Napoleon in der Kunst

Zwei Seiten einer glamourösen Medaille

Napoleon der revolutionäre Held, Bonaparte der reaktionäre Diktator… Der mutige, aufgeklärte Korse und rücksichtslose Autokrat mit Hang zur Vetternwirtschaft polarisiert seit über zwei Jahrhunderten. Seine visuelle Stilisierung in ikonischen Posen und mit markanten Kleidungsstücken hat sich im kollektiven Gedächtnis bis heute eingeprägt. Napoleon war ein Genie der medialen Selbstinszenierung und das spiegelt sich in unzähligen vorteilhaften Portraits wieder, die er zum Teil selbst in Auftrag gab und eine riesige Verbreitung fanden. Unvermeidlich wurde er gleichzeitig die Zielscheibe von zahlreichen Karikaturen. Die Flut an schmeichelnden und schmähenden Abbildungen in Malerei, Grafik, Bildhauerei und Numismatik endete nicht mit seinem Tod, vielmehr ging die Schere zwischen Verklärung und Spott noch weiter auseinander.

• Andrea Appiani d.Ä.: Napoleon I., König von Italien, Öl auf Leinwand (o.J., bis 1817) RMN •

In der vorliegenden Publikation wird hauptsächlich eine Auswahl der Kunst rund um den General und Kaiser präsentiert, die zu Lebzeiten von Bonaparte entstand. Dabei sind viele offizielle Portraits in Malerei und Bildhauerei, aber auch einige Beispiele aus der Grafik und anderen Disziplinen abgebildet. Wenig verwunderlich stammen die vorteilhaftesten Bildnisse aus Frankreich und die bissigsten Karikaturen aus England, denn sie sind zwei Seiten derselben Medaille: Propaganda für oder gegen Napoleon. Schwerpunkt der kunsthistorischen Analyse ist in beiden Fällen die Entwicklung der Bonaparte-Figur durch die äußere Erscheinung (Frisur, Kleidung) und die Posen (Mimik, Gestik).

• Poupard et Delaunay: Hut getragen von Napoleon Bonaparte, Stoff/Filz (o.J., 19. Jh.) RMN •

Napoleons Auseinandersetzung mit der Kunst geht weit über die eigene Selbstvermarktung über offizielle Portraits (von sich und seinen Angehörigen) hinaus, die nicht nur von ihm, seiner Familie und seinen Unterstützern gesammelt wurden, sondern zusätzlich an bestimmte Amtskollegen zur Repräsentationszwecken gezielt verschickt wurden. Zu dieser Geschichte gehören ebenso solche kunsthistorisch relevanten Aspekte wie Bonapartes maßgeblicher Einfluss auf die Empire-Mode (Möbel, Kleidung) und seine entscheidende Rolle beim berüchtigten Kunstraub in den unterworfenen Ländern. Weitere Seiten der facettenreichen Kunst mit Napoleon-Bezug sind darüber hinaus Objekte rund um den Personenkult des korsischen Anführers: neben Andenken aus seinem persönlichen Besitz auch zahlreiche kunstvoll gestaltete Fan-Artikel, die als weitere Rubrik inzwischen auf eine zweihundertjährige Geschichte zurückblicken können. Solche zusätzlichen Facetten werden bis auf Weiteres in der vorliegenden Publikation nicht behandelt, eine in dieser Richtung erweiterte Auflage könnte aber unter Umständen bei entsprechender Nachfrage geplant werden.

• Antonio Canova: Paolina Bonaparte oder Venus als Siegerin, Foto: Fratelli Alinari, Albumin (ca. 1893-1903) RMA •

Beide Teilen dieses eBooks sind nach vier der wichtigsten Karriereabschnitten von Bonaparte gegliedert und bieten also durch ihre weitgehend deckungsgleiche Struktur die Möglichkeit, nach der jeweils anderen Seite der Napoleon gewidmeten Kunst nach Lust und Laune nachzuschlagen; interne Verweise erlauben es, mittels Links diese spiegelverkehrten Betrachtungen auch spontan miteinander zu vergleichen.
Um die Publikation möglichst „leicht“ zu halten, wurden relativ stark komprimierte Bilder eingesetzt; die Links im Abbildungsverzeichnis führen auf Wunsch zu größeren Reproduktionen (sofern in den jeweiligen Online-Sammlungen vorhanden).

