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© 2021 Martin Schütz (Text und Bilder)

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7526-9761-2

1. Auflage

Leben braucht Zeit

Inhaltsverzeichnis

  1. Tag: Reise nach Irun
  2. Tag: Irun - San Sebastian
  3. Tag: San Sebastian - Zarautz
  4. Tag: Zarautz - Deba
  5. Tag: Deba - Zenarruza
  6. Tag: Zenarruza - Eskerika
  7. Tag: Eskerika - Bilbao
  8. Tag: Bilbao - Castro Urdiales
  9. Tag: Castro Urdiales - Laredo
  10. Tag: Laredo - Güemes
  11. Tag: Güemes - Santander
  12. Tag: Santander - Santillana del Mar
  13. Tag: Santillana del Mar - San Vicente de la Barquera
  14. Tag: San Vicente de la Barquera - Llanes
  15. Tag: Llanes - Ribadesella
  16. Tag: Ruhetag in Ribadesella
  17. Tag: Ribadesella - Villaviciosa
  18. Tag: Villaviciosa - Gijón
  19. Tag: Gijón - Avilés
  20. Tag: Avilés - Muros del Nalón
  21. Tag: Muros del Nalón - Soto de Luiña
  22. Tag: Soto de Luiña - Luarca
  23. Tag: Luarca - La Caridad
  24. Tag: La Caridad - Ribadeo
  25. Tag: Ribadeo - Mondoñedo
  26. Tag: Mondoñedo - Vilalba
  27. Tag: Vilalba - Miraz
  28. Tag: Miraz - Sobrado dos Monxes
  29. Tag: Sobrado dos Monxes - Salceda
  30. Tag: Salceda - Santiago de Compostela
  31. Tag: Santiago de Compostela - Negreira
  32. Tag: Negreira - Olveiroa
  33. Tag: Olveiroa - Finisterre
  34. Tag: Finisterre - Muxía
  35. Tag: Muxía - Ferrol - Neda
  36. Tag: Neda - Betanzos
  37. Tag: Betanzos - Bruma
  38. Tag: Bruma - Santiago de Compostela
Vorwort

Der Küste entlang Richtung Westen. Der Camino del Norte ist für viele Pilger ein Geheimtipp. Für mich ist es einfach nur einer der schönsten Wege, um nach Santiago de Compostela (und weiter) zu gelangen. Der Küstenweg ist sehr abwechslungsreich und landschaftlich faszinierend. Er ist aber auch fordernd! Das Wetter hat seine Tücken und der Weg ist im stetigen Auf und Ab zuweilen recht anspruchsvoll. Wer aber auf der Suche nach einem einmaligen Pilgererlebnis ist, der ist hier richtig.

Das Buch folgt weitgehend meinem Tagebuch, das ich auf meiner Pilgerreise im Mai und Juni 2016 auf dem Camino del Norte und dem Camino Inglés geführt habe. Es zeigt auf, wie es für mich war, Tag für Tag.

Mein Reisebericht will kein Reiseführer sein, solche gibt es genug. Ich habe versucht, die tägliche Reduktion der Wirklichkeit auf das Erleben als Pilger zu beschreiben, wenn plötzlich das Kleine und Unscheinbare im Vordergrund steht und der tägliche Rhythmus des Pilgerns den normalen Alltag ablöst. Eine Erfahrung, die so schön ist wie der Camino.

Willkommen auf meinem Weg!

1. Tag: Reise nach Irun

Nicht Flucht - Pause!

Jetzt ist er also da, der Tag der Abreise. Am Vorabend habe ich den Rucksack fertig gepackt und dabei nochmals alles gewogen. Der Rucksack wiegt 10'597 Gramm und am Körper, inklusive Wanderschuhe, sind nochmals 4008 Gramm. Das ist über fünf Kilo weniger als vor acht Jahren beim Start meiner ersten Wanderung auf dem Jakobsweg im Jahr 2008. Und doch ist mir bei der Fahrt mit meiner Frau zum Bahnhof etwas mulmig zumute. Die Ungewissheit, wie der Camino del Norte wohl sein wird, aber auch der nicht ganz so gute Wetterbericht für die ersten Tage machen das wohl aus.

