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Die Briefmarke „Ford Capri 1" auf S. → ist als amtliches Werk nach § 5 Abs. 1 UrhG gemeinfrei.

Umschlagabbildung: Aquarell von Gisela Schweikart

Korrektorat: DOROTEXT Lektorat, Frankfurt/Main

Layout: Anja Wellenbender, Dr. Stefan Kappner

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7534-0074-7

Inhalt

Grußwort der VHS

„Freitags von Zehn bis Zwölf. Lebensbilder“ - So lautet der Titel des mittlerweile vierten Bandes, den die Teilnehmerinnen der „Oberurseler Schreibwerkstatt" gemeinsam mit ihrem Dozenten Dr. Stefan Kappner veröffentlicht haben.

Das Werk ist während der Corona-Pandemie entstanden - die Arbeit an den Aufsätzen und „Lebensbildern" bedeutete in dieser Zeit für alle Beteiligten eine willkommene Abwechslung. Sie ermöglichte ihnen aber auch und vor allem eine konstruktive Auseinandersetzung mit der eigenen

Lebensbiografie.

Wie bereits bei den ersten drei Sammelbänden, so stecken auch in diesem Band wieder viele persönliche und private Szenen und Momente, die den Leser*innen einen lebendigen und spannenden Einblick in die Gedanken- und Erlebniswelt der Autorinnen vermitteln.

Ich gratuliere herzlich zu diesem erneut sehr gelungenen Gesamtkunstwerk und wünsche noch viele Jahre des gemeinsamen kreativen Schaffens mit Dr. Stefan Kappner, der vor knapp drei Jahren die Nachfolge von Rosmarie Fichtenkamm-Barde angetreten hat und mittlerweile selbst eine Institution an unserer Volkshochschule ist.

Carsten Koehnen

Leiter der Volkshochschule Hochtaunus

Die Oberurseler Schreibwerkstatt besteht seit 27 Jahren. Sie ist ein Kursangebot der Volkshochschule Hochtaunus. Viele der Teilnehmerinnen sind seit mehr als zehn Jahren regelmäßig dabei.

Vorwort

Es begann mit dem seltenen Gang zum Fotografen, dem schwer gerahmten Familienbild, das noch wie ein Ölporträt anmutete. Später ließ man besondere biografische Momente auf diese Weise „verewigen", den ersten Schultag, die Eheschließung. Was war, sollte festgehalten werden und man füllte das Familienalbum mit den Dokumenten des gelebten Lebens.

Als Fotoapparate tragbar und für alle erschwinglich wurden, kam der Schnappschuss, der jeden zum Fotoreporter des eigenen Lebens machte: So war es tatsächlich, un-gestellt. So sah von außen aus, was in uns als dunkle Erinnerung an einen gelungenen Abend, einen peinlichen Moment schlummert, oder an eine Freundschaft, die wir lange schon vergessen hatten. Jetzt stoßen wir auf dieses Foto in einem Album oder der hintersten Ecke einer Computerfestplatte und erinnern uns wieder.

Psychologen haben herausgefunden, dass man Erinnerungen provozieren kann, indem man Probanden ein Foto zeigt: Wie sie zum Beispiel als Kind auf dem Rücken eines Elefanten in einem Vergnügungspark unterwegs sind. Nach einiger Zeit konnten sie sich tatsächlich erinnern, wie es sich angefühlt hatte, dieses Reiten auf dem grauen Koloss. Dabei war das Foto gefälscht, zum Zwecke der Wissenschaft.

Der Einfluss von Fotografien und Filmen auf unsere Erinnerungen hat stetig zugenommen.

Wie hängen die Geschichten, die wir uns erzählen und von denen wir schreiben, mit der allgegenwärtigen Bilderwelt zusammen? Was „sagen" uns Fotografien und andere Bilder?

Solche Fragen diskutierte ich mit der Gruppe von Autorinnen, die ich seit 2018 an der VHS in Oberursel bei ihrem Schreiben begleiten darf, immer freitags von zehn bis zwölf.

Schließlich hatten wir die Idee, Bilder zum Ausgangspunkt längerer autobiografischer Texte zu machen. So kam diese Anthologie zustande. Doch was heißt „Ausgangspunkt“? In manchen Fällen gibt das Bild das Thema vor, in anderen dient es zur Illustration. Manche Texte bleiben eng am Foto, kommen immer wieder darauf zurück. Andere gehen kaum darauf ein, und dennoch bilden Text und Bild eine Einheit, ergänzen sich gegenseitig.

Sehr wahrscheinlich haben Sie sich, bevor Sie dieses Vorwort gelesen haben, zuerst die Bilder angesehen. So funktioniert unsere Aufmerksamkeit. Die 13 biografischen Erzählungen, die in diesem Band versammelt sind, bieten Ihnen darum nicht nur eine große Themenvielfalt und formale biografische Bandbreite. Sie bieten Ihnen auch die Chance, zu merken, wie sich unser Blick verändert, wenn wir etwas erfahren haben. Wie der Text, den wir verstehen, auf die Bilder zurückwirkt, die wir sehen. Ein besonderes Vorher-Nachher-Erlebnis. Probieren Sie es aus.

