Die gesamte Literatur ist eine Fußnote zum Faust. Ich habe keine Ahnung, was ich damit meine.

HELMHOLTZ, Begründer der nach ihm benannten psychologischen Schule

Zitiert nach Woody ALLEN

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Informationen sind im Internet über <www.dnb.de> abrufbar.

© 2021 Dieter Albin Elendt, die Autoren der Abbildungen sind im Anhang aufgeführt.

ISBN: 9783753419343

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

Inhalt

Prolog

Dieses Büchlein – so dünn, wie es ist – hat gedanklich schon eine lange Geschichte: Jeden Morgen lese ich verschiedene Online-Auftritte von verschiedenen deutschen Zeitungen. Und da gibt es immer etwas zu lachen (und zu weinen). Das zu kommentieren, macht mir schon lange Spaß, ich habe es aber bislang noch nicht öffentlich getan. Schön daran ist, dass einem zu vielem, was es da zu lesen gibt, etwas scheinbar ganz anderes einfällt, ein „apropos“ gewissermaßen. Davon hat dieses Büchlein seinen Namen. Ich habe schon 2020 damit angefangen zu sammeln, es gab aber eine lange Pause, die fast ein Jahr währte. Diese hatte zwei Gründe: Der eine war eine ziemlich schwere Krankheit, bei der sich erst in letzter Zeit eine Besserung ergeben hat. Der andere war auch Krankheit, aber keine eigene: Covid-19. Auf einmal standen keine lustigen Sachen mehr in der Zeitung und das, was dort stand zu kommentieren, wurde manchmal, wie man las, ziemlich negativ aufgenommen. Solche abstrusen Sachen wie die Geschichte vom „Mondbeton“ gab es ganz plötzlich überhaupt nicht mehr, sondern nur noch Katastrophen-Szenarien. Dabei kann ich versichern: Es gibt sie noch, die Welt jenseits Covid-19. Sie ist nur schwieriger zu finden.

Leserin und Leser seien gewarnt: Das, was ich hier schreibe, ist nicht immer ganz ernst gemeint. Und ich habe auch noch darauf verzichtet, die Grenze zu markieren.

Das Büchlein ist ein einziges Assoziationsexperiment, ich habe ziemlich ungefiltert all das aufgeschrieben, was mir so eingefallen ist. Eine gute Gelegenheit, das erste Apropos dem Erfinder des Assoziationsexperiments zu widmen:

Apropos FREUD

Oder: Wie FREUD darauf kam

(2021: Für meinen Freund Patrick zum Geburtstag)

FREUD war ein armer Hund, was zur Folge hatte, dass er reich werden wollte und berühmt. Wie er das bewerkstelligen konnte, war ihm zunächst egal. Er wählte die Medizin und die Hoden des Aals.

Er konnte sich - wie bei Hunden üblich - nicht einmal sicher sein, wann er geboren war und wer sein Vater war (bei Müttern besteht ja gemeinhin hinsichtlich dieser Frage eine größere Sicherheit).

Er wurde am 6. März oder am 6. Mai geboren und sein Vater war Jakob Freud oder jemand anders. Lassen wir den großen Unbekannten einmal beiseite und nehmen wir an, dass Jakob Freud der Vater war. Eine Fälschung des Geburtsdatums könnte der Familie durchaus opportun erschienen sein, um seine Geburt als ehelich erscheinen zu lassen. Ist es wichtig, ob einer zwei Monate früher oder später geboren wurde? Unter Astrologen gewiss, aber das ist ein weites Feld, Luise. Alle anderen könnten meinen, das sei ziemlich egal. Dabei könnte man auch bleiben, wenn nicht dieser ganzen Angelegenheit zugrunde liegen könnte, dass das unehelich empfangene Kind unerwünscht war, dass deshalb geheiratet werden musste, dass die werdende Mutter ihre Zukunft dadurch beeinträchtigt sah, dass auch der Vater das Kind als Störenfried betrachtete und ähnliche Gedanken. Sofern es nur meine Gedanken sind, wäre das unwichtig, wenn sich aber die Eltern tatsächlich solche Gedanken gemacht hätten, könnte es wichtig sein.

