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© 2021 Dietger Hemme

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783753419046

Inhalt

Vorwort

Es gab eine Zeit, da war aus meinem alten Leben nicht viel mehr übrig, als ein heranwachsender Sohn, ein paar Freunde und eine alte Kiste mit Erinnerungsstücken. Vor kurzem habe ich die Kiste geöffnet und die alten Tagebücher aus der Seefahrt durchgestöbert. Ungefähr gleichzeitig fiel mir ein Buch von Kapitän Schwandt in die Hände. So entstanden die ersten Aufzeichnungen, eigentlich nur so für mich.

Was sie jetzt in den Händen halten, ist kein Seemannsgarn. Es hat sich alles so zugetragen, Daten und Fakten sind meinen Tagebucheinträgen entnommen, erstaunliche Erinnerungen wurden durch sie geweckt.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.

Glaubt nicht, der Seemann ist ein Sünder,
weil er nicht oft zur Kirche geht,
ein freier Blick zum Himmel
ist besser, als ein falsch Gebet.

(Seemannsspruch)

Zuhause

Vater, Mutter, drei Geschwister. Wir lebten in bescheidenen Verhältnissen, Essen gab es regelmäßig, wenn auch nicht immer unserem Appetit entsprechend. Ein Zuhause, wie ich es von anderen Kindern kannte, hatte ich dennoch nicht. Mit uns Kindern wurde nicht geredet oder diskutiert, es wurde befohlen. Es fehlte an Vertrauen, nie hatte ich das Gefühl, beschützt und ernst genommen zu werden bei den Sorgen und Nöten, die man als Kind und später als Jugendlicher so hat.

Mein Vater war Offizier und trug – wie mir viele Jahre später klar wurde – aus dem Krieg so manche unverarbeiteten Erlebnisse mit sich herum. Darüber wurde nie gesprochen. Er suchte oft sein Heil im Alkohol und wurde in dem Zustand auch schon mal gewalttätig. Seine Heimkehr war immer mit Bangen, nie mit Freude verbunden.

Meine Mutter war als junges Mädchen aus der Tschechoslowakei geflohen, hatte meinen Vater geheiratet, weil sie schwanger geworden war und wurde mit uns vier Kindern viel allein gelassen. Als Schneidermeisterin konnte sie mit ihren Näharbeiten ein Zubrot verdienen. Sie hatte wenig Zeit und auch – so ist meine Erinnerung - kein großes Interesse an uns.

Als ich im Alter von 11 Jahren mit Eltern und Geschwistern von Quakenbrück nach Bremen-Nord umziehen musste, weil mein Vater jetzt dort arbeitete, versuchte ich meiner Mutter zu sagen, wie unglücklich ich war und dass ich wieder zurückwolle. Ihre unmutige Reaktion bestand nur aus einem Satz: „Wir mussten damals fliehen, das war schlimmer!“ Wie konnte ich verstehen, was meine Mutter meinte? Welche Bedeutung das für sie hatte? Eine Erklärung gab es nicht.

Ich hatte zur Schule keine Lust mehr. Das war vorher anders gewesen. Nun kam ich in manchen Fächern nicht gut mit. Die neue Schule war teilweise sehr viel weiter mit dem Lernstoff. Mit dem, was ich bis dahin gelernt hatte, gelang mir der Anschluss nicht. Hilfe war zuhause nicht zu erwarten.

Alles war neu, die Freunde weit weg.

Ich musste mich alleine zurechtfinden.

Im Gymnasium blieb ich nach der 7. Klasse sitzen und wurde in der Mitte des folgenden Schuljahres in die 8. Klasse der Mittelschule umgeschult. Dort lief es besser. Einige Freunde fand ich dann doch, darunter Hermann, dessen Bedeutung für mein späteres Leben damals noch nicht abzusehen war.

Das geringe Interesse meiner Eltern brachte auch Freiheiten für mich mit sich. Sobald ich meine Pflichten im Haushalt erfüllt hatte, konnte ich meine Zeit ohne Kontrollen verbringen. Ich war aktiv im Schwimmverein, schloss mich einer Gruppe von Vogelschützern an, verdiente mir ein Taschengeld mit dem Austragen von Blumen und stellte so allerhand Dinge an, die Eltern ihren Kindern im Allgemeinen nicht erlauben. Nachdem ich sechzehn war, traf ich mich mit Freunden in der Kneipe, wann immer ich wollte.

Ich wusste nicht, welchen Beruf ich nach der Mittleren Reife ergreifen sollte.

Das „Fährhaus“ war unsere Stammkneipe geworden. Dort traf ich Hermann eines Tages, der, wie er sagte auf „Landurlaub“ sei. Ein Jahr älter als ich fuhr er jetzt zur See. Er erzählte von seinem Leben an Bord und von seiner Heuer, ich hörte begeistert zu. Irgendwie kam er auf die Idee, mich mitzunehmen.

Und ich brauchte nicht lange für meine Entscheidung: Das mache ich auch.

Die Hürde, die nun zu nehmen war, war die Zustimmung meiner Eltern. Ich sagte ihnen, dass ich Kapitän werden wollte. Das war nicht wahr, machte aber was her. Damit bekam ich die Erlaubnis.

Viele Jahre später, als ich die Wohnung meines Vaters auflöste, fand ich heraus, was er sich gewünscht hatte. Sein Sohn hätte Arzt werden sollen. Ihm selbst war das wegen des Krieges nicht möglich gewesen.

SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND

Vom 12. April 1966 bis 9. Juli 1966

Der Export boomte, immer mehr neue Schiffe wurden gebaut, und es fehlte an Personal.

Der Beruf Matrose war mittlerweile ein anerkannter Lehrberuf. Das bedeutete, dass wir, die wir zur See fahren wollten, auch eine Berufsschule besuchen mussten. Weil es aber unmöglich war, uns jede Woche zur Schule zu schicken, absolvierten wir einen dreimonatigen Vorausbildungslehrgang an einer Schiffsjungenschule. Die Anzahl der Unterrichtstunden entsprach der von Lehrlingen an Land.