Bald aber sitze ich im Zug – wohlgemerkt ohne das Mobiltelefon vom Büro – und fahre zum Flughafen in Zürich. Ich bin glücklich, diese Reise machen zu können. Die Arbeit ist schon weit weg. Und wie ich schon 2008 unendlich froh war, den täglichen Pflichten im Büro und der ständigen Erreichbarkeit entfliehen zu können, so empfinde ich heute ähnlich. Doch heute weiß ich, dass es keine Flucht ist. Es ist vielmehr die Erkenntnis, dass ich solche Pausen benötige. Leben braucht Zeit. Und Zeit muss man sich nehmen, man kann sie nicht kaufen.

Beim Wandern auf dem Jakobsweg wird mir auch meine Endlichkeit bewusst. Angst habe ich davor nicht, denn Lohn für diese Erkenntnis sind Gelassenheit und Demut.

Wie das Gefühl wohl sein wird, wenn ich einmal pensioniert sein werde? Ein Gedanke, den ich schnell wieder verscheuche. Noch ist es lange nicht so weit und jetzt zählt das Hier und Jetzt!

Im Flughafen, den ich von vielen geschäftlichen Reisen kenne, muss ich nicht lange warten, bis ich in das Flugzeug steigen kann. Pünktlich geht es los. Von meinem Platz aus kann ich sogar meinen Wohnort erkennen, wo für meine Familie das normale Leben weitergeht. Ich bin ihnen und allen voran meiner Frau sehr dankbar, dass sie mich einmal mehr haben ziehen lassen. Ob dies auch gehen würde, wenn ich zum Beispiel Forscher in der Arktis wäre oder zum Mars fliegen würde? So sind es „nur“ sechs Wochen ...

Mit solchen Gedanken erreiche ich zwei Stunden später Bilbao, bekomme meinen Rucksack unbeschadet zurück (vor dem Einchecken habe ich ihn in Plastikfolie eingewickelt) und ziehe auf einer Sitzbank meine Wanderschuhe an. Und ich habe Glück, es kommt bald ein Bus in die Stadt.

Für knapp drei Euro kaufe ich im Bus ein Billett und los geht es. Auf der Höhe des Guggenheim Museums steige ich aus, um diesen spektakulären Bau fotografieren zu können. Anschließend bummle ich durch die Straßen.

Noch ist der Rucksack ungewohnt an meinem Rücken. In einem Geschäft kaufe ich mit etlichen sprachlichen Mühen eine SIM-Karte mit einem mobilen Hotspot, damit ich unterwegs etwas günstiger ins Internet kann. Anders als 2008 möchte ich nicht auf diese Annehmlichkeit verzichten.

Dann aber kommt ein ganz ursprüngliches Bedürfnis, der Hunger! Bei einer Bäckerei kaufe ich mein erstes Brot auf dieser Reise! Es werden in den folgenden Wochen wohl noch so einige folgen.

Langsam bewege ich mich in Richtung des Busbahnhofs. Aus einer Autowerkstätte dringt ein Geruch zu mir, der mich an Kindertage erinnert. Etwa so hat es in der Garage unserer Scheune gerochen. Ich sehe die alte Holztür wieder vor mir, die Ölflecken auf dem Boden und schon schweife ich mit meinen Gedanken in der Zeit zurück.

Auf einer Parkbank genieße ich ein kühles alkoholfreies Bier und telefoniere mit meiner Mutter. Ein Anruf, für den es am Vortag nicht mehr gereicht hat.

Später am Busbahnhof herrscht ein wildes Durcheinander. Ich erkundige mich bei einer Angestellten, wo mein Bus fährt. Ein Handzeichen und unverständliche spanische Worte sind die Antwort. Sie führen mich zu einem Perron, wo schon zwei Frauen mit Rucksäcken warten. Falsch bin ich hier wohl nicht.