Und noch wichtiger wäre es natürlich, wenn die Eltern das Kind spüren lassen würden, dass es an irgendetwas schuld ist, an einem unerfüllten Leben der Eltern etwa.

FREUD bekam sicher vom Vater nicht die nötige Anerkennung. Dieser äußerte denn auch die Überzeugung, aus Sigismund würde einmal nichts.

Die Formulierung der Anerkennung ist die eine Seite. Die andere besteht darin, dass es bestimmte Voraussetzungen braucht, damit die Anerkennung ihre positive Wirkung entfalten kann. Es ist etwas anderes, wenn ich für mein neues Buch von einem Analphabeten oder einem Literaturnobelpreisträger Anerkennung bekomme. Die des Analphabeten ist gefühlt weniger wert und mag sie noch so ehrlich sein. Beim Nobelpreisträger gibt es ein anderes Problem: Nicht jeder wird glauben, dass die Anerkennung dieses Großen ehrlich gemeint ist. Dem liegt aber bereits ein entsprechendes Defizit des Empfängers der Anerkennung zugrunde.

Wie steht es um die Fähigkeit von FREUDs Vater, Anerkennung zu spenden? Da wird von FREUD jene Szene berichtet, in der dem Vater auf der Straße als Juden die Mütze heruntergeschlagen wurde. Gefragt, was er da getan habe, antwortete der Vater, er habe die Mütze aufgehoben und sei weitergegangen. Es geht jetzt nicht darum, ob diese Reaktion richtig und angepasst war, ob womöglich gar keine andere Möglichkeit bestand, sondern es geht um das Erleben der Schwäche des Vaters durch FREUD.

Er setzt sogleich eine Fantasie hingegen: wie Hannibal seine Söhne auf Rache einschwört und somit ein Bündnis zu ihnen initiiert. Das Bündnis ist der glückliche Ausgang dessen, was FREUD später (etwas unglücklicherweise) den Ödipus-Konflikt nennen wird. Für FREUD scheint es dieses Bündnis nie gegeben zu haben. Er erlebte den Vater als hierfür zu schwach.

Wie war es mit der Mutter? Er war für sie der „goldene Sigi“. Ist das Anerkennung, was ohne Verdienst gegeben wird? Ich denke, nicht. Immer von der Mutter als „goldener Sigi“ gesehen zu werden, egal, was passiert, ist auch irgendwie wertlos. Für die Mutter war einfach selbstverständlich, dass aus Sigismund etwas Großes wird. Diese Verpflichtung ist, weil sie gar keinen anderen Gedanken zulässt, unausweichlich und FREUD hat sie bekanntermaßen erfüllt (auch wenn er den ersehnten Nobelpreis nicht bekommen hat).

Ein Vater, der zur Anerkennung nicht befähigt ist (oder so erlebt wird) und sie dementsprechend auch nicht spenden kann und eine Mutter, die etwas anderes gibt als Anerkennung, nämlich das unbedingte Angenommensein, egal, was man tut, bedeuten letztendlich den Sieg des Kindes im Ödipuskonflikt, ein denkbar schlechter Ausgang.

Entsprechend kompliziert gestalten sich denn auch FREUDs Beziehungen außerhalb des familiären Umfeldes. Sie sind von großer Unsicherheit geprägt. Kein Wunder, wenn man keinen starken Vater hinter sich weiß und die Mutter undifferenziert auf der eigenen Seite steht – also auch nicht helfen kann. FREUD lässt in der Folge keine andere Meinung als die eigene zu. Dahinter steht eben nicht die Selbstsicherheit, die ein intaktes familiäres Umfeld vermittelt, sondern er hat im Gegenteil erhebliche Selbstzweifel.

