sprechende und dunkeläugige Mann auf Henner, den wir alle Henne nennen. Niemand lädt ihn zu unseren Zusammenkünften ein, dennoch kommt er ungefragt und ungebeten.

Wie an anderen Tagen haben wir uns im Partyraum versammelt, der im Keller des Wohnhauses liegt, in dem ich in einer Wohngemeinschaft wohne. Die verbrauchte Luft strotzt voller verbotenen Substanzen, die die Meisten der Anwesenden in Ekstase versetzt.

Die hier Versammelten studieren Lehramt an der Universität Leipzig und setzen sich in ihrer freien Zeit gerne mit philosophischen Themen auseinander. Unsere Reden gleichen denen von Rappern, die sich in gewagten, doch durchaus poetischen Lines dissen.

Momentan disst mich von Borstel. Er steht auf einem wackeligen Hocker. Seit wir uns kennen, fordern wir uns auf diese Art heraus.

Vor drei Wochen feierte ich meinen dreiundzwanzigsten Geburtstag. Mein blutjunges Gesicht glüht von der Rede des Selbstdarstellers mit der schmalzigen Geschichte von dem verliebten Köter. Nicht nur sämtlicher seiner rhetorischen Kniffe, auch sein Blick, seine Gestik und seine Mimik zielen einzig darauf ab, mich zu provozieren.

Auf einen Schlag fallen mir zehn Gegenargumente ein, warum der Hund nicht verliebt sein kann. Ich finde die Metapher abgedroschen und durchschaubar, aber ansatzweise schlau ausgedacht und mit beeindruckenden Stilelementen gespickt. Das wäre der einzige Grund, der mir einen kleinen Applaus abringt.

Wenn überhaupt.

An den Gesichtern der Zuhörer, die seine Rede gebannt verfolgen, erkenne ich blankes Entzücken, das mir eindeutig fehlt.

»Grüß dich, Tamara«, quatscht Henner mich süßlich an.

Argwöhnisch sehe ich an ihm herab, denn normalerweise verkehrt er in den teuren Klubs der Stadt. Dort, wo sich die feinen Pinkel vergnügen, frönt er für gewöhnlich in vollen Zügen das Leben als Sohn eines einflussreichen Juristen. Er spendiert kostspielige Getränke wie ein Wohltäter, der sich Freunde und Frauen kauft, wie andere ihr tägliches Brot.

»Hast du dich im Puff geirrt? Bekommst du nicht Pickel beim Anblick vom Arbeiterpack?«

Vergnügt lacht er auf und legt seinen Kopf schief, als wäre ich ihm nicht auf den Schlips getreten. Den Status, der ihn durch Geburt in die Höhe hebt, finde ich mindestens genauso abstoßend, wie seinen niederträchtigen Charakter. Derweil präsentiert er makellose Beißerchen, bis er sich mit Hand am Mund wieder fängt.

Jedoch taugt seine verschämte Geste nichts, um ihn liebenswürdig wirken zu lassen. Alles an ihm stößt mich extrem ab. Die giftgrünen Katzenaugen lösen jedes Mal eine unangenehme Gänsehaut aus. Selbst im Hörsaal spüre ich dieses Augenpaar beständig auf meinen Nacken ruhen, was mich direkt anekelt.

»Ich mag dich, Tamara«, hüstelt er und räuspert sich.

Gelangweilt und ihn überdrüssig, sehe ich zum Redner, der uns noch immer, in feinster ›Ich bin hier der Lehrer Manier‹ taxiert. Reino von Borstel trinkt einen kräftigen Schluck Bier und widmet sich wieder seiner wissbegierigen Zuhörerschaft.

Er besitzt das seltene Talent, mich in Aufruhr zu versetzen. Seine herausfordernden und verstörenden Reden hinterlassen gigantische Krater in mir, in denen ich mich konturlos und geistlos anfühle.

Und winzig.

Niemals würde ich dies offen zugeben und mir lieber die Zunge abbeißen, als es ihm gegenüber zu erwähnen. Er ähnelt einem unerforschten, mysteriösen und schwarzen Loch. Unaufhaltsam saugt er Materie auf und transformiert sie hinterher.

Zu was auch immer.

Bislang bleibe ich unschlüssig, ob der Nachname meine Ablehnung steigert, das kolossales Ego oder das immerwährende Lächeln. Unter Umständen ist es die Mischung aus allem. Im Internet wimmelt es von Borstels, jedoch schweigt er sich bislang beharrlich aus, woher das Adelsprädikat stammt. Dieses Geheimnis um seinen Familienstammbaum weckt die Neugier. Nicht allein meine, auch die anderer Studentinnen. Kein Geheimnis ist hingegen, dass seine Familie vermögend ist.

Und wo sich Geld auf Konten eifrig vermehrt, verwandelt Fortuna postwendend alles in Erfolg. Abartig, doch trifft das Sprichwort wieder einmal zu: Der Teufel scheißt gewöhnlich auf den größten Haufen.

Von Borstel schlägt sich nicht neben dem Studium in ein oder zwei geisttötenden Jobs die Nächte um die Ohren. Seine goldene Adelsnase darf sich in die Lehrbücher stecken, wann immer es ihr beliebt. Die Mark und Pfennige in seiner Hand dreht er nicht mehrmals um, wie die Mehrheit der hier versammelten Studenten.

Frauen scharen sich um ihn und schauen verliebt in seine tiefschwarzen Augen, denn dieser Junge ist nicht nur reich, sondern auch ansehnlich geraten.

Ich reagiere absolut allergisch auf reiche Pinkel, die der Erfolg einseitig und parteiisch verwöhnt. Die stinken schon auf drei Meilen gegen den Wind nach Machtgeilheit und Hinterlist. Egal, wie gut sie aussehen. Sie und ihre Vorfahren sättigen sich an den Lohnabhängigen, um selbst wie die Maden im Speck zu leben.

Wieder sieht er her.

Absichtlich desinteressiert verziehe ich mein Gesicht zu einer Grimasse und gebe damit unmissverständlich zu verstehen, was ich von seiner schwülstigen Rede halte.

Nichts.

Einmal stritt ich mit ihm nach einer Rede und zückte am Ende ein Messer, so fuchsteufelswild fühlte ich mich von seinen schlüssigen Argumentationen erschlagen. Klar erschrak ich zutiefst über meinen Ausraster. Entsprechend beschämt und von seinen Lachsalven begleitet, ließ ich das Messer fallen, stolperte aus der Wohnung und lief stundenlang bei strömenden Regen durch Leipzig-Plagwitz. Noch nach Wochen fuhr ich aus der Haut, wenn jemand in meiner Gegenwart seinen Namen erwähnte.