Kurz vor der planmäßigen Abfahrtszeit rollt ein Bus heran, zahlreiche Leute steigen aus und ich kann meinen Rucksack einladen. Auf dem reservierten Fensterplatz geht die Fahrt in knapp zwei Stunden nach Irun. Und für diese Strecke werde ich nachher zu Fuß etwa fünf Tage benötigen. Immerhin gibt es dann nicht ständig läutende Telefone und laute Gespräche wie hier auf der Fahrt im Bus!

In Irun finde ich die nahe beim Busbahnhof gelegene Pension Bidasoa, die auch Restaurant ist, auf Anhieb. Die Theke ist gleichzeitig Rezeption, aber man nimmt es trotz Hochbetrieb an der Bar sehr genau. Ich muss der Angestellten beim Lesen meiner Identitätskarte helfen, damit sie den Meldezettel korrekt ausfüllen kann.

Durch einen engen Gang und eine dunkle Treppe geht es hinauf zu meinem Zimmer. Es ist ein kleiner Raum mit einem noch viel kleineren Badezimmer. Aber es geht und ist nur für eine Nacht.

Bei einem kleinen Rundgang durch Irun suche ich später noch die ersten gelben Pfeile, die mich morgen aus der Stadt führen werden. Es folgt ein Telefonanruf nach Hause und ein kurzer Aufenthalt in einem Restaurant, wo ich ein mit Käse überbackenes „Was-Weiß-Ich-Was“ esse und ein Bier trinke. Beides schmeckt!

Und schon bald liege ich im Bett und atme ruhig in meiner ersten spanischen Nacht.

2. Tag: Irun - San Sebastian
Pilger oder Bergsteiger?

Es stimmt schon, Eindrücke sind wie Schmetterlinge, sie fliegen schnell davon. Der heutige Tag ist übervoll mit solchen Schmetterlingen.

Kurz vor dem Wecker erwache ich um sechs Uhr. Nach einer Dusche versuche ich den Rucksack „richtig“ zu packen, was mehrere Anläufe benötigt. Auch die Befestigung meines Fotoapparats will mir nicht auf Anhieb gelingen. So verstreichen die Minuten und es ist fast halb acht, bis ich die Pension verlassen kann. Nur schon dieser Schritt ist ein Erlebnis für sich: Aus der Stille des Zimmers trete ich in die lärmerfüllte Bar, wo ich den Schlüssel abgeben muss. Ob all die Leute noch vom Abend da sind oder schon wieder?

Den Weg aus der Stadt habe ich schon am Vorabend erkundet. So gilt es nur noch, die richtige Richtung einzuschlagen und dann immer den gelben Pfeilen nach. Nun ja, nicht ganz immer. Bei den letzten Häusern von Irun (zum Glück ist auch eine Bäckerei darunter, wo ich ein Brot kaufe) weisen fast alle Pfeile hartnäckig der Straße entlang nach Hondarribia. Obwohl dort im Reiseführer eine schöne Altstadt angepriesen wird, will ich den kürzeren Weg durch das Schwemmland nehmen. Dank meiner Landkarte und mithilfe etwas versteckt angebrachter Pfeile gelingt es mir, die Stadtbesichtigung zu „schwänzen“.

Das Schwemmland erinnert mich an Spaziergänge meiner Jugend beim Bettenauer Weiher in Oberuzwil im Kanton St. Gallen. Ab hier sind auch wieder in schöner Regelmäßigkeit die gelben Pfeile angebracht.

Schon bald beginnt der Aufstieg auf den Berg Jazubia. Ein Weg, den ich bei schlechtem Wetter nicht unbedingt gehen möchte, da man sich sogar bei trockenem Wetter den Schlamm ausmalen kann, der hier auf dem Weg anzutreffen wäre.

Andere Pilger sind kaum zu sehen. Alles in allem treffe ich den ganzen Tag auf eine Handvoll, wenn ich die französischen Touristenpilger nicht mitzähle, die mir kurz vor San Sebastian lärmend begegnen.

Aber zurück zum Weg! Der ist an einigen Stellen sandig, dann wieder felsig, mit Steinen oder nur Erde. Insgesamt gibt es den ganzen Tag nur wenige geteerte Straßenstücke.