Für mich aus Bremen lag es natürlich nahe, diesen Kurs auf dem Schulschiff Deutschland zu besuchen. Das Schiff lag an einem Ponton mit Zugang zum Land. Wir schliefen und aßen an Bord.

Es gab theoretischen und praktischen Unterricht. Der theoretische Unterricht fand in einer angegliederten Schule statt, die praktische Ausbildung wie z.B. Spleißen und die Handhabung von Rettungsbooten an Bord.

Wir hatten Wache zu gehen, damit keine Fremden das Schiff betraten, und schliefen in Hängematten, die morgens zusammengeschnürt und in einer großen Kiste gestapelt und verstaut wurden. Unsere Esstische, die nachts an die Decke gehängt wurden, konnten dann zum Essen und Arbeiten wieder heruntergelassen werden.

Landgang gab es nur am Mittwochnachmittag und am Wochenende, weil wir uns an die Lage auf See gewöhnen sollten.

Fehlverhalten, so gering es auch war, wurde mit Landgangs-Sperre bestraft, und hier war auch oft Willkür im Spiel. So geschah es mir eines Tages, weil ich die Kabine unseres Ausbildungsoffiziers für sein Empfinden zu schnell aufgeräumt und gereinigt hatte: Er kam gewöhnlich morgens von zuhause an Bord und ließ seine private Kleidung einfach an Ort und Stelle fallen und liegen. Meine Aufgabe bestand u.a. täglich darin, seine Sachen aufzuheben und ordentlich zusammenzulegen, Jacke und Hose auf einen Bügel zu hängen und in seinen Spind zu verstauen. Bei täglicher Reinigung, samstags besonders gründlich, war ja kaum Schmutz angefallen, so war ich also wirklich zügig fertig geworden. Ich hatte gehofft, früher an Land gehen zu können. Daraus wurde nichts.

Es gab also Personalmangel und somit auch zu wenig Nachwuchs.

Uns war bekannt, dass ein Ausbildungsvertrag bei einer Reederei zwingend notwendig war, um später zur Matrosenprüfung zugelassen zu werden.

Und wieder konnte ich Hermanns Beispiel folgen; er hatte einen Ausbildungsvertrag beim „Norddeutschen Lloyd“ unterschrieben. Das tat ich auch. Die Reeder lockten ihren zukünftigen Nachwuchs damit, schon während der Berufsschulzeit ein Taschengeld zu zahlen. Beim NDL waren das für mich 100,00 DM und damit sehr viel Geld. Ein gutes Gefühl.

Erste große Fahrt

REIFENSTEIN

14.Juli 1966 – 11.August 1967 als Decksjunge
ab 14.April 1967 als Jungmann
12 Monate 28 Tage

Anheuern

Nach Abschluss der Grundausbildung, vom 12. April bis zum 9. Juli 1966, auf dem „Schulschiff Deutschland“ gingen Hermann und ich zur Heuerstelle des NDL. Wir hatten uns vorgenommen, zusammen zur See zu fahren.

Die Heuerstelle lag gleich rechts hinter dem Hafentor „Überseehafen“ in Bremen.

Wir legten unsere Seefahrtbücher auf den Tresen und fragten nach einem Schiff für uns beide.

Das geschah reibungslos.

Im Moment sei nichts da, sagte man uns, aber sie hätten ja unsere Adressen. Die Seefahrtbücher könnten wir schon abgeben, aber eine Woche würde es wohl dauern. Man werde uns per Telegramm (damals war das durchaus üblich, nicht jeder hatte ein Telefon) benachrichtigen.

Wenige Tage später erhielt ich das sehnlichst erwartete Telegramm. Endlich. Zuhause hatte ich das Gefühl, zu stören.

„Dienstantritt am 14.07.66, 10.00 Uhr, „Heuerstelle Überseehafen“.

Auch Hermann hatte ein Telegramm erhalten, mit gleichem Inhalt.

Beim Packen war noch an die Wolldecke zu denken, denn Bettdecken stellte die Reederei nicht.

Wir machten uns morgens mit Bus und Straßenbahn auf den Weg. Die Straßenbahnen waren zu der Zeit am Einstieg hinten noch offen und wir stellten uns mit unseren Seesäcken in die Ecke, damit wir den anderen Fahrgästen den Zugang zu den Sitzplätzen nicht versperrten.

An der Decke der Straßenbahn lief ein langes Lederband zu einer Glocke. Vor jeder Haltestelle zog der Schaffner am Band. Die Glocke ertönte und er rief den Namen der Haltestellen aus.

„Ping, ping, Waller Ring!“ Seit jenem Tag haben wir die Ansage ergänzt: „Nutten und Seeleute aussteigen.“

Mit unseren Seesäcken auf der Schulter machten wir uns die restlichen 400m zu Fuß auf den Weg. Links die Kneipen und Puffs, rechts eine lange Stehpissrinne mit dem ihr eigenen Gestank. Durch den ewig dunklen und feuchten Tunnel kamen wir wieder ans Tageslicht, und da waren wir! Ich war sehr aufgeregt. Bloß nichts anmerken lassen. Ich war doch jetzt Seemann.

Wir trafen pünktlich ein, unterschrieben den Heuervertrag, und erhielten unser Seefahrtbuch zurück. Der Angestellte unterrichtete uns darüber, dass wir in Hamburg auf das Schiff „Reifenstein“ einsteigen sollten. Ziel Australien.

Toll. Siebzehn Jahre alt, weit und lange weg.

Wir wussten damals noch nicht, dass eine solche Reise vier Monate dauerte, aber das wäre uns sowieso egal gewesen.

