Der Autor

Andreas Perk, geboren 1964 in Bielefeld, ist gläubiger Christ und war in verschiedenen Leitungsfunktionen von Industrieunternehmen tätig. Er bezeichnet sich selbst als kleinen Weltverbesserer und leidenschaftlichen Alltagsphilosophen. Heute ist er „hauptberuflich“ Hausmann, nebenberuflich freiberuflicher Unternehmensberater und neuerdings auch „laienschaftlicher“ Buchautor.

Mit seiner Frau Karen und seiner Tochter Luisa lebt er in Düsseldorf und Spenge, im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, zwischen rheinischem Frohsinn mit Drang zur Gelassenheit und ostwestfälischem Starrsinn mit Hang zur Verlässlichkeit.

Danksagung

Meiner Frau Karen danke ich für ihre große Geduld mit mir und ihre Bereitschaft, mir jederzeit ein offenes Ohr und einen wachen Geist zu schenken. Dankbar bin ich auch Liv, Andrea, Martin, Olaf und Volker, die mir während der Entstehung dieses Buches mit Rat und Tat zur Seite standen.

Andreas Perk

RICHTIGE HALTUNG, NACHHALTIGE RICHTUNG

Wie wir eine l(i)ebenswerte Zukunft sichern

Für Luisa

INHALT

VORWORT

RICHTIG GLAUBEN

Was Glauben bedeuten kann

Menschliches Leben ist ein Geschenk Gottes

Alle Menschen sind gleich

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Tue Gutes und unterlasse Böses

Starke treten für Schwache ein

Liebe Deinen Nächsten

Jeder Mensch ist fehlbar

Die Zehn Gebote sind noch immer gültig

RICHTIG DENKEN

Glauben, Denken und Wissen

Wahrheit und Mehrheit

Vernünftiges Denken

Dualistisches und dichotomes Denken

Teleologisches Denken

Kausales und analytisches Denken

Ohne Systemdenken keine richtige Lösung

Zivilisatorische Grundbegriffe für positive

Denkmuster

Freiheit richtig verstanden

Gleichheit unter Ungleichen

Vier gleichwertige Gerechtigkeitsbegriffe

Gemeinsame Vision – Worum es wirklich geht

Keine Zukunft ohne Lernen und Verlernen

RICHTIG HANDELN

Das Ernährungssystem – nähre dich redlich

WENIGER UNGESUNDE NAHRUNGSMITTEL, MEHR GESUNDE LEBENSMITTEL

WENIGER KONVENTIONELLE PRODUKTE, MEHR BIOPRODUKTE

WENIGER VERARBEITETE INDUSTRIEPRODUKTE, MEHR SELBST ZUBEREITETES

WENIGER FLEISCH, MEHR VITALSTOFFREICHE VOLLWERTKOST

WENIGER VERSCHWENDUNG, MEHR VERWERTUNG

WENIGER VERBRAUCHERTÄUSCHUNG, MEHR PRODUKTTRANSPARENZ

Ein Bildungssystem zur Existenzsicherung

NICHT FÜR DIE SCHULE, FÜR DASBER)LEBEN LERNEN WIR

TALENTE ENTDECKEN UND ENTFALTEN

VON GENERALISTEN UND SPEZIALISTEN

Ein ganzheitliches Gesundheitssystem für die Menschen

GESUNDHEIT UND ANDERE WERTE

DAS HEUTIGE GESUNDHEITSSYSTEM: EIN REPARATURBETRIEB

DIE BESTE THERAPIE: VERMEIDUNG VON KRANKMACHERN

DIE KLASSISCHE MEDIZIN: IST NICHT GENUG

Das Politische System – Betroffene werden zu Beteiligten

DEMOKRATIE LERNEN

POLITISCHE MEINUNGSBILDUNG IN NEUEM GEWANDE

OHNE BÜRGERBETEILIGUNG KEINE DEMOKRATIEFESTIGKEIT

POLITISCHE LEISTUNGEN MÜSSEN TRANSPARENTER WERDEN

WER REGIERT DIE WELT?

Ein alternatives Wirtschafts- und Finanzsystem ist möglich

WENIGER QUANTITATIVES WACHSTUM, MEHR LEBENSQUALITÄT

WENIGER ARBEITSZEIT, MEHR BÜRGERSCHAFTLICHES ENGAGEMENT

WENIGER NEUPRODUKTE KAUFEN, MEHR ALTPRODUKTE NUTZEN

WENIGER FINANZSPEKULATIONEN, MEHR GELD FÜR ZUKUNFTSSICHERUNG

WENIGER KAPITALMARKTORIENTIERTE UNTERNEHMEN, MEHR GENOSSENSCHAFTEN

WENIGER VERBOTE UND GEBOTE, MEHR NÜTZLICHE RAHMENBEDINGUNGEN

Unser Sozialsystem ist reformierbar

ACHT GUTE GRÜNDE FÜR REFORMBEDARF

SOZIALER AUFSTIEG UND AUFSTIEG DES SOZIALEN

ARMUTSBESEITIGUNG AUS GANZHEITLICHER SICHT

ALTERSSICHERUNG IN EINER NACHHALTIGEN POSTWACHSTUMSGESELLSCHAFT

SOZIALE GERECHTIGKEIT UND NACHHALTIGKEIT SIND GESCHWISTER

Das Verkehrssystem – eine intelligente Verbindung

IN DER TRANSFORMATIONSPHASE WERDEN VERZICHT UND MÜHE BELOHNT

NEUE VERKEHRSKONZEPTE FÜR INNENSTADTBEREICHE UND BALLUNGSRÄUME

VERKEHRSKONZEPTE ZWISCHEN BALLUNGSRÄUMEN BZW. METROPOLREGIONEN

VERKEHRSKONZEPTE FÜR DEN LÄNDLICHEN RAUM

FERNVERKEHRE UND INTERNATIONALE VERKEHRE

Digitale Systeme – Wachstum ohne Grenzen?