Nach gut einer Stunde habe ich zum ersten Mal einen wunderschönen Blick hinab auf die Bucht von Irun (Spanien) und Hendaye (Frankreich). Ein kurzes Stück trottet eine Kuhherde hinter mir her, alle Tiere mit Hörnern. Wie schön!

Dann aber wird der Schweizer in mir angesprochen: Ein Warnschild sortiert die Pilgerschar in „Alpinist Pilgrims“ und „Other Pilgrims“. Ich stufe mich mutig als Alpinist ein und folgte dem orangen Pfeil geradeaus. Nun, geradeaus ist nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit geht es steil nach oben. Sehr steil! Nach knapp zwei Stunden als Alpinist mache ich bei einem Wachturm aus dem 19. Jahrhundert Pause und wechsle die Socken. So wie ich es von meinen früheren Wanderungen kenne und was mich bisher immer vor Blasen an den Füßen bewahrt hat. Eine herrliche Aussicht auf das Meer und hinunter auf die beiden Städte belohnt mich für die Mühe des Aufstiegs.

Zwischendurch kommt etwas Nebel auf, doch immer wieder zeigt sich auch die Sonne. Der Weg verläuft hier zu weiten Teilen auf dem Berggrat, was mir zur Wanderung eine großartige Aussicht ermöglicht. Der Blick auf die Berge im Süden erinnert mich an meinen ersten Start auf dem Jakobsweg. Von St.-Jean-Pied-de-Port aus wanderte ich damals im strömenden Regen steil die Pyrenäen hinauf. Da habe ich heute besseres Glück mit dem Wetter.

Weiter geht es hinauf zum „Gipfel“ auf 547 Meter. Dabei treffe ich zuerst ein Marienkäferchen am Wegrand, dann wieder Nebel und nach vier Stunden Wanderung schließlich den ersten Radfahrer! Ein Franzose, der sich auf einem sehr steilen Stück abmüht, zwischendurch absteigen muss und mich schließlich mit einem „Bonjour“ kreuzt.

Ein kurzweiliger Weg führt hinab nach Pasaia, wo ich mit wunderbarer Aussicht auf die Bucht meine zweite Rast mache. Was mich ein paar Minuten später aber nicht daran hindert, in einem Restaurant nochmals anzuhalten und einen Café con Leche (Milchkaffee) zu trinken.

Dann das erste richtige Abenteuer! Mit einem kleinen Boot fahre ich über die Bucht. Gesteuert wird es von einem halb singenden, halb schwatzenden Mann, der Kapitän, Matrose und Kassierer zugleich ist. Die Überfahrt mit der „Gure Antxote“ kostet 70 Cent und dauert nur ein paar Minuten. Viel zu kurz, um seekrank zu werden.

In Pasaia streiten sich dann wieder zwei gelbe Pfeile um den Weg. Ich entscheide mich nach Gefühl für den Weg, der zuerst der Bucht entlang in Richtung Meer führt und dann steil viele Stufen hinauf zum „Berg“ Ulia (243 m). Der Weg schlängelt sich dem Berg entlang und ich habe wieder eine wunderschöne Aussicht auf das Meer. Zweimal gelange ich an wie Brücken aussehenden Mauerresten vorbei, deren ursprünglicher Zweck sich mir nicht erschließt.

Endlich kommt San Sebastian ins Blickfeld. Eigentlich müsste ich schreiben: Eine Gruppe lärmender, französisch sprechender Touristen belagert eine Mauer, von der aus man einen ersten Blick auf San Sebastian werfen kann. Geduldig warte ich, bis Mauer und Blick frei und ich ebenfalls hinab in die Bucht staunen kann. Die Franzosen trödeln auf dem weiteren Weg so langsam, dass ich meinen ursprünglichen Plan, mit gebührendem Abstand hinter ihnen zu wandern, verwerfe und sie mit aufgesetzter Sonnenbrille und grimmigem Blick überhole.