Dr. Stefan Kappner, Mai 2021

Es begann in der alten Jahn-Turnhalle

Brigitte Amend

Die Nachrichtensendungen berichteten im Frühjahr 2020 von einem unbekannten Virus, das in der Stadt Wuhan auf einem Wildtiermarkt aufgetreten sei. Mich regte die Meldung nicht sonderlich auf. Es waren schon zahlreiche Krankheiten im fernen China ausgebrochen. Aber aus einem „weit, weit weg“ wurde ein „nah und näher“. Italien mit seinen Schreckensbildern von schwerkranken Patienten, Klinikpersonal am Ende seiner Kräfte. Frankreich, Spanien und Deutschland. Die Bundesregierung verhängte einen sogenannten „Lockdown" über Deutschland. Kontaktbeschränkungen, Hygieneregeln und später eine Maskenpflicht in Innenräumen wurden eingeführt und das Virus eilte um die Welt. Kein Staat, keine noch so kleine Insel blieb verschont. Nachdem ich meine Schockstarre über dieses unbekannte Ereignis überwunden hatte, fügte ich mich in die besondere Situation. Spaziergänge waren möglich. Mein Mann und ich strichen durch die Felder und Wiesen um unseren Wohnort herum. Wir genossen die Natur, die Stille, denn die Flugzeuge blieben aus. Bienen und andere Insekten summten und surrten über die vielzähligen roten, in der Sonne leuchtenden Klatschmohnblüten und tiefblauen Kornblumen. Ich ging durch die Hauptstraße, die sich durch ganz Eschborn schlängelt. Meinen Gedanken und Erinnerungen ließ ich freien Lauf. Ich hatte ja nichts vor.

Neben der katholischen Kirche, an der Kreuzung zur Straße nach Frankfurt und Wiesbaden, verteilte sich am frühen Morgen der Duft frisch gebackenen Brotes der Bäcker- und Konditorei Rapp. Brot kauften wir regelmäßig dort, aber Kuchen selten. Mutti war sparsam und backte ihren Kuchen lieber selber. Meine Freundin Ilse und ich kauften für ihre Familie ein.

In der Glasvitrine lockten leckere Obst- und Sahnetorten um die Wette. Im Nebenraum, in dem Tische und Stühle standen, klapperte Geschirr, und es strömte Kaffeeduft herüber. Die Inhaberinnen, zwei Schwestern, ältere Fräuleins, beide mit den damals modernen Dauerwellenlocken, standen hinter der Theke. Der Bäcker mit mehliger Schürze und Bäckerhut kam ab und zu aus der Backstube, um weitere süße Leckereien zu bringen. Sonntagsgäste wurden außergewöhnlich zuvorkommend bedient, auch wenn im Laden viele Kunden warteten. Nachdem die ausgewählten Kuchenstücke haargenau nebeneinander auf dem Pappteller lagen, nahm auch das Einpacken viel Zeit in Anspruch. Jedes Papierfältchen hatte seinen Platz. In Eschborn hieß die Konditorei Rapp deshalb „Café Langsam“. Durch die Wartezeit steigerte sich unser Appetit, der Geruch der frischen Erdbeertorte mit Mandelsplittern steckt mir noch immer in der Nase.

Ein Stück weiter die Hauptstraße entlang hatten wir in den 1960er Jahren ein kleines Kino. Zum Treppenhaus mussten wir durch den Hof gehen. Im großen Saal des ersten Stockwerks stand, abgetrennt durch eine Glaswand, das Vorführgerät. Im Gedächtnis geblieben ist mir ein Film mit dem Titel ,, Wenn die tollen Tanten kommen" mit Rudi Carrell, Ilja Richter und Chris Roberts. Männer hatten sich als Frauen verkleidet, und das führte zu komischen Verwicklungen. Während der Vorführungen wurde es regelmäßig stockdunkel. Der Film war wieder gerissen! Dann drehten sich alle Köpfe nach hinten und beobachteten das hektische Arbeiten des Filmvorführers. Die Pfiffe der ungeduldigen und das leise Stöhnen der ruhigeren Zuschauer drangen durch die Glaswand. Aber die Reparatur ging dadurch natürlich nicht schneller.

Am Morgen

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich die alte Jahn-Turnhalle von 1888. Sie ist inzwischen modernisiert und durch einen Glasanbau erweitert worden. In meiner Jugendzeit stand sie noch im alten Kleid. Während der Corona-Krise hatte ich angefangen, Steine, die ich beim Wandern fand, mit Motiven zu bemalen. Ich malte deshalb die Turnhalle auf einen lehmbraunen Stein. Als ich so lange draufstarrte, hatte ich das Empfinden, dass das Haus lebendig sei. Zwei runde Augen sahen mich an. Das Dach mit abgeschrägtem Giebel saß wie ein Hut darauf. Der torförmige Eingang wirkte wie ein geöffneter Mund, der Menschen aufsaugte und nach den Veranstaltungen wieder ausspuckte.

Die Jahn-Turnhalle war in den 1960er Jahren mehr als nur eine Sporthalle. Sie verfügte über einen großen Turnsaal und war der Ort, an dem die Eschborner an Wochenenden oder zu speziellen Anlässen während der Woche, etwas erleben konnten. Eine Ankündigung verbreitete sich einmal wie ein Lauffeuer: „Heinz Schenk mit dem Frankfurter Wecker" wird aus der Jahn-Halle gesendet!"

Ich war zu der Zeit Schulkind und 13 Jahre alt, als meine Freundin und ich davon erfuhren, dass diese Rundfunksendung demnächst aus Eschborn gesendet werden sollte. Der Hessische Rundfunk bot die beliebte Morgensendung in den Sommermonaten täglich aus unterschiedlichen hessischen Städten an. Moderiert wurde von Kulenkampff, Frankenfeld, Höpfner oder Schenk. Heinz Schenk wurde später mit seiner Fernsehsendung „Zum Blauen Bock“ berühmt.

„Wollen wir da hin?“, fragte mich meine Freundin.