Hinter der Heuerstelle stand ein Bus. Wir luden unsere sieben Sachen ein und bestiegen den Bus mit den anderen zukünftigen Besatzungsmitgliedern. Dann wurden wir direkt nach Hamburg an das Schiff gefahren. Mit uns all die Fremden, die wir später an Bord kennenlernen sollten, unterschiedlichster Herkunft, jeder von uns mit seinen Macken und Eigenheiten.

Ich war sehr froh, dass ich wenigstens schon mal einen kannte. Hermann.

Einsteigen und Auslaufen

Wir gingen an Bord, gaben unser Seefahrtbuch ab, bekamen eine Kammer zugewiesen und erhielten Bettwäsche. Kammer bedeutet bei uns Seeleuten Kabine. Es war eine 4er Kammer, und dort erwartete uns eine angenehme Überraschung. Unsere Mitbewohner waren Kalle und Schmiddel. Beides Jungs aus meiner Klasse von der Mittelschule. Jetzt waren wir schon vier, die sich kannten.

Die „Reifenstein“ war ein fast 20 Jahre altes Schiff. In Hoboken (Belgien) war es 1948 fertiggestellt worden. Das besondere war, dass sie schon automatisches Ladegeschirr hatte. Das erleichterte die Arbeit sehr.

Eine zweite Besonderheit bestand darin, dass sie drei Motoren, drei Wellen und drei Schrauben hatte. Die Motoren waren im zweiten Weltkrieg für U-Boote bestimmt gewesen, hatten aber zum Ende hin keine Verwendung mehr gefunden.

Die „Reifenstein“ war ein „schweres Schiff“. Oben Pontons, die mit Persenninge auf See abgedeckt wurden, in den Zwischendecks mit Scherstöcken und Lukendeckeln, die von Hand geöffnet werden mussten.

Nachdem ich meine Koje bezogen hatte, räumte ich meinen Spind ein. Dann hieß es „Arbeitszeug anziehen und beim Bootsmann melden“. Ich wurde einem Matrosen zugeteilt, holte uns Besen und Schaufel und dann tauchten wir ab in eine Luke, um den Laderaum für die neue Fracht zu reinigen. Wir fegten und fegten und fegten. Es war alles sehr groß.

Sehr spät abends liefen wir aus. Wir Decksjungen durften noch nicht beim Ablegen dabei sein. Es war den Verantwortlichen zu gefährlich für uns. Mit Recht!

Antwerpen und Rotterdam

Unser nächster Hafen war Antwerpen, danach sollten wir Rotterdam anlaufen.

In Antwerpen bekamen wir unseren „Postzettel“. Auf diesem waren die Daten unserer Reise und die Adressen unserer Agenturen in den Häfen vermerkt. Den schickten wir nach Hause, damit uns Post erreichen konnte. Eine andere Möglichkeit, in Kontakt zu treten, gab es damals nicht.

In Rotterdam, damals schon einer der weltgrößten Häfen, lagen wir ganz weit draußen. Das hinderte uns nach Feierabend nicht daran, an Land zu gehen, um ein Bier zu trinken. Ich betrat zum ersten Mal in meinem Leben Ausland.

Beim 1.Offizier hatten wir uns abgemeldet. Er hatte mir auf den Weg gegeben, dass ich um 22.00 Uhr wieder an Bord zu sein hatte, weil ich noch nicht 18 Jahre alt war. Er war jetzt so etwas wie mein Erziehungsberechtigter.

Nach mehr als einer Stunde fanden wir eine Kneipe. Heineken`s Huk. Nichts wie rein und Bier bestellen. Es gab keine Bierdeckel, stattdessen lagen auf den Tischen kleine Teppiche.

Als zwei Gäste herausfanden, dass wir Deutsche waren, begann einer von ihnen uns als Nazis zu beschimpfen. Wir waren erschrocken und hatten auch das mulmige Gefühl, gleich Prügel zu beziehen.

Was wussten wir denn schon von den Nazis? Unser Geschichtsunterricht in der Schule hatte sich nur mit der Zeit bis 1933 beschäftigt. Unsere Lehrer, die zum größten Teil selbst schon während des Krieges aktiv gewesen waren, hatten kein Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit gehabt. Wir hätten ja auch unangenehme Fragen stellen können.

Dem aggressiven Niederländer, der, wie sich herausstellte, nur wenig älter war als wir, machten wir mit unserem Schulenglisch klar, wie alt wir sind. Er beruhigte sich langsam und erzählte von seiner Mutter, die in einer psychiatrischen Anstalt leben musste, weil sie während der Besetzung etwas erlebt hatte, das bei ihr einen seelischen Schaden ausgelöst hatte. Er gab noch ein, zwei Bier aus, denn sein verbaler Angriff auf uns war ihm nun sichtbar peinlich, und wir nahmen seine Entschuldigung gern an.

Leicht angetrunken machten wir uns auf den Heimweg, meldeten uns pünktlich zurück und um 05.30 Uhr war die Nacht vorbei. Aufstehen, eine Muck(Becher) Kaffee trinken und dann an Deck.

Das Erlebnis mit der deutschen „Altlast“, die auch uns Jüngeren vorgehalten wurde, blieb noch sehr lange in meinem Kopf und brachte mich später dazu, zahlreiche Bücher darüber zu lesen. Ausmaß und Grauen der deutschen Politik im Dritten Reich habe ich erst dadurch begriffen.

Am nächsten Morgen musste ich, wie jeden Tag, Dusche und WC säubern. Weil alle sich ordentlich benahmen, war das keine so unangenehme Arbeit. Einzig die Fußspuren auf dem Beckenrand des Klos gaben mir zu denken.

Eines Tages konnte mich der Bootsmann darüber aufklären. Für manche unserer ausländischen Kollegen war es daheim üblich, eine Toilette auf diese Weise – auf den Füßen hockend – zu benutzen.

