Für meinen Freund

Franz Günter Szrama

Aus der Heinzelmännchenstadt zu Köln am

Rhein

Inhaltsverzeichnis

Eine Prinzessin inmitten von Maerchen

Ein Berg voller Schulden

Die Beerenheidi

Gefunden im Wald

Die Drachenjungfrau

Zwei Winzer und eine Braut

Im kristallenen Schloss

In der Zwergenhoehle

Der Wahrheitsfresser

Der Zwergenkoenig

Einleitung

„Gar mächtig bebten einst die Berge,

Erzitterten bis in den Grund.

Da wachten auf die guten Zwerge

Und schmiedeten den erz ‘nen Bund!“

Berge und Zwerge; eine unzertrennliche Liaison bis in alle Zwergenewigkeit. Erst, wenn die Berge eingeebnet sind, wird es auch keine Zwerge mehr geben. Lange also, nachdem die Menschen auf dieser Erde selbst verschwunden sind.

Wundere dich nicht, liebe Leserin, lieber Leser, wenn bei den nachfolgenden Märchen also viele Zwerge auftauchen. Sie sind eben unter uns, vielfach unerkannt, aber leben, fühlen, lieben und hassen. Wie im richtigen Leben Nachbarn, Freunde und Feinde!

Wer oder was aber sind Zwerge eigentlich? Nur kleinere Menschen? Eine andere Art? Höhlenbewohner mit Handwerkerqualitäten? Sind sie aus Fleisch und Blut? Besitzen sie ein großes oder kleines Herz, aus Fleisch und Blut oder Gold und Edelsteinen? Heiraten sie auch? Nur untereinander oder …?

Was wir Menschen über Zwerge wissen, ist nur dürftig und besteht weitgehend aus Vor-Urteilen. Lest deshalb aufmerksam die nachfolgenden Märchen, die der Zwerg erzählt, und bildet Euch selbst eine eigene Meinung.

Eine Prinzessin inmitten von Maerchen

Es war einmal eine wunderschöne, aber eitle Prinzessin, die in Bezug auf Märchen nicht genug bekommen konnte…

„Vor den Spiegeln tanze ich,

Schwing herum und wiege mich!

Brauche Märchen, möchte träumen,

Will im Leben nichts versäumen!“

Diesem Wunsche folgend, geschieht es, dass vor dem Schloss, in welchem diese Prinzessin wohnt, ein Zwerg, auf seinem zotteligen Esel reitend, haltmacht und Einlass begehrt. Natürlich hätte er auch mit einer goldenen Kutsche vorfahren können, denn er ist ein Zwergenkönig, der genug des allseits begehrten Goldes besitzt, doch will er damit weder protzen noch prahlen, sondern möchte um seiner selbst willen geliebt werden. So ward ihm die Kunde zugetragen worden, dass diese schöne Prinzessin einen Ehemann suche, der eine ganz besondere Fähigkeit mitzubringen habe: Er muss Märchen erzählen können, welche die Prinzessin besonders spannend findet und in deren Inhalte sie tief eintauchen kann. Märchen sind ihre große Leidenschaft, die sie dann tanzend umsetzt. Vor allem Liebe und Hass, Eitelkeit und Eifersucht, Intrige, Kabale und hinterhältige Machenschaften aller Art sind es, die allein nur zählen:

„Nur die bösesten, gemeinsten und hässlichsten Märchen vermögen es, mein Herz zu gewinnen! Keine langweiligen Kindergeschichten von einem Hänsel und seiner Gretel oder einem Zwerg Nase, der das Kräutlein „Niesmitlust“ nicht kennt! Mein zukünftiger Gatte wird sich höllisch anstrengen müssen, wenn er mich überzeugen will!“

Auch hat derjenige, der sich um ihre Hand bewirbt, noch eine weitere Bedingung zu erfüllen: Er muss sehr gut erzählen können, damit sich die eitle Prinzessin vor ihren Spiegeln so richtig produzieren kann. Kein Freier sollte aber auf die Idee kommen, er brauchte ihr nur ein einziges, armseliges Märchen zu erzählen, um ihr Herz zu erobern. Eine dritte Forderung lautet, dass nur derjenige gewinnt, der die meisten Märchen zu erzählen weiß. Darin ist sie unersättlich:

„Dreh‘ ich mich vor meinem Spiegel,

Schwenk‘ die Beine ich im Tanze,

Lasse meine Kleider fliegen,

Sonne mich in seinem Glanze!“

So wendet sie sich hin und her in ihrem verspiegelten Schlafgemach, während sie dem jeweiligen Märchenerzähler lauscht. Keiner dieser Bewerber aber hat es auf mehr als drei Märchen gebracht, und bei den meisten ist noch nicht einmal etwas Dramatisches passiert! So etwas verdrießt sie sehr, und sogleich wird diesen schlechten und langweiligen Märchenerzählern die Tür gewiesen. Da aber die Zahl der Bewerber inzwischen stark geschrumpft ist, um nicht zu sagen, es gibt bereits seit geraumer Zeit keine Kandidaten mehr, hat die Wache vor dem Schlosstor die strikte Anweisung, jeden hereinzulassen, der gute Märchen zu erzählen verspricht.