Im sehenswerten San Sebastian bummle ich durch die Straßen und komme dabei am Konstituzio Plaza vorbei (auf baskisch „Platz der Verfassung“, ein rechteckiger Platz in der Altstadt, wie es ihn in vielen spanischen Städten gibt). Als Besonderheit ist bei den Häusern jedes Fenster mit einer Nummer bezeichnet. In einer Bäckerei kaufe ich als Belohnung für den Tag etwas Süßes.

Am Strand der Stadt San Sebastian, welche auch Donostia genannt wird, herrscht reger Betrieb. Ich habe aber nur noch die Herberge im Sinn, die ich schließlich um 16.30 Uhr erreiche, gut neun Stunden nach meinem Aufbruch in Irun. Mein reserviertes Bett bekomme ich in einem 6er-Schlafraum. Den Schlafsack brauche ich nicht, da es hier Bettwäsche gibt.

Nach der Dusche und dem Besorgen der Wäsche mache ich einen kurzen Rundgang durch das Quartier. In einem kleinen Supermarkt ergänze ich meine Vorräte und kaufe ein paar Joghurts und etwas Käse für mein Abendessen, das ich später am Strand einnehme. Doch zuvor gönne ich mir ein Bier, welches mich nur zwei Euro kostet. Ja, es ist hier wirklich alles günstiger als in der Schweiz.

(27,9 km)

3. Tag: San Sebastian - Zarautz

Noch 787 Kilometer

Der Start am Morgen ist noch nicht so effizient wie gewünscht. Bis ich all meine Siebensachen zusammengeräumt habe, vergeht noch zu viel Zeit. Aber das werde ich schon noch in den Griff bekommen. Genügend Wandertage, um dies zu üben, habe ich ja vor mir.

Beim Ausgang der Herberge zeigt mir eine freundliche Putzfrau den Trick, wie ich trotz abgeschlossener Türe aus dem Gebäude komme. Um 7.15 Uhr geht es los - und gleich wieder bergauf. Schon bald begleitet mich die Sonne, die sich immer wieder zwischen den Bäumen hindurch blicken lässt. Andere Pilger sind weit und breit nicht zu sehen.

So folge ich ruhig dem Weg entlang Richtung Westen. Auch das ein schöner Gedanke: Wirklich verlaufen kann ich mich nicht, einfach immer der Küste entlang und der Abendsonne entgegen ...

San Sebastian liegt bald hinter mir und sehe immer wieder auf das Meer. Wie schön es ist! Am Wegrand kommt mich ein Pferd begrüßen. Ich streichle seinen Kopf und füttere es mit Gras. Was wohl das Pferd über die Pilger denkt? Das Pferd bringt mir Gedanken an meinen Vater, von dem ich ein Bild in Militäruniform zusammen mit einem Pferd habe.

Ich wandere weiter, rechts von mir das Meer als Begleiter. Es kommt eine Stelle, wo wohl vor nicht allzu langer Zeit ein Waldbrand gewütet hat. Es hat angesengte Baumstämme und stellenweise gar keine Bäume mehr. Mit Blick hinab auf eine schöne Bucht mache ich meine erste Rast, wechsle meine Socken und esse etwas vom gestern gekauften Brot. Eine Pilgerin wünscht mir beim Vorbeigehen „Bon Appetit!“. Kurz darauf treffe ich sie wieder an, dieses Mal macht sie Rast und isst. Auf mein „Bon Appetit!“ bedankt sie sich auf Englisch. Englisch scheint die Universalsprache des Caminos zu sein.

Ein Schild gibt später an, dass es bis Santiago noch 787 Kilometer sind. Ich freue mich auf jeden dieser Kilometer! Jetzt geht es aber wieder abwärts, und zwar auf einem mit grossen Steinen gepflasterten Weg, der wohl schon seit Jahrhunderten hier ist. Vom Tal hinauf höre ich nun die Autobahn, die ich später unterquere.