In die Ferne

Der Tag der Abreise in die Ferne kam. Es war Sonnabend, der 30.Juli 1966. An zwei Luken wurde noch gearbeitet. Die anderen begannen wir seeklar zu machen. Die Pontons wurden eingelegt und mit dreifacher Persenninge abgedeckt. Innerhalb Europas waren im Sommer nur zwei vorgeschrieben. Jetzt ging es aber in ganz andere Gewässer.

Wir Decksjungen mussten die dritte Persenning aus dem Kabelgatt holen. Zwei Matrosen legten sie uns auf den gekrümmten Rücken. Sie war schwer zu tragen, und der eine oder andere konnte es nicht lassen, uns unterwegs nochmal einen kleinen Schups zu geben. Hätten wir uns nicht halten können, wäre die Persenning heruntergefallen. Alleine hätten wir sie nicht wieder hochbekommen, das Gewicht war immens.

Nach den Luken wurden die Ladebäume abgesenkt und gelascht. Um die Mittagszeit waren die letzten Luken beladen, und auch diese wurden seefest gemacht.

Das Verschalken erledigte der Zimmermann mit seinem Juzi (Jungzimmermann), ein Zimmermannsgeselle, der auch seine erste Reise mit uns angetreten hatte. Danach reinigten wir noch das Deck. Das Fegsel kam in eine Brook, damit es später auf hoher See außenbords gekippt werden konnte.

Alle erwarteten, dass nach dem Kaffee die Order „Klar vorn und achtern“ ausgerufen würde. Aber das geschah nicht. Unser niederländischer Agent hatte eine Überraschung für uns. In einem großen Raum seines Büros, gegenüber dem Schiff, hatte er für uns einen Fernseher installieren lassen, damit wir uns noch das WM-Finale Deutschland gegen England ansehen konnten! Deutschland wurde zweiter.

So kam die Order zum Auslaufen erst nach dem Abendbrot. Ich musste mit nach vorne auf die Back, das hatte ich einer Einsatzliste entnehmen können, die morgens in einem Schaukasten ausgehängt worden war. Nach dem Ablegen wurde die Spring aufgetrommelt und gesichert, die Vorleinen kamen in einen gesonderten Raum unter der Back.

Dann war Feierabend. Ich stand mit den anderen Neulingen noch draußen, bis der Lotse von Bord ging.

Nun ging es endlich richtig los. Ein Abenteuer in eine neue Welt und weit und lange weg von „zuhause“.

Am nächsten Tag passierten wir die Straße von Dover. Ich musste Farbe und Deck waschen. Dabei staunte ich über die vielen Schiffe, die uns entgegenkamen und über die Fähren, die zwischen England und Frankreich verkehrten, und die oft so nah unseren Kurs kreuzten, dass wir die Passagiere erkennen konnten.

Die „Reifenstein“ wurde von Hand gesteuert. Ein Erfahrener stand am Ruder und in jeder Nock ein Ausguck, der melden musste, wenn irgendetwas gefährlich werden konnte. Da ich nicht erfahren war, stand ich die ganzen vier Stunden in der Nock. Natürlich auf Luv-Seite, die dem Wind zugewandt ist. Trotz Sommer war es im Wind schweinekalt.

Die Offiziere, Matrosen und Junggrade lösten sich alle vier Stunden ab. So ist das auf einem Drei-Wachen-Schiff. Der Kapitän blieb aber 24 Stunden auf der Brücke. Er hatte das alleinige Sagen darüber, welcher Kurs genommen und mit welcher Geschwindigkeit gefahren wurde. Die Offiziere lieferten ihm Daten über Position und Tidenverlauf. Strom mit oder gegenan hat auf die Geschwindigkeit einen hohen Einfluss, weil es hier einen gewaltigen Tidenhub gibt.

Der Kapitän blieb auf der Brücke bis Scilly Islands, auch Insel der Tränen genannt. Ehemalige Auswanderer sahen hier das letzte Landstück Europas.

Heutzutage sind im englischen Kanal Einbahnstraßen eingerichtet, die in den Seekarten verzeichnet sind, während damals jedes Schiff da fuhr, wo es besser und schneller zu fahren schien.

Die Engländer hatten damals noch ein eigenes Tonnensystem, etwa entgegengesetzt dem internationalen. England wechselte erst, als ein deutscher Frachter eines nachts im Winter auf einen gesunkenen Tanker fuhr. Die meisten hatten geschlafen, es gab viele Tote.

Der Kapitän verließ also bald nach Passieren von Land‘ s End die Brücke, und wir fuhren in die Biskaya. Der Wind nahm zu, so wie es hier oft geschieht und erreichte Bft.8. Ich war sehr froh, dass ich nicht seekrank wurde.

Vorbei an Afrika, Port Said, Aden

Ein paar Tage später passierten wir nachts die Straße von Gibraltar. An backbord Europa, an steuerbord Afrika. Ich war schon sehr beeindruckt von dem bis dahin Erlebten, und jetzt auch noch Afrika! Das Schiff steuerte Richtung Suez Kanal. Wir fuhren an Malta vorbei und bemerkten, dass es täglich wärmer wurde. Gearbeitet wurde nun nur noch in kurzen Hosen.

Kalle hatte sich in Rotterdam bei einem holländischen Friseur, der an Bord gekommen war, aus mir unerklärlichen Gründen - oder war es eine Art Protest? - eine Glatze schneiden lassen. Die Sonne war jetzt unerbittlich. Nach anfänglichem Sonnenbrand bildeten sich Blasen auf seinem Schädel. Daraufhin gab der Kapitän die Order aus, dass jeder bis auf weiteres eine Kopfbedeckung zu tragen habe, wenn er an Deck arbeitete oder Wache ging. Kaum jemand hatte eine Mütze oder etwas Ähnliches. Wir fuhren doch in den Sommer. So liefen wir, wie Piraten, mit einem Tuch auf dem Kopf herum.