Dieses eBook ist Teil eines Projekts zum 200. Todestag Napoleon Bonapartes, s. www.kunstco.de/napoleon-bonaparte.html.

SIDE A – Napoleons Schokoladenseite: offizielle Portraits

Nach der Französischen Revolution etablierte Bonaparte das von ihm regierte Land wieder in Europa nicht nur militärisch und wirtschaftlich, sondern auch kulturell und wissenschaftlich; der künstlerische Horizont reichte von Frankreich über Italien bis Ägypten.

Napoleon berücksichtigte in seiner fünfzehnjährigen Amtszeit die Kunst einerseits, um sich selbst durch die Vermittlung seiner Kompetenz und Macht zu legitimieren, andererseits, um die angeschlagene französische Wirtschaft durch die Mobilisierung von einheimischen Künstlern und Kunsthandwerkern protektionistisch-strategisch anzukurbeln. Auch wenn Bonaparte nachweislich einen persönlichen Einfluss auf viele ästhetische Entscheidungen hatte, verließ er sich in künstlerischen Fragen zunehmend auf eine Art Großintendant: Dominique Vivant Denon, der eine Vergangenheit als Sammler und Stecher hatte und als Vertrauter des Ersten Konsuls und Kaisers nach und nach die Prägeanstalt, das Musée Napoleon, die französischen Sammlungen inkl. Ankäufe und Kunsttransporte sowie die französischen Ausgrabungen in Rom leitete.

• Louis-Bertin Parant: Portrait von Napoleon Bonaparte, Aquarell auf Elfenbein (ca. 1810) PMA •

Napoleons Selbststilisierung war sehr umfangreich und begann spätestens mit der französischen Anpassung seines ursprünglich italienisch klingenden Namens. Die Zeichen der Zeit prompt erkennend, wandelte sich Bonaparte entsprechend nach immer neuen Vorbildern, die zum historischen Moment und seinen Ambitionen besser passten: u.a. Brutus dem Tyrannenmörder während der Französischen Revolution, Cäsar im Konsulat, Augustus im Kaiserreich… und sich selbst nach der Abdankung. Ein spezieller Augenmerk dieses Teils der Publikation liegt auf der Gestaltung der Marke Napoleon durch ikonische Posen und Kleidungsstücke, die bestimmte Phasen charakterisieren und die entsprechenden Eigenschaften effektiv vermittlen sollten.

• Jacques-Louis David: Kopfstudie für ein Portrait von Napoleon I. im Krönungskostüm, Öl auf Leinwand (o.J.) RMN •

Nicht nur Bonapartes bekannte Ungeduld als Modell, sondern vor allem das Talent solcher Meister wie Antoine-Jean Gros, Jacques-Louis David und François Gérard haben zu seinem nicht immer realistischen, sondern idealisierten und zeitlosen Bild beigetragen. Diese herausragenden Maler begleiteten mehr als alle anderen Napoleons unaufhaltsamen Aufstieg und vermittelten am Gelungensten – gemäß des Auftrags – seine Autorität und historische Größe; David hielt ihm bis zum Schluss die Treue, indem er nach seiner Absetzung Frankreich verließ, während seine Kollegen z.T. auch unter dem nächsten König Ludwig XVIII. weiter dienten.

Neben den großformatigen, mitunter auch für das Ausland hergestellten Gemälden und Plastiken Bonapartes zirkulierten in Frankreich zahlreiche kleinformatige Kunstwerke in sehr hohen Auflagen und erreichten breitere Gesellschaftsschichten, die für die Festigung von Napoleons Macht nicht zuletzt durch die wiederholten Volksabstimmungen unverzichtbar waren: Münzen, Medaillen und volkstümliche Drucke.

