Magdalena Gut

Lockruf La Palma

Zwei typische Schweizer wandern aus

Erinnerungen zu einer wichtigen Lebensphase die reich an Erlebnissen und Erkenntnissen nicht in Vergessenheit geraten möchte.

Im reiferen Alter wurden mein Mann und ich zu Zugvögeln. Wir traten eine Reise an, bei der das Retour-Ticket fehlte. Es ist eine Geschichte die von einem Aufbruch erzählt, der in einem ländlichen Dorf im Schweizer Mittelland startete und uns auf eine Insel im Atlantik führte. Dort schlugen wir unsere Zelte auf und verdienen unsere Brötchen im Tourismus. Das Leben fernab der alten Heimat war und ist nicht immer leicht. Wir lernten einiges über die Menschen und das Leben und auch, dass nicht alles planbar ist, wenn man ein Abenteuer wagt. In unseren Träumen und Gedanken waren wir auf einiges vorbereitet. Anderes war uns nicht bewusst, weil es uns an den Erfahrungen fehlte. Das war gut so. Vielleicht hätten wir diesen Schritt sonst nicht gewagt. Wie so oft im Leben und auch wenn es sich um weniger bedeutungsvolle Projekte wie eine Auswanderung handelt, kommt es anders als man denkt, Flexibilität, Durchhaltewillen, die Fähigkeit sich anzupassen halfen, um in der Ferne eine zweite Heimat zu finden.

Sternschnuppe

Etwas sperrig, etwas weniger lieblich als die übrigen sieben Inseln der Kanaren, schlossen mein Mann und ich unsere ”Isla Bonita”, eine kantige unverwechselbare Insel vor der Nordwestküste Afrikas einst ins Herz und fortan verbrachten wir unsere Urlaube auf Santa Cruz de la Palma. Wir taten was Touristen so tun. Erkundigten die felsige und waldige Umgebung, sprangen über den dunkelgrauen Vulkanstrand ins Meer, aßen in den gemütlichen Beizen in der Hauptstadt aber vor allem auf unserer bevorzugten Seite der Insel, im lieblichen Aridanetal und tranken dazu den schmackhaften Wein der Region. 1997 erwarben wir ein Stück Land, bauten ein schönes Ferienhaus, das über Weitsicht und andere ideale Bedingungen verfügte: Nicht in der Einsamkeit gelegen und doch so einsam, dass uns keine Nachbarn im Nacken saßen.

Zehn Jahre lang verbrachten wir hier unsere Urlaube, im Hinterkopf immer die Idee, dass wir auf der Isla Bonita eines Tages und spätestens im Alter ein dauerhaftes Zuhause finden könnten. Dass wir nicht erst als Pensionisten für immer nach La Palma gelangten, unsere Komfortzone in der alten Heimat verließen, die Wände die sich in den langen Jahren des Lebens aufgebaut hatten niederrissen, erwies sich als glückliche jedoch auch riskante Entscheidung die wir - eigentlich zwei typische Schweizer im Jahr 2006 - in die Tat umsetzten. Einig waren mein Mann und ich in der schlichten und doch weit reichenden Erkenntnis: Wir wollen noch etwas erleben! Dreißig gemeinsame Jahre lang verlief unser Leben in ruhigen Bahnen, in einem hübschen ruhigen Ort, mit fester Arbeit und tausend Routinen, mit Freunden und Familie. Nur an die kalten grauen Wintertage im Unterland gewöhnten wir uns nicht und dann die Einsicht: Wie der matschige Schnee in den Rinnsteinen, verschwamm irgendwann auch alles andere zu einem eintönigen Einerlei. Sollten wir warten bis wir alt und grau sind, um die wenige Zeit die uns dann vielleicht noch bleibt, zu genießen? An einem trotz allem fremden Ort, der zweifelsohne eine Eingewöhnungszeit fordert bevor man sich eingelebt hat und glücklich werden kann? Die Antwort lautete: Nein.

49 und 54 Jahre alt waren nicht mehr jung und weit davon entfernt leichtsinnige Entscheidungen zu treffen. Viele durchwachte Nächte mit hoffnungsvollen Gesprächen aber auch einige Albträume gingen dem Vorhaben Auswanderung voraus. Als die Entscheidung feststand, mussten mein Mann und ich einander oft Mut zusprechen. Es kommt gut. Das schaffen wir. Während wir davon träumten am Strand in der Sonne zu liegen, sah unsere Realität vorerst anders aus. Bei Neonlicht saßen wir spätnachts im Büro und schmiedeten einen weiteren Plan, den wir umsetzen wollten. Wie für die meisten der älteren Auswanderer waren die milden klimatischen Verhältnisse in südlichen Gefilden auch für uns ein wichtiger Grund, um die Schweiz zu verlassen. Allerdings hegten wir noch einen anderen Traum, der mit der Auswanderung verbunden war und diese zu einer komplexen Angelegenheit machte: Eine Bungalow-Anlage sollte uns in der neuen Heimat eine erfüllende Tätigkeit bescheren und ein Auskommen ermöglichen.