Ich möchte nun von dem schreiben, was ich eingangs erwähnte: dem Hundegefühl. In der Tat gab es eine Beziehung zu einem Freund – Silberstein –, in der das Thema des Hundes eine gewisse Rolle spielte. Die beiden pflegten nämlich teilweise nicht direkt miteinander umzugehen, sondern setzten hierfür die Masken zweier Hunde auf: Cipión und Berganza, jene zwei Hunde, von denen Cervantes schrieb (dabei entspricht FREUD Cipión und Silberstein Berganza).

Apropos: Die Erfindung der Psychoanalyse durch CERVANTES

Gewisse Vorteile bringt die Maske eines Hundes mit sich. Einerseits ist man den Menschen nicht allzu fern, andererseits eben doch kein Mensch und daher auch nicht wie ein Mensch verantwortlich. Zudem verschafft die Hunde-Rolle den beiden eine Sonderstellung: Sie sind anders als die anderen Menschen, aber sie können wie die anderen Menschen reden. Insofern sind sie auch im Reich der Hunde etwas Besonderes, indem sie einen höheren Grad von Bewusstheit haben. Das geht so weit, dass man sie als weise bezeichnen kann, wovon kein Mensch etwas weiß (und daher auch nicht an ihnen zweifeln kann). Sich so zu sehen, ist irgendwie ein Beispiel für die Kombination von Selbstüberhebung und Abwehr des Zweifels – Eigenschaften, die man durchaus auch am späteren FREUD finden wird.

Weiter ist zu bemerken, dass die Fähigkeit zum Sprechen auch den beiden Hunden neu erscheint und dass sie offenbar nur zwei Nächte währt (was nicht ganz klar ist). Entsprechend dreht es sich gleich am Anfang um das Verhältnis von Instinkt und höheren geistigen Fähigkeiten /höheren Bewusstseinsgraden. Diese sind offenbar nur kurzzeitig zu erreichen und fragil. Wir finden also gewissermaßen in einer Nussschale FREUDs spätere Lehre vom Bewussten und Unbewussten.

Cipión zu Berganza:

Ich will damit sagen, daß du ein Tier bist, das keine Vernunft besitzt; und wenn du jetzt auch beweist, daß du Vernunft besitzt, so haben wir beide gefunden, daß dies eine übernatürliche und unerhörte Sache ist.

Man denke an diesem Zusammenhang an die Furcht FREUDs vor der braunen Schlammflut des Übernatürlichen (zu JUNG). Diese Haltung zum Übernatürlichen und Okkulten findet sich auch noch an anderer Stelle: Als Cipión kommentiert FREUD eine Erzählung Berganzas über das Wirken einer Hexe (beider Mutter) auf streng rationalisierende Weise1. Rationalisierungen sind auch in seinen sonstigen Kommentaren häufig nachweisbar und er ist es schließlich auch, der das Wort „Philosophie“ als „Liebe zur Wissenschaft“ einführt.

Apropos Unbewusstes:

Das war natürlich keine Erfindung FREUDs, sondern den Begriff des Unbewussten gab es schon früher. Er lässt sich mindestens bis zu GOETHE zurückverfolgen, der ihn in seinem Gedicht „An den Mond“ gebraucht. Interessanterweise gibt es von diesem Gedicht zwei Fassungen, in deren einer das Wort „unbewusst auftaucht, während die andere von „nicht bewusst“ spricht.

Zurück zu Cipión und Berganza:

Nicht nur die Lehre vom Bewussten und Unbewussten ist nachweisbar, sondern in groben Zügen auch die von den verderblichen Wirkungen verdrängter Bewusstseinsinhalte.

Cipión:

Gegen alle diese Übel, die du mir in groben Umrissen gezeichnet und geschildert hast, hat man ein Heilmittel gesucht. Ich weiß aber sehr gut, daß die, welche du verschweigst, noch größer und häufiger sind, als die, von welchen du gesprochen hast.