WIDER INFORMATIONSTERROR, ABER FÜR SELEKTIVE INFORMATIONSNUTZUNG

WIDER KONSUMTERROR, ABER FÜR SINNVOLLE VEREINFACHUNG DES LEBENS

WIDER ÜBERWACHUNGSTERROR, ABER FÜR REGELUNGSKREISLÄUFE

DIE WACHSTUMSGRENZEN DER DIGITALISIERUNG

Harald entführt uns in das Jahr 2045

SCHLUSSWORT

Anmerkung

Aus Vereinfachungsgründen und zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch nicht an jeder Stelle begrifflich die Genderkonformität eingehalten. Dennoch bekennt sich der Autor ausdrücklich zu der geschlechterbezogenen Gleichstellung der Rollenbilder im Berufs- und Alltagsleben.

VORWORT

Bald ist es so weit. Noch eine Woche und ich werde meinen 50. Geburtstag feiern. Eingeladen habe ich Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen, Sportskameraden, Nachbarn und liebe Menschen, die mich auf meinem Lebensweg begleitet haben. Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, plane auch ich eine kurze Begrüßungsrede. Sie soll meine gelebten 50 Jahre in irgendeiner Art und Weise rückblickend betrachten, möglichst amüsant, aber gerne auch etwas tiefgründiger.

Überraschenderweise kamen mir bei diesen Überlegungen in den folgenden Tagen mehr und mehr Fragen in den Sinn, die immer tiefer gingen und mich zunehmend in den Bann zogen:

Woran darf ich glauben? Gibt es eine letzte und ewig währende Wahrheit oder ist alles eine Frage der Relativität, der Bewertung durch mich oder die Allgemeinheit? Gibt es ein Richtig und Falsch in jeder Lage, ein Weiß und Schwarz oder immer nur Grautöne, ein Gut und Böse oder vielleicht ist alles doch nur eine Frage der Perspektive, der Situation und der Umstände? Was ist der Maßstab, woran richte ich mein Handeln aus? Was ist meine Orientierungslinie, was mein Kompass? Was treibt mich an oder lässt mich resignieren? Was verleiht mir Sinn, gibt mir Ziel und Aufgabe? Bin ich nützlich, wertvoll und hilfreich? Wem bedeute ich etwas oder bin ich einfach nur da? Was habe ich erreicht? Wer wird an meinem Grab weinen und warum eigentlich?

Fragen über Fragen und dennoch nur ein Auszug aus dem Gesamtkatalog, der mich einige Tage beschäftigte. Doch damit konnte ich nicht wirklich meine lieben Gäste belästigen. Wie man so schön sagt: Du darfst bei solchen Anlässen über alles reden, nur nicht über 5 Minuten. 50 Lebensjahre in 5 Minuten, dann noch unterlegt mit tiefgründigen Gedanken, das funktioniert sicher nicht. Aber eine Rückschau ist doch immer auch eine Bilanz, oder? Was habe ich erreicht, was hat gut geklappt, was würde ich heute anders machen? Zum Bergfest des Lebens stellen sich einfach solche Fragen, nur eben nicht auf dieser Feier.

So habe ich wenigstens nach einem roten Faden gesucht, der sich durch mein Leben zieht, und ich habe diesen dann auch gefunden. Verglichen mit anderen Menschen war ich immer spät dran: Spät eingeschult, spät eine erste Freundin, spät mein Studium beendet, spät geheiratet, spät ein Häuschen gebaut, spät eine Tochter bekommen, spät etwas beruflichen Erfolg erzielt und die späte Erkenntnis, das persönliche Glück lässt sich nicht an diesen Aspekten allein bemessen. Das habe ich in 5 Minuten halbwegs unterhaltsam unterbringen können, doch meine Fragenliste blieb weiterhin unbeantwortet.

Nun, kann ich diese Fragen auf einen Punkt bringen? Gibt es Antworten, auch ohne mich in philosophischen, erkenntnistheoretischen oder wissenschaftlichen Tiefen zu verlieren? Kann ich in einfachen Worten, verständlich und alltagstauglich formulieren, was es bedeutet richtig zu leben? Sollte es vielleicht doch besser heißen gut zu leben? Ist es gar vermessen, beschreiben und erklären zu wollen, was es bedeutet richtig zu leben? Zur Beantwortung dieser Fragen für mich selbst und für diejenigen Menschen, die nicht nur in den Tag hineinleben, sondern mithelfen wollen, eine liebens- und lebenswertere Zukunft zu gestalten, habe ich dieses Buch geschrieben.

Dieses Buch hat den Titel „RICHTIGE HALTUNG, NACHHALTIGE RICHTUNG“. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Leserinnen und Leser sich mit mir gemeinsam in den Zug setzen für eine Reise in die nachhaltige Postwachstumsgesellschaft und dabei mit zunehmender Wegstrecke auch zu der Einschätzung gelangen, dass dieser Titel treffend gewählt ist.

Richtig zu leben als Individuum und als Gemeinschaft bzw. Gesellschaft, dieses Thema ist so unerschöpflicht wie letztlich unrealisierbar. Dabei die richtige Haltung einzunehmen und bei den Handlungen möglichst eine nachhaltige Richtung einzuschlagen, ist nach meiner festen Überzeugung in der heutigen Zeit die wahre Königsdisziplin des Lebens und zugleich dringend geboten. Dieses Buch erteilt keine Ratschläge, denn Ratschläge sind bekanntlich auch Schläge. Es dient auch nicht zur ideologischen Missionierung, hat aber unbedingt den Anspruch, durch logische Argumente ein geschlossenes Gedankengebäude zu errichten, um das richtige und nachhaltige Leben zu beschreiben und zu erklären. Dabei wissen wir natürlich alle, wir Menschen sind fehlbar und unvollkommen und leben bekanntlich nicht im Paradies. Man könnte eine Analogie in den Regeln des Straßenverkehrs finden. Diese Regeln entbehren nicht einer gewissen Logik und die Verkehrsteilnehmer haben schon aus eigener Sorge um ihre Gesunderhaltung eine Übereinkunft ihrer Gültigkeit getroffen, ohne diese Regeln zugegebenermaßen zu jeder Zeit und in jedem Einzelfall einzuhalten.

Das richtige Leben ist auch nicht zu verstehen als Vorschrift, als Befehl oder gar Diktat, sondern lässt sich nach meinem Verständnis ausschließlich ableiten aus dem schlichten Anspruch, die Menschheit und unseren Planeten auch für die kommenden Generationen zu bewahren, freilich nicht unbedingt in seiner derzeitigen Erscheinungsform.