„Natürlich. Aber wann ist die Vorstellung? Haben wir an dem Tag Schule?“

„Da sind schon Sommerferien.“

Morgens um sechs Uhr machten wir uns auf den Weg zur Jahn-Halle. Wir hatten unsere bunten Sommerröcke und kurzärmeligen Blusen an. Damit die Röcke abstanden, trugen wir moderne Petticoats aus weißem Perlonstoff. In dem großen Saal saßen junge und ältere Menschen bunt gemischt. „Guten Morgen, guten Morgen ... einen Morgen ohne Sorgen“, tönte der „Frankfurter Wecker-Marsch“. Das Publikum klatschte begeistert mit. Die muntere, aufheiternde Musik gefiel uns, aber sie war doch mehr etwas für die älteren Zuhörer. Für uns stand der prominente Gast, Gus Backus, im Mittelpunkt, ja er war überhaupt der Grund für uns hinzugehen. Wir warteten, bis er endlich kam. Und er enttäuschte uns nicht und sang seinen bekannten Schlager „Das ist der Häuptling, der Häuptling der Indianer, wild ist der Westen und schwer ist sein Beruf, uff“. Jedes „uff" traf mitten ins Herz. Und Gus sah uns dabei direkt in die Augen, denn wir hatten es geschafft, in der ersten Reihe zu sitzen. Wir lauschten seinem wunderbaren amerikanischen Akzent, dabei glühten unsere Köpfe. Amerika, die Indianer, alles wie in einem Traum. Viel zu schnell war die Veranstaltung zu Ende. „Wenn er nur nicht durch den Hinterausgang verschwindet!“, dachte ich. Wir stürzten auf die Bühne. Die anderen Besucher dagegen verließen die Halle. Dass nur wenige Leute Interesse an einem Autogramm zeigten, störte uns nicht. Im Gegenteil. Wir fühlten uns besonders geehrt, als Gus uns ein Postkartenbild mit persönlicher Widmung überreichte.

Zwei wollten dabei sein

Als ich einmal nachmittags bei meiner Freundin war, überraschte mich ihre Großmutter mit einer Neuigkeit: „Zusätzlich zum ersten Fernsehprogramm wird es in Zukunft ein Zweites Deutsches Fernsehen geben. Und das Wichtigste! Die Sendezentrale wird in Eschborn errichtet werden.“ Ich glaubte der Oma nicht so recht. „Das wird sicher ein Spaß sein", dachte ich. Sie setzte die Lesebrille auf ihr rundes, von einem silbergrauen Lockenkopf umrahmtes Gesicht. Dann las sie aus der Zeitung vor: „In einem Staatsvertrag wurden die Grundsätze für den neuen Sender ,Zweites Deutsches Fernsehen' festgeschrieben. Als Standort wurde für die provisorischen Sendestudios ein Grundstück in Eschborn gekauft. Auf dem Gelände arbeitete früher die Ziegelei Rübsamen. Zurzeit stehen dort noch einige einfache Gebäude, in denen einst die Ziegeleiarbeiter wohnten, und eine Scheune." Ilse und ich sahen uns mit leuchtenden Augen an: „Endlich passiert hier mal was!" „Das ist die Chance für Eschborn. Unser Dorf wird berühmt werden. Die Sendungen können Fernsehzuschauer in ganz Deutschland sehen. Und zwar jeden Tag! Die Radioübertragung des frankfurter Weckers' aus der Jahn-Turnhalle war im Vergleich dazu rein gar nichts."

In den nächsten Wochen spazierten wir an den Nachmittagen immer mal wieder zu dem beschriebenen Grundstück in der Nähe des Bahnhofs. Eines Tages rückten Arbeiter an und rissen Gebäude ab, Lastwagen luden Steinbrocken und Holzabfälle auf. Wir konnten den Baufortschritt jeden Tag begutachten, denn unser Zug zur Schule nach Frankfurt fuhr unmittelbar daran vorbei. Ein prächtiges Gebäude mit großen hellen Studios entstand. Ich sah berühmte Sänger und Schauspieler bei Probeaufnahmen in grellem Scheinwerferlicht. Der Haken daran: Das Gebäude war ein Luftschloss, das lediglich in meinen Hoffnungsträumen bestand. Die Wirklichkeit sah anders aus. Arbeiter bauten niedrige, lang gestreckte Hütten aus Holzteilen, die wie Baracken aussahen. Alles so billig wie möglich. Es sollte ja nur ein Provisorium entstehen. Nach kurzer Zeit zogen die Bauarbeiter ab und die Fernsehleute ein.

Sobald wir die Schulaufgaben fertig hatten, verließen wir schleunigst das Haus. „Wir gehen auf die Straße.“ Ilses Großeltern hatten nichts dagegen. Und zum Glück waren sie auch nicht neugierig. Wir liefen geradewegs zum Grundstück des ZDF. Zu gerne hätten wir einen Blick durch die niedrig angebrachten Fenster geworfen, aber an die Gebäude schloss sich eine übersichtliche Rasenfläche an und dann noch der Maschendrahtzaun. Wir konnten also nur die Leute beobachten, die von den Hütten kamen oder hin gingen. Um nicht aufzufallen, versteckten wir uns hinter Büschen. Während wir hier warteten und Ausschau hielten, reifte eine neue Idee.

„Wir dürfen uns nicht immer verstecken, wenn wir zum Fernsehsender gehen. Vielleicht werden wir ja eines Tages von einem Fernsehmann entdeckt."

Am kommenden Tag zogen wir unsere bunten Sommerröcke an und die neuen Lackschuhe.

„Schnell an Oma vorbei, dass sie nichts merkt!"

„Wir gehen ein bisschen spazieren“, rief Ilse in Richtung Küche.

Die Großmutter schälte konzentriert Kartoffeln und schaute nicht auf.

„Schnell aus dem Haus!"

Da kam ausgerechnet Ilses Opa die Straße entlang. „Ihr seht aber heut fein aus", sagte er, während er seinen braunen Cockerspaniel Benni davon abhielt, uns mit seinen schmutzigen Pfoten anzuspringen. Der Feldweg, der zur Sendeanstalt führte, war nach einem Regenguss nass geworden und der typische Eschborner Lehmboden aufgeweicht. Wir schlitterten wie auf Skiern bis zum ZDF-Gelände. Hartnäckig rutschten wir mehrmals den ganzen Weg hin und her und warteten darauf, dass eine interessante Person oder sonst etwas Unerwartetes kommen würde. Vielleicht eine Filmschauspielerin oder ein Produzent? Aber es passierte nichts. Gar nichts. Als wir wieder zu Hause waren, entdeckten die Großeltern unsere lehmverschmierten neuen Schuhe. Am 1. April 1963 begann die Ausstrahlung des ZDF aus unserem Heimatdorf.