Zwar bezieht sich das primär auf die Gesellschaft, aber es ist durchaus auch auf intrapsychische Gegebenheiten anwendbar.

Aber andererseits ist auch die spätere Wertschätzung des Unbewussten durch C.G. JUNG, die sich bei FREUD so noch nicht findet, gleich am Anfang nachweisbar (hier von Berganza als Instinkt bezeichnet).

Wir finden in einem kurzen Satz, den Berganza gebraucht, auch noch mehr: … denn weil das Böse von selbst keimt, lernt man es auch selbst ausüben. Das entspricht der im Grunde pessimistischen Weltsicht FREUDs, die ihre schärfste Formulierung in der Meinung findet, das Neugeborene würde seine Umgebung ablehnen.

Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe, er erspringt der uranfänglichen Ablehnung der reizspendenden Außenwelt von seiten des narzisstischen Ichs.

Vielleicht gibt es sogar einen Bezug zu FREUDs Vater. Er spricht nämlich von einem Herrn, der viel dazu tat, um als tapfer zu erscheinen, aber doch furchtsamer gewesen sei als ein Hase. Dies war offenbar auch die Meinung FREUDs über seinen Vater (siehe oben).

Und schließlich finden wir sogar eine zentrale Handlungsanweisung an den Patienten der Psychoanalyse, formuliert durch Berganza:

Jetzt aber, da ich … mich mit dem göttlichen Geschenk der Sprache begabt sehe, gedenke ich, mich desselben zu erfreuen und es zu benutzen, so gut ich kann, indem ich mich beeile, alles zu sagen, was mir in den Kopf kommt, wäre es auch etwas wirr und durcheinander.

Insgesamt ist Berganzas Bericht von der Schilderung einer enormen Anpassungsleistung charakterisiert. Einem Hunde steht das wohl an.

Der Bericht, den wir lesen, ist eigentlich nur der von Berganza, da die beiden verabredet hatten, dass erst in der nächsten Nacht Cipión seine Geschichte erzählt. Das hat aber Cervantes nicht gestaltet. Mit etwas Mühe haben wir da das klassische psychoanalytische Setting vor uns. Einer erzählt und der andere kommentiert/deutet. Und FREUD hat ja auch für sich die Rolle des Cipión ausgewählt, gewissermaßen unter Vorwegnahme seiner späteren Entwicklung.

Der Analytiker, der sich nicht selbst analysieren lassen will (selbst hat er das getan, aber im Zusammenspiel mit anderen höchst selten und mit starken Vorbehalten). Die Symmetrie der Psychoanalyse, auf die manche seiner Schüler großen Wert legten, war ihm fremd.


1 Die Enthüllung, dass die Mutter eine Hexe ist, spricht für sich. Zwar schrieb das nicht Freud, aber er und Silberstein haben sich nun einmal mit den Gestalten von Cervantes identifiziert.

Apropos Cipión, Berganza und E.T.A. HOFFMANN

Zu erwähnen ist noch, dass die Geschichte von Cipión und Berganza eine Fortsetzung erfuhr, durch E.T.A. HOFFMANN. CERVANTES‘ Novelle ist auch ohne Sexualität denkbar (in der Tat spielt sie eine untergeordnete Rolle). In HOFFMANNs Fortsetzung steht Sexualität im Zentrum, bis dahin, dass es sich hier um eine Beschreibung der sogenannten „Urszene“ handelt, kombiniert mit Gewalt. Die Erzählung heißt „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“. Der vernünftige Cipión (FREUD) spielt hier keine Rolle.

Es geht darum, dass sich der Hund in eine unerreichbare Menschenfrau verliebt (wahrscheinlich verarbeitet HOFFMANN da ein eigenes Erlebnis).