Hermann (rechts) und ich

Am 4.August 1966, einem Donnerstag, liefen wir in Port Said ein, und mit dem Lotsen kamen auch die „fliegenden Händler“, um ihre Kamelhocker und andere mehr oder weniger praktischen Waren an den Mann zu bringen. Von da an trugen wir alle einen „Bibi“.

Nachdem wir Decksjungen in den deutschen und europäischen Häfen fast ausschließlich mit dem Fegen der Luken, dem Auslegen von Garnier (einfach oder doppelt), seeklar Machen und dem Ein-und Auslaufen beschäftigt waren, bekam ich nun die Aufgabe, die hier zu übernehmende Ladung zu tallieren. Ich erinnere mich an Sackgut. An deren Inhalt nicht mehr. Aber ich weiß noch genau, dass mit der Ladung sehr große Kakerlaken an Bord kamen. Sie waren so dick wie mein Daumen und halb so lang wie dieser. Wir nannten sie „Vierachser“, obwohl sie nur drei Beine an jeder Seite hatten.

Nach dem Laden mussten wir wieder seeklar machen. Dann warteten wir noch ein paar Stunden, bis erneut ein Lotse kam und wir uns in den Konvoi der in den Kanal einlaufenden Schiffe einreihen konnten. Lotsenwechsel war in Ismaelia, dem einzigen grünen Fleck am Kanal. Ansonsten war rechts und links nur Wüste zu sehen. Ab und zu tauchten Kamele auf.

Im Großen Bittersee ankerten wir, um einen entgegenkommenden Konvoi passieren zu lassen. In Suez ging der Lotse von Bord.

Im Roten Meer wurde es sehr heiß. Wir hatten Tage mit bis zu 40° C im Schatten. Die Wassertemperatur betrug zeitweise 31°C. Das berichteten uns die Leute aus der Maschine, sie konnten das am Thermometer am Einlass des Kühlwassers ablesen. Diese Temperaturen, der Standort und die durchschnittliche Geschwindigkeit und das Etmal wurden jeden Mittag als Information für uns ausgehängt.

Nach fast drei Tagen erreichten wir Aden. Wir ankerten, und ein Bunkerboot brachte uns Schweröl für die Weiterreise und Diesel für die Revierfahrten.

Mit dem Bunkerboot kamen wieder Händler an Bord. Diese verkauften allerdings keinen arabischen Kitsch, sondern es wurden, auf Matten liegend, technische Geräte wie Radios, Kassettenrecorder, Tonbänder und Fotoapparate angeboten.

Erstaunlicherweise hatten die Kassettenrecorder nur eine Vorlauftaste, keinen Rücklauf. Wollte man einen Song zweimal hören, hätte man das Band einmal ganz durchlaufen lassen müssen. Ich hätte gern einen Recorder gehabt. Aber um auf unserem Schiff ein elektrisches Gerät zu betreiben benötigte man wegen der Stromstärke einen Umformer. Und die waren nicht im Angebot der Händler.

Hermann kaufte sich eine japanische Kleinbildkamera und Agfa-Filme. Später stellte er fest, dass diese Kamera mit einem 36er Film (DIN-Norm) 72 Fotos machen konnte. Es gab wohl noch keine internationalen Absprachen über 36x24 Diagröße. Aber rückblickend erklärt das die japanischen Touristen, die überall alles fotografierten. Kostete ein Bild ja nur die Hälfte.

Von Aden ging es Richtung Horn von Afrika. Hier am „Kap Guardafui“ sah ich meine ersten Wale! Unvergesslich! Der Ausguck auf der Brücke hatte sie entdeckt und uns durch Zurufen darauf aufmerksam gemacht.

Seetörn

Eine Woche bevor das Ereignis stattfinden sollte, teilte der Bootsmann allen Anwesenden beim Mittagessen in der Mannschaftsmesse mit, dass für diejenigen, die noch nicht getauft sind, eine Äquatortaufe stattfinden sollte. Wer nicht mitmachen wolle könne sich bei ihm abmelden. Abmelden, sich weigern? Das kam für mich und die anderen Junggrade gar nicht in Frage. Wir wollten doch dazugehören und mutig sein. Und waren ja so ahnungslos. Doch darüber später mehr...

Beim Norddeutschen Lloyd war es üblich, dass auf der Ausreise, also bei einem längeren Seetörn, wie er uns bevorstand, das gesamte Ladegeschirr überholt wurde. Dabei wurden alle Blöcke des Ladegeschirrs abgenommen, an Deck gelegt und in ihre Einzelteile zerlegt. Beschädigte Blöcke wurden ausgetauscht, alle anderen gefettet, wieder zusammengesetzt und wieder dort angebracht wo sie hingehörten.

Die „Reifenstein“ hatte 20 Ladebäume. Also 20 Hangerblöcke, 20 Leitblöcke, 20 Ladeblöcke und je zwei an jeder Gei, dass macht noch einmal 80. Dazu kamen noch 20 Blöcke von den Mittelgeien, mit denen der Abstand der beiden Ladebäume reguliert werden konnte. Hanger ist der Draht, mit dem ein Ladebaum auf- und abwärts gestellt werden kann. Durch die Rennerblöcke verläuft der Draht, mit dem die Ladung an und von Bord gehievt wird, und dieser Draht wird durch den Leitblock unten am Ladebaum auf die Trommel an der Winsch geführt. Beide Renner sind mit einem Herzstück verbunden, an dem eine Kette mit Ladehaken angeschäkelt ist. Geien sind Taljen, mit denen der Ladebaum seitlich bewegt werden kann, der eine optimal über der Luke und der andere auf die Landseite.

All diese Drähte wurden gefettet. Schätzungsweise mehr als ein Kilometer Draht und zentnerweise Fett. Beschädigte Drähte wurden ausgewechselt. Reserve hatten wir im Kabelgatt genug.

Wenn ich nicht mit dieser Arbeit beschäftigt war, wurde ich dem Offiziersanwärter (OA) zugeteilt.