Wenn inzwischen auch unsere Hoffnung geschwunden war, fürs Fernsehen entdeckt zu werden, beobachteten wir trotzdem regelmäßig das Studiogelände, sicherheitshalber. Man konnte ja nie wissen! Einmal kreiste ein Hubschrauber darüber und warf geheimnisvolle Päckchen ab. Später las ich in der Zeitung, dass darin die neuesten Fußballfilme für das Sportstudio waren. Ein anderes Mal rutschten Mitwirkende in Gummistiefeln zu den Studios und einmal war ein Schäfer mit seinen hundert Wollschäfchen dort zu sehen. Sie fraßen die Rasenfläche um die Hütten herum ab, und es ertönte ihr zufrieden klingendes „Määh". Zu sehen, wie sie sich das Gras schmecken ließen, gefiel mir am besten von allem.

Grenzen

Unser neuer Klassenlehrer, Herr Dr. Müller, war klein und schmächtig und trug eine riesige Hornbrille auf der Nase. In der Mitte seines Kopfes befand sich ein rundes, glänzendes Nichts und drumherum ein Kranz hellbrauner, ungewöhnlich langer Haare. Er hatte ein ruhiges, sanftes Wesen und ein großes Herz für uns, was einige meiner Mitschüler anstachelte, Unsinn zu machen.

1962, ich war 14 Jahre alt, verbrachte unsere Klasse, zehn Jungen und 20 Mädchen, zwei Wochen in einem Naturfreundehaus in Bergzabern. Vormittags hatten wir zwar Unterricht, aber der war dufte! Wir sollten uns für Deutsch eine Projektarbeit überlegen, die am bunten Abend aufgeführt werden sollte. Ursel, Eva, Trüdel, Anneliese, Uschi und ich hatten uns ein kurzes Theaterstück ausgesucht, das wir selbständig einübten. Unser Arbeitsplatz war ein großer Balkon, auf dem wir bei sonnigem Wetter über die Hügel der Pfalz schauen und uns nebenbei noch bräunen konnten. Obwohl wir viel Zeit zum Herumalbern und Lachen verwendeten, kamen wir mit der Textarbeit schnell voran. An den Nachmittagen hatten wir immer freie Zeit. Wir blieben im Haus oder schaukelten auf der Doppelschaukel vor dem Gebäude. „Das ist was für Babys“, sagten manche. In der Nähe befand sich ein Baggersee, in dem wir baden durften. Aber auch das verlor schnell seinen Reiz. Was konnten wir in dieser einsamen Gegend unternehmen? „Ich finde es hier langweiliger als zu Hause. Da gibt es wenigstens ab und zu ein Fest in der Turnhalle", sagte Ilse, und genau das war auch meine Meinung.

Zu unseren Schlafräumen herauf tönte eines Abends laute Schlagermusik. Mir fiel ein Hinweiszettel mit der Überschrift „Schlachtfest" ein. „Da sitzen welche unten in der Gaststube, wahrscheinlich Naturfreunde", verkündete ich. Wir sollten ab zehn Uhr eigentlich Bettruhe halten. Aber Anne war die Erste, die auf stand und anfing zu tanzen. Auch die anderen Mädchen verließen ihre Betten. Wir trugen keine langweiligen Schlafanzüge, sondern hatten alle die neuesten Baby-Doll-Shortys an.

„Ich möchte wissen, was da unten los ist."

„Ich geh mal auf die Toilette."

„Ich auch." Anne und Eva liefen durchs Treppenhaus, ein Stockwerk tiefer befand sich die Hintertür zum

Schankraum und im Keller unsere Waschräume.

Schnell standen alle im Flur und lauschten. Endlich wieder Schritte. Die Mädchen wurden umringt.

„Habt ihr in den Wirtsraum schauen können?"

„Steht da ‘ne Musikbox?"

„Habt ihr jemanden gesprochen?"

„Wir haben einen jungen Mann im Treppenhaus getroffen."

„Wie sah er aus?"

„Blond und schlank."

„Was hatte er an?" Mehr Fragen als Antworten. Die nächsten Mädchen gingen nach unten. Alle hatten etwas Neues zu erzählen. Zum Schlafen kamen wir in dieser prickelnden Nachtstimmung lange nicht.

Am nächsten Nachmittag kehrten einige Schülerinnen und Schüler von einem Spaziergang zurück. Sie mussten etwas Interessantes erlebt haben, denn sie erzählten begeistert.

„Wir waren heute in Weißenburg. Das liegt schon in Frankreich, gleich hinter der Grenze."

„Wie seid ihr da hingekommen?"

„Das ging ganz leicht. Hinter dem Wald ist eine Landstraße. Wir haben uns an den Rand gestellt und Zeichen gegeben. Schon das erste Auto hat angehalten und uns mitgenommen.“

„Ihr seid einfach so eingestiegen?"

„Klar. Zurück wieder das Gleiche. Und wir waren pünktlich zum Abendessen wieder hier, wie ihr seht." Am nächsten Tag erzählte auch eine andere Gruppe davon, dass sie nach Frankreich getrampt sei.

„Wollen wir heute Nachmittag auch nach Frankreich fahren?", fragte mich meine Freundin.

„Ich weiß nicht so recht."

„Aber bei den anderen hat es auch gut funktioniert.

Und außerdem, das machen ja alle!"

„Wollen wir uns bei Dr. Müller abmelden?"

„Lieber nicht. Wer weiß, wie er reagiert. Ich glaub' auch, der weiß gar nichts."