Vierzehn Jahre sind seither vergangen. Wir haben die Chance beim Schopf gepackt und sind längst im Besitz der betreffenden Bewilligungen die es uns erlaubt, auf La Palma unser tägliches Brot verdienen zu dürfen aber auch zu müssen. Wir leben ein privilegiertes Dasein in einer atemraubenden Natur und trotzdem liegt es in der Natur der Sache, dass wir die faszinierende Aussicht auf den Atlantik nicht mehr jeden Tag so intensiv wahrnehmen, wie in den Anfängen. Das gleiche gilt für die fantastischen Sonnenuntergänge, die farbenfrohen Häuser, den mit Millionen von Sternen übersäten Nachthimmel. Vielleicht ist es die Definition von Heimat, wenn all das Gute ein Stück weit Normalität wird. Gleichzeitig hinterfrage ich noch heute manches, setzte mich kritisch mit Gepflogenheiten und Lebensumständen auseinander, die auch irritieren können und manchmal sogar für Zweifel sorgen, doch so viel anderes was anfänglich vielleicht schwierig zu verstehen war, macht heute Sinn für mich. Was ich heute sicher weiß: Man wechselt nicht einfach in ein anders Land und findet dort automatisch Freiheit und Unbeschwertheit. Man nimmt die eigenen Erinnerungen, die Selbstzweifel und die Fragen nach dem Sinn des Lebens mit.

In diesem Buch möchte ich von der Zeit erzählen, als wir vom alten Paradies in ein neues umgesiedelt sind. Von hundert schönen Erlebnissen, Einsichten und Erkenntnissen in der neuen Heimat. Von fantastischen, aber auch leidvollen Tagen, die uns unsere neue Einnahmequelle, die Vermietung der Bungalows bescherte. Von den kleinen Dingen des Lebens, die sich hier abspielen, von eigener Verunsicherung, kulturellen Unterschieden und Eigenheiten, von vielen Momenten des großen Glücks, von Begegnungen mit Einheimischen und unseren Gästen. Von Menschen möchte ich erzählen, die mit diesem kleinen liebenswerten Stückchen Erde eine Lebensphilosophie verbinden oder hier auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Aussteiger, Auswanderer, Esoteriker, Sonne- Mond und Sterne Anbeter, Glücksritter, Traumtänzer, FKK-Nackedeis. Und nicht zuletzt jene, die hoffnungsvoll, mutig, neugierig und mit vielen guten Ideen im Gepäck auf die Insel gelangten, leider scheiterten, enttäuscht wurden, wieder abreisten oder die Kraft nicht fanden sich aufzurappeln und ihre Träume schlussendlich im Alkohol ertränkten. Von ihnen wusste ich nichts als ich den Sternschnuppen den Wunsch hinterherschickte, dass unser Abenteuer gelingen möge, wir in der Fremde finden was wir damals in unserem Leben vermissten. Abwechslung und Herausforderung.

Gleichzeitig, das liegt in der Natur der Sache, lassen sich nicht alle Kalamitäten einer Auswanderung zum Voraus erahnen. Wäre es so würde man solche Pläne nicht in die Tat umsetzten. Ein wenig Mut und das dringende Bedürfnis eine Veränderung herbeizuführen, sind also unabdingbar, wenn man diesen Schritt wagt. Beides war in unserm Fall gegeben.