Ein Offiziersanwärter war ein Matrose, der bald zur Seefahrtschule wollte, um sein Offizierspatent zu erwerben. Wir hatten die Aufgabe, die Testnummern des Germanischen Lloyds, eine Art TÜV, die in den Blöcken eingeschlagen waren, mit den Nummern im Ladegeschirrplan zu vergleichen. Oft waren diese Nummern und GL-Zeichen von Farbe verdeckt. Dann kratzten und bürsteten wir sie frei und schlugen Zahlen, die nicht mehr gut zu lesen waren nach. Tests im Plan, die nicht mehr mit denen auf den Blöcken übereinstimmten, wurden korrigiert.

Der OA und ich konnten gut miteinander. Die Arbeit gefiel uns, war anspruchsvoll und wir hatten Verantwortung. Jede Unregelmäßigkeit oder Unterlassung bei dieser Arbeit hätte bei einer Überprüfung durch die Behörden oder Gewerkschaften in Australien dazu geführt, dass das gesamte Schiff stillgelegt und bestreikt hätte werden können.

REIFENSTEIN – Decksjunge D. Hemme (rechts), Suez auf Reede

REIFENSTEIN – im Mast

REIFENSTEIN: Leichtmatrose Hermann K. mit selbstgebauter Armbrust

Die Äquatortaufe

Wir näherten uns dem Äquator, den wir am Montag, 16. August 1966, überqueren sollten. Und somit rückte auch die Äquatortaufe näher.

Erstaunlicherweise hatten wir Täuflinge trotz der räumlichen Begrenzung, die es auf einem Schiff ja ohne Zweifel gibt, von den Vorbereitungen so gut wie nichts mitbekommen. Nur einmal hatte ich einen Matrosen mit einem Bastrock in der Hand über Deck gehen sehen.

Am Sonntagabend kamen nach dem Abendessen Neptun und seine Frau „an Bord“, um den Kapitän zu begrüßen und die Äquatortaufe zu genehmigen und einzuleiten. Nach Überlieferung bestand dieses Begrüßungsritual angeblich unter anderem darin, dass Neptun einen Liter Bier „auf ex“ auszutrinken hatte. Wir hörten, er habe es geschafft.

Nach dem Abendessen wurden wir Täuflinge von der uniformierten Äquatorpolizei zusammengetrieben und auf Luke vier, gleich hinter der Brücke, geführt.

Wir waren 21 zu Taufende, das war die Hälfte der Besatzung.

Die Decksbeleuchtung achtern war eingeschaltet. Neptun, mit einer Krone auf wallendem, schulterlangem Haar, einem Rock aus Algen und seinem Dreizack, seine ebenfalls hübsch wild kostümierte Frau, der Kapitän, der 1. Offizier und der 1.Ing. sahen sich das Spektakel vom Bootsdeck aus an. Die anderen schon Getauften standen ein Deck tiefer. Es war schon klar, wer wo hingehörte.

Nun begann das „Einweichen“: Jeweils sieben Täuflinge wurden in das sogenannte Schwimmbecken geleitet. Der Zimmermann und sein Juzi hatten es aufgebaut. Die dazugehörige Persenning war im Kabelgatt verstaut gewesen. Das kalte Wasser darin war knietief.

Mit zwei Deckwaschschläuchen wurde mit 8 atü Wasserdruck aus der Feuerlöschleitung auf unsere Körper gezielt! Aufgrund der warmen Außentemperatur waren wir nur mit einer kurzen Hose bekleidet, also weitgehend ungeschützt.

Der Wasserstrahl brannte fürchterlich auf der Haut, der Druck auf Rücken und Nieren war fast unerträglich. Umdrehen ging nicht. Der Kopf wäre uns nach hinten geschlagen worden, Augen und Zähne hätten Schaden genommen, und ein solcher Strahl auf dem Bauch oder tiefer hätte uns k.o. geschlagen.

Ich war froh, als ich wieder aus dem Becken steigen konnte. Die erste Hürde war genommen, aber das war ja wohl erst der Anfang.

Am nächsten Tag, es war Montag, 16. August 1966, wurde zunächst normal weitergearbeitet. Kaffee gab es um 15.00 Uhr, dann kam wieder die Polizei. Einen nach dem anderen aus unserer Reihe brachten sie in die Schwergutlast, einen engen Raum unter dem zweiten Mast, in dem die Takelage für den Schwergutbaum lagerte. Mit diesem Baum konnten Collis bis zu 40 t geladen und gelöscht werden.

Als alle eingekerkert waren, wurde die Einstiegsluke geschlossen und das Licht gelöscht. Wer sitzen konnte saß, es war aber nicht für alle ein „Sitzplatz“ auf Drähten und Blöcken vorhanden. Es war heiß und stickig hier unten, und die Luft war schlecht. In diesem Dunkel warteten wir. Niemand wusste, wie spät es war, denn die Äquatorpolizei hatte allen, die eine hatten, die Armbanduhr abgenommen. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Als sich endlich der Einstiegsdeckel öffnete, glaubten alle, nun sei der Aufenthalt in dem Kerker zu Ende, aber wir erlebten eine böse Überraschung: Eine große Dose Fliegenspray flog herunter zu uns. In diese hatte man ein Loch gestochen und der Inhalt sprühte aus. Der Gestank war scheußlich und ätzend. Noch weitere drei-oder viermal flogen solche Geschosse auf uns herunter, die Zeit schien kein Ende zu nehmen. Irgendwann bekamen wir auch etwas zu trinken, aber da die Flüssigkeit unter uns aufzuteilen war, empfanden wir es als Tropfen auf heißem Stein.

Als dann endlich die Einstiegsluke erneut geöffnet wurde, war es draußen schon dunkel, und die Decksbeleuchtung oben an den Masten war eingeschaltet.

Aber auch jetzt durften nicht alle Täuflinge das Verlies verlassen. Nein. Die Namen der ersten sechs wurden aufgerufen, ich war sehr froh, dass meiner dabei war.