Mein Herz klopfte, als wir an der Straße standen und ein wenig zaghaft den rechten Daumen in die Höhe hielten. Ob bei uns auch schnell jemand anhielt? Es klappte gleich beim ersten Auto. Der Herr, der uns mitnahm, war vertrauenerweckend, gut angezogen und höflich, vielleicht ein Geschäftsmann. Er fragte uns, was wir in Weißenburg vorhätten, und wir erzählten, dass wir im Naturfreundehaus wohnten und in Frankreich ein bisschen bummeln gehen wollten. Wir sagten auch, dass wir noch nie im Ausland gewesen seien.

Vor der Grenzkontrolle hatten wir ein wenig Bedenken. Aber es gab keinerlei Schwierigkeiten. Wir zeigten nur kurz unseren Pass und wurden auch schon durchgewunken. Ich atmete tief durch. Zum ersten Mal im Ausland! Das war doch was. Aber wir befanden uns außerhalb des Stadtkerns von Weißenburg und es war wenig los. „Anders als in Deutschland sieht es hier auch nicht aus."

„Was machen wir jetzt hier?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich auch nicht. Wir wollen lieber nicht so lange wegbleiben."

„Ja, und außerdem sind wir ja jetzt schon in Weißenburg gewesen und können das den anderen berichten."

Wenig später standen wir wieder an der Landstraße und hoben die Daumen, dieses Mal schon mit deutlich weniger Herzklopfen. Als wir ins Naturfreundehaus zurückkehrten und alles unverändert aussah, waren wir erleichtert. Unser Lehrer hatte uns offensichtlich nicht vermisst. Die Mitschülerinnen kamen gleich auf uns zugestürmt. „Und, wie war's?"

Wir berichteten begeistert von unserem Ausflug und schienen gleich ein paar Zentimeter zu wachsen. Endlich hatten wir uns auch mal an was Spannendes herangewagt.

Am Abschiedsabend fanden die Theateraufführungen statt. Unsere Geschichte handelte von früheren Zeiten im Orient: Ein Eunuch mit Turban, aus einem Handtuch gesteckt, ging mit seinen Haremsdamen auf den Markt. Ihn spielte Ursel. Wir anderen legten uns Tücher über den Kopf und wickelten weiße Betttücher um den Körper. Eine Schulter ließen wir frei und zeigten gerne die gerötete Haut, als Lohn für die Nachmittage in der Sonne. Wir fühlten uns genauso attraktiv wie die schönen Frauen aus dem Morgenland. Dafür hatten wir viel Zeit aufgewendet, die Haare in Locken gelegt und uns geschminkt. Wie herbeigezaubert, hielt Trüdel plötzlich einen Lippenstift triumphierend in ihrer Hand mit der Bemerkung: „Der ist kussecht!" Wir benutzten ihn alle. Nach den gelungenen Aufführungen mündete der Abend in ausgelassenem Tanzen, das eine Mischung aus Hopsen und Rock and Roll war. Unsere Jungen machten nicht mit. Sie saßen an den Tischen und achteten nicht auf uns.

Nach der Rückkehr von der Klassenfahrt ging unser Schulalltag weiter. Irgendetwas hatte sich aber verändert, doch ich wusste nicht, was es war. Keiner sagte zu uns Schülern etwas Kritisches über den Landheimaufenthalt. Meine Mutter sprach mit meinem Vater einmal, und ich schnappte das Wort „Aufsichtspflicht des Lehrers“ auf. Der Landheimaufenthalt war zum unausgesprochenen Hauptthema geworden. Unser Lehrer wurde an eine andere Schule versetzt. Wir vermissten ihn.

Neue Schritte

Gabriele, eine Klassenkameradin, klagte im Unterricht, dass sie sich nicht gut fühle: „Ich habe Bauchweh!" Unser Fachlehrer in Erdkunde schlug vor: „Dann geh' nach Hause und trink' einen warmen Tee. Das entspannt die Magennerven", „und du, Brigitte", das war ich, „begleite Gabriele."

„Schade, ausgerechnet in Erdkunde, das ich so gerne habe", dachte ich. Mit der kranken Gaby ging ich langsam die breite Treppe nach unten und durch den langen Flur unserer Schule. Aus den Klassenzimmern waren leise Stimmen zu hören. Mir war die Situation irgendwie unangenehm. Wir gingen und alle anderen hatten Unterricht. Vor dem Schulhof mussten wir über einen Zebrastreifen laufen, dann geradeaus und einmal um die Ecke. Ich zuckte zusammen, als Gabriele mir plötzlich beichtete: „Mir geht's gut. Ich hatte einfach keine Lust auf Schule."

Am liebsten wäre ich umgekehrt, aber ich wollte nicht als doofe Streberin dastehen. Dann erreichten wir ihre Wohnung. Gabriele schloss auf. Ihre Mutter war nicht zu Hause. Sie ging sofort in die kleine Küche und kochte einen Hagebuttentee. Der schmeckte mir aber nicht. Ich war wütend, fühlte mich aber auch als ihre Komplizin und war zu feige, meine Meinung zu sagen. Auf dem Rückweg zur Schule zeigte Gabriele auf eine unscheinbare Holztür, die zum Keller eines alten Hauses führte. Darüber in roten Buchstaben die Aufschrift „Bar“. „Hier treffen sich nachmittags einige aus unserer Schule.“ Konnte ich ihr das glauben? Bei uns in Eschborn war es anders. Meine Freundin und ich saßen nachmittags an unseren Hausaufgaben. In den Schulpausen stand ich wie immer mit Ilse, Trüdel, Uschi oder Anneliese zusammen. Aber meine Ohren konzentrierten sich von nun an auch auf die anderen Schülerinnen unserer Klasse, besonders auf diejenigen, die um Gabriele standen, ihre Köpfe zusammensteckten und tuschelten.

