Holger Strube-Schurtz

Die Neumanns

Eine deutsche Familiengeschichte
 

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Kann man ganz normale Menschen dazu bringen,

verwerfliche, sogar verbrecherische Dinge zu tun?

Falls ja, muss alle Welt davon erfahren,

denn es könnte dazu beitragen,

dass sich so etwas wie der Holocaust nie mehr wiederholt.

Sechs Millionen Ermordete sind eine Verpflichtung,

überall nach der Wahrheit zu suchen,

anstatt nach Rache zu streben.

 

Stanley Milgram

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Inhalt

 

Personenregister

Stammbaum der Familie Neumann

Vorbemerkungen

Kindheit, Jugend und Lehrzeit

Kriegs- und Nachkriegszeit (1914 - 1925)

Eine glückliche Zeit (1923 - 1933)

Die ersten Ehejahre (1933 – 1938)

Wortlaut des Testaments:

Jahre der Prüfung (1938 - 1941)

Die letzten Monate (1941 -1943)

Von Anstand und Kameradschaft

Von Handlangern und Helfershelfern

Das Ende (1943)

Die Zeit danach (1943 - 1945)

Jahre des Ringens um Gerechtigkeit (1945 - 1960)

Nachbemerkungen

Anhang


Personenregister

 

Martin Neumann, geb. 05.02.1884 in Anklam, 5.5.1943 Deportation,gest. 07.06.1943 in Auschwitz

 

Else Emma Frieda Neumann, geborene Stahlberg, Ehefrau von Martin Neumann, geb. 20.09.1894 in Anklam, gest. 28.04.1978 in Stuttgart

 

Eduard Neumann, Vater von Martin Neumann, gest. 02.02.1907 in Anklam

 

Hedwig Neumann, geborene Goldfeder, Mutter von Martin Neumann, gest. 01.01.1936 in Anklam

 

Clara Posner, geborene Neumann, Schwester von Martin Neumann, geb. 20.07.1878 in Anklam, 15.08.1942 Deportation, gest: 18.08.1942 in Riga/ Lettland

 

Else Unger, geborene Neumann, verwitwete Meyer, Schwester von Martin Neumann, geb. 01.09.1879 in Anklam, 03.03.1943 Deportation, gest. 1943 vermutlich in Auschwitz

 

Arnold Neumann, Bruder von Martin Neumann, geb. 09.07.1881 in Anklam, 26.10.1942 Deportation, gest. 29.10.1942 in Riga Lettland

 

Hertha Bertha Neumann, geborene Lövin, Ehefrau von Arnold Neumann

geb. 29.10.1893 in Berlin, 26.10.1942 Deportation, gest. 29.10.1942 in Riga/ Lettland

 

Eduard Heinz Neumann, Sohn von Arnold und Herta Neumann, geb. 28.02.1919 in Berlin, 05.09.1942 Deportation nach Riga, verschollen, letzte Häftlingsregistrierung am 10.08.1944 im Konzentrationslager Stutthof

 

Arthur Neumann, Bruder von Martin Neumann, geb. 16.12.1882 in Anklam, 1938 in die USA emigriert

 

Selma Neumann, geb. Markus, Ehefrau von Arthur Neumann, geb. 03.12.1886, 1938 in die USA emigriert

 

Ilse Neumann, Tochter von Arthur und Selma Neumann, geb. 23.2.1910, 1938 in die USA emigriert

 

Ernst Neumann, Sohn von Arthur und Selma Neumann, geb. 27.08.1917, 1938 in die USA emigriert

 

Hans Neumann, Bruder von Martin Neumann, geb. 22.08.1889 in Anklam, 15.08.1942 Deportation, gest. 18.08.1942 in Riga/ Lettland

 

Charlotte Neumann, geborene Steinecke, Ehefrau von Hans Neumann, geb. 20.03.1899 in Falkenberg, 15.08.1942 Deportation, gest. 18.08.1942 in Riga/ Lettland

 

Rosemarie Neumann, Tochter von Hans und Charlotte Neumann, geb. 31.12.1922 in Berlin, 15.08.1942 Deportation, gest. 18.08.1942 in Riga/ Lettland

Heinz Herbert Neumann, Sohn von Hans und Charlotte Neumann, geb. 27.03.1926 in Berlin, 15.08.1942 Deportation, gest. 18.08.1942 in Riga/ Lettland

 

Karl Johann Christoph Stahlberg, Vater von Else Neumann, der Frau von Martin Neumanns, gest. 22.07.1863 in Quilow, gest. 1956 in Anklam, verheiratet mit

 