Mich bringt auf, wie logisch er die Argumente anbringt. Er hält allen Debatten stand, argumentiert ausgeklügelt und total überzeugend. Besonders die Art und Weise, wie fundiert er jede seiner Theorien belegt, lässt mein Herz vor Wut überschäumen.

In Debatten über die Ausrichtung der Didaktik1 setzt er mich problemlos schachmatt. Anstatt mich geschlagen zu geben, stachelt es mein Ego an, mich weiter diesem ungleichen Kampf zu stellen.

Wenn mich jemand über seine berufliche Laufbahn befragt, sage ich, dass ich ihn ganz sicher im Schulamt sehe. Ich sehe ihn mit Ende vierzig als stellvertretenden Schulamtsleiter hinter einem klobigen Schreibtisch hocken, weil er logisch und geschickt allesamt in diese Richtung manipuliert.

Zerknirscht über meine feindseligen Gedanken schnappe ich mir eine Bierflasche und wende mich ab. Seine Augen lodern vor Feuereifer und ich will mich zu keinem peinlichen Zwischenruf verleiten lassen.

Unterdessen applaudiert die Menge, über das pfiffige Ende erfreut. Kunstfertig spannt er den Bogen zu einem innerlich verletzten Kind, welches sich nach Liebe und Nähe sehnt, diese aber zeitgleich nicht annimmt.

Gemurmel erfüllt den Raum. Lachen und Kichern breitet sich wie eine Krankheit aus, die keiner will und doch jeder bekommt. Ich schenke von Borstel keinen Applaus, sondern nippe trotzig an meinem Bier und verdrehe die Augen.

»Ich geh nachher noch in die Disco. Kommst du mit?«, fragt Henne und öffnet sich ungefragt ein Bier.

»Hast du keine Edelnutte in deinem Nobelviertel gefunden, dass du dich hier nach einer verlausten Stundenbegleitung umsiehst?«

»Du tust immer hochtrabend, hast aber mehr von denen nackt gesehen, als eine Hebamme Babys in ihrem ganzen Arbeitsleben«, entgegnet er und deutet mit seinem Kopf zu den plaudernden Studenten. Die rotten sich mittlerweile in Grüppchen zusammen, um die Rede zu diskutieren.

»Wir wohnen zusammen, da bleibt es nicht aus. Eine Arbeiterwohnung ist von Hause aus so winzig konzipiert, dass sich deren Bewohner täglich über den Weg laufen«, antworte ich bissig und trinke gelangweilt mein Bier.

Das abgedroschene Vorurteil, dass es alle einer Wohngemeinschaft miteinander treiben, ödet mich an und entspricht in den seltensten Fällen den Tatsachen. Keine Ahnung, welche behämmerten Ideen ihm durch den Schädel gehen. Und ehrlich gesagt, will ich es auch nicht wissen.

»Ziehst du bei mir ein?«

»Du hast eindeutig einen Knall«, breche ich in höhnisches Gelächter aus und schüttele verneinend meinen Kopf.

Henne steht mit Händen in den Hosentaschen vor mir und grinst verlegen, als sei ihm seine Frage sofort unangenehm. Seine Lider senken sich über die grüne Iris, die in dem gedimmten Licht schimmert und damit aufhört, mich pausenlos anzustarren.

»War mein Beitrag so sterbenslangweilig, dass du dich seit Neuestem lieber mit Langweilern unterhältst, Tamara?«, erkundigt sich Reino von Borstel.

Ich drehe mich um und setze ein gekünsteltes Lächeln auf. »Auf einer Skala von eins bis zehn landest du heute bei läppischen Minus dreihundert. Ich gratuliere dazu, denn es kann schließlich nicht jeder von sich behaupten, mich derart zu langweilen.«

Reino lacht. Auf seiner Wange zeigt sich eine lange Lachfalte, die vom Nasenflügel bis zum Mund reicht. Sie umspielt seinen Mund und lässt ihn unverschämt attraktiv wirken. Die Augen ziehen sich in den Winkeln immer mit nach unten, wenn er vergnügt lacht. So auch jetzt.

»Ich muss schon sagen, dass du keine meiner Reden magst, verwundert mich inzwischen nicht mehr.«

»Blitzmerker!«

Abermals lacht er, wobei seine Augen zu Henne gleiten. »Wer hat den denn eingeladen?«

»Sag du mir: Brauchen Gutsherren neuerdings ein Einladungsschreiben, um an Vergnügungen des Pöbels teilzunehmen?«

»Mal ehrlich, ich bin nicht adelig. Warum reitest du ständig auf dieser Präposition herum?«

»Na, wie ich es auch drehe, vererbte Krankheiten scheinen dir nicht fremd, wie es scheint. Endogamie2 verursacht rezessiv3 vererbbare Krankheiten. Wärst du mal besser im Hochadel geboren, denn dort sind weit weniger Degenerationserscheinungen4 verbreitet. Vermutlich, weil sich die Landesfürsten weite Reisen leisten konnten und daher nicht im eigenen Dorf auf Brautschau gehen mussten.«

»Wunderbar, du verstehst die Botschaft meiner Rede ...«

»Im üblichen Sprachgebrauch wird es auch plump ›Inzest‹ genannt und hat Missbildungen zur Folge.«

»Jetzt mal Klartext, denn ein Punkt macht mich skeptisch: Was macht dich zur Expertin von Inzest?«

»Geht dich einen Pups an!«

»Wie ich es auch drehe, Tamara. Anscheinend hast du am eigenen Leib erfahren, was uns in dieser Sache eint. Ich stamme von verarmtem Landadel ab, was im Übrigen keine Schande ist. Hochmut hingegen schon.«

»Was, wenn dem sterbenden Köter keine Erleuchtung kommt, sondern nur Unmut. Darüber, dass er den Knochen vorher Vergraben hat, statt ihn sich zu Gemüte zu führen?«

»Unterhaltsamer Denkansatz. Hast du darum nur sporadische Liebesbeziehungen oder finde ich den Grund im Missbrauch?«

»Keine Liebesbeziehungen, von Borstel. Fick-Freunde sagt die schnöde Unterschicht dazu.«

Hinter mir kräht Henne aus vollem Hals, weil er uns ungeniert belauscht.

Grimmig sieht Reino ihn an, worauf Henne sofort verstummt. Von Borstel will mich an meinem Unterarm in eine ruhigere Gesprächsecke ziehen, doch ich winde mich geschickt aus seinem Griff und bleibe bockbeinig stehen.