Auch wenn niemand verlässlich in die Zukunft sehen kann und unsere Welt bekanntlich seit vielen Jahrzehnten immer wieder jedes Jahr neu am Abgrund steht, müssen wir bei allen stattfindenden Innovationen auf allen denkbaren Feldern unserer Existenz ins Kalkül ziehen, dass unsere Erde Grenzen hat, Grenzen des Wachstums, Grenzen an Ressourcen und natürliche Belastungsgrenzen. Dies wird kein noch so großer Ignorant oder Optimist bestreiten können.

Bereits 1972 haben Forscher des MIT eine Systemanalyse verschiedener Szenarien mittels eines Computermodells im Auftrag des Club of Rome durchgeführt. Das benutzte Weltmodell diente der Untersuchung von fünf Tendenzen mit globaler Wirkung: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Rohstoffausbeutung und Zerstörung von Lebensraum. Unter dem Fortschreiten des exponentiellen Wachstums dieser Faktoren und ihrer Verknüpfung in Regelkreisen ergeben sich sehr bedenkliche Entwicklungen für die Menschheit, so die Studie, die unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht wurde. Nicht alle, aber viele der prognostizierten Entwicklungen sind bisher eingetroffen, so z.B. die Verdoppelung der Weltbevölkerung seit 1972. Verschärfend hinzugekommen ist allerdings noch die Erderwärmung durch Treibhausgase, die in der Studie 1972 noch nicht berücksichtigt wurde oder werden konnte. Im Jahre 2004 veröffentlichten die Autoren ein 30-Jahre-Update mit leichten Veränderungen im Computermodell und aktualisierten Daten und errechneten anhand verschiedener Szenarien mögliche Entwicklungen ausgehend vom Jahr 2002 bis 2100. Die meisten dieser Szenarien endeten mit einem Überschreiten der Wachstumsgrenzen und dem anschließenden Kollaps bis spätestens zum Jahre 2100. Die Fortführung des „business as usual“ der letzten 30 Jahre führe sogar zum Kollaps ab dem Jahr 2030. Erst die Simulation einer überaus ambitionierten Mischung aus Einschränkung des Konsums, Kontrolle des Bevölkerungswachstums, Reduktion des Schadstoffausstoßes und zahlreichen weiteren Maßnahmen ergibt eine nachhaltige Gesellschaft bei knapp 8 Mrd. Menschen, die ihre Systeme noch in Gleichgewichten hält, ohne deren Kipppunkte endgültig zu überschreiten.

Wenn man dieser Studie und ihren Berechnungen vertraut, und dies tue ich uneingeschränkt, dann ergeben sich daraus Implikationen für unser Glauben, Denken und Handeln, als Individuum, Gesellschaft und Menschheit. Ich verstehe meine Ausführungen in diesem Sinne nicht als Ideologie oder Angebot an den Menschen, in einer bestimmten Art und Weise zu leben, sondern geradezu als eine logische Konsequenz, wollen wir unseren Planeten und unsere Menschheit noch möglichst langfristig l(i)ebenswert erhalten.

Mit anderen Worten: Je besser es uns gelingt, richtig und nachhaltig zu leben, umso länger leben wir. Wenn es eine Rettung für uns als Menschheit geben kann, dann muss die Lösung viel einfacher sein, als uns die Wissenschaft, Politik, Empirie oder Medien immer weismachen wollen. Natürlich wird heute immer alles unter dem Aspekt zunehmender Komplexität und Dynamik betrachtet. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, alles ist interessengeleitet und manches von bösen Mächten bestimmt. Da ist sicher auch etwas Wahres dran. Würden wir denn, selbst wenn es nur Menschen mit gutem Willen und guten Absichten gäbe, die unsere systemischen Probleme durchschauen, unsere dringendsten Menschheitsfragen besser lösen? Und was heißt in diesem Sinne besser?

Für mich hieße es, die Lebensdauer unserer Menschheit zu verlängern. Ich bin überzeugt, die Grenzen unserer Problemlösungsfähigkeiten sind noch nicht erreicht. Vielfach wissen wir aber auch bereits, was es zu tun gilt, es hapert schlicht an der Umsetzung. Warum? Mentale Modelle und Denkmuster haben sich so verfestigt, dass Verhaltensänderungen für viele von uns nur schwer möglich werden. Wir Menschen haben eben auch paradoxe Züge, wir möchten gerne, dass vieles so bleibt wie es ist, aber zugleich auch alles immer besser wird.

Zurück zu den oben beschriebenen Grenzen des Wachstums. Wenn wir diese anerkennen, so müssen wir uns ein Kontinuum vorstellen mit einem Anfang und einem Ende. Das Ende wird also irgendwann erreicht sein, so zum Beispiel der letzte Tropfen Öl, den wir aus dem Boden holen. Wenn wir heute wirtschaftlich wachsen, dann tun wir das auf Kosten zukünftiger Generationen, die Produkte aus Öl dann durch andere Rohstoffe ersetzen müssen oder sogar gezwungen sind, gänzlich auf diese zu verzichten. Durch Wiederverwertung oder teilweisen Materialersatz kann dieser Prozess zwar verzögert, aber eben nicht vollkommen aufgehalten werden. In dieser Logik geht Wachstum und Wohlstandsentwicklung immer auch zu Lasten unserer Zukunft und führt zu einer permanenten Annäherung an die beschriebenen Grenzen.

RICHTIG GLAUBEN

WAS GLAUBEN BEDEUTEN KANN

Wie kann man überhaupt richtig glauben? Glauben ist doch keine Wissenschaft, nichts was Wissen schafft und damit schon gar nichts, was man in richtig und falsch unterscheiden könnte. Oder doch? Gab es nicht Kreuzzüge im Namen des Glaubens, sogar des christlichen Glaubens? Waren die nicht falsch? Überhaupt ist Glauben nicht etwas Höchstpersönliches, etwas Privates, das mindestens so viele Facetten und Ausprägungen hat wie es Menschen gibt auf Erden? Hat der Glauben notwendigerweise etwas mit Gott, Göttern oder Religionen zu tun? Kann man nicht einfach an das Gute glauben, an sich selbst, an den kategorischen Imperativ, vielleicht auch an Recht und Gerechtigkeit, an den Markt, an das Recht des Stärkeren, an die Macht des Geldes oder an die grundsätzliche Machbarkeit?