Anna Friederike Karoline Stahlberg, geborene Dietrich, geb. 1865 in Ziethen, gest. 15.01.1942 in Anklam

 

Margarete Gertrud Käthe Junge, geborene Stahlberg, Schwester von Else Neumann, Mutter von Renate Freuer, geb. 26.11.1900 in Anklam, gest.29.08.1992 in Anklam

 

Elisabeth Lucie Elfriede Stahlberg, Schwester von Else Neumann, genannt „Lissi“, geb. 02.07.1903 in Anklam, gest. 09.11.1994 in Anklam

 

Renate Wilhelmine Freuer, geborene Junge, Nichte von Martin Neumann, geb. 07.11.1939 in Grevesmühlen

 

Jerome Rice Newman, Cousin von Martin Neumann, Cincinnati, Ohio USA


Stammbaum der Familie Neumann

 

stammbaum

Vorbemerkungen

 

Neumann ist ein typischer deutscher Familienname. In der Liste der häufigsten Familiennamen in Deutschland taucht der Name an 18. Stelle auf. Neumann leitet sich ab aus niuwe-man, also Neu-Mann, verwendet für Neubürger, Hinzugezogene, die Neuen. Der Name Neumann ist heute vor allem im mittel- und norddeutschen Raum weit verbreitet.

Die Neumanns in meiner Geschichte sind das Ehepaar Martin Neumann und seine Frau Else, geborene Stahlberg. Es ist die Geschichte einer Ehe im gutbürgerlichen Milieu der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist die Geschichte der Liebe zwischen Tiding und Elsing, wie sie sich gegenseitig nannten, und es ist die Geschichte einer jüdischen Tragödie, weil Martin Neumann jüdischer Abstammung war.

Wie ich dazu gekommen bin, diese Geschichte aufzuschreiben, ist einfach erzählt. 2013 wollte unsere Tochter in der Schule einen Vortrag zum Thema Stolpersteine halten.

Ihre Oma hat davon erfahren und brachte beim nächsten Besuch drei große dicke Briefumschläge mit. Es handelte sich um den Nachlass ihres Onkels Martin. Wir erfuhren dass dieser Onkel, von dem wir bis dahin noch nie etwas gehört hatten, im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden war. Während wir uns die Papiere ansahen, hat Oma uns mehrere Stunden von diesem Onkel Martin erzählt.

In den folgenden Wochen haben wir diese Unterlagen sortiert und die handschriftlichen Briefe mühsam entziffert. Vor allem die Briefe des Onkels an seine Frau haben uns sehr berührt.

Das mit dem Vortrag unserer Tochter hat dann gut geklappt und damit hätte es eigentlich genug sein können … aber die Beschäftigung mit dem Leben von Martin Neumann und seiner Frau Else hat mich seitdem nie wieder losgelassen. Ich meine, dass die Dokumente aus diesem Nachlass so exemplarisch sind, dass sie jedem zugänglich sein sollten.

Das ist auch der Grund, weshalb ich weiter recherchiert und diese biografischen Fakten aufgeschrieben habe. Daraus ist diese Schilderung des Schicksals von Martin Neumann und seiner Frau Else entstanden.

Oma Renate hatte den Anstoß für unser Interesse an diesem Thema gegeben. Darüber hinaus aber hat sie durch ihre Erinnerungen vom Hörensagen geholfen, einige Lücken in der Biografie von Martin und Else Neumann zu schließen.

Oma Renates Mutter Margarete war eine Schwester von Else Neumann, der Ehefrau von Martin Neumann. Die drei Stahlbergschwestern waren Else, die Frau von Martin Neumann, Elisabeth, „Lissi“, gerufen und Margarete.

Es waren die zwei Schwestern und deren Vater Karl, die Else Neumann zur Seite gestanden und praktisch geholfen haben. Sie haben Lebensmittel beschafft, Briefe in die Haftanstalten geschmuggelt und Else Neumann nach dem Krieg geholfen, ins Leben zurückzufinden.

 

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Die drei „Stahlberg“schwestern

 

Nachdem Else Neumann 1978 in Stuttgart verstorben war, fand ihre Nichte eine alte lederne Aktentasche mit den Dokumenten, die uns heute zur Verfügung stehen.

Diese Dokumente wurden in der Familie von Else Neumann über Jahrzehnte hinweg aufbewahrt.

Oma Renate wurde 1939 geboren. Sie war in der Zeit der Ereignisse ein kleines Kind und in den Jahren nach dem Krieg ein junges Mädchen. Sie hat keine persönlichen Erinnerungen an ihren Onkel Martin. Ihr Wissen zu den Ereignissen und Zusammenhängen stammen vom Hörensagen aus dem Mund ihrer Tante Else.