Die Geschichte spitzt sich so zu, dass sich Berganza unter dem Hochzeitsbett versteckt, als jene Menschenfrau, wie es Gang der Dinge ist, einen Menschenmann heiratet. Dazu ein längeres Zitat:

Nun nahm er Cäcilien in seine Arme und wollte sie ins Bett tragen, aber der Wein wirkte immer mehr, und er taumelte mit ihr gegen den Bettpfosten, der sie an den Kopf traf, daß sie aufschrie. Sie riß sich aus seinen Armen und stürzte sich ins Bett. „Liebchen, bin ich besoffen? - sei nicht böse, Liebchen“, stammelte er mit lallender Zunge, indem er seinen Schlafrock herunterriß und ihr nachwollte. Aber im jähen Schreck über die entsetzliche Mißhandlung des elenden Schwächlings, der in der keuschen engelreinen Braut nur das feile Freudenmädchen sah, schrie sie auf in schneidendem Jammer: „Ich Unglückselige, wer schützt mich vor diesem Menschen!“ Da sprang ich wütend hervor aufs Bett, packte mit einem kräftigen Biß den dürren Schenkel des Elenden und riß ihn über den Boden des Zimmers zur Tür, die ich, mich mit voller Gewalt andrängend, aufsprengte, hinaus auf den Flur. Indem ich ihn zerfleischte, daß er blutbedeckt dalag, raste er vor Schmerz, und die fürchterlichen hohlen Töne, die er ausstieß, weckten das ganze Haus. Bald wurde es lebendig - Bediente - Mägde rannten die Treppe herab, mit Ofengabeln - Schaufel, Prügeln bewaffnet, aber mit stummem, starren Entsetzen betrachteten sie die Szene, keiner wagte sich mir näher, denn sie hielten mich für toll und fürchteten meinen verderblichen Biß. Unterdessen stöhnte und ächzte halb ohnmächtig Georg unter meinen Bissen und Tritten, ich konnte nicht von ihm ablassen. Da flogen Prügel, Geschirre nach mir, krachendzersplitterten die Fenster - Gläser, Teller, noch vom gestrigen Schmause stehengeblieben, stürzten zertrümmert von den Tischen, aber mich traf kein wohlgezielter Wurf. Der lange verhaltene Grimm machte mich mordsüchtig; ich war im Begriff, meinen Feind bei der Kehle zu packen und ihm den Garaus zu machen, da sprang einer mit einem Gewehr aus dem Zimmer, das er sogleich auf mich abdrückte; die Kugel sauste mir dicht bei den Ohren vorbei. Ich ließ den Feind ohnmächtig liegen und setzte die Treppe hinab.

Zwar handelt es sich hier nicht um das Verhältnis Mutter-Vater-Kind, aber mit gewissen Umbesetzungen kann man darin durchaus das erblicken, was FREUD später als Ödipuskonflikt bezeichnete.

Dadurch wird auch klar, warum Cipión bei HOFFMANN nicht auftritt. Für FREUD hat, wie oben angedeutet, der Ödipuskonflikt einen ganz anderen Ausgang: Er ist Sieger auf der ganzen Linie, während Berganza als ein geprügelter Hund das Weite sucht.

FREUD hingegen ist mit dem Niederringen der eigenen Leidenschaft beschäftigt. Zum „Moses des Michelangelo“ schreibt er:

Damit hat er etwas Neues, Übermenschliches in die Figur des Moses gelegt, und die gewaltige Körpermasse und kraftstrotzende Muskulatur der Gestalt wird nur zum leiblichen Ausdrucksmittel für die höchste psychische Leistung, die einem Menschen möglich ist, für das Niederringen der eigenen Leidenschaft zugunsten und im Auftrage einer Bestimmung, der man sich geweiht hat.

Armer Berganza: Dir werden solche Freuden wohl für immer verwehrt bleiben!

Nicht nötig ist wohl, zu betonen, dass die Relation dieser Geschichten zu FREUDs Lehre ganz und gar meine eigene Erfindung ist und dass in Wirklichkeit FREUD mit seiner strengen wissenschaftlichen Folgerichtigkeit (der gleichen, mit der er die Hoden des Aals studierte) einfach keine andere Möglichkeit hatte, als die Psychoanalyse zu entwickeln und gegen jegliche andere Meinung zu verteidigen.