Als der Zwerg von seinem Esel absteigt, höflich die Mütze zieht und sein Anliegen vorträgt, würde die Wache ihn normalerweise niemals ins Schloss gelassen haben, aber die Prinzessin ist derart unleidlich geworden, weil sie keine Märchen mehr erzählt bekommt, dass die Wachen fürchten, auf der Stelle geköpft zu werden, würden sie diesen Zwerg abweisen. Flugs wird er also zur Prinzessin gebracht.

Die Prinzessin sitzt missmutig in ihrem verspiegelten Schlafgemach, verspürt zum Tanzen keine Lust, will keine neuen Kleider anprobieren, verlangt nur noch nach einem neuen Märchen, in das sie eintauchen kann. Als der Zwerg in ihre Kammer geführt wird, schaudert es sie, aber sie macht gute Miene zum bösen Spiel und lächelt einladend. Doch niemals würde sie diesen schrecklichen Zwerg zu ihrem Gemahl nehmen! Sie ist überzeugt davon, dass er weder ein schaurig-schönes Märchen kennt noch dieses gut erzählen kann.

Freilich wechselt die Stimmung der Prinzessin rascher als ihre Kleider. War sie vor wenigen Augenblicken noch froh, dass überhaupt jemand gekommen ist, so wirkt sie jetzt launisch und arrogant. Ihre Sprache wird direkt beleidigend:

„Was bildest du dir denn ein, du Winzling? Willst weitere und bessere Märchen erzählen als die anderen Adligen und mich danach heiraten? Leidest wohl an Selbstüberschätzung? Ich, eine echte und rechte Prinzessin, wie mir meine Spiegel täglich zeigen, wunderschön und dabei anmutig und huldvoll! Kein kümmerlicher Zwerg mit einer Mütze in der Hand statt eines Königreiches! Außerdem besitze ich ein schönes Schloss! Was aber hast du vorzuweisen?“

Der Zwerg lässt sich nicht einschüchtern, gibt sich ganz gelassen:

„Ich kenne viele spannende Märchen; kann sie auch gut erzählen! Im Übrigen besitze ich sogar zwei Schlösser: Mein eigenes sowieso und dein schönes Schloss habe ich letzte Woche noch dazu gekauft!“

Die Prinzessin in ihrem Hochmut versteht nicht, was er damit meint, macht sich weiter über ihn lustig:

„Auch du besitzt ein Schloss, sagst du? Wohl ein schönes, großes mit goldenen Zinnen hoch über dem Rhein?“

„Ja, genau, wie du es beschrieben hast! Du musst es gut kennen, denn es war ja einmal dein eigenes Schloss! Nun aber gehört es mir allein! Du bist also eine Prinzessin als Gast auf meinem Schloss!“

Die völlig überraschte Prinzessin kann es einfach nicht fassen, schickt umgehend nach dem Kämmerer:

„Stimmt es, was dieser elende Zwerg behauptet, er habe mein schönes Schloss gekauft?“

Der Kämmerer muss zu seinem Leidwesen zugeben, dass das Schloss unlängst verkauft worden sei, nur wisse er nicht, an wen. Sie, die Prinzessin, habe eben zu viel Geld und Gold ausgegeben, und das habe alle in den Ruin getrieben!“

Während die Prinzessin todunglücklich in sich zusammensinkt, meldet sich der Zwerg zu Wort und bietet an, das erste Märchen zu erzählen:

„Es ist zwar bloß ein Märchen, aber es vermittelt eine innere Moral, aus der du vielleicht etwas lernen könntest! In diesem Märchen sind die Bewohner eines Schlosses ohne eigenes Verschulden in eine Geldfalle gegangen! Schlimmes mussten sie erleben, aber am Ende hat doch das Gute gesiegt! Du aber, schöne Prinzessin, könntest es viel leichter haben, wenn du dir von mir helfen lassen würdest!“

Die Prinzessin sitzt wie erstarrt, unfähig auf sein Angebot zu antworten. Also beginnt er: …