Neptun und seine Frau saßen bequem auf Luke vier in einem Liegestuhl, mit dem Rücken zur Brücke.

Alle anderen Täufer hatten ihre Positionen, einschließlich ihrer Ausrüstung und der Utensilien, die sie benötigten, eingenommen. Jeder Täufling wurde von einem Polizisten zu Neptun und den weiteren Ausführenden geleitet.

Ich musste als erster vor Neptun und seiner Frau auf dem harten Untergrund knien und ihnen die Füße küssen. Man hatte mich gewarnt. Die dicke Creme auf ihren Füßen bestand aus scharfen Gewürzen und anderen unangenehmen Zutaten, sie brannten auf der Haut, besonders an den Lippen. Ich küsste also nicht richtig, was natürlich von dem Polizisten bemerkt wurde, als ich mich aufrichtete und das Gesicht nicht verschmiert war. Also musste der Vorgang wiederholt werden, dieses Mal drückte jemand mein Gesicht in die brennende Pampe.

Zur Strafe für mein Vergehen stellte man mich an den Pranger. Auch den gab es. Hals und Hände wurden in die Ausbuchtungen gelegt, eine Klappe drüber und abgeschlossen, sodass ich keine Möglichkeit hatte, mich von der Stelle bewegen. In der Position war ich ziemlich bis zum Schluss gefangen. Als einer der Letzten kam ich wieder an die Reihe.

Es folgte der Astronom. Er trug ein Fernglas in der Hand, das aus zwei Bierflaschen zusammengebastelt war. Der Astronom war ein Reiniger aus der Maschine, mit dem ich mich gut verstand. Zunächst forderte er mich auf, ihm zu sagen, ob ich die heilige Linie sehen könne. „Aber lass die Augen zu, da ist Salzwasser drin.“ flüsterte er mir zu. Danke!

Dann musste ich zum Arzt und seinen Helfern. Man zwang mich auf eine flachliegende Holzleiter, die als Untersuchungstisch diente. Die Hände wurden an der Seite fixiert und sie untersuchten meinen Gesundheitszustand. Überall, wo die Helfer angeblich etwas entdeckten, was behandlungswürdig war, wurde diese Stelle mit einem dicken Pinsel und Bleimennige gekennzeichnet. Auch in der Hose. Erst dann wurde ich dem Arzt vorgestellt. Er verabreichte mir eine Pille, die dick war wie ein Tischtennisball. Sie bestand aus gemanschten, rohen Heringen und Curry. Die Masse war so scharf, dass jede Mandelentzündung in Sekunden geheilt worden wäre. Wer eine Pille ausspuckte, bekam sofort eine neue, bis sie heruntergeschluckt war.

Irgendjemand meinte es danach gut mit mir und gab mir einen großen Schnaps.

Jetzt begleitete man mich zum Pastor. Er stand in schwarzem Talar mit Beffchen hinter einer überdimensionalen Bibel, die als Kanzel diente.

Getauft wurde ich dann auf den Namen „Delphin“. Ich musste schwören, nie wieder so schmutzig die heilige Linie überqueren zu wollen. Während ich den Schwur leistete, musste ich mit dem linken Zeigefinger und mit dem Mittelfinger je eine oben auf der Bibel eingelassene Schraube berühren. Ein nicht erwarteter heftiger Stromschlag traf mich gehörig.

Es folgte der Friseur. Der war schon recht angetrunken und hatte seinen Stuhl direkt am Rand des Schwimmbeckens aufgebaut. Ich musste mich setzen und er begann ein belangloses Gespräch und fragte nach meinem Namen. Ohne Vorwarnung schnitt er mir mit einer Schere das „Kreuz des Südens“ (ein südliches Sternzeichen) oben in das Haar. Zu der Zeit war jeder stolz und froh über seine etwas längere Haarpracht, diese Aktion war nachhaltig grausam.

Dann nahm er einen Quast, tauchte ihn in das schaumige Wasser neben sich, und steckte ihn mir plötzlich in das Gesicht, um mich zu rasieren. Er verpasste natürlich und ich denke mit voller Absicht, den Bartbereich. Die Seifenlauge traf meine offenen Augen, und bevor ich mir die Augen freireiben konnte, bekam ich einen Stoß und fiel rücklings in den Pool.

Vier schwarzgeschminkte und mit Baströckchen bekleidete „Neger“ griffen sich meine Arme und Beine und tauchten mich unter Wasser. Als ich Luft holen durfte wurde ich gefragt: “Wieviel?" Gemeint war, wie viele Kisten Bier ich als Auslösung für meine Freilassung zu zahlen gewillt war. Nach weiterem Drücken unter Wasser erhöhte ich mein Gebot von eins auf zwei, dann von zwei auf drei Kisten. Danach ließen sie mich gehen.

Drei Kisten Bier kosteten für einen Decksjungen wie mich viel Geld. Im Nachhinein erfuhr ich, dass der Kapitän angeordnet hatte, dass jeder Junggrad, egal was er zu seiner Freilassung gerufen hatte, nur eine halbe Kiste bezahlen musste.

Alle Getauften brauchten lange, sich vom Schmutz und der Farbe am Körper zu befreien. Mennige löste sich nur mit Terpentin. Auch in der Hose, und das brannte gnadenlos.

Mein Freund Hermann wurde „Tümmler“ getauft.

Später wurde dann ein kleines Fest gefeiert. Es gab ja reichlich Freibier und das Ganze entwickelte sich nicht überraschend zu einem Saufgelage. Damit der wachegehende Matrose mitfeiern konnte, meldete ich mich freiwillig für die 20.00-24.00Uhr Wache als Ausguck.

Als Ausguck stand man auf der Brücke in der Nock und suchte bis zum Horizont das Meer ab, nach Schiffen, denen man eventuell begegnet.