Das Schicksal von Elses Mann Martin und die Ereignisse in Elses Leben waren ständiges Thema in der Familie. Die Dokumente wurden dabei immer wieder angeschaut und gezeigt. So erfuhr Oma Renate von klein auf die Geschichte ihres Onkels Martin. Ihre Erinnerungen vervollständigen das Bild, welches sich aus den Dokumenten des Nachlasses ergibt.

Die nachfolgende Geschichte basiert ausschließlich auf diesen Dokumenten, Schilderungen sowie weiteren Nachforschungen.

Das Leben von Martin Neumann ist ein typisches Beispiel für das Schicksal eines Juden im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Ehe mit Else Stahlberg ist ein typisches Beispiel für eine sogenannte Mischehe zwischen Ehepartnern jüdischer und nicht jüdischer Abstammung im Deutschland dieser Zeit.

Und so geht die Geschichte von Martin und Else Neumann:


Kindheit, Jugend und Lehrzeit

 

Am 05. Februar 1884 wird Martin in Anklam (in Vorpommern) geboren. Die Entbindung findet, wie zur dieser Zeit üblich, in der elterlichen Wohnung statt.

Die Hansestadt Anklam liegt an der Peene, nur wenige Kilometer vom Stettiner Haff entfernt, und wird als Tor zur Insel Usedom bezeichnet. Bis spät ins 19. Jahrhundert hinein ist die Wirtschaft von Anklam durch die Textilindustrie und die Landwirtschaft geprägt. Anklam verfügt über einen Hafen und über einen Anschluss an die Eisenbahnlinie von Berlin nach Stettin. Anklam hat etwa 10.000 Einwohner.

Martins Vater, Eduard Neumann, ist Kaufmann und betreibt in Anklam seit vielen Jahren einen Großhandel für Getreide, Sämereien, Futter- und Düngemittel.

 

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Visitenkarte/ Firmenstempel des Geschäfts von Eduard Neumann.

 

Sowohl sein Vater als auch seine Mutter Hedwig Neumann (geb. Goldfeder) sind jüdischer Abstammung. Der Familie Neumann gehören in Anklam mehrere Grundstücke und Gebäude. So unter anderem die Grundstücke in der Steinstraße 28, in der Baustraße 59 und in der Peenstraße 9. Die Eltern von Martin Neumann sind in Anklam alteingesessene Bürger und Geschäftsleute. Die Familie Neumann ist wohlsituiert und angesehen in ihrer Heimatstadt.

 

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Das Haus und der Firmensitz (Parterre links) der

Familie Neumann in der Peenstraße 9 in Anklam.

 

Wie für diese Zeit üblich, hat die Familie Neumann mehrere Kinder. Wir wissen von sechs Geschwistern. Martin ist das zweitjüngste Kind. Seine Schwestern Clara und Elsa sind die ältesten Kinder der Familie.

Seine Brüder Arnold und Arthur sind vor Martin zur Welt gekommen. Das jüngste der Geschwisterkinder ist Hans.

 

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Geburtsurkunde von Martin Neumann, Abschrift aus dem Jahre 1936


Es ist nicht bekannt, ob die Eltern Eduard und Hedwig Neumann ihre Kinder in der Tradition ihrer jüdischen Abstammung und des jüdischen Glaubens erziehen. Es gibt aber in Anklam zu dieser Zeit eine kleine jüdische Gemeinde und eine Synagoge. Die Tatsache, dass die Familie das christliche Weihnachtsfest begeht, lässt aber darauf schließen, dass in der Familie Neumann zumindest keine streng religiöse Erziehung zum jüdischen Glauben praktiziert wird.

Die Kindheit der Geschwister ist wohl weitgehend unbeschwert und sorgenfrei. Häufig passen die älteren Schwestern Clara und Else auf die jüngeren Geschwister auf. Besonders zu ihnen und zu seinem jüngeren Bruder Hans hat Martin eine sehr enge Beziehung. Hans als Nachkömmling der Familie ist fünf Jahre jünger als Martin und sein Bruder ist für Hans der kindliche Held.

Umgedreht sieht Martin zu seinen zwei älteren Brüdern Arnold und Arthur auf. Bei Ärger mit Altersgefährten stehen die beiden ihm bei.

Auf Drängen seiner Mutter muss Martin den Klavierunterricht besuchen. Anfänglich hat er dazu keine rechte Lust, hält es ihn doch davon ab, mit seinen Brüdern und Altersgefährten draußen zu spielen. Ziemlich schnell macht sein Spiel aber Fortschritte und er kann erste Stücke spielen. Bald hat er Spaß am Klavierspiel.