Dann geht es wieder steil hinauf zu einer kleinen, San Martin geweihten Kirche, die leider – wie offenbar alle Kirchen in dieser Gegend – geschlossen ist. San Martin zu Ehren mache ich eine kurze Rast. Hier spricht mich ein älterer Pilger aus England an. Er ist zum zweiten Mal nach Santiago unterwegs. Im Gespräch ergibt sich, dass er schon mehrmals in Lissabon und Porto war. Den portugiesischen Weg plant er im nächsten Jahr zusammen mit seiner Frau zu gehen.

Ich besuche den Friedhof von Orio und komme kurz darauf in die Ortschaft. An vielen Balkonen hängen Netze. Der Engländer, der schon im Touristenbüro war, klärt mich auf: Am kommenden Wochenende findet ein Fest statt, welches nur alle fünf Jahre durchgeführt wird. Dabei feiert das Dorf den Fang des letzten Wales im Jahr 1901. Ob die Maß- und Rücksichtslosigkeit der Menschen wirklich ein triftiger Grund für ein Fest ist?

Da sich der Himmel bedrohlich mit Wolken füllt, verzichte ich auf eine Pause bei den Walfängern. Über eine Brücke gelange ich auf die andere Seite der Bucht, von wo aus es bald wieder in die Höhe geht. Ich komme an Rebbergen vorbei, wo eine große Tafel darauf hinweist, dass hier EU-finanziert der Kampf gegen Mehltau geführt wird.

Auf einer Anhöhe habe ich dann schon den ersten Blick auf mein heutiges Ziel: Zarautz. Am Strand mit vielen Wellen tummeln sich zahlreiche Surfer im Wasser. Beim Ortseingang erreicht mich kurz vor 13 Uhr ein Telefonanruf aus der privaten Herberge, in der ich ein Bett reserviert habe. Wann ich etwa eintreffe, lautet die Frage an mich. Da ich in etwa zehn Minuten dort sein werde, will die Frau an der Rezeption auf mich warten. Nachher sei die Herberge wegen Siesta bis um 16 Uhr geschlossen.

Ich muss einen kleinen Umweg machen, bis ich eine Unterführung finde, die mich unter der Bahnlinie durchführt. Mit den ersten Regentropfen erreiche ich die Herberge, das Galerna Zarautz Hostel, wo ich ein unteres Bett und einen Schlüssel für die Haustüre bekomme.

Wenig später bin ich allein in der Herberge. Ich ziehe mein Bett an, genieße eine Dusche und verzichte auf das Waschen von Wäsche, da es kaum eine Möglichkeit zum Trocknen gibt. Bei einem Telefongespräch mit meiner zweitältesten Tochter berichtet sie mir vom guten Verlauf ihrer praktischen Lehrabschlussprüfung. Später plaudere ich am Telefon mit meiner Frau und schreibe im Reisetagebuch.

Im nahen Supermarkt, der mir riesengroß vorkommt, kaufe ich mir mein Abendessen, bestehend aus Brot, Schinken, Käse und einer kleinen Flasche Wein.

In der Herberge leistet mir beim Abendessen ein Spanier in meinem Alter Gesellschaft. Er spricht kein Wort Englisch, aber wir verstehen uns trotzdem gut und ich erfahre, dass er den Camino Frances per Fahrrad gemacht hat und jetzt zu Fuß nach Santiago wandert.

(19,9 km)

4. Tag: Zarautz - Deba

Regenschirm und Baskenmütze

Heute bin ich schon besser im Aufstehen. Das ist auch kein Wunder, denn ich bin ganz allein in meinem Zimmer und kann Licht machen, wie es mir beliebt. Kurz nach sechs Uhr stehe ich auf und trinke einen Orangensaft. Hunger habe ich keinen, aber ohne einen Kaffee aus der Maschine will ich nicht gehen.

Draußen ist der Himmel wolkenverhangen, als ich um 6.45 Uhr losmarschiere. Die Stadt ist langsam am Erwachen. Es zieht mich zum Strand, wo nur wenige Leute spazieren. Die Stimmung ist sehr speziell, die Wolken berühren fast das Meer. Bald bin ich wieder auf dem mit gelben Pfeilen markierten Weg. Er führt der Küstenlinie entlang. Draußen im grauen Meer sind ein paar einsame Fischerboote.