Apropos: Meine Meinung

Ich hab's wollen wissen und ich bin auf'n Berg
Aufeg'stiegen
Ganz hoch rauf
Mitten auf'n Gipfel hab ich mich g'stellt.
Und auf einmal
Da war da unten alles so
Lächerlich klein
Und ich war plötzlich der höchste Punkt der Welt
Und auf einmal
Da is mir ins Hirn eineg'fahren

Es ist doch meine Meinung
Die wirklich zählt!

Ludwig HIRSCH: Ich hab’s wollen wissen

Es ist schon ein merkwürdiges Ding mit meiner Meinung. Sie hat schon allein eine ungewöhnliche grammatikalische Konstruktion, indem in zwei Worten gleich zweimal der gleiche Stamm auftaucht. Ist das so etwas wie eine doppelte Bejahung? Bedeutet das, dass mir der Besitz dieser Meinung sehr wichtig ist?

Wenn man sich ähnliche Konstruktionen ansieht, so unterscheiden sie sich deutlich:

„Ich habe dazu eine Meinung.“ Das riecht irgendwie nach Beliebigkeit derselben. Das sollte man nicht sagen.

Noch schlimmer ist: „Ich habe dazu keine Meinung“. Das diskreditiert einen gleich völlig.

Aber es kommt noch schlimmer. Es kann passieren, dass man seine Meinung wechselt oder gar, dass man zur gleichen Zeit zu einem Sachverhalt gleichzeitig zwei oder mehr Meinungen hat.

So geht es mir mit der Formulierung „Meine Meinung“. Ich will hier einmal beide meine Meinungen zu meiner Meinung darstellen2.

Deutlich machen möchte ich das an einem Beispiel: Es gibt die abstruse Hypothese, dass die Erde innen hohl ist und wir innen leben (bzw. innen und außen). Ich möchte an dieser Stelle die Leser und Leserinnen bitten, von dem, was wir sicher wissen, nämlich, dass die Erde selbstverständlich eine Scheibe ist, abzusehen und diese Hohlwelttheorie einmal gedanklich zuzulassen. Die Frage ist also, wie ich mich positionieren kann zu einer Meinung, die nicht die meine ist und die auch im Lichte all dessen, was wir wissen, als unmöglich erscheint. Dazu habe ich, wie gesagt, zwei Meinungen:

1) Die Gedanken sind frei. Jeder darf denken, was er will und jede beliebige Meinung haben.

Ich denke, was ich will und was mich beglücket.

Niemand darf mir dieses Recht streitig machen3 . Wenn überhaupt, darf es nur leichte Einschränkungen geben, etwa:

Doch alles in der Still‘ und wie es sich schicket.

Ganz ehrlich, so sehr ich der Meinung bin, dass die Vertreter der Hohlwelttheorie diese ihre Meinung haben dürfen, so nervt es mich doch außerordentlich, wenn einer ihrer Vertreter in meinem Beisein seine abstruse Meinung auch äußert. Prinzipiell darf natürlich auch dieses Recht nicht beschnitten werden, aber doch bitte wie es sich schicket, also im Kern: nicht in meinem Beisein.

Es ist einfach arg frustrierend, wenn man jemandem die Wahrheit mit allen wissenschaftlich anerkannten Beweisen der Länge und der Breite nach auseinandersetzt und als solches zu dem Schluss kommt, dass die Erde nicht hohl sein kann, da sie ja eindeutig eine Scheibe ist und daraufhin derjenige den unsterblichen Satz ausspricht: „Ja, das ist ja alles recht schön und gut, aber meine Meinung ist…“

Meine Meinung 1) kann nur existieren in dem Glauben, dass sich die abstrusen Meinungen schon irgendwie herausverdünnen werden und nicht etwa zusammenballen und Macht gewinnen. Unter dieser Bedingung darf dann wirklich jeder denken und sagen, was er oder sie will. Dennoch ist – wie beschrieben – damit manchmal ein enormer Frust verbunden, der tatsächlich zu meiner Meinung Nr. 2 führen kann:

2) Meinungen sind wohl erlaubt, aber irrelevant. Relevant sind Begründungen und Beweise. Ich weiß, es ist sehr schwierig, wirklich zu einem Beweis zu kommen oder auch nur zu einer vernünftigen Begründung. Aber wenn wir das dann geschafft haben, dann

Wehe jenen, die nicht geforscht haben und doch reden.4

Die wissenschaftlichen Beweise, dass die Erde eine Scheibe ist, sind einfach so überwältigend, dass das Hohlerdemodell wirklich als obsolet zu betrachten ist.

Und doch gibt es Uneinsichtige, die die Fülle der wissenschaftlichen Beweise einfach ignorieren und sich dann auch noch auf andere Wissenschaftler berufen. Natürlich ist die Reputation dieser Leute äußerst fragwürdig.

Newton

Halley

Da ist zunächst einmal Icaac NEWTON, der die Dichte des Mondes als unterschiedlich von jener der Erde ansah. Edmund HALLEY folgerte in der Annahme, die Dichte aller Himmelskörper sei gleich, dass die Erde hohl sein müsse.

Man hätte gleich merken können, dass die Position dieser beiden Männer unhaltbar ist, dass es sich um Scharlatane handelt5.

Nach meiner ersten hier geäußerten Meinung muss man das einfach aushalten. Meine andere Meinung ist, dass man dagegen vorgehen sollte. Wo kämen wir denn hin, wenn jedermann denken dürfte, was er will – und das auch noch äußern. Chaos und Anarchie wären die Ergebnisse.

Hieraus ergibt sich eine grundsätzliche Frage: Was sollte man mit jenen Leuten tun, die sich nicht belehren lassen? Das wäre nach gewissen Rechtsgrundsätzen zu differenzieren: Handelt es sich um ein Gedankenverbrechen oder handelt es sich um geistige Verwirrung? Im ersteren Falle kann natürlich das bestehende Strafrecht (wenngleich nach der einen oder anderen Erweiterung, wie sie gegenwärtig gefordert werden), zur Anwendung kommen. Handelt es sich hingegen um geistige Verwirrung, so bleiben auf der einen Seite das Wegschließen und auf der anderen Seite das Nachdenken darüber, wie es denn kommen kann, dass jemand auf solche Abwege gelangt. Ein erstes Ergebnis könnte sein, dass es sich bei diesem Personenkreis in erster Linie um alte weiße Männer handelt.


2 Wahrscheinlich werde ich dieses Thema im Verlaufe dieses Büchleins wieder aufgreifen. Ich hoffe nur, dass ich dann noch dieselbe Meinung habe.

3 An dieser Stelle erhebt sich die Frage, ob dieses Recht anderen streitig gemacht werden sollte. Das ist schwierig zu beantworten und würde wahrscheinlich den Rahmen dieses Büchleins sprengen, denn es wäre hierfür notwendig, auf objektive Weise den Unterschied zwischen mir und den anderen herauszustellen.

4 BRECHT, „Leben des Galilei“

5 Hinzu kommt natürlich noch das schlagende Argument, dass es sich bei den beiden um Leute handelt, die vor ein paar Hundert Jahren gelebt haben. Wie sollten wir uns auf sie beziehen?

Apropos: Alte weiße Männer

Ich bin ein alter weißer Mann, also für gewisse Kreise ein Feind.

Ich habe mich gefragt, was ich dagegen tun kann, denn ein Feind zu sein, gefällt mir nicht.

Diese Erwägungen führten dazu, dass mir klar wurde, dass von den Eigenschaften "alt", "weiß" und "Mann" letztendlich nur eine änderbar ist, nämlich Mann zu sein. Das will ich aber nicht (und ich verzichte an dieser Stelle darauf,