Der wichtigste Spielplatz der Kinder ist aber die Natur, insbesondere die Ufer der Peene. Auch Ausflüge zum nahen Haff, von denen die Eltern nicht immer erfahren, sind für die Kinder von besonderem Reiz.

Oft überqueren sie die Peenebrücke in Anklam und beobachten vom gegenüberliegenden Ufer das spannende Treiben im Hafen von Anklam.

Die Geschwister spielen mit ihren Altersgefährten in den Peenewiesen, angeln und baden oft. Auch der Stadtpark in Anklam ist ein häufiger Spielort für die Neumann-Kinder. Wie alle Kinder laufen sie in kalten Wintern Schlittschuh auf der zugefrorenen Peene oder den Peenewiesen.

 

Als Martin die Schule beendet, beginnt er 1901 eine kaufmännische Lehre in der Getreidehandlung Abramowski im nahe gelegenen Pasewalk. Diese Lehre schließt er 1904 ab. Wie sein ältester Bruder Arnold soll er nach dem Willen seines Vaters auf eine künftige Tätigkeit im Familienunternehmen vorbereitet werden.

 

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Peenstraße um 1900 (Quelle: Archiv des Stadtmuseums Anklam)

Nach der dreijährigen Ausbildung sammelt Martin zwischen 1904 und 1908 Berufserfahrung als Getreidekaufmann in Hamburg und Stettin. Er arbeitet in dieser Zeit als kaufmännischer Angestellter in Großhandlungen für Getreide und Saatgut. Als Vater Eduard Neumann am 02. Februar 1907 stirbt, übernimmt der älteste der Söhne, Martins Bruder Arnold, als Inhaber die Leitung des väterlichen Betriebes in Anklam. Die Firma befindet sich, wie zu den Zeiten des Vaters, im Souterrain des Hauses der Familie Neumann in der Peenstraße 9 in Anklam.

Nach seiner Zeit als kaufmännischer Angestellter in Hamburg und Stettin tritt Martin seinen einjährigen Militärdienst an. Seine Garnison befindet sich in Altdamm, einer Kleinstadt östlich von Stettin am südlichen Ausläufer des Stettiner Haffs. In der Garnison Altdamm ist die zweite Pommersche Train-Abteilung des Kaiserlichen Heeres stationiert. Sein Regiment ist zuständig für alle rückwärtigen Aufgaben, wie Verpflegung, die Unterhaltung von Pferde-Depots, Verwaltung, Finanzen und auch die Feldpost des II. Armeekorps.

Durch die Nähe zu seiner Heimatstadt kann Martin regelmäßig seine Familie in Anklam besuchen.

Nach seinem Militärdienst beginnt Martin 1909 als kaufmännischer Angestellter und Minderheitsteilhaber in der ehemaligen Firma seines Vaters und arbeitet gemeinsam mit seinem Bruder im Geschäft. Zu diesem Zeitpunkt ist Martin 25 Jahre alt.

 

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Handschriftliche Aufstellung biografischer Daten zu Martin Neumann – erstellt von Else Neumann nach dem Krieg.


Kriegs- und Nachkriegszeit (1914 - 1925)

 

1914 kommt der Krieg. Martin Neumann ist vom Beginn des Krieges an als Frontsoldat Teilnehmer am Ersten Weltkrieg.

 

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1914 - Frontverabschiedung von Soldaten auf dem Marktplatz von Anklam (Quelle: Archiv des Stadtmuseums Anklam)

 

Martin beginnt diesen Krieg im Rang eines einfachen Soldaten und kehrt als Unteroffizier 1918 gesund und körperlich unversehrt aus dem Krieg zurück. Für seine Leistungen während dieses Krieges wird ihm im Krieg das „Eiserne Kreuz“ verliehen.

Martin erzählt nach seiner Rückkehr aus dem Krieg nie über seine Kriegserlebnisse. Bekannt ist nur, dass er die gesamt Zeit in der gleichen Einheit, dem 2. Pommerschen Ulanenregiment Nr. 9, gedient hat.

Ein Foto von 1919 in Demmin bestätigt diesen Sachverhalt auch, da dieser Einheit nach dem Krieg Ende 1918 die Garnison in Demmin als Quartier zugewiesen wird. Auf dem Foto trägt Martin die Uniform eines Unteroffiziers der Kavallerie.

 

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Martin Neumann 1919 nach der Rückkehr aus dem

Ersten Weltkrieg als Unteroffizier in der Kaserne in Demmin.