• Anonym (französisch): Napoleon Bonaparte, Proklamierter Kaiser von Frankreich in Paris, 20. Mai 1804, handkolorierte Radierung (ca. 1805) PMA •

Napoleon selbst konnte sich – zumindest in seiner Rolle als Staatsoberhaupt – am ehesten mit einer noch monarchisch geprägten Kunstrichtung identifizieren; passend dazu übernahm er als Konsul weite Teile der ästhetischen Orientierung des letzten Bourbon-Königs und reaktivierte nach der Revolution die alte Königliche Kunstakademie. Die neuen, mit seiner späteren Krönung verbundenen Repräsentationsbedürfnisse gingen mit der Prägung eines originelleren Stils, der sich zwar ebenso wie der Klassizismus aus griechischen und römischen Impressionen speiste, aber durch die Einführung charakteristischer ägyptischer und etruskischer Elemente in einem völlig neuen Verständnis von Strenge und Harmonie den Geschmack des Empires in die ganze Welt exportierte.

• Georges Jacob, François-Honoré-Georges Jacob (gen. Jacob-Desmalter): Schreibschrank, Mahagoni, Eiche, Marmor und vergoldete Bronze-Montierungen (1810-13) PMA •

Insgesamt wurde also die französische Kunst zur Zeit Napoleon Bonapartes von ihm maßgeblich bestimmt: Er sorgte für den Übergang vom Klassizismus zum nationalen Empire-Stil und verzögerte schließlich durch die Förderung eines konservativen Ausdrucks den Beginn der Romantik in Frankreich.

Der junge General Buonaparte

Napoleone Buonaparte, wie er seit der Geburt und bis zur ersten wichtigen Phase seiner Karriere offiziell hieß, wurde bereits zur Zeit der Französischen Revolution und des Direktoriums portraitiert. Es waren anfangs vor allem erschwinglichere Kleinformate wie Drucke und Büsten, die Vielzahl dieser Darstellungen und derer Reproduktionen zeigt aber, dass das Interesse an der aufstrebenden Figur bereits in den 1790ern reichlich vorhanden war. Die ältesten überlieferten Portraits des jungen Generals mögen heute ein wenig befremdlich wirken, da sie weniger die uns vertraute Physiognomie wiedergeben als eine damals viel besprochene Persönlichkeit möglicherweise indirekt abbilden und sie noch nach dem alten Rokoko-Geschmack in Szene setzen. Dazu kommt selbst bei den überzeugendsten Exemplaren ein damals grundlegend anderes Aussehen des Dargestellten, der sich über die Jahre nicht nur altersbedingt, sondern in einer bewussten Selbstgestaltung wie ein Chamäleon wiederholt verwandelte.

Die undatierte Druckgrafik links, die vermutlich um die Mitte der 1790er entstand, stellt einen Triumph Napoleons dar; die Sprache der Bildunterschrift (Freiheit, Wahrheit) sowie visuelle Elemente (die rote phrygische Mütze als Emblem der Aufständischen und die kleine Sonne als Symbol der Aufklärung) sind klare Hinweise auf die Ideale der Französischen Revolution. Das Bild vereint zeitlose allegorische Figuren (die Verkörperungen von Freiheit und Wahrheit oben, des Neids ganz unten) mit zeitgenössischen Elementen (Napoleons Büste und einem Mann mit einem damals modischen Anzug), um den jungen, erfolgreichen General (s. Lorbeerkranz, Kanone und Trommel) zu feiern.

• links: Anonym: Bonaparte gekrönt mit einem Lorbeerkranz, Farbdruck (o.J., 19. Jh.) RMN • rechts: Anonym: Bonaparte, keine Angabe zur Technik (1797) RMN •

Der Stich rechts zeigt Buonaparte ganzfigurig mit seiner Uniform der späten 1790er, mit Schärpe und trikolorer Feder auf dem Hut; neben der Bildunterschrift verweisen nur zwei kleine Details des Gesichts auf die Identität des Dargestellten: die lange und schmale, nach unten zeigende Nase und der stark hervortretende Kinn. Die höfisch anmutende Pose mit einem sich an der Hüfte stützenden Handrücken und der anderen Hand mit Armknick locker zeigend in die Blickrichtung des Generals lassen fast mehr an einen Tänzer denn an einen Soldaten denken. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Künstler Napoleon nicht persönlich gesehen haben konnte und seine Bildfindung also auf Beschreibungen des Sujets sowie auf auslaufenden Bildkonventionen des Ancien Régime basierte.

• links: Charles-Louis Corbet: Büste von Napoleon Bonaparte, Bronze (o.J.) RMN • rechts: Jacques-Louis David: General Bonaparte, Öl auf Leinwand (o.J.) RMN •