Ilse fragte mich ein paar Wochen später. „Wollen wir zusammen in die Tanzstunde gehen?"

Ich fand den Vorschlag toll.

„Aber wir sind doch erst 14. Erlauben das deine Eltern?"

„Sie sind einverstanden."

Ich fragte noch am gleichen Nachmittag meine Mutter. Ob meine Eltern mit ihren Eltern gesprochen haben, weiß ich nicht. Jedenfalls bekam ich die Erlaubnis. Wir wurden in Frankfurt-Höchst bei der renommierten Tanzschule Sievers angemeldet. Als die erste Unterrichtsstunde näher rückte, freute ich mich zwar, war aber zugleich aufgeregt. Was sollten wir bloß anziehen? Wir probierten verschiedene Blusen an. Das Spiegelbild zeigte zwei krampfhaft lächelnde Teenager, Ilse mit mittelblonden Locken und mich, dunkles Haar mit Pagenkopffrisur. Ich entschied mich für einen dunkelblauen Faltenrock und eine rosa Bluse; dazu die neuen Schuhe mit hohen Absätzen. Ilse wollte ihren grauen Rock und eine hellblaue Bluse anziehen. Am Freitagabend stolzierten wir vorsichtig zum VW-Käfer, dem Auto von Ilses Eltern. Während sie uns nach Höchst fuhren, erzählte Frau Bracht von ihrer Tanzstunde als junges Mädchen. Ich hörte gespannt zu. Sie war in gewissen Dingen eine Autorität für mich. Berufstätig, als Sekretärin, ging sie morgens immer nur geschminkt aus dem Haus. Meine Eltern kamen vom Land und hatten das Tanzen in Mutters Wohnzimmer gelernt. Meine Oma Rosa hatte den jungen Leuten aus dem Dorf, die sich an den Wochenenden dort trafen, die Walzerschritte beigebracht.

Der Tanzsaal wirkte unendlich groß, und unter den hohen Absätzen der Frauen klackte der Parkettfußboden leise. Beim Blick in die riesige Spiegelwand, die sich über eine ganze Seite erstreckte, wurde mir schwindelig. Frau Sievers war gertenschlank und trug ein dezent gemustertes Kleid. Ihr strohblondes Haar war hochgesteckt. Herr Sievers trug einen dunklen Anzug und Krawatte. Er begrüßte uns und nannte die Inhalte des Kurses.

Wir Mädchen sollten uns auf die eine Seite und die Jungen auf die andere stellen. Nachdem Herr Sievers und seine Frau die Tanzschritte vorgeführt hatten, erklärten sie, es sei die Aufgabe der Herren, die Damen, aufzufordern. „Darf ich bitten?“, sollten sie sagen. Die Bezeichnung Damen und Herren war völlig neu für mich. Ich befand mich wie in einer anderen Welt. Die vornehme Umgebung, die ungewohnte, laute Tanzmusik aus den Lautsprechern und die fremden Tanzpartner. „Wer wird mich auffordern?" Alle Jungen starteten gleichzeitig. Erleichtert war ich, als ein blonder Junge mit leicht gewellten Haaren auf mich zukam. „Darf ich bitten?" Ich nickte. Die richtige Tanzhaltung war unser erstes Problem und dann die Schrittfolge. Die Schuhe mit Ledersohlen waren ungewohnt glatt. Hoffentlich verliere ich nicht das Gleichgewicht. Und dann traten wir uns auch noch gegenseitig auf die Füße. „Entschuldigung." Konzentriert zählte ich im Kopf mit: Eins, zwei, Seit' ran. Meine Stirn heiß vor Anstrengung, dazu musste ich auch noch an den Schwitzfleck unter dem linken Arm denken, der sich vielleicht bildete.

Neben den Standardtänzen lernten wir auch einen modernen Tanz, den Twist, der 1961 brandneu aus den USA nach Deutschland gekommen war. „Come on, let's twist again, like you did last summer", schallte es aus den Lautsprechern. Wir tanzten völlig gelöst, jeder für sich, ohne die starre Tanzhaltung. „Well, around and round, up and down, like you did last year". Von den Gesichtern der Tanzschüler ließ sich ablesen: Das machte jetzt so richtig Spaß!

Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir am Montag in der Schulpause, umringt von den anderen Mädchen, von unserer ersten Tanzstunde erzählten.

„Gleich in der ersten Stunde haben wir Foxtrott gelernt."

„Der Abschlussball findet im Kurhaus Bad Soden statt!"

„Wie sind die Jungen so?"

„Die wirken schon richtig erwachsen."

„Nicht kindisch wie unsere in der Klasse."

Wir standen dieses Mal so richtig im Mittelpunkt, denn wir waren die Ersten, die in die Tanzstunde gingen.

Ich durfte jedes Mal bei den Eltern meiner Freundin mitfahren, denn unsere Familie hatte noch kein Auto. Sie brachten uns nach Höchst und holten uns unmittelbar nach der Tanzstunde wieder ab. Diese Bequemlichkeit hatte aber auch einen Haken. Wenn uns die Herren beim letzten Tanz artig fragten: „Darf ich Sie nach Hause begleiten?“, mussten wir ablehnen. „Wir werden gleich mit dem Auto abgeholt." Einmal nach der Tanzstunde erzählte Ilse atemlos: „Ich habe mich heute für Sonntagnachmittag mit einem jungen Mann verabredet." Natürlich war ich genauso aufgeregt wie sie. Im Auto überfiel sie ihre Eltern gleich mit der freudigen Nachricht. Die äußerten sich nicht sofort. Aber am Samstag wusste sie, dass sie zu dem Treffen gehen durfte. Wie ich sie beneidete! Für mich, die ich wie immer zu Hause saß und mich langweilte, wollte der Sonntag nicht vergehen. Am Montagmorgen fragte ich Ilse:

„Und wie war's?"