 

Der Kriegsweg des 2. Pommerschen Ulanenregiments Nr. 9 lässt sich lückenlos nachvollziehen und damit auch, an welchen Kriegshandlungen Martin teilnimmt. Nach der Mobilmachung im August 1914 nimmt die Einheit am Vormarsch durch Belgien und Nordfrankreich teil. Im November 1914 werden sie nach Ostpreußen zur Grenzsicherung verlegt. Die Soldaten durchleben die Winterschlacht in den Masuren, die Kämpfe um Riga und den Szurduk-Pass und den Vormarsch auf Bukarest . Die Einheit befindet sich fast ununterbrochen im Kampf.

Ende Februar 1917 wird die Einheit zurück nach Belgien verlegt und durchleidet dort den Stellungskrieg bei Montreux und bei Bréménil.

Von April bis Ende Juni 1918 absolviert das Regiment eine Ausbildung zum „Groß-Kampf“ im Ober-Elsaß. Nach dieser Ausbildung werden sie von Juli bis September 1917 im Stellungskrieg von Ypern eingesetzt. Danach folgen noch Schlachten und Rückzugsgefechte bei Chambrai und in Flandern, bevor auch für sie endlich am 5. November der Krieg aus ist und der Rückmarsch beginnt. Mit einem Bahntransport kommen sie am 18. Dezember 1918 in Demmin an.

Martin Neumann befindet sich 52 Monate fast ununterbrochen im Krieg und nimmt an unzähligen blutigen Gefechten und vernichtenden Schlachten teil. Die Bedrohung seines Lebens ist alltäglich. Er sieht viel Leid und verliert Kameraden. Nach Martins Verständnis erfüllt er in diesen Jahren als Soldat seine Pflicht gegenüber seinem Vaterland. Auch wenn er nie über seine Erlebnisse aus dieser Zeit erzählt, haben ihn diese doch geprägt.

Am 15. November 1934 wird Martin für seine Teilnahme am Weltkrieg 1914/1918 „im Namen des Führers und Reichskanzlers“ durch den Landrat des Kreises Anklam mit dem „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ nochmals nachträglich geehrt.

 

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Verleihungsurkunde zum „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ für Unteroffizier Martin Neumann, 15.November 1934

 

Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst kehrt er 1919 in die gemeinsam mit seinem Bruder Arnold betriebene Firma nach Anklam zurück.

Die wirtschaftliche und politische Situation in Deutschland ist in der Folge des Krieges, der Novemberrevolution und des Kapp-Putsches instabil. Die Inflationszeit ist für die Firma Neumann ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld. Nur mit Mühe und Geschick gelingt es Arnold und Martin, die Firma zu erhalten und über diese Zeit zu retten.

 

In der Zeit der sogenannten „Goldenen Zwanziger“ schaffen es die Brüder, die wirtschaftliche Situation der Firma zu stabilisieren. Die Umsätze steigen und es gelingt ihnen, das Einzugsgebiet ihres Geschäftes über den Landkreis hinaus auszuweiten. Diese gesunde wirtschaftliche Situation des Unternehmens ist auch die Grundlage dafür, dass sie die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf ihr Unternehmen gut überstehen. Ihre geschickte kaufmännische Tätigkeit, die Seriosität ihrer Arbeit und die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Kunden und Lieferanten hilft ihnen, alle diese Krisensituation gut zu überstehen.

Ab 1930 nehmen die Geschäfte wieder eine gute Entwicklung. Die Firma Neumann und ihre Inhaber, die Brüder Arnold und Martin, haben in der Stadt Anklam, im Landkreis Randow und darüber hinaus einen guten Ruf.


Eine glückliche Zeit (1923 - 1933)

 

Seit wann Martin Neumann und Else Stahlberg ein Paar sind, ist nicht genau bekannt. Als Martin 1918 aus dem Krieg heimkehrt, ist Else Stahlberg vierundzwanzig Jahre und Martin Neumann vierunddreißig Jahre alt. Familie Stahlberg wohnt schon viele Jahre in Anklam in der unmittelbaren Nachbarschaft der Neumanns.

Den einzigen Hinweis, wann die beiden sich genau kennenlernen, gibt ein Brief, den Martin im Frühjahr 1943 an seine Frau Else schrieb: „Liebe Elsing! Denkst Du an den 10./12.April vor ca. 22 Jahren, wo wir uns kennenlernten?“ (Brief 2 unbekannten Datums vom Frühjahr 1943, Seite 4)

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass das Kennenlernen der beiden im Frühjahr 1921 stattfand. Auch der Altersunterschied von zehn Jahren zwischen Martin und Else legt nahe, dass sie erst nach Martins Rückkehr aus dem Krieg, also ab Mitte der zwanziger Jahre, ein Paar sind.