Eines dürfte allerdings allen Überlegungen gemein sein: Glauben liegt tief in uns drin und bestimmt unsere Werte, Haltungen, Motivationen, Einstellungen und bestimmt damit unser Denken und Handeln. Glaube wird in unseren Gesellschaften tradiert und vermittelt. Auch wenn es viele Quellen und Formen des Glaubens gibt, so kann man von einer Glaubensgemeinschaft im engeren und eigentlichen Sinne erst sprechen, wenn bestimmte Glaubenssätze oder Glaubensregeln von einer ausreichend großen Anzahl von Menschen auch geteilt werden.

Doch an was soll ich glauben, an was darf ich glauben? Kann ich das Falsche glauben oder das Richtige? Ich habe eine einfache Antwort gefunden. Ich glaube an Gott und an Jesus Christus und akzeptiere das Leben und Wirken Jesu sowie die Frohe Botschaft des Neuen Testamentes als Orientierungslinie und Kompass für mein Denken und Handeln. Dieser Maßstab, an dem ich mich messen darf und kann und dessen Anspruch ich niemals erreichen werde, gibt mir die Sicherheit, einschätzen zu können, ob ich das Richtige denke und tue. Dabei sind mir das Leben und Wirken Jesu Christi und besonders seine Botschaften handlungsleitend. Die Frage, ob es Gott gibt und ein Leben nach dem Tod, habe ich für mich auch geklärt, erscheint mir für die Frage richtig zu leben aber eher nachrangig.

Was sind nun die Glaubensüberzeugungen, die mein Leben tragen? Mein Menschenbild ist ein christliches Menschenbild. Nicht sehr überraschend sind auch die Grundrechte in unserem Grundgesetz ganz maßgeblich durch ein christliches Menschenbild geprägt, eine Auffassung, die leider immer weniger Berücksichtigung findet bei den populistischen Parteien und Strömungen und den zunehmenden nationalstaatlichen Abgrenzungsbemühungen sowie den damit verbundenen Radikalisierungen in Sprache und Handlungen.

Acht Punkte scheinen mir von zentraler Bedeutung zu sein, um ein christliches Glaubensverständnis und Menschenbild zu beschreiben.

MENSCHLICHES LEBEN IST EIN GESCHENK GOTTES

Ich gehe davon aus, dass der Mensch sich nicht aus einer Laune der Natur heraus zufällig im Rahmen der Evolution entwickelt hat, sondern ein Geschöpf Gottes ist, von ihm gewollt und mit allen Freiheiten ausgestattet, sein Leben und damit auch diese Welt zu formen. Alles was existiert ist grundsätzlich von Gott gewollt, aber das heißt nicht, dass er alles regiert indem er ständig eingreift. Dafür hat er Naturgesetze geschaffen, die den konkreten Ablauf der Dinge regeln. So entlässt Gott seine Schöpfung in die Eigengesetzlichkeit. Dazu gehört auch die Selbständigkeit der Entwicklung des Lebens, wie wir sie mit der Theorie der Evolution beschreiben. Zudem stellt sich die Frage: Wenn Gott jedes Mal in den Lauf der Naturgewalten eingreifen würde, dann hätten wir eine perfekte Welt, wo alles wie am Schnürchen läuft. Gott hätte, wie ein Marionettenspieler, alle Fäden in der Hand. Wo bliebe da noch Raum für Selbständigkeit und Freiheit der Menschen. Dieser Logik folgend wären wir dann bei einem wohlwollenden Gott dem Paradies sehr nahe, denn es gäbe keine Sünde und kein Fehlverhalten der Menschen mehr.

Ob der Mensch als Krone der Schöpfung mehr Würde genießt als andere Lebewesen aus Flora und Fauna kann man durchaus diskutieren. Der Mensch, mit dem „göttlichen“ Auftr ag versehen, die Schöpfung zu bewahren, hat damit mindestens aber auch den Auftrag, seine Lebensgrundlagen und Lebensmittel zu bewahren, wie Luft, Wasser und Nahrung aus Flora und Fauna. So betrachtet ist der Mensch nur ein Rädchen im Getriebe eines Ökosystems, wenngleich auch ein ziemlich entscheidendes, quasi das Schwungrad. Um die Würde des Menschen zu erhalten, muss man demnach auch die Würde von Flora und Fauna erhalten, in seiner Vielfalt und Symbiose. Das ist unser Auftrag, unsere Mission, wollen wir nicht dauerhaft unsere Lebensgrundlagen und damit auch unsere Menschenwürde zerstören. Dass Menschenwürde durch Krieg, körperliche und psychische Gewalt, Armut und Hunger, totalitäre Staatsgebilde, schlechte und ungesunde Lebensbedingungen, fehlende Teilhabe an gesellschaftlichen Möglichkeiten oder gesellschaftlichen Ausgrenzungen eingeschränkt oder gar vollständig zerstört wird, wird ein vernünftig denkender Mensch sicher nicht in Abrede stellen. Inwieweit die tragenden Säulen der Menschlichkeit wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit auch die Menschenwürde berühren, möchte ich gerne in einem späteren Kapitel noch einmal beleuchten.

ALLE MENSCHEN SIND GLEICH

Natürlich sind nicht alle Menschen gleich, sondern als Individuum in jeder Hinsicht verschieden voneinander, in ihrem Genotyp wie auch im Phänotyp. In diesen Verschiedenartigkeiten liegen doch gerade der Reiz und die Stärke der Menschheitsentwicklung. Aus vollkommen identischen Puzzleteilen kann niemals ein schönes Bild entstehen und wer möchte schon seinen exakten Klon heiraten?

Auch wenn wir Vorbildern und Trends nacheifern oder nachlaufen, uns in Vereinen oder Interessengruppen versammeln, ich kenne keinen ernstzunehmenden Menschen, der seine Individualität wirklich vollständig aufgeben möchte, um als anderer Mensch weiterzuleben. Der ständige Vergleich mit schöneren, klügeren oder reicheren Menschen ist zwar wie ein ständiger Prozess des Antriebs, aber letztlich auch vergleichbar mit dem Lauf in einem Hamsterrad. Es lassen sich auf jeder erreichten Zielebene neue Vorbilder finden und irgendwann geht uns die Luft aus beim permanenten „Vergleichslauf“. Da bleibe ich doch lieber individuell.

Die Menschheitsentwicklung brachte uns allerdings auch wertvolle Errungenschaften, die es in jeder Hinsicht zu verteidigen gilt und die immer wieder zum Teil blutig erkämpft wurden. Sie sind Ausdruck einer entwickelten und aufgeklärten Gesellschaft und beschreiben das Fundament des Zusammenlebens der Individuen in ihrer Verschiedenartigkeit. Das, was den Zusammenhalt einer Gemeinschaft ausmacht und Gemeinschaft erst zu einer Gesellschaft formt, sind die gleichen Rechte und Pflichten, die all ihren Mitgliedern implizit und explizit zuteil werden. Diese Rechte und Pflichten schaffen einen gemeinsamen Nenner für das friedliche und glückliche Zusammenleben.

Dieses Konzept von gleichen Grundrechten und Grundpflichten soll der Willkür und dem Recht des Stärkeren zumindest vom Anspruch her einen Riegel vorschieben und Unrecht erst justiziabel machen. Im tiefsten Grund unserer Existenz sind wir Menschen also alle gleich(wertig), unabhängig von allen inneren und äußeren Merkmalen und dem, was wir in unserem Leben erreicht oder auch nicht erreicht haben. Irgendwie eine beruhigende Vorstellung, oder?

DER MENSCH LEBT NICHT VOM BROT ALLEIN

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. In einer entwickelten, westlichen Gesellschaft ist dies eine Binsenwahrheit. Der Mensch lebt nicht allein, auch dies ist eine Binsenwahrheit, es sei denn, wir betrachten einen Eremiten in seiner Höhle. Ein Mensch in völliger Einsamkeit würde wohl sterben. Dies konnte man auch bei Babys feststellen, die keinerlei menschlichen und liebevollen Kontakt hatten. Man könnte vielleicht sogar sagen: Der Mensch wird erst durch seinen Kontakt in Wort und Tat zu einer anderen Person zum Menschen, zu einem sozialen Wesen. Wir verfolgen Zwecke und Ziele, die in den meisten Fällen irgendwie wieder auf andere Personen gerichtet sind.

Welchen Sinn könnte es machen, wenn ich ein riesiges Vermögen anhäufe, mit dem ich keinen anderen Menschen verwöhnen, beeindrucken, neidisch machen oder bestechen kann. Mit anderen Worten: Der Mensch freut sich nicht gern allein und er liebt sich auch nicht gern nur selbst. Freude, Leid und Liebe wirken bekanntlich doppelt, wenn man diese Gefühle teilt. Echten, tieferen Sinn bekommt menschliches Handeln erst dann, wenn es auf andere Menschen bezogen ist, im Bösen wie im Guten. Wenn Menschen ihr Handeln als sinnhaft oder sinnvoll bezeichnen, gibt es ihnen große Genugtuung und tiefe Zufriedenheit.

Wir haben es alle in der Hand, unser Leben mit Sinn aufzuladen und in diesem Sinne richtig zu leben. Ich hätte eine Idee: Weniger Egoismus mehr Altruismus, tue Gutes und unterlasse Böses und zwar mit Blick auf jeden einzelnen Menschen im eigenen Umfeld und dem Fortbestand unseres Planeten im Großen und Ganzen. Man könnte meinen: Aussagen eines Gutmenschen mit Hang zur Vorschreiberitis. Ich könnte erwidern, das ist alternativlos, wenn man richtig leben will. Ich könnte auch erwidern, es ist unerreichbar und das ist sicher auch richtig, aber es ist der richtige Kompass, die richtige Orientierungslinie und der richtige Weg. Jeder hat die freie Entscheidung: Weitermachen oder etwas an dem eigenen Leben neu ausrichten und neue Wege gehen.

TUE GUTES UND UNTERLASSE BÖSES

Gutes tun und Böses unterlassen, das ist ein wirklich hehrer Anspruch. Wir wissen doch, wir sind alle Sünder, fehlerhaft und schwach, oft uneinsichtig und manchmal unbelehrbar und eventuell auch auf kurzfristige und maximale eigene Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet. Aber was wäre denn zu tun, wenn wir Gutes tun wollten?

Das ist verhältnismäßig einfach. Wie schon Kennedy so schön formulierte: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann - frage, was du für dein Land tun kannst.“ Tue Gutes mit Blick auf dein Gegenüber und nicht mit Blick auf dich selbst. Gutes nützt und erfreut deinen Mitmenschen und schadet nicht der Natur und Umwelt. Böses führt immer zu irgendwie gearteten Verletzungen an Mensch und Natur. Natürlich ist diese Handlungsmaxime nicht wirklich einfach umzusetzen. Das Leben besteht allzu oft aus Zielund Interessenkonflikten, selbst bei bestem Willen aller Beteiligten und vollkommener Informationstransparenz.

Dann gibt es nur einen richtigen Weg, nämlich das gegenseitige Plädieren und Erkunden, um im besten Fall eine Win-Win-Situation zu erzielen oder wenigstens einen Kompromiss, bei dem der verteilte Nutzen als genauso fair empfunden wird, wie die eingegangenen Abstriche der eigenen Anspruchshaltungen. Es muss sich dann erweisen, wie tragfähig diese Kompromisse auf längere Sicht sind. Doch wer Gutes im Sinn hat und Gutes für seinen Mitmenschen bewirken will, wird immer wieder bemüht sein, neue Kompromisse zu suchen und einzugehen oder bestenfalls eine langfristige Win-Win-Lösung zu finden. Gesellschaftlich betrachtet müssten wir demnach ein Wirtschaftssystem favorisieren, das die gesamten Bedürfnisse der Menschen und der Umwelt in den Mittelpunkt rückt, ohne eindimensionale Verengung auf monetäre Wirkungen und das permanente Wachstum von Produktion und Konsum. Wir sprechen dann von einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft in einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft. Im 3. Kapitel werde ich dieses Thema näher ausführen.

STARKE TRETEN FÜR SCHWACHE EIN

Wir Menschen haben unveräußerliche Rechte. Das versteht sich von selbst. Doch was ist mit den Verpflichtungen, den freiwilligen oder den gesetzlich verordneten? Wenn wir schwachen Menschen helfen wollen, und dies ist ein zentraler Bestandteil des christlichen Menschenbildes und nicht nur dieses Menschenbildes, dann können dies wohl am besten die Starken leisten. Viele Menschen, die sich für hilfsbedürftige und schwächere Gesellschaftsgruppen engagieren, gewinnen schnell die Einsicht und Erkenntnis, dass Schwachen helfen zu können echt glücklich macht und dies bestenfalls sogar unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit.

Eigentum und Reichtum verpflichten irgendwie zur Dankbarkeit und wie könnte man Dankbarkeit für das Erreichte besser zum Ausdruck bringen, als das Erreichte zumindest teilweise zu teilen. Sich stark zu machen für Schwache ist eine der zentralen Kernbotschaften des Christentums, vorgelebt von Jesus Christus und mit ewiger Gültigkeit versehen. Auch wenn es für viele heute keine Sorgen mehr bereitet, wenn es in der Bibel heißt: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich“, so dürften die starken und vermögenden Menschen sicher dennoch keine Situation herbeiführen wollen, durch die ihnen die Freiwilligkeit ihrer Freigiebigkeit durch gesetzlichen oder auch gewalttätigen Zwang entzogen wird. Die Geschichte lehrt uns, dass große gesellschaftliche Umbrüche oder gar Revolutionen oft auch ganz, ganz viele Verlierer hinterlassen, zu denen dann in der Regel auch Teile der vermögenden und mächtigen Kreise einer Gesellschaft zählen.

LIEBE DEINEN NÄCHSTEN

Die Liebe, in Form der Nächstenliebe, ist wohl die zentrale Kernbotschaft, die uns Jesus Christus als Auftrag mit auf unseren Lebensweg gibt. Ein einfacher Begriff, der irgendwie doch nur schwer einlösbar scheint. Wie kann ich jemanden lieben, den ich überhaupt nicht mag? Wie kann ich jemanden lieben mit seinen vielen Schwächen und erst recht mit seinen herausstechenden Stärken? Wie kann ich einen Mörder, einen Kinderschänder oder meinen Nachbarn lieben, der mich andauernd mit seinem eigenartigen Verhalten nervt? Wie kann ich überhaupt jemanden lieben, wenn ich mich schon selbst nicht mag?

Das ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Nach allen bisherigen Erkenntnissen kann man andere Menschen wirklich nur lieben, wenn man mit sich selbst im Reinen ist und auch fähig ist zur Selbstliebe, natürlich in gesundem Maße.

Wie ich einen anderen Menschen wahrnehme ist meine Entscheidung, Bewertung und geistige Konstruktion. Mit der Bereitschaft zur Unvoreingenommenheit und Offenheit kann man an jedem Menschen liebenswerte Seiten erkennen, wenn man ernsthaft nach ihnen Ausschau hält. Letztlich gilt es, den eigentlichen Menschen hinter seinen Schwächen, Fehlern und Sünden zu erkennen und zu entdecken.

Natürlich ist Fehlverhalten oder gar das Böse, in welcher Manifestation auch immer, nicht als gut zu erklären oder umzuinterpretieren. Da wir aber alle Sünder sind, bleibt uns nichts anderes übrig, auch die Sünder zu lieben, wollen wir doch alle irgendwie geliebt werden. Zudem steht uns allen zu jeder Zeit der Weg zur Selbsterkenntnis, Umkehr, Wiedergutmachung oder Entschuldigung offen, mit der zu erhoffenden Konsequenz, dann auch wieder mehr Nächstenliebe geben und empfangen zu können.

Eine Umerziehung oder Indoktrination des fehlbaren Menschen frei nach der Devise, nur durch Druck wird aus Kohle Diamant, ist weder ein Ausdruck von Nächstenliebe noch von Vergebung. Die Sünde bleibt in jedem Falle bestehen, sie verändert vielleicht etwas ihre Erscheinungsform und ihr Gesicht. Wir sind und bleiben alle Sünder, auch wenn wir uns immer wieder redlich bemühen oder äußerem Druck ausgesetzt sind, uns „dringend zu bessern“. Eben darum verdienen wir alle Nächstenliebe.

JEDER MENSCH IST FEHLBAR

Da wir alle fehlbar sind, müssen wir vergeben, wenn es weitergehen soll. Nicht nur einmal oder zweimal, sondern dauerhaft. Echte Vergebung ohne Vorbehalte für die Zukunft wäre wohl ein Idealzustand, manche würden sagen blauäugig. Wie kann ich jemandem vertrauen, der mich einmal hintergangen hat, wie kann ich jemandem glauben, der mich einmal belogen hat? Ich kann es tun oder lassen. Ich kann dem Menschen eine neue Chance, eine zweite oder dritte Chance geben, oder ich kann die Beziehung beenden. Wieviel Vergebungen bedarf es, bis der fehlbare Mensch zur Selbsteinsicht gelangt, die vergebene Tat nicht mehr zu begehen. Diese Fragen kann man wohl nur auf den jeweiligen Einzelfall beziehen und im Zweifel schon gar nicht prognostizieren.

Eines bleibt aber festzuhalten: Ohne Vergebung gäbe es keinen Frieden im Kleinen wie im Großen und schon gar keine Liebe und Nächstenliebe. Wir entscheiden selbst als Individuum und auch als Weltgemeinschaft, in welcher Welt wir leben wollen: In einer solchen, in der Misstrauen oder Vertrauen, Verachtung oder Achtung, Bestrafung oder Vergebung, Hass oder Liebe vorherrschen.

DIE ZEHN GEBOTE SIND NOCH IMMER GÜLTIG

Als Moses vor mehreren Tausend Jahren die 10 Gebote von Gott auf dem Berg Sinai empfing, konnte keiner ahnen, dass sie tatsächlich bis heute unsere Moralvorstellungen prägen, indem sie in einfachen Worten unsere richtige Beziehung zu Gott und den Menschen untereinander beschreiben. Somit sind diese Gebote zeitlos und von ewiger Gültigkeit, insbesondere für Menschen, die sich dem christlichen oder jüdischen Menschenbild verpflichtet sehen.

Nun sind wir bekanntlich alle Sünder und nicht willens und in der Lage, die Gebote immer und überall einzuhalten. Überhaupt hört es sich immer etwas druckvoll oder gar erdrückend an, wenn es da heißt: Du sollst oder sollst nicht …. Politisch korrekt würde man heute wohl eher ein Schild aufstellen mit der Aufschrift „Bitte die Wege benutzen“, anstatt ein Verbotsschild mit dem Text „Nicht den Rasen betreten“. Insbesondere mit Verboten tut sich der Mensch bekanntlich eher schwer, da sie seine Freiheit einengen und ihn im Falle eines Regelverstoßes schuldig werden lassen. Aber mal abgesehen von der Verpackung, der Inhalt ist und bleibt für Christenmenschen eine der wesentlichen Orientierungslinien.

So wie wir uns heute in allen Lebens- und Arbeitsbereichen freiwillig oder gezwungenermaßen messen lassen, kommen wir letztlich auch um die Messung unserer moralischen Denk- und Handlungsweisen nicht herum. Unter Moral verstehe ich dabei ein Normensystem, dessen Gegenstand das richtige Handeln von vernunftbegabten Lebewesen ist und das für sich das Anrecht auf Allgemeingültigkeit erhebt. Im Gegensatz dazu sind die bekannten sieben Hauptsünden Ausdruck einer gewissen Unmoral. Zu diesen gehören Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei und Wollust. Streng genommen handelt es sich hierbei gar nicht um Sünden, sondern eher um Haltungen, aus denen sündige Handlungen erwachsen können. Auch wenn sich diese Begriffe heute nur noch schwer in unseren modernen Sprachgebrauch integrieren lassen und jüngere Menschen diese vielleicht gar nicht mehr einordnen können, so haben sie heute genauso wie früher eine den Menschen, wie auch die Beziehung der Menschen untereinander, zerstörende Wirkung. Dies sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, wenn wir unsere Welt in ihrer augenblicklichen Erscheinungsform genauer betrachten.

Mit Blick auf die Themenstellung dieses Buches, möchte ich mich nun auf zwei Gebote konzentrieren.

Du sollst nicht töten

Vier Worte, die es an Klarheit wohl in keiner Weise missen lassen. Dennoch werfen sie bei vielen verantwortlich denkenden und handelnden Menschen in so manchen Situationen und Krisen Fragen auf. Fragen, die das individuelle Gewissen aufs Tiefste berühren und die letztlich auch von keiner Instanz, sei sie kirchlich oder weltlich ausgerichtet, umfänglich beantwortet werden.

Du sollst nicht töten gilt zunächst nur auf Menschen bezogen, wenngleich es Tierschützer und Vegetarier durchaus auf alle größeren Lebewesen übertragen und manche Religionen auf alles, was da kreucht und fleucht.

Doch zurück zu den Menschen. Am leichtesten könnte man sicherlich noch mit dem Thema Todesstrafe verfahren. Wie in vielen demokratischen und zivilisierten Ländern bereits geschehen, wurde diese abgeschafft und durch lebenslange Gefängnisstrafen ersetzt. Nun gibt es aber auch Länder, wie die USA, in der gesellschaftliche Gruppen und Glaubensrichtungen, die sich einer sehr strengen christlichen Ausrichtung rühmen, wie z.B. die Evangelikalen, gerade die Todesstrafe massiv befürworten. Haben die irgendetwas nicht verstanden, dass sie klare Aussagen wie du sollst nicht töten biegen und brechen, bis sie ihren persönlichen Instrumentalisierungen ideal entsprechen. Diese Auffassung ist aus meiner Sicht nicht nur ein Missverständnis, sondern eher schon scheinheilig und verlogen und beleidigt alle vernünftig und ehrbar denkenden Christenmenschen.

Doch wie ist es mit Notwehr, wenn ich an Leib und Leben angegriffen werde? Darf ich mich persönlich dann verteidigen oder muss ich alles hinnehmen bis eventuell zu meinem bitteren Tod? Jesus Christus würde sagen: „Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch die linke hin.“ Doch Selbstverteidigung, ohne den anderen willentlich zu töten, ist zumindest ein Ausweg, um das 5. Gebot nicht zu verletzen.

Doch wie ist es im Kriegsfalle? Darf ich mich als Gesellschaft, als Staat verteidigen? Darf ich gar einen gerechten Krieg führen, um Menschlichkeit und Frieden wiederherzustellen? Oder gibt es per se keinen gerechten Krieg, sondern nur einen gerechten Frieden? Rechtfertigt ein Barbarenstaat unter der Führung eines IS Terrorregimes den Einsatz militärischer Mittel, um diesen zu beseitigen?

Auch die Kirchen in Deutschland vertreten hierzu keine konkludente Auffassung. Wie wir alle wissen, gibt es eine Vielzahl von Militärseelsorgern, die quasi nicht nur den Soldaten, sondern auch dem Verteidigungssystem dienen. Die Geschichte lehrt uns auch, dass viele hochrangige Kirchenvertreter sich nicht nur im Mittelalter, sondern auch zu Zeiten des 1. und 2. Weltkrieges auf die Seite der kriegstreibenden Parteien gestellt haben.

Darf es also eine Ultima Ratio geben, die da heißt Militäreinsatz, um Schlimmeres zu verhindern oder der Barbarei ein Ende zu setzen? Diese Frage kann ich persönlich nicht guten Gewissens beantworten.

Ich weiß nur, dass wir grundsätzlich viel früher ansetzen müssen, um diesem Übel von Gewalt und Gegengewalt, von Terror und Terrorbekämpfung, von Aufrüstung und Abschreckung an die Wurzeln zu gehen. Eine Gesellschaft, die nach den Prinzipien Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit lebt und sich einem christlichen Menschenbild verpflichtet fühlt, wird auch eine friedliche Gesellschaft sein. Sie kann geistige Brandstifter und notorische Kriegstreiber durch demokratisch legitimierte Mittel aus ihrer Gesellschaft ausphasen.

Wahnsinnige und Schwachmaten, die eine ganze Bevölkerung oder einen ganzen Staat gefangen nehmen, hätten dann keine Chance mehr, Gesellschaften zu infizieren, infiltrieren, manipulieren und instrumentalisieren. Ungeteilte und nicht legitimierte Macht befindet sich meistens in den Händen von Psychopaten, die es schaffen, ohne jedes Mitgefühl und ohne jeden Skrupel, ihre Position zu erkämpfen und mit aller Macht zu verteidigen.

In aufgeklärten und entwickelten Gesellschaften gibt es aber immer sich selbstorganisierende Kräfte sowie staatlich legitimierte Gewalten, die es in der Regel sehr schwierig machen, dass gefährliche Personen an die Hebel der Macht und des Militärs gelangen, um ihr Unwesen zu treiben und Gesellschaften zu versklaven. Wie es gelingen kann, eine versklavte Gesellschaft zu transformieren, zeigte Deutschland in zwei Etappen des 20. Jahrhunderts in beeindruckender Weise nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Mauerfall. In einer entwickelten und demokratischen Gesellschaft sind todbringende Waffen, wenn sie tatsächlich zum Einsatz kommen, keine Heilsversprecher für ein besseres Leben, sondern eher die Totengräber für die positive Gesellschaftsentwicklung und daher von der weitaus größten Zahl der Bürger auch nicht gewollt.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich erwähnen: Massenvernichtungswaffen, die die gesamte Menschheit in wenigen Tagen an den Abgrund ihrer Existenz befördern können, haben in unserer Welt nichts zu suchen. Es besteht immer die Gefahr, dass Potentaten, Diktatoren, Autokraten oder Wahnsinnige in ihren Besitz gelangen und dann eine Vernichtungsspirale in Gang setzen, die nicht mehr zu stoppen ist. Auch der Begriff atomarer Erstschlag gehört nicht in unsere Denkwelt und unseren Sprachschatz. Wie kann man so verrückt sein zu meinen, dass ein solcher Schlag irgendetwas Positives bewirkt. Massenvernichtungswaffen verbieten sich auch schon dadurch, dass ihre Leidtragenden immer die Unschuldigen und hilfsbedürftigsten Menschen sind, und zwar in Massen und nicht nur als Kollateralschaden. Auch bei dem Begriff Präventivschlag wird mir unverzüglich schlecht. Wer schlägt schon sein Kind in der Voraussicht, dass es in naher Zukunft einmal nicht gehorsam sein wird. Nur zur Klarstellung an dieser Stelle: Kinder und erwachsene Menschen sollten nach dem christlichen Menschenbild grundsätzlich nicht geschlagen werden.

Eines erscheint mir noch besonders wichtig zu erwähnen. Mit der zunehmenden Digitalisierung und Technisierung rücken der Auslöser von Waffengewalt und seine anvisierten Opfer räumlich immer weiter auseinander und das ganze Kriegs- oder Terrorgeschehen bekommt eine dem Videospiel (siehe Drohnen oder Langstreckenraketen) ähnliche anonyme Gestalt. Gewaltausübung hat dann kaum noch eine erkennbare moralische Wirkkomponente, da man als Verursacher, das was man anrichtet, nicht wirklich live und in Farbe miterlebt. Menschliches Mitgefühl und Einfühlungsvermögen setzen aber ein menschliches Antlitz voraus, in das ich mit meinen eigenen Augen direkt schaue.

Du sollst nicht lügen

Bekanntlich stirbt in einem Krieg immer zuerst die Wahrheit. Aber zu einem Krieg darf es gar nicht erst kommen. Lügen, ob bewusst oder unachtsam in die Welt gesetzt, können aber, wie uns die jüngere Geschichte lehrt, in den passenden Momenten eine unglaubliche Wirkung entfalten und Kriege auslösen bzw. fälschlicherweise begründen. Solche Lügen und bewusst platzierte Unwahrheiten haben eine besonders perfide Qualität und müssen zum Schutze der Menschheit mit aller Kraft entlarvt und aufgedeckt werden. Hierbei kommt den Medien und den Experten eine überragende Bedeutung zu. Lassen diese Gruppen sich aber im Sinne der Lügen instrumentalisieren, dann wird aus einer unabhängigen und nicht interessengeleiteten Medienarbeit ein Verbreitungsmedium von Fake News.

Fake News haben immer einen bestimmten Zweck, meistens eine Minderheitsmeinung populär zu machen und durch ständige Wiederholung als Wahrheit erscheinen zu lassen. Somit wird eine falsche Behauptung zu einer gefühlten Wahrheit, und das kann dann Handlungen provozieren, die in die genau falsche Richtung führen. Dies ist dann im wahrsten Sinne des Wortes gemein und gefährlich bzw. gemeingefährlich, stellt also eine Gefahr für das Gemeinwohl unserer Staaten oder Gesellschaften da. Menschengemachten Klimawandel gibt es nicht, das Artensterben ist auf normalem Niveau, Atomkraftwerke sind sicher, Globalisierung schadet dem Wohlstand, diese Maßnahme ist alternativlos, gern bemühte Aussagen, die es an Wahrheit doch ziemlich missen lassen.

Doch auch jeder Einzelne von uns muss sich fragen: Wo habe ich etwas geschwindelt, wo geflunkert, wo bewusst übertrieben, wo einfach etwas behauptet, wo eine kleine Notlüge formuliert, wo getäuscht und betrogen und wo auch bewusst gelogen, um meine Ziele besser zu verwirklichen. Das ist alles menschlich und passiert angeblich laut psychologischen Studien bis zu 200-mal am Tag. Die Richtigkeit dieser Aussage lasse ich jetzt einmal dahingestellt, vielleicht ist die Zahl aber auch übertrieben oder gar gelogen. Lügen werden dann problematisch, wenn sie so gehäuft auftreten und entlarvt werden, dass man dem notorischen Lügner kein Vertrauen mehr entgegenbringen kann oder möchte. Insbesondere bei wesentlichen Themen kann schon eine einzige Lüge die menschliche Beziehung zerstören. Dann sagt man gerne: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und in der Folge Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Es versteht sich von selbst, dass menschliche Beziehungen und menschliche Gemeinschaften auf Dauer nur auf Grundlage von Vertrauen funktionieren und gedeihen können und nicht auf Basis von Lüge, Täuschung und Tricksereien. Auch der einstmals mächtigste Mensch der Welt, der abgesehen von seinen Anhängern häufig als psychopathische Witzfigur mit mafiösen Zügen angesehen wird und seine Präsidentschaft nachweislich durch über 22.000 Falschaussagen, glatte Lügen und irreführende Behauptungen zu einer gefährlichen und spalterischen Phase der Desinformation machte, wird dafür in absehbarer Zeit durch die amerikanischen Gerichte sicher noch persönlich zur Rechenschaft gezogen. Falsche Aussagen werden auch dadurch nicht wahr, dass diese ständig wiederholt werden und aus dem Munde des Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt stammen.