„Meine Eltern haben mich zu dem Treffpunkt gebracht."

„Und dann?" Ich war total ungeduldig.

„Bin ich mit dem Jungen im Park spazieren gegangen."

„Und dann?"

„Wir haben uns unterhalten. Er heißt Peter und wohnt in Sulzbach. Nach einer Stunde traf ich mich wieder mit meinen Eltern. Sie haben im Auto auf mich gewartet."

Meine Freundin hat sich nicht noch einmal mit diesem Jungen getroffen. Auch ich hatte niemanden in der Tanzstunde kennen gelernt. Warum eigentlich nicht? Das wurde mir damals nicht bewusst.

In den folgenden Wochen überredete ich meine Eltern einige Male, mit mir zu einer Tanzveranstaltung in die Jahn-Turnhalle zu gehen. Meine Begründung „Ich muss das Tanzen ja jetzt üben“ schien meine Eltern zu überzeugen. In Wirklichkeit hoffte ich, mich auch mal mit einem netten Jungen treffen zu können. Zum nächsten „Tanz in den Mai“, der jedes Jahr angeboten wurde, gingen meine Eltern, meine Schwester und ich zusammen mit meiner Freundin und deren Eltern. Ich trug mein neues grellgelbes Kleid mit Plisseefalten. Das Orchester spielte Tanzmusik. Nach drei Stücken gab es eine kurze Pause, in der die Männer ihre Tanzpartnerinnen zu den Plätzen begleiteten oder Damen aufforderten. Zwischendurch war Damenwahl. Ilse und ich tanzten oft, aber auch unsere Eltern wagten sich aufs Parkett. Ein großer junger Mann forderte mich mehrmals auf. Seine leuchtend rotblonden Locken waren auffällig und seine Augen strahlten mich an. Er war so gar nicht mein Typ und wahrscheinlich schon über 20. Als ich wieder an unserem Tisch anlangte, flüsterte die Mutter meiner Freundin schmunzelnd: „Bei dem brennt ja der ganze Dachstuhl.“

Aber zu mir war kein Funke übergesprungen. Ich hatte nicht Feuer gefangen. Die folgenden Jahre spielte das Tanzen keine Rolle. Ich verließ die Schule, und es begann ein neuer Lebensabschnitt, der mich stark beschäftigte.

Wie auf Wolken

Im August 1965 brachten mich meine Eltern in unserem braun-metallic farbenen VW-Käfer zum Flughafen. Ich freute mich, aber gleichzeitig hatte ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, denn ich war noch nie geflogen.

Ob Ilse schon am Flughafen wartete? Sie hatte im Januar eine Einladung ihrer Brieffreundin aus London erhalten. Wie ich sie beneidete! Das englische Mädchen, das mich letztes Jahr besucht hatte, antwortete auf meine Briefe schon lange nicht mehr. „Komm doch mit zu Kate!“, meinte Ilse. „Aber ich habe ja keine Einladung!“ Ihre Mutter organisierte es, dass ich trotzdem mitfahren durfte. Zu unserer Reiseplanung gehörte auch, dass wir beide ein neues Kostüm und einen Hut gekauft bekamen. Ilses Mutter hatte das vorgeschlagen. „Ihr sollt elegante junge Damen sein, auf eurem ersten Flug." Ich war begeistert, hatte das Mädchen auf der Titelseite meines Lieblingsbuches „Renates erster Flug" doch auch ein schickes Kleid an. So spazierten wir, zwei 17 Jahre alte, „behütete" Mädchen, in den farblich genau dazu passenden Kostümen durch das Lufthansa Gate. Abschiedstränen hatten wir nicht vergossen, erst in der Flugkabine wurde mir klar, dass wir zum ersten Mal vollkommen alleine unterwegs waren, und das mit einem Flugzeug! Das laute, pfeifende Geschwindigkeitsgeräusch beim Start der Maschine ließ meinen Atem stocken. Dann endlich wurde es ruhiger und wir sahen Wattewölkchen neben uns schweben. Die Stewardess teilte das Mittagessen aus. Kauend drückte ich mein heißes Gesicht an das kühle Fensterglas, um am Boden etwas zu erkennen.

Am Flughafen Heathrow holten uns Kates Eltern ab. Die Mutter war groß und schlank. „Welcome to London", sagte sie herzlich. Der Vater war indischer Abstammung, klein und untersetzt. Er hatte dunkle Augen und zeigte uns ein breites Lächeln. Er begrüßte uns freundlich. Wie die Mutter, sprach auch er reines Oxford Englisch. Ich atmete auf, hatte ich doch befürchtet, dass ich die Engländer nicht verstehen würde. Sie brachten uns in ihr Einfamilienhaus im Stadtteil Perivale. Kate lebte im Moment nicht zu Hause. Sie absolvierte ihre Ausbildung in einem Krankenhaus und war in einem Schwesternwohnheim untergebracht. Ihre Eltern waren beide berufstätig und verließen früh morgens das Haus. „Bedient euch aus dem Kühlschrank“, hatten sie uns aufgetragen. Wir genossen es, das kleine Haus für uns allein zu haben. Alles war so anders als zu Hause, der starke Geruch nach Maiglöckchenparfum im Flur und die bunte Blümchentapete, sogar im WC. Im Wohnzimmer bemerkte ich sofort den großen offenen Kamin. Der Kaminsims war verziert und bot Standmöglichkeiten für vielzählige Schmuckgegenstände. Dort, wo früher vielleicht irgendwann die Holzscheite geflackert hatten, stand eine elektrische Imitation. Morgens beim Frühstück planten wir unseren Tag. Wir genossen dabei den köstlichen Sandwich-Spread, einen Brotaufstrich aus Gurken, Tomaten, und Paprika in Senfcreme, den wir in Deutschland nicht hatten. Ilse und ich leerten den Inhalt unserer Geldbörsen auf den Küchentisch und zählten Pfund und Pence, um das Bargeld einzuteilen. Danach suchten wir die Besichtigungsziele aus, die uns schon durch den Englischunterricht bekannt waren. Madame Tussaud's war teuer, Tower und das Fahren in den Doppeldeckerbussen preiswert.