»Es geht ein Gerücht um, dass du händeringend einen neuen Job suchst, Tamara. Ich schlage vor, dir meinen abzutreten, da ich aktuell auf ein anderes Angebot scharf bin. Ein Freund meines Vaters sucht in seiner Firma eine Assistentin für seinen Medienauftritt. Erstklassig bezahlt und unbefristet. Genau dein Ding. Soll ich dich vorschlagen?«

Ich trinke einen großen Schluck Bier und stelle geräuschvoll die leere Flasche auf einem Regal neben mir ab. Eine neue Stelle wäre wunderbar, aber ich kenne aus meiner Kindheit die Verstrickungen und Erwartungen noch zu genau, die einige Menschen an derartige Freundlichkeiten knüpfen.

In meiner Hosentasche tummeln sich seit drei Tagen einsame fünf Mark, die bis übernächsten Montag reichen müssen. Innerlich sträubt sich alles gegen die Annahme dieses verlockenden Vorschlags, denn garantiert will er eine widerwärtige Gegenleistung und tarnt alles als ›Angebot‹.

»Fick dich in dein hochherrschaftliches Knie!«, spucke ich aufgebracht in das gefällige, ovale Gesicht, aus dem er mich jetzt bestürzt anschaut.

»Wo liegt dein Problem?«

»Dein Preis ist mein Problem, von Borstel. Darum kannst du dich selbst aufs Kreuz legen und mich mit deinen lausigen Angeboten zukünftig in Frieden lassen!«

»Dir steht es nicht, wenn du Gossenjargon redest. Ich mache dir folgenden Vorschlag: Du nimmst das Jobangebot an und ich verlange nichts dafür.«

»Deine psychologische Dialektik funktioniert bei mir nicht.«

»Eines Tages wirst du mir das Gegenteil erzählen, denn du betrachtest es dann als das, was es ist. Ein Geschenk ohne jegliche Gefälligkeiten.«

»Ohne jegliche Gefälligkeiten sagst du und knüpfst jedoch diese eine Verbindlichkeit daran?«

Er überlegt eine Weile, denn genau genommen identifiziere ich einen riesigen Haken an der Sache, der ihm in seiner Argumentation anscheinend entgangen ist. Sorgfältig wägt er seine nächsten Worte ab. »Die tatsächlichen Gegebenheiten erkennst du eines Tages.«

Wiederum bringt er kluge Argumente vor, versenkt mich mit nur einem Treffer und kassiert sachlich tuend den Punkt. Verstört und bestürzt trete ich den Rückzug an, dränge mich unsanft durch die plaudernde Menge und fliege in die äußerste Ecke des Raumes.

Noch nie enttarnte jemand in wenigen Sätzen mein geheimnisumwobenes Handicap und bot zeitgleich eine Lösung an, die noch entsetzlicher schmerzt. Vertrauen gleicht für mich einem heimtückischen Wesen mit langen Fangarmen, scharfen Zähnen und sechs gefräßigen Mäulern. Es kommt einem Kraken gleich, was im Mittelalter nicht grundlos zu den gefürchtetsten Seeungeheuern zählte. Und ich fürchte mich auch im zwanzigsten Jahrhundert davor, wie vor nichts anderem auf der Welt.

Erst nach einer halben Stunde erlange ich halbwegs meine innere Ruhe zurück und schlurfe zu meinem abgestellten Bier im Regal. Neben der leeren Bierflasche steht ein einsames Schnapsglas, wie jenes, aus denen wir billigen Wodka trinken. Der klare Inhalt sieht verlockend aus und spült garantiert mein Elend hinab, welches ich immer dann spüre, wenn mir jemand zu nah auf die Pelle rückt.

Argwöhnisch hebe ich das Glas an meine Nase. Vorsichtshalber schnuppere daran, ob es sich tatsächlich um ein alkoholisches Getränk handelt. Obendrein probiere ich, ob es Wodka ist. Ist es, daher kippe ich den Inhalt in einem Zug hinunter. Mit einem neuen Bier spüle ich nach und schniefe die letzte Kullerträne in der Nase hinauf.

›Wird schon‹, heitere ich den kleinen, bekümmerten Teil in mir auf, der seit jeher, aber zwecklos, in solchen Situationen bitterliche Tränen weint.

Ein Weilchen schaue ich meinen Mitbewohnern zu, die sich angeregt mit Reino über seine virtuose Rede unterhalten. Urplötzlich erscheint mir der Raum, als befände ich mich in einer überhitzten Sauna. Egal, wohin ich sehe, steht von Borstel, dessen Anblick mir den Angstschweiß aus den Poren treibt.

Und nicht nur das.

Die Zimmerdecke des umgestalteten Kellers senkt sich unaufhaltsam nieder und will mich mit meinen Gefühlseindrücken zerquetschen, die nicht für ein erwachsenes Gespräch taugen. Mein Magen krempelt sich unangenehm auf links und ich muss an irgendeiner Stelle Halt suchen.

Mir nichts, dir nichts steht Reino vor mir, was mich entsetzlich erschreckt und mich zusammenfahren lässt. »Was ist los?«

Väterlich tatscht er an meinen Unterarm herum, was mich an den monströsen, übel riechenden Mann von einst erinnert und vor Panik aufschreien lässt. Immer läuft es nach dem gleichen Schema und nach den geheuchelten Liebenswürdigkeiten zertrampeln alle gefühllos mein Herz.

»Ich sagte: Fick dich, von Borstel!«, schreie ich. »Mache dich nur ungeniert über mich lustig! Philosophiere weiter über ... Du hast keine Ahnung, wie ...«

Weil ich schreie, drehen sich einige Kommilitonen alarmiert zu uns um. Besänftigend legt von Borstel seine Hände auf meinen Unterarm. Angewidert schleudere ich sie von mir, indem ich meine Arme blitzschnell hochfahre.

Reino hebt sofort die Hände in die Höhe und hält Abstand. »Alles gut. Es galt als unverbindliches Angebot und ich erwarte echt nichts von dir. Du kommst zu mir, wenn du soweit bist. Ich warte.« Der Blick verändert sich in diesem Satz. Skeptisch beobachtet er, wie ich immer stärker schwanke. »Was hast du getrunken?«

»Ich sagte: Fick dich!«, wiederhole ich heiser, mit letzter Kraft und leicht nach vorn gebeugt, aber auf kraftlosen Beinen.

Mein Magen begehrt auf, obwohl er nur zwei Bier und einen Wodka bekam. Abendbrot sparte ich mir, weil ich niemand anpumpen mag. Mein Stolz ist mindestens genauso grenzenlos wie die gähnende Leere in meinem Portemonnaie.

Ungelenk fuhrwerke ich mit den Händen in der Luft herum, damit es niemand wagt, mich zu berühren. Hektisch suche ich die Türklinke hinter mir, bis meine fahrigen Finger sie schließlich zu fassen bekommen. Schwankend stolpere ich hinaus.