Das Vorhaben Auswandern, klingt unbeschwert und leicht, nach Ballast abwerfen. Doch bevor man zu neuen Ufern aufbrechen kann, muss man sich vor allem von vielen Dingen verabschieden. Das Entrümpeln des Hauses ist der leichtere Part. Sortieren, loslassen, weggeben. Wochenlang dauerte dieser Prozess an. Die Vergangenheit landet in der Mulde und die Zukunft in Kisten die bald abgeholt und in einem Container von sechs Meter Länge Platz finden muss, dessen Leergewicht allein zwei Tonnen wog. Nur langsam lichtete sich das Dickicht in den Zimmern, im Keller, in der Garage. Was man alles ansammelt, in der Meinung auf all das nicht verzichten zu können ist erst erstaunlich, wenn man mit dieser Ausbeute konfrontiert ist. Bereits wurde einiges abtransportiert. Manche Möbel und anderes versuchten wir zu verschenken und doch ließ sich nicht verhindern, dass manches was uns drei Jahrzehnte lang begleitet hat, in der Verbrennungsanlage landete. Mir blutete das Herz! Und gleichzeitig stellte ich fest, dass immer mehr zum Vorschein kam. Nicht nur im Keller, sondern auch in vollgestopften Gestellen und Schränken, Schubladen und Schachteln. Tausend Dinge, von denen man glaubt, man benötige sie. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht - irgendwann mal. So wie die unförmige Glasschale, die schon seit Jahren den Stauraum versperrte. Oder die nicht mehr ganz neue Teekanne, die vielen Blumenvasen, die gusseisernen Pfannen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt zog ich meinen Hut vor all jenen, die ihr Hab und Gut immer wieder entrümpeln, ordentlich und unsentimental mit dem eisernen Besen ihren Besitz dezimieren. Ich neige eher dazu viel aufzubewahren, eben: im festen, aber irrigen Glauben, dass der Suppentopf mit dem schönen Blumenmuster doch noch zum Einsatz kommen könnte.

Ein Vierteljahrhundert lebten wir in unserem Einfamilienhaus, das wir ”Hexenhäuschen” nannten. Nun herrschte die Devise: Nur das Nötigste darf mit, der Rest ist eigentlich überflüssig. Mit diesem Rest oder zumindest mit einem Teil davon, sind jedoch unvergessliche Momente verbunden und während ich aussortierte und wegwarf, liefen vor meinem geistigen Auge Erinnerungen ab: Die ersten Schritte unserer Tochter im Garten, hundert Einladungen im Kreise von Familien und Freunden, tausend gemütliche Abende am Esstisch im Freien. Die damit verbundenen Dinge wegzugeben, führten anfänglich zu Herzschmerz. Doch später wuchs mit jedem Objekt das ich aus den Fingern gab, die Erleichterung.

Allerdings war nicht nur wegwerfen gefragt. Bei der schwierigen Aufgabe handelte es sich um die Entscheidung, was wir in der neuen Heimat wirklich benötigten. Unser Haus im Süden, das wir ursprünglich einmal als Ferienhaus geplant hatten, war viel kleiner als unser Zuhause in der Schweiz. Gleichzeitig befand sich die Bungalow-Anlage die wir in La Palma betreiben wollten, bereits im Bau. So verschwand schlussendlich das Allernötigste, jedoch auch manche doppelten Utensilien, die sich angesammelt hatten, in den Umzugskartons.

In der Phase des Packens, die mehrere Wochen Zeit beanspruchte, unternahm ich immer wieder lange Wanderungen durch das in der Nähe liegende Reuß Tal. Die Eiseskälte jener Tage, die nasskalten Temperaturen nisteten sich regelrecht in mir ein und heute denke ich, dass ich suchte, was mir den Abschied aus der Schweiz weniger schwer machen sollte. Wir fühlten uns in der Schweiz wohl und hätten in unserer Heimat bestimmt weiterhin ein behagliches Leben führen können, abgesichert mit unzähligen Versicherungen die Krankheit, Tod, Raub, Brand, Unfälle und Armut abdecken. Das Leben ebenso wie Hab und Gut geschützt und die ganze Existenz darauf ausgerichtet, dass nichts Unvorhergesehenes geschieht. So haben wir gelebt und es ging uns gut dabei. Wunderbare und zufriedene Jahre lagen hinter uns. In diesem ruhigen, beschaulichen, in diesem entzückenden Dorf mit seinen liebenswerten Bewohnern. In unserem von saftigen grünen Wiesen, ordentlich bewirtschafteten Bauernhöfen und Wäldern umgebenem Zuhause. Jede Medaille hat zwei Seiten und an schlechten Tagen empfand ich manchmal Beengung. Aufgrund vieler Regeln, die in einer solchen Gemeinschaft zu beachten sind und auch der Alltag mit seinen tausendfach gelebten Routinen verlor mit der Zeit ein wenig an Glanz. Es ist ein Detail aber trotzdem: Im Verlauf von vielen Jahren wurde unser einst so ruhiges Paradies von modernen Siedlungen umringt, mit vielen Kindern die mit ihrem Geschrei sogar das Läuten der Kirchenglocken und das Gebimmel der Kuhglocken übertrafen. Was uns auch dazu brachte, dass wir die lang ersehnten milden Abende künftig im Wohnzimmer verbringen mussten. Ich ertappte mich bei negativen Gefühlen und musste mir eingestehen: Der eigene Nachwuchs ist aus dem Haus, man hat bereits einige Jährchen auf dem Buckel. Die eigene Toleranz wird bestimmt nicht grösser bleibt man ewig im Gewohnten stecken.