Für uns war es auch neu, unsere Mahlzeiten selbst zu planen. Einige Imbissstände, die „fish and chips" anboten, lernten wir schnell kennen. Hatten wir Probleme mit der Untergrundbahn oder fanden wir den Weg nicht gleich, fragten wir Passanten. Es folgte ein langer Wortschwall auf Englisch, den wir nur mit viel Fantasie verstanden. Abends saßen wir mit unseren Gasteltern vor dem Fernseher und schauten, wie zu der Zeit in Deutschland auch, die Serie „Richard Kimble auf der Flucht". Besonders gut fanden wir, dass die Zuschauer in England schon einige Folgen voraus waren. Unser Gastvater bewirtete uns einmal mit einem typisch indischen Menü. Obwohl ich ansonsten bei unbekanntem Essen kritisch war, aß ich mit Appetit. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir außer dem Curryreis mit Hühnchenstreifen, die schmalen, scharf gewürzten Pommes frites aus einer Fertigpackung.

Für Samstagabend hatte uns Kate eingeladen, zusammen eine Diskothek zu besuchen. Ilse und ich fuhren mit der „Underground“ zum Piccadilly Circus. Wieder oben, standen wir an dem belebt berühmten Verkehrskreisel. Die überdimensionalen Lichtreklamen an den Häusern ringsherum leuchteten, blinkten und zogen zwangsläufig unsere Blicke auf sich. Coca-Cola in roter Zierschrift, Martini in Blau. Es war so viel Werbung angebracht, dass von den Hausfassaden dahinter nichts mehr zu sehen war. Autos fuhren in Schlangen, Fußgänger kamen irgendwoher und hasteten irgendwohin. Fast ein Wunder, dass wir Kate und ihre Freundin entdeckten.

„Hallo, how are you?"

„Fine.“

„And what about your work in the hospital?"

„It's o.k."

„Have you seen some sightseeings of London yet?"

„Yes, we have."

„During the whole day we are running by bus or underground from one place to another."

Wir schlenderten die Straße entlang, dann erreichten wir eine unscheinbare Eingangstür.

„That's the Disco, we want to go to."

Wir gingen hinein und ein paar Stufen hinunter, ins Kellergeschoss. Kate voran, danach ihre Freundin, dann Ilse und zuletzt ich. Der Raum, in den wir kamen, war klein, ziemlich dunkel und die Luft voller Zigarettenqualm.

Ein einziger Scheinwerfer an der Decke beleuchtete die Tanzfläche. Sämtliche weißen Kleidungsstücke der Leute strahlten in Lila, sogar die Zähne, dann war alles wieder in rotes Licht getaucht. Die jungen Männer trugen Anzüge und die Mädchen Kleider oder Röcke mit Blusen. Die meisten tanzten. Pärchen waren in dem Durcheinander nur bei genauerem Hinsehen auszumachen. Wir vier bildeten so etwas wie einen Kreis und fingen einfach an mitzutanzen. „Yeah, yeah, yeah!", tönte es aus den Lautsprechern. Ich fühlte mich den „Pilzköpfen" aus Liverpool, den Beatles, und der ganzen weiten Welt so nah. Nur schemenhaft nahm ich die Gesichter um uns herum wahr. Viele Besucher waren dunkelhäutig und sahen fremdländisch aus, doch alle um uns herum sprachen Englisch. Auf dem Nachhauseweg verabredeten wir uns für den folgenden Montag zu einem Einkaufsbummel in einem Londoner Vorort. „There you can buy cheaper than in the City", meinte Kate. Ich kaufte mir eine rosafarbene Bluse bei C&A. Ihr Stoff glänzte, und um den Ausschnitt war ein breiter Volant aus Spitze angebracht. In den Einkaufsläden fielen mir viele ältere Frauen auf, die stark geschminkt waren.

An einem Abend sollten wir uns mit einem alten Schulfreund von Ilses Mutter treffen, der sich geschäftlich in London aufhielt. Er wollte uns London zeigen. Erinnern kann ich mich nur an einzelne Begebenheiten. Wir trafen uns mit ihm in der Innenstadt, und er lud uns in ein vornehmes Restaurant zum Dinner ein. Als Nachtisch gab es Honigmelone, die wir mit einem kleinen Löffel aßen. Solch einen süßen, intensiven Geschmack habe ich bei einer Melone nicht wieder erlebt. Es war inzwischen schon dunkel geworden. Da sagte er: „Jetzt gehe ich mit euch noch in einen typisch englischen Privatclub, in dem ich Mitglied bin.“

Wir kamen in einen großen Raum. An einer Seite standen bequeme Sessel, in Sitegruppen, jeweils um einen kleinen Tisch angeordnet. Gegenüber befand sich die Bar mit den unterschiedlichsten Spirituosen nebeneinander aufgereiht. Teppichboden und Vorhänge waren rot, Wandlampen verbreiteten gedämpftes, warmes Licht. Zur Ausschmückung dienten einige Gemälde. Was sie zeigten, weiß ich nicht mehr. Besucher waren außer uns keine da. Der Barkeeper begrüßte uns. Dann servierte er uns eine Cola. Herr Sailer trank einen Cognac. Leise Hintergrundmusik vermittelte eine lockere Atmosphäre.

„Hierher gehe ich, wenn mir mein Hotelzimmer zu eng wird. Ich kann Freunde treffen oder einfach nur lesen. Es gibt eine reichhaltige Bibliothek. Etwas zu essen kann man auch bekommen“, erklärte er.

Ich fragte ihn: „Gibt es solche Clubs auch in Frankfurt?"