Im düsteren Kellergang atme ich durch, doch meine Kraftlosigkeit lässt nicht nach. Mit letzten Kräften taste ich mich im dunklen Gang zur Treppe entlang, wo meine Knie erschöpft einsacken und jeden weiteren Dienst verweigern.

Habe ich mir eine Grippe eingefangen?

Das fehlt für einen rundherum beschissenen Abend. Ich versuche, mich mit aller Gewalt aufzuraffen, doch Tonnen an Gewichten ziehen mich unerbittlich zurück in die bodenlose Tiefe. Ein dicker Speichelfaden rinnt aus meinem Mund, was gewiss sehr unästhetisch aussieht.

Untypisch für eine Grippe.

Mir geht es hundsmiserabel und meine Zunge fühlt sich an, als bestünde sie aus Blei. Mich wundert es nicht, wenn sie heraushängt wie bei dem hechelnden Köter, von dem Herr von Borstel in aller Ausführlichkeit referierte. Dieses Stück Blei lässt sich nicht mehr mit Willenskraft bewegen und ist gänzlich ungeeignet, um nach der dringend benötigten Hilfe zu rufen.

Hinter mir ertönen Schritte, die sich rasch nähern. Irgendwer grapscht anzüglich in meinen Schritt. Bei dem unbeholfenen Versuch, die ungehobelte Flosse wegzuschlagen, kippe ich zur Seite.

»Sieh an, sieh an! Du siehst, Hochmut kommt immer vor dem Fall. Na, komm! Ich bring dich ins Bett.«

Ein ungeheuerliches Angstgefühl breitet sich mit jedem Herzschlag in meinem Körper aus, als ein dunkler, konturloser Schatten sich zu mir beugt. Absurderweise erinnere ich mich an damals, denn da überzog mich auch die eiskalte Gänsehaut des Schreckens.

Mit einem mühelosen Handgriff werde ich rabiat aufgerichtet und die vielen Treppenstufen zur Wohngemeinschaft hinaufgetragen. Mit jedem Schritt fliehe ich wie einst in eine kalte, tiefe Gletscherspalte.

Schreckliche Schwärze legt sich um mich, die keinen Seelenfrieden bringt, alle Kraft raubt und entsetzlich schmerzt.

Der Film reißt.


  1. Lehre vom Lehren und Lernen; Unterrichtslehre.↩

  2. Heiratsordnung, die Eheschließungen innerhalb der eigenen sozialen Gruppe bevorzugt oder vorschreibt.↩

  3. Rezessiv bedeutet in der Genetik „zurücktretend“.↩

  4. Vom ursprünglichen Zustand abweichende negative Entwicklung; körperlicher oder geistiger Verfall.↩

Kapitel 1

2018 Einundzwanzig Jahre später

»Die Hausaufgaben erledigen Sie bis nächsten Montag!«, rufe ich den Schülern der Klasse 10b hinterher.

Murmelnd erheben sich die Jugendlichen von ihren Stühlen, weil die Schulklingel zur Pause läutet. Einer wogenden Welle gleich, schwappen sie auf dem schnellsten Weg zur Tür des Klassenzimmers, denn jetzt steht die große Pause an. Jeder will auf den Hof, in den nahe gelegenen Supermarkt oder zu den Steintreppen am nahe gelegenen Karl-Heine-Kanal.

»Frau Weigert?« Lisa Barthold eilt mit einem Buch unter dem Arm auf mich zu. »Kann ich Sie bitte kurz sprechen?«

»Was gibt es?«

Sie stellt sich neben den Lehrertisch, an dem ich die Klausuren stapele. »Ich will nachfragen, welches Ergebnis es bei der Konferenz gab.«

Verblüfft sehe ich auf das blonde, langhaarige Mädchen vor mir. Das jugendliche Gesicht mit der glatten Haut wirkt, als bestehe es aus Porzellan.

»Ich bin nicht befugt, dir das Ergebnis mitzuteilen. Die Vorschriften, wie du weißt. Das Ergebnis erfährst du morgen«, antworte ich ausweichend und wende mich zum Gehen.

Mit ihren schlanken Fingern umklammert sie meinen Unterarm und hält mich nachdrücklich vom Gehen ab. Bei anderen Gelegenheiten fiel mir ihr Mut bereits auf.

Ihr starkes Herz beeindruckt.

In der Klasse nimmt sie keine Führungsposition ein, denn das Gefüge behagt ihr nicht. Das bedeutet nicht etwa, dass sie dieser Rolle nicht gewachsen wäre. Instinktiv weiß sie genau, für wen sich der Einsatz ihrer Kraft und Energie lohnt. Unabhängig davon steht sie bereit, wenn die Situation es erfordert und die Ordnung in eine unschöne Richtung zu kippen droht.

Darum nenne ich sie liebevoll Atlas. In gewissen Situationen schultert sie bereitwillig das Gefüge der Klasse, ohne Überlegungen bezüglich des eigenen Vorteils anzustellen oder etwas Profitables im Gegenzug dafür einzufordern.

Umso verfahrener gestaltet sich ihre Situation gegenwärtig.

»Bitte Frau Weigert. Ich will die Schule nicht verlassen!«

Rasch geben ihre Finger meinen Arm frei, nachdem ich verstimmt genau dorthin schaue. Inständig bittend sehen mich himmelblaue Augen an. In ihnen liegt trotz des klaren Blicks eine Intensität, die mich zuweilen erschüttert. Mit ihren sechzehn Jahren haben diese Augen Dinge gesehen, die eine Dreißigjährige vom richtigen Weg abbringt.

Lisa nicht.

Sie legt sich dann so richtig ins Zeug. Ihre hervorragenden Noten erarbeitete sie sich trotz widriger Lebensumstände. Damit straft sie alle Theorien, dass das Elternhaus für die schulischen Erfolgsaussichten entscheidend ist. Das Jugendamt will sie aus dem prekären häuslichen Umfeld holen, was wünschenswert für ihre Weiterentwicklung wäre.

»Das weiß ich, Lisa. Ich darf aber im Vorfeld nicht mit dir darüber sprechen. Du erfährst morgen das Ergebnis, also habe noch einen Tag Geduld! Auch, wenn es schwerfällt!«

Tränen rollen über die Kieferknochen des ovalen Gesichts und ihre Mundwinkel ziehen sich betrübt nach unten. Liebend gerne würde ich sie in meine Arme schließen, ihr zuflüstern, dass alles gut wird und ihr Mut zusprechen, doch dazu fehlt mir der Schneid.

»Lisa, es sind vierundzwanzig Stunden. Die musst du dich leider gedulden!«, höre ich mich klanglos daherreden, statt taktvolle Worte zu finden, berühre sie jedoch vorsichtig am Unterarm.

Verdrossen nickt sie, während die dunklen Flecken auf ihrer weißen Leinenbluse von ihrem inneren Aufruhr zeugen. Ihr schmächtiger Leib wendet sich schnell zum Gehen. »Verstehe.«

Mit hängendem Kopf trottet sie aus dem Klassenraum. Ich sehe hinterher und fühle mich machtlos. Ergebnislos habe ich mich gestern für sie eingesetzt und mit dem halben Kollegium angelegt. Ich habe wie eine Tigerin für ihr Junges gekämpft, doch alles half nichts. Der Rotzlöffel, der sie gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr nötigte und dabei schwängerte, ist der Sohn des Schulamtsleiters und darf an der Schule bleiben. Alle kuschen lieber, als Klartext zu reden und damit den verhassten Broterwerb zu riskieren.

Die Schulleiterin, glaubt Lisa der Einfachheit halber nicht, dass es gegen ihren Willen geschah. Sie drängt Lisa sogar, die Anzeige zurückzuziehen. Dabei ist es Aufgabe der Schule, darauf zu achten, was sich in den Mauern des Gebäudes abspielt, statt das Offensichtliche zu vertuschen. Betrübt sehe ich zu Boden, denn in gewisser Weise versagte ich, was mir seitdem ein ungemeines Druckgefühl im Kopf verursacht.

Auf dem Flur vor der Klassenzimmertür eilen Schüler und Kollegen mitleidlos in die nächsten Unterrichtsstunden. Zerstreut sehe ich zu und frage mich, wer von ihnen Anteil an ihrem Schicksal nimmt. Von Lehrern und Schülern geschnitten, als Lügnerin und billiges Mädchen hingestellt, keine Unterstützung aus dem Elternhaus bekommend bleibt mein Atlas dieses Mal auf sich allein gestellt.

Ich hake die Sache nicht ab, ignoriere oder vergesse sie, denn viel von meiner eigenen Vergangenheit mischt sich in diesem Fall und meldet sich vehement zu Wort. Meine Hand holt aus und pfeffert frustriert den Berg Zettel zu Boden, den ich vorhin gewissenhaft gestapelt habe. Die Klausuren flattern auf dem polierten Parkettfußboden und landen verstreut, verdreht und ungeordnet um den Lehrertisch.

»Mara. Was ist los?«

In der Tür steht Reino. Er ist der einzige Mensch, der mich Mara nennt, nicht Tamara.

Nachdem er vor einigen Jahren an mein Gymnasium gewechselt war, begrub ich das Kriegsbeil aus unserer Studienzeit. Damals begleitete er mich eines Tages ein Stück nach Hause. Vor einem verfallenen Gebäude blieb ich stehen, vor dem eine Statur aus Sandstein die Erde stemmte.

Atlas.

Lange sah ich Reino an, bevor ich in das verfallene Gebäude schlüpfte. Schweigend folgte er mir über verrottete Bretter, Glasscherben und der steinernen Treppe. Aus einem der zerschlagenen Fenster im Obergeschoss sah ich über die Dächer von Plagwitz und gestand ihm, dass ich meinen Vornamen schrecklich finde.

Ich gestand ihm noch mehr.

Zum Beispiel, dass er zu Studienzeiten für mich Sinnbild eines erfolgsverwöhnten Jungen aus vermögendem Elternhaus war. Ihm flog alles zu, während sich andere für viel weniger wesentlich mehr abstrampelten. Er bekam gute Noten im Vorbeigehen, die besten Jobs, die er nicht zum Überleben brauchte und jede Frau, die er wollte.

Stell dir vor, du strampelst dich ab, bis deine Kräfte dich verlassen. Ungeachtet aller Anstrengung bleiben deine Bemühungen erfolglos. Aus dem Nichts taucht plötzlich eine Hand neben dir auf, die dich mit einem Lächeln auf ein kostspieliges Motorboot einlädt. Du wirst freundlich aufgefordert, ein Stück auf elegante, bequeme Art mitzufahren.

Die liebenswürdige Geste beschämte mich zutiefst, weil es mich in meinem Strampeln so armselig aussehen ließ. Ich gab alles, verausgabte mich völlig und wusste, ich gehöre einer Mehrheit an. Vor Wut auf dieses kräftezehrende Gesellschaftssystem lehnte ich Reinos Hand und Hilfe ungehalten ab, als er sie mir mit einem bezaubernden Lächeln an jenen Abend anbot. Doch schon kurz darauf änderte sich mein Bild von ihm.

In einer Notsituation.

Er fand mich blutüberströmt in meinem Bett, während ich wie am Spieß schrie. Aus dem Krankenhaus zurück kochte er mir Tee oder Essen. Nächtelang saß er auf dem abgewetzten Sessel meiner verstorbenen Großmutter und wusch sogar meine schmutzige Wäsche, weil ich nicht in der Lage dazu war. Andere verkrümelten sich, um nicht mit in die unangenehme Sache hineingezogen zu werden.

Er nicht.

Weinte ich, nahm er mich in den Arm, was ich anfänglich mit extremen Wutausbrüchen quittierte. Er war mein Prellbock, der meine Flüche, Anfälle von Schreikrämpfen und spitzen Fingernägel stoisch abfing.

Irgendwann beruhigte ich mich, weil er nicht von meiner Seite wich. Egal, was ich ihm an den Kopf warf oder wie tief meine Fingernägel in seine Handflächen kratzen. In dem Sessel sitzend und auf mich aufpassend wurde er peu à peu mein Rettungsanker.

In dem verfallenen Haus mit dem Atlas am Eingang gestand ich Reino, ab wann ich ihn als meinen Freund ansah. Daraufhin lächelte er mich an und sah lange aus dem Fenster.

Verblüfft sah ich zu, wie er seine Hand ausstrecke. Versöhnungsbereit legte ich meine hinein. Er zog mich in seine Armbeuge. Ewigkeiten sahen wir nebeneinanderstehend aus dem Fenster mit den mutwillig zerschlagenen Glasscheiben. An den Wänden hingen vergilbte Tapetenreste, es roch muffig und war zugig, aber wir genossen die Aussicht auf die orangerote Sonne, die unaufhaltsam den Tag verabschiedete.

Auf dem Heimweg schlug er mir vor, am nächsten Tag in seinen Squashverein mitzukommen und mit ihm zu trainieren. Für einen klitzekleinen Moment erschien es mir, als wisse er alles über mich. Ehrlich gesagt kam mir diese Tatsache beflügelnd vor, da ich es nirgendwo sonst erlebe. Immer muss ich mich irgendwie erklären.

Bei ihm nicht.

Seit jenem Tag pflegen wir eine intensive Freundschaft. Unter den männlichen Kollegen ist er der Einzige, der versteht, welche Hilfe und Zuwendung Lisa im Moment benötigt. Gestern plädierte er vehement für ihr Verbleiben an der Schule und schlug sich damit auf eine recht unbequeme Seite.

»Ist doch alles Scheiße, wenn ich es genau nehme«, antworte ich verdrossen und sehe zu den durcheinandergeratenen Klausuren am Boden.

»Kommt ihr heute Abend zum Essen?« In seinen Händen liegt der Stapel, den ich ihm nun abnehme. Er lud mich und meinen Freund Daniel zum Abendessen bei sich Zuhause ein. Nach anfänglich skeptischen Blicken gewöhnten sich unsere Partner an unsere geschlechterübergreifende Freundschaft, die komischerweise länger hält, als jede meiner intimen Beziehungen.

Bevor Reino Lidia kennenlernte, war er fünf Jahre mit Alex verheiratet. Gefühlstechnisch gleicht die neue Beziehung einer aufreibenden Achterbahnfahrt, wobei keiner der Beiden sich zu einem Ende durchringt. Dem Aussehen nach fährt er momentan durch ein sehr tiefes und finsteres Tal.

Anfänglich verwunderte auch Lidia unsere Freundschaft. Es gab etliche, unschöne Missverständnisse, die wir in hitzig geführten Gesprächen ausräumten. Heute sieht Lidia mich kritisch an, wenn Reino einem Arm um meine Schulter legt oder mich in die Arme schließt, lässt aber inzwischen ihre polnisch, temperamentvollen Krallen eingefahren.

»Ja, sofern Daniel sich nicht wieder verspätet. Er fuhr heute Morgen frühzeitig los, weil viele Termine anstehen. Ich werde in jedem Fall pünktlich sein.«

»Lass mich das machen!«, sagt er und schiebt meine Hände beiseite, um die letzten verstreut liegenden Klausuren aufzusammeln.

»Lisa fragte eben nach dem Beschluss des Kollegiums.«

»Und?«

»Nichts und. Ich musste sie am Boden zerstört fortschicken und könnte am liebsten laut aufschreien, so ungerecht finde ich alles.«

»Ich verwöhne euch heute Abend. Wir essen was Leckeres, sitzen zwanglos bei einem Glas Rotwein zusammen und langweilen Daniel mit unseren haarsträubendsten Kabbeleien aus Studienzeiten.«

Ich grinse, weil Daniel diese alten Kamellen sterbenslangweilig findet. Jetzt straffe ich mich und verlasse besser gelaunt das stickige Klassenzimmer, während Reino unterdrückt lacht und mir auf den Flur folgt. An der Tür zum Lehrerzimmer angekommen, hält er mir die Tür auf.

Von den durchgehenden Fensterfronten, an der sich mehrere Computerarbeitsplätze stehen, strömt Tageslicht in den großen Raum. An der Wand der Eingangstür erstreckt sich über die gesamte Breite ein Regal mit abschließbaren Lehrerfächern. Ein halbhoher Tresen trennt den riesigen Tisch, um den die vielen Sitzgelegenheiten stehen und den Eingangsbereich.

Das überfüllte Lehrerzimmer wirkt in den großen Pausen unruhig. Auch jetzt. Eine Traube männlicher Kollegen steht an der Kaffeemaschine. Sie debattieren mit Händen und Füßen. Andere Kollegen sitzen am Tisch und kauen lustlos ihre Mittagsmahlzeit, während sie fieberhaft in Ordnern und Zetteln blättern.

»Ich muss jetzt in die 10a«, erkläre ich und lege die Klausuren in mein Schließfach. Ich verriegle das Fach und widme mich den jüngst verteilten Informationsblättern, die in meinem Ablagefach im halbhohen Tresen liegen. Die Schulleiterin brummt mir gleich drei neue Vertretungsstunden auf, um sich für meinen gestrigen Auftritt zu rächen.

»Blöde Kuh!«, murmele ich verschnupft in meinen nicht vorhandenen Bart und stopfe die Dokumente gewaltsam in das Ablagefach zurück.

Reino steht am Fenster. Er kaut einen Apfel und sieht dabei in den Innenhof. In Gedanken vertieft, schaut er kurz auf, wobei dieses Mienenspiel mir zu verstehen gibt, dass ich zu ihm kommen und aus dem Fenster sehen soll. Mich interessiert, was er sieht, also trete ich näher, stelle mich neben ihn und schaue hinunter.

Eine Traube pickeliger, schwitzender Jungs steht um Justin Graft versammelt. Aufgeregt lauschen sie seinen Erzählungen und lachen verdruckst über jeden seiner schlechten Gedankenblitze, die sich ganz sicher um Lisa drehen. Meine Nackenhaare stellen sich auf, ohne zu hören, was er von sich gibt.

Hinter vorgehaltener Hand tuscheln die Kollegen, dass Justin nicht ohne Grund an dieser Schule und genau in meiner Klasse landete. Er gestikuliert mit Händen und Füßen. Wie sein Vater. Diese großspurige Körpersprache kopierend steht er breitbeinig vor den versammelten Jugendlichen, grinst von sich selbst überzeugt mit schiefem Mund und fühlt sich unantastbar.

»Sieh dir das an! Er feiert sich und seine Untertanen himmeln ihn an, als sei er das Maß aller Dinge.«

Zustimmend brummt Reino neben mir und beißt in seinen Apfel. Zur Ablenkung stelle ich mich an die Stundentafel, die wir salopp ›Sklaventafel‹ tauften. Reino unterrichtet in der nächsten Stunde die 8b. Schwierige Klasse, aber er gilt als beliebter Lehrer und kommt mit ihnen klar.

Ein Poltern lässt mich aufblicken.

»Wir brauchen schnell einen Notarzt. Lisa schneidet sich auf der Toilette die Pulsadern auf«, stammelt der blasse Schüler mit großen, vor Panik geweiteten Augen, der in das Lehrerzimmer stürmt.«

Geistesgegenwärtig sprinte ich in das Durchgangszimmer, welches zwischen Lehrerzimmer und Büro der Schulleitung liegt. Die Sekretärin Frau Hull ist zu Tisch, daher schnappe ich an ihrem Schreibtisch den Telefonhörer. Mit zittrigen Händen wähle ich die Notrufnummer und winke den blassen Jungen zu mir.

»Lisa schneidet sich ihre Pulsadern auf und alles ist voll Blut.« Ein hysterisches Mädchen taucht in Tränen aufgelöst neben dem desorientierten Jungen auf. Mit angsterfüllten Augen sieht sie zu, wie ich angespannt in den Telefonhörer lausche und ihr zunicke.

Endlich meldet sich eine Stimme am anderen Ende der Telefonleitung. »Bitte schicken Sie einen Krankenwagen! Eine Schülerin fügt sich Verletzungen zu und blutet massiv«, melde ich, nenne Adresse und deute dem hysterischen Mädchen zu bleiben, damit sie mir weitere Auskünfte für die Rettungskräfte gibt.

Nachdem soweit alles an Fakten durchgegeben ist, reiche ich den Telefonhörer an einen Kollegen weiter, um nach Lisa zu sehen. Getuschel erschallt im Flur, während ich mich durch die versammelte und ungeniert gaffende Menschenmasse vor der Mädchentoilette drängele. Neugierig recken sie ihre Hälse, um einen kurzen Blick auf die kreischende Lisa zu erhaschen.

Mühsam arbeite ich mich durch das sensationshungrige Publikum und stehe kurz darauf in der Mädchentoilette. Dort bietet sich mir ein fürchterliches Bild.

Die weinende Lisa krümmt sich auf dem Boden und stammelt unentwegt mit heiserer Stimme, dass ihr sowieso niemand glaubt. Ich knie mich neben sie, hebe ihr verweintes und gerötetes Gesicht an und ignoriere das weithin verteilte Blut.

»Lisa«, hole ich sie mit leisen Worten zu mir und streife die blonden, klebrigen Strähnen aus dem verweinten Gesicht. »Ich glaube dir.«

Verstört schaut sie mich an. Ihr Mund zittert, ebenso ihre Hand, aus deren Handgelenk Blut tröpfelt. Dessen ungeachtet reiße ich unsanft ihre Hände in die Höhe, was sie für einen Moment wachrüttelt.

Wimmernd versteckt sie ihr blutverschmiertes Gesicht in meiner Kleidung, um dort Schutz zu finden. »Ich will es nicht. Es macht mein Leben kaputt.«

»Komm her, Josi!«, rufe ich einem Mädchen zu, das sich energisch durch die Menge arbeitet. »Halte ihre Hände hoch, bis die Sanitäter dir was anderes sagen!«

Unerschrocken greift Josi die blutigen Finger und reckt tapfer Lisas Arme in die Höhe.

»Gut so«, lobe ich und beuge mich zu Lisa, die unentwegt wimmert, dass sie das Kind nicht haben will. »Gleich kommen die Ärzte.«

Meine Finger fahren durch ihre langen Haare, bis ich ihren Nacken erreiche. Vorsichtig packe ich ihn, zwinge ihr Gesicht in meine Richtung und verlange erbarmungslos, dass sie mich für meine nächsten Worte anschaut.

»Ich nähe dir persönlich die Schnitte mit einer stumpfen Stopfnadel zu und rufe keinen Notarzt, der dich dafür sediert, solltest du es noch einmal diesen Scheiß versuchen! Mach das ja nie wieder, verstanden? Und das sage ich dir nicht als deine Klassenlehrerin, sondern als Frau.«

Ihr Mund zittert, aber für einen kurzen Moment senkt sie ihre Lider. Beruhigend drücke ich das hilflos weinende Mädchen an meinen Brustkorb, wo sie enthemmt in Tränen zerfließt und sich an mich klammert.

»Halte die Hände höher!«, rate ich Josi, die ihre Hände zu weit absinken lässt, weil sie sich auf mich konzentriert.

Endlich arbeiten sich Sanitäter durch die glotzende Menge und schieben mich unsanft beiseite, um Lisa zu versorgen. Josi und ich sorgen dafür, dass Lisa Schutz vor der schaulustigen Menge erhält und die Sanitäter alle Fragen beantwortet bekommen.

Bevor sie auf der Trage in den Rettungswagen liegt, nehme ich eine ihrer blutverschmierten Hände, drücke sie fest und beuge mich über sie. »Es kommt nicht darauf an, wie viele Menschen dir glauben, sondern wer.«

Ohne Antwort gleitet ihr entrückter Blick an die Decke der Toilette. Der Griff um meine Hand löst sich. Sie blendet die spöttischen Gesichter der Schüler aus, die sich zur Trage beugen, sie aufziehen oder teilnahmsvoll dreinblicken.

»Das haben Sie sehr schön formuliert«, raunt Josi mir zu, die mit mir den Sanitätern hinterher sieht.

Haselnussbraune Augen sehen in meine und ich weiß nicht, wer von uns im Moment mehr Halt braucht. Kurzerhand ziehe ich sie zu mir, drücke sie fest an mich und umarme ihren rothaarigen Schopf, während ich ihre Schläfe herze.

»Danke für deine Unterstützung«, murmele ich an ihrem Ohr und spüre, wie ihre Arme mich zaghaft umschlingen. Für einen winzigen Atemzug schmiegt sie sich an mich und genießt die Vertrautheit, die sie von ihren Eltern ganz sicher nicht kennt.

»Schon gut. Was Sie gesagt haben, war echt spitze und ich hoffe, sie macht so einen Quatsch nicht noch einmal.«

»Komm, wasch dich und dann gehst du nach Hause! Für eine neue Hose gebe ich dir Geld, nicht dass du daheim Ärger bekommst.«

»Sie müssen das nicht, wirklich«, beteuert sie und öffnet den kalten Wasserhahn. »Ich weiche es mit kaltem Wasser ein und keiner merkt etwas.«

»Wie nie einer etwas mitbekommt?«

Josi reagiert nicht, beugt sich stattdessen über das Waschbecken.

»Melde dich, wenn du Hilfe brauchst!«, ergänze ich doppeldeutig, lege meine flache Hand auf ihren gebeugten Rücken und fahre vorsichtig darüber. »Gleichgültig welche.«

Vor der Toilette löst sich nach und nach die versammelte Menge auf. Den Schülern scheint Lisas Schicksal einerlei. Die Meisten glauben ohnehin Justin. Dem Lieblingsschüler, dem Schönling, dem Lackaffen ohne jegliches Selbstbewusstsein. Derzeit erzählt er allen ungefragt seine erlogene Variante, die Lisa als käufliches Mädchen darstellt und sich angeblich mit Lügengeschichten an ihm rächt.

Vor Zorn über die derzeitige Situation bebend finde ich mich an der geöffneten Tür des Lehrerzimmers wieder. Entsetzt sehen mich die anwesenden Pädagogen an, von denen die Meisten gestern in der Sitzung dafür plädierten, dass dieses liederliche Mädchen besser die Schule verlässt. In mir arbeitet sich eine Stinkwut empor, die unaufhaltsam durch meinen Körper arbeitet und dämonisch in meiner Kehle brennt. »Sie ist sechzehn!«

Alle unterdrückten Emotionen entladen sich, als ich an mir hinabsehe, denn ich bin voll Blut. Wie damals.

Völlig außer mir kreische ich, dass Lisa verdammt noch eins erst sechzehn Jahre alt ist und uns Lehrer eine Mitschuld trifft, aus der wir uns nicht einfach winden können. Schemenhaft von meinen Tränen verschleiert, taucht Reino auf und drängt mich unsanft zur Seite.

»Alles gut, Mara. Wir beide gehen jetzt das Blut abwaschen.«

Mechanisch folge ich und blende die verständnislos dreinblickende Lehrerschaft aus. In der Damentoilette lehnt Reino mich gegen ein Waschbecken und spült meine blutroten Hände unter dem Wasserhahn. Das Wasser, welches in den Abfluss rinnt, färbt sich dunkelrot. Noch immer bebe ich entrüstet über die Feigheit der Kollegen und bekomme meinen Körper nicht unter Kontrolle.

»Du zitterst und stehst unter Schock. Beuge dich kurz vor!«

In seiner Hand sammelt er Wasser, womit er behutsam mein Gesicht reinigt. Alles führt er zärtlich besorgt aus und besänftigt mich augenblicklich. Er stellt er sich vor mich und entnimmt mit der rechten Hand aus dem Spender mehrere Papierhandtücher.

Aus weiter Ferne beobachte ich ihn. Innerlich taub durchlebe ich in Endlosschleife, wie der unwirkliche Schatten mich aufhebt, die Treppe hinaufträgt und ich blutüberströmt aufwache. Mich vor entsetzlichen Schmerzen windend und nicht erfassen wollend, was geschehen ist.

Ich sehe an Reino vorbei an die Wand, um mich vor meinen eigenen Geistern zu retten, obwohl mich seine beruhigenden Worte erreichen. Wenngleich er genau vor mir steht, höre ich nicht, was er sagt, spüre lediglich, wie besorgt er um mich bemüht, was mich an damals erinnert.

»Manchmal schrecke ich nachts schreiend auf und erkenne entsetzt, dass du nicht mehr im Sessel sitzt, um auf mich aufzupassen. Dann fällt mir ein, dass ich dir nie gedankt habe. Wenn ich so vor mir her starre, überlege ich, wie ich nach all den Jahren in Worte fassen kann, was mich beschäftigt.«

Reino hält inne und mustert mich. Ohne Antwort tupft er meine Wangen trocken, obwohl der Gesichtsausdruck verrät, wie sehr ihm meine Worte zusetzen. »Ich lese beides in deinen Augen. Du musst nichts sagen!«

»Du liest es in meinen Augen?«

»Was glaubst du? Wie lange kennen wir uns inzwischen, Mara?«

»Über zwanzig Jahre, davon sieben Jahre und neun Monate mit Unterbrechung ...«

»Neun Monate? Du hast die Monate gezählt?«

»Ja, und auch die acht Tage. Die Minuten rechne ich gerne nach. Was siehst du mich so an?«

»Du zählst sogar die Minuten?«

»Nein, ich bin doch kein Freak.«

»Nein, du bist alles, aber gewiss kein Freak. Jetzt sag mir, was dich beschäftigt!«

»Ich hab sie vorhin eiskalt fortgeschickt, obwohl sie ... Ich kann es ihr nicht sagen, kann es nicht und das erinnert mich an ...«, hauche ich nach einer Weile erstickt.

Ich suche Trost in seinen dunklen Augen, die mich mit einem mitfühlenden Blick betrachten. Reino macht, was er immer macht, wenn es mir hundsmiserabel geht. Er ist zur Stelle und zieht mich behutsam in seine Arme. Ich lasse mich sinken und lande daunenweich an seiner Schulter.

Eine Wohltat.

Diese Stille ...

»Du bist nicht diejenige, die ihr etwas Derartiges erklären muss. Das soll schön die Gerbauer übernehmen«, tröstet er mich, während er sanft meinen Rücken streichelt, um mich zur Ruhe zu bringen.

Tonlos widerspreche ich: »Aber sie hat mich gefragt, nicht die kaltherzige Gerbauer.«

In seiner freundschaftlichen Umarmung dürfen Tränen rollen. Zumindest, bis sich die Tür öffnet und die grauhaarige Schulleiterin im Türrahmen erscheint. Kraftlos löse ich mich von Reino und wische keine einzige Träne von den Wangen.

Die Rektorin sieht flüchtig an mir herab, als sei ich ein lästiges, widerwärtiges Insekt. Meine gelbe Bluse trieft blutrot von jenem Unglück, was die Schulleiterin mit einer hochgezogenen Augenbraue moniert. In ihrem Blick liegt eine Erbarmungslosigkeit, die ich noch nie ertragen konnte und vermutlich der Grund meiner Antipathie ist.

»Sie ist sechzehn«, wiederhole ich meinen Vorwurf, der diesmal nicht der Lehrerschaft, sondern ihr gilt.

»Das steht in ihrer Schülerakte und Sie haben diese Tatsache ausgezeichnet recherchiert, Frau Weigert«, antwortet sie mir eine Spur zu unterkühlt. »Nehmen Sie sich Urlaub oder gehen Sie zu einem Arzt! Ich will Sie in diesem kopflosen Zustand nicht im Gebäude antreffen, wo Sie noch mehr Tumult verursachen. Reißen Sie sich gefälligst zusammen, Mensch!«

Ich gehe einen Schritt auf sie zu, denn erneut bahnt sich bei ihrem Anblick mein verborgener Groll seinen Weg an die Oberfläche. »Lisa Barthold ist erst sechzehn!«, schreie ich mit letzter Kraft, was selbst in meinen Ohren schmerzt, denn der Schall in diesem kahlen Toilettenraum ist unfassbar.

»Und Sie? Wie alt waren Sie?«

Schnellstens stürme ich auf sie zu. Ich will ihre abgestumpft dreinblickenden Augen auskratzen oder ihr kaltes Herz aus dem Brustkorb reißen. Den hochmütigen Blick, die beißende, höhnende Art und ihren erbarmungslosen Charakter will ich keine Sekunde länger ertragen.

Energisch zieht Reino mich von ihr fort, während ich mich wütend schreiend zu dieser Eiskönigin vorarbeiten will. Mit einem geschickten Griff befördert er mich in eine Ecke und verdeckt die Sicht auf die Eiskönigin.

»Bringen Sie Frau Weigert um Gottes willen nach Hause, Herr von Borstel, bevor hier noch ein weiterer Rettungswagen kommen muss! Sie erscheint mir heute gänzlich nervenschwach. Ihr Hemd sieht, ganz nebenbei bemerkt, ebenfalls desaströs aus. Nehmen sich ruhig einen Tag frei!«

An seinem hellgrauen Baumwollhemd klebt Lisas Blut, weil er mich mit seinen Armen gewaltsam von ihr abbringt und sich zeitgleich an mir beschmutzt. Doch, statt seine Bemühungen zu würdigen, verhöhnt sie sein Engagement.

Und ohrfeigt uns beide damit.