Auf dem Lampenkasten lag eine Holzgräting, und ich setzte mich darauf. Plötzlich wurde ich angeschrien: „Eine Wache wird gegangen, nicht gesessen!“ Er hatte Recht, der 3. Offizier. Man kann aber einem Auszubildenden eine Sache auch anders erklären. Arschloch!

Bis auf Kalle, der ja eine Glatze hatte, auf der langsam wieder Stoppeln wuchsen, waren wir in den nächsten Tagen sehr unglücklich über unseren Haarschnitt. Es war schon grausam.

Ich trug meine etwas längeren Haare mit Stolz und auch, um eine Einstellung zu demonstrieren. So etwas wie Opposition. Eine Art Protest gegen die zwanghafte gesellschaftliche Ordnung des Elternhauses. Lange Haare musste man sich damals ja gegen erbitterten Widerstand „erkämpfen“. Meine Eltern legten äußerst großen Wert auf eine korrekte Frisur.

Erstaunlicherweise gab es auf diesem und wie ich später feststellte auf jedem Schiff in der großen Fahrt irgendjemanden, der Haare schneiden konnte. Notgedrungen ließ ich mir eine Frisur verpassen, die das „Kreuz des Südens“ fast nicht auffallen ließ. Es wäre mir sehr peinlich gewesen, so an Land unter die Leute zu gehen.

Einmal Haare schneiden kostete für Junggrade zwei Flaschen Bier. Vollgrade zahlten vier.

Ein ungerechter Kapitän ist leichter zu ertragen,
als ein schlechter Koch!

Ein Teller an der Kammertür

Am nächsten Morgen, es war Samstag, gab es wie jeden Samstag zum Frühstück Steak-Tatar. Rohes gehacktes Rindfleisch mit einer Vertiefung in der Mitte, darin serviert ein rohes Eidotter. Das mischte man sich, je nach Geschmack, mit Salz und Pfeffer und aß es auf frischen Brötchen, die ein Kochs Maat, ein gelernter Bäcker, jeden Morgen backte.

Wir machten wie jeden Tag kurz vor zehn Uhr eine Viertelstunde „Teatime“. Es wurde tatsächlich immer schwarzer Tee serviert, und es gab immer etwas zu erzählen oder man hörte einfach zu.

Das, was dann geschah, war sehr ungewöhnlich: Der Kapitän erschien in unserer Messe. Im Allgemeinen wurde er selten gesehen. Eigentlich traf man ihn nur ab und zu auf der Brücke beim Mittagsbesteck (Ortsbestimmung) oder auf seinem Spaziergang auf dem Bootsdeck kurz vor dem Abendbrot an.

In ruhigem aber sehr ernstem Ton teilte er uns mit, dass wir, wenn wir mit dem Essen unzufrieden seien, uns an ihn wenden sollten. Eine solche Botschaft in dieser Umgebung musste einen konkreten Anlass haben, das war uns klar. Dann wurden wir davon in Kenntnis gesetzt, dass jemand, vermutlich also einer von uns, einen Teller mit Tatar an die Kammertür des Kochs geklatscht hatte. Dort hatte es sich vermutlich eine Weile gehalten, bevor es abrutschte.

Ein „Ölauge“ (Reiniger aus der Maschine), er wohnte im gleichen Gang wie der Koch, fragte den Kapitän, ob er sich den Teller genauer angesehen habe. Das musste der Kapitän verneinen. Der Reiniger teilte ihm daraufhin mit, dass der besagte Teller einen blauen Rand habe. Wir wussten alle, dass nur in der Offiziersmesse blaue Ränder an den Tellern vorzufinden waren. Wir hatten einfache, weiße Teller. Der Kapitän entschuldigte sich daraufhin bei uns, denn er hatte den falschen Personenkreis verdächtigt.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs haben wir erfahren, dass der Koch „zwei Küchen“ gekocht hatte. Im Salon, wo Kapitän, 1. Offizier und 1. Ingenieur aßen, war gänzlich anderes Essen serviert worden. Auch der Kapitän hatte nicht gewusst, dass er über lange Zeit besseres Essen bekommen hatte als der Rest der Besatzung.

So von dem Koch als Menschen zweiter Klasse behandelt, verloren wir den Respekt vor ihm. Er hatte fortan keine Freunde mehr, und als die Reise zu Ende ging, musste auch der Koch gehen.

Adelaide

An nächsten Sonnabend liefen wir nach 30 Tagen bei herrlichstem Wetter in Adelaide ein.

Als erstes kam die Gangway an Land. Das Schiff wurde ladeklar gemacht, und nach dem Kaffee war Feierabend für uns Decksjungen. Wir waren ja noch nicht 18 Jahre alt und durften auf Grund irgendwelcher Bestimmungen (Jungendschutz) nur bis zu 80 Überstunden leisten.

Nach dem Abendbrot gingen wir endlich an Land. Wieder festen Boden unter den Füßen zu haben war ein ungewöhnliches Gefühl. Nichts bewegte sich mehr. Des Öfteren stieß ich gegen leicht hochstehende Gehwegplatten. An Bord war ich wohl nur noch flach geschlurft.

Das Seemannsheim war in der Nähe. Hier konnte man Bier trinken, Darts werfen oder Billard spielen. Das Ehepaar, das den „Seaman`s Club“ leitete, setzte sich später zu uns an den Tisch. Es wurde nach dem Woher und Wohin gefragt, und als „time please“ angesagt wurde, verabschiedeten sie sich und erzählten uns, dass sie am Montag nach Neuseeland auswandern wollten. Beide besaßen die australische Staatsbürgerschaft, aber ihr Sohn nicht. Er bekäme die Staatsangehörigkeit nur, wenn er seinen Wehrdienst leistete. Das aber bedeutete, dass ein Einsatz in Vietnam unmittelbar bevorstand. Als Eltern und Christen kam das für sie nicht in Frage.

Nachdenklich darüber, was Eltern manchmal für ihr Kind auf sich nehmen, machten wir uns